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Interviewreihe „Anstrengungsverweigerung“ – eine Adoptivmutter erzählt… (1/3)

„Julia’s Geschichte und ihre ersten Erfahrungen mit der Anstrengungsverweigerung“

Silhouette of a young mother lovingly kissing her little child o

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Nach meinem Beitrag „Aber ich sehe gar keine (Anstrengungs-) Verweigerung …“ entstand aufgrund ihres bewegenden und reflektierten Kommentars ein spannender Austausch mit Julia. Die Kinderkrankenschwester und ihr Mann haben vor sieben Jahren ihren Sohn Joshua* (Name geändert) als fünf Minuten alten Säugling adoptiert. Was sich wie eine Bilderbuchadoption liest – Julia und ihr Mann erfuhren noch vor der Geburt von dem Elternpaar, das neue Eltern für ihr ungeborenes Kind suchte, sie lernten die Eltern kennen, waren bei der Geburt dabei und konnten ihren Sohn nur wenige Stunden nach der Geburt zu sich nehmen – mündete dann doch in eine über ein Jahr währende Hängeparty, ob Joshua wirklich bei ihnen bleiben darf. Erst nach zwei Jahren war die Adoption endlich rechtskräftig abgeschlossen. Mittlerweile ist Joshua sieben Jahre alt und im vergangenen Sommer in die Schule gekommen. Auch er zeigt Zeichen und Verhaltensmuster der Anstrengungsverweigerung, die mich tief berührt haben. Besonders wichtig finde ich, dass man in Julia’s Schilderungen sehen kann, dass sich diese Verhaltensmuster schon sehr früh im Kindergartenalter zeigten. Aus dem Austausch mit Julia ist eine kleine Interviewreihe entstanden, die Ihr nun in den kommenden Wochen lesen könnt: 

Liebe Julia, wie würdest Du Deinen Sohn Joshua charakterisieren?

„Tja, wo soll ich anfangen und wo aufhören? Es gibt so viele Dinge, die ich über ihn erzählen könnte: schöne, weniger schöne, lustige, traurige, so bunt wie das Leben, so bunt und facettenreich ist unser Kind!

Was ihn aber möglicherweise am treffendsten beschreibt, das ist, dass er ein sehr feinsinniges, empfindsames Kind ist, das immer seine Antennen voll für die zwischenmenschlichen Beziehungen aufgedreht hat. Er hat ein seismographisches Gespür für Anspannung und Unsicherheiten und reagiert dementsprechend vorsichtig und zurückhaltend im Bezug auf Unbekanntes und Fremdes. Aber genauso offen, fröhlich und gelöst ist er, wenn er sich wohlfühlt und umgeben ist von Menschen, die ihm wohlgesonnen sind. Außerdem ist er ein wirklicher Ästhet und Perfektionist. Er ist schon seit frühester Kindheit sehr sprachgewandt und kann einen in Grund und Boden reden. Er ist ein guter Beobachter, und man sieht ihm oft förmlich an wie es hinter seiner Stirn fieberhaft arbeitet. Man kann mit ihm tiefgründig sprechen und nicht selten kommt er zu fast schon philosophischen Schlussfolgerungen.

Er hat ein sehr unterdurchschnittlich ausgeprägtes Selbstvertrauen, und auch unsere Beziehung, die trotzdem sie sehr innig ist, wird von ihm immer wieder, auch durch scheinbare Kleinigkeiten in Frage gestellt. Er ist sehr verletzlich durch Kritik, die bei ihm immer – oder sagen wir meistens – auf der persönlichen Ebene landet, ohne dass sie persönlich gesagt oder gemeint ist. In ungewohnten Situationen hat er Angst zu scheitern, und die größte Angst besteht darin, dass andere sehen könnten, dass er „scheitert“. Das führt dazu, dass er nicht einfach so neue Dinge ausprobiert, sondern sie eher meidet. Aber er ärgert sich sehr darüber, dass er das nicht kann. Ich glaube, es ist ihm mittlerweile sehr bewusst, dass er durch seine Ängste oft an schönen Erlebnissen gehindert wird.

Alles in allem kann ich aber sagen, dass er unser Leben jeden Tag bereichert und uns lehrt, das Leben neugierig zu betrachten und ausgetretene Pfade auch mal zu verlassen.

Wann hast Du zum ersten Mal von dem Phänomen der Anstrengungsverweigerung erfahren? 

Noch während unserer Bewerbungsphase beim Jugendamt habe ich angefangen, alle erdenklichen Informationen rund um das Thema Adoption zu sammeln und habe jedes irgendwie interessant klingende Buch darüber gelesen. In diesem Zusammenhang bin ich recht schnell bei der Problematik der sog. Anstrengungsverweigerung gelandet.

War Dir im Zuge Eurer Adoption klar, dass es so ein Phänomen gibt und dass Ihr Euch auch damit einmal auseinandersetzen müsst?

Ja, ich habe damit gerechnet, dass wir uns damit würden auseinandersetzen müssen. Denn im Gegensatz zu vielen Menschen in unserem Umfeld, die uns zwar alle unterstützt haben in unserem Vorhaben, sind wir nie davon ausgegangen, dass die Trennung von der leiblichen Mutter bei einem Kind, und sei es noch so früh und ohne sofort ersichtliche Dramatik, einfach so spur- und folgenlos an ihm vorbeigeht.

Dazu zähle ich auch das Erleben des ungeborenen Kindes, das während der Schwangerschaft schon den Stress seiner Mutter im Wortsinn am eigenen Leib erfährt. Man weiß heute, wie sich die Ausschüttung mütterlicher Stresshormone während der Schwangerschaft und die Erhöhung des Stresslevels bei einer Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt auf das kindliche, noch unreife Gehirn auswirkt. Und dass die leibliche Mutter unseres Sohnes in der Schwangerschaft massiven Stress erlebt haben muss, sie hat vor ihrem gesamten Umfeld, außer ihrem Freund gegenüber die ungewollte Schwangerschaft und die Geburt verheimlicht, davon gehe ich aus.

Dazu kam bei uns noch die anfangs beschriebene lange Phase der Ungewissheit  und Unsicherheit bzgl. seines Verbleibs bei uns, und daher bin ich davon überzeugt, dass er das natürlich gespürt hat. Für uns war das damals schon kaum zu ertragen. Wie muss das erst für ihn gewesen sein?! Er konnte das ja gar nicht bewusst einordnen, und ich denke, genau darin liegt auch die Gefahr, dass sich eine Situation als potentiell traumatisch oder wie Frau Wiemann es lieber bezeichnet, als seelische Verletzung verfestigt.

Wann und in welcher Form hat Dein Sohn zum ersten Mal Verhaltensweisen eines Anstrengungsverweigerers gezeigt? 

Aufgefallen ist mir das schon recht früh.  Auch als mir der Begriff an sich noch nicht so geläufig war, habe ich schon gemerkt, dass es manche Situationen gab, auch als er noch sehr klein war, in denen er ein solches Verhalten gezeigt hat.

Schon im Säuglingsalter konnten wir beobachten, dass er scheinbar über gar keine Frustrationstoleranz verfügt. Er hat z. B. nie versucht, sich ein weggerollte Spielzeug wieder zu beschaffen, als er noch nicht krabbeln konnte. Er hat nicht versucht, irgendwie da wieder ran zu kommen. Er lag auf dem Bauch und hat gebrüllt und gebrüllt, als hätte er sich massiv weh getan. Er hätte auch von alleine nicht wieder aufgehört, zu brüllen. Auch nicht, wenn man ihm das Spielzeug wiedergegeben hätte. Er hat sich erst mühsam wieder beruhigt, wenn wir ihn auf den Arm genommen haben und ihn sanft gewiegt haben. Oder er hat z. B. nie eine Phase gehabt, wo er alles alleine machen wollte. In einem Alter, in dem bei anderen Kinder die Einmischung der Eltern zu einem Wutausbruch führt, weil sie es partout selbst machen wollen, was auch immer, war bei uns das Gegenteil der Fall.

Eine große Herausforderung war lange Zeit das selbstständige An- und Ausziehen. Und damit meine ich nicht, dass er das nicht gekonnt hätte. Ich hatte sehr stark den Eindruck, dass er regelrecht Angst davor hatte, uns zu zeigen, dass er bestimmte Dinge schon alleine konnte, weil er dann damit rechnen musste, dass er die Zuwendung, die er für diese Dinge in Form unseres Tuns dann nicht mehr erhalten würde. Er hat sich dann regelmäßig auf dem Boden liegend in Rage geschrien, wenn ich doch von ihm verlangt habe, dass er wenigstens einige Handgriffe dazu tun sollte.  Im Kindergarten wurde das dann recht schnell zu einem Problem. Erläuternd hinzufügen möchte ich, dass er mit ca. 2 1/4 Jahren in die Kita gekommen ist und dann mit 3 Jahren in den der Kita angeschlossenen Kindergarten gewechselt hat. In der Kita war alles noch sehr behütet, aber ab dem Kindergarten wurden von ihm dann bestimmte Dinge erwartet, die er eigenständig erledigen sollte. Darunter fiel u.a. das Aus- und Anziehen. Jetzt stehe ich nicht auf dem Standpunkt, dass ein Kind sich mit 3 Jahren immer und auf jeden Fall selbst an- und ausziehen können muss. Aber er hätte es gekonnt, er hat sich nur total verweigert. Die Erzieherinnen haben Gottseidank sehr einfühlsam reagiert. Besonders seine Bezugserzieherin hat sich in ganz besonderer Art und Weise seiner angenommen. Wir haben in dieser Zeit viele Elterngespräche geführt und es hat sich sozusagen als schicksalhaft gefügt, dass seine Erzieherin sich just auf dem Gebiet Pädagogik für Pflege- und Adoptivkinder weitergebildet hatte. Das nahm uns eine große Last von den Schultern. Es hat natürlich nicht alle Probleme gelöst, aber für unseren Sohn war das eine große Hilfe und er konnte sich in seinem Tempo entwickeln, ohne, dass er in irgendeine „Verhaltensauffällig-Schublade“ gesteckt worden wäre.

Woran hast Du fest gemacht, dass es sich hier um ein anstrengungsvermeidendes Verhalten handelt?

Das habe ich tatsächlich daraus geschlossen, dass sich bestimmte Verhaltensmuster 1 zu 1 mit Schilderungen von Beispielen für anstrengungsvermeidendes Verhalten gedeckt haben. Hätte ich von dem Phänomen nichts gewusst, hätte ich mir das wahrscheinlich nicht erklären können.

Umso wichtiger finde ich die gezielte und rechtzeitige Aufklärung über solche und andere Phänomene schon im Rahmen der Vorbereitung auf die Aufnahme eines fremden Kindes in die eigene Familie. Dafür halte ich es für unerlässlich, dass die Mitarbeiter der Jugendämter in diesem Bereich gut geschult und fortgebildet sind und werden.

Mehr von Julia und ihrem Sohn Joshua erfahrt Ihr in der kommenden Woche!

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#bestofElternblogs Oktober 2018

schoolboy crying in the hallway of the school

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Die liebe Anja von der Kellerbande  ruft jeden Monat dazu auf, den meist gelesenen Beitrag des vergangenen Monats zu benennen und zu teilen. Nach einem oft nervenaufreibenden September, der leider geprägt war von vielen Sorgen um meine Kinder und ihre Gesundheit, beteilige ich mich doch wieder sehr gerne an dieser wunderbaren Blogparade. Denn diesmal musste ich wirklich dreimal in die Zahlen schauen, um zu glauben, dass aus irgendwelchen Gründen mein Beitrag über den „Umgang mit der Anstrengungsverweigerung“ aus dem vergangenen Jahr im vergangenen Monat so viele Zugriffszahlen hatte, wie kaum jemals ein anderer Post auf meinem Blog.

Habt Dank für’s Lesen, Teilen und Liken!

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„Ich bin einfach sehr faul.“ – Anstrengungsverweigerung der anderen Art

cristian-newman-63291-unsplash

Photo by Cristian Newmann on unsplash.com

Schon lange wollte ich mich wieder mehr mit Adoptionsspezifischen Themen beschäftigen. Und da das Thema „Anstrengungsverweigerung“ im letzten wie auch in diesem Jahr sehr viel bei mir hier gelesen wurde, wollte ich mich einmal mehr dem Thema widmen. Nicht zuletzt weil unsere gute alte Freundin uns immer wieder besucht.

Gerade im Moment einmal wieder (fast) täglich, was aber auch mit der aktuellen Grenzbelastung unserer Familie und mir zu tun hat. Die Kinder merken, dass ich sehr angespannt bin, und so sind sie es auch. Und um meine VOLLE Aufmerksamkeit am Nachmittag zu bekommen, werden eben nicht nur Grenzen getestet, sondern die Lern- und Übverweigerung manchmal bis zum Äußersten ausgetestet. Manchmal geht es ihnen auch nur um die Aufmerksamkeit. Nicht mehr mit Maxim und Nadeschda zusammen, sondern mit jedem alleine – inzwischen sind beide ja so groß, dass sich jeweils das andere Kind wunderbar alleine beschäftigen kann und dies auch genießt – für die Schule zu arbeiten und zu üben, kostet zwar mehr Zeit. Aber es ist unterm Strich deutlich entspannter. Und jedes Kind zieht daraus ein Stück weit auch eine exklusive Zeit mit mir.

Doch davon wollte ich heute gar nicht schreiben. Denn die Anstrengungsverweigerung ist mir nun mit meiner Mutter in einer ganz anderen Art wieder begegnet. Wie schon geschrieben, hatte meine Mutter einen Schlaganfall. Zuvor schon hat sie sich in den letzten zwei, drei Jahren sehr „gehen“ lassen, hat motorisch stark abgebaut und in vielerlei Hinsicht nicht mehr gut für sich gesorgt. Der Schlaganfall war nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nun war sie zwei Wochen im Krankenhaus und fünf Wochen in Reha, hier bei mir in der Nähe. Bald wird sie in eine betreute Wohneinrichtung in unser Nähe ziehen. Doch seit Dienstag lebt meine Mutter erst einmal bei uns. Vorübergehend. Mit einer Vollzeitpflegerin. Also einer wunderbaren Frau, die zwar permanent verfügbar wäre, aber es gar nicht sein soll (und darf), die uns jedoch die Freiheit gibt, dass sie im Notfall tatsächlich da wäre. Ich kann dankbar sein, dass wir die finanziellen Mittel haben, den Übergang so zu gestalten. Viele, viele, sehr viele Familien können das nicht. Noch immer ist die Pflege der Eltern ein viel zu wenig beachtetes Thema in unserer Gesellschaft, obwohl es eine Natur gegebene Tatsache ist, dass sie irgendwann auf der Matte stehen, egal wie das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern einmal war. Gerade heute hat Claire von mamastreikt mit einem deutlichen Post wieder zum Netzprotest unter #carearbeitmusssichtbarwerden aufgerufen. Wie Recht sie hat!

Aber zurück zum Thema: Schon im Krankenhaus sagte mir der behandelnde Arzt: „Ja, Sie treffen es auf den Punkt: Der Erfolg der Reha und der nachfolgenden Therapien hängt davon ab, in wie weit Ihre Mutter bereit ist mitzumachen.“ Die Gespräche mit der behandelnden Ärztin in der Reha hatten einen ähnlichen Tenor. Manchmal machte sie gut mit, dann gab es Fortschritte. An vielen Tagen aber hatte sie keine Lust oder war nicht in der Stimmung, oder was weiß ich, dann konnten die Therapien eben nur in einem begrenzten Umfang stattfinden. Die Fortschritte waren entsprechend. Ich erinnere mich, dass ich vor zwei Wochen darüber mit meiner Mutter stritt und ihr ziemlich deutlich sagte, dass sie, wenn sie denn ein selbstbestimmtes Leben wieder führen wollte, gefälligst bei den Therapien kooperieren sollte. Die Antwort meiner Mutter: „Ja, Du weisst doch, ich bin einfach faul.“ Da sie rechtsseitig durch den Schlaganfall gelähmt oder eingeschränkt ist, war und ist ihre tägliche Hausaufgabe, ihre Unterschrift zu üben. Denn da sie meinem Bruder und mir keine Vorsorgevormacht geben wollte, sind wir auf ihre Unterschrift angewiesen. „Ja, das übe ich, wenn Du wieder weg bist. Das muss ich ja nicht jetzt machen, während Du mich besuchst.“ Beim Abschlussgespräch mit der Chefärztin vor ein paar Tagen hieß es, dass sie eigentlich nur weiter Physiotherapie braucht und ansonsten eben im Alltag üben muss. Jetzt hat ihr spannenderweise die Chefärztin ebenso Sprachtherapie und Ergotherapie noch einmal verschrieben. Warum wohl? Weil meine Mutter die Übungen, die sie eigentlich allein zu hause für das Sprechen machen könnte, nicht machen wird. Weil meine Mutter solche einfachen  Dinge im Alltag, wie Kartoffeln schneiden oder Teig kneten oder ähnliches (die ja einen bekanntlich ergotherapeutischen Nutzen haben), nicht machen wird. Auch ihre Sprachübungen wird sie wohl kaum machen. Nicht weil sie nicht kann, sondern weil sie nicht will. Deshalb muss sie sich dafür jetzt in therapeutische Settings begeben.

Als ich ihr neulich sagte, dass sie nun genauso üben muss, wie ihre Enkel, guckte sie mich mit großen Augen an. „Deine Enkel finden das auch nicht immer gut, wenn sie üben müssen. Lesen üben ist total öde, um Deinen Enkel zu zitieren. Doch als er auf einmal merkte, dass vor allem das Lesen auch deshalb spannend ist, weil man nämlich nun auch Sachen auf Mama’s Notizen lesen kann, wie Weihnachts- und Geburtstagswünsche, die eigentlich nicht für seine Augen bestimmt, waren, da fand er das Lesen gar nicht mehr öde.“ Meine Mutter lachte erst, dann schaute sie mich etwas nachdenklich an und antwortete: „Ja, Du kannst ja dann auch mit mir üben. Du scheinst Dich ja damit auszukennen.“ Ich schwieg und dachte mir: „Ja, mit Anstrengungsverweigerern kenne ich mich aus.“