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Charlotte’s Sonntagslieblinge (77)

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Photo by free stocks-org on unsplash.com

Die Arbeit wird nicht weniger, aber so langsam bekommen wir Klarheit mit Blick auf die Betreuungssituation meiner Mutter und wie sich ihr Leben in Zukunft gestalten wird. Nach wie vor werden Wochen mit sehr viel Aufwand, sehr viel Engagement und sehr viel Kraftaufwand vor uns liegen. An manchen Tagen sehne ich mich einfach nach einem Leben, in dem wir als unsere kleine Familie mit Richard, Maxim und Nadeschda unseren Alltag ganz allein und in Ruhe bewältigen und genießen können. Aber es wird wohl eine ganze Weile dauern, bis das wieder möglich ist. Ich muss meinen Umgang noch mit der neuen Situation finden, viel Wut und Frustration verarbeiten, manchmal vielleicht auch alte Kinderwunden erneut pflegen und versorgen. Deshalb bin ich so dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Die bedingungslose Unterstützung, die Richard mir in dieser Zeit gibt, so weit er das kann; mich gewähren lässt und mich durch die Organisation des zukünftigen Lebens meiner Mutter fügen lässt.
  2. Die wunderbaren Nachmittage, die Maxim, Nadeschda und ich in dieser Woche hatten. Bei dem eiskalten Wetter haben wir für die Vögel noch einmal Vogelfutter selbst gemacht und es raus in den Garten gehängt. Wir haben viel vorgelesen und gemalt. Das tat gut!
  3. Und trotz aller Organisation und Betreuung ist es mir doch gelungen, zumindest endlich einmal Ablage zu machen, die mich schon seit Wochen genervt hat, und wieder an dem ein oder anderen Adoptionsrelevanten Blogbeitrag zu schreiben. Ich erkämpfe mir meine Freiräume. Mühselig, aber dennoch stetig. Jede Woche wieder ein wenig mehr. Ich hoffe, dass das so bleibt. Denn ab der kommenden Woche wird meine Mutter nun erst einmal vorübergehend bei meinem Bruder hier am Ort einziehen. Pflege, Betreuung, Therapien sind organisiert, ihr Zimmer ist eingerichtet. Ich bete dafür, dass mein Aufwand sich darauf beschränkt, weiter ihren Papierkram zu erledigen und gelegentlich in der Woche mit ihr spazieren zu gehen.

Habt einen erholsamen Sonntag und einen guten Start in die neue Woche!

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Betreuung: Vom schmalen Grad zwischen den eigenen Werten und Wünschen

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Photo by Guille Pozzi on unsplash.com

Es gab Tage in den vergangenen Wochen, da konnte ich das Wort „Betreuung“ nicht mehr hören. Ich selbst arbeitete in der Nachmittagsbetreuung der Schule meiner Kinder. Ja, es war eine wertvolle Chance für mich in der Ausbildung, Erfahrung zu sammeln und ein wenig Geld habe ich auch verdient. Doch meine Kinder mussten dann ebenso in der „Betreuung“ bleiben, da ihre Mutter, also ich, genauso wie die Eltern der Kinder, die ich betreute, arbeiteten. Das tat Maxim und Nadeschda nur bedingt gut. Geholfen hat, dass ich sozusagen da und im selben Gebäude war, und sie zu mir kommen konnten, wenn sie mich brauchten. Beide genossen das Spielen mit ihren Freunden, sofern die auch in der „Betreuung“ waren. Aber auf der anderen Seite blieb vieles auf der Strecke. Als ich merkte, dass es vor allem Nadeschda zu viel wurde, so lange in der Schule zu bleiben, organisierte ich die Betreuung meiner Kinder mit unserer Kinderfrau so, dass sie die Kinder früher von der Schule abholte, damit die Kinder zumindest mehr Zeit Zuhause hatten und dann ausgeruht, ihren Freizeitaktivitäten nachgehen konnten. Also, wieder Betreuung für meine Kinder, da ich andere Kinder betreute. Irgendwie absurd…

Dann hatte meine Mutter einen Schlaganfall vor ein paar Wochen. Mittlerweile ist sie in der Reha hier in der Nähe. Aber obwohl mein Bruder und ich schon vor Wochen für sie „Betreuung“ Zuhause organisiert hatten, da es ihr schon vor dem Schlaganfall zunehmend schlechter ging – also jemanden, der fast täglich zu ihr kam, um mit ihr spazieren zu gehen und gemeinsam mit ihr – und eben nicht für sie – Besorgungen zu erledigen, ist das alles nicht passiert, sondern die Betreuerinnen haben das gemacht, worum meine Mutter sie bat, nämlich ohne sie einkaufen zu gehen, Sachen zu besorgen, Dinge im Haushalt zu erledigen. Dass sie einen Schlaganfall hatte und ins Krankenhaus gemusst hätte, hat nur eine von ihnen bemerkt und sie auch dahin gebracht. Meine Mutter hat sich wenige Stunden später selbst entlassen. Erst mein Bruder hat meine Mutter dann final eingewiesen. Und dann ist sie auch im Krankenhaus geblieben. Nun ist ihr Gesundheitszustand so, dass man nicht weiß, wie sie sich erholen wird. Viele ihrer Defizite sind nicht durch den Schlaganfall verursacht, sondern durch jahrelanges sich Selbstvernachlässigen. Die Frage ist nun, wie weit die Reha überhaupt helfen kann, die Schäden des Schlaganfalls zu „reparieren“ und wie weit meine Mutter lernen wird, zukünftig selbst für sich zu sorgen. Ich bin nach wie vor der Meinung, wenn sie wollte, könnte sie. Aber ich bezweifele, dass sie wirklich will. Also denken wir wieder über Betreuung nach. Und hier in unterschiedlichster Form. Aber welche ist die „Richtige“? Eigentlich muss sie nicht in ein Heim – will sie auch nicht -, und ich würde ihr das gerne ersparen. Aber….

Ich habe in den vergangenen Wochen all die offenen Rechnungen meiner Mutter bezahlt, mich mit Versicherungen, Polizei, Finanzamt und anderen Institutionen rumgeschlagen. Das ist zwar nicht die Betreuung, die ich meine, aber irgendwie habe ich auch immer wieder gedacht: Da liegt eine alte Frau in ihrer Wohnung, kann sich kaum bewegen, erzählt sicherlich irgendetwas vom Gipskrieg: „Ja, das habe ich schonmal gehabt, das ist das und das. Und ich brauch nur das soundso Medikament und dann geht es mir bald besser.“ Und die armen Betreuerinnen haben das geglaubt und sind losgezogen und haben das Medikament besorgt. Ende vom Lied war, dass der Notarzt meine Mutter eingepackt hat. Weil sie nämlich von dem Medikament soundso so einen hohen Blutdruck hatte, dass es wahrscheinlich den Schlaganfall ausgelöst hat. Also fange ich an, ambulante Pflege aus meinen Gedankenkonstrukten zu streichen. Auch wenn es eine wunderbare Lösung wäre. Denn mehr braucht meine Mutter, wenn denn überhaupt, eigentlich nicht. Sie muss gucken, dass sie ihre Medikamente regelmäßig und richtig nimmt, sie muss regelmäßig essen, sie muss jeden Tag spazieren gehen und raus an die frische Luft. Das könnte sie – nach erfolgreicher Reha – theoretisch alleine schaffen. Es ist aber fraglich, ob sie das macht. Hilfe bräuchte sie bei Arztbesuchen, Besorgungen, Wohnung in Schuss halten. Das kann man organisieren. Doch ich sehe die Gefahr, dass mein Bruder und ich wieder „Betreuung“ organisieren, da sie eben nicht ihre Medikamente nimmt, geschweige denn regelmäßig isst und so viel Wasser trinkt, wie sie soll. Ob meine Mutter aber die Hilfe annimmt, die sie braucht, ist fraglich. Die Gefahr besteht, dass am Ende wieder nur Rezepte abgeholt werden, von Ärzten, die diese eigentlich nicht hätten ausstellen dürfen. Also muss ich dann die „Betreuung“ meiner Mutter doch selbst in die Hand nehmen?

Die Versorgung von Eltern ist eine Betreuungsaufgabe, die viele von uns irgendwann trifft, wenn die Eltern so weit abgebaut haben, dass sie nicht mehr für sich selbst sorgen können oder auch nicht mehr wollen. Die kommt vielleicht meist überraschend. Denn sagen wird das einem keiner, dass irgendwann die Eltern wieder auf der Matte stehen, auch wenn an vielen Stellen das Thema „Pflege“ es selbst in den vergangenen Wochen wieder auf den Titel eines führenden Nachrichtenmagazins geschafft hat. Mich hat es kalt erwischt, auch wenn ich es hätte kommen sehen können. Vor einem Jahr schon stand ich vor der Senioreneinrichtung, in die meine Mutter, wenn sie Glück hat – und wenn sie bereit dazu ist – einziehen darf. Da ist es schön, wirklich schön, und eigentlich fast zu schön für jemanden, der das nicht wertschätzen kann.

Ich habe kein gutes Verhältnis zu meines Mutter. Warum auch. Über unser Verhältnis habe ich hier geschrieben. Es besteht im Grunde keinerlei Veranlassung, dass ich mich um meine Mutter kümmern müsste. Schuldig bin ich ihr nichts. Dennoch habe ich irgendwie Werte in meinem späteren Leben gelernt, und mir ist es wichtig, nach diesen zu leben. Sie lassen mich meine Mutter eben nicht einfach dem Schicksal und sich selbst überlassen. Insofern werde ich schauen, dass meine Mutter gut versorgt ist. Aber in manchen Momenten kann ich das Wort „Betreuung“ einfach nicht mehr hören. Ich will auch nicht noch mehr Betreuung für meine Kinder organisieren, damit ich mich um meine Mutter kümmern kann. Ich will Mutter sein und für meine Kinder so da sein, wie sie es brauchen. Das ist meine Aufgabe. Meine Kinder brauchen aufgrund ihrer Geschichte mich als ihren verlässlichen Anker. Für sie trage ich die Verantwortung. Ich will nicht eine Mutter betreuen, die nie eine Mutter für mich war. Und die nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Doch ich will und kann diese Verantwortung auch nicht übernehmen. Dennoch muss ich den schmalen Grad gehen, auf der einen Seite meinen Werten zu folgen und auf der anderen Seite meinem Wunsch eine gute Mutter zu sein, und dabei mich selbst nicht zu übernehmen und zu überfordern.

P.S. Claire von mamastreikt schreibt seit Monaten viel über Carearbeit. Schon ihrem Netzprotest #carearbeitmusssichtbarwerden bin ich aufmerksam gefolgt. Doch erst mit der bei mir einziehenden doppelten Care-Arbeit hat das Thema für mich eine neue Brisanz bekommen. Umso mehr möchte ich Euch Claire’s aktuelle Aktion „Care eine Stimme geben“ ans Herz legen.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (76)

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Photo by Benjamin Manley on unsplash.com

Meine Wochen sind einfach voll zur Zeit. Zu voll. Viel zu voll. Vor allem meine Mutter in der Reha und ihre Zukunft, oder vielmehr ihre jüngste Vergangenheit halten mich beschäftigt. Viel zu beschäftigt. Wenn alles gut klappt, dann haben wir in der kommenden Woche ihr Leben nach der Reha organisiert. Bis darauf, dass wir dann noch ihr altes Leben in ihrer ehemaligen Wohnung abwickeln müssen. Aber okay, das wird dann auch irgendwie gehen. Die ganzen kleinen Überraschungen, die so passieren, wenn eine ältere Dame meint, sich nicht mehr um ihr Post kümmern zu müssen und das über Monate – nicht weil sie es nicht kann, sondern weil sie keine Lust hat, und weil Arte im Fernsehen schauen oder Daniel Barenboim hören oder Gold Mann lesen eben spannender ist, als Rechnungen zu bezahlen, und die dann bitte auch richtig MIT Mehrwertsteuer und eben nicht ohne -, das koste zur Zeit sehr viel Zeit. Ich hatte mir diese Wochen reserviert, um an meiner Abschlussarbeit zu schreiben und habe keine neuen Aufträge angenommen. Nun die Abschlussarbeit schreibe ich nicht und so habe ich die Zeit. Vermeidlich…. Dennoch habe ich mir in dieser Woche auch schöne Momente beschert. Neben dem Alltag mit Maxim und Nadeschda, der auch selbst wenn er an manchen Stellen wieder hart ist – unsere Freundin, die Anstrengungsverweigerung, besucht uns wieder -, doch einfach noch einmal in diesem ganzen Mutterthema eine andere Bedeutung bekommt. Ich genieße es einfach, mit meinen Kindern den Nachmittag und Abend zu verbringen, egal wie er abläuft. Die zwei sind einfach wunderbar! Und während sie gerade mit dem Papa schwimmen gehen, sind dies hier meine drei Sonntagslieblinge (und Achtung, diesmal ist es nur ganz viel über und für mich…):

  1. Ich war beim Friseur und habe mir meine Haare rot färben lassen, so wie sie mal waren, so vor dreißig Jahren. Molly Ringwald war wohl noch in meinem Kopf. Spannend waren die Reaktionen. Vor allem eine, die wieder so auf das Adoptionsthema passt. Eine Kollegin aus meiner Weiterbildung sagte, als ich ihr erklärte, dass ich früher rot war:“ Ahh, dann haben also Deine Kinder rote Haare?“ Ich: „Nein, mein Sohn ist hellblond und meine Tochter dunkelblond.“ Die Kollegin: „Dann hat sich da wohl der Vater durchgesetzt.“ Ich: „Kann sein.“
  2. Ich habe schon vor ein paar Wochen dank Sherrie Eldridge eine wunderbare amerikanische Adoptionsseite entdeckt: Confessionsofanadoptiveparent.com. Großartig! Ich habe Kristin’s Buch „Born Broken“ gelesen. Und war hoch berührt. Es hat mich manchmal sehr, sehr traurig gemacht, selbst wenn meine Kinder eben nicht die Diagnose „FASD“ haben. Mehr dazu sicherlich noch einmal an anderer Stelle. Erleichternd fand ich vor allem, dass Kristin so über ihre Muttergefühle und ihre Gefühle des Scheiterns reflektiert. Allein dafür ist das Buch so lesenswert.
  3. Mein wunderbarer Mann hatte mir zu Weihnachten einen „Innenausstatter“ geschenkt. Mehr so einen „Schick mal jemanden durchs Haus, der sich die noch offenen Baustellen anschaut und sie behebt. Ich habe keine Zeit und keine Nerven, noch eine weitere Gardinenstange anzubringen.“ Nun, das habe ich gemacht – im wesentlichen geht es wirklich um neue Vorhänge, da wir in unserem alten Haus eben keine Rollläden haben – und das ist eine ganz wunderbare Erfahrung. Am Freitag war ich nun im Laden und habe Stoffe ausgesucht. Und Kissen und zwei Teppiche… Ach, das war einfach schön! – Ich bin so dankbar dafür, dass auch so etwas geht. Auf wenn es der absolute Luxus ist….

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen gelungen Start in die kommende Woche!

 

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24 Stunden Alltagswahn mit krankem Kind und kranker Mutter

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Photo by Christy Ash on unsplash.com

05:30h Mein Wecker klingelt. Heute muss ich Maxim morgens in die Schule fahren, denn Richard geht mit Nadeschda zum Orthopäden. Ihr tut seit einiger Zeit die Schulter weh. Noch ist es ein wenig Lotto spielen. Denn Maxim war am Vortag mit einer Augenentzündung krank zuhause.

06:15h Die Brotdosen sind gepackt, ich bin geduscht und wecke meine Kinder. Nadeschda ist sehr verschlafen und lässt sich einmal wieder von mir im Bett anziehen. Auch sie ist erkältet, doch bisher hält sie sich tapfer. Maxim ist immer noch angeschlagen. Sein Auge ist trotz Augentropfen immer noch verklebt. Er wird also noch einmal einen Tag Zuhause bleiben. Nachdem wir das Auge gesäubert und mühselig Augentropfen genommen haben, dreht er sich um und schläft wieder ein. Meine Fahrt zur Schule fällt also aus.

06:45h Mein Telefon klingelt. Da ich noch mit Nadeschda’s Strumpfhosen kämpfe, nimmt Richard ab. Es ist die Diensthabende Ärztin der Reha-Klinik. Meine Mutter hatte eine allergische Reaktion und spricht nicht auf das Kortison an, das man ihr gegeben hat. – Kein Wunder, das Zeug hat sie vor ihrem Schlaganfall immer mal wieder gern in hohen Dosen geschluckt, um sich selbst zu kurieren. – Sie wird in ein nahes Krankenhaus verlegt.

07:00h Richard und Nadeschda verlassen das Haus Richtung Orthopäde. Ich rufe unsere Kinderfrau an. Eine Stunde später ist sie da und kümmert sich um Maxim. Ich mache mich auf den Weg in die Reha-Klinik.

08:30h In der Reha-Klinik packe ich notdürftig ein paar Sachen für meine Mutter zusammen und habe eine Gespräch mit der behandelnden Chefärztin. Ob der aktuellen Situation ist sie mit Prognosen, was die Rehabilitation meiner Mutter angeht, eher verhalten. Als ich das Büro der Chefärztin verlasse, erinnert mich ihre Sekretärin an den Wahlleistungsvertrag, den meine Mutter noch unterschreiben muss. Das wird wohl im Moment etwas schwierig…

10:00h Als ich endlich in der Notaufnahme des Krankenhauses ankomme – 10 Minuten in einem überfüllten Parkhaus rumkurven, um einen Parkplatz zu finden, haben meine Geduld stark beeinträchtigt -, teilen mir die Krankenschwestern mit, dass meine Mutter soeben entlassen wurde und wieder auf dem Rückweg in die Reha-Klinik ist. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch den Krankenwagen, der gerade des Krankenhausgelände verlässt.

10:30h Zurück in der Reha finde ich meine Mutter völlig erschlagen auf ihrem Zimmer vor. Ihr Gesicht ist geschwollen, aber sprechen kann sie wieder. Sie beschwert sich, dass man sich im Krankenhaus nicht um sie gekümmert hat. Das stimmt nicht so ganz, wie ich dann von der Chefärztin erfahre. Denn dort gab es eine zweite Dosis Kortison und Antihistamine, womit die Schwellung gestoppt wurde. Ich helfe meiner Mutter noch, frische Sachen anzuziehen und beruhige die Schwestern, dass die Kleidungsstücke, die bei Rückkehr meiner Mutter vermisst wurden, wieder da sind. Ich hatte sie ja mitgenommen, damit meine Mutter im Krankenhaus etwas zum Anziehen hat. Nach einer kurzen Nacht und einem anstrengenden Morgen legt sich meine Mutter ins Bett und schläft. Ich fahre nach Hause zu meinem kranken Kind.

11:30h Zuhause schaue ich kurz nach Maxim. Sein Auge sieht nun nach der zweiten Dosis Augentropfen an diesem Tag schon besser aus. Zufrieden thront er in seinen Kissen und lässt sich von unserer wunderbaren Kinderfrau „Emil und die Detektive“ vorlesen. „Oh Mama, lass mich! Es ist alles gut. Das ist gerade so spannend….“ Ein wenig beruhigt gehe ich in die Küche, esse etwas, erledige schnell zwei Telefonate und mache mich auf den Weg zur Schule.

12:45h Nadeschda ist froh und munter beim Mittagessen in der Schule. Der Orthopäde hat ihre Schulter mit einem pinken Tape verarztet. Das Schultergelenk ist bei ihr manchmal überlastet. Das Tape soll jetzt erst einmal mehr Halt geben. Stolz zeigt sie mir den für die Faschingsfeier geschmückten Klassenraum. Dann schickt sie mich zu meinen Betreuungskindern.

13:30h Nach dem Mittagessen belagern mich 14 Betreuungskinder, wie jeden Tag. „Frau Weiss, ich brauch Hilfe. Ich verstehe das nicht.“, „Frau Weiss, können Sie mal kommen?“, „Frau Weiss, Sie wissen ja, ich bekomme heute wieder VIP-Service!“, „Frau Weiss,…“ Nach zehn Minuten herrscht zum Glück Ruhe im Raum und die Kinder arbeiten konzentriert an ihren Aufgaben. Ich gehe rum und helfe den einzelnen, und mein VIP-Freund bekommt seine VIP-Betreuung, als alle anderen versorgt sind.

15:30h Vielleicht meint das Schicksal es heute gut mit mir. Eine halbe Stunde früher als gewöhnlich, sind heute alle Kinder schon abgeholt, oder auf dem Weg nach Hause. Während ich den Raum noch einmal durchlüfte, stelle ich die Stühle hoch und packe meine Sachen, sammele Nadeschda draußen ein und fahre mit ihr nach Hause.

16.00h Maxim geht es Zuhause prächtig. Zum Mittagessen gab es für ihn Pfannkuchen. Sein Leibgericht. Inzwischen ist er aufgestanden und bastelt Hexentreppen mit der Kinderfrau. Sein Auge scheint sich normalisiert zu haben und die Kopfschmerzen sind auch nicht wieder aufgetreten. Er will jetzt mitkommen, wenn ich Nadeschda zum Ballettunterricht fahre.

17:00h Während Nadeschda  ihre Ballettübungen an der Stange macht, kaufen Maxim und ich schnell im benachbarten Supermarkt ein.

18:30h Wieder zuhause packe ich aus, räume ich schnell auf, wasche die Wäsche meiner Mutter und koche Abendessen. Nadeschda ist eine fleißige Helferin und macht den Salat. Maxim liegt lieber auf der Couch und liest ein Comic. Ja, er ist noch ein wenig schlapp, auch wenn er der festen Überzeugung ist, morgen wieder fit für den Schulausflug zu sein. Mit diesen Gedanken verscheuche ich den Eindruck von früher Rollenprägung in unserer Familie…

19:45h Das Drama um das Verabreichen der Augentropfen ist überstanden und wir drei sitzen beim Vorlesen. Eine halbe Stunde später schlafen Maxim und Nadeschda.

22:00h Nachdem ich mit Richard gesprochen und noch ein paar mails geschrieben habe, falle auch ich müde in mein Bett und werde von einem unruhigen Schlaf übermannt.

05:30h Nadeschda ruft nach mir: „Mama, ist es schon hell? Wann kann ich aufstehen…?“ Schlaftrunken erkläre ich ihr, dass sie noch etwas schlafen kann. Ich finde allerdings nicht mehr zurück in den Schlaf, sondern stehe auf und koche mir einen Kaffee.

An dem Abend hätte ich eigentlich abends noch in die Akademie gemusst. Aber abgesehen davon, dass ich damit an den Rand meiner Kraftreserven gekommen wäre, hätte Maxim das nicht mitgemacht. Tagsüber die Betreuung der Kinderfrau mit Vorlesen, Pfannkuchen und Apfelmus nimmt er inzwischen ohne Probleme hin, auch wenn er krank ist, genießt sie sogar. Doch in den Abendstunden muss ich dann da sein. Auch wenn er mich bei den Augentropfen verflucht hat….

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (72)

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Photo by Andrew Branch on unsplash.com

Manchmal kommt eins zum anderen, und schnell muss man aufpassen, dass es nicht zu viel wird und die Überforderung wieder an der inneren Tür klopft. Manchmal meint das Schicksal es nicht so gut mit einem, und lehrt Pläne sind manchmal auch dazu da, dass sie verworfen werden. So war es zumindest mit meinem Plan für die vergangene Woche. Maxim legte sich mit fast 40 Fieber ins Bett, bös hatte es ihn erwischt. Meine Mutter liegt mit einem Schlaganfall im Krankenhaus. Jetzt ist er da, der Zeitpunkt, an dem ich mich auch mit der Betreuung eines Elternteils auseinandersetzen muss. Immer öfter musste ich so in den vergangenen Tagen an Claire’s so wichtige Aktion #carearbeitmusssichtbarwerden denken. Und umso dankbarer bin ich heute für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Dankbar und froh bin ich, dass es Maxim wieder besser geht und er gesund und munter ist. Nadeschda scheint inzwischen ein großartiges Immunsystem zu haben, denn sie blieb bisher von den Grippe- und Erkältungsviren verschont.
  2. Mit großem Glück hat mich eine Szene vom Krankenlager erfüllt: An einem Nachmittag lagen beide Kinder bei Maxim im Bett. Ich hatte ihnen die Hausschuhe vorgewärmt, sie mit Kissen und Kuscheltieren versorgt. So lagen sie da in trauter Zweisamkeit und lasen Comics.
  3. Trotz allem scheine ich doch dazuzulernen und mit meinen Kräften wenigstens ein bisschen zu haushalten. Ich habe nicht nur wegen meines kranken Kindes in dieser vergangenen Woche, sondern weil mir schnell klar war, dass ich meinen Schlaf brauche, um einigermaßen besonnen durch die Tage gehen zu können, alle Abendtermine abgesagt und bin brav früh ins Bett gegangen. Regelmäßiger Schlaf ist schon etwas feines….

Habt einen geruhsamen Sonntag und einen erfüllten Start in die neue Woche!

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Berufstätig als Adoptivmutter – Geht das?

Mein ursprünglicher Plan während des Adoptionsprozesses war es, nach einem Jahr Elternzeit in Teilzeit in meinen alten Beruf zurückzukehren. Unser Kind würde dann wahrscheinlich soweit sein, in den Kindergarten zu gehen. Meine Schwiegermutter lebte im Haus nebenan. Sie freute sich auf ihr Großmutterdasein in vollen Zügen. Somit wog ich mich in Sicherheit, mein Kind auch in der Zeit, in der ich wieder arbeiten würde, in wohlwollenden fürsorglichen Händen zu wissen. Außerdem war ich noch in dem naiven Glauben, dass die „Päckchen“, die unser Kind mitbringen würde, nach einem Jahr bei uns geheilt wären.

Doch dann kam alles anders. Allen voran kehrten wir aus Russland mit zwei Kindern zurück, und nicht nur mit einem. Das war eine wunderbare Fügung des Schicksals, für die ich ewig dankbar bin. Dennoch erhöhte das auch den Aufwand in jeder Form. Allein Nadeschda war noch sehr klein und es würde Jahre dauern, bevor sie in den Kindergarten gehen könnte. Beide Kinder kamen mit unterschiedlichen medizinischen Diagnosen zu uns und brauchten unterschiedliche ärztliche und therapeutische Unterstützung. Das bis heute. Sich darum zu kümmern und meine Kinder durch die medizinische und therapeutische Hilfe zu begleiten, wollte und konnte ich niemandem Dritten überlassen. Grundsätzlich wurde ich mir mit dem meinem Hineinwachsen in meine Mutterrolle immer mehr bewusst, dass meine Kinder auch über die ersten ein bis zwei Jahre hinaus, ein vieles mehr an „Mutter“ brauchten. Ich begann, dies als meine neuen Verantwortung und Aufgabe anzunehmen. Und im gemeinsamen Leben und Erleben meiner Kinder erschien mir zunehmend die klassische Berufswelt und vor allem auch mein alter Job als sinnentleert. Hier Zuhause hatte ich eine sinnstiftende Verantwortung.

Zudem starb im Verlauf des ersten Jahres, nachdem Maxim und Nadeschda zu uns kamen, meine Schwiegermutter. Mögliche Betreuungsmodelle wurden damit brüchig, weitere familiäre Unterstützung war nicht vorhanden. Auch verselbstständigte sich das klassische Rollenmodell, auf das Richard und ich uns für das erste Jahr nach der Adoption geeinigt hatten – er arbeitete Vollzeit weiter, ich blieb zuhause bei den Kindern. Es war irgendwann sehr bequem, dass ich mich voll und ganz um die Kinder kümmerte und er seinem Beruf nachging (Vaterglück). Bis zu dem Punkt, dass eine Arbeitsteilung der Kinder kaum noch in Frage kam. Dass er zum Beispiel morgens die Kinder für die Schule fertig macht, steht nicht zur Diskussion. Sehr zur Verwunderung anderer Mütter. Neulich sprach ich mit einer Freundin und mitten im Gespräch sagte sie: „Ach, deshalb stehst Du immer so früh auf. Ich habe mich schon gewundert. ich dachte immer, wenn Richard die Kinder in die Schule bringt, dann macht er sie auch morgens fertig.“

Allen voran jedoch habe ich zwei Kinder, die so wunderbar ihre Entwicklung in den vergangenen Jahren auch gewesen ist, deren emotionaler Bedarf nach Sicherheit, Verlässlichkeit, Halt und Fürsorge immer noch ein „Fass ohne Boden“ ist. Meine Präsenz gibt ihnen diesen Halt. Auch wenn inzwischen gemeinsames Spielen, Basteln, Kochen, Ausflüge weniger und abgelöst werden von Spielverabredungen mit anderen Kindern, so ist es wichtig, dass ich dennoch da bin. Ich muss diejenige sein, die für sie auch die Übergänge von einer Aktivität zur anderen mit gestaltet. Ich muss sie zum Turnen bringen, ich muss sie von der Musikschule abholen. Tue ich es einmal nicht, beginnen die Beziehungsanfragen von neuem.

Natürlich gibt es Familienmodelle, wo auch mit bedürftigen Kindern die Adoptivmutter arbeiten kann. In den Familien, die ich kenne, ist es dabei meist so, dass der Vater so arbeitet, dass er einen Teil der Aufgaben zuhause mit übernimmt und dass es eine rührige Großmutter gibt, die die Kinder mit umsorgt, wenn nicht sogar einen Teil der Hausarbeit erledigt. Würde Richard abends um fünf nach Hause kommen und einen Teil der Freizeitaktivitäten der Kinder mit abdecken und hätte ich eine Mutter oder Schwiegermutter, die meine Kinder manchmal zum Ballett und zum Fussball begleitet, die einkauft und die Wäsche macht, dann könnte ich mir eine Berufstätigkeit zumindest organisatorisch vorstellen. Aufgrund unserer Lebensumstände, in denen Richard Karriere macht und wir keine treusorgende Großmutter mehr haben, bleibt meine Berufstätigkeit Theorie.

Heute nach einigen Jahren habe ich gelernt, dass ich nur in dem Umfang einem Beruf nachgehen kann, der in die Freiräume, die mir meine Kinder – durchaus zunehmend – lassen, passt. Und der flexibel genug ist, dass ich ihn den Bedürfnissen meiner Kinder anpassen kann. Sind sie krank, muss ich da sein; brauchen sie in der Schule über die Hausaufgaben hinaus mehr Unterstützung, muss ich ihnen helfen; benötigen sie therapeutische Hilfe, muss ich sie dadurch begleiten; brauchen sie ein „Mehr an Mama“, muss ich es ihnen geben. Egal wie. Und alles andere muss hinten anstehen.

Vor ein paar Jahren hat eine Adoptionsberaterin auf einem Vortrag gesagt: „Mit einem hochproblematischen Adoptivkind, vergessen Sie es zu arbeiten.“ Nun habe ich keine hochproblematischen Adoptivkinder, sondern beide haben einfach besondere Bedürfnisse. Aber dennoch es sind zwei. Habe ich vor ein paar Jahren noch bei diesem Ausspruch gedacht: „Was für ein Unsinn.“, so muss ich heute zugeben: „Irgendwie hat sie (leider) recht.“

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21. Juni – Folgegespräch im Kindergarten

Heute Nachmittag waren Richard und ich erneut im Kindergarten. Nach dem Gespräch vor vier Wochen und dem Austausch mit Frau Schuster und Frau Schiffer hatten wir noch einmal um ein Folgegespräch gebeten. Inzwischen hatten Richard und ich zwei konkrete Wünsche an Maxims Erzieherinnen, von denen wir glaubten, dass sie ihm helfen könnten: Wir wollten versuchen, Nicki und Steffi noch einmal für Maxims besondere Geschichte zu sensibilisieren, und sie bitten, stärker individuell auf seine Bedürfnisse einzugehen. Vor allem, wenn Maxim sich an seine sicheren Orte im Kindergarten zurückzog, bedurfte er der Hilfe und Unterstützung seiner Erzieherinnen, seine Ängste zu überwinden und wieder den Weg in die Gruppe zu finden. Um noch einen Schritt weiter zu gehen, hatten Richard und ich überlegt, dass es Maxim durchaus helfen könnte, in eine kleinere Gruppe mit Kindern im Kindergarten zu wechseln. Maxim war zur Zeit in der inzwischen vollbesetzten Gruppe mit 25 Kindern. Die Vielzahl der Kinder war sicherlich ebenso ein Grund für seine Überforderung. Es gab aber zwei Gruppen im Kindergarten, die auch Kinder unter drei Jahren aufnahmen, und die daher nur achtzehn Kinder hatten.

Das Gespräch lief anders ab, als von uns erwartet. Steffi und Nicki, Maxims Erzieherinnen, wollten  von uns hören, was wir seit ihrem Bericht unternommen hätten. Da stutze ich zum ersten Mal. Denn, dass Maxim schon seit mehreren Monaten logopädische Unterstützung bekam, wussten sie. Weiterer Therapiebedarf ließ sich für uns aus Maxims Verhalten nicht ableiten. Im Gegenteil. Dass seine soziale Isolation sich nur im Kindergarten zeigte, er im häuslichen Umfeld anders mit Spielfreundschaften umging, bestätigte uns in unserem Wunsch an seine Erzieherinnen, ihm zu helfen, diese Zurückgezogenheit zu verlassen. Oder ihm ein Umfeld zu bieten – zum Beispiel in Form einer kleineren Gruppe –  in dem er sich weniger überfordert fühlte und sich damit automatisch weniger zurückzog. Unsere Frage, ob es möglich wäre, Maxim in einer der kleineren Gruppen wechseln zu lassen, wurde sofort abgelehnt. Richard und ich kamen noch nicht einmal dazu, unseren Wunsch zu erklären. Ich stutzte zum zweiten Mal. Als wir Maxims Rückzüge an sichere Orte im Gruppenraum ansprachen, ruderten Nicki und Steffi entgegen ihrer Aussagen von vor drei Wochen zurück. So viel würde sich Maxim gar nicht zurückziehen, im Gegenteil, sie hätten ihn noch einmal intensiv beobachtet, und es wäre doch schön zu beobachten, wie er zunehmend in Kontakt mit anderen Kindern kommt. Wir sollten uns keine Sorgen machen, dass Maxim im Kindergarten vereinsamt. Als Beleg zeigten sie uns zwei Filme, die sie in vergangenen Tagen gedreht hatten. Im ersten Film turnte Maxim in der Turnhalle mit anderen Kindern. Im zweiten ließ er sich mit drei anderen Kindern etwas von Nicki vorlesen. Und ja, wenn er sich zurückzöge, würden sie selbstverständlich auf ihn zugehen, und versuchen, ihn zu anderen Aktivitäten zu motivieren. Natürlich hätten sie schon ein besonderes Augenmerk auf ihn. Und ja, es wäre ihnen bewusst, dass er besonderen Zuspruch bräuchte. Aber in so großem Umfang ginge das eben auch nicht immer, denn wir dürften ja nicht vergessen, dass es schon auch eine große Gruppe sei mit fünfundzwanzig Kindern. Alles in allem sollten wir uns keine Sorgen machen: Maxim sei trotz seiner sprachlichen Barrieren zunehmend in die Gruppe integriert. Er sei eigentlich immer fröhlich und er fühle sich hier im Kindergarten wohl. Jetzt stutzte ich zum dritten Mal und fühlte mich verwirrt. Es bestand also kein Handlungsbedarf? Alles war gut, Maxim fühlte sich wohl, und seinen Bedarf an mehr individueller Unterstützung erfüllten Nicki und Steffi bereits? Ja, dann war wohl alles gesagt.

Die Filme, die Nicki und Steffi uns gezeigt hatten, beruhigten mich ein wenig. Ich hatte dort wirklich meinen Sohn irgendwie zufrieden und freudig erlebt. Aber all das passte nicht zu meinem Erleben meines Sohnes im Kontext des Kindergartens. Warum nahm sein Unwille in den Kindergarten zu gehen zu? Warum hatte er jeden Mittag nach dem Kindergarten chronisch schlechte Laune, mit der er mich und seine kleine Schwester quälte? Warum hatten seine Erzieherinnen erst uns von Maxims Rückzug aus der Gruppe und von anderen Kindern berichtet, um jetzt wieder zurückzurudern? Auf die letzte Frage war die Antwort klar: Nicki und Steffi hatten gemerkt, dass Richard und ich sie mit in die Verantwortung nehmen wollten und wir uns mehr individuelle Hilfe für unseren Sohn wünschten. Geschickt hatten sie auf der einen Seite Maxims Bedarf an zusätzlicher Unterstützung entkräftet und uns auf der anderen Seite klar gemacht, dass sie ja schon alles Erdenkliche taten. Mehr war in ihren Augen nicht möglich und auch nicht erforderlich zu tun. Es war also an Richard und mir, einen anderen Weg zu finden, für Maxim die Zeit im Kindergarten erträglicher zu machen. Denn ich glaubte nicht daran, dass sein Unwille in den Kindergarten zu gehen und seine Wut und Frustration nach jedem Kindergartenbesuch andere Ursachen hatten, als die Tatsache, dass er sich dort nicht wohl fühlte. Auf der einen Seite war ich enttäuscht von der mangelnden Kooperationsbereitschaft von Maxims Erzieherinnen. Auf der anderen Seite war ich zugleich ein wenig stolz auf mich selbst. Denn zum ersten Mal ließ ich mir bewusst nicht etwas über meinen Sohn einreden, von jemandem, der die vermeintliche pädagogische Kompetenz hatte. Ich kannte meinen Sohn am besten und ich war überzeugt, dass ihn irgend etwas im Kindergarten quälte. Das ließ ich mir nicht ausreden. Denn ich war seine Mutter!