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Charlottes Sonntagslieblinge (3)

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Ben White, unsplash.com

Neben all den manchmal aufziehenden dunklen Sorgenwolken in meinem Kopf, sind Maxim und Nadeschda zauberhafte Kinder. Unser Leben mit ihnen ist alles andere als schwierig und problembehaftet, sondern meistens wunderbar. Deshalb blicke ich inspiriert von  Mirjam von Perfektwir  auf meine eigenen, ganz persönlichen Lieblinge dieser Woche. Hier sind meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Meine Kartoffelsuppe ist die Beste! Behauptet zumindest meine Tochter in der Schule. Dies hat sie auch beim Mittagessen in der Mensa lautstark kundgetan. Auch wenn die Chefin der Schulmensa dann frustriert war.
  2. „Du musst viel üben, damit Du in der Schule vorankommst.“ sagte Maxim zu seiner Therapeutin im Spiel. (Sie spielten Schule. Er war der Lehrer und die Therapeutin der Schüler.) Ich musste innerlich lächeln, denn sein Satz war genau der, den ich zu ihm wahrscheinlich in den vergangenen Monaten jeden Tag mindestens einmal zu ihm gesagt habe. Auf mein „Ganz die Mama.“ sagte mein Sohn zu mir: „ Genau, denn Du weisst alles.“
  3. Heute kein Buch, denn ich bin mitten in den Umzugsvorbereitungen in mein neues „Büro“. Ich liebe es, Räume neu einzurichten und neu zu gestalten. Und wenn ich ein schwedisches Möbelhaus so oft verfluche, es eröffnet auch so viel Platz für neue Kreativität.

Für heute bin ich dankbar und freue mich auf die neue Woche und all das, was da noch so in den kommenden Wochen sich fügt.

Habt auch Ihr einen wunderbaren Start in den Montag!

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20. Juli – Mutterliebe

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

Meine Gedanken wandern zurück zu den Tagen vor einem Jahr. Vor zwölf Monaten hatten wir in der russischen Gerichtsverhandlung Maxim und Nadeschda als unsere Kinder zugesprochen bekommen. Heute vor einem Jahr flogen wir zurück nach Deutschland, um in Windeseile die Vorbereitungen für die Ankunft unserer Kinder zu treffen. Kurze Zeit darauf holten wir unsere Kinder aus dem Kinderheim in Russland ab und begannen unser Leben als Familie.

Es ist erst ein Jahr her. Dennoch fühlt es sich so an, als lebten Maxim und Nadeschda schon so viel länger bei uns. Viel war passiert in den vergangenen zwölf Monaten, die Ereignisse, Freuden, Erfolge, Herausforderungen und auch Schicksalsschläge im großen wie im Kleinen ließen unsere gemeinsame Zeit um ein vielfaches länger erscheinen: Die vielen ersten Male aus Kindesaugen, das stetige Herannähern an eine organische Routine in unserem Alltag, Nadeschdas Zöliakie Erkrankung, Maxims Eintritt in den Kindergarten, Renates Krankheit und Tod, Maxims Sprechen, der Bruch mit meiner Familie, alte und neue Freundschaften, das Entstehen einer stabilen Eltern-Kind Beziehung. Wir vier waren einen langen Weg gegangen. Manchmal war er steinig, manchmal beflügelnd.

Wir wussten, dass wir auch nach zwölf Monaten noch nicht am Ziel waren. Unser Weg wird weitergehen, und auch in der Zukunft Hürden, Steigungen, aber vor allem glückliche Momente und unzählige erinnerungswürdige Ereignisse für uns bereit halten. Im Sinne eines Ankommens denke ich, haben wir nach diesen ersten zwölf Monaten, den richtigen Pfad gefunden, um als Familie weiter zusammenzuwachsen, unseren Kindern gute und fürsorgende Eltern zu sein, uns in unseren Rollen als Mutter und Vater weiter einzurichten und einen guten Umgang mit unserem Umfeld zu finden. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich für mich sagen kann: „Ja, jetzt bin ich als Mutter endgültig angekommen. Ich habe das Ende meines Weges erreicht. Jetzt habe ich meinen Platz gefunden.“

Entscheidend ist jedoch, dass in mir in den vergangenen zwölf Monaten die bedingungslose Liebe für Maxim und Nadeschda gewachsen ist, die sie beide so sehr brauchen und verdienen. Ich liebe diese beiden wunderbaren Geschöpfe. Sie sind das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Sie geben meinem Leben einen Sinn. Sie lassen mich ein großes Stück weit mehr zu mir finden. Sie treiben mich an meine Grenzen und lassen mich neue Seiten an mir entdecken. Vor allem haben sie mich gelehrt, dass Mutterliebe nicht aus den Genen kommt. Liebe muss nicht biologisch sein. Und während die Bilder des vergangenen Jahres in meinem Kopf vorbeiziehen, huscht ein Lächeln über mein Gesicht und ich denke bei mir: So fühlt sich Mutterliebe an! So fühlt sich Mutterglück an!

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10. Juni – Andere Amplitudenausschläge

Durch die vielen Feiertage und Brückentage war Maxims Anwesenheit im Kindergarten begrenzt und überschaubar. Damit sind die Gelegenheiten, an denen er seine Frustration an mir auslässt oder versucht mit mir zu tanzen, kalkulierbar. Zudem kann ich seine Launen klar einordnen und damit, solange ich bei mir bleibe, auch besser umgehen. Hinzukommt, dass er in einer Phase angelangt ist, in der er seine Grenzen austestet. „Nein“ sagt oder brüllt Maxim gefühlte hundert Mal am Tag, gefolgt von Versuchen sich mir zu verweigern, wenn er seinen Willen nicht bekommt. Lasse ich ihm eine gewisse Entscheidungsfreiheit und viel Zeit, können wir erneute Tänze zwischen uns beiden vermeiden. Das ist schwer für mich und immer wieder eine harte Probe für meine Geduld. Jeden Tag von neuem testet mein Sohn unsere Beziehung. „Hält meine Mama mich, und hält sie mich aus?“

Mit Distanz betrachtet, ist dies eine wunderbare Entwicklung, ein Zeichen, dass er wieder ein Stück bei uns angekommen ist, sich sicher fühlt, und diese Sicherheit jeden Tag von neuem nun überprüft und für sich bestätigen muss. Zum ersten Mal könnte man sagen, dass er die normale Entwicklung in der Trotzphase eines dreijährigen Jungen durchmacht. Doch die Intensität seiner emotionalen Ausbrüche ist alles andere als normal. Die Amplitudenausschläge von Maxims Reaktionen sind über der Norm. Tobsuchtsanfälle ausgelöst durch Kleinigkeiten, auch aus Kindesaugen, die eine Stunde oder länger dauern, haben mit einem gewöhnlichen Trotzverhalten wenig gemein. Auf der anderen Seite zeigt Maxim zum ersten Mal mir gegenüber seine Zuneigung. Als er unvermittelt gestern im Auto zu mir sagte „Mama lieb!“ hatte ich Tränen in den Augen. Ich war so glücklich! Würde mein Sohn sich fest in den Arm nehmen lassen, hätte ich es getan. So beließ ich es bei einem Lächeln, streichelte seine Hand und sagte: „Ich habe Dich auch sehr lieb!“

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31. August – Richard bringt die Kinder ins Bett

Während ich hier schreibe und den Tag Revue passieren lasse, bringt Richard Maxim und Nadeschda ins Bett. Vor zwei Wochen wäre dies noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Maxim ließ sich nur von mir waschen, anziehen, auf die Toilette begleiten, füttern, mittags und abends ins Bett bringen. Ja, mit Papa wird gerne gespielt und Unsinn gemacht. Und nach zwei Wochen blieb Maxim auch mit Papa mal zwei Stunden alleine zuhause, während ich den Samstag vormittag nutzte, um ein paar Erledigungen zu machen. Dennoch blieb er hartnäckig dabei, jegliche intime Berührungen und Rituale ausschließlich von mir zuzulassen.  Bis heute Abend. Mutig hatte Richard heute morgen beschlossen, dass er abends probiert, Maxim und Nadeschda ins Bett zu bringen. Vielleicht haben wir beide Kinder nach dem Abendessen mit der Ankündigung, dass Papa heute beide Kinder schlafen legt, so überrascht, dass sie keinen Widerstand leisteten. Vor allem Maxim nicht. Anstandslos sind sie mit Richard nach oben gegangen. Beim Ausziehen wurde viel Unsinn gemacht, beim Waschen viel gelacht. Nun scheint es so, als kehre langsam Ruhe ein, denn ich höre nichts mehr aus dem Kinderzimmer. Nadeschda wird ihre Milch trinken und einschlafen. Richard und Maxim gucken ein paar Bilderbücher an. Ich bin gespannt, ob er sich von Richard ins Bett legen lässt. Im Moment stimmt mich die Stille zuversichtlich.

Seit drei Wochen weint Maxim nicht mehr, wenn er mittags und abends ins Bett gehen soll. Er hat irgendwann einfach aufgehört, sich in den Schlaf zu weinen. Stattdessen hält er jetzt meine Hand, lauscht der Musik aus der Spieluhr, atmet nach ein paar Minuten ganz ruhig und schläft dann friedlich ein. Welch Erleichterung! Denn bei jedem Weinen war selbst für mich der Schmerz, der damit zum Ausdruck kam, nahezu unerträglich.

Erste Bindung und Ende der „Isolation“

Eine Beziehung und enge Bindung zu unseren Kindern aufzubauen, ihnen beizubringen, dass Richard und ich nun ihre wichtigsten Bezugspersonen sind, schwingt immer in unserem Alltag als junge Familie mit. Bewusst haben wir uns dazu entschieden, dass alle intimen Rituale, die bei selbstgeborenen Kindern automatisch zunächst nur die Mutter und dann zunehmend der Vater wahrnehmen, wie Füttern, Waschen, Anziehen, auf die Toilette begleiten, Wickeln ausschließlich von Richard und mir übernommen werden. Genauso lassen wir keine Körperkontakte zu anderen Menschen außer uns beiden zu. Maxim und Nadeschda sitzen ausschließlich bei uns beiden auf dem Schoß, sie dürfen nur an unseren Händen gehen, niemand außer uns darf ihnen über den Kopf streicheln. Das ist natürlich in den ersten Wochen sehr einfach gewesen, da es ohnehin niemanden außer Richard und mir  – und der Oma – gab, der in engen Kontakt mit den Kindern trat. Auch diese Isolation haben wir uns bewusst „verordnet“. Nach fünf Wochen haben wir nun das Gefühl, dass Maxim und Nadeschda ein erstes Stück hier bei uns angekommen sind. Sie haben sich ihr neues Zuhause erobert, sie finden sich in ihrer nahe Umgebung gut zurecht. Langsam scheinen sie zu merken, dass wir als ihre Eltern für sie immer da sind. So haben wir nun begonnen, behutsam erste Besuche von Freunden und Familie zuzulassen. Hier bei uns zuhause in einer vertrauten Umgebung und zeitlich begrenzt auf zwei Stunden.

Schön und wirklich wahr: Richard steht mit dem Babyphone triumphierend vor mir. Maxim und Nadeschda schlafen friedlich. Es hat geklappt: Maxim hat sich von Richard ohne Protest ins Bett legen lassen und ist nach dem Gute-Nacht-Lied ruhig eingeschlafen. Ein nächster Schritt ist geschafft! Maxim hat Richard wieder ein Stück näher an sich herangelassen. Und mir damit für die Zukunft ein paar Minuten abends für mich allein geschenkt.