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Von der Wut und der Angst, die dahinter steckt… – neue Sichtweisen auf die Folgen von Traumatisierung

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Von einem Buch, von dem ich wünschte, ich hätte es schon vor Jahren gelesen..

Viel habe ich in den vergangenen Wochen wieder über Traumatisierung und ihre Folgen bzw. Auswirkungen auf die Kinder und ihr Lernverhalten in der Schule gelesen. Begeistert erzählte ich am Wochenende einer Freundin davon, denn uns beide vereinen die Sorgen um die schulische Entwicklung unserer Kinder und der tägliche Kampf gegen die eigenen uns manchmal übermannenden Ängste und das tägliche Ringen mit unseren Kindern, zuhause das nachzuholen, was sie in der Schule aufgrund ihres nach wie vor traumatisierten Zustandes nicht mitbekommen, geschweige denn verinnerlicht haben. Häufig endet gerade dieses Ringen in Wutanfällen, häufig stellt das tägliche Lernen und Üben für die Schule einen extremen Kraftakt dar. – Bei uns inzwischen zwar immer weniger, aber die Momente, in denen die Stimmung kippt, und der Machtkampf droht, gibt es immer noch. Ich hatte gelernt, dass das so ist, in einem Leben mit einem anstrengungsverweigernden Kind. Genauso wie ich weiß, wo die Ursachen der Anstrengungsverweigerung liegen.

Doch es gibt zwei Bücher, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe, die noch einmal meine Sicht auf die Dinge verändert haben. Ja, da ist sehr viel Wut in meinen Kindern. Unbewusste, nicht benennbare Wut. Wut, die mit der Trauer um den Verlust oder das Verlassen werden durch ihre russische Mutter zu tun haben. Trauer um den Verlust einer behüteten frühen Kindheit, die meine beiden Kinder nie gehabt haben. Eine Wut, die die wunderbare Sherrie Eldridge erst in der vergangenen Woche wieder einmal so treffend beschrieben hat. Dennoch es gibt auch eine etwas andere Sicht auf die Dinge, die mir noch einmal die Augen geöffnet hat. Und mir hat so vieles noch einmal klar werden lassen. Zunächst las ich von Heather Forbes „Help for Billy“. Hier schildert die amerikanische Autorin, die selbst zwei Kinder aus Russland adoptiert hat, warum traumatisierte Kinder so schwer in der Schule lernen können, und wie Lehrer mit diesen Kindern umgehen sollten. Primär ist es eine praktische Anleitung für Lehrer. Aber grundsätzlich macht Heather Forbes sehr deutlich, warum gängige Unterrichtspraktiken bei traumatisierten Kindern nicht greifen. Vieles war mir schon bewusst oder ich hatte es anderer Stelle gelesen, doch die Klarheit und Deutlichkeit, mit der sie das formuliert, war mir neu. Spannend war für mich vor allem ihr Ansatz, dass alles, was das traumatisierte Kind tut – gemeint ist vor allem jedes auffällige Fehlverhalten -, aus einer tiefen schmerzhaften Angst passiert, aus der Angst, nicht überleben zu können. So ähnlich, wie ich es schon in meinen Post „Mehr als Manipulation, es geht um’s Überleben…“ angedeutet hatte. Doch in dieser Deutlichkeit, dass sich hinter Verweigerung, Aggression, Wut, Lügen, Stehlen, Trotz, etc. immer nur die Angst steht, hatte ich bisher in dieser Klarheit nicht gelesen.

Das wurde mir erst bewusst und hat in mir selbst noch einmal ein Umdenken in Bewegung gesetzt, als ich Heather Forbes‚ 2. Buch bzw. eigentlich erstes Buch „Beyond Consequences, Logic, and Control“ gelesen haben, in dem sie sich ausschließlich an die Eltern traumatisierter Kinder richtet. Gemeinsam mit ihrem Co-Autor entwickelt sie ein Stress-Modell, aus dem hervorgeht, dass jegliches auffälliges Verhalten eines traumatisierten Kindes auf Angst zurückzuführen ist. Entlang dieses Modells führt sie im folgenden in ihrem Buch aus, warum Verhaltensweise, wie Aggression und Trotz, aber auch Stehlen, Lügen, Horten von Essen und fehlender Blickkontakt immer auf eine tiefe darunterliegende Angst, wieder verlassen zu werden, wieder Hunger zu erleiden, wieder nicht geliebt zu werden zurückzuführen sind. Für die annehmenden Eltern gilt es, nicht in den bisher propagierten Erziehungswegen diesen Kindern diese Verhaltensweisen „abzutrainieren“, sondern die Angst dahinter zu sehen und das Kind mit dieser Angst in bedingungsloser Liebe anzunehmen und zunächst alles daran zusetzen, dem Kind diese Angst in der Situation zu nehmen.

Besonders bewegend ist ihr dem vorangestelltes Kapitel, in dem sie aufzeigt, dass traumatisierte Kinder auch die eigenen Traumata der Eltern berühren und wieder wachrufen. Und sie deshalb die berühmten Köpfchen drücken. Aber auch hier wieder, sie tun dies nicht manipulativ, sondern es wird beim Lesen deutlich, dass das eigenen Trauma etwas ist, das wir Eltern vielleicht in uns tragen. Unsere Kinder reagieren nur darauf bzw. unser eigenes Trauma lässt uns vielmehr so – eben nicht immer adäquat und in der Emotionalität viel zu stark – auf das Verhalten unseres Kindes reagieren. Ich wusste, was gemeint war, als ich mich an meines eigene Wut erinnerte, die ich immer gespürt habe, wenn ich das Gefühl hatte, ich würde auf Maxim einreden, wie auf einen kranken Gaul, er aber gar nicht reagierte. Nicht reagieren, mich ignorieren, war das schlimmste was mir passieren konnte. Denn dieses Nicht gesehen werden, war mein eigenes Kindheitstrauma. Erst mit dem Tod meines Vaters vor ein paar Jahren und mit dem inneren Abschließen mit dem Verhältnis zu meiner Mutter schwand diese alte Wut. Und ich lernte mit Maxim’s Ignorieren anders umzugehen.

Am Wochenende habe ich zu meiner Freundin gesagt: „Vergiss alle andere Adoptionsliteratur, vergiss alle Bücher über Bindungstheorien bei traumatisierten Adoptivkindern. Lies dieses eine Buch. Ich habe beim Lesen gedacht, warum habe ich es nicht schon vor acht Jahren gelesen. Es hätte mir viel Leid und Kampf erspart.“

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Mehr als Manipulation, es geht um’s Überleben – Anstrengungsverweigerung ist kein gezieltes, absichtliches Verhalten

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Viel beschäftige ich mich gerade einmal wieder mit den Folgen von Frühtraumatisierungen und welchen Einfluss diese auf das Lernverhalten von Kindern haben. Mir schwirren wieder die Situationen mit meinen Kindern auch den Kopf: Nadeschda versucht augenscheinlich, von den Übungsaufgaben abzulenken, in dem sie mir von 38 Begebenheiten in der Schule erzählt, die gerade ja so viel wichtiger sind. Im Rechenförderunterricht verwickelt sie die Lehrerin in ein Gespräch und dabei geht erfolgreich unter, dass sie ja eigentlich die Stufen im Treppenhaus zählen soll. Beim Zahlen zerlegen wickelt mich Nadeschda erfolgreich um den Finger, in dem sie anstatt die Zahlen zu überschlagen, auf Englisch zählt. Maxim starrt beim Üben Löcher in die Luft, oder spielt lieber mit seinen Stiften. Seine Buntstifte sind immer aussergewöhnlich gut gespitzt, Beim Trompete üben gibt er gerne seinem Vater „Privatkonzerte“. Klar, dann fällt nicht unmittelbar auf, dass er die Stücke, die er eigentlich üben soll, gar nicht gespielt hat. Genauso gehen mir meine eigenen Ausrufe und die anderer befreundeter Adoptivmütter auch den Kopf, wenn es einmal wieder schwierige und vielleicht sogar eskalierte Hausaufgabensituationen gab: „Da hat er (oder sie) einmal wieder erfolgreich die Köpfchen bei mir gedrückt.“ 

Das alles suggeriert Absicht und bewusste Manipulation. Klar, aus einer seelischen Not heraus geboren. Dass es aber weder das eine noch das andere ist, wurde mir erst wieder bewusst, als ich einen der letzten Blogbeiträge von Mike Berry von confessionsofanadoptiveparent las. In „Her behavior isn’t manipulation, it’s survival!“ schildert er sehr eindrucksvoll und plakativ, warum ein wie auch immer geartetes anstrengungsvermeidendes Verhalten eben gar keine geplante und beabsichtigte Manipulation oder Ablenkung sein kann.  

Sehr vereinfacht dargestellt (und mit Sicherheit wissenschaftlich betrachtet nicht ganz korrekt), passiert etwa das Folgende: Das Großhirn ist verantwortlich für das rationale Denken – und damit Handeln, das Verarbeiten von Informationen und Wissen, das logische Denken, vorausschauende Planung und Struktur. Das Limbische System ist verkürzt gesagt das emotionale Zentrum des Gehirns. Hier spielen sich auch die schützende Prozesse von Flucht oder Kampf ab. In der Amygdala  sind alle vitalen Funktionen und damit der natürliche Selbsterhaltungstrieb des Menschen angesiedelt. Sie verarbeitete externe Impulse und leitet daraus die vegetativen Reaktionen ab. In der Regel ist das Großhirn der dominierende Teil, der das limbische System und die Amygdala kontrolliert und steuert. Fühlt sich ein traumatisiertes Kind allerdings bedroht und lebt ohnehin aufgrund der traumatischen Erfahrungen in einem dauerhaften Zustand von Stress und Erregung, dann kontrolliert nicht mehr das Großhirn seine internen Prozesse und reguliert seine Gefühle und Reaktionen. Es ist ausgeschaltet, und allein das limbische System und die Amygdala übernehmen. Das Verhalten, was dann ein traumarisiertes Kind zeigt, ist allein von Emotionen gesteuert und der archaische von jeder Hemmung befreite Kampf ums Überleben ist aktiviert. 

Insofern kann es gar keine Absicht oder geplante Manipulation sein, oder ein Verhalten, was gezielt und „strategisch“ darauf abzielt, einer Situation aus dem Wege zu gehen, oder eine Anstrengung in welcher Form auch immer zu vermeiden. Das wären ja Vorgänge im Großhirn. Doch dies hat in Stresssituation vor dem Einfluss von limbischem System und Amygdala kapituliert. Jegliches rationale und abwägende Denken ist in diesen Momenten ausgeschaltet. Allein der Kampf ums Überleben steht im Vordergrund. Und dafür ist – verständlicherweise – jedes Mittel recht.  

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#bestofelternblogs2018

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Photo by Mammal on unsplash.com

Die liebe Anja von der Kellerbande hat einmal wieder zu ihrer beliebten Blogparade #bestofelternblogs2018 aufgerufen. Da mache ich doch gerne mit. Erleuchtend und interessant war der Blick in die Zahlen. Denn wie im vergangenen Jahr war wiederum mein Beitrag zum „Umgang mit der Anstrengungsverweigerung“, der deutlich am meisten aufgerufene Post. Hier schildere ich, wie wir mit der „Anstrengungsverweigerung“ unserer Kinder umgehen, nachdem wir sie anfangs in den ersten Jahren nach unserer Adoption nicht wirklich wahrhaben wollten. Jahre später muss ich gestehen, dass wir viele der Ratschläge und Hinweise von Bettina Bonus umsetzen bzw. umgesetzt haben. Heute noch einmal fast zwei Jahre nach diesem Post ist es sogar noch viel mehr. Aber wir fahren gut damit. Auch wenn ich anfangs die Hinweise und die Sichtwiesen von Bettina Bonus maßlos übertrieben fand, so muss ich ihr nach Jahren, vor allem mittlerweile mit zwei Schulkindern, in so vielem Recht geben. Und letztendlich gibt der Erfolg, den unsere Kinder nun in der Schule haben, ihr ebenso Recht.

Weitere Beiträge zum Thema „Anstrengungsverweigerung finden Ihr zum Beispiel in den folgenden Posts:

„Vom Umgang mit der Anstrengungsverweigerung: Zu den Ursachen“

„Zum Gebrauch von elektronischen Medien“

„Anstrengungsverweigerung – von der alles dominierenden Angst“

oder auch in meiner Interviewreihe zur „Anstrengungsverweigerung“, die ich in 2018 mit Julia gemacht habe, die sich ebenso großer Beliebtheit und großen Interesse erfreut hat.

 

 

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Zum Gebrauch von elektronischen Medien bei Adoptivkindern (reloaded)

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Danke an Pixabay

Maxim hatte gerade in der Schule eine Epoche zu „Menschenkunde und Medienkompetenz“. Das war eine spannende Erfahrung für uns alle in der Familie. Nachdem ich auf der einen Seite zunächst überrascht und schockiert war, wie und wie viele elektronische Medien in den Häusern seiner Klassenkameraden genutzt werden, freute es mich auf der anderen Seite umso mehr, als ich im Epochenheft meines Sohnes folgenden Text unter der Überschrift „Medien bei uns Zuhause“ lesen durfte:

„Wir haben einen Fernseher Zuhause. Da dürfen wir manchmal Peter Pan oder andere Filme schauen, aber nur wenn am nächsten Tag keine Schule ist. Meine Mutter hat einen Computer. Auf dem arbeitet sie und schreibt, oder sie schaut manchmal Sachen für uns Kinder nach. Mein Papa muss manchmal auf einem Laptop Zuhause arbeiten. Ich lese Bücher. Und mehr brauche ich auch nicht. Vielleicht hätte ich gerne ein Handy, um mit meinen Freunden zu telefonieren. Aber mehr nicht. Was eine Wii oder NInetendo sind, weiß ich gar nicht. (…)“ 

Eingedenk unserer Erfahrungen mit Blick auf die Gedächtnisleistung von Maxim und der Auseinandersetzung mit den Ratschlägen von Bettina Bonus zum Medienkonsum von Adoptivkindern pflegen wir tatsächlich Zuhause nach wie vor einen sehr restriktiven Umgang mit jeglicher Art von elektronischen Medien. Und ich selbst habe in der Begleitung dieser Epoche in der Schule auch erst einmal lernen müssen, was es da alles gibt. Technologisch gesehen hatte ich wirklich zeitweise das Gefühl Zuhause in der Steinzeit zu leben, auch wenn die wenigen Medien, die wir haben, tatsächlich immer State of the Art sind. Ich war mir der Vielfalt der Medien, mit denen Kinder theoretisch versorgt und konfrontiert sein können, überhaupt nicht bewusst. Geschweige denn war ich mir der Tatsache bewusst, dass auch an einer Waldorfschule in vielen Elternhäusern der kontinuierliche Gebrauch von elektronischen Medien bei den Kindern immer mehr zunimmt. Das ins Bewusstsein zu rufen und auch unter den Kindern in der Klasse zu diskutieren, war wohl auch eines der Ansinnen der Klassenlehrerin.

Allerdings ist bei unserem Sohn, der nun zu der Gruppe an Kindern gehört, die alleine für sich schon einmal gar keine elektronischen Medien haben, noch nicht einmal einen CD-Spieler, das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen. Denn anstatt zu realisieren, dass er sich in einer recht großen Gruppe von Kindern befindet, die keine Wii und keinen Gameboy haben, hat die Auseinandersetzung mit dem Thema bei ihm dazu geführt, dass nun erstmal neue Begehrlichkeiten geweckt wurden. Vielleicht lag es auch einfach schlicht an der Tatsache, dass wir mit der Advents- und Vorweihnachtszeit uns ohnehin in einer Zeit des Wünschens befinden…Nun denn, es brauchte ein paar Diskussionen hier Zuhause, um ihm klar zu machen, dass wir bei unserer Linie bleiben und es weder ein Smartphone noch elektronisches Spielzeug zu Weihnachten gibt. Aber um so beruhigter war ich, als er danach in sein Zimmer ging und dann doch wieder seine Feuerwehrstation aufbaute, und einmal wieder seine beliebten Rettungsspiele spielte.

Ich bin gespannt, wie lange wir das noch so durchhalten können. Denn natürlich kann ich Maxim nicht vollständig von elektronischen Medien abschotten. Dessen bin ich mir bewusst. Wenn seine Freunde die Dinge Zuhause haben und er sich mit diesen zum Spielen verabredet, werde ich nicht verhindern können, dass er dann einen ganzen Nachmittag unter Umständen entweder vor einer Flimmerkiste hockt, oder am Tablet irgendwelche Spiele spielt. Und ich kann auch nicht den anderen Eltern verbieten, meinen Sohn elektronischen Medien in ihrem Hause auszusetzen. Es bleibt ein Drahtseilakt. Aber Maxim’s Text gab mir die Bestätigung, so weiter mit elektronischen Medien hier Zuhause umzugehen, wie wir es bisher getan haben.

 

 

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„Wir haben drei Sternchen bekommen…“

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Nein, mein Sohn hat sie bekommen, die drei Sternchen! Für sein außergewöhnliches Projektheft und seine Präsentation zu seinem Thema „Kristalle“. Stolz kam er damit vorhin nach Hause, nach einem langen anstrengenden Tag. Maxim hatte mir im Auto von „nur“ zwei Sternen erzählt, die aber ohnehin in der Klasse schon als Bestnote gelten. Und er fügte auch all diejenigen hinzu, die keine Sterne oder nur einen bekommen haben. Schon da freute ich mich riesig, für ihn und auch zugegebener Maßen ein wenig für uns beide. Denn in mühsamer Arbeit hatten wir Zuhause an dem Heft gearbeitet und für die Präsentation geübt. Da bin ich dann doch einmal kurz wieder Helikoptermunter und schließe mich in das Lob der Lehrerin mit ein. Aber maßgeblich hat Maxim diese Sterne verdient. Denn er stand alleine vor der Klasse und hat sein Thema vorgestellt. Und weite Teile des Inhalts des Projektheftes hat er selbst ausgesucht und geschrieben. Allen voran eine sensationelle Geschichte über einen Kristallraub. Ich freue mich so für Maxim und bin stolz darauf, welch weiten Weg er gegangen ist.

Es ist Adventszeit und ab morgen wird auch unser Leben hoffentlich noch etwas ruhiger. Das Bild der Sternchen, die langsam aufziehen und in unser Leben treten, passen deshalb so gut. Und sie tun gut. – Am Rande: Nein, natürlich gibt es keine Benotungen in der Waldorfwelt und Leistungskontrolle schon mal gar nicht. Aber es gibt Sternchen, die auch die Kinder, die sie bekommen, unglaublich motivieren. So auch meinen Sohn. Und wenn das in der Vorweihnachtszeit passiert, um so mehr. – Da funkeln sie, die drei Sternchen und ich freue mich, auch wenn ich genauso die kleinen dunklen Wolken sehe, die der Wind ab und zu (oder auch mal öfter) vor die Sternchen treibt und damit ihren Glanz verblassen lässt.

Denn all das, auch dass nun in Maxim’s Heft drei Sternchen strahlen, wird leider immer wieder überschattet von all der Mühe und Anstrengung, die es für uns alle – und vor allem für meine Kinder – bedeutet, an diesen Punkt zu kommen: Diese drei Sternchen einmal zu sehen, und vielleicht irgendwann einmal mehr oder eher kontinuierlich Sternchen zu sehen, egal wie viele.

Mit Nadeschda haben wir uns wieder einmal in die Mühlen der standardisierten Testung begeben. Auf Dyskalkulie. Eine Freundin fragte mich gestern, während ich wartete und Nadeschda untersucht wurde: „Was versprichst Du Dir davon?“ Ich antwortete: „Die Hoffnung auf eine Diagnose, mit der wir arbeiten können, und eine offizielle Bestätigung, dass wir gegenüber der Schule mit Blick auf Förderbedarf agieren können.“ Aber eigentlich weiß ich, dass ich das wahrscheinlich nicht bekommen werde. Weder die Diagnose noch das Agieren der Schule, so wie es Nadeschda vielleicht braucht.

Über eine Frage der Ärztin gestern musste ich doch noch eine Weile nachdenken: „Ist das nicht alles sehr anstrengend? Und wie kann man das effizienter gestalten?“ Über die zweite Frage bin ich unmittelbar gestolpert. Denn Effizienz ist nun ein Begriff, der mir nun so gar nicht in den Sinn kommt, wenn ich an das Lernen mit meinen Kindern denke. Wir sind ja nun kein Wirtschaftsunternehmen, in dem es gilt, möglichst viel in kürzester Zeit zu schaffen. Ich war irritiert. Aber ja, natürlich ist es anstrengend. Und ich wünschte so oft, dass es das nicht ist. Allerdings habe ich auch beim Beantworten der Fragebögen gemerkt, dass es mit Nadeschda längst nicht mehr so schwierig ist, wie es mit Maxim war oder ist. Denn mit ihr habe ich aufgrund meiner Erfahrung ganz andere Rituale anlegen können. Und das auch frühzeitig, bevor schon das Kind quasi in den Brunnen gefallen war. Bei Maxim habe ich mich zu lange auf die Schule verlassen. Um so mehr freue ich mich, wenn uns unsere verspätete Lernroutine nun jetzt mit drei Sternchen belohnt.

Doch am Ende meiner Gedanken wurde mir einmal wieder klar: Ja, natürlich ist es anstrengend. Und das wird es auch bleiben. Aber es ist eben auch meine oder unsere Verantwortung als Eltern, die wir angenommen haben, diese, unsere zwei Kinder ins Leben zu führen. Egal wie anstrengend es ist oder sein wird. Das sind wir ihnen einfach schuldig.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (116)

Grukarte - Laterne und Hirsch im Lichterglanz

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Nun ist er da, der 1. Advent! Noch 22 Tage, und dann ist Weihnachten. Nachdem es mich erst einmal kalt in diesem Jahr erwischt hatte – Ich stand neulich beim Friseur, während die Inhaberin schon die Weihnachtsdekoration auspackte. Auf meinen entsetzten Blick antwortete sie nur zu recht: „In sechs Wochen ist Weihnachten schon wieder vorbei.“ – bin ich nun mit meinen Vorbereitungen gut dabei. Mein Ziel ist es in diesem Jahr, wirklich eine entspannte Adventszeit zu haben und diesmal keine Hektik ausbrechen zu lassen. Das haben wir uns nach diesem Jahr nun alle wirklich verdient. So haben wir schon am vergangenen Wochenende das Haus adventlich geschmückt, unsere traditionellen Knusperhäuschen, die wir mit der Lieblingspatentante an diesem Wochenende verziert und zusammengebaut haben, schmücken nun noch die Fensterbank im Esszimmer. Überall macht sich vorweihnachtlicher Duft breit. Viele Weihnachtsgeschenke habe ich auch schon besorgt, unsere Weihnachtsmarmelade mit den Kindern gekocht und erste Ideen für unsere Weihnachtsbasteleien realisiert. So blicke ich an diesem ersten Adventsmorgen dankbar auf diese drei Sonntagslieblinge:

  1.  Im Moment lässt uns unsere alte Freundin der Anstrengungsverweigerung in Ruhe. Nadeschda sagt zuweilen sogar: „Ach Mama, ich will aber noch weiter rechnen. Das macht so einen Spaß!“
  2. Vor ein paar Tagen hatten wir ein kleines Lehrstück von einer innigen Vater-Sohn Beziehung. Wir waren bei Bekannten zu Besuch, um ihr Neugeborenes Willkommen zu heißen. Während die junge Mutter uns die Wohnung zeigte, fing das Baby an zu schreien. Auch vom Vater ließ es sich nicht beruhigen. Maxim griff dieses Erlebnis beim Abendbrot auf und sagte: „Wenn die Mutter weg ist, dann weint das Baby. Es weiß ja noch nicht, dass sich sein Vater genauso gut um es kümmern kann.“ Eine Erfahrung, die mein Sohn wohl inzwischen verinnerlicht hat.
  3. Mein Blick schweift zu unserem selbst gemachten Adventskranz, den die Kinder und ich am vergangenen Wochenende zusammen geschmückt haben. Ich freue mich darauf, nachher, wenn Nadeschda von ihrer Adventsfeier in der Schule zurück ist, gemeinsam mit ihnen und Richard die erste Kerze zu entzünden.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen wunderschönen 1. Advent und einen wohlbehaltenen Start in die neue Woche.

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Interviewreihe „Anstrengungsverweigerung“ – eine Adoptivmutter erzählt… (3/3)

Unterstützung für Eltern im Umgang mit anstrengungsverweigernden Kindern

Silhouette of a young mother lovingly kissing her little child o

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Im dritten Teil meines Gesprächs mit Julia, schildert sie sehr anschaulich, was ihr und ihrem Sohn in Phasen der Anstrengungsverweigerung hilft und welche externe Unterstützung sie in unterschiedlicher Form hat. Wertvoll sind auch ihre Literaturtips. 

Wie verhältst Du Dich in Situationen, wenn die Überlebensstrategie bei Deinem Sohn zu Tage tritt?

Erst einmal versuche ich, abzuwarten und herauszufinden, was jetzt gerade genau sein Problem ist. Dazu versuche ich, Blickkontakt zu ihm zu halten, aber erst einmal nichts zu sagen. Dies hilft mir dabei, mich selbst kurz zurückzunehmen und innerlich durchzuatmen. Ich muss innerlich auf Distanz zu seinem Verhalten gehen, aber nicht zu ihm selbst. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren. Ihm zu zeigen, dass es ok ist, dass ich da bin und bleibe, komme, was wolle. Das ist ein Drahtseilakt und gelingt mal mehr, mal weniger.

Manchmal schaffen wir es, dass eine Situation gar nicht erst eskaliert. Mit Eskalieren meine ich Schreien, verzweifeltes Weinen, Zerstörungswut, also wirklich massive Emotionen, die er zu Hause auch nach Außen trägt. In der Öffentlichkeit passiert so etwas nicht. Da hat er sich sehr stark unter Kontrolle, und diese Kontrolle verlangt ihm natürlich sehr viel Kraft ab. Das führt dann eher dazu, dass er nicht mehr in der Lage ist, auf Aufforderungen zu reagieren, Antwort zu geben, wenn er etwas gefragt wird oder Entscheidungen zu treffen. Er ist dann wie erstarrt und schaut mich nur noch hilfesuchend an. Ich muss dann quasi für ihn zum Sprachrohr werden und für ihn sprechen. Manche legen ihm das als Schüchternheit aus, aber ich weiß, dass das nicht der einzige Grund ist, sondern tiefer liegt.

Wenn sich die Spirale bis zum Ende dreht, bleibt uns nicht viel anderes, als bei ihm zu bleiben, Körperkontakt anzubieten, aber ihm nicht aufzuzwingen und ihn in den Arm zu nehmen und wie ein Baby zu wiegen. Oft schläft er dann völlig erschöpft ein. Ich glaube, er klinkt sich dann einfach aus, weil er es nicht länger aushalten kann.

Manchmal gelingt es mir auch nicht, ruhig zu bleiben. Meistens dann, wenn ich selbst gestresst bin, weil ich noch etwas anderes erledigen muss, oder weil ich noch zur Arbeit muss oder ganz banal, weil ich nicht ausgeschlafen genug bin. Das sind alles Störfaktoren, die sein anstrengungsverweigerndes Verhalten sozusagen noch mehr triggern.

Gibt es etwas, was ihm besonders gut hilft, sich wieder zu beruhigen?

Wie gesagt, je ruhiger wir bleiben, desto eher kann auch er sich wieder beruhigen. Was ihm auch hilft, ist, wenn ich versuche, mit meinen Worten nach Gründen für sein Verhalten zu suchen und er einfach nur nicken oder den Kopf schütteln muss. Je eher wir dazu kommen, darüber zu reden, desto weniger verliert er sich in diesem Strudel der Verzweiflung.

Momentan sind es ja häufig die Hausaufgaben, die ihn sehr stark fordern. Dazu muss man wissen, dass er, wenn an 3 Tagen/Woche erst um 15:30 nach der Betreuung nach Hause kommt, er einfach schon sehr viel Input hatte und wir natürlich nicht gleich weitermachen können. Also bekommt er dann erstmal eine Ruhepause von ca. einer halben Stunde. Dann rufe ich ihn zu den Hausaufgaben und wir stellen uns einen Wecker für eine halbe Stunde. Da er gottseidank nicht jeden Tag neue Hausaufgaben bekommt, sondern in der Regel am Anfang der Woche eine Wochenaufgabe, können wir uns die Zeit so einteilen, dass er nicht länger als 30 Minuten arbeiten muss. Wird er in dieser Zeit fertig, wird an den anderen Tagen weiter geübt, auch ca. eine halbe Stunde, aber ich merke ganz deutlich, wenn erst einmal der Druck raus ist, dass er seine Aufgaben, die er abgeben muss, erledigt hat, dann schaffen wir unser Übepensum sehr gut. Alles, was er in der halben Stunde nicht schafft, machen wir an den folgenden Tagen.

Du Dich sehr intensiv mit dem Thema der Anstrengungsverweigerung auseinandergesetzt hast. Wie und womit hast Du das getan?  

Wie ich schon einmal gesagt hatte, habe ich noch während unserer Bewerbungsphase beim Jugendamt angefangen, alle erdenklichen Informationen rund um das Thema Adoption zu sammeln und habe jedes irgendwie interessant klingende Buch darüber gelesen.

Auch als unser Sohn schon bei uns war, haben wir über unser Jugendamt regelmäßig an Tages- und Wochenendseminaren teilgenommen, u.a. bei Irmela Wiemann, die mich bis heute sehr inspiriert und von der wir sehr viel lernen konnten. Und nicht zuletzt bin ich dann vor ungefähr zwei oder drei Jahren auch im Zuge eines Seminares auf das Buch von Bettina Bonus zur Anstrengungsverweigerung aufmerksam geworden.

Habt Ihr externe therapeutische Hilfe und Unterstützung? Wenn ja, welche?

Im Hinblick auf die Schule haben wir uns ca. 1 – 1 1/2 Jahre vor der Einschulung um therapeutische Unterstützung bemüht. Durch die Mithilfe seiner Erzieherin im Kindergarten haben wir auch sehr schnell, was außergewöhnlich ist, da die Wartezeiten erfahrungsgemäß sonst sehr lang sind, einen Therapieplatz bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin bekommen. Auch sie ist besonders geschult in der Hilfe für Pflege- und Adoptivkinder. Das ist umso erfreulicher, als dass es solche Angebote eher nicht wie Sand am Meer gibt. Mit ihrer Hilfe hat er spürbare Fortschritte im Hinblick auf sein sozial-emotionales Verhalten gemacht, auch im Hinblick auf sein Selbstvertrauen und seine Zutrauen in seine Kompetenzen.

Ich kann nur jedem in ähnlicher Situation raten, sich Hilfe von außen zu holen. Es ist eine große Erleichterung und Hilfe, wenn man nicht alles alleine mit sich und seinem Kind ausmachen muss. Wir erleben deutliche Fortschritte. Gut war, denke ich, dass wir schon recht frühzeitig mit einer Therapie begonnen haben, lange bevor es an die Einschulung ging. Wir werden die Therapie zunächst bis zum Halbjahr weiterführen und dann mit der Therapeutin zusammen entscheiden, ob es sinnvoll ist, erst einmal eine Pause einzulegen oder nicht.

Gibt es Literatur, die Du empfehlen kannst?

Wie gesagt, gelesen habe ich sehr viel, aber einige Bücher sind für mich absolut empfehlenswert nicht nur, aber gerade auch im Hinblick auf Traumatisierung und Leistungsverweigerung, wobei die Reihenfolge nichts mit einer Wertung zu tun hat:

„Survival-Tipps für Adoptiveltern“ von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon: Dieses Buch ist mir ein richtiger kleiner Schatz und Begleiter für schwierige Lebenslagen geworden. Die beiden Autoren sind nicht nur selbst Adoptiveltern, sondern auch erfahrene Psychotherapeuten. Der Titel des Buches mag im ersten Moment etwas plakativ erscheinen, wenn man jedoch die ersten Seiten gelesen hat, merkt man schnell, wie sehr das Leben mit Adoptivkindern manchmal tatsächlich einem Überlebenskampf gleichen kann. Besonders gefällt mir an dem Buch, dass man es durchaus in einem Stück lesen kann, aber auch immer wieder mal reinlesen kann, um sich wieder neu mit den Tipps, die keineswegs Patentrezepte sein wollen, auseinanderzusetzen. Die Autoren verbinden ihre wissenschaftlichen Aussagen auch immer wieder mit Szenen aus dem Alltag mit ihren Kindern oder Fallbeispielen aus ihrer Praxis. Wichtig finde ich auch immer wieder den Hinweis, dass man etwas tun kann, egal wie ausweglos oder krisenhaft die Situation auch scheinen mag.

„Mit den Augen eines Kindes sehen lernen“ von Bettina Bonus, hierbei besonders hervorzuheben, Band 1 und 2: Band 1 behandelt grundlegend die Entstehung einer Frühtraumatisierung bei Adoptiv- oder Pflegekindern, und Band 2 geht sehr explizit auf das Phänomen der Anstrengungsverweigerung ein. Sehr anschaulich beschreibt sie diese als eine der bedeutendsten Folgen einer Frühtraumatisierung. Auch dieses Buch würde ich jedem Interessierten ans Herz legen, allerdings muss man deutlich sagen, dass sich dieses Buch wie auch die „Survivaltipps“ oben besonders auf hochproblematisches Verhalten bei Pflege- und Adoptivkindern beziehen. Auch Bettina Bonus verbindet ihre fachlichen mit ihren persönlichen Erfahrungen als Ärztin und Pflegemutter.

„Adoptiv- und Pflegekindern ein Zuhause geben“ von Irmela Wiemann: ein Klassiker der Adoptionsliteratur würde ich sagen und sollte von jedem gelesen werden, der mit Adoptiv- oder Pflegekindern zu tun hat, sei es als Eltern oder professionell.

„Ratgeber Adoptivkinder: Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven“ von Irmela Wiemann: Dieses Buch sei ebenfalls erwähnt. Die Autorin hat es sich in ihrer jahrzehntelangen Arbeit mit Adoptiv- und Pflegekindern zur Aufgabe gemacht, allen am Adoptionsprozess Beteiligten Hilfestellungen an die Hand zu geben, damit möglichst gelingende Beziehungen entstehen können und das Kind trotz widriger Umstände eine gesunde Identität und die Fähigkeit zum selbstständigen bürgerlichen Leben entwickeln kann.

Was wünschst Du Joshua für die Zukunft?

Wie ich schon gesagt habe, Joshua hat ein waches Auge und ein offenes Herz für die zwischenmenschlichen Beziehungen um ihn herum. Eine Gabe die Mangelware in unserer Gesellschaft ist. Von solchen Menschen profitiert unsere Gesellschaft. Das ist meine Überzeugung.  Und so wünsche ich ihm vor allem, dass er sich diese Fähigkeit erhält. Dass er lernt, sie in positive Energie umzuwandeln und mit diesen Eigenschaften, seine Zukunft, sein Leben zu lieben und zu gestalten.

Für seine nahe Zukunft wünsche ich ihm und allen Kindern in ähnlichen Situationen oder Konstellationen, dass sie Menschen ums sich herum haben, die ihre Bedürfnisse achten, ihre Ängste ernst nehmen und ihnen in Guten wie in schlechten Zeiten zur Seite stehen. Denn das haben sie verdient!

Liebe Julia, hab an dieser Stelle noch einmal vielen lieben Dank für Deine wertvollen Impulse in den vergangenen Wochen!

Die anderen Beiträge von Julia könnt ihr hier und hier lesen. 

Und Julia’s Literaturtips findet Ihr auch in meiner Literaturliste