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Der stumme Schrei nach Hilfe

Wenn Adoptiveltern nicht sehen, dass ihr Kind Hilfe braucht

Nachdem ich mich vor zwei Wochen über die fehlende Unterstützung von Adoptivfamilien ausgelassen habe, möchte ich heute auch die Kehrseite der Medaille adressieren:

Wer ein Kind adoptiert und dies gar aus dem Ausland, ist sich meistens der Tatsache bewusst, dass diese Kinder körperliche Beeinträchtigungen haben können. Schielen, Kiefergaumenspalte, sprachliche Entwicklungsverzögerungen, Leistenbruch, Hörschäden. Das bringt ihre Lebensgeschichte bis zur Adoption mit, und je nach Herkunftsland sind diese körperlichen „Defizite“ auch die Chance, warum diese Kinder nicht im Land selbst sondern international zur Adoption freigegeben werden. Auf all diese körperlichen Beeinträchtigungen werden zukünftige Adoptiveltern vorbereitet. Ich kenne keine Adoptivfamilie, die nicht die kritische Frage „Halten Sie körperlichen Beeinträchtigungen bei ihrem Adoptivkind für zumutbar?“ beantworten musste. Und sie alle haben sie mit „ja“ beantwortet. Schließlich haben wir in Deutschland ein modernes Gesundheitssystem, das körperliche „Mängel“ beheben kann. Oft haben Adoptivfamilien Glück. Die meisten Adoptivkinder vor allem aus dem Ausland sind physisch kerngesund. Adoptivkinder mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind eher in der Minderheit. Wird ein Adoptivkind mit körperlichen Beeinträchtigungen in die Familie aufgenommen, kümmern sich alle Eltern um das Heilen und Gesundwerden.

Ein Leistenbruch oder eine Gaumenspalte lassen sich operieren und damit reparieren. Das meist mit dem richtigen Arzt auch schnell und nachhaltig. Doch tragen Adoptivkinder, die früh von ihren leiblichen Eltern verlassen wurden und die lange Zeit ihrer ersten Lebensjahren in Heimen aufgewachsen sind, noch ganz andere Verletzungen von dieser Lebensgeschichte. Durch die Trennung von der leiblichen Mutter ist ihr Urvertrauen zerstört worden, das Leben im Heim mit wechselndem und nicht immer fürsorglichem Pflegepersonal hat häufig Bindungsstörungen in vielfältiger Form verursacht. Die Seelen dieser Kinder sind meist tief verletzt. Dies ist meiner Meinung nach bei der Mehrzahl dieser Kinder so. Diese Wunden aber sind selten sichtbar. Und im Vorfeld einer Adoption wird auf diese psychischen Beeinträchtigungen kaum oder nur verhalten offensiv hingewiesen. Erst wenn die Kinder ein paar Wochen, Monate in ihren Adoptivfamilien leben, kommen diese psychischen Wunden zum Vorschein. Zunächst sind die Kinder noch in einer Anpassungsphase, in der sie alles tun, um ja ihren Adoptiveltern zu gefallen, damit sie nicht ein erneutes Mal abgegeben werden. Doch spätestens nach einem halben Jahr lassen sie die Hüllen fallen. „Selten hält es ein Kind länger als ein halbes Jahr durch, seine seelischen Wunden und sein Trauma zu verbergen.“ sagte einmal unsere Betreuerin vom Jugendamt zu mir. Dann zeigt sich das Trauma des Weggeben-worden-Seins in seiner ganzen Massivität: Wutanfälle, aggressives Verhalten, Zerstörungsdrang gegen sich selbst oder gegen andere, Distanzlosigkeit oder totale Ablehnung von körperlicher Zuneigung der Adoptiveltern, sich in den Schlaf schaukeln, Hyperaktivität, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, Essstörungen, um nur einige zu nennen.

Die meisten Adoptivfamilien setzen sich mit diesen Herausforderungen auseinander, lesen Ratgeber, lassen sich von Erziehungsspezialisten beraten, stellen ihren Lebenswandel um, suchen sich, wenn sie es alleine nicht mehr schaffen, die professionelle Hilfe von Therapeuten und Ärzten. Damit beginnt ein langsamer Heilungsprozess, an dessen Ende das Adoptivkind seine seelischen Wunden verarbeitet, eine stabile Bindung zu seinen Adoptiveltern aufbauen kann, ein gesundes Selbstgefühl entwickelt und sich sicher und geborgen fühlt. Das ist meist harte Arbeit, für das Kind und seine Adoptivfamilie, und immer ein jahrelanger Prozess mit vielen Rückschlägen, der unzählige Opfer verlangt. Doch am Ende wird die Gewissheit siegen, ein Kind in ein gesundes und beständiges Leben hineingeführt zu haben.

Zu meinem Bedauern gibt es aber auch immer wieder Adoptivfamilien, die die seelischen Wunden ihrer Kinder nicht sehen oder auch nicht sehen wollen. Ich bin mit einzelnen Fällen konfrontiert worden, in denen die Auswirkungen der psychischen Verletzungen einfach nicht wahrgenommen werden, klein geredet werden. „Er schuckelt sich eben immer noch in den Schlaf.“ sagt da eine Adoptivmutter. Das noch mehrere Jahre nach der Adoption. Aber ansonsten ist alles wunderbar und das Leben des Jungen geht unverändert weiter. Schule, dreimal die Woche Fussballtraining, Klavierunterricht, Schwimmen, jeden Abend zwei Stunden Hausaufgaben, danach zwei Stunden spielen auf dem IPad, bis der Schlaf ihn irgendwann übermannt. Die Eltern arbeiten beide Vollzeit mit vielen Abwesenheiten, das Au Pair-Mädchen übernimmt die Kinderbetreuung. In einem anderen Fall zeigt die Adoptivtochter ein unkontrolliertes aggressives Verhalten, wenn sie mit anderen Kinder zusammen spielen soll. Auch sie lebt mittlerweile seit mehreren Jahren in ihrer Adoptivfamilie. Wie aus dem Nichts schubst, tritt, beisst sie, schlägt um sich. Freunde hat sie keine. „Ja, ich weiss, manchmal ist sie im Moment schwierig. Ich weiss auch nicht, woher das kommt. Aber im Kindergarten läuft doch alles gut.“ Und auch hier wird weitergemacht, wie bisher. Die stummen Schreie der Kinder nach Hilfe werden nicht gehört. Sie werden zugedeckt unter dem Mantel der überdurchschnittlichen Entwicklung der Kinder – er kann schon Fahrradfahren, sie hat schon ihren Freischwimmer, sie ist in der Schule sehr ehrgeizig, er spielt fantastisch Klavier.

Mir tut es um diese Kinder so unendlich leid. Es könnte ihnen mit einem anderen ruhigeren Alltag und professioneller Hilfe so viel besser gehen. Aber therapeutische Hilfe mag ja oft auch als Zeichen von Schwäche gesehen werden. Vor allem aber ist es unbequem. Ich muss ja dann auch als Familie mein Leben vielleicht ändern. Auch ich habe mich lange der Illusion hingegeben, mit meinen beiden Adoptivkindern ein „normales“ Leben zu führen. Doch auch bei uns traten seelischen Wunden deutlicher auf, als wir das erahnen konnten. Auch ich habe erst versucht, diese Schwierigkeiten alleine zu lösen, bin aber schnell an meine Grenzen gestoßen. Ich habe mir professionelle Hilfe geholt, für die ich heute sehr dankbar bin. Denn auch ich als Adoptivmutter bin mit den Therapien meiner Kinder gewachsen. Die Heilung  meiner Kinder erleben zu dürfen, ist mehr als ein Geschenk. Um so mehr bin ich fassungslos, wenn ich von diesen problematischen „Fällen“ höre oder sie erlebe, in denen die Adoptiveltern einfach ihre Augen verschließen. Das ist naiv. Denn in einem späteren Alter, meist in der Pubertät passiert genau das mit diesen Kindern, was die Fachliteratur immer als „Horrorszenarien“ schildert: Sie lügen, stehlen, schlagen und prügeln sich, zerstören vor Wut die Einrichtung im Haus der Eltern, etc. Es sind diese Kinder, die die Literatur als „hochproblematisch“ bezeichnet. Doch soweit muss es meiner Meinung nach nicht kommen. Eltern können ihren Kindern helfen, frühzeitig. Doch dafür müssten sie Abschied nehmen von der Illusion, dass Adoptivfamilien ganz „normale“ Familien sind.

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Mein Gastbeitrag „Adoptieren – hat sich das alles gelohnt“ reloaded

mother and two kids walking on at sunset

Im Sommer hatte ich für Mamas unplugged eine Zwischenbilanz über unsere Adoption von Nadeschda und Maxim gezogen. Wie hat sich unser Leben auch nach Jahren verändert? Wie gehen wir mit den Höhen und Tiefen unseres Lebens als Adoptiveltern um? Wie geht es mir mit meiner Mutterrolle? Und hätte ich das alles so erwartet? Jetzt könnt Ihr meine Zwischenbilanz „Adoptieren – hat sich das alles gelohnt“ auch auf CheckMama, einer Schweizer Plattform von Eltern für Eltern lesen. Eine spannende Lektüre wünsche ich Euch!

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„Geburtserfahrungen“ einer Adoptivmutter

Lange habe ich geglaubt, das mir eine wirkliche Geburtserfahrung mit meinen Kindern fehlt. Sie sind eben auf einem anderen Wege zu mir gekommen. Da es mir in meinem Kinderwunsch nicht primär um das Schwanger werden und sein ging, sondern darum, ein Kind auf seinem Weg ins Leben zu begleiten, belastete mich der Umstand der fehlenden Geburt nicht. Erst im Laufe der Zeit, in der ich mit meinen Kindern zusammengewachsen bin und wir gemeinsam über viele Hürden gegangen sind, um eine enge Bindung zu einander aufzubauen und wachsen zu sehen, bedauere ich es hin und wieder, meine Kinder nicht geboren zu haben.

Doch nun habe ich neulich das bereichernde Buch von Sherrie Eldridge „20 Things Adoptive Parents need to succeed“ gelesen, und stieß dort auf einen spannenden Passus. Gegen Ende des Buches zieht sie die Parallelen zwischen physischer Geburt und Adoption. Wie bei einer physischen Geburt erleben Adoptiveltern, so Eldridge, genau dieselben Stadien von „Empfängnis“, „Geburtswehen“ und tatsächlicher „Geburt“. Adoptivmütter erleben eine ähnliche Euphorie, die leibliche Mütter spüren, wenn sie erfahren, dass sie schwanger sind. Adoptivmütter müssen manchmal durch Höllenqualen unterschiedlichster Art gehen, die körperlich schmerzen wie Wehen. Adoptivmütter werden genauso von einer Glückswelle übermannt wie es eine leibliche Mutter nach der Geburt, wenn sie ihr Kind endlich in den Armen halten.

Was waren meine Erinnerungen an die „Geburt“ meiner Kinder?

Im Herzen empfangen

Es war kein Bild und keine Geschichte, die uns zu unseren Kindern bewegte. Es war die kurze, aber um so überraschendere Mitteilung unserer russischen Koordinatorin auf dem Moskauer Flughafen, dass wir am folgenden Tag einen Jungen UND ein Mädchen kennenlernen würden. Vielleicht fühlte ich mich im ersten Moment so, wie man sich nach einem Schwangerschaftstest fühlt und der Arzt einem noch mitteilt, dass man Zwillinge erwartet. Ich weiß bis heute, dass ich in diesem Moment genau spürte, dass es alles so hätte sein sollen, all die Anstrengungen im vorangegangenen Adoptionsprozess, das Scheitern der ersten Adoption. Ich zögerte keine Minute, dass ich diese zwei Kinder annehmen und lieben lernen würde. – Um mich vor Enttäuschungen im weiteren Prozess zu schützen, ließ ich jedoch nicht vollends zu, dass beide Kinder schon ganz tief in meinem Herzen waren, und ich sie nicht mehr herauslassen würde. Doch im Grunde war es so. Sie wuchsen in meinem Herzen, wo sie immer bleiben würden.

Kontinuierliche Wehen bis zur Gerichtsverhandlung

Selten passiert es, dass eine Adoption kurz vor Abschluss scheitert, so wie bei uns in unserem ersten Fall. Der Schmerz ist unermesslich.

Doch allein der gesamte Adoptionsprozess ist mit Anstrengungen verbunden. Sich immer erneuten Gesprächen zur Überprüfung zu unterziehen, Gutachten erstellen zu lassen, zig Papiere und Dokumente zu besorgen, diese beglaubigen und überbeglaubigen lassen. Wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt, noch mehr Papiere beibringen, noch detaillierter die Vermögensverhältnisse darstellen, etc. etc. etc. Immer mit dem drohenden Satz der Vermittlungsagentur im Hinterkopf: „Denken Sie dran, von der Qualität der Papiere hängt die Zukunft ihre Kinder ab.“ Die nervliche Anspannung, wann kommt es endlich zu einem Gerichtstermin. Wird dieser wieder scheitern? In der Zukunft verwischen die Erinnerungen daran. Nach ein paar Jahren denke ich zwar: „Ach, so schlimm war es ja gar nicht.“ Ähnlich wie bei physischen Wehen. Die Euphorie der Geburt legt einen Schleier über die schmerzhaften Wehen des Adoptionsprozesses.

„Geburt“ meiner Kinder

Als der Richter nach einer anstrengenden und strapaziösen Gerichtsverhandlung den magischen Satz sagte: „Heute werden zwei neue Kinder geboren…“ , fühlte sich dies wie die befreiende Wirkung an, wenn die Wehen und der Schmerz endlich nachlassen, wenn man zum ersten Mal spürt, es ist vollbracht, es ist geschafft, all die Anstrengungen sind nun vorbei. Vorerst.

Der wirkliche geburtliche Glücksmoment nach der Ankunft unserer Kinder war auf dem Rückflug von Moskau nach Deutschland. Schon kurz nach dem Start des Flugzeugs waren beide Kinder ermattet aber friedlich eingeschlafen. Maxim lag in meinem Schoß, Nadeschda schlief in Richards Armen. Über unsere Kinder hinweg, sahen wir uns an. Für einen Moment fiel alle Anspannung und Last der letzten Wochen von uns. Wir spürten, wie eine Welle tiefen Glücks über uns hereinbrach und wir uns bewusst wurden: „Dies sind jetzt unsere Kinder! Für immer!“

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Mein Gastbeitrag: „Adoptieren – Hat sich das gelohnt?“

boy drawing sales report on the wall

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Unser erstes Jahr als Adoptivfamilie hatte viele Tiefen, aber auch unglaublich viele Höhen. Es war ein langer Weg, bis wir als Familie zusammengewachsen waren, bis ich mich in meiner Rolle als Mutter fand, bis meine Kinder bei uns – mit ihrem Leben in Russland und ihrer Geschichte – bei uns ankamen. Die Amplitudenausschläge noch unten und vor allem nach oben setzten sich in den Jahren danach fort. Nadine von Mamas Unplugged hat mir die Frage gestellt „Hat sich das alles gelohnt?“. Spannend darüber nachzudenken! Meine Zwischenbilanz könnt Ihr seit gestern in meinem Gastbeitrag „Adoptieren – Hat sich das gelohnt?“ lesen.

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20. Juli – Mutterliebe

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

Meine Gedanken wandern zurück zu den Tagen vor einem Jahr. Vor zwölf Monaten hatten wir in der russischen Gerichtsverhandlung Maxim und Nadeschda als unsere Kinder zugesprochen bekommen. Heute vor einem Jahr flogen wir zurück nach Deutschland, um in Windeseile die Vorbereitungen für die Ankunft unserer Kinder zu treffen. Kurze Zeit darauf holten wir unsere Kinder aus dem Kinderheim in Russland ab und begannen unser Leben als Familie.

Es ist erst ein Jahr her. Dennoch fühlt es sich so an, als lebten Maxim und Nadeschda schon so viel länger bei uns. Viel war passiert in den vergangenen zwölf Monaten, die Ereignisse, Freuden, Erfolge, Herausforderungen und auch Schicksalsschläge im großen wie im Kleinen ließen unsere gemeinsame Zeit um ein vielfaches länger erscheinen: Die vielen ersten Male aus Kindesaugen, das stetige Herannähern an eine organische Routine in unserem Alltag, Nadeschdas Zöliakie Erkrankung, Maxims Eintritt in den Kindergarten, Renates Krankheit und Tod, Maxims Sprechen, der Bruch mit meiner Familie, alte und neue Freundschaften, das Entstehen einer stabilen Eltern-Kind Beziehung. Wir vier waren einen langen Weg gegangen. Manchmal war er steinig, manchmal beflügelnd.

Wir wussten, dass wir auch nach zwölf Monaten noch nicht am Ziel waren. Unser Weg wird weitergehen, und auch in der Zukunft Hürden, Steigungen, aber vor allem glückliche Momente und unzählige erinnerungswürdige Ereignisse für uns bereit halten. Im Sinne eines Ankommens denke ich, haben wir nach diesen ersten zwölf Monaten, den richtigen Pfad gefunden, um als Familie weiter zusammenzuwachsen, unseren Kindern gute und fürsorgende Eltern zu sein, uns in unseren Rollen als Mutter und Vater weiter einzurichten und einen guten Umgang mit unserem Umfeld zu finden. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich für mich sagen kann: „Ja, jetzt bin ich als Mutter endgültig angekommen. Ich habe das Ende meines Weges erreicht. Jetzt habe ich meinen Platz gefunden.“

Entscheidend ist jedoch, dass in mir in den vergangenen zwölf Monaten die bedingungslose Liebe für Maxim und Nadeschda gewachsen ist, die sie beide so sehr brauchen und verdienen. Ich liebe diese beiden wunderbaren Geschöpfe. Sie sind das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Sie geben meinem Leben einen Sinn. Sie lassen mich ein großes Stück weit mehr zu mir finden. Sie treiben mich an meine Grenzen und lassen mich neue Seiten an mir entdecken. Vor allem haben sie mich gelehrt, dass Mutterliebe nicht aus den Genen kommt. Liebe muss nicht biologisch sein. Und während die Bilder des vergangenen Jahres in meinem Kopf vorbeiziehen, huscht ein Lächeln über mein Gesicht und ich denke bei mir: So fühlt sich Mutterliebe an! So fühlt sich Mutterglück an!

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Liebster Award – Das „Alles Familie?!“-Spezial

Happy family together, parents with their little child at sunset.

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Vor einiger Zeit hat Tina vom Blog „Von Wünschen, von Kindern und von Eltern“   mich zu einem ganz besonderen Liebsten Blog Award nominiert: Das „Alles Familie?!“ – Spezial. Welch fantastische Idee, den Blog-Award so zu nutzen. Ich danke ihr von Herzen für meine Nominierung und mache natürlich gerne mit. Ich folge auch ihrem Blog und finde ihre Familien-Entstehungsgeschichte ganz berührend. Sie adressiert dabei einen Weg der Familienbildung, der bisher in meinen Augen wenig in der Öffentlichkeit, vor allem aus Sicht der „Betroffenen“ thematisiert wird.

Da Ihr alle sicherlich den Liebsten Award kennt und es müssig ist, den Ablauf und die Regeln immer wieder erst zu lesen, gehe ich direkt zu meinen Antworten auf Tinas spannende Fragen über:

1. Gehört/e der Wunsch, schwanger zu sein, zu Deinem Kinderwunsch?

Spannenderweise nein. Um ehrlich zu sein, war auch die Vorstellung, die ersten ein, zwei Jahre mit einem Baby und Kleinkind zu verbringen, nicht sonderlich erstrebenswert für mich. Erst heute, nachdem ich erfahren habe, wie wichtig diese allererste Zeit zwischen Mutter und Kind ist, um ein gesundes Urvertrauen entstehen zu lassen, was meine Kinder aufgrund ihrer Geschichte vermissen, wünschte ich mir, ich hätte diese Zeit mit meinen Kindern gehabt. Aber eine Schwangerschaft vermisse ich nach wie vor nicht.

2. Wie lange ist/war Dein Kinderwunschweg?

Wir waren alles in allem ca. zwei Jahre in einer klassischen Kinderwunschbehandlung, bevor wir uns für den Weg einer Adoption entschieden.

3. Wann sollte der Weg zu Ende sein?

Die Frage hat sich während der Behandlung nicht gestellt. Wir waren bereit für drei Versuche, vielleicht mehr, wussten aber beide, dass es keine zehn Versuche werden. Es war dann ein Gefühl, dass vor allem in mir mit jedem Versuch wuchs, dass der reproduktionsmedizinische Weg nicht der richtige für uns ist.

4. Welche Wege, ein Kind zu bekommen, schließt Du für Dich (!) aus?

Gegen Ende der Kinderwunschbehandlung, nach der zweiten Fehlgeburt habe ich mir therapeutische Hilfe gesucht und dabei auch andere Wege der Kinderwunscherfüllung beleuchtet. Ungeachtet dessen, dass Eizell- oder Samenspende „unser Problem“ nicht gelöst hätten, fühlten sich alle Möglichkeiten einer reproduktionsmedizinischen Behandlung für mich und meinen Mann nicht mehr richtig an. Mir war nicht geheuer, in den natürlichen Lauf der Dinge einzugreifen. Mit Hormonen meinen Körper aufzublasen, die Eizellenproduktion zu potenzieren und in einem Reagenzglas Samen und Ei zusammenzubringen, was in meinem Körper nicht funktionieren wollte. Es kam mir vor, als würden wir in die Schöpfung eingreifen. – Ausschlaggebend war sicherlich auch, dass es uns ja nicht darum ging, schwanger zu werden. Wir wollten eine Familie zu gründen und ein Kind ins Leben hinein begleiten.

5.Sprecht Ihr über diese Wege und seid Ihr Euch über diese Wege immer einig/gewesen?

Ja.

6. Wie hast Du/Könntest Du Dich entscheiden, ein Kind zu bekommen, dass genetisch nicht oder nur zum Teil von Euch stammt?

Eine Adoption erschien uns der einzige verantwortungsbewusste Weg zu sein, uns unseren Wunsch nach einer Familie und Kindern, den wir ein geborgenes Zuhause geben können, zu erfüllen. Er war für uns der einzig sinnvolle Weg, nicht zuletzt auch, da es so viele Kinder gibt, die fürsorgliche Eltern suchen.

7. Würdest/Wirst Du es Deinen Kindern sagen?

Ja, natürlich. Unsere Adoptionsgeschichte gehört zu unserem Alltag und unsere Kinder haben einen natürlichen Umgang damit.

8. Hättest/Hast Du Angst davor, dass Dein Kind eines Tages nach seinen genetischen Wurzeln suchen wird?

Sie werden sicherlich irgendwann einmal nach ihren Wurzeln suchen wollen. Dessen bin ich mir sicher. Angst habe ich davor nicht. Ich bin ihre Mutter, die immer für sie da ist, und das wissen sie. Schon heute treffen wir Vorkehrungen, um ihnen später diese Suche zu ermöglichen. Beide Kinder haben zum Beispiel ein Sparbuch, das für eine solche Reise da ist, und wir pflegen den Kontakt, teilweise sehr intensiv zu anderen Adoptivfamilien und ihren Kindern, damit sie, wenn sie ihre Wurzeln ohne uns Eltern suchen wollen,  die Unterstützung von Freunden mit dergleichen Geschichte haben.

9. Wem würdest Du/hast Du von der Entstehung Deiner Familie erzählen/erzählt?

Spannende Frage. Unserem engsten sozialen Umfeld, Freunden und Familie haben wir natürlich davon erzählt. Auch Ärzte, Therapeuten sowie Lehrer und Erzieherinnen im Kindergarten wissen um unsere Familiengeschichte, soweit es für das Zusammensein und Erziehen unserer Kinder wichtig ist. In allem übrigen halten wir uns inzwischen bedeckt. Denn unsere Kinder sind langsam auch in einem Alter, in dem sie selbst entscheiden sollen und wollen, wem sie von ihrer Adoption erzählen. Mehr dazu könnt Ihr auch in meiner Kolumne „Manchmal ist es besser zu schweigen…“ nachlesen.

10. Wer wir sind: Erworben oder vererbt?

Eine gewisse Basis wird mit Sicherheit vererbt. Doch was dann im Konkreten daraus entsteht, ist meiner Meinung nach alles Nachahmung und soziale Prägung. Es war nicht nur Fügung des Schicksals, sondern die natürliche Folge des Zusammenseins mit unseren Kindern, dass sich nach ein paar Jahren immer mehr die Kommentare häufen: „Eure Kinder sehen Euch so ähnlich. Man könnte meinen, es sind Eure leiblichen.“

11.Gleicher Tag, gleiche Uhrzeit: Was machst Du in genau 10 Jahren gerade?

Ich sitze auf der Terrasse eines Hotels im südlichen Russland und genieße die Nachmittagssonne. Ich freue mich darüber, dass meine Kinder die Pubertät unbeschadet durchlebt haben und wir in diesem Moment gemeinsam nach ihren Wurzeln suchen und sie ihre russische Heimat kennenlernen.

So, jetzt seid Ihr dran. Um Tinas Idee dieses Liebsten Award „Alles Familie!?“ weiterzutragen, nominiere ich:

Mit Hilfe einer Leihmutter zum Wunschkind

Patchworkdeluxe

ninshikey.de 

Mission Little TC

Nach Regen kommt eben Sonnenschein 

und in logischer Konsequenz übernehme ich auch Tinas Fragen:

  1. Gehört/e der Wunsch, schwanger zu sein, zu Deinem Kinderwunsch?
  2. Wie lange ist/war Dein Kinderwunschweg?
  3. Wann sollte der Weg zu Ende sein?
  4. Welche Wege, ein Kind zu bekommen, schließt Du für Dich (!) aus.
  5. Sprecht Ihr über diese Wege und seid Ihr Euch über diese Wege immer einig/gewesen?
  6. Wie hast Du/Könntest Du Dich entscheiden, ein Kind zu bekommen, dass genetisch nicht oder nur zum Teil von Euch stammt?
  7. Würdest/Wirst Du es Deinen Kindern sagen?
  8. Hättest/Hast Du Angst davor, dass Dein Kind eines Tages nach seinen genetischen Wurzeln suchen wird?
  9. Wem würdest Du/hast Du von der Entstehung Deiner Familie erzählen/erzählt?
  10. Wer wir sind: Erworben oder vererbt?
  11. Gleicher Tag, gleiche Uhrzeit: Was machst Du in genau 10 Jahren gerade?

Teilt Euren Weg, Familie zu werden oder Familie geworden zu sein, mit uns und anderen. Nur so können all die Frauen da draußen, die sich mit einem unerfüllten Kinderwunsch quälen und sich nicht trauen, ihre Sorgen und Ängste, und vor allem ihre Hilflosigkeit zu adressieren, erfahren, dass es egal ob medizinisch oder anders meistens Wege gibt, eine Familie zu werden. Mir hat das damals die meiste Kraft gegen: Mich der Hilflosigkeit und Ohnmacht zu entziehen und zu realisieren, dass ich in der Wahl des Weges zur Erfüllung unseres Kinderwunsches autonom bleiben kann.

Viel Spass beim denken, schreiben und bloggen! Ich freue mich, von Euch zu lesen.

Charlotte

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Adoptivfamilien – die kleine zweite Klasse?

Von Fallzahlen und dem fehlenden politischen Willen

Young manager

Mit freundlicher Unterstützung von fotolila

Im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarländern wie Frankreich und Italien oder Nordamerika ist Deutschland Entwicklungsland in Sachen Adoptionen. In Bezug auf Auslandsadoptionen immer noch eher „Unterentwicklungsland“. Warum ist das so? Lest mehr in meiner aktuellen Kolumne: „Adoptivfamilien – die kleine zweite Klasse? – Von Fallzahlen und dem fehlenden politischen Willen“