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#bestofElternblogs im Juni

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Photo by Marco Xu on unsplash.com

Die liebe Anja von der Kellerbande  ruft jeden Monat dazu auf,  den meist gelesenen Beitrag des vergangenen Monats zu benennen und zu teilen. Das mache ich diesmal auch wieder sehr gerne. Erst wollte ich nicht und dachte: „Ach komm,das sparen wir uns dieses Mal. In Berlin einen Rechner mit dabei zu haben, ist einfach lästig. Und dann sind wir eh viel zu beschäftigt.“ Die Woche über bisher kam ich auch nicht dazu. Doch nach einer bisher erfolgreichen Arbeitswoche habe ich dann heute mal in die Zahlen gelunzt. Und da dieser Beitrag im vergangenen Monat zum einen ein sehr wichtiges Thema adressiert, für das auch viel Frauen, wie etwa Claire von mamastreikt, und so viele andere kämpfen, und weil er auch außerordentlich viele Zugriffszahlen hat, mehr als für selten einen Beitrag auf meinem Blog, habe ich vorhin gedacht: „Komm, Du machst jetzt doch noch mit bei #bestofElternblogs mit, wenn auch ziemlich genau eine Woche später.“

Hier ist er also mein meist gelesener Beitrag im Mai: „Mehr arbeiten können wir uns nicht leisten…“, in dem ich schildere, wie sich das so verhält mit Arbeiten als Mutter und Betreuung und der Frage nach wie viel arbeiten, wenn man, so wie ich, High-Need Kinder hat. Was ich im übrigen heute Nachmittag wieder gespürt und mit jeder Faser meines Körpers erlebt habe, aber der Situation erst viel später am Abend vielleicht ein wenig gerecht werden konnte, als Nadeschda in meinen Armen einschlief und ich zu ihr flüsterte: „Oh man, das war einfach ein Sch…-Tag für Dich. Jetzt kann ich verstehen, dass Du so wütend warst. Morgen früh ist ein neuer Tag. Und dann wird alles ein wenig besser sein.“

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#bestofElternblogs im April

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Photo by Toa Heftiba on unsplash.com

Die liebe Anja von der Kellerbande  hat wieder aufgerufen, den meist gelesenen Post des vergangenen Monats zu benennen und zu teilen. Das mache ich diesmal wieder ganz besonders gerne, wenn auch wegen Ostern einen Tag später. Denn im März war es ein Beitrag, in dem ich mir einfach mal Luft machen musste und mich über die Haltung von so manchem, der Carearbeit, Fürsorgearbeit Zuhause, vor allem für Kinder, nicht ernst nimmt. Mir lag dieser Beitrag sehr am Herzen, und um so mehr habe ich mich gefreut, dass er so ungewöhnlich häufig auch gelesen wurde. Im März wurde von Euch „Mein Couch-Vormittag – Ironie und Realität der Fürsorgearbeit“ von Euch am meisten gelesen, in dem ich erzähle, was ich alles an einem Vormittag tue. Und ich mich eben nicht mit Freundinnen treffe, um vor lauter Langeweile Prosecco zu nippen….

Habt Dank fürs Lesen, Liken und Kommentieren, und ein besonderer Dank geht an Claire von mamastreikt, die mir den Impuls zu diesem Beitrag gab.

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Charlotte’s Oster-Sonntagslieblinge (81)

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Photo by Waranya Mooldee on unsplash.com

Die Zeit fliegt, die erste Woche Ferien ist schon vorbei. Wir genießen vor allem die Osterfeiertage nun Zuhause in Ruhe nur als unsere Klein-Familie. Meine Mutter ist seit letzten Donnerstag in ihrer Seniorenwohnanlage, und ich atme auf, dass diese ganze negative Energie nun nicht mehr in meiner unmittelbaren Nähe ist. Mehr will ich an dieser Stelle nicht dazu schreiben, um mir nicht die wunderschöne österliche Stimmung zu verderben. Die vergangenen zwei Tage waren dafür um so wunderbarer: Mit Freunden haben wir am Karfreitag eine Ostereierschnitzeljagd durch den Wald gemacht. Das hat nicht nur den Kindern riesigen Spass gemacht. Gestern waren wir, nach einem arbeitsreichen Putzvormittag, zum ersten Mal seit langem wieder als Familie im Kino und haben den neuen „Jim Knopf“-Film gesehen. Doch die Woche hatte noch etwas mehr parat, und so sind dies meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Am Montag Morgen hatte ich ein langes und sehr intensives Gespräch mit Claire von mamastreikt. Das war ganz wunderbar und fruchtbar, hat es auch mir noch einmal andere Impulse an der ein oder anderen Stelle gegeben. Tapfer kämpft sie für „#carearbeitmusssichtbarwerden“ und Claire’s Interviewreihe „Care eine Stimme geben“ ist sehr bewegend, gerade das Interview von dieser vergangenen Woche, denn das könnte uns allen passieren.
  2. Nachdem ich meine Seminararbeit doch noch pünktlich vor den Ferien an meine Mentorin schicken konnte, widmete ich mich in den vergangenen Tagen meinem Portfolio. Ich war überrascht und dankbar, dass ich doch schon viel weiter war, als ich dachte und nach einem konzentrierten Vormittag das Projekt zu gut drei Vierteln fertig habe. Ja, so langsam ist in meiner Ausbildung ein Ende in Sicht….
  3. Anfang der Woche kam eine Getreidemühle, die ich für die Kinder zu Ostern bestellt hatte, mit der Post. Dummerweise war auf der Verpackung ein Bild des Inhalts. Nadeschda hat sich natürlich diebisch gefreut, sagte aber ebenso vielwissend: „Mama, das haben die Helfer des Osterhasen aber falsch geschickt. Das muss doch der Osterhase an Ostern bringen.“

Habt einen ganz wunderbaren Ostersonntag, genießt das Fest mit Euren Lieben und startet wohlbehalten in die neue Woche.

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Mein „Couch-Vormittag“ – Ironie und Realität der Fürsorgearbeit

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Photo by Toa Heftiba on unsplash.com

Zum Weltfrauentag hatte die wundere Claire von Mama streikt wieder einmal zum Netzprotest zu #craearbeitmusssichtbarwerden aufgerufen. Zu Recht! Vor allem ein Zitat hat mich nachhaltig beschäftigt, dass es mich zu einem weiteren Beitrag inspiriert hat: „Ich bezahle doch einer Mutter eines gesunden 9-Jährigen nicht ihre Couch-Vormittage.“ hatte ein männlicher User Claire geschrieben. Mmhhh, Couch-Vormittage sind durchaus etwas Wunderbares. Morgens wenn die Kinder das Haus Richtung Schule verlassen haben, der Mann sicher beschäftigt ist im weit entfernten Büro, dann lässt es sich doch wunderbar auf dem Sofa ausruhen, die Nägel lackieren, ein nettes Buch oder eine nette Frauenzeitschrift lesen, vielleicht einmal mit einer lieben Freundin, die gerade genauso auf der Couch chillt, telefonieren. Über Stunden bis es dann Zeit ist, dass die lieben Kinder wieder aus der Schule kommen. Und auch dann muss frau ja nicht wirklich die Couch verlassen, denn die Kinder sind ja schon so groß, dass sie die Hausaufgaben alleine machen und dann auch noch den Müll rausbringen, die Spülmaschine ausräumen, die Wäsche zusammenlegen und das Abendessen vorbereiten. Herrlich! Was für ein Leben! – Doch irgendetwas stimmt nicht an diesem Bild. Warum muss ich an Fernsehserien wie „Vorstadtweiber“ denken, wo die Damen tatsächlich ihre Vormittage – neben vielem anderen – Proseccoschlürfenderweise verbringen. Aber das wirkliche Leben sieht anders aus. So wie etwa meines zu Beginn der Woche – und im übrigen irgendwie jeden Tag:

06:00h Mühsam quäle ich mich aus dem Bett. Die Nacht war wieder kurz und unruhig. Nadeschda schläft einmal wieder bei uns im Bett. Nach einem Kaffee packe ich Brotdosen für die Schule, räume die Küche auf, schmeiße die Waschmaschine an und gehe duschen.

06:30h Ich wecke Maxim und Nadeschda, ziehe sie an, schaue, dass ihre Ranzen gepackt sind, mache Frühstück.

07:25h Die Kinder und Richard verlassen das Haus. Ich räume die Überreste des Wochenendes auf, sauge und wische im Erdgeschoss. Danach mache ich mich zu Ende fertig.

08:15h Ich sitze am Schreibtisch, lese und ergänze den neuen Mietvertrag meiner Mutter, drucke ihren Versicherungsantrag aus, schreibe ihren Wochenplan mit allen Arzt- und Therapieterminen, mache ihre Finanzübersicht, gucke, ob die Krankenkasse endlich die Rechnungen erstattet hat, überleg noch, wann wir ein neues Bett kaufen können, recherchiere, wie und wo sie einen Schwerbehindertenausweis bekommt. Über meinen Hausarzt organisiere ich ihr ein Rezept für ein Medikament, das sie vermeintlich „dringend“ braucht.

09:15h Bei meiner Mutter bin ich 10 Minuten zu spät. Eigentlich hätte sie schon angezogen sein müssen, da wir eventuell zum Arzt hätten gehen müssen. Doch sie steht immer noch im Bademantel Kaffeetrinkenderweise in ihrem Zimmer. Sie schaut mich an mit den Worten: „Was willst Du hier?“ Sie hat vergessen, dass wir zum Arzt wollten und dass sie ein paar Dinge unterschreiben muss. Ganz Anstrengungsverweigerin  fragt sie, ob sie nicht später die Dinge unterschreiben kann. Das Schreiben fällt ihr seit dem Schlaganfall schwer. Ihre Unterschrift üben, wie sie soll, tut sie nicht. Ich verneine, denn später habe ich keine Zeit und sie wird dann schlafen oder spazierengehen, oder was auch immer tun. Widerwillig setzt sich meine Mutter hin, geht mit mir die Papiere durch und unterschreibt. Beim Wochenplan, in den ich auch ihre täglichen Übungen geschrieben habe, wird sie noch missmutiger: „Da habe ich keine Lust zu.“ Als sie dann ihren geballten Unmut über ihre neue Wohnung entlädt und wir auf ihren alten Vermieter kommen, dessen Nachzahlungsforderungen ich bezahlt habe, denn Mietrückstände muss man in Deutschland einfach bezahlen, knallt es. Sich mit alten Vermietern zu streiten, steht jetzt einfach nicht auf der Agenda, weder auf meiner – denn ich habe keine Zeit dafür mich um 50,00 EUR zu streiten- , und vor allem nicht auf der Agenda meiner Mutter. Sie muss gucken, dass sie fit wird, um einigermaßen alleine zu leben. Das will sie ja eigentlich auch. Doch die Übungen des Physiotherapeuten macht sie nicht, Schreiben übt sie nicht und Gedächtnistraining macht sie schon mal gar nicht. Stattdessen sitzt sie lieber vorm Fernseher. Aber dafür braucht man ja mindestens eine 100qm Wohnung….(????) Nun ja, am Ende verlasse ich als böse Tochter mit knallender Tür und Tor (- Ach, es ist einfach großartig, dass wir an unserem Haus gegenüber so ein riesiges schmiedeeisernes Tor haben, dass so richtig laut scheppert, so richtig laut, dass es die ganze Straße hört, wenn man es mit voller Wucht zuknallt. – ) das Gelände.

10:30h Ich schicke Krankenhausrechnungen meiner Mutter an die Krankenkasse, fahre zum Arzt, hole besagtes Rezept ab, gehe in die Apotheke und bestelle das Medikament, das meine Mutter ja so dringend braucht.

11:20h Wieder Zuhause schreibe ich noch einen Post für meinen Blog und stelle einen zweiten online. Mittlerweile schmeiße ich auch die dritte Ladung Wäsche in die Waschmaschine und lege die erste von heute morgen, die inzwischen im Trockner war zusammen.

12:30h Ich gehe wieder zu meiner Mutter. Ich repariere ihre Brille, worum sie mich heute morgen gebeten hatte und sage ihr, dass das Medikament heute nachmittag kommt. Spazieren war sie nicht. Stattdessen hatte sie sich, wie die Pflegerin mir sagte, ins Bett gelegt. Beleidigt. Ist ja klar. Ich lasse meine Mutter in ihrem Bett und gehe wieder. Wichtigere Menschen brauchen mich jetzt: Ich hole Maxim und Nadeschda von der Schule ab.

Nach meinem „Vormittag auf der Couch“ folgt nun ein Nachmittag so wie wir ihn immer verbringen: Hausaufgaben machen, Üben, Instrumente spielen, zwischendrin ein wenig Hausarbeit (Waschmaschine Nr. 2 ist zum Zusammenlegen bereit). Und dann geht es auch schon zum Sport für Maxim und Nadeschda. Auf dem Weg fahren wir noch einmal zur Apotheke, holen das Medikament für meine Mutter ab und kaufen Wasser für sie. Ist ja wichtig, sie muss ja viel trinken. Um halb sieben wieder Zuhause, koche ich Abendessen, dann bringe ich meine wunderbaren Kinder ins Bett, wir lesen „Jim Knopf“ weiter, ich genieße Nadeschda’s Lachen und Maxim’s Wärme, der sich schon verschlafen an mich kuschelt. Beim Einschlafen sagt Nadeschda – wieder in unserem Bett -: „Mama, ich brauche Deine Hand, damit ich etwas Schönes träume.“ Als ich sie ruhig atmen höre, stehe ich auf, gehe runter, lege Waschmaschinenladung Nr.3 zusammen. Mittlerweile ist es 20:30h. Ich bin seit 06:00h ohne Pause für die Familie in Fürsorge tätig. Das sind über 14 Stunden. Nur mal so. Ich kann dankbar sein, dass Richard währenddessen auf Nadeschda’s Elternabend sitzt. Beim Wäsche zusammenlegen kommt mir das Zitat aus Claire’s Beitrag wieder in den Sinn und anstatt mein Buch – „Into the Magic Shop“ von James R. Dotty – weiterzulesen, setze ich mich an den Rechner und schreibe diesen Post.

Die Realität einer Mutter sieht anders aus, als das gemeine Bild ist. Der Haushalt macht sich nicht von allein, das hatten wir ja auch schon mal anderer Stelle , die Kinder werden eben nicht von alleine groß und wenn dann auch noch ein zu pflegender Elternteil dazukommt, dann ist es gänzlich vorbei mit der Möglichkeit zu Arbeiten, geschweige denn einen Vormittag auf der Couch zu verbringen. Ich kann dankbar sein, dass ich nicht arbeiten muss, doch wäre meine Mutter nicht da, so hätte ich dies in der Zeit getan, oder für meine Ausbildung gearbeitet, die mir die Möglichkeit gibt, wieder in geregelten Verhältnissen mehr Geld zu verdienen.

Den Männern da draußen, die wirklich glauben, wir würden einen Vormittag auf der Couch verbringen, denen empfehle ich, mal einen Vormittag mit einer Mutter „eines gesunden 9jährigen“ zu tauschen, anstatt „Vorstadtweiber“ abends zu schauen. Das reale Leben ist meist erhellender als jede Spätabendserie….

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„Ich bin einfach sehr faul.“ – Anstrengungsverweigerung der anderen Art

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Photo by Cristian Newmann on unsplash.com

Schon lange wollte ich mich wieder mehr mit Adoptionsspezifischen Themen beschäftigen. Und da das Thema „Anstrengungsverweigerung“ im letzten wie auch in diesem Jahr sehr viel bei mir hier gelesen wurde, wollte ich mich einmal mehr dem Thema widmen. Nicht zuletzt weil unsere gute alte Freundin uns immer wieder besucht.

Gerade im Moment einmal wieder (fast) täglich, was aber auch mit der aktuellen Grenzbelastung unserer Familie und mir zu tun hat. Die Kinder merken, dass ich sehr angespannt bin, und so sind sie es auch. Und um meine VOLLE Aufmerksamkeit am Nachmittag zu bekommen, werden eben nicht nur Grenzen getestet, sondern die Lern- und Übverweigerung manchmal bis zum Äußersten ausgetestet. Manchmal geht es ihnen auch nur um die Aufmerksamkeit. Nicht mehr mit Maxim und Nadeschda zusammen, sondern mit jedem alleine – inzwischen sind beide ja so groß, dass sich jeweils das andere Kind wunderbar alleine beschäftigen kann und dies auch genießt – für die Schule zu arbeiten und zu üben, kostet zwar mehr Zeit. Aber es ist unterm Strich deutlich entspannter. Und jedes Kind zieht daraus ein Stück weit auch eine exklusive Zeit mit mir.

Doch davon wollte ich heute gar nicht schreiben. Denn die Anstrengungsverweigerung ist mir nun mit meiner Mutter in einer ganz anderen Art wieder begegnet. Wie schon geschrieben, hatte meine Mutter einen Schlaganfall. Zuvor schon hat sie sich in den letzten zwei, drei Jahren sehr „gehen“ lassen, hat motorisch stark abgebaut und in vielerlei Hinsicht nicht mehr gut für sich gesorgt. Der Schlaganfall war nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nun war sie zwei Wochen im Krankenhaus und fünf Wochen in Reha, hier bei mir in der Nähe. Bald wird sie in eine betreute Wohneinrichtung in unser Nähe ziehen. Doch seit Dienstag lebt meine Mutter erst einmal bei uns. Vorübergehend. Mit einer Vollzeitpflegerin. Also einer wunderbaren Frau, die zwar permanent verfügbar wäre, aber es gar nicht sein soll (und darf), die uns jedoch die Freiheit gibt, dass sie im Notfall tatsächlich da wäre. Ich kann dankbar sein, dass wir die finanziellen Mittel haben, den Übergang so zu gestalten. Viele, viele, sehr viele Familien können das nicht. Noch immer ist die Pflege der Eltern ein viel zu wenig beachtetes Thema in unserer Gesellschaft, obwohl es eine Natur gegebene Tatsache ist, dass sie irgendwann auf der Matte stehen, egal wie das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern einmal war. Gerade heute hat Claire von mamastreikt mit einem deutlichen Post wieder zum Netzprotest unter #carearbeitmusssichtbarwerden aufgerufen. Wie Recht sie hat!

Aber zurück zum Thema: Schon im Krankenhaus sagte mir der behandelnde Arzt: „Ja, Sie treffen es auf den Punkt: Der Erfolg der Reha und der nachfolgenden Therapien hängt davon ab, in wie weit Ihre Mutter bereit ist mitzumachen.“ Die Gespräche mit der behandelnden Ärztin in der Reha hatten einen ähnlichen Tenor. Manchmal machte sie gut mit, dann gab es Fortschritte. An vielen Tagen aber hatte sie keine Lust oder war nicht in der Stimmung, oder was weiß ich, dann konnten die Therapien eben nur in einem begrenzten Umfang stattfinden. Die Fortschritte waren entsprechend. Ich erinnere mich, dass ich vor zwei Wochen darüber mit meiner Mutter stritt und ihr ziemlich deutlich sagte, dass sie, wenn sie denn ein selbstbestimmtes Leben wieder führen wollte, gefälligst bei den Therapien kooperieren sollte. Die Antwort meiner Mutter: „Ja, Du weisst doch, ich bin einfach faul.“ Da sie rechtsseitig durch den Schlaganfall gelähmt oder eingeschränkt ist, war und ist ihre tägliche Hausaufgabe, ihre Unterschrift zu üben. Denn da sie meinem Bruder und mir keine Vorsorgevormacht geben wollte, sind wir auf ihre Unterschrift angewiesen. „Ja, das übe ich, wenn Du wieder weg bist. Das muss ich ja nicht jetzt machen, während Du mich besuchst.“ Beim Abschlussgespräch mit der Chefärztin vor ein paar Tagen hieß es, dass sie eigentlich nur weiter Physiotherapie braucht und ansonsten eben im Alltag üben muss. Jetzt hat ihr spannenderweise die Chefärztin ebenso Sprachtherapie und Ergotherapie noch einmal verschrieben. Warum wohl? Weil meine Mutter die Übungen, die sie eigentlich allein zu hause für das Sprechen machen könnte, nicht machen wird. Weil meine Mutter solche einfachen  Dinge im Alltag, wie Kartoffeln schneiden oder Teig kneten oder ähnliches (die ja einen bekanntlich ergotherapeutischen Nutzen haben), nicht machen wird. Auch ihre Sprachübungen wird sie wohl kaum machen. Nicht weil sie nicht kann, sondern weil sie nicht will. Deshalb muss sie sich dafür jetzt in therapeutische Settings begeben.

Als ich ihr neulich sagte, dass sie nun genauso üben muss, wie ihre Enkel, guckte sie mich mit großen Augen an. „Deine Enkel finden das auch nicht immer gut, wenn sie üben müssen. Lesen üben ist total öde, um Deinen Enkel zu zitieren. Doch als er auf einmal merkte, dass vor allem das Lesen auch deshalb spannend ist, weil man nämlich nun auch Sachen auf Mama’s Notizen lesen kann, wie Weihnachts- und Geburtstagswünsche, die eigentlich nicht für seine Augen bestimmt, waren, da fand er das Lesen gar nicht mehr öde.“ Meine Mutter lachte erst, dann schaute sie mich etwas nachdenklich an und antwortete: „Ja, Du kannst ja dann auch mit mir üben. Du scheinst Dich ja damit auszukennen.“ Ich schwieg und dachte mir: „Ja, mit Anstrengungsverweigerern kenne ich mich aus.“

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Betreuung: Vom schmalen Grad zwischen den eigenen Werten und Wünschen

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Photo by Guille Pozzi on unsplash.com

Es gab Tage in den vergangenen Wochen, da konnte ich das Wort „Betreuung“ nicht mehr hören. Ich selbst arbeitete in der Nachmittagsbetreuung der Schule meiner Kinder. Ja, es war eine wertvolle Chance für mich in der Ausbildung, Erfahrung zu sammeln und ein wenig Geld habe ich auch verdient. Doch meine Kinder mussten dann ebenso in der „Betreuung“ bleiben, da ihre Mutter, also ich, genauso wie die Eltern der Kinder, die ich betreute, arbeiteten. Das tat Maxim und Nadeschda nur bedingt gut. Geholfen hat, dass ich sozusagen da und im selben Gebäude war, und sie zu mir kommen konnten, wenn sie mich brauchten. Beide genossen das Spielen mit ihren Freunden, sofern die auch in der „Betreuung“ waren. Aber auf der anderen Seite blieb vieles auf der Strecke. Als ich merkte, dass es vor allem Nadeschda zu viel wurde, so lange in der Schule zu bleiben, organisierte ich die Betreuung meiner Kinder mit unserer Kinderfrau so, dass sie die Kinder früher von der Schule abholte, damit die Kinder zumindest mehr Zeit Zuhause hatten und dann ausgeruht, ihren Freizeitaktivitäten nachgehen konnten. Also, wieder Betreuung für meine Kinder, da ich andere Kinder betreute. Irgendwie absurd…

Dann hatte meine Mutter einen Schlaganfall vor ein paar Wochen. Mittlerweile ist sie in der Reha hier in der Nähe. Aber obwohl mein Bruder und ich schon vor Wochen für sie „Betreuung“ Zuhause organisiert hatten, da es ihr schon vor dem Schlaganfall zunehmend schlechter ging – also jemanden, der fast täglich zu ihr kam, um mit ihr spazieren zu gehen und gemeinsam mit ihr – und eben nicht für sie – Besorgungen zu erledigen, ist das alles nicht passiert, sondern die Betreuerinnen haben das gemacht, worum meine Mutter sie bat, nämlich ohne sie einkaufen zu gehen, Sachen zu besorgen, Dinge im Haushalt zu erledigen. Dass sie einen Schlaganfall hatte und ins Krankenhaus gemusst hätte, hat nur eine von ihnen bemerkt und sie auch dahin gebracht. Meine Mutter hat sich wenige Stunden später selbst entlassen. Erst mein Bruder hat meine Mutter dann final eingewiesen. Und dann ist sie auch im Krankenhaus geblieben. Nun ist ihr Gesundheitszustand so, dass man nicht weiß, wie sie sich erholen wird. Viele ihrer Defizite sind nicht durch den Schlaganfall verursacht, sondern durch jahrelanges sich Selbstvernachlässigen. Die Frage ist nun, wie weit die Reha überhaupt helfen kann, die Schäden des Schlaganfalls zu „reparieren“ und wie weit meine Mutter lernen wird, zukünftig selbst für sich zu sorgen. Ich bin nach wie vor der Meinung, wenn sie wollte, könnte sie. Aber ich bezweifele, dass sie wirklich will. Also denken wir wieder über Betreuung nach. Und hier in unterschiedlichster Form. Aber welche ist die „Richtige“? Eigentlich muss sie nicht in ein Heim – will sie auch nicht -, und ich würde ihr das gerne ersparen. Aber….

Ich habe in den vergangenen Wochen all die offenen Rechnungen meiner Mutter bezahlt, mich mit Versicherungen, Polizei, Finanzamt und anderen Institutionen rumgeschlagen. Das ist zwar nicht die Betreuung, die ich meine, aber irgendwie habe ich auch immer wieder gedacht: Da liegt eine alte Frau in ihrer Wohnung, kann sich kaum bewegen, erzählt sicherlich irgendetwas vom Gipskrieg: „Ja, das habe ich schonmal gehabt, das ist das und das. Und ich brauch nur das soundso Medikament und dann geht es mir bald besser.“ Und die armen Betreuerinnen haben das geglaubt und sind losgezogen und haben das Medikament besorgt. Ende vom Lied war, dass der Notarzt meine Mutter eingepackt hat. Weil sie nämlich von dem Medikament soundso so einen hohen Blutdruck hatte, dass es wahrscheinlich den Schlaganfall ausgelöst hat. Also fange ich an, ambulante Pflege aus meinen Gedankenkonstrukten zu streichen. Auch wenn es eine wunderbare Lösung wäre. Denn mehr braucht meine Mutter, wenn denn überhaupt, eigentlich nicht. Sie muss gucken, dass sie ihre Medikamente regelmäßig und richtig nimmt, sie muss regelmäßig essen, sie muss jeden Tag spazieren gehen und raus an die frische Luft. Das könnte sie – nach erfolgreicher Reha – theoretisch alleine schaffen. Es ist aber fraglich, ob sie das macht. Hilfe bräuchte sie bei Arztbesuchen, Besorgungen, Wohnung in Schuss halten. Das kann man organisieren. Doch ich sehe die Gefahr, dass mein Bruder und ich wieder „Betreuung“ organisieren, da sie eben nicht ihre Medikamente nimmt, geschweige denn regelmäßig isst und so viel Wasser trinkt, wie sie soll. Ob meine Mutter aber die Hilfe annimmt, die sie braucht, ist fraglich. Die Gefahr besteht, dass am Ende wieder nur Rezepte abgeholt werden, von Ärzten, die diese eigentlich nicht hätten ausstellen dürfen. Also muss ich dann die „Betreuung“ meiner Mutter doch selbst in die Hand nehmen?

Die Versorgung von Eltern ist eine Betreuungsaufgabe, die viele von uns irgendwann trifft, wenn die Eltern so weit abgebaut haben, dass sie nicht mehr für sich selbst sorgen können oder auch nicht mehr wollen. Die kommt vielleicht meist überraschend. Denn sagen wird das einem keiner, dass irgendwann die Eltern wieder auf der Matte stehen, auch wenn an vielen Stellen das Thema „Pflege“ es selbst in den vergangenen Wochen wieder auf den Titel eines führenden Nachrichtenmagazins geschafft hat. Mich hat es kalt erwischt, auch wenn ich es hätte kommen sehen können. Vor einem Jahr schon stand ich vor der Senioreneinrichtung, in die meine Mutter, wenn sie Glück hat – und wenn sie bereit dazu ist – einziehen darf. Da ist es schön, wirklich schön, und eigentlich fast zu schön für jemanden, der das nicht wertschätzen kann.

Ich habe kein gutes Verhältnis zu meines Mutter. Warum auch. Über unser Verhältnis habe ich hier geschrieben. Es besteht im Grunde keinerlei Veranlassung, dass ich mich um meine Mutter kümmern müsste. Schuldig bin ich ihr nichts. Dennoch habe ich irgendwie Werte in meinem späteren Leben gelernt, und mir ist es wichtig, nach diesen zu leben. Sie lassen mich meine Mutter eben nicht einfach dem Schicksal und sich selbst überlassen. Insofern werde ich schauen, dass meine Mutter gut versorgt ist. Aber in manchen Momenten kann ich das Wort „Betreuung“ einfach nicht mehr hören. Ich will auch nicht noch mehr Betreuung für meine Kinder organisieren, damit ich mich um meine Mutter kümmern kann. Ich will Mutter sein und für meine Kinder so da sein, wie sie es brauchen. Das ist meine Aufgabe. Meine Kinder brauchen aufgrund ihrer Geschichte mich als ihren verlässlichen Anker. Für sie trage ich die Verantwortung. Ich will nicht eine Mutter betreuen, die nie eine Mutter für mich war. Und die nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Doch ich will und kann diese Verantwortung auch nicht übernehmen. Dennoch muss ich den schmalen Grad gehen, auf der einen Seite meinen Werten zu folgen und auf der anderen Seite meinem Wunsch eine gute Mutter zu sein, und dabei mich selbst nicht zu übernehmen und zu überfordern.

P.S. Claire von mamastreikt schreibt seit Monaten viel über Carearbeit. Schon ihrem Netzprotest #carearbeitmusssichtbarwerden bin ich aufmerksam gefolgt. Doch erst mit der bei mir einziehenden doppelten Care-Arbeit hat das Thema für mich eine neue Brisanz bekommen. Umso mehr möchte ich Euch Claire’s aktuelle Aktion „Care eine Stimme geben“ ans Herz legen.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (76)

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Photo by Benjamin Manley on unsplash.com

Meine Wochen sind einfach voll zur Zeit. Zu voll. Viel zu voll. Vor allem meine Mutter in der Reha und ihre Zukunft, oder vielmehr ihre jüngste Vergangenheit halten mich beschäftigt. Viel zu beschäftigt. Wenn alles gut klappt, dann haben wir in der kommenden Woche ihr Leben nach der Reha organisiert. Bis darauf, dass wir dann noch ihr altes Leben in ihrer ehemaligen Wohnung abwickeln müssen. Aber okay, das wird dann auch irgendwie gehen. Die ganzen kleinen Überraschungen, die so passieren, wenn eine ältere Dame meint, sich nicht mehr um ihr Post kümmern zu müssen und das über Monate – nicht weil sie es nicht kann, sondern weil sie keine Lust hat, und weil Arte im Fernsehen schauen oder Daniel Barenboim hören oder Gold Mann lesen eben spannender ist, als Rechnungen zu bezahlen, und die dann bitte auch richtig MIT Mehrwertsteuer und eben nicht ohne -, das koste zur Zeit sehr viel Zeit. Ich hatte mir diese Wochen reserviert, um an meiner Abschlussarbeit zu schreiben und habe keine neuen Aufträge angenommen. Nun die Abschlussarbeit schreibe ich nicht und so habe ich die Zeit. Vermeidlich…. Dennoch habe ich mir in dieser Woche auch schöne Momente beschert. Neben dem Alltag mit Maxim und Nadeschda, der auch selbst wenn er an manchen Stellen wieder hart ist – unsere Freundin, die Anstrengungsverweigerung, besucht uns wieder -, doch einfach noch einmal in diesem ganzen Mutterthema eine andere Bedeutung bekommt. Ich genieße es einfach, mit meinen Kindern den Nachmittag und Abend zu verbringen, egal wie er abläuft. Die zwei sind einfach wunderbar! Und während sie gerade mit dem Papa schwimmen gehen, sind dies hier meine drei Sonntagslieblinge (und Achtung, diesmal ist es nur ganz viel über und für mich…):

  1. Ich war beim Friseur und habe mir meine Haare rot färben lassen, so wie sie mal waren, so vor dreißig Jahren. Molly Ringwald war wohl noch in meinem Kopf. Spannend waren die Reaktionen. Vor allem eine, die wieder so auf das Adoptionsthema passt. Eine Kollegin aus meiner Weiterbildung sagte, als ich ihr erklärte, dass ich früher rot war:“ Ahh, dann haben also Deine Kinder rote Haare?“ Ich: „Nein, mein Sohn ist hellblond und meine Tochter dunkelblond.“ Die Kollegin: „Dann hat sich da wohl der Vater durchgesetzt.“ Ich: „Kann sein.“
  2. Ich habe schon vor ein paar Wochen dank Sherrie Eldridge eine wunderbare amerikanische Adoptionsseite entdeckt: Confessionsofanadoptiveparent.com. Großartig! Ich habe Kristin’s Buch „Born Broken“ gelesen. Und war hoch berührt. Es hat mich manchmal sehr, sehr traurig gemacht, selbst wenn meine Kinder eben nicht die Diagnose „FASD“ haben. Mehr dazu sicherlich noch einmal an anderer Stelle. Erleichternd fand ich vor allem, dass Kristin so über ihre Muttergefühle und ihre Gefühle des Scheiterns reflektiert. Allein dafür ist das Buch so lesenswert.
  3. Mein wunderbarer Mann hatte mir zu Weihnachten einen „Innenausstatter“ geschenkt. Mehr so einen „Schick mal jemanden durchs Haus, der sich die noch offenen Baustellen anschaut und sie behebt. Ich habe keine Zeit und keine Nerven, noch eine weitere Gardinenstange anzubringen.“ Nun, das habe ich gemacht – im wesentlichen geht es wirklich um neue Vorhänge, da wir in unserem alten Haus eben keine Rollläden haben – und das ist eine ganz wunderbare Erfahrung. Am Freitag war ich nun im Laden und habe Stoffe ausgesucht. Und Kissen und zwei Teppiche… Ach, das war einfach schön! – Ich bin so dankbar dafür, dass auch so etwas geht. Auf wenn es der absolute Luxus ist….

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen gelungen Start in die kommende Woche!