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„Nothing for sissies…“: Zum Schulstart nach den Ferien

frustrated math school child

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Ja, wir haben den Start in die Schule gut gemeistert. Und so langsam kommen wir in eine gute Routine. Doch oft musste ich gerade in der ersten Woche nach den Ferien an Sherrie Eldridge’s Post zum ersten Schultag,  wie Adoptivkinder ihn erleben, denken und an die Punkte, die sie so treffend benannt hatte, wie es Adoptivkindern nach den Ferien in einem neuen Umfeld geht.

Vielleicht ist es auch das weinende Kind, das zum Glück nicht meines war, aber mich dennoch, da ich nun im Hort arbeite, tief getroffen und mitgenommen hat und mich noch einmal an einen so behutsamen Übergang in die Schulzeit erinnert, von dem ich hier geschrieben hatte. Das weinende Mädchen war eine Schülerin der ersten Klasse. Für sie war alles neu. Und dann passierte der Super-Gau: Sie hatte sich auf der Toilette eingesperrt und kam nicht mehr raus. Ihr Weinen ging durch Mark und Bein, so dass ich es durch zwei geschlossene Türen hörte und nach dem Kind schaute. Als klar war, dass sie sich eingeschlossen hatte, holte ich die Hausmeisterin, die das Mädchen befreite. Die Betreuerin für die 1. Klasse kümmerte sich dann um das Mädchen und ich glaube, sie wurde dann auch früher abgeholt. Ich wollte mir in meinem Kopf nicht ausmalen, was in meinen Kindern vorgegangen wäre, wäre ihnen das passiert wäre. Oder auch jetzt noch passieren würde.

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. So habe ich schon geschrieben. Ihr Herz wurde vielleicht gekittet. Aber der Bruch, die Narbe ist immer noch da. Manchmal setzt das Herz aus, oder es läuft nicht so wie es soll und dann passieren die Aussetzer….Bei Maxim ist das in den vergangenen Monaten zweimal passiert. Einmal dachte er, da er mich mit Nadeschda an der Schule nicht fand – wir hatten nur ihre Jacke geholt – und er in seiner Panik mein Auto auf dem Parkplatz nicht erkannte, dass ich tatsächlich mit Nadeschda schon nach Hause gefahren sei. Ein anderes Mal waren wir alle als Familie auf einer Feier. Er wollte noch spielen und hatte nicht auf Richards Aufforderungen zu gehen gehört. Als Richard das Auto anließ – und der Sound ist recht markant – kam unser Sohn mit Panik in den Augen angelaufen und schrie Richard verzweifelt an. Niemals wären wir ohne Maxim gefahren, aber dennoch, es gibt Trigger wie diese, die die alte Wunde wieder aufbrechen lassen.

Traumatisierte Kinder spüren, dass meist das Trauma über Erinnerungsfetzen immer wieder an die Oberfläche des Bewusstsein streben kann, um dort vielleicht aufgelöst zu werden. Dieses Gefühl ist so Angsteinflößend, dass diese Kinder alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das traumatische Erlebnis zurück in das Unterbewusste zu verbannen. Es bleibt bei den Kindern ein Gefühl der permanenten Bedrohung zurück, und sie leben in einem permanenten Angstzustand. In jeder Situation könnten sie wieder diese schmerzliche und verletzende Erfahrung des Traumas machen. So sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft, da sie ständig damit rechnen, wieder verletzt zu werden. Sie sind ständig in Habacht-Stellung, um einer vermeintlich neuen Gefahr begegnen zu können und sich zu schützen. Sie haben permanent das Gefühl, all ihre Kräfte mobilisieren zu müssen, um die Gefahr für ihr Leben bannen zu müssen. Sie leben dauerhaft in dem Gefühl, um ihr Überleben kämpfen zu müssen.

Und das tun sie auch in der Schule. Gerade nach dem Neubeginn nach den Ferien. Maxim hat sich wirklich gut geschlagen. Er ist nun auch nach vier Jahren ein „alter Hase“, weiß, wie die Sachen laufen, wo was ist, auf welches Klo man am besten geht, kennt viele Lehrer und Betreuerinnen im Hort. Er hat die ersten Tage und nun auch Wochen gut gemeistert. Dennoch stelle ich auch bei ihm fest, dass für manche kognitiven Dinge im Moment keine Kapazitäten frei sind. Wir haben in den Ferien viel Rechnen geübt. Neben anderen Themen. Im Moment steht zwar Grammatik und Schreiben auf dem Plan. Aber ich merke, dass alles Rechnen bei ihm weg ist. Das kleine 1 x 1, das er so grandios konnte? Weg. Im Moment braucht mein Sohn gefühlt mehrere Minuten bis er mit der Lösung, die dann nicht immer richtig ist, um die Ecke kommt. Genauso wie andere Fähigkeiten wie etwa die Uhr zu lesen und die Dauer abzuschätzen, wie lange man für etwas braucht. Das ist einfach ausradiert, überlagert von allem neuen, was das vierte Schuljahr nun mit sich bringt.

Es ist gut, dass ich nun im Hort arbeite und beim Mittagessen schon in der Schule bin und somit bei meinen Kindern. Denn Nadeschda ist mir in den vergangenen zwei Wochen mindestens dreimal weinend in die Arme gelaufen, weil irgendjemand sie geärgert hat, sie irgendetwas als ungerecht empfand, oder ihr etwas weh tat. Mit der Theateraufführung in der ersten Woche war sie restlos überfordert, auch wenn sie sie dann grandios gemeistert hat. Aber die Zornesausbrüche zuhause waren durchaus erinnerungswürdig. Es war genauso wie Sherrie es beschrieb: Sie hätte sich am liebsten zurückgezogen, sie hatte Angst, sie glaubte, dass sie das alles nicht schafft, sie fühlte sich wertlos. Sie war die ganze Zeit unter Strom, fühlte das Geräusch in ihrem Kopf, konnte es nicht abstellen. Sie spürte ihr gebrochenes Herz, dass ihr sagte, sie dürfte nicht versagen. Welch ein Kampf für eine so kleine Seele!

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. Und immer noch und immer wieder gibt es eben diese Momente, in denen ich mich frage, ob es wirklich irgendetwas gibt, was meine Kinder diese Narbe vielleicht vergessen lässt, oder ihnen hilft, mit dieser Wunde zu leben. Wenn das Trauma durchbricht, saugen meine Kinder meine Fürsorge und Zuneigung auf wie ein trockener Schwamm. Ihr emotionales Loch, das die Traumatisierung gerissen hat, ist wie ein Faß ohne Boden, in das nie ausreichend Liebe und Zuneigung hinein fließen können.

Routine und Fürsorge helfen. Ein wenig. Ich bin froh, dass ich im Moment ein Teil der Schule bin und meine Kinder bzw. ihre Emotionen früher abfangen kann. Da kommt Nadeschda, weint ein paar Minuten auf meinem Schoß und dann geht sie auch wieder. Aber dennoch: Ich musste an einen Satz denken, den meine amerikanische Mutter mir zum Älterwerden im Kontext meiner biologischen Mutter schrieb. Und ich könnte ihn gerade so treffend umdichten: „Getting adoptive kids back to school is nothing for sissies.“

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Heilsam durch den ersten Schultag kommen….

School accessories against blackboard

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Am Montag ist es wieder soweit für uns: Nach wunderbaren sechs Wochen Ferien kehren wir zurück an die Schule. Ja, wir sind gut vorbereitet. Und wir haben alles so organisiert, dass wir langsam in den Schulalltag starten. Unsere nachmittäglichen Aktivitäten haben wir zumindest für die ersten zwei Wochen deutlich reduziert. Schon in der letzten Ferienwoche haben wir uns innerlich und in unserer Routine allmählich dem Schulalltag angenähert und haben viele Freunde aus der Schule gesehen, um „alte Kontakte“ wieder aufleben zu lassen. Damit – auch wenn es wohl gewohnt sein mag – nicht alles wieder neu und anders im Vergleich zu dem Ferienmodus in unserer Alltag einprasselt. Die nächste Woche wird zeigen, ob ich gut daran getan habe. Auch Sherrie Eldridge aktueller Beitrag „NAVIGATING FIRST-DAY-OF-SCHOOL EMOTIONS WITH ADOPTED AND FOSTER KIDS“ hat mich darin bestätigt:

Sie erinnert daran, dass Gefühle von Stress und Angst nie aufhören, und sie besonders in Situationen, in denen Neues und Ungewohntes auf ein Adoptivkind einprasselt, immer wieder hoch kommen können. So fühlen sich Adoptivkinder in diesen Momenten:

  • Sie sind alarmiert und in ihrem Kopf dröhnt es, als würde irgendwo ein Feueralarm losgehen. Ich weiß das nur zu gut von meinen Kindern.
  • Sie haben Angst, und am liebsten würden sie flüchten, ganz weit weg.
  • Sie sind traumatisiert, ihr Herz schlägt ihnen bis zum Hals.
  • Sie fühlen sich wertlos.
  • Sie würden sich am liebsten zurückziehen und dissoziieren vielleicht in ihr Innerstes, weil dies der vermeintlich sicherste Ort ist.
  • Sie spüren ihr gebrochenes Herz, denn sie fühlen, das andere wollen, dass sie erfolgreich sind und haben Angst es nicht sein zu können.

All das kommt immer wieder hoch, jedes Mal von neuem. Auch wenn es nicht der allererste Schultag ist. Dessen sollten wir uns als Adoptiveltern bewusst sein, um unseren Kindern den entsprechenden Raum für ihre Gefühle in den ersten Tagen nach den Ferien zu lassen. Ich hoffe, ich gebe meinen Kindern in den kommenden Wochen genau diesen Raum und das Verständnis, ihre Gefühle von Angst, Überforderung und Schmerz zuzulassen.