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„Wir haben drei Sternchen bekommen…“

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Nein, mein Sohn hat sie bekommen, die drei Sternchen! Für sein außergewöhnliches Projektheft und seine Präsentation zu seinem Thema „Kristalle“. Stolz kam er damit vorhin nach Hause, nach einem langen anstrengenden Tag. Maxim hatte mir im Auto von „nur“ zwei Sternen erzählt, die aber ohnehin in der Klasse schon als Bestnote gelten. Und er fügte auch all diejenigen hinzu, die keine Sterne oder nur einen bekommen haben. Schon da freute ich mich riesig, für ihn und auch zugegebener Maßen ein wenig für uns beide. Denn in mühsamer Arbeit hatten wir Zuhause an dem Heft gearbeitet und für die Präsentation geübt. Da bin ich dann doch einmal kurz wieder Helikoptermunter und schließe mich in das Lob der Lehrerin mit ein. Aber maßgeblich hat Maxim diese Sterne verdient. Denn er stand alleine vor der Klasse und hat sein Thema vorgestellt. Und weite Teile des Inhalts des Projektheftes hat er selbst ausgesucht und geschrieben. Allen voran eine sensationelle Geschichte über einen Kristallraub. Ich freue mich so für Maxim und bin stolz darauf, welch weiten Weg er gegangen ist.

Es ist Adventszeit und ab morgen wird auch unser Leben hoffentlich noch etwas ruhiger. Das Bild der Sternchen, die langsam aufziehen und in unser Leben treten, passen deshalb so gut. Und sie tun gut. – Am Rande: Nein, natürlich gibt es keine Benotungen in der Waldorfwelt und Leistungskontrolle schon mal gar nicht. Aber es gibt Sternchen, die auch die Kinder, die sie bekommen, unglaublich motivieren. So auch meinen Sohn. Und wenn das in der Vorweihnachtszeit passiert, um so mehr. – Da funkeln sie, die drei Sternchen und ich freue mich, auch wenn ich genauso die kleinen dunklen Wolken sehe, die der Wind ab und zu (oder auch mal öfter) vor die Sternchen treibt und damit ihren Glanz verblassen lässt.

Denn all das, auch dass nun in Maxim’s Heft drei Sternchen strahlen, wird leider immer wieder überschattet von all der Mühe und Anstrengung, die es für uns alle – und vor allem für meine Kinder – bedeutet, an diesen Punkt zu kommen: Diese drei Sternchen einmal zu sehen, und vielleicht irgendwann einmal mehr oder eher kontinuierlich Sternchen zu sehen, egal wie viele.

Mit Nadeschda haben wir uns wieder einmal in die Mühlen der standardisierten Testung begeben. Auf Dyskalkulie. Eine Freundin fragte mich gestern, während ich wartete und Nadeschda untersucht wurde: „Was versprichst Du Dir davon?“ Ich antwortete: „Die Hoffnung auf eine Diagnose, mit der wir arbeiten können, und eine offizielle Bestätigung, dass wir gegenüber der Schule mit Blick auf Förderbedarf agieren können.“ Aber eigentlich weiß ich, dass ich das wahrscheinlich nicht bekommen werde. Weder die Diagnose noch das Agieren der Schule, so wie es Nadeschda vielleicht braucht.

Über eine Frage der Ärztin gestern musste ich doch noch eine Weile nachdenken: „Ist das nicht alles sehr anstrengend? Und wie kann man das effizienter gestalten?“ Über die zweite Frage bin ich unmittelbar gestolpert. Denn Effizienz ist nun ein Begriff, der mir nun so gar nicht in den Sinn kommt, wenn ich an das Lernen mit meinen Kindern denke. Wir sind ja nun kein Wirtschaftsunternehmen, in dem es gilt, möglichst viel in kürzester Zeit zu schaffen. Ich war irritiert. Aber ja, natürlich ist es anstrengend. Und ich wünschte so oft, dass es das nicht ist. Allerdings habe ich auch beim Beantworten der Fragebögen gemerkt, dass es mit Nadeschda längst nicht mehr so schwierig ist, wie es mit Maxim war oder ist. Denn mit ihr habe ich aufgrund meiner Erfahrung ganz andere Rituale anlegen können. Und das auch frühzeitig, bevor schon das Kind quasi in den Brunnen gefallen war. Bei Maxim habe ich mich zu lange auf die Schule verlassen. Um so mehr freue ich mich, wenn uns unsere verspätete Lernroutine nun jetzt mit drei Sternchen belohnt.

Doch am Ende meiner Gedanken wurde mir einmal wieder klar: Ja, natürlich ist es anstrengend. Und das wird es auch bleiben. Aber es ist eben auch meine oder unsere Verantwortung als Eltern, die wir angenommen haben, diese, unsere zwei Kinder ins Leben zu führen. Egal wie anstrengend es ist oder sein wird. Das sind wir ihnen einfach schuldig.

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Interviewreihe „Anstrengungsverweigerung“ – eine Adoptivmutter erzählt… (3/3)

Unterstützung für Eltern im Umgang mit anstrengungsverweigernden Kindern

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Im dritten Teil meines Gesprächs mit Julia, schildert sie sehr anschaulich, was ihr und ihrem Sohn in Phasen der Anstrengungsverweigerung hilft und welche externe Unterstützung sie in unterschiedlicher Form hat. Wertvoll sind auch ihre Literaturtips. 

Wie verhältst Du Dich in Situationen, wenn die Überlebensstrategie bei Deinem Sohn zu Tage tritt?

Erst einmal versuche ich, abzuwarten und herauszufinden, was jetzt gerade genau sein Problem ist. Dazu versuche ich, Blickkontakt zu ihm zu halten, aber erst einmal nichts zu sagen. Dies hilft mir dabei, mich selbst kurz zurückzunehmen und innerlich durchzuatmen. Ich muss innerlich auf Distanz zu seinem Verhalten gehen, aber nicht zu ihm selbst. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren. Ihm zu zeigen, dass es ok ist, dass ich da bin und bleibe, komme, was wolle. Das ist ein Drahtseilakt und gelingt mal mehr, mal weniger.

Manchmal schaffen wir es, dass eine Situation gar nicht erst eskaliert. Mit Eskalieren meine ich Schreien, verzweifeltes Weinen, Zerstörungswut, also wirklich massive Emotionen, die er zu Hause auch nach Außen trägt. In der Öffentlichkeit passiert so etwas nicht. Da hat er sich sehr stark unter Kontrolle, und diese Kontrolle verlangt ihm natürlich sehr viel Kraft ab. Das führt dann eher dazu, dass er nicht mehr in der Lage ist, auf Aufforderungen zu reagieren, Antwort zu geben, wenn er etwas gefragt wird oder Entscheidungen zu treffen. Er ist dann wie erstarrt und schaut mich nur noch hilfesuchend an. Ich muss dann quasi für ihn zum Sprachrohr werden und für ihn sprechen. Manche legen ihm das als Schüchternheit aus, aber ich weiß, dass das nicht der einzige Grund ist, sondern tiefer liegt.

Wenn sich die Spirale bis zum Ende dreht, bleibt uns nicht viel anderes, als bei ihm zu bleiben, Körperkontakt anzubieten, aber ihm nicht aufzuzwingen und ihn in den Arm zu nehmen und wie ein Baby zu wiegen. Oft schläft er dann völlig erschöpft ein. Ich glaube, er klinkt sich dann einfach aus, weil er es nicht länger aushalten kann.

Manchmal gelingt es mir auch nicht, ruhig zu bleiben. Meistens dann, wenn ich selbst gestresst bin, weil ich noch etwas anderes erledigen muss, oder weil ich noch zur Arbeit muss oder ganz banal, weil ich nicht ausgeschlafen genug bin. Das sind alles Störfaktoren, die sein anstrengungsverweigerndes Verhalten sozusagen noch mehr triggern.

Gibt es etwas, was ihm besonders gut hilft, sich wieder zu beruhigen?

Wie gesagt, je ruhiger wir bleiben, desto eher kann auch er sich wieder beruhigen. Was ihm auch hilft, ist, wenn ich versuche, mit meinen Worten nach Gründen für sein Verhalten zu suchen und er einfach nur nicken oder den Kopf schütteln muss. Je eher wir dazu kommen, darüber zu reden, desto weniger verliert er sich in diesem Strudel der Verzweiflung.

Momentan sind es ja häufig die Hausaufgaben, die ihn sehr stark fordern. Dazu muss man wissen, dass er, wenn an 3 Tagen/Woche erst um 15:30 nach der Betreuung nach Hause kommt, er einfach schon sehr viel Input hatte und wir natürlich nicht gleich weitermachen können. Also bekommt er dann erstmal eine Ruhepause von ca. einer halben Stunde. Dann rufe ich ihn zu den Hausaufgaben und wir stellen uns einen Wecker für eine halbe Stunde. Da er gottseidank nicht jeden Tag neue Hausaufgaben bekommt, sondern in der Regel am Anfang der Woche eine Wochenaufgabe, können wir uns die Zeit so einteilen, dass er nicht länger als 30 Minuten arbeiten muss. Wird er in dieser Zeit fertig, wird an den anderen Tagen weiter geübt, auch ca. eine halbe Stunde, aber ich merke ganz deutlich, wenn erst einmal der Druck raus ist, dass er seine Aufgaben, die er abgeben muss, erledigt hat, dann schaffen wir unser Übepensum sehr gut. Alles, was er in der halben Stunde nicht schafft, machen wir an den folgenden Tagen.

Du Dich sehr intensiv mit dem Thema der Anstrengungsverweigerung auseinandergesetzt hast. Wie und womit hast Du das getan?  

Wie ich schon einmal gesagt hatte, habe ich noch während unserer Bewerbungsphase beim Jugendamt angefangen, alle erdenklichen Informationen rund um das Thema Adoption zu sammeln und habe jedes irgendwie interessant klingende Buch darüber gelesen.

Auch als unser Sohn schon bei uns war, haben wir über unser Jugendamt regelmäßig an Tages- und Wochenendseminaren teilgenommen, u.a. bei Irmela Wiemann, die mich bis heute sehr inspiriert und von der wir sehr viel lernen konnten. Und nicht zuletzt bin ich dann vor ungefähr zwei oder drei Jahren auch im Zuge eines Seminares auf das Buch von Bettina Bonus zur Anstrengungsverweigerung aufmerksam geworden.

Habt Ihr externe therapeutische Hilfe und Unterstützung? Wenn ja, welche?

Im Hinblick auf die Schule haben wir uns ca. 1 – 1 1/2 Jahre vor der Einschulung um therapeutische Unterstützung bemüht. Durch die Mithilfe seiner Erzieherin im Kindergarten haben wir auch sehr schnell, was außergewöhnlich ist, da die Wartezeiten erfahrungsgemäß sonst sehr lang sind, einen Therapieplatz bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin bekommen. Auch sie ist besonders geschult in der Hilfe für Pflege- und Adoptivkinder. Das ist umso erfreulicher, als dass es solche Angebote eher nicht wie Sand am Meer gibt. Mit ihrer Hilfe hat er spürbare Fortschritte im Hinblick auf sein sozial-emotionales Verhalten gemacht, auch im Hinblick auf sein Selbstvertrauen und seine Zutrauen in seine Kompetenzen.

Ich kann nur jedem in ähnlicher Situation raten, sich Hilfe von außen zu holen. Es ist eine große Erleichterung und Hilfe, wenn man nicht alles alleine mit sich und seinem Kind ausmachen muss. Wir erleben deutliche Fortschritte. Gut war, denke ich, dass wir schon recht frühzeitig mit einer Therapie begonnen haben, lange bevor es an die Einschulung ging. Wir werden die Therapie zunächst bis zum Halbjahr weiterführen und dann mit der Therapeutin zusammen entscheiden, ob es sinnvoll ist, erst einmal eine Pause einzulegen oder nicht.

Gibt es Literatur, die Du empfehlen kannst?

Wie gesagt, gelesen habe ich sehr viel, aber einige Bücher sind für mich absolut empfehlenswert nicht nur, aber gerade auch im Hinblick auf Traumatisierung und Leistungsverweigerung, wobei die Reihenfolge nichts mit einer Wertung zu tun hat:

„Survival-Tipps für Adoptiveltern“ von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon: Dieses Buch ist mir ein richtiger kleiner Schatz und Begleiter für schwierige Lebenslagen geworden. Die beiden Autoren sind nicht nur selbst Adoptiveltern, sondern auch erfahrene Psychotherapeuten. Der Titel des Buches mag im ersten Moment etwas plakativ erscheinen, wenn man jedoch die ersten Seiten gelesen hat, merkt man schnell, wie sehr das Leben mit Adoptivkindern manchmal tatsächlich einem Überlebenskampf gleichen kann. Besonders gefällt mir an dem Buch, dass man es durchaus in einem Stück lesen kann, aber auch immer wieder mal reinlesen kann, um sich wieder neu mit den Tipps, die keineswegs Patentrezepte sein wollen, auseinanderzusetzen. Die Autoren verbinden ihre wissenschaftlichen Aussagen auch immer wieder mit Szenen aus dem Alltag mit ihren Kindern oder Fallbeispielen aus ihrer Praxis. Wichtig finde ich auch immer wieder den Hinweis, dass man etwas tun kann, egal wie ausweglos oder krisenhaft die Situation auch scheinen mag.

„Mit den Augen eines Kindes sehen lernen“ von Bettina Bonus, hierbei besonders hervorzuheben, Band 1 und 2: Band 1 behandelt grundlegend die Entstehung einer Frühtraumatisierung bei Adoptiv- oder Pflegekindern, und Band 2 geht sehr explizit auf das Phänomen der Anstrengungsverweigerung ein. Sehr anschaulich beschreibt sie diese als eine der bedeutendsten Folgen einer Frühtraumatisierung. Auch dieses Buch würde ich jedem Interessierten ans Herz legen, allerdings muss man deutlich sagen, dass sich dieses Buch wie auch die „Survivaltipps“ oben besonders auf hochproblematisches Verhalten bei Pflege- und Adoptivkindern beziehen. Auch Bettina Bonus verbindet ihre fachlichen mit ihren persönlichen Erfahrungen als Ärztin und Pflegemutter.

„Adoptiv- und Pflegekindern ein Zuhause geben“ von Irmela Wiemann: ein Klassiker der Adoptionsliteratur würde ich sagen und sollte von jedem gelesen werden, der mit Adoptiv- oder Pflegekindern zu tun hat, sei es als Eltern oder professionell.

„Ratgeber Adoptivkinder: Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven“ von Irmela Wiemann: Dieses Buch sei ebenfalls erwähnt. Die Autorin hat es sich in ihrer jahrzehntelangen Arbeit mit Adoptiv- und Pflegekindern zur Aufgabe gemacht, allen am Adoptionsprozess Beteiligten Hilfestellungen an die Hand zu geben, damit möglichst gelingende Beziehungen entstehen können und das Kind trotz widriger Umstände eine gesunde Identität und die Fähigkeit zum selbstständigen bürgerlichen Leben entwickeln kann.

Was wünschst Du Joshua für die Zukunft?

Wie ich schon gesagt habe, Joshua hat ein waches Auge und ein offenes Herz für die zwischenmenschlichen Beziehungen um ihn herum. Eine Gabe die Mangelware in unserer Gesellschaft ist. Von solchen Menschen profitiert unsere Gesellschaft. Das ist meine Überzeugung.  Und so wünsche ich ihm vor allem, dass er sich diese Fähigkeit erhält. Dass er lernt, sie in positive Energie umzuwandeln und mit diesen Eigenschaften, seine Zukunft, sein Leben zu lieben und zu gestalten.

Für seine nahe Zukunft wünsche ich ihm und allen Kindern in ähnlichen Situationen oder Konstellationen, dass sie Menschen ums sich herum haben, die ihre Bedürfnisse achten, ihre Ängste ernst nehmen und ihnen in Guten wie in schlechten Zeiten zur Seite stehen. Denn das haben sie verdient!

Liebe Julia, hab an dieser Stelle noch einmal vielen lieben Dank für Deine wertvollen Impulse in den vergangenen Wochen!

Die anderen Beiträge von Julia könnt ihr hier und hier lesen. 

Und Julia’s Literaturtips findet Ihr auch in meiner Literaturliste

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„Aber ich sehe gar keine (Anstrengungs-) Verweigerung….“

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Photo by Joshua Rawsom Harris on unsplash.com 

„Aber ich sehe gar keine Verweigerung…“ wendet die Förderlehrerin unserer Schule in einem Elterngespräch ein. Sie verschränkt die Arme und zieht die Lippen nach unten, als wolle sie mit dieser Geste unterstreichen, was sie unter einem anstrengungsverweigernden Verhalten versteht. „Sie ist immer so freudig bei der Sache, strahlt und erzählt sehr viel und aufgeweckt. Neulich erst haben wir die Stufen gezählt, auf dem Weg zum Klassenraum – im Haupttreppenhaus sind es 50, und im Westtreppenhaus sind es sogar 53. Und das ist gar nicht so einfach. Denn zwischendrin haben wir ja diese Treppenabsätze. Alle Kinder haben konzentriert gezählt. Nadeschda hat mir die ganze Zeit von einer Begebenheit in der Pause berichtet und erzählt. Und erzählt….“ „Genau, denke ich, aber die Stufen hat sie nicht gezählt.“ Innerlich habe ich jetzt die Wahl: Entweder könnte ich mir die Haare raufen und mich aufregen, denn zu diesem Zeitpunkt des Gesprächs haben wir bereits eine gute halbe Stunde erneut auf Symptome eines möglicherweise anstrengungsverweigernden Verhaltens unserer Tochter im Unterricht verwandt. Zudem hat die Förderlehrerin meine Abschlussarbeit zum Thema Anstrengungsverweigerung gelesen. Nun gelesen vielleicht, aber offensichtlich nicht verstanden. Oder ich kann jetzt anfangen, laut zu lachen – und sogar ein wenig stolz auf meine Tochter sein, denn ihr ist es gelungen, selbst eine wirklich alt gediente und sehr, wirklich sehr erfahrene Lehrerin erfolgreich an der Nase herumzuführen. Die so versierte und erfahrene Förderlehrerin ist ihr voll und ganz auf den Leim gegangen. Doch ein wenig ist mir auch zum Heulen zumute…

Beschäftigt an sich mit dem Phänomen der Anstrengungsverweigerung, wie Bettina Bonus sie eindrücklich in ihren Büchern darstellt, so bleiben uns beim Lesen zunächst all die Kinder im Gedächtnis, die in ihrer Anstrengungsverweigerung mit regelverletzendem Verhalten reagieren. Sie sind aggressiv, sie schlagen um sich, sie werden laut, sie greifen den Lehrer an. Es sind die Kinder, die den Unterrichtsablauf stören, die ihre Klassenkameraden drangsalieren, die als grundsätzlich schwierig und verhaltensauffällig gelten. Oder es sind die Kinder, die sich vielleicht nicht gewalttätig zeigen, aber in eine offensichtliche und deutliche Verweigerungshaltung gehen. So wie ich es damals in Maxim’s Aufnahmegespräch für die erste Klasse erlebt habe. Und auch schon bei Nadeschda an der ein oder anderen Stelle mit erfahren durfte.

Doch meist zeigen beide ihr Anstrengungsvermeidendes Verhalten außerhalb des häuslichen Umfeldes ganz anders. Ihre Wut und ihre Frustration lassen sie ausschließlich Zuhause in ihrem vertrauten Umfeld raus. Da machen sie sich Luft, da testen sie ihre Grenzen zuweilen bis zum Äußersten. Niemals aber außerhalb der vertrauten Umgebung. Nein, hier machen sie das, was sie am besten können: Sie strahlen fröhlich, sie sind umgänglich, sie wickeln ihr Gegenüber mit einer ungeahnten Charmeoffensive um den kleinen Finger. Das können beide hervorragend. Das ist ihre absolute Stärke. Logisch, denn das ist ihre Überlebensstrategie!! Mit ihrem Strahlen, mit ihrem Lächeln, mit ihrer Umgänglichkeit haben sie widrigste Umstände in frühesten Kindesjahren überlebt. Maxim war so der Liebling seiner Erzieherinnen im Kinderheim. Nadeschda bekam vielleicht etwas mehr Zuneigung und Aufmerksamkeit, wenn sie ihre Erzieherinnen im Kinderheim mit ihren großen Kulleraugen anlachte. Früh haben sie gelernt, dass sie damit am meisten Erfolg haben. Sie bekommen positive Aufmerksamkeit, sie fallen nicht (unangenehm) auf.

Fühlen sie sich also unter Druck gesetzt – und eine Aufgabe, die ihnen unlösbar erscheint, erzeugt einen solchen Druck-,  wird ihre alte Überlebensstrategie geweckt, die in diesem Falle lautet: „Lächeln, strahlen, ablenken.“ Das beherrschen beide Kinder bis zur Perfektion. Immer noch. Bis heute.

Ich muss an eine alte Begebenheit denken, als Maxim noch in der Vorklasse war: Sie bastelten Adventskalender in der Vorweihnachtszeit. Noch bereitwillig hatte sich Maxim von seiner Lehrerin aus dem Spielraum zum Arbeiten an die Schultische holen lassen. Da saß er nun, redet erst mit seinen Sitznachbarn, erzählte Witze und brachte alle zum Lachen. Malen tat er nicht, geschweige denn überhaupt einen Stift in die Hand nehmen. Erst als die Klassenlehrerin sich neben ihn setzte und ihn zum Malen ermahnte, nahm er einen Stift zur Hand. Doch als er ansetzen sollte, einen Apfel zu malen, hielt er den Stift ungelenk verkrampft und war nicht in der Lage den Impuls auf das Papier zu bringen. Seine Arme erschlafften, sein Oberkörper fiel in sich zusammen. Er rieb sich die Augen und sagte zu seiner Lehrerin: „Ich bin so müde, das ist so anstrengend. Kann ich nicht lieber spielen gehen?“ Als diese ihn nicht gehen ließ, zog Maxim das nächste Register. Mit einem Leuchten in den Augen und wieder aufgerichtetem Rumpf wendete er sich seiner Lehrerin zu: „Weißt Du was, Frau Schmidt, am Wochenende fahren der Papa und ich mit ganz vielen anderen Vätern und Kindern auf einen Bauernhof. Da fahren wir dann Traktor und gehen reiten. Der Traktor ist so schnell. Und der kommt selbst auch durch dicken Schnee. Und wir  fahren als erste hin und weil Papa’s Auto so schnell ist, können wir alle anderen überholen und sind als erste da. Das ist doch cool.“ Ehe es sich die Lehrerin versah, war die Arbeitszeit um. Ein Bild in seinem Adventskalender hatte Maxim nicht gemalt. Beim Zusammenräumen legte Maxim schnell seinen Stift weg und verschwand ins benachbarte Spielzimmer, wo er zwar ein paar vereinzelte Bausteine beim Aufräumen mit aufhob, aber im Grunde genommen mehr oder weniger nur durch den Raum streifte, ohne tatsächlich mitzuhelfen.

Es ist schwierig zu vermitteln, dass auch eine Charmeoffensive und ein überaus angenehmes und freudiges Verhalten zu den „Gesichtern“ der Anstrengungsverweigerung gehört. Denn die eigentliche Verweigerung versteckt sich erfolgreich hinter einem kindlich charmanten Verhalten. Aber nicht jedes freudige Verhalten ist als eine Ablenkung vom Erledigen einer anstrengenden Aufgabe zu sehen. Um so wichtiger ist es, wachsam zu sein, hinzuhören und zu spüren, mit welcher Intention sich ein Kind nun gerade so verhält. Vor allem, wenn man denn weiß, dass es sich um ein frühtraumatisiertes Kind handelt. Denn ja, eine Verweigerung kann man nicht immer direkt und offensichtlich sehen. Sie kann sich gut verstecken…

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Ist Jim Knopf ein Anstrengungsverweigerer?

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Photo by Veri Ivanowa on unsplash.com

Ihr alle kennt doch sicherlich Michael Endes wunderbare Buch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“? Das haben wir gerade wieder gelesen. Natürlich bewegt die Geschichte meine Kinder, denn Jim ist ja ein Waisenjunge, der als kleines Baby per Paket auf Lummerland landet und dann von Frau Waas großgezogen wird. Als Lummerland zu klein wird, weil Jim zu groß, verlassen Lukas und Jim über Nacht die Insel und brechen zu großen Abenteuern auf. Nachdem sie die mandalanische Prinzessin Li Si aus den Fängen des Drachen Frau Mahlzahn gerettet haben, kommt es auf der Heimfahrt nach Mandala zu einem kleinen spannenden Dialog zwischen Jim und ihr. Li Si ist ganz überrascht, dass Jim, obwohl älter als sie, noch nicht lesen und schreiben kann. Jim laviert sich so ein wenig raus, obwohl ihm die Situation unangenehm ist. Unterm Strich beharrt Jim, darauf, dass er diese Fähigkeiten ja nicht braucht, er käme auch wunderbar ohne zurecht.

Als ich diese Szene nun neulich abends erneut Maxim und Nadeschda vorlas, musste ich ein wenig schmunzeln und an meine beiden kleinen Anstrengungsverweigerer denken. Als Maxim anfing in der ersten Klasse mit Schreiben, sagte er einmal zu mir: „Mama, warum muss ich das lernen? Ich kenne doch die Buchstaben auf der Tastatur. Das reicht doch. Dann tippe ich eben Briefe….“ – Wenn ich dies so schreibe, muss ich unfreiwillig an den Fortschritt der Technik seitdem denken, denn inzwischen müsste er noch nicht einmal mehr die Buchstaben kennen, sondern könnte alles diktieren. Ich kann einer höheren Macht danken, dass die gängigen Spracherkennungsprogramme nun doch noch nicht so gut funktionieren, dass meine Kinder auf die Idee kämen, nun gar nicht mehr schreiben lernen zu müssen.

Doch eine ähnliches Gespräch, wie es zwischen Jim und Li Si im Buch stattfand, hatten Maxim und ich dann doch in den vergangenen Tagen. Maxim lernt jetzt in der dritten Klasse gerade noch einmal richtig die Uhr – mechanisch und digital – lesen. Maxim fällt das sehr schwer. Ja, schon längt hätte er die Uhr lernen müssen, aber da es eben in unserem Alltag so ist, dass ich die Kinder überall hinfahren und abholen muss, wozu. Es war einfach nie die Notwendigkeit da, dass Maxim die Uhr lesen können musste. Auch wenn er mittlerweile mit seinen Freunden im Dorf alleine auf den Spielplatz geht. Da gibt es eine Kirchturmglocke, die schlägt. Und so waren die Abmachungen: „Wenn die Glocke fünfmal schlägt, kommst Du nach Hause.“ Das hat bisher immer wunderbar funktioniert. Nun haben wir uns also durch die Uhr gequält. Und so langsam geht es auch, jeden Tag eine wenig besser. Aber auch, weil wir eben jeden Tag üben. Und jeden Tag unserer guten Freundin der „Anstrengungsverweigerung“ mal für einen kurzen Moment, mal für eine ganze Weile „Guten Tag“ sagen.

Am vergangenen Wochenende war Maxim dann mit einem guten Freund verabredet. Schon zwanzig Minuten vor der Zeit war mein Sohn fertig angezogen, gefrühstückt und bereit für den Ausflug. In freudiger Erwartung kam er alle 30 Sekunden in die Küche, um zu fragen: „Mama, wie lange noch? Wann kommt denn der Karl?“ Als ich ihm sagte: „Schau auf die Uhr am Backofen und rechne es Dir aus.“ antwortete mein Sohn: „Nee, das kann ich nicht und ich brauche das auch nicht.“ Ich antwortete nur: „Okay, dann wirst Du eben nicht wissen, wie lange Du noch warten musst.“ Aber ich dachte bei mir: „Ja, irgendwie hat mein Sohn zumindest im Moment in seinem Leben recht, so behütet und umsorgt er wird, braucht er sich nicht um eine Uhrzeit kümmern. Das ist mit Sicherheit für die Zukunft nicht tragfähig, und genauso wie das Lesen und Schreiben ist das Lesen der Uhr eine Kulturfähigkeit, die er einfach irgendwann lernen muss, um im Leben zu bestehen.“ Und so lernen wir nun fleißig die Uhr. Auch wenn uns manchmal die „Anstrengungsverweigerung“ dabei im Wege steht.

Jim Knopf ist mit Sicherheit kein Anstrengungsverweigerer. Er lernt ja dann auch irgendwann Lesen und Schreiben mit Prinzessin Li Si. Doch ich fand die Verbindung von seiner Geschichte als Adoptivkind, die ihn auf seiner Reise ja auch einholt, und sein vehementes Ablehnen von Lesen und Schreiben können einfach sehr treffend für unsere immer wiederkehrende Situation.

Nehmt dies als Auftakt zu meiner versprochen Reihe an Beiträgen zum Thema „Anstrengungsverweigerung“ in den kommenden Wochen.

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#bestofElternblogs in 2017 – Anstrengungsverweigerung

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Die liebe Anja von der Kellerbande sammelt zur Zeit die besten und meist gelesenen Beiträge aus dem vergangenen Jahr. Auch ich mache gerne mit, selbst wenn ich es schon bei den besten Beiträgen aus dem Dezember erwähnt hatte. Dennoch hier noch einmal zur Erinnerung, denn es hat mich schon überrascht und zu einer neuen Reihe zu dem Thema in diesem Jahr bewegt. Denn spannend war für mich, dass am meisten  „Vom Umgang mit der „Anstrengungsverweigerung“ aufgerufen wurde, ein erster Beitrag in einer Reihe von einigen im vergangenen Jahr, in dem ich mich mit der „Anstrengungsverweigerung“ bei meinen Kindern auseinandersetze und erzähle, wie wir damit langsam einen Umgang gefunden haben. Immer noch gibt es viele Höhen und Tiefen, und es ist ein Thema, in dem es zwei Schritte vor und mindestens einen immer wieder zurückgeht. Auch in diesem neuen Jahr werde ich das Thema weiter bearbeiten, denn es ist inzwischen zu einer guten alten Freundin geworden…

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Anstrengungsverweigerung – Eine alte Freundin kehrt mit ungewohnter Wucht zurück

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Photo by André Hunter on unsplash.com

In den vergangenen Monaten lief es eigentlich recht gut in der Schule für beide Kinder. Ja, Nadeschda tat sich an einigen Stellen noch schwer. Aber mit unserer regelmäßigen Übroutine kam sie allmählich in einen guten Fluss. Nur hier und da flammt die Wut gelegentlich einmal wieder auf, die aber eine andere Motivation hat. Auch Maxim macht sich gut in der Schule. So gut, dass seine Klassenlehrerin erst vor ein paar Wochen mir in einem Gespräch mehr oder weniger vermittelte, ich könnte und sollte mich doch jetzt endlich mal ein wenig entspannen…Ich wusste da schon, warum ich es nicht tat – mich entspannen – sondern an unserer täglichen Übroutine nach wie vor weiter festhielt. Denn sie kam schneller zurück als erwartet, meine alte Freundin, die Anstrengungsverweigerung, die meinen Sohn und mich zu neuen Grenzerfahrungen eingeladen hat. Mehrmals die Woche…

Froh gestimmt kommen wir aus der Schule mittags nach Hause. Wie gewohnt folgen wir unserer täglichen Routine. Maxim und Nadeschda ruhen sich ein wenig aus, bevor es an die Hausaufgaben und das Üben geht. Freudig zeigt mir Maxim, was er aufhat. Er soll unter anderem ein Rätsel aufschreiben. So nimmt er sich gleich eines meiner Rätselbücher und schmökert. Doch als wir uns dann hinsetzen, um seine Hausaufgaben zu machen, beginnt die Stimmung zu kippen. Beim Kopfrechnen ist Maxim noch voll dabei. Beim Rätsel Aufschreiben regt sich erster Widerstand. „Nein, die Zeile lasse ich weg, die ist falsch, die gehört nicht dazu. Das Rätsel geht auch viel kürzer.“ Oder: „Ja, ich weiß ja gar nicht, wo ich das Rätsel aufschreiben soll. Da hat sie gar nichts zu gesagt.“ Für mich wäre es logisch, dass er sein Rätsel genauso in sein Heft schreibt, wie die anderen auch. „Nee, das dürfen wir nicht.“ Ich: „Hat sie Euch ein extra Blatt gegeben?“ (Denn, wenn Texte nicht ins Heft geschrieben werden sollen, gibt es in der Regel in der Schule ein Extra-Blatt.) „Nee hat sie auch nicht. Dann schreibe ich es eben nicht auf.“ Maxim versucht noch ein paar Mal zu diskutieren. Ich hole ihm ein Blatt und er schreibt das Rätsel ab. Dann soll er noch ein Bild malen zu einem Text vom Schlittenfahren. Missmutig greift er zu seinem Heft, öffnet es an der entsprechenden Stelle und beginnt zu malen. Einen Hügel mit Schnee, einen Schlitten. Ich sehe, dass er unsicher ist. „Vielleicht nimmst Du erst einmal einen Bleistift, um Dir die Sachen vorzuzeichnen. Dann kannst Du auch leichter etwas ändern. „Nö.“ entgegnete mein Sohn und malt weiter mit den Buntstiften. „Ich kann keinen Schlitten malen.“ Wutschnaubend greift er zu seinem Radiergummi und versucht den Schlitten wegzuradieren. Das gelingt nur mäßig, denn die Buntstifte sind nicht so leicht wegzuradieren. Maxim übt immer heftigeren Druck auf die Seite aus, bis diese erst verkrumpelt und dann reisst. Als ich ihm sage, dass wir das Loch nun reparieren müssen, folgen weitere „Nös“, immer lauter werdend. Um seine Aussage noch zu untermauern, beginnt er noch in dem Loch im Papier herumzustochern. Jegliche Hilfsangebote von mir lehnt Maxim ab. Die Zeit vergeht. Irgendwann kritzelt er nun noch in seinem Heft herum. Und dann verliere ich doch die Geduld und werde etwas lauter. Im Rückblick scheint es mir fast so, als hätte Maxim nur darauf gewartet. Denn nun fängt er selbst an herumzubrüllen, zu weinen und zu schreien. Er wird sich die nun folgenden eineinhalb Stunden nicht beruhigen. Meine Versuche, ihm zu helfen oder ihn aus dem Teufelskreis herauszuholen, in dem wir erst einmal Trompete spielen, lehnt er vehement ab. In seiner Verzweiflung komme ich nicht mehr an ihn heran. Er will diese Schlitten nicht malen. Koste es was es wolle. Wieder einmal ist es für ihn ein Kampf ums Überleben.

Erst nach zwei Stunden lenkt er ein, nachdem ich die ganze Zeit bei ihm gesessen habe und hin und wieder immer wieder beharrlich wiederholt habe, dass er am Ende des Tages diese zwei Schlitten alleine in sein Heft gemalt haben wird. Erst dann willigt er ein, den Arbeitstisch für eine Moment zu verlassen, und zunächst Trompete speilen zu üben. Darüber beruhigt er sich. Und erst danach nimmt er mein Hilfsangebot an, den Schlitten, den ich ihm auf einem Blatt vorgemalt habe, noch einmal erst auf dem Blatt und dann in seinem Heft abzumalen. Zehn Minuten später hat er sein Schneebild mit zwei rodelnden Kindern alleine fertig gemalt.

Immer wieder wiederholten sich solche Szenerien vor den Ferien. In den Ferien hatte sich nun Maxim’s Gemütszustand etwas entspannt, auch wenn wir nach wie vor an unserem täglichen Üben festgehalten haben. Doch das ist noch keine Garantie, dass jetzt der Start nach den Ferien glimpflich verläuft. Eine Grund zur Entspannung gibt es nicht und schon gar nicht, die Schule laufen zu lassen.

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Mehr Zeit, die Dinge einfach mal laufen zu lassen…

Manchmal wünschte ich, wir könnten einfach aus unserer alltäglichen Routine ausbrechen, unsere täglichen Verpflichtungen mal an den Nagel hängen.

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Unsere Tage sind streng durchstrukturiert. Und ich weiss, dass meine Kinder diese Struktur brauchen, sie einfordern. In der Küche haben wir einen Plan hängen, an dem wir die täglichen Aufgaben und Termine aufschreiben. Maxim macht es sich inzwischen zum montäglichen Ritual, diesen Plan für die frisch angebrochene Woche immer zu aktualisieren. „Ah, heute ist Montag. Da habe ich Schule, mache Hausaufgaben, übe – Mama, was üben wir heute? – und dann gehen wir zum Judo. Morgen ist Dienstag. Da habe ich Schule, gehe in den Zirkus, mache Hausaufgaben. Nadeschda hat auch Schule, muss Hausaufgaben machen und dann geht sie in die Musikschule. Mittwoch….“ und so weiter und so fort.

Hausaufgaben und Üben nehmen im Moment viel Raum ein. Je nach Gemütslage der Kinder, dauert das auch schon mal zwei Stunden. Vor allem Nadeschda tut sich nach wie vor mit den Hausaufgaben schwer. Sie erinnert sie gut, dennoch fühlt sie sich unter Druck gesetzt, glaubt, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Und dann schlägt sie wieder durch die Überlebensstrategie. Zunächst versucht sie mit allerlei Ablenkungen sich eben nicht auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. Sie erzählt von Gott und der Welt, von der Schule, von dem, wie andere Kinder malen. Erinnere ich sie unermüdlich, bei den Hausaufgaben zu bleiben, kann ich schon förmlich hören, wie der Alarm in ihrem Kopf losgeht. Über ihr Blatt gebeugt, das Wachsmalblöckchen in der Hand, hält sie beim Malen inne, malt einfach die Linie nicht weiter. Ihre Augen sind zornverdunkelt, wenn sie den Blick hebt. Sie geht auf Angriff. „Mama! Das geht so nicht! Das ist falsch! Das geht so…“ und mit aller Gewalt kratzt sie das Wachsmalblöckchen wütend über das Blatt, mit so viel Kraft, dass das Blatt zerreißt. Wenn ich versuche, sie zu beruhigen, dann kreischt sie irgendwann nur noch rum. „NNEEEEIIINNNNN!“ Dann wirft sie alles, was auf dem Tisch liegt, durch das Zimmer, um dann in Tränen zusammenzubrechen. Verzweifelt weint sie dann auf meinem Schoss. Später, wenn sich Nadeschda dann beruhigt hat, können wir ihre Hausaufgaben machen und üben.

Das wiederholt sich ungefähr jeden zweiten Tag. Nicht immer bleibe ich ruhig und gelassen. Manchmal entgleitet mir meine innere Ruhe. Dann werde auch ich laut, ermahne Nadeschda kein Theater zu machen, dass dieses uns keinen Meter weiter bringt. In der Theorie weiß ich, dass das so unnötig und so sinnlos ist, dass ich mir diesen Atem sparen könnte. Denn mein Brüllen befeuert nur Nadeschda’s Wut und Zorn, beschleunigt den Ausbruch des Alarms in ihrem Kopf. Doch es fällt mir schwer mich in Gelassenheit zu üben, die innere Treppe in diesen Momenten hinunter zu gehen und bis zehn zu zählen, dabei ruhig zu atmen und einfach nur zu hoffen, dass Nadeschda möglichst schnell aus ihrem Teufelskreislaufs der Anstrengungsverweigerung wieder herauskommt. Vielleicht kommt sie es auch nicht ohne meine Intervention. Denn ihr inneres Programm sagt ihr ja, alles zu tun, um die „Anstrengung“ der Hausaufgaben zu vermeiden. Doch dies ist keine Option.

Nun irgendwie bekommen wir es ja hin und die Hausaufgaben sind dann auch jedes Mal gemacht. Doch es kostet viel Zeit und Energie. Vor allem Zeit. Und damit bleibt viel zu selten Zeit, um etwas wirklich Schönes zu machen. Im Garten zu spielen, in den Wald zu gehen, Kastanien zu sammeln, Sonnenblumen pflücken zu gehen, zu malen, zu basteln, zu stricken, oder einfach zu spielen. In mir macht sich eine Sehnsucht nach mehr Spass und weniger Verpflichtungen breit. Einfach nur in den Tag oder zumindest in den Nachmittag hineinleben zu können, ohne an all das zu denken, was noch erledigt werden muss, ohne Stunde um Stunde damit zu verbringen für die Schule zu arbeiten, ohne im Anschluss zu irgendeinem Training oder Musikunterricht zu fahren. Manchmal denke ich, dass es vielleicht gut wäre, unsere zusätzlichen Verpflichtungen mit Sport, Zirkus, Musikschule und Musikinstrument und Therapie noch mehr zu reduzieren. Auch wenn Maxim sich dann beschweren wird, und wir eigentlich das alles so organisiert haben, dass immer noch genügend Luft und Zeit Zuhause ist. Vielleicht sind es nun auch eher die Wochenenden, an denen wir uns die Zeit zum „Nichtstun“ erlauben sollten. Wer weiß. An Tagen wie heute wünschte ich einfach, aus der festen Struktur ein wenig ausbrechen zu dürfen, auch wenn ich auf der anderen Seite weiß, dass meine Kinder diese Struktur auch brauchen. Sie gibt ihnen Sicherheit, Stabilität und strahlt so viel Verlässlichkeit aus. Dennoch sollte es vielleicht genauso Raum für „unstrukturierte Zeit“ geben. Mehr als wir es heute haben.