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Adoptivfamilien – die kleine zweite Klasse?

Von Fallzahlen und dem fehlenden politischen Willen

Young manager

Mit freundlicher Unterstützung von fotolila

Im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarländern wie Frankreich und Italien oder Nordamerika ist Deutschland Entwicklungsland in Sachen Adoptionen. In Bezug auf Auslandsadoptionen immer noch eher „Unterentwicklungsland“. Warum ist das so? Lest mehr in meiner aktuellen Kolumne: „Adoptivfamilien – die kleine zweite Klasse? – Von Fallzahlen und dem fehlenden politischen Willen“

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Von der Anstrengung, Adoptivmutter zu sein…

Die amerikanische Journalistin Tina Traster hat mit „Rescuing Julia Twice“ ein bewegendes Buch über die Adoption ihrer Tochter aus Sibirien geschrieben. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich so berührt hat. Meine Gedanken dazu lest Ihr heute in meiner aktuellen Kolumne: „Von der Anstrengung, Adoptivmutter zu sein – Gedanken zu Tina Traster‘s Buch „Rescuing Julia Twice“.

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11. November – Nadeschdas Biopsie

Mit jeder neuen Erfahrung wird man gelassener. Vermeintlich. Manchmal zumindest. Und ich spüre, wie ich immer dann, wenn ich unter Druck gerate und die Anspannung nahezu unerträglich wird, in meinen Organisationsmodus verfalle. Dies scheint meine Überlebensstrategie zu sein. Sie war es auch, die mir durch die zurückliegenden 24 Stunden geholfen hat. Jetzt, da ich abends hier Zuhause wieder sitze und schreibe, merke ich, dass auf die weichende Anspannung die totale Erschöpfung folgt. Ich bin müde und erschlagen, kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Aber nun gut, morgen ist ein neuer Tag und vielleicht kehrt etwas Energie nach einer ruhigen Nacht zurück. – Seit heute mittag sind Nadeschda und ich aus dem Krankenhaus zurück. Gestern morgen fand ihre Biopsie statt. Zur Sicherheit blieben sie und ich für eine Nacht zur Beobachtung in der Kinderklinik. Oberflächlich betrachtet ist alles gut gelaufen, ohne Komplikationen. Doch unter der Oberfläche waren die vergangenen zwei Tage eine harte Geduldsprobe.

Ein Taxi brachte Nadeschda und mich gestern morgen in die Kinderklinik. Nach der Aufnahme auf der Station richtete ich Nadeschda und mich in unserem Zimmer häuslich ein. Stumm ließ sie alles geschehen. Wenn sie Angst hatte, dann zeigte sie es nicht. Denn weder weinte sie, noch klammerte sie sich an mich. Was sie für gewöhnlich tat, wenn ihr Situationen fremd und nicht geheuer waren. Danach zog ich sie für den Eingriff um und gab ihr das Beruhigungsmittel, das die Schwester mir gebracht hatte. Brav ließ sich Nadeschda in ihr Bett legen und dämmert schnell vor sich hin. Nur meine Hand hielt sie ganz fest. Selbst die Fahrt in ihrem Bett in den Behandlungsbereich bekam sie nicht mehr mit. Dort empfingen uns der Kinderarzt und der Anästhesist mit zwei Schwestern, die unmittelbar routiniert, professionell und zügig begannen, den Eingriff vorzubereiten. Es mutete fast nach Fließbandarbeit an. Nadeschda wurde auf den Behandlungstisch umgebettet, verkabelt, der Zugang gelegt und die Narkose verabreicht. Ich durfte in einer Ecke des Raums Platz nehmen und von dort beobachten. Ständig hatte ich das Gefühl, dass Nadeschda gleich wieder aufwachte, in die Augen des mit Mundschutz maskierten Kinderarztes entsetzt starren und laut anfangen würde zu brüllen. Doch sie war in eine andere Welt geschickt worden, in der sie von all dem, was man ihr nun durch den Mund einführte nichts mitbekam. Der Anblick der Untersuchung, meines schlafenden Kindes, mit der Mikrosonde in seinem Bauch und der kleinen Zange am Kopf des Endoskops, die sich zügig die Gewebeproben aus Nadeschdas Darm nahm, war für mich nur schwer zu ertragen.  Ich hatte ein Kratzen im Hals, ein Rumoren in der Bauchgegend und musste gegen ein immer wiederkehrendes Bedürfnis zu Würgen ankämpfen. Es schien, als würde ich mich an meiner Tochter statt innerlich gegen die Instrumente in ihrem Körper wehren. Als für mich der Moment des Unerträglichen gekommen war, und ich mich hart kontrollieren musste, nicht in die Untersuchung einzugreifen, zog der Kinderarzt das Endoskop wieder aus Nadeschdas Körper, kontrollierte die Monitore und erklärte die Biopsie für abgeschlossen. Einen ersten Befund würde er uns auf unserem Zimmer geben. Alle verließen den Raum, nur eine Schwester blieb bei uns und wartete mit mir, bis Nadeschda wieder aufwachte. Die Minuten schlichen dahin und schon machte sich erneute Sorge bei mir breit, diesmal, dass mein Kind nun gar nicht mehr aufwachen würde. Doch wenige Augenblicke später machte Nadeschda die Augen auf. Sie guckte mich ungläubig an, starrte im Behandlungsraum umher und begann verunsichert zu weinen, als sie den Zugang an ihrem Handgelenk entdeckte. Ich versuchte sie unbeholfen zu trösten, aber sie ließ sich wieder zurück in ihr Bett fallen, drehte sich um, und schlief jammernd wieder ein. Behutsam brachte die Schwester uns nach einer Weile zurück in unser Zimmer. Nadeschda schlief weiter einen unruhigen Schlaf. Ob dies die Nachwirkungen der Narkose waren? Ob es Schmerzen waren, die sie doch quälten? Ob es alte Erinnerungen an vorangegangene Krankenhausaufenthalte waren, die durch die Kinderklinik wieder wachgerufen worden waren? Oder lediglich die körperliche Erschöpfung von den Medikamenten? Ich saß in unserem Zimmer, beobachtete sorgenvoll meine schlafende Tochter und wartete, während mich die Angst umtrieb, wie sie den Eingriff nun überstanden hatte. Der Kinderarzt riss mich aus meinen Gedanken. Die Biopsie sei gut verlaufen, Schmerzen im Darm dürfte Nadeschda nicht haben, ihr unruhiger Schlaf sei nur die Nachwirkung der Narkose und der körperlichen Erschöpfung aus dem Eingriff. Dies sollte sich aber nach ein bis zwei Stunden legen. Viele Auffälligkeiten habe er in Nadeschdas Darm nicht gesehen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass die Zöliakie noch nicht weit fortgeschritten und damit auch schnell in den Griff zu bekommen sei. Sollte sich Nadeschda nun in den nächsten Stunden von dem Eingriff erholen, dürften wir morgen wie geplant wieder nach Hause.

Nach gut zwei Stunden wachte Nadeschda auf. Immer noch guckte sie ungläubig im Zimmer umher. Der Zugang störte sie. Doch sie schien schnell zu verstehen, dass es zwecklos war, sich gegen ihn zu wehren, geschweige denn ihn selbstständig herauszuziehen. Bald ließ sie von ihm ab und schien sich ihm wie auch ihrem Schicksal mit mir in diesem Krankenhauszimmer zu ergeben. Zum Glück kamen bald Richard und Maxim zu Besuch. Und wir vier taten das, was wir immer in emotional angespannten Situationen taten: Spazierengehen. Wir zogen Nadeschda warm an, legten sie mit einer Decke in den Kinderwagen. Maxim hatte sein Laufrad dabei und so erkundeten wir die Umgebung um das Krankenhaus. Die frische Luft tat uns allen gut. Abends durfte Nadeschda wieder etwas essen und vor allem ihre Milch trinken. Fast glücklich und vor allem erschöpft schlief sie früh ein. Die Nacht verlief ruhig. Und nachdem Nadeschda wieder Stuhlgang und kein Fieber bekommen hatte, durften wir heute mittag zurück nach Hause. Der Termin für die Befundbesprechung würde in fünf Tagen stattfinden.

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7. Oktober – Maxim „rebelliert“

Mit der wachsenden Besorgnis um Nadeschdas Gesundheitszustand nehmen auch Maxims Tobsuchtsanfälle zu. Er will nicht aufs Klo gehen, alleine schon einmal gar nicht und auch in Begleitung nur unter Zwang. Was natürlich nicht funktioniert, denn wie soll er seine Blase entleeren, wenn er sich bocksteif macht und damit schon wieder halb von der Toilette fällt? Dafür geht inzwischen regelmässig das Pipi in die Hose und auch das große Geschäft landet meist mittags oder dann über Nacht in der Windel. Das führt immer wieder zu großen Sauereien, die mich an den Rand meiner Nerven bringen und unserer Waschmaschine den endgültigen Exodus bescheren. Nach zehn Wochen mit täglich mindestens zwei Wäschen hat sie zu Beginn der Woche kapituliert. Zum Glück können wir kurzfristig auf Omas Waschmaschine nebenan ausweichen und die neue Maschine wird morgen geliefert.

Neben dem Toilettenthema lässt Maxim sich nicht die Zähne putzen, er lässt sich nicht waschen und nicht anziehen. Jegliche Routine oder Disziplin münden in einen Tobsuchtsanfall mit häufig lang anhaltenden Weinanfällen. In den Arm lässt er sich nicht nehmen, dann schlägt er auf mich ein und schreit. Den Raum zu verlassen hilft auch nicht mehr, dann schreit er nur noch lauter. Manchmal dauert es bis zu einer Stunde, bis er sich wieder beruhigt. Zum ersten Mal empfinde ich das tägliche Zusammensein mit den Kindern als richtig anstrengend. Und ehrlich gesagt fühle ich mich oft überfordert. Immer mehr habe ich das Gefühl, dass ich vor allem auf Maxims Tobsuchtsanfälle nicht richtig reagiere. Viel zu oft steige ich selbst voll auf sein Drama mit ein. Seitdem ich in meiner ersten Verzweiflung „Survival Tipps für Adoptiveltern“ gelesen habe, weiß ich zumindest, dass ich seinen Tanz nicht mittanzen sollte. Was auch immer sein „Tanz“ in diesem Moment ist? Das kann ich immer noch nicht erkennen. Aber ich sehe seine Einladung deutlich vor mir. Auch wenn ich mich innerlich dagegen auflehne, so steige ich doch immer wieder auf Maxims Aufforderung zum Tanz mit ein. Dann tanzen wir minutenlang, bis ich abrupt abbremse, aussteige und ihn in seiner Wut, in seinem Zorn und in seiner Verzweiflung alleine zurücklassen muss. Auch wenn er dann noch lauter und hilfloser weint, ist das der einzige Weg, diesen Tanz zu beenden. Und mich vor mir selbst und meinem eigenen Kontrollverlust zu schützen.

Irgendwann beruhigt sich Maxim, doch mir geht es meist danach schlecht, schlechter als es mir ohnehin schon ging. Ich habe das Gefühl, den Bedürfnissen meiner beiden Kinder nicht gewachsen zu sein. Ich habe ständig Angst, etwas falsch zu machen. Ich glaube, ich bin eine schlechte Mutter. Ich fühle mich alleine und hilflos.

Etwas Ruhe, eine kleine Auszeit wäre jetzt hilfreich. Doch die bisher heiligen Mittagspausen mit einen friedlichen Mittagsschlaf beider Kinder werden weniger. Mit Absetzen des Epilepsie Medikaments scheint Maxim deutlich weniger Schlaf zu brauchen. Somit wird der mittägliche Gang ins Bett wieder zu einer Herausforderung. Auch heute ist wieder einmal nicht an eine ruhige Mittagspause zu denken. Nadeschda schläft. Aber Maxim beschäftigt sich mit irgendetwas im Kinderzimmer. Zum Glück nicht mehr so laut, aber auch nicht zu leise, dass man den Unsinn wahrlich flüstern hören kann, wie noch vor einer halben Stunde. Aber mal sehen, welche Überraschung er nachher für mich bereithält. Denn vorhin wurde es nach viel Rumoren plötzlich ganz still im Kinderzimmer. Misstrauisch habe ich dann doch einmal geschaut. Von angemalten Lampen und Wänden bis hin zu Windeln, die in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt worden waren, denkt Maxim sich in den letzten Tagen immer wieder neuen Unsinn aus, mit dem er seine Mittagspause verbringen kann. Alles ist möglich, außer natürlich zu schlafen. Dummerweise findet er heute das Reisewaschzeug der Kinder im Kleiderschrank und holt es sich auch mit Hilfe eines Stuhls. Dies packt er aus, probiert die Zahnpasta, und schamponiert dann sich – und Teile des Kinderzimmers – von Kopf bis Fuß ein. Er hält gerade die Körperlotion in der Hand, als ich die Zimmertüre öffne. Grinsend schaut er hoch und zeigt mir sein Werk. Ohne ein Wort zu sagen, nehme ich ihn einfach und stelle ihn so wie er ist unter die Dusche. Er ist so überrascht, dass er keinen Widerstand leistet. Nachdem ich ihn geduscht und abgetrocknet habe, lässt er sich sogar von mir ins Bett legen und beginnt, sich ein paar Bilderbücher anzusehen. Ich gehe wieder nach unten, wohlwissend, dass noch eine Menge Duschgel und Seife auf mich oben warten. Doch der Rest des Chaos beseitige ich heute nachmittag. Auch wenn Maxim nun das Kinderzimmer weiter auseinandernimmt; jetzt habe ich Pause!

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16. September – Erstes Ankommen als Adoptivmutter und Mutter?

Nach sieben Wochen scheint es, als käme ich langsam ein kleines Stück in meiner Mutterrolle an. Mit klaren Regeln und einem strikten Tagesablauf als Basis kommen wir drei – Maxim, Nadeschda und ich – immer besser zurecht. Die Kinder und ich brauchen diese feste Struktur, um gut durch jeden einzelnen Tag zu kommen. Das ist es, was unser Zusammensein und unser Auftreten in unserem Umfeld so natürlich und selbstverständlich aussehen lässt. Eine Freundin sagte neulich zu mir: „Man könnte meinen, es wären Deine leiblichen Kinder und Du wärest schon seit Jahren in diese Rolle hineingewachsen.“ Auch auf dem Begrüßungsfest im Kindergarten vor 10 Tagen gab es ein paar Mütter, die mitbekommen hatten, dass wir anders Eltern geworden waren, und die über unseren Umgang mit Maxim und Nadeschda sehr überrascht waren. „Die beiden sind erst seit sechs Wochen bei Euch?“ Mit einem Gesichtsausdruck, der stumm hinzufügte: „Das kann ich ja gar nicht glauben.“ Noch fällt es mir schwer, diese Reaktionen als ein Kompliment aufzufassen. Selbst die Bemerkung einer Erzieherin aus dem Kindergarten „Und dann gleich zwei Kinder auf einmal!“ tue ich mit den Worten ab „Ich weiß ja nicht, wie es mit einem Kind wäre.“ Wie leicht scheint es nach außen zu wirken, mit diesen zwei Kindern zusammenzuwachsen. In mir drin tobt hingegen eher ein fast täglicher Kampf gegen meine eigenen Zweifel, ihnen wirklich eine gute Mutter zu sein, eine besondere Mutter zu sein. Denn diese Kinder fordern eine außergewöhnliche Mutter. Doch das beginne ich erst langsam zu realisieren.

Genauso bringt jeder Tag ein Stück weit mehr Vertrautheit zwischen den Kindern und mir. Ich kann Maxims Tobsuchtsanfälle besser einordnen. Es gelingt mir, etwas ruhiger zu reagieren. Oder ihm in liebevoller Konsequenz zeigen, dass er keine Chance hat, seinen Willen gerade durchzusetzen. In den letzten Tagen hat er begonnen, sich gegen jede Form der Disziplin, die in irgendeiner Weise mit den Relikten aus dem Kinderheim zu tun hat, aufzulehnen: Beim Essen stochert er lustlos in den Speisen auf seinem Teller herum oder malträtiert diese gewaltsam mit der Gabel. Das Händewaschen dauert meist fast eine halbe Stunde, da Maxim erst einmal eine gute Weile bockig mit verschränkten Armen vor dem Waschbecken steht und sich keinen Zentimeter bewegt. Das Zubettgehen mittags oder abends verläuft ähnlich schwierig. Mit enormer Kraftanstrengung versteht er es, zu verhindern, dass ich ihn ausziehen, geschweige denn waschen oder ihm die Zähneputzen kann. Tobsuchtsanfälle stehen somit auf der Tagesordnung. Doch inzwischen wird dies durch mindestens genauso viele schöne und harmonische Momente aufgewogen. Die Augenblicke, in denen Maxim mir unvermittelt um den Hals fällt und mich ganz fest drückt oder in denen er sich abends beim Vorlesen an mich kuschelt oder er meinen Schutz in fremder Umgebung sucht. Nadeschdas Entwicklung zu sehen, wie sie sich diebisch freut, wenn sie die ersten Treppenstufen erklommen hat; sie beim Rumtoben lachen zu hören; zu merken, wie auch sie immer wieder meine Nähe sucht, von meinem Arm gehalten werden will und sich ihr weiches Gesicht an meinen Hals schmiegt. Auch Maxim macht riesige motorische Fortschritte. Immer mehr lebt er seinen Bewegungsdrang aus. Er lernt Laufrad fahren und freut sich ungemein, als er endlich – nach nur einer Stunde!- raushat, wie es funktioniert. Unser Bewegungsradius bei unseren fast täglichen Spaziergängen hat sich mit dem Laufrad enorm vergrößert und beschert uns dreien wunderbare entspannte Nachmittage. Für Nadeschda ist es schön, da sie friedlich im Kinderwagen sitzen kann und dennoch viel sieht und mitbekommt – Pferde, Kühe, Blumen und Traktoren bei der Erntearbeit. Manchmal klettert sie aus dem Wagen und läuft ein Stück. Maxim zeigt ihr dann Steine und Blumen auf dem Weg. Gestern stellte er sich mitten auf den Feldweg, breitete seine Arme aus und forderte Nadeschda damit auf, in diese zu laufen. Ohne dass er einen Laut von sich gab, verstand sie ihn und folgte seiner Aufforderung. Jauchzend fielen sie sich in die Arme und in meinem Mutterherz öffneten sich große Schleusen, die das Glück hinein fließen ließen. Eine kleine leise Stimme in mir sagt in diesem Momenten: „Das sind meine Kinder!“

Unser Adoptionsabenteuer

iStock_000015941675_LargeAn dem Tag, an dem wir Maxim und Nadeschda in Russland abholten, war ein Jahr vergangen, seitdem Richard und ich den wenig beschrittenen Weg gewählt hatten, eine Familie mit der Adoption eines Kindes aus Russland zu gründen. Hinter uns hatten zuvor Jahre der Behandlung in einem der vielen Kinderwunschzentren, viele gescheiterte Versuche künstlicher Befruchtung, zwei Schwangerschaften und zwei Fehlgeburten gelegen. Nach der zweiten Fehlgeburt war uns klar: Dies war der falsche Weg für uns. Das Schicksal wollte es, dass wir den richtigen Impuls zur richtigen Zeit bekamen: Immer häufiger begegnete uns die Idee der Adoption eines Kindes. Es tat gut, zu lernen, dass es auch andere Wege gibt, unseren Kinderwunsch zu erfüllen. Wir fühlten uns in der Gestaltung unserer Zukunft als Familie wieder autonom und unabhängig. Und die Adoption eines Kindes erschien uns in dem Bewusstsein sinnvoll, dass es so viele Kinder auf der Welt gibt, die nach fürsorglichen Eltern und einem Zuhause suchen.

Unser Weg zur Auslandsadoption

Da wir wussten, dass unsere Chancen auf eine Säuglingsadoption im Inland schlecht standen, konzentrierten wir uns sehr schnell auf die Adoption eines Kindes aus dem Ausland. Unterschiedliche Faktoren leiteten unsere Länderwahl. Wir wollten eine gesicherte Rechtslage für das Verfahren, da wir es vor unserem Gewissen und unserem zukünftigen Kind nur verantworten konnten, auf legalem Wege zu adoptieren. Wir wünschten uns einen zeitlich überschaubaren Adoptionsprozess, da wir nicht mehr bereit waren, uns auf eine lange, zähe und ungewisse Wartezeit von mehreren Jahren einzulassen. Wir trauten uns nicht zu, die Adoption im Ausland auf eigene Faust durchzuführen, sondern wollten uns von einer etablierten Vermittlungseinrichtung helfen lassen. Und schließlich sollte das Herkunftsland unseres Kindes eines sein, zu dem wir in irgendeiner Form selbst eine emotionale Beziehung aufbauen konnten. Russland erfüllte all diese Kriterien für uns. Das Adoptionsverfahren war geregelt und juristisch verlässlich, die Wartezeiten mit ein bis zwei Jahren realistisch und tragfähig. Eine zertifizierte Vermittlungsagentur gab es auch. Die Nähe Russlands zu unserem Kulturkreis und die gemeinsamen historischen Wurzeln erleichterten uns die Auseinandersetzung mit diesem Land, seinen Menschen, seiner Geschichte und seiner Kultur, und erfüllte uns mit Spannung und Neugier.

Der erste Kindervorschlag

Der Überprüfungsprozess durch die Vermittlungsstelle lief zügig und schnell. Bereits ein halbes Jahr nach unserem ersten Gespräch war unser Sozialbericht erstellt. Nach vier Wochen hatten wir alle Dokumente zusammen, die wir für das Adoptionsverfahren in Russland benötigten. Nach weiteren sechs Wochen kam die E-mail: „Wir haben einen Kindervorschlag für Sie.“ Eine Woche später flogen Richard und ich zum ersten Mal nach Russland, um unser Kind kennenzulernen. Informationen über das Kind hatten wir keine. Wir wussten nur, dass in einem Kinderheim im Süden Russlands ein ein bis drei Jahre altes Kind auf uns wartet. – Sergej war ein munteres, aufgewecktes Kerlchen von knapp drei Jahren. Nachdem wir ihn dreimal im Kinderheim besucht hatten, waren wir uns gewiss, dass das Schicksal uns zu diesem Kind geführt hatte und uns helfen werde, Sergej als unser Kind zu lieben und mit ihm zu einer Familie zusammenzuwachsen. Wir stellten noch vor Ort den Adoptionsantrag und warteten auf die Gerichtsverhandlung. Zu dieser sollte es aber nicht kommen. Zwei Tage vor unserem Abflug zur Gerichtsreise kam der Telefonanruf von unserer Vermittlungsstelle, der all unsere Wünsche, Pläne und Hoffnungen zunichte machte. Sergej‘s Großmutter hatte sich in letzter Minute entschieden, ihn zu sich zu nehmen. Unser Verfahren war gestoppt. Dennoch sollten wir nach Russland fliegen, um ein neues Kind, einen Jungen ähnlichen Alters wie Sergej, kennenzulernen. Wir hatten eine Stunde Zeit, uns zu entscheiden.

Wir flogen nach Russland. Am Flughafen in Moskau lernten wir von unserer Koordinatorin, dass es bei einer von dreihundert Adoptionen passierte, dass sich die Verwandten im Angesicht eines unwiderruflichen Gerichtsurteils zu einer Adoption dazu entschließen, das Kind doch zu sich nehmen. Und im Nachsatz fügte sie hinzu: Wir sollten uns darauf einstellen, dass uns am kommenden Tag das  Erziehungsministerium ein Geschwisterpaar vorgeschlagen werde. – Die Achterbahnfahrt ging weiter. Natürlich hatten Richard und ich uns immer mehr als ein Kind gewünscht. Doch irgendwann waren wir an den Punkt gekommen, zu realisieren, dass schon ein einziges Kind mehr als ein Gottes Geschenk ist. Sollten wir nun tatsächlich die Chance bekommen, gleich zwei Kinder adoptieren zu dürfen?

Maxim und Nadeschda – unsere Kinder?

Es war ein Tag im April, als wir unseren Kindern zum ersten Mal begegneten. Maxim war zu diesem Zeitpunkt zwei einhalb Jahre alt, Nadeschda gerade ein Jahr alt geworden. Ihr Leben bis zu diesem Tag war kein leichtes gewesen. Ihre soziale Biografie war traurig und ihre medizinischen Diagnosen teilweise gravierend, aber handhabbar. Wir waren tief beeindruckt von jedem der beiden Kinder, das jedes auf seine Art so einzigartig war. Schon bei der ersten Begegnung keimte ein zartes Gefühl von Zuneigung und elterlichen Fürsorge in uns auf. Vom ersten Moment an waren wir überzeugt, dass wir Maxim und Nadeschda annehmen und lieben, mit ihnen eine Familie werden konnten. Erneut stellten wir vor Ort den Adoptionsantrag.

Diesmal ging alles gut. Drei Monate später, nach zwei Tagen Gerichtsverhandlung sprach der Richter das erlösende Urteil: Er stimmt der Adoption von Maxim und Nadeschda zu und fasst für beide Kinder zusammen: „Es werden zwei neue Kinder geboren: Maxim Conrad Weiss, geboren am 1. November 20XX in Krasnodar und Nadeschda Renate Weiss, geboren am 10. Februar 20XX in Krasnodar. Als Eltern werden eingetragen Richard und Charlotte Weiss.“ Noch durften wir Maxim und Nadeschda nicht mit nach Hause nehmen. In Russland galt eine Widerspruchsfrist von zehn Tagen. Erst danach durften wir sie aus dem Kinderheim abholen. Für uns war es die Zeit, uns auf die Ankunft von unseren Kindern vorzubereiten. Ich wickelte meinen Job ab, ging in Elternzeit, richtete das Kinderzimmer für zwei Kinder ein, kaufte die komplette Kleiderausstattung für einen fast dreijährigen und eine einjährige, neben Kindernahrung, Windeln, Babybad, Kindernagelschere und Milchflaschen. Die Kindersitze für das Auto bestellten wir erst in Russland aus dem Hotel, als wir nach einer Woche – diesmal zum vorerst letzten Mal für eine lange Zeit – wieder in den Süden Russlands flogen.