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Meine drei Wünsche für 2017

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Heute ist Heilige drei Könige. Der letzte Tag der Weihnachtszeit, das Ende der Rauhnächte. Angeblich geht das, was man in ihnen träumt, in Erfüllung in diesem nun angebrochenen neuen Jahr. Man könnte also heute den Beginn des Neuen setzen. Doch bin ich noch nicht so richtig in diesem neuen Jahr angekommen. Auf der einen Seite haben mich Tatendrang und der Ferienalltag in Beschlag genommen. Die Kinder und ich sind jeden Tag arbeitsam unterwegs, erledigen viel, üben wie immer etwas für die Schule und unsere Instrumente, spielen viel und Maxim und Nadeschda sehen nachmittags viele ihrer Freunde. Auf der anderen Seite weiss ich noch nicht, wo mich dieses neue Jahr hinbringen wird. So wie das vergangene soll es nicht mehr werden. Doch zeichnen sich bereits jetzt schon neue Herausforderungen – nicht nur mit Maxim und Nadeschda – ab. Und so kreisen meine Gedanken in den vergangenen Tagen immer noch um das alte Jahr und meine Lehren daraus. Damit das neue Jahr nicht eine Wiederholung des alten wird.

2016 war ein hartes Jahr. Ich habe auf zu vielen Baustellen kämpfen müssen, und dies gefühlt immer alleine. Mein „Arbeitstag“ hatte meist mehr als 16 Stunden und das auch am Wochenende. Oft mit wenig Schlaf, wenn eines der Kinder mich nachts rief oder von vorne herein bei uns im Bett schlief. Manchmal auch beide. Richard arbeitet nach wie vor viel, zu viel, steht selten zu Verfügung. Zumindest darf ich dankbar sein, dass er mir meine Ausbildung ermöglicht und freitags früher nach Hause kommt. (Auch wenn ich dann meine Zeit der Abwesenheit in Hausarbeit am folgenden Tag meist dranhängen darf.) Weitere familiäre Unterstützung haben wir nicht. Rückblickend kann ich zwar stolz sein auf all das, was ich geschafft habe. Aber all das hatte auch seinen Preis. Ich habe 1,5 Häuser umgebaut. Eines davon, während wir drin wohnten. Ich habe rund 170 qm Wohnfläche komplett neu eingerichtet. Ich habe mit meinem ehemaligen Arbeitgeber erfolgreiche Abfindungsverhandlungen geführt und mein Arbeitsverhältnis endgültig beendet. Gleichzeitig habe ich ein Buch zur Veröffentlichungsreife gebracht und eine Ausbildung begonnen. Daneben habe ich meinen depressiven Bruder bei uns aufgenommen und quasi einen Haushalt mit vier Kindern – zwei großen und zwei kleinen – geführt.

All das neben meiner Hauptaufgabe als Mutter meinen beiden bedürftigen Kindern voll bewusst, unterstützend und stärkend zur Seite zu stehen, sie durch ihr Leben zu begleiten, mit ihnen ihre Traumata zu überwinden. Mit ihnen jeden Tag zu „arbeiten“, ihnen mit viel Struktur und wiederholendem Rhythmus Sicherheit zu geben. Sie zu trösten, ihre Wutanfälle auszuhalten, ihre Ängste ernst zunehmen und für sie stark zu sein. Und dabei immer gelassen und ruhig zu bleiben und sie meine eigenen Sorgen und Ängste, meine Erschöpfung nicht spüren zu lassen. Das war nicht immer einfach. Und leider gab es auch Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, als Mutter zu versagen. So bei der Episode mit der Fleischwurst  oder auch bei meinem Zuspätkommen. Erst mit der Zeit ging es besser. Ich fügte mich voll und ganz in die Bedürfnisse meiner Kinder. Wenn wir zusammen waren, blendete ich alles andere aus. Da war ich nur für Maxim und Nadeschda da, blieb bewusst ganz bei ihnen. So wie ich es hier und hier geschrieben habe. Am Ende hat sich das ausgezahlt und ich darf voll Stolz auf eine bewundernswerte Entwicklung meiner Kinder zurückblicken.

Doch anderes blieb auf der Strecke. Ende November kam Daniel nach einem Selbstmordversuch ins Krankenhaus. Ja, ich hatte in den Wochen davor wohl gesehen, dass es ihm in seiner Depression wieder schlechter ging. Aber ich wollte es nicht wahr haben. Manchmal glaubte ich, er müsse doch auch so „funktionieren“ können wie ich. Konnte er aber nicht. Der Strudel zog ihn immer weiter nach unten, bis er selbst zu Kleinigkeiten und Alltäglichkeiten nicht mehr in der Lage war. All das wollte und konnte ich mir nicht bewusst machen. Die Achtsamkeit, die ich meinen Kindern gegenüber zeigte, ließ ich bei meinem Bruder nicht walten. Wenn die Kinder in der Schule waren, pflügte ich einfach weiter durch mein Programm, dass trotzdem nicht weniger wurde. Für Daniel hatte ich keine Zeit. Genauso wenig wie ich mir selbst Momente gönnte, um inne zu halten, langsam zu machen. Sport steht als unerledigtes To Do noch nicht einmal auf meinen ungezählten Listen. Der Stapel ungelesener Bücher wird immer länger. Mal mit einer guten Freundin telefonieren selten möglich. Drei Grippen und Nasennebenhöhlenentzündungen habe ich in diesem Jahr weggedrückt, mit viel zu vielen Medikamenten. Ich weiß ja, wie ich unseren Hausarzt davon überzeugen kann, was ich jetzt dringend brauche. Mein Immunsystem liegt am Boden. Doch einfach einmal nichts tun, was ist das? Stattdessen immer weiter im Hamsterrad, jeden Tag von sechs Uhr morgens bis abends um elf.

Erst nachdem mich ein Gespräch mit Nadeschdas Klassenlehrerin  zunächst völlig aus der Bahn warf, merkte ich, dass ich nicht mehr so weitermachen darf. Ich muss für meine Kinder stark und gesund sein. Das ist das allerwichtigste. Dafür muss ich schauen, dass es mir selbst gut geht, dass ich auch einmal aussteige aus meinem Hamsterrad, innehalte, langsam mache, gar nichts tue. So wie ich für Maxim und Nadeschda schon erkannt hatte, dass wir viel mehr Zeit und Ruhe Zuhause brauchen und wir unseren Terminkalender entschlacken müssen, so sollte ich dies genauso für mich selbst tun. Aber wie trage ich das in meinen ganz persönlichen Alltag? Meine To Do Zettel werden irgendwie nicht kleiner. – Ich bin hin und her gerissen, ob ich mir nicht drei gute Vorsätze für 2017 vornehme: 1. Laufen gehen, 2. mehr als sieben Stunden nachts schlafen und 3. alle zwei Wochen ein gutes Buch lesen (Katja von home is where the boys are hat so wunderbare Buchempfehlungen). Auf der einen Seite könnten sie mich zwingen, tatsächlich mehr Ruhe in meinem Leben walten zu lassen. Auf der anderen Seite habe ich die Sorge, mich nur wieder noch mehr unter Druck zu setzen. Vielleicht nenne ich sie einfach „Meine drei Wünsche für 2017“. Dann haben sie weniger etwas zwanghaftes. Sie dürfen in Erfüllung gehen, müssen es aber nicht….

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Blogparade „Familienzusammenführung und Patchwork-Familie“

Die wunderbare Klabauterfrau  hat zur Blogparade zu „Familienzusammenführung und Patchworkfamilie“  aufgerufen. Aufgrund meiner eigenen Familiengeschichte, von der ich an der ein oder anderen Stelle hier schon erzählt habe , greife ich den Aufruf zur Parade gerne auf.

In den vergangenen Jahren sehen wir eine zunehmende Diskussion über das Leben in Patchworkfamilien, deren Zahl kontinuierlich wächst, auch wenn genaue Statistiken nicht vorliegen. Sie gehören inzwischen in unseren Alltag und sind in unserer Gesellschaft Normalität geworden. Stiefmütter versuchen in Buchform oder im Internet ihr „böses“ Image aus Grimm‘s Märchen aufzupolieren, Erziehungsratgeber für Patchworkfamilien sprießen wie Pilze aus dem Boden. Immer wieder finden sich in einschlägigen Frauen-Hochglanzmagazinen farbenprächtige Reportagen über das glückliche Zusammenleben in eben diesen Familienkonstellationen. Prominente und Staatsoberhäupter bieten dafür eine willkommene Vorlage. Nicht zuletzt Christian Wulff und auch sein Nachfolger Joachim Gauck haben den Versuch angetreten, zu beweisen, dass „Frauen mit Vergangenheit und Männer mit Zukunft auch mit Anhang eine ideale Mischung ergeben.“, so war es mal in einschlägigen nationalen Tageszeitungen zu lesen.

Doch genauso mehren sich Veröffentlichungen, die aufzeigen, dass das Konzept von Patchworkfamilien häufig nicht funktioniert, ja oftmals scheitert und vor allem für die betroffenen Kinder zu einer traumatischen Belastung wird. Oft sind sie zwischen ihrer Herkunftsfamilie und der neuen Familie hin- und hergerissen. Scheidungsauseinandersetzungen werden auf ihrem Rücken ausgetragen. Die Folgen für die Kinder sind meist verheerend. Schwierigkeiten in der Schule in Zeiten der Pubertät sind noch die milderen Konsequenzen, vielmehr zeigen Kinder aus Patchwork-Familien im Erwachsenenalter oftmals Anzeichen von Depressionen und Bindungsstörungen. Melanie Mühl beschreibt das sehr treffend und klar in ihrem Buch „Die Patchwork-Lüge“. Mich hat die Lektüre des Buches erschüttert, denn es zeigte mir die Folgen meiner eigenen Patchwork-Erfahrung.

Ich selbst komme aus einer Patchwork-Familie, die es inzwischen nicht mehr gibt. Meine Eltern trennten sich, als ich achtzehn war, mein Vater zog mit einer neuen und jüngeren Frau zusammen, bekam Kinder mit ihr und heiratete sie. Über zwanzig Jahre hatte ich eine Stiefmutter, die allen Klischees der bösen Märchenwelt entsprach. Erst recht nachdem sie eigene Kinder mit meinem Vater hatte. Ich war für sie eine Bedrohung, nicht nur weil ich ihr ja den Mann wegnehmen, sondern auch weil ich ihren Kindern in der Liebe unseres Vaters den Rang ablaufen könnte. Da ich mit dem Scheitern der Ehe meiner Eltern ohnehin auszog und mein Studium begann, war ich mit meiner Stiefmutter nun während der Besuche am Wochenende und in den Semesterferien konfrontiert. Ein alltägliches Zusammenleben hätte mit ihr nicht funktioniert. Und je erwachsener ich wurde, um so weniger wurden die Begegnungen mit ihr. Genauso wenig hat sich aber auch meine leibliche Mutter mit Ruhm bekleckert. Über Jahrzehnte wurde sie nicht müde, den Scheidungskrieg mit meinem Vater und ihre persönlichen Verletzungen auf meinem Rücken auszutragen. Ich saß immer zwischen den Stühlen. Auch hier bin ich auf Distanz gegangen. Große Distanz. Denn je älter ich wurde, um so weniger wollte ich der Spielball von Erwachsenen sein, die mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten nicht umgehen können. Doch immer schwang auch ein schlechtes Gewissen mit. Es war doch meine Familie, da müsste man sich doch irgendwie arrangieren können.

Spannenderweise brauchte es erst mein eigenes Mutterwerden und mein Hineinfinden in meine eigenen Rolle als Mutter, dass ich mich von meiner Herkunftsfamilie gänzlich frei machen konnte. Mir wurde noch einmal bewusst, dass das, was man mir als Jugendliche und junge Erwachsene zugemutet hatte, keinem Kind antun darf. Und ich beschloss für mich, dass ich meine eigenen Kinder vor meinen Eltern und meiner Stiefmutter schützen und bewahren muss. Letztendlich sorgte meine Stiefmutter ohnehin für einen endgültigen Bruch. Ein Jahr später verließ sie dann meinen Vater für einen anderen Mann. Die zweite Scheidung lief, als mein Vater starb. In der darauffolgenden Erbauseinandersetzung lieferten wir uns noch einmal blutige Auseinandersetzungen, die mir aber im Rückblick wie ein Befreiungsschlag vorkamen. Heute gibt es keinen Kontakt mehr, weder zu ihr noch zu meinen Halbgeschwistern. Denn nur weil wir einen Teil der Gene mit einander teilen und über denselben Mann verbunden waren, müssen wir uns nicht verstehen, geschweige denn Zeit mit einander verbringen. Wenn keine gemeinsame Basis vorhanden ist, ist mir meine Zeit zu schade, an einer Patchwork-Familie zu hängen, die es nicht gibt.

Solange also die sich trennenden und neuen Partner in ihren Verletzungen verharren und keinen vernünftigen Umgang mit einander finden, wird meiner Meinung nach keine Patchwork-Familie funktionieren. Eine gesunde Patchwork-Familie zu haben, erfordert einen erwachsenen und reifen Umgang untereinander. Der ist leider oft nicht gegeben.  Und die, die darunter leiden, sind immer die Kinder.