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#bestofElternblogs Oktober 2018

schoolboy crying in the hallway of the school

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Die liebe Anja von der Kellerbande  ruft jeden Monat dazu auf, den meist gelesenen Beitrag des vergangenen Monats zu benennen und zu teilen. Nach einem oft nervenaufreibenden September, der leider geprägt war von vielen Sorgen um meine Kinder und ihre Gesundheit, beteilige ich mich doch wieder sehr gerne an dieser wunderbaren Blogparade. Denn diesmal musste ich wirklich dreimal in die Zahlen schauen, um zu glauben, dass aus irgendwelchen Gründen mein Beitrag über den „Umgang mit der Anstrengungsverweigerung“ aus dem vergangenen Jahr im vergangenen Monat so viele Zugriffszahlen hatte, wie kaum jemals ein anderer Post auf meinem Blog.

Habt Dank für’s Lesen, Teilen und Liken!

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„Anstrengungsverweigerung“ – Wann tritt sie auf?

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Mit freundlicher Unterstützung von pixabay.com

Die „Anstrengungsverweigerung“ hat mich selbst in unterschiedlicher Form in den letzten Wochen und Monaten wieder beschäftigt. Heute soll es daher einmal um den Zeitpunkt gehen, wann eine „Anstrengungsverweigerung“ deutlich zutage treten kann.

Grundsätzlich kann es im Leben eines Kindes drei kritische Entwicklungsphasen geben, in denen eine Leistungsverweigerung oder eben Anstrengungsverweigerung auftreten kann: 1. mit dem Zahnwechsel und dem Eintritt in die Schule, 2. mit dem Übergang zum Rubikon und 3. mit Beginn der Pubertät. Trotz einer starken Traumarisierung hat ein Kind in den ersten Lebensjahren ungeahnte Kindheitskräfte, wie es auch Bettina Bonus in ihrem Buch „Mit den Augen eines Kindes sehen lernen – Die Anstrengungsverweigerung“ eindrücklich beschreibt. – Sie hat übrigens auch ein sehr spannendes und interessantes Video zu den Folgen und Auswirkungen von Frühtraumatisierungen auf ihrer Webseite. –  Das sind diejenigen Kräfte in einem Kind, die es laufen lernen lassen, die es immer wieder aufstehen lassen nach jedem Sturz, bis es endlich auf zwei Beinen laufen kann. Es sind die Kräfte, die ein Kind auch noch mit Fieber draußen im Garten herumtollen lassen. Es sind die Kräfte, die das Kind in einer unersättlichen Phantasie leben lassen und so über Schmerz und Angst hinwegtäuschen können. Doch je älter ein Kind wird und je mehr es in der Realität ankommt, um so mehr schwinden diese Kindheitskräfte, bis sie in der Pubertät ganz verschwunden sind. Dann treten die fehlenden Lebenskräfte offen zu Tage und äußern sich in Form von mangelndem Eigenantrieb, so schildert es Bettina Bonus eindrücklich in ihrem Buch.

Es liegt auf der Hand, dass grundsätzlich meist erst mit dem Eintritt in die Schule eine Anstrengungsverweigerung zutage tritt. Denn hier ist das Kind zum ersten Mal außerhalb des elterlichen Zuhauses einem Umfeld ausgesetzt, in dem bewusst und gezielt immer wieder Anforderungen und Leistungen erfüllt werden müssen. Zudem beginnt das Kind mit dem Zahnwechsel eigene Neigungen, Gewohnheiten, Charaktereigenschaften und Temperamente zu zeigen. Doch genauso tritt nun das vom Trauma stark beanspruchte Seelenleben des Kindes ein Stück weit schutzloser zu Tage. All das, was zuvor im Verborgenen lag, tritt nun ein Stück weit mehr ans Licht. Das Kind ist damit verletzbarer. Gefühle wie Angst und Hilflosigkeit spürt das Kind nun bewusst, kann mit ihnen aber noch nicht umgehen. Im Zusammenspiel mit den großen Veränderungen, die der Eintritt in die Schule mit sich bringt, kann ein traumatisiertes Kind von seinen inneren Gefühlen überrollt und überfordert werden. Es reagiert mit Rückzug oder Angriff und geht in die Verweigerung.

Die Phase des „Rubikon“, in dem sich das Kind noch einmal anders von seiner Außenwelt abgrenzt und sich neu definiert, seine Herkunft hinterfragt, gesetzte Strukturen und Beziehungen für sich neu definiert, ist die zweite kritische Lebensphase. Im „Rubikon“ entwickelt sich beim 9 bis 10-jährigen Kind die zunehmende Fähigkeit zur inneren Distanz. Mit Blick auf die Anstrengungsverweigerung sind in dieser Phase vor allem zwei Aspekte besonders kritisch: Das Kind beginnt bisher gesetzte Autoritäten, nicht nur die eigenen Eltern, sondern vor allem auch die Autorität der Lehrer zu hinterfragen. So mag ein anstrengungsverweigerndes Verhalten zunächst als eine Rebellion gegen das Bestehende wirken. Vermehrte Diskussionen um das Erledigen von bestimmten Aufgaben gehören per se in diesen Entwicklungsschritt. Damit könnten auch zu diesem Zeitpunkt erste Anzeichen einer Anstrengungsverweigerung übersehen werden. Hinzukommt, dass der Rubikon ein entscheidender Schritt in der Entwicklung der Willenskraft eines Kindes ist. Wird dieser Entwicklungsschritt blockiert, kann sich die Willenskraft  des Kindes nicht entfalten. Wird er positiv unterstützt, wird die Willenskraft eines Kindes gestärkt. Bei einem anstrengungsverweigernden Kind, dessen Willenskraft ohnehin schon geschwächt ist, kann diese in der Phase des Rubikon vollständig zum Erliegen kommen.

Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie die Phase der Pubertät langläufig beschrieben wird, ist es kaum verwunderlich, dass diese Zeit zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr im Grunde genommen „die größte Krise“ im Leben eines heranreifenden Kindes darstellt, verbunden mit der größten Erschütterung des Selbstbewusstseins und der größten innerlichen Unsicherheit. Der Körper des Kindes baut sich vollständig um. Auf der emotionalen Ebene kommt es zu einer starken Veränderung der Empfindungen. Gefühle erlebt das Kind nun persönlich und innerlich. Wieder ist das Kind in einer schutzlosen Situation wie nach seiner eigentlichen Geburt, wo es die schützende Hülle der Mutter abgelegt hat. Denn wie beim Säugling bräuchte der heranwachsende Jugendliche eigentlich Schutz und Fürsorge, bis die neugeborene Persönlichkeit sich aufrichten und laufen lernen, neu sprechen und denken kann. Zudem quält ihn seine Orientierungslosigkeit, seine mangelnde Urteilsfähigkeit. Er braucht Schutz und Fürsorge, doch hinterfragt er genau die Menschen und Autoritäten, die ihm diese Orientierung und Unterstützung geben könnten. Dass das traumatisierte Kind diese Phase der Pubertät um ein Vielfaches intensiver erlebt, liegt auf der Hand. Die Ohnmacht des Traumas kommt spätestens zu diesem Zeitpunkt wieder in das volle Bewusstsein des Jugendlichen. Denn die alte vom Trauma verursachte Angst, die tief in seinem Inneren verankert ist, kann er nun bewusst spüren. Er glaubt, nur noch um sein Überleben kämpfen zu müssen und verweigert jede weitere Anstrengung.

Mit Nadeschda haben wir den Eintritt in die Schule gut geschafft und intensive Phasen, in denen sie ihre Anstrengungsverweigerung zeigte recht gut bearbeitet. Doch immer wieder lugt unsere alte Freundin hervor, wenn neuer Unterrichtsstoff eingeführt wird. Da werden dann bei den Hausaufgaben alle Register gezogen. Das Einzige was hilft, ist immer wieder durch die Anstrengung mit täglichem Üben zu gehen, bis die Bewältigung der Aufgabe nicht mehr anstrengend ist oder nicht mehr als anstrengend empfunden wird. Maxim ist noch nicht ganz durch den Entwicklungsschritt des Rubikon durch, den er zuweilen in vollen Zügen auslebt. Die Diskussionen sind das eine, doch muss ich bei ihm abwägen, wann es bei ihm eine Vermeidungsstrategie ist, oder eben ein Austesten seines eigene Willens. Das andere ist, dass ihn die emotionalen Veränderungen mit einem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit zurücklassen, in denen er immer wieder die Beziehung zu mir in Frage stellt: „Hält sie mich? Und hält sie mich aus?“ Noch ist er nicht in seiner eigenen Mitte angekommen. Doch auch hier hilft das tägliche Üben, damit  er zumindest den Unterrichtsstoff in der Schule als nicht anstrengend empfindet. Zumindest hier sind wir auf einem guten Weg. – Dennoch es ist ein langer Prozess und immer wieder werden wir mit einem anstrengungsvermeidenden Verhalten konfrontiert werden. Doch mit unserem Rhythmus und der täglichen Übroutine sind wir hoffentlich auf einem Weg, auf dem die emotionalen Amplitudenausschläge der Anstrengungsvermeidung stetig niedriger werden.

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Von Vorurteilen – Wenn ein gut gemeintes Lob doch eine Ohrfeige ist

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Photo by Annie Spratt on unsplash.com

Die Welt ist klein, auch wenn man in einem Ballungsgebiet wie wir leben. Denn neulich erzählte mir unsere Kinderfrau, die in der nächst größeren Stadt lebt, dass sie in ihrem Sportstudio eine Nachbarin von uns getroffen habe. Dies sprach sie wohl an: „Sie sind doch jetzt bei der Familie, die die zwei Kinder aus Russland adoptiert hat? (…) Ach, die sind ja so wohlerzogen.“

Das mag ja schön sein, dass an unserem Wohnort die Leute den Eindruck haben, dass meine Kinder wohlerzogen sind. Und so war es wohl auch als ein Kompliment gemeint. Doch kam es bei mir wie eine Ohrfeige an. Denn für mich schwang mit: „Das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass russische Adoptivkinder sich so gut benehmen können.“ Da waren sie wieder die Vorurteile. Lange hatten sie uns nicht beschäftigt. In den vergangenen Jahren hatten wir ohnehin recht wenig Kontakt an unserem Wohnort, seitdem Maxim und Nadeschda in einen anderen Kindergarten und Schule gegangen waren. Doch offensichtlich ist der Stempel der „Russenkinder“ geblieben.

Als mein Ärger verrauchte, dachte ich an einen Ausspruch von Bettina Bonus auf einem ihrer Vorträge, der ungefähr sinngemäß so lautete: „Achten Sie auf das Äußerliche Ihrer Kinder. Denn so ecken sie weniger an und fallen weniger auf. Ziehen Sie ihrem Sohn ruhig die Kordhose, das weiße Hemd und den Pullunder an. Dann hat man gleich ein positives Bild von ihm.“ Wie recht sie behalten sollte! Ja, nach all den Jahren ist es auch mir in Fleisch und Blut übergegangen, bei meinen Kindern immer auf ein möglichst gepflegtes Aussehen zu achten. Zu meinem großen Glück ziehen sie auch immer noch das an, was ich ihnen hinlege. Und genauso sind sie in der Öffentlichkeit sehr höfliche und freundliche Kinder. Das habe ich ihnen zwar nicht anerzogen, doch folgen sie hier wahrscheinlich einfach dem Beispiel von uns Eltern. Dennoch gebe ich zu, dass es natürlich beruhigend ist, dass Maxim und Nadeschda eben nicht unangenehm in der Öffentlichkeit auffallen, sondern eben ganz im Gegenteil. Der Ausspruch der Dame im Sportstudio bestätigt das. Wie würde man da draußen wohl über meine Kinder sprechen, wenn sie sich nicht so „wohlerzogen“ verhielten?

Eigentlich mag ich es mir gar nicht ausmalen. Denn dann kehrt nur meine eigene innere Wut zurück. Warum dürfen Maxim und Nadeschda nicht einfach da draußen ganz normale Kinder sein? Ist ja schön, dass sie als wohlerzogen gelten. Die „Ohrfeige“ tat dennoch weh. Doch schlucke ich lieber meinen Ärger runter, freue mich über meine wunderbaren Kinder und fahre in die Stadt, um Maxim einen neue Kordhose zu kaufen.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (54)

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Danke an Pixabay

Eine für mich spannende und erkenntnisreiche Woche liegt hinter mir. Ich habe endlich konsequent an meiner Semesterarbeit arbeiten und schreiben können. Es ist gut gelaufen und ich bin ein großes Stück vorwärts gekommen. Allmählich finden wir uns immer besser in den Schulalltag ein, Nadeschda kommt tatsächlich langsam in ihrer Klasse an und die Schultage sind nicht mehr so anstrengend für sie. Das entspannt sehr. Und auch Maxim begeistert mich immer wieder von Neuem mit seinem auferweckten Wissensdurst. Lexika sind zur Zeit seine Lieblingslektüre… So sind dies meine drei Sonntagslieblinge der vergangenen Woche:

  1. Das Zirkustraining fällt im Moment wegen einer anderen großen Vorstellung im Zirkuszelt aus. Maxim ist davon zwar nicht so begeistert. Doch genoß er so wie Nadeschda und ich die zwei geschenkten Nachmittage Zuhause. Die Kinder und ich haben dabei ein gemeinsames Strickprojekt für Weihnachten begonnen. Das macht riesigen Spaß und macht den Herbstanfang doch sehr gemütlich.
  2. Gestern verbrachten wir einen wunderbaren Tag als Familie im Wald. Nach einem herrlichen Mittagessen im Restaurant einer Freundin gingen wir für ein paar Stunden im Wald spazieren und sammelten unsere ersten Säcke Kastanien. Nun zieht der Herbst auch hier Zuhause ein und verströmt einfach ein wunderbar wohliges Gefühl.
  3. Zwar hatte ich mich mit dem Thema bereits intensiv beschäftigt, so tat das Seminar von Bettina Bonus zur „Anstrengungsverweigerung“, das ich am Freitag bei BAKO e.V. besucht habe, doch wieder einmal gut, um noch einmal ein paar Aspekte aufzufrischen. Und auch wenn Frau Bonus manchmal sehr polarisiert, ich liebe einfach ihre sehr deutliche Art in ihren Vorträgen.

Habt einen gemütlichen und ruhigen Sonntag und einen erholsamen Start in die neue Woche!

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Vom Umgang mit der Anstrengungsverweigerung (3) – Zu den Ursachen

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Danke an unsplash.com

Die „Anstrengungsverweigerung“ meiner Kinder geistert immer noch in meinem Kopf herum, auch wenn wir damit inzwischen einen guten Umgang gefunden haben und Maxim und Nadeschda in vielfältiger Weise auf einem Weg der Heilung sind. So habe ich mich in den vergangenen Tagen noch einmal mit den Ursachen und Wegen des Umgangs beschäftigt, die bei mir an der ein oder anderen Stelle zu kleinen Lichtblicken und Erkenntnissen geführt haben.

Doch zunächst an dieser Stelle noch einmal ein paar Worte zu den Ursachen der „Anstrengungsverweigerung“ bei Adoptivkindern. Nach Bettina Bonus gibt es eine Mischung an Entwicklungen und Erfahrungen, die zu einer Anstrengungsverweigerung führen, die mir bei genauerer Betrachtung mehr als einleuchtend sind. Würde ich durch diese schmerzliche Erfahrungen gehen müssen, durch die meine Kinder – so wie viele Adoptivkinder – gegangen sind, dann fehlte auch mir die Lebenskraft.

Die qua Natur mitgebrachten Fähigkeiten und die Lebenskraft werden früh geschwächt: Alle Kinder kommen mit dem ungebrochenen Willen auf die Welt, mutig ihr Umfeld zu erkunden, aus sich selbst heraus zu lernen und zu erfahren. Geschützt werden sie, nachdem sie den Mutterleib verlassen haben, immer noch durch die Enge Bindung an die Mutter, werden sie doch von ihr versorgt, getragen, umsorgt und in engem Körperkontakt ständig schützend umgeben. Fällt die schützende Hülle der Mutter (entweder durch frühe Trennung oder weil sie nicht dazu in der Lage ist) weg und kommen dann noch Umstände hinzu wie Hunger, Schmerz, Angst, Ablehnung, Armut, Mangel, wird zum einen die Lebenskraft eines Kindes schon in frühem Stadium geschwächt und der dem Kind innewohnende Mut, die Welt zur erkunden schwindet dramatisch. Macht das Kind nur schmerzliche Erfahrungen in seinem natürlichen Drang, die Welt zu erforschen und zu erkunden, wird es bald nur noch mit Vorsicht und Zweifeln seine Umwelt erkunden wollen.

Der Wille, in die Welt einzugreifen wird geschwächt: Das ist einfach zu verstehen, wenn wir uns vor Augen führen, dass viele Adoptivkinder nicht nur einmal, sondern häufig die Erfahrung gemacht, als kleines hilfloses Baby Hunger verspürt haben, geschrieben haben und keiner kam, um den Hunger zu stillen. Vor allem wenn sie in einer von Armut und Mangel geprägten Umwelt lebten. Fast automatisch bekommen diese Kinder das Gefühl, das ihr Eingreifen in die Welt, das Schreien, keinen Sinn hat. Sie verlieren ihren Antrieb und ihre Energie, dass sie in dieser Welt etwas bewegen können.

Das Trauma an sich schwächt:

  • Die allgegenwärtige Bedrohung überleben: Wird die traumatische Erfahrung nicht bis in die Tiefen des Unterbewusstseins abgespalten, so bleibt bei den Kindern ein Gefühl der permanenten Bedrohung zurück. In jeder Situation könnten sie wieder diese schmerzliche und verletzende Erfahrung machen. So sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft, da sie ständig damit rechnen, wieder verletzt zu werden. Sie sind ständig in Habachtstellung, um einer vermeidlich neuen Gefahr begegnen zu können und sich zu schützen. Sie haben permanent das Gefühl, all ihre Kräfte mobilisieren zu müssen, um die Gefahr für ihr Leben bannen zu müssen. Alltägliche Situationen wie das Händewaschen können allein schon so ein Gefühl triggern. Aus dem Nichts heraus tobt dann das Adoptivkind, so wie wir es bei Maxim so oft erlebt haben. Er empfand in diesen Momenten eine lebensgefährliche Bedrohung und tat das, was wir alle in solch einem Moment tun würden: Kämpfen. Und zwar um sein Überleben.
  • Die Kräfteraubende Verdrängung des Erlebten: Für viele Kinder ist das erlebte Trauma – und allein die Trennung von der leiblichen Mutter ist eine traumatische Erfahrung – so schmerzhaft, dass sie es in die Tiefen ihres Unterbewusstseins verdrängen. Doch meist strebt das Trauma immer wieder an die Oberfläche des Bewusstsein, um dort vielleicht aufgelöst zu werden. Dieses Gefühl ist so Angsteinflößend, dass diese Kinder alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das traumatische Erlebnis zurück in das Unterbewusste zu verbannen. Viele der Kinder mit traumatischen Erlebnissen dissoziieren daher immer wieder in Situationen, die sie an das traumatische Erlebnis erinnern. Es ist als würden sie aus ihrem Körper aussteigen. Maxim tat dies zum Beispiel in der Schule immer dann, wenn es im Unterricht  zu laut war und seine Lehrerin anfing, in all dem Chaos – was eine unheimliche Geräuschkulisse bei über 30 Kindern mit sich brachte – herumzubrüllen. An was ihn das konkret erinnerte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kann nur vermuten, ob es eine chaotische Situation in seiner leiblichen Familie war, wenn sich seine Eltern stritten oder Situationen im Kinderheim, wenn nicht genügend Erzieherinnen da waren, um alle Kinder entsprechend zu versorgen. Maxim zog sich dann in sein tiefstes Inneres zurück und bekam nichts mehr von der Außenwelt mit. Einmal beobachtete ich so eine Situation in seiner Klasse. Maxims Klassenkameraden gingen über Tische und Bänke. Die Lehrerin versuchte verzweifelt, Ruhe in die Klasse zu bringen. Mein Sohn saß auf seinem Platz, drehte versonnen ein Schneeglöckchen in der Hand und schaute verträumt ins Leere. In diesem Moment war er ganz weit weg und ganz wo anders. Von dem Chaos in der Klasse bekam er nichts mit.
  • Die Angst, auf der Welt nicht erwünscht zu sein: Eine Adoptivmutter erzählte mir einmal, dass in dem südamerikanischen Land, aus dem ihre Tochter kam, man von Adoptivkindern als den hijos abandonados sprach, den weggegebenen Kindern. Und ja, so viele Gründe es gibt, der leiblichen Mutter wohlwollend gegenüber zustehen, eins bleibt: Die meisten Adoptivkinder wurden weggeben, wenn auch vielleicht im Glauben auf ein besseres Leben. Oder sie wurden der leiblichen Mutter entzogen, und auch wenn dies in besten Gedanken passierte, so bleibt, dass sie sich nicht gut um ihr Kind kümmern konnte. Aus der Perspektive des Kindes bleibt das Gefühl: Ich war nicht gut genug, dass meine Mutter um mich kämpfen wollte. Ich war nicht erwünscht. Das bleibt und das lässt sich auch mit noch so vielen positiven Absichten nicht wegreden.
  • Die Angst, erneut ohnmächtig zu sein: Allein durch die Trennung von der leiblichen Mutter haben Adoptivkinder früh eine völlige Ohnmacht erfahren. Man hat ihnen alles genommen, was sie ausmacht, und sie konnten sich nicht dagegen wehren. Diese Ohnmacht wollen sie nie wieder erleben. Sie wollen Macht und Kontrolle um jeden Preis in ihrem Leben erhalten. Diese spüren sie, wenn immer genau das eintritt und die Menschen in ihrem Umfeld genau so reagieren, wie sie es vorher bestimmt haben. Am ehesten vorhersehbar sind für diese Kinder Reaktionen auf negatives Verhalten. Adoptivkinder spüren und wissen genau, was sie tun müssen, damit die Eltern unter die Decke gehen. Erleben sie diese Reaktion, dann fühlen sie sich sicher und glauben alles unter Kontrolle zu haben. Sie tun dies nie aus einer bösartigen Absicht heraus, sondern aus einer inneren Notwendigkeit, in ihrem kleine Seelenleben Ordnung und Kontrolle zu haben und keine Ohnmacht zu fühlen. Für Kinder mit Tendenzen zur Anstrengungsverweigerung ist dieses Verhalten zudem praktisch, denn über den Wutausbruch des Elternteils wird meist die ursprünglich eingeforderte anstrengende Tätigkeit vergessen. Es kann sich so der Anstrengung entziehen. Auch Maxim und Nadeschda zeigen noch heute solche Tendenzen. Beide haben ihre Muster, mit denen sie versuchen mich in für sie anstrengenden Situationen in den Wahnsinn zu treiben. Inzwischen habe ich diese durchschaut und versuche – nicht immer gelingt mir das – diese Verhaltensmuster zu ignorieren und einfach stur bei der Sache zu bleiben. „Nadeschda, du kannst jetzt auf dem Blatt rumkritzeln, aber wir malen danach noch ein schönes Bild. Du kannst entscheiden, wie lange wir dafür brauchen. Du darfst gerne erst Theater machen, aber dann malen wir. Oder wir malen jetzt gleich. Aber wir malen auf jeden Fall.“ Meistens gelingt mir das inzwischen, doch auch nach Jahren gibt es immer wieder Momente, wo mir dann doch die Hutschnur platzt.

Selbst wenn all diese genannten Ursachen einer „Anstrengungsverweigerung“ auf meine Kinder in der ein oder anderen Form zutreffen, so weiß ich nach all den Jahren mit Maxim und Nadeschda, dass sie sich immer weiter aus diesem Teufelskreis heraus befreien und auf einem wunderbaren Weg der Heilung sind. Das erfordert als Adoptivmutter viel enge Begleitung, unheimlich viel Struktur und sicherer verlässliche Fürsorge. Aber jeder noch so kleine Fortschritt, den Maxim und Nadeschda machen, zeigt mir, wie wertvoll dieser oft so frustrierende und kräftezehrende Weg ist. Vor allem aber sehe ich eines: Meine Kinder sind großartig und haben so unglaublich viele Ressourcen der inneren Kraft und Heilung in sich mobilisieren können, trotz aller Verletzungen, seelischer Wunden und frühen Traumatisierung.

Wer mehr zum Thema der Anstrengungsverweigerung erfahren will, findet hier  alle Hinweise zu dem entsprechenden Buch „Mit den Augen eines Kindes sehen lernen. Band 2 Die Anstrengungsverweigerung“ von Bettina Bonus.