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Charlotte’s Sonntagslieblinge (108)

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Photo by Pedro Lopes on unsplash.com

Diese Woche war auf diesem Blog eine besondere für mich. Ich möchte Euch allen, die hier so zahlreich kommentiert haben, danken, für all Eure lieben Worte und Ermunterungen, egal ob als Kommentar oder Mail. Eure Anteilnahme gibt gerade jetzt so viel Zuversicht und Halt! Ein großer Dank geht von mir an Euch! Eure Anteilnahme ist für mich etwas ganz Besonderes!

Nun, der nächste Kontrolltermin für Nadeschda stand am Donnerstag an. Über meine Angst habe ich geschrieben. Im Ergebnis sagte die Ärztin: „Wir werden dem Spuk jetzt ein Ende bereiten.“ Am kommenden Dienstag wird Nadeschda operiert, das „Ding“ entfernt und anschließend histologisch untersucht. Wenn alles gut läuft, sind wir bereits am Mittwoch wieder Zuhause. Doch das Ergebnis der Gewebeuntersuchung bekommen wir dann erst in der Woche drauf. Insofern geht der Spuk doch noch eine Weile für uns weiter… Aber dennoch, ein wenig mehr Klarheit scheint in greifbarer Nähe. Und so bin ich an diesem Sonntag für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Nicht nur hier auf diesem Blog, sondern auch in unserem Freundeskreis und vor allem aus dem Freundeskreis unserer Kinder habe ich in den vergangenen Tagen so unglaublich viel Unterstützung erfahren. Das ist wunderbar und einfach großartig! Maxim ist aufgrund so unzähliger Hilfsangebote mehr oder weniger die komplette nächste Woche bei Freunden. Er kann sich also über langweiliges Ferienprogramm nicht beschweren…. Und mir tut es so gut, ihn gut aufgehoben zu wissen.
  2. Ich habe im Zuge dessen auch gelernt, Hilfe anzunehmen. Nicht immer alles irgendwie alleine zu stemmen und zu organisieren. Und auch zu sagen, was ich brauche. Am Montag bin ich mit Nadeschda schon zu den Vorgesprächen in der Klinik. Dienstag ist die OP. Maxim ist derweil bei unseren wunderbaren Freunden hier in einer näher gelegenen Stadt, deren Sohn in derselben Stadt in Russland geboren ist wie Maxim. Die beiden Jungen verbindet eine ganz tiefe Seelenverwandtschaft. Umso dankbarer war ich, als seine Mutter mir anbot, dass Maxim von Montag auf Dienstag bei ihnen bleiben kann. Ich kann mir keinen besseren Ort für Maxim vorstellen als dort. In einer Zeit, in der er selbst die überbordende „Bedrohung“ nicht verkraften kann. Auch wenn er nicht um unsere tiefsten Ängste Bescheid weiß, so spürt er sie doch. Denn er hat einfach sehr sensible Antennen, oder viel mehr einen 7. Sinn.
  3. Immer wieder bin ich erstaunt über Nadeschda’s Selbstfürsorge. Seitdem der Knoten da und für uns präsent ist, ist sie sehr, sehr anhänglich. Zunächst hatte ich gedacht, dass es sie mit der Schule zusammen alles überfordert. Aber das ist es nicht. Sie braucht einfach meine Nähe und vor allem die Sicherheit ihres Zuhauses. Sie will sich – im Gegensatz zu ihrem Bruder – nicht verabreden, sondern ist glücklich, wenn wir hier einfach Zuhause sind. Und sie braucht ganz viel Struktur und fordert diese ein. Am Freitag beim Abendessen wurde sie nicht müde zu fragen: „Und was ist der Plan für morgen? Was machen wir morgen?“ Als Richard zwar begann zu erzählen, was wir alles am Samstag machen könnten, aber nicht so konkret wurde, hielt sie inne und sagte: „Nein Papa, was ist der konkrete Plan für morgen? Ich brauche das. Ich muss das wissen.“ Ich schmunzelte und war begeistert von meiner Tochter, die trotz allem so klar artikulieren kann, was sie braucht und will.

Mit einem großen Dank wünsche ich Euch allen einen hoffentlich zauberhaften Herbstsonntag und einen gelungenen Start in die neue Woche!

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Angst um Nadeschda…

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Photo by Bekah Russom on unsplash.com

Seit vier Wochen ist die Angst um Nadeschda einmal wieder unser ständiger Begleiter. Seit vier Wochen hat Nadeschda einen Walnussgroßen Knoten unter der Achsel. Er schmerzt nicht. Was in diesem Fall nichts Gutes heißt…. Entgegen dem Gängigen, wenn man Dr. Google befragt, „Warten Sie erst einmal ab. In der Regel geht eine mögliche Schwellung der Lymphknoten nach zwei bis drei Wochen bei Kindern von alleine weg.“, sind wir nach einer Woche beim Kinderarzt gewesen. Der war mächtig entsetzt und verlor auch kurz die Fassung, als er „das Ding“ sah, sortierte sich aber schnell und leierte sofort alle möglichen Untersuchungen an. In den vielen Jahren, die wir bei ihm sind, habe ich ihn als unglaublich guten Diagnostiker kennen- und schätzen gelernt. Im Ultraschall konnte man sehen, dass es wohlmöglich ein vergrößerter Lymphknoten ist. Allerdings fanden sich in Nadeschdas Blut keine Hinweise und Indizien auf irgendetwas. Jede mögliche Virusinfektion, die eine derartige Schwellung hervorrufen kann, konnte ausgeschlossen werden. Auch die Entzündungswerte waren nicht erhöht. Und andere Organe wie Milz und Leber nicht vergrößert.

Etwas „Normales“ war dieser Knoten aber nicht. So viel stand nach zwei Tagen fest. Und da unser Kinderarzt sich unsicher war, ließ er Nadeschda in die Kinderklinik und die dazugehörige hämatologische-onkologische Abteilung einweisen. „Die kennen sich am besten mit raumfordernden Prozessen aus,“ sagte noch unser Kinderarzt, „und es heißt nicht, dass jetzt das Schlimmste zu befürchten ist.“ Dennoch fiel es mir schwer, Ruhe zu bewahren. Die Angst hatte mich bereits fest im Griff.

In diesen Momenten bin ich so unendlich dankbar für meinen Mann. Er hatte sofort gesagt, dass er mit Nadeschda ins Krankenhaus fährt. Nachdem ich Nadeschdas Koffer gepackt hatte, wollte ich ihm noch ein paar Sachen einpacken. Verdutzt guckte Richard mich an und sagte: „Nein, wieso? Wir sind doch heute Abend wieder zurück.“ So war es dann auch. Nach erneuter Blutkontrolle und Ultraschall, waren die Ärzte in der Klinik davon überzeugt, dass es sich um eine Infektion eines Lymphknoten handelt. In den folgenden Tagen sollte Nadeschda zwei Antibiotika nehmen, die die Infektion behandelten. Die Angst lockerte ein wenig ihren Griff…

Doch in der folgenden Woche lernten wir, was der Kinderarzt in der Klinik mit seinem Satz „Eine Antibiose ist in diesen Fällen in der Regel der erste Schritt. Wenn das die Nerven der Eltern mitmachen…“ gemeint hatte: Der Knoten wurde nicht kleiner, die Antibiotika wirkten nicht und die Wartezeit bis zum nächsten Kontrolltermin entwickelte sich zu einem nervlichen Drahtseilakt. Die Angst griff wieder fester zu und führte mich an die Grenzen meiner Belastung.

Auch beim folgenden Kontrolltermin hielten die Ärzte an ihrer Vermutung fest, dass es sich eher um eine Infektion als um ein Lymphom – irgendwann war dann das Wort, das wir alle in den Tagen zuvor gemieden hatten wie der Teufel das Weihwasser, doch auf dem Tisch – handelte. Nadeschda zeigte ja keine der gängigen Begleiterscheinungen, keinen Nachtschweiß, kein Fieber, kein schlechter Allgemeinzustand. Wir sollten noch einmal zehn Tage warten, und beobachten wie sich der Knoten entwickelt. Um so vielleicht einen operativen Eingriff zu vermeiden. „Lassen Sie sie doch lieber noch einmal spielen und rumtoben…“ hatte eine der Ärztinnen gesagt.

Nun die zehn Tage sind morgen vorbei. Richard wird morgen wieder mit Nadeschda in die onkologische Abteilung der Kinderklinik fahren, zu einer nächsten Kontrolle. Der Knoten ist da. Unverändert. Nach wie vor so groß und bedrohlich wie vor vier Wochen. Die Angst hat sich erneut in unserer Mitte niedergelassen, und drückt hämisch grinsend ihre Klauen immer fester zu.

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Der stumme Schrei nach Hilfe

Wenn Adoptiveltern nicht sehen, dass ihr Kind Hilfe braucht

Nachdem ich mich vor zwei Wochen über die fehlende Unterstützung von Adoptivfamilien ausgelassen habe, möchte ich heute auch die Kehrseite der Medaille adressieren:

Wer ein Kind adoptiert und dies gar aus dem Ausland, ist sich meistens der Tatsache bewusst, dass diese Kinder körperliche Beeinträchtigungen haben können. Schielen, Kiefergaumenspalte, sprachliche Entwicklungsverzögerungen, Leistenbruch, Hörschäden. Das bringt ihre Lebensgeschichte bis zur Adoption mit, und je nach Herkunftsland sind diese körperlichen „Defizite“ auch die Chance, warum diese Kinder nicht im Land selbst sondern international zur Adoption freigegeben werden. Auf all diese körperlichen Beeinträchtigungen werden zukünftige Adoptiveltern vorbereitet. Ich kenne keine Adoptivfamilie, die nicht die kritische Frage „Halten Sie körperlichen Beeinträchtigungen bei ihrem Adoptivkind für zumutbar?“ beantworten musste. Und sie alle haben sie mit „ja“ beantwortet. Schließlich haben wir in Deutschland ein modernes Gesundheitssystem, das körperliche „Mängel“ beheben kann. Oft haben Adoptivfamilien Glück. Die meisten Adoptivkinder vor allem aus dem Ausland sind physisch kerngesund. Adoptivkinder mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind eher in der Minderheit. Wird ein Adoptivkind mit körperlichen Beeinträchtigungen in die Familie aufgenommen, kümmern sich alle Eltern um das Heilen und Gesundwerden.

Ein Leistenbruch oder eine Gaumenspalte lassen sich operieren und damit reparieren. Das meist mit dem richtigen Arzt auch schnell und nachhaltig. Doch tragen Adoptivkinder, die früh von ihren leiblichen Eltern verlassen wurden und die lange Zeit ihrer ersten Lebensjahren in Heimen aufgewachsen sind, noch ganz andere Verletzungen von dieser Lebensgeschichte. Durch die Trennung von der leiblichen Mutter ist ihr Urvertrauen zerstört worden, das Leben im Heim mit wechselndem und nicht immer fürsorglichem Pflegepersonal hat häufig Bindungsstörungen in vielfältiger Form verursacht. Die Seelen dieser Kinder sind meist tief verletzt. Dies ist meiner Meinung nach bei der Mehrzahl dieser Kinder so. Diese Wunden aber sind selten sichtbar. Und im Vorfeld einer Adoption wird auf diese psychischen Beeinträchtigungen kaum oder nur verhalten offensiv hingewiesen. Erst wenn die Kinder ein paar Wochen, Monate in ihren Adoptivfamilien leben, kommen diese psychischen Wunden zum Vorschein. Zunächst sind die Kinder noch in einer Anpassungsphase, in der sie alles tun, um ja ihren Adoptiveltern zu gefallen, damit sie nicht ein erneutes Mal abgegeben werden. Doch spätestens nach einem halben Jahr lassen sie die Hüllen fallen. „Selten hält es ein Kind länger als ein halbes Jahr durch, seine seelischen Wunden und sein Trauma zu verbergen.“ sagte einmal unsere Betreuerin vom Jugendamt zu mir. Dann zeigt sich das Trauma des Weggeben-worden-Seins in seiner ganzen Massivität: Wutanfälle, aggressives Verhalten, Zerstörungsdrang gegen sich selbst oder gegen andere, Distanzlosigkeit oder totale Ablehnung von körperlicher Zuneigung der Adoptiveltern, sich in den Schlaf schaukeln, Hyperaktivität, Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, Essstörungen, um nur einige zu nennen.

Die meisten Adoptivfamilien setzen sich mit diesen Herausforderungen auseinander, lesen Ratgeber, lassen sich von Erziehungsspezialisten beraten, stellen ihren Lebenswandel um, suchen sich, wenn sie es alleine nicht mehr schaffen, die professionelle Hilfe von Therapeuten und Ärzten. Damit beginnt ein langsamer Heilungsprozess, an dessen Ende das Adoptivkind seine seelischen Wunden verarbeitet, eine stabile Bindung zu seinen Adoptiveltern aufbauen kann, ein gesundes Selbstgefühl entwickelt und sich sicher und geborgen fühlt. Das ist meist harte Arbeit, für das Kind und seine Adoptivfamilie, und immer ein jahrelanger Prozess mit vielen Rückschlägen, der unzählige Opfer verlangt. Doch am Ende wird die Gewissheit siegen, ein Kind in ein gesundes und beständiges Leben hineingeführt zu haben.

Zu meinem Bedauern gibt es aber auch immer wieder Adoptivfamilien, die die seelischen Wunden ihrer Kinder nicht sehen oder auch nicht sehen wollen. Ich bin mit einzelnen Fällen konfrontiert worden, in denen die Auswirkungen der psychischen Verletzungen einfach nicht wahrgenommen werden, klein geredet werden. „Er schuckelt sich eben immer noch in den Schlaf.“ sagt da eine Adoptivmutter. Das noch mehrere Jahre nach der Adoption. Aber ansonsten ist alles wunderbar und das Leben des Jungen geht unverändert weiter. Schule, dreimal die Woche Fussballtraining, Klavierunterricht, Schwimmen, jeden Abend zwei Stunden Hausaufgaben, danach zwei Stunden spielen auf dem IPad, bis der Schlaf ihn irgendwann übermannt. Die Eltern arbeiten beide Vollzeit mit vielen Abwesenheiten, das Au Pair-Mädchen übernimmt die Kinderbetreuung. In einem anderen Fall zeigt die Adoptivtochter ein unkontrolliertes aggressives Verhalten, wenn sie mit anderen Kinder zusammen spielen soll. Auch sie lebt mittlerweile seit mehreren Jahren in ihrer Adoptivfamilie. Wie aus dem Nichts schubst, tritt, beisst sie, schlägt um sich. Freunde hat sie keine. „Ja, ich weiss, manchmal ist sie im Moment schwierig. Ich weiss auch nicht, woher das kommt. Aber im Kindergarten läuft doch alles gut.“ Und auch hier wird weitergemacht, wie bisher. Die stummen Schreie der Kinder nach Hilfe werden nicht gehört. Sie werden zugedeckt unter dem Mantel der überdurchschnittlichen Entwicklung der Kinder – er kann schon Fahrradfahren, sie hat schon ihren Freischwimmer, sie ist in der Schule sehr ehrgeizig, er spielt fantastisch Klavier.

Mir tut es um diese Kinder so unendlich leid. Es könnte ihnen mit einem anderen ruhigeren Alltag und professioneller Hilfe so viel besser gehen. Aber therapeutische Hilfe mag ja oft auch als Zeichen von Schwäche gesehen werden. Vor allem aber ist es unbequem. Ich muss ja dann auch als Familie mein Leben vielleicht ändern. Auch ich habe mich lange der Illusion hingegeben, mit meinen beiden Adoptivkindern ein „normales“ Leben zu führen. Doch auch bei uns traten seelischen Wunden deutlicher auf, als wir das erahnen konnten. Auch ich habe erst versucht, diese Schwierigkeiten alleine zu lösen, bin aber schnell an meine Grenzen gestoßen. Ich habe mir professionelle Hilfe geholt, für die ich heute sehr dankbar bin. Denn auch ich als Adoptivmutter bin mit den Therapien meiner Kinder gewachsen. Die Heilung  meiner Kinder erleben zu dürfen, ist mehr als ein Geschenk. Um so mehr bin ich fassungslos, wenn ich von diesen problematischen „Fällen“ höre oder sie erlebe, in denen die Adoptiveltern einfach ihre Augen verschließen. Das ist naiv. Denn in einem späteren Alter, meist in der Pubertät passiert genau das mit diesen Kindern, was die Fachliteratur immer als „Horrorszenarien“ schildert: Sie lügen, stehlen, schlagen und prügeln sich, zerstören vor Wut die Einrichtung im Haus der Eltern, etc. Es sind diese Kinder, die die Literatur als „hochproblematisch“ bezeichnet. Doch soweit muss es meiner Meinung nach nicht kommen. Eltern können ihren Kindern helfen, frühzeitig. Doch dafür müssten sie Abschied nehmen von der Illusion, dass Adoptivfamilien ganz „normale“ Familien sind.

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Nur drei Scheiben Fleischwurst

Fleischwurst - Scheiben

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Lasst uns einen Sprung machen, einen Sprung in der Zeit von ein paar Jahren. Nun sind wir im Hier und Jetzt angekommen. Unser erstes Jahr als Adoptivfamilie liegt mittlerweile einige Jahre zurück. Wir haben uns als Kleinfamilie nach den Höhen und Tiefen des ersten Jahres gefunden, sind in unserem Familienalltag angekommen. Hinter uns liegen unzählige wunderbare Tage mit Maxim und Nadeschda. Das Gefühl „Das sind unsere Kinder!“ ist zur Normalität geworden. Die Adoption und unsere Geburtswehen als Familie liegen weit zurück. Maxim ist ein großer Junge geworden. Er geht bald in die zweite Klasse. Nadeschda hat sich nach ein paar Rückschlägen wunderbar entwickelt und kommt ebenfalls in ein paar Wochen in die Schule. Auf einmal sind sie dann selbstständige Schulkinder, die anfangen ihren Weg ein Stück weit mehr alleine zu gehen. Gesund alleine zu gehen, in einer altersgerechten Autonomie, in der sie sich nicht mehr überfordern.

Dass meine Kinder sich so gut entwickelt haben, war neben all der Fürsorge, der Liebe, der Geduld – die ich dann doch irgendwann mit der Zeit immer mehr erlernt habe -, dem Verständnis auch oft „harte Arbeit“. Kleinkarierte, strukturierte und so furchtbar konsequente Erziehung, die mir selbst nicht immer Spass macht, viel therapeutische Begleitung, viel Üben und „Arbeiten“ Zuhause. Ein Stück weit klang dies ja in meinem Gastbeitrag bei mamasunplugged an. Wir sind meilenweit nach vorne gestrebt, sind viele Male Kilometer immer wieder zurückgeworfen worden. Wir haben nie aufgegeben und wir werden auch nicht aufgeben. Wochenlang läuft alles gut, fallen wir von einem kleinen Wunder von Fortschritt und Entwicklung in das nächste. Doch dann gibt es Abende wie neulich, als drei Scheiben Fleischwurst uns wieder um Kilometer zurückwarfen. Da waren sie wieder, die Amplitudenausschläge der Wut und Frustration. Sie sind ohnehin wiedergekommen, seitdem Maxim in die Schule geht. Jedoch die Heftigkeit, die diese drei Scheiben Fleischwurst hervorriefen, war mir neu. Und sie erschütterten mich bis ins Mark.

Eigentlich hatten wir einen wunderbaren Tag. Morgens arbeitete ich, die Kinderfrau war da und mit Maxim und Nadeschda im Maislabyrinth. Am Nachmittag fuhren Maxim, Nadeschda und ich in die Stadt zum ersten gemeinsamen traditionellen back-to-school-shopping. Wir hatten vorher die Kleiderschränke ausgemistet und die Listen geschrieben, was, vor allem Maxim, für das neue Schuljahr an Material fehlt. Mit großem Vergnügen wurden dann neue T-Shirts, Hosen, Pullover ausgesucht. „Und guck mal, Mama, die Jacke wäre doch wunderbar für Nadeschda.“ rief Maxim zwischen den Kleiderständern hervor. Nadeschda: „Oh ja, die will ich!“ War ja auch schreiendes Pink! Aber sie brauchte tatsächlich noch eine Outdoorjacke und so wurde auch diese gekauft. Der belohnende abschließende Besuch in der Eisdiele machte diesen Nachmittag perfekt. Gut gelaunt kehrten wir nach Hause zurück.

Doch beim Abendessen kippte die Stimmung. Auf Maxim’s Tomaten war zu wenig Salz. Wütend schob er seinen Teller von sich weg, verschränkte seine Arme vor sich, verkniff den Mund und schmollte. Nadeschda ergriff gleich ihre Chance und fragte ihn, ob sie die Fleischwurst, diese drei Scheiben von ihm haben könnte. Er antwortete nicht. Ich gestattet ihr die Ausnahme, denn eigentlich sollte sie das ja nicht essen. Kleine Mengen von Sünde machen bei ihr aber inzwischen nichts mehr aus, das steckt sie weg. Hätte ich es mal besser nicht getan. Denn darauf bekam Maxim einen verzweifelten Wutausbruch, der seinesgleichen immer noch sucht. Zuerst ging es noch um die Fleischwurst. Er wollte unbedingt diese drei Scheiben Fleischwurst haben, die Nadeschda gerade in ihren Mund schob. Dass ich noch einen ganzen Ring Fleischwurst im Kühlschrank hatte und er davon etwas haben könnte, wenn er denn seine Tomaten und ein Teil seines Brotes gegessen hatte, drang schon nicht mehr zu ihm durch. Weinen, Brüllen, um sich Schlagen. Etwas anderes essen wollte er nicht. Als ich das Abendessen für beendet erklärte, waren es dann die restlichen Tomaten. Hoch ins Bett gehen, wollte er auf keinen Fall. Lieber tobte er weiter, schmiss sich auf den Boden, brüllte weiter „Nein, nein, nein.“ Irgendwie schaffte ich ihn doch ins Bad. Doch an Ausziehen war nicht zu denken. Immer noch ein verzweifeltes „Nein, nein, nein!“ Schluchzend, weinend, brüllend. Gepaart mit um sich schlagen, treten, wenn ich ihm zu nahe kam. „Dann weine ich halt die ganze Nacht. Ich höre nicht auf.“ Mittlerweile dauerte das Drama eine Stunde an. Nadeschda war verstört und litt ungemein. Fragen von „Warum schreit Maxim so?“ wechselten sich mit „Mama, ich kann das nicht aushalten ab.“ Sie war müde. So machte ich sie erst einmal bettfertig. Als Maxim immer noch nicht einlenkte, Nadeschda aber am Ende ihrer Kräfte war, sagte ich zu ihm: “Okay, Maxim. Ich lese jetzt Nadeschda vor. Du kannst entweder sofort aufhören, wir ziehen deinen Schlafanzug an und dann kannst Du mitkommen zum Vorlesen. Oder Du machst jetzt hier noch alleine weiter mit Deinem Theater. Ich komme dann wieder. Und dann ziehen wir den Schlafanzug an. Aber wir ziehen den Schlafanzug an und ich bringe Dich ins Bett. Es ist deine Entscheidung. Doch sicher ist, dass wir den Schlafanzug anziehen und ich dich ins Bett bringe.“ Danach verlies ich mit Nadeschda das Bad und las ihr vor. Keine drei Minuten später tauchte Maxim auf. Nach eineinhalb Stunden hatte er sich beruhigt und wir konnten seinen Schlafanzug anziehen, waschen und unser gemeinsames abendliches Vorleseritual begehen.

Was würde ich darum geben, zu verstehen, was Maxim in diesen eineinhalb Stunden geritten hat. Er war wie besessen. Er war ganz in seinem „Überlebensmodus“. Er kämpfte um sein Überleben. Er war dieser realen Welt hier völlig entrückt. Ich fühlte mich erinnert an den fast dreijährigen Jungen, der in Moskau im Hotel saß und um sein Leben weinte und brüllte, obwohl er eigentlich nur auf die Toilette musste. Nach so vielen Jahren bricht das in bestimmten Momenten immer noch durch. Vor allem wahrscheinlich wenn es um so existentielle Dinge wie Essen geht. Dann ist es wieder da, dieses Gefühl von unendlichem Mangel und der innere Druck, alles nur erdenkliche zu tun, um das Grundbedürfnis nach Nahrung zu stillen. Selbst wenn faktisch gar kein Hungergefühl vorhanden ist.Und natürlich immer wieder die Frage: „Hält mich meine Mutter und hält sie mich aus? Hält sie mich auch aus, wenn ich noch einmal eine Schippe drauflege? Schickt sie mich auch dann nicht weg?“ – Nein, niemals! Aber vielleicht die Fleischwurst…

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21. Juni – Folgegespräch im Kindergarten

Heute Nachmittag waren Richard und ich erneut im Kindergarten. Nach dem Gespräch vor vier Wochen und dem Austausch mit Frau Schuster und Frau Schiffer hatten wir noch einmal um ein Folgegespräch gebeten. Inzwischen hatten Richard und ich zwei konkrete Wünsche an Maxims Erzieherinnen, von denen wir glaubten, dass sie ihm helfen könnten: Wir wollten versuchen, Nicki und Steffi noch einmal für Maxims besondere Geschichte zu sensibilisieren, und sie bitten, stärker individuell auf seine Bedürfnisse einzugehen. Vor allem, wenn Maxim sich an seine sicheren Orte im Kindergarten zurückzog, bedurfte er der Hilfe und Unterstützung seiner Erzieherinnen, seine Ängste zu überwinden und wieder den Weg in die Gruppe zu finden. Um noch einen Schritt weiter zu gehen, hatten Richard und ich überlegt, dass es Maxim durchaus helfen könnte, in eine kleinere Gruppe mit Kindern im Kindergarten zu wechseln. Maxim war zur Zeit in der inzwischen vollbesetzten Gruppe mit 25 Kindern. Die Vielzahl der Kinder war sicherlich ebenso ein Grund für seine Überforderung. Es gab aber zwei Gruppen im Kindergarten, die auch Kinder unter drei Jahren aufnahmen, und die daher nur achtzehn Kinder hatten.

Das Gespräch lief anders ab, als von uns erwartet. Steffi und Nicki, Maxims Erzieherinnen, wollten  von uns hören, was wir seit ihrem Bericht unternommen hätten. Da stutze ich zum ersten Mal. Denn, dass Maxim schon seit mehreren Monaten logopädische Unterstützung bekam, wussten sie. Weiterer Therapiebedarf ließ sich für uns aus Maxims Verhalten nicht ableiten. Im Gegenteil. Dass seine soziale Isolation sich nur im Kindergarten zeigte, er im häuslichen Umfeld anders mit Spielfreundschaften umging, bestätigte uns in unserem Wunsch an seine Erzieherinnen, ihm zu helfen, diese Zurückgezogenheit zu verlassen. Oder ihm ein Umfeld zu bieten – zum Beispiel in Form einer kleineren Gruppe –  in dem er sich weniger überfordert fühlte und sich damit automatisch weniger zurückzog. Unsere Frage, ob es möglich wäre, Maxim in einer der kleineren Gruppen wechseln zu lassen, wurde sofort abgelehnt. Richard und ich kamen noch nicht einmal dazu, unseren Wunsch zu erklären. Ich stutzte zum zweiten Mal. Als wir Maxims Rückzüge an sichere Orte im Gruppenraum ansprachen, ruderten Nicki und Steffi entgegen ihrer Aussagen von vor drei Wochen zurück. So viel würde sich Maxim gar nicht zurückziehen, im Gegenteil, sie hätten ihn noch einmal intensiv beobachtet, und es wäre doch schön zu beobachten, wie er zunehmend in Kontakt mit anderen Kindern kommt. Wir sollten uns keine Sorgen machen, dass Maxim im Kindergarten vereinsamt. Als Beleg zeigten sie uns zwei Filme, die sie in vergangenen Tagen gedreht hatten. Im ersten Film turnte Maxim in der Turnhalle mit anderen Kindern. Im zweiten ließ er sich mit drei anderen Kindern etwas von Nicki vorlesen. Und ja, wenn er sich zurückzöge, würden sie selbstverständlich auf ihn zugehen, und versuchen, ihn zu anderen Aktivitäten zu motivieren. Natürlich hätten sie schon ein besonderes Augenmerk auf ihn. Und ja, es wäre ihnen bewusst, dass er besonderen Zuspruch bräuchte. Aber in so großem Umfang ginge das eben auch nicht immer, denn wir dürften ja nicht vergessen, dass es schon auch eine große Gruppe sei mit fünfundzwanzig Kindern. Alles in allem sollten wir uns keine Sorgen machen: Maxim sei trotz seiner sprachlichen Barrieren zunehmend in die Gruppe integriert. Er sei eigentlich immer fröhlich und er fühle sich hier im Kindergarten wohl. Jetzt stutzte ich zum dritten Mal und fühlte mich verwirrt. Es bestand also kein Handlungsbedarf? Alles war gut, Maxim fühlte sich wohl, und seinen Bedarf an mehr individueller Unterstützung erfüllten Nicki und Steffi bereits? Ja, dann war wohl alles gesagt.

Die Filme, die Nicki und Steffi uns gezeigt hatten, beruhigten mich ein wenig. Ich hatte dort wirklich meinen Sohn irgendwie zufrieden und freudig erlebt. Aber all das passte nicht zu meinem Erleben meines Sohnes im Kontext des Kindergartens. Warum nahm sein Unwille in den Kindergarten zu gehen zu? Warum hatte er jeden Mittag nach dem Kindergarten chronisch schlechte Laune, mit der er mich und seine kleine Schwester quälte? Warum hatten seine Erzieherinnen erst uns von Maxims Rückzug aus der Gruppe und von anderen Kindern berichtet, um jetzt wieder zurückzurudern? Auf die letzte Frage war die Antwort klar: Nicki und Steffi hatten gemerkt, dass Richard und ich sie mit in die Verantwortung nehmen wollten und wir uns mehr individuelle Hilfe für unseren Sohn wünschten. Geschickt hatten sie auf der einen Seite Maxims Bedarf an zusätzlicher Unterstützung entkräftet und uns auf der anderen Seite klar gemacht, dass sie ja schon alles Erdenkliche taten. Mehr war in ihren Augen nicht möglich und auch nicht erforderlich zu tun. Es war also an Richard und mir, einen anderen Weg zu finden, für Maxim die Zeit im Kindergarten erträglicher zu machen. Denn ich glaubte nicht daran, dass sein Unwille in den Kindergarten zu gehen und seine Wut und Frustration nach jedem Kindergartenbesuch andere Ursachen hatten, als die Tatsache, dass er sich dort nicht wohl fühlte. Auf der einen Seite war ich enttäuscht von der mangelnden Kooperationsbereitschaft von Maxims Erzieherinnen. Auf der anderen Seite war ich zugleich ein wenig stolz auf mich selbst. Denn zum ersten Mal ließ ich mir bewusst nicht etwas über meinen Sohn einreden, von jemandem, der die vermeintliche pädagogische Kompetenz hatte. Ich kannte meinen Sohn am besten und ich war überzeugt, dass ihn irgend etwas im Kindergarten quälte. Das ließ ich mir nicht ausreden. Denn ich war seine Mutter!

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13. Juni – Nadeschdas Entwicklung

Im Gegensatz zu ihrem Bruder kann Nadeschda ihre Zuneigung  leicht zeigen. Wie ein Baby ist sie nach wie vor sehr anhänglich und verschmust. Körperkontakt ist für sie sehr wichtig. Sie will viel getragen werden, sitzt viel auf meinem Schoß, legt den Arm um mich und streift ihre Finger durch mein Haar. Wutanfälle hat sie selten. Anzeichen einer Trotzphase sind nicht in Sicht. Einladungen zum Tanz bekomme ich von ihr nicht. Meist scheint sie einfach glücklich zu sein, bei Richard und mir ein liebevolles Umfeld gefunden zu haben, in dem für sie gesorgt wird und in dem sie sich entwickeln kann. Dies tut sie unaufhaltsam.

Little girl eating strawberry

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Wie bei Maxim steht bei Nadeschda im Moment ihre sprachliche Entwicklung im Vordergrund. Vor allem an unseren Vormittagen Zuhause steht ihr Mund nicht mehr still. Sie hat Bilderbücher für sich entdeckt, und wir haben abends vor dem Zubettgehen das Vorlesen bei ihr mit eingeführt. Nadeschda fährt inzwischen Dreirad, der Kinderwagen wird nur noch auf Reisen benutzt. Beim Einkaufen schiebt Nadeschda tapfer ihren kleinen Einkaufswagen und beginnt selbstständig „einzukaufen“. Sehr zur Belustigung des Verkaufspersonals in unserem heimischen Supermarkt. Ich finde es großartig, wie sie sich die kleinen Routinen merkt. Wenn wir an der Wursttheke anstehen, und Nadeschda ihre obligatorische Scheibe „Suast“ bekommen hat, fragt sie mich: „Mama, Mich?“ Wenn ich ihre Frage nach Milch bejahe, zieht sie mit ihrem Wägelchen ab und lädt in eben diesen so viele Liter Milch, wie gerade hineinpassen. Manchmal finden sich noch zusätzlich vier Stücke Butter in ihrem Einkaufswagen, aber das korrigieren wir, bevor wir zur Kasse gehen. Daneben lebt sie alle nur erdenklichen taktilen Erlebnisse im Garten aus; im Sand buddeln, Matsch machen, Wasserspiele in jeder Form, sich mit Erde oder Sand einreiben und viel Barfuß laufen. Schuhe sind in ihren Augen völlig überbewertet. Es scheint als vollzögen beide Kinder im Moment einen immensen Entwicklungsschub. Für mich ist es ein unermesslich großes Geschenk, dies mit erleben zu dürfen.

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31. Mai – Probleme im Kindergarten

Upset problem child sitting on staircase

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Wieder einmal hat sich mein Bauchgefühl bestätigt. Ich sollte wirklich darauf hören. Meine Vorahnung, dass Maxim sich im Kindergarten nicht wohl fühlte und es ihm dort schlecht ging, hat sich in dieser Woche bestätigt. Der Bericht, den wir von seinen Erzieherinnen in Vorbereitung auf Maxims Entwicklungsgespräch bekamen, erschütterte Richard und mich bis ins Mark. Auch das Gespräch selbst überzeugte uns nicht davon, dass manche Aussagen bei uns härter angekommen waren, als sie von seinen Erzieherinnen gemeint waren. Dass aktives Sprechen für Maxim im Kindergarten nach wie vor ein Problem war, wussten wir, und verwunderte uns nicht. Nicht umsonst gingen wir mit ihm weiterhin einmal in der Woche zu Frau Schuster in die logopädische Therapie. Allerdings unterstellten die Erzieherinnen unserem Sohn, dass er ebenso weiterhin Schwierigkeiten habe, sie und andere Kinder zu verstehen. Handlungsaufforderungen mussten ihm gegenüber in zwei- oder drei Wortsätzen formuliert werden, damit er sie verstand und umsetzte. Ebenso spielte Maxim weitestgehend alleine. Er habe keine sozialen Kontakte zu anderen Kindern aus der Gruppe. Im Gegenteil: Konflikte und Auseinandersetzungen mit anderen Kindern häuften sich zunehmend. Meist zog er sich zurück und spielte für sich in der Puppenecke oder auf dem Bauteppich. Auch war es für seine Erzieherinnen schwierig mit ihm in eine Beziehung zu kommen. Maxim ließe sich immer nur kurzfristig für bestimmte Aktivitäten begeistern, sei es nun Basteln, Malen oder Vorlesen. Er teilte sich nicht mit, weder verbal noch non-verbal, wenn er etwas brauchte oder Hilfe benötigte, sondern schien alles mit sich allein auszumachen. Dennoch galt er als ein freundliches Kind, dass in seiner motorischen Aufgewecktheit durchaus altersgerecht entwickelt sei.

Diese Beschreibungen hatten nichts mit dem Kind gemein, dass Richard und ich in den vergangenen Monaten Zuhause erlebt hatten. Maxims passiver Wortschatz war nach unserer Einschätzung von Anfang an überraschend groß gewesen. Selbst beim abendlichen Vorlesen folgte er immer komplexeren Geschichten. Zuhause spielte er immer mit Nadeschda und versuchte sie kontinuierlich in sein Spiel zu integrieren. Gegenüber anderen Kindern bei nachmittäglichen Spielverabredungen zeigte er sich kooperativ und besorgt darum, dass alle glücklich zusammen spielten. Streit und Auseinandersetzungen gab es wenige, obwohl diese im Grunde zu einer altersgerechten Entwicklung gehörten. Denn dreijährige teilten nun mal keine Spielsachen.

Wir waren schockiert. Es schmerzte, so drastisch zu hören, dass es unserem Sohn im Kindergarten nicht gut erging. Mir war nun klar, warum die Zeit Zuhause unmittelbar nach dem Kindergarten oft so schwierig war. Warum ich zunehmend das Gefühl hatte, ein anderes ausgeglichenes Kind zu haben, wenn er nicht in den Kindergarten ging. Warum Maxim in den vergangenen Wochen immer häufiger gesagt hatte, dass er nicht in den Kindergarten gehen wollte. Es bestätigte sich, dass er unglücklich im Kindergarten war. In die Sorge um unseren Sohn mischte sich Ärger und Wut auf seine Erzieherinnen, die in unseren Augen zu wenig Maxims ureigenen Bedürfnisse berücksichtigten. Uns fehlte ein größeres Verständnis seiner Erzieherinnen für seine besondere Geschichte. Wir vermissten eine reflektierte Betrachtung seines Verhaltens, losgelöst von den Normen, in die Kinder im Kindergarten hineingepresst wurden. Maxims Erzieherinnen sollten unseren Sohn nicht mit anderen Kindern vergleichen. Sie mussten anders und individueller mit ihm umgehen und auf ihn eingehen. Vor allem durften sie ihn nicht sich selbst überlassen, wenn er sich zurückzog. Gerade in diesen Momenten wäre es wichtig, dass eine seiner Erzieherinnen sich ihm zuwendet. Sie sollten auf sein Spiel eingehen und sich ihm darin widmen. Was sollten wir nun tun?

Wir suchten zunächst das Gespräch mit Frau Schuster. Sie las den Bericht des Kindergartens aufmerksam und schüttelte nur den Kopf. Für sie war es wieder einmal ein Beispiel, dass Erzieherinnen nicht auf Kinder mit sprachlichen Barrieren vorbereitet sind und ihnen daher der angemessene Umgang mit ihnen fehlt. In ihren Augen klang deutlich aus dem Bericht hervor, dass man sich im Kindergarten für den Fall absichern und rechtfertigen wollte, wenn Maxim im Zweifelsfall nicht die Entwicklung machen würde, die er mit einer passenden Förderung im Kindergarten vollziehen könnte. Man würde ja alles versuchen und individuell auf das Kind eingehen, aber dennoch hätte es seine Schwierigkeiten. Auch Frau Schuster bestätigte, dass sie Maxim anders erlebte und dass seine sprachlichen Fortschritte bemerkenswert seien. Andere Kinder mit mutistischen Zügen bräuchten weit aus länger, bis sie auf dem sprachlichen Stand seien, den Maxim inzwischen erreicht hatte. Beachtlich war seine Entwicklung nicht zuletzt, da er sie in einer Zeit erneuter schwerer emotionaler Strapazen vollzog. Der Verlust der Großmutter, der erneute Bindungsabbruch in seinem bisher kurzen Leben und die mit dem Tod von Renate einhergehende Belastung für uns als Familie sowie sein Unglücklichsein im Kindergarten waren Rahmenbedingungen, die eine sprachliche Entwicklung eher hemmten als förderten. Frau Schuster bot uns ein Gespräch mit den Kindergärtnerinnen am runden Tisch an und ermutigte uns, dass Maxim im familiären Umfeld so viel Unterstützung und Förderung erfuhr, dass er auch im Kindergarten seinen Weg finden würde.

Ähnliches ergab ein Telefonat mit Frau Schiffer, unserer Betreuerin beim Jugendamt. Sie schätzte den Bericht des Kindergartens ähnlich ein wie Frau Schuster. Man wolle sich rechtfertigen, sei aber nicht in der Lage auf die individuellen Bedürfnisse von Maxim einzugehen. In der Regel war sie es eher gewohnt, dass solche Berichte erst in der Schule auftauchten, wenn die Vertreter des Bildungssystems versuchten Adoptivkinder in ihre Normen zu pressen und daran kläglich scheiterten. Dass wir damit bereits im Kindergarten konfrontiert waren, überraschte sie etwas. Auch sie bot ein Gespräch mit dem Kindergarten am runden Tisch an, empfahl uns aber zunächst noch einmal das Gespräch mit Maxims Erzieherinnen zu suchen und sie stärker für Maxims Bedürfnisse zu sensibilisieren. Von einem Kindergartenwechsel riet sie Richard und mir ab. Dies könnte bei Maxim wohlmöglich eher Gefühle des Versagens verstärken. Es könnte eher eine Option sein, die Zeit der Anwesenheit im Kindergarten zu verkürzen. Das war ohnehin gegeben. Denn bald standen die Sommerferien bald vor der Haustür. So schien sich zunächst als ein Weg abzuzeichnen, dass wir Maxims Entwicklung im Kindergarten weiter beobachteten, er nur noch an drei Tagen in der Woche in die Einrichtung gehen werde, und wir den schwierigen und für ihn anstrengenden drei Stunden dort viel intensive Zeit Zuhause und mit uns als Eltern entgegensetzen würden.