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31. Mai – Probleme im Kindergarten

Upset problem child sitting on staircase

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Wieder einmal hat sich mein Bauchgefühl bestätigt. Ich sollte wirklich darauf hören. Meine Vorahnung, dass Maxim sich im Kindergarten nicht wohl fühlte und es ihm dort schlecht ging, hat sich in dieser Woche bestätigt. Der Bericht, den wir von seinen Erzieherinnen in Vorbereitung auf Maxims Entwicklungsgespräch bekamen, erschütterte Richard und mich bis ins Mark. Auch das Gespräch selbst überzeugte uns nicht davon, dass manche Aussagen bei uns härter angekommen waren, als sie von seinen Erzieherinnen gemeint waren. Dass aktives Sprechen für Maxim im Kindergarten nach wie vor ein Problem war, wussten wir, und verwunderte uns nicht. Nicht umsonst gingen wir mit ihm weiterhin einmal in der Woche zu Frau Schuster in die logopädische Therapie. Allerdings unterstellten die Erzieherinnen unserem Sohn, dass er ebenso weiterhin Schwierigkeiten habe, sie und andere Kinder zu verstehen. Handlungsaufforderungen mussten ihm gegenüber in zwei- oder drei Wortsätzen formuliert werden, damit er sie verstand und umsetzte. Ebenso spielte Maxim weitestgehend alleine. Er habe keine sozialen Kontakte zu anderen Kindern aus der Gruppe. Im Gegenteil: Konflikte und Auseinandersetzungen mit anderen Kindern häuften sich zunehmend. Meist zog er sich zurück und spielte für sich in der Puppenecke oder auf dem Bauteppich. Auch war es für seine Erzieherinnen schwierig mit ihm in eine Beziehung zu kommen. Maxim ließe sich immer nur kurzfristig für bestimmte Aktivitäten begeistern, sei es nun Basteln, Malen oder Vorlesen. Er teilte sich nicht mit, weder verbal noch non-verbal, wenn er etwas brauchte oder Hilfe benötigte, sondern schien alles mit sich allein auszumachen. Dennoch galt er als ein freundliches Kind, dass in seiner motorischen Aufgewecktheit durchaus altersgerecht entwickelt sei.

Diese Beschreibungen hatten nichts mit dem Kind gemein, dass Richard und ich in den vergangenen Monaten Zuhause erlebt hatten. Maxims passiver Wortschatz war nach unserer Einschätzung von Anfang an überraschend groß gewesen. Selbst beim abendlichen Vorlesen folgte er immer komplexeren Geschichten. Zuhause spielte er immer mit Nadeschda und versuchte sie kontinuierlich in sein Spiel zu integrieren. Gegenüber anderen Kindern bei nachmittäglichen Spielverabredungen zeigte er sich kooperativ und besorgt darum, dass alle glücklich zusammen spielten. Streit und Auseinandersetzungen gab es wenige, obwohl diese im Grunde zu einer altersgerechten Entwicklung gehörten. Denn dreijährige teilten nun mal keine Spielsachen.

Wir waren schockiert. Es schmerzte, so drastisch zu hören, dass es unserem Sohn im Kindergarten nicht gut erging. Mir war nun klar, warum die Zeit Zuhause unmittelbar nach dem Kindergarten oft so schwierig war. Warum ich zunehmend das Gefühl hatte, ein anderes ausgeglichenes Kind zu haben, wenn er nicht in den Kindergarten ging. Warum Maxim in den vergangenen Wochen immer häufiger gesagt hatte, dass er nicht in den Kindergarten gehen wollte. Es bestätigte sich, dass er unglücklich im Kindergarten war. In die Sorge um unseren Sohn mischte sich Ärger und Wut auf seine Erzieherinnen, die in unseren Augen zu wenig Maxims ureigenen Bedürfnisse berücksichtigten. Uns fehlte ein größeres Verständnis seiner Erzieherinnen für seine besondere Geschichte. Wir vermissten eine reflektierte Betrachtung seines Verhaltens, losgelöst von den Normen, in die Kinder im Kindergarten hineingepresst wurden. Maxims Erzieherinnen sollten unseren Sohn nicht mit anderen Kindern vergleichen. Sie mussten anders und individueller mit ihm umgehen und auf ihn eingehen. Vor allem durften sie ihn nicht sich selbst überlassen, wenn er sich zurückzog. Gerade in diesen Momenten wäre es wichtig, dass eine seiner Erzieherinnen sich ihm zuwendet. Sie sollten auf sein Spiel eingehen und sich ihm darin widmen. Was sollten wir nun tun?

Wir suchten zunächst das Gespräch mit Frau Schuster. Sie las den Bericht des Kindergartens aufmerksam und schüttelte nur den Kopf. Für sie war es wieder einmal ein Beispiel, dass Erzieherinnen nicht auf Kinder mit sprachlichen Barrieren vorbereitet sind und ihnen daher der angemessene Umgang mit ihnen fehlt. In ihren Augen klang deutlich aus dem Bericht hervor, dass man sich im Kindergarten für den Fall absichern und rechtfertigen wollte, wenn Maxim im Zweifelsfall nicht die Entwicklung machen würde, die er mit einer passenden Förderung im Kindergarten vollziehen könnte. Man würde ja alles versuchen und individuell auf das Kind eingehen, aber dennoch hätte es seine Schwierigkeiten. Auch Frau Schuster bestätigte, dass sie Maxim anders erlebte und dass seine sprachlichen Fortschritte bemerkenswert seien. Andere Kinder mit mutistischen Zügen bräuchten weit aus länger, bis sie auf dem sprachlichen Stand seien, den Maxim inzwischen erreicht hatte. Beachtlich war seine Entwicklung nicht zuletzt, da er sie in einer Zeit erneuter schwerer emotionaler Strapazen vollzog. Der Verlust der Großmutter, der erneute Bindungsabbruch in seinem bisher kurzen Leben und die mit dem Tod von Renate einhergehende Belastung für uns als Familie sowie sein Unglücklichsein im Kindergarten waren Rahmenbedingungen, die eine sprachliche Entwicklung eher hemmten als förderten. Frau Schuster bot uns ein Gespräch mit den Kindergärtnerinnen am runden Tisch an und ermutigte uns, dass Maxim im familiären Umfeld so viel Unterstützung und Förderung erfuhr, dass er auch im Kindergarten seinen Weg finden würde.

Ähnliches ergab ein Telefonat mit Frau Schiffer, unserer Betreuerin beim Jugendamt. Sie schätzte den Bericht des Kindergartens ähnlich ein wie Frau Schuster. Man wolle sich rechtfertigen, sei aber nicht in der Lage auf die individuellen Bedürfnisse von Maxim einzugehen. In der Regel war sie es eher gewohnt, dass solche Berichte erst in der Schule auftauchten, wenn die Vertreter des Bildungssystems versuchten Adoptivkinder in ihre Normen zu pressen und daran kläglich scheiterten. Dass wir damit bereits im Kindergarten konfrontiert waren, überraschte sie etwas. Auch sie bot ein Gespräch mit dem Kindergarten am runden Tisch an, empfahl uns aber zunächst noch einmal das Gespräch mit Maxims Erzieherinnen zu suchen und sie stärker für Maxims Bedürfnisse zu sensibilisieren. Von einem Kindergartenwechsel riet sie Richard und mir ab. Dies könnte bei Maxim wohlmöglich eher Gefühle des Versagens verstärken. Es könnte eher eine Option sein, die Zeit der Anwesenheit im Kindergarten zu verkürzen. Das war ohnehin gegeben. Denn bald standen die Sommerferien bald vor der Haustür. So schien sich zunächst als ein Weg abzuzeichnen, dass wir Maxims Entwicklung im Kindergarten weiter beobachteten, er nur noch an drei Tagen in der Woche in die Einrichtung gehen werde, und wir den schwierigen und für ihn anstrengenden drei Stunden dort viel intensive Zeit Zuhause und mit uns als Eltern entgegensetzen würden.

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23. April – Die Taufe

Kreuz mit Blumen

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„Als Du geboren wurdest, war ein regnerischer Tag. Aber es war nicht wirklich Regen sondern der Himmel weinte, weil er einen Stern verloren hatte.“ Das Zitat aus „Der Kleine Prinz“ passte so gut zu unserem Tag der Taufe: „Als ihr getauft wurdet, war ein regnerischer Tag. Aber es war nicht wirklich Regen, sondern der Himmel weinte, weil er zwei Sterne verloren hatte.“ So etwa könnten wir Maxim und Nadeschda von ihrer Taufe später erzählen.

Das Wetter tat dem großen Tag jedoch keinen Abbruch. Am Morgen fand der Taufgottesdienst in der Kirche statt, in der Richard und ich vor etlichen Jahren geheiratet hatten. Der Pfarrer sollte Recht behalten mit seinen Worten, dass Kirchen auf Kinder eine unheimliche Faszination ausüben. Als der Gottesdienst begann, saß Maxim andächtig neben mir. Bei den Liedern machte er alle Bewegungen, die der Pfarrer vorgemacht hatte, nach. Am Ende beim letzten Lied stand er dann mit ihm vor dem Altar und dirigierte die Taufgesellschaft. Die Taufe selbst ließen beide Kinder still und gelassen über sich ergehen. Alles in allem war es ein wirklich schöner Gottesdienst. Es hatte sich ausgezahlt, dass ich selbst so viel Zeit und Engagement in die Vorbereitung gesteckt hatte. Alle Gäste hatten eine Rolle. Da wir nicht die singkräftigste Taufgesellschaft waren, hatten zwei Kinder kleine musikalische Einlagen vorbereitet, auf der Geige und auf der Gitarre. Das war sehr schön und sehr feierlich. Wiederum vermissten wir Renate schmerzlich. Wie gerne hätte sie doch die Taufe von Maxim und Nadeschda erlebt. Eine alte Schulfreundin von Richard las ihr Gebet an ihrer statt und zündete mit dem Pfarrer eine Kerze für sie an. Ein stiller trauriger Moment. Doch wir spürten, dass Renate uns aus dem Himmel wohlwollend zuschaute. In unseren Gedanken war sie mit bei uns.

Die anschließende Feier fand im Hotel einer Freundin statt. In ihrem Restaurant hatten Richard und ich ebenfalls unser Hochzeit gefeiert. Als wir dort ankamen, spielten alle Kinder miteinander. Es war faszinierend zu beobachten, wie selbstverständlich unser Kinder mit den anderen spielten, und die großen Kinder sich um die kleinen kümmerten. Kaum, dass der Regen nachgelassen hatte, stürmten alle Kinder raus auf den Spielplatz des Hotels. Dass alle Kinder so harmonisch und friedlich zusammen spielten und unsere Kinder sich so wunderbar integrierten, lag sicherlich mit daran, dass sich alle schon kannten und vor der Taufe mehrere Male gesehen hatten. Wir Erwachsenen genossen das gute Essen und die Gesellschaft von lieben Freunden. Ein wenig machte sich bei mir das Gefühl breit: Vielleicht ist dies unsere „neue“ Familie. Einfach eine Hand voll guter Freunde. Was brauchten wir mehr?

Die Taufe war ein beschauliches, schönes, harmonisches Fest, ein friedlicher unaufgeregter Tag im Kreise von engen, lieben Freunden. Genau richtig für die Stimmung, in der wir vier als Familie waren. Im Nachhinein war es gut, dass mein Vater und seine Familie nicht dabei waren. Ihre Anwesenheit hätte unsere Nerven sehr strapaziert. Sie wären in diesem Kreise eher ein Störfaktor gewesen, der die Erinnerung an diesen Tag mehr getrübt hätte als der Regen, der vom Himmel fiel. Wenn ich ehrlich war, vermisste ich meinen Vater, und vor allem seine Familie nicht. Im Gegenteil, ich war erleichtert, dass meine Stiefmutter keine Rolle mehr in meinen, in unserem Leben spielte, dass sie sich selbst aus unserem Universum katapultiert hatte. Jetzt da die Wut und die Trauer über die Ereignisse aus den letzten Monaten langsam nachließen, machte sich langsam Zuversicht in mir breit. Alles – selbst Renates Tod – hatte seinen Grund gehabt. Langsam fügte sich unser Leben als Familie zu dem zusammen, wie es das Schicksal für uns bestimmt hatte. So wie wir vor einem Jahr in Russland beschlossen hatte, dass wir nun die Eltern von Maxim und Nadeschda werden.

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18. April -Erkenntnisse zum Muttersein

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

Die Zugfahrt in den Schwarzwald ähnelte einer Odyssee. Wir schienen niemals an unserem Ziel anzukommen. Aber ich war begeistert, wie gelassen meine Kinder dies über sich ergehen ließen. In Karlsruhe fuhr uns unser Anschlusszug vor der Nase weg. Selbst Maxim entfuhr ein: „Mist, Mama.“ – Seine sprachliche Aufholjagd macht in unserer vertrauten Umgebung vor nichts Halt. Stattdessen werden alle Worte, die er in seiner Umgebung aufschnappt, sofort verarbeitet und in den eigenen Wortschatz aufgenommen. – Also zuckelten wir fast zwei Stunden mit einer S-Bahn in den nördlichen Schwarzwald. Die vier Tage bei Nils und Rieke ließen die Strapazen der Anreise jedoch schnell wieder vergessen. Überraschend war, wie schnell unsere drei Kinder wieder begannen zusammen zu spielen. Als wäre da ein unsichtbares Band und eine stille Übereinkunft, die sie miteinander verband. Auch ich fühlte mich schnell Zuhause, denn es war bei Nils und Rieke alles so unkompliziert. Im Gegensatz zu mir ließen sie die Uhr gedanklich in ihrem Kopf ausgeschaltet und wir lebten so in den Tag hinein. Hinzukam, dass Nils gerade seine Elternzeit begonnen hatte, und Rieke während unseres Besuchs nicht arbeiten musste, so dass bis zu Richards Ankunft drei Erwachsene für drei Kinder da waren. Ich musste mir keine Gedanken machen. Zum ersten Mal seit Wochen konnte ich mich richtig entspannen.

Während wir uns am ersten Nachmittag noch im Regen auf dem Spielplatz rumdrückten und bald durchnässt die Segel strichen, wurden wir am nächsten Tag mit strahlendem Sonnenschein beschenkt. Wir nutzten das schöne frühlingshafte Wetter und fuhren in den Zoo. Immer noch freute ich mich zu beobachten, wie sich meine Kinder gefühlte Stunden für ein einziges Tier begeistern konnten. Pinguine und Eisbären wurden ewig verfolgt, Affen und Elefanten lange kritisch begutachtet, Ziegen im Streichelgehege ausdauernd gestreichelt, am Schwanz gezogen und mit Bürsten gestriegelt. Immer wenn ich das sah, musste ich daran denken, wie Nadeschda einmal im Streichelgehege unseres Zoos von zwei Ziegen attackiert worden war, weil sie noch ein Brötchen in der Hand hatte – als sie das noch essen durfte. Mir kam es nun jedes Mal so vor, wenn sie die Ziegen quälte, als wollte sie sich insgeheim an ihnen für diesen Vorfall rächen. Alle Ziegen, egal in welchem Zoo, hatten es seitdem nicht anders verdient, als von Nadeschda malträtiert zu werden.

Währenddessen blieb Rieke und mir viel Zeit zum Reden. Wir teilten das Glück, das wir mit unseren Kindern hatten. Wir wurden uns gewahr, das wir doppelt beschenkt worden waren, denn unsere Kinder hatten sich alle drei bisher gut entwickelt, medizinische Diagnosen aus Russland hatten sich nicht bewahrheitet oder neue medizinische Herausforderungen, wie Nadeschdas Zöliakie, waren im Alltag nach einer geraumen Zeit zur Normalität geworden. Wir waren dankbar für den Weg, den uns das Schicksal hatte gehen lassen. Dennoch wussten wir beide inzwischen, das unser jeweiliges Familienleben nicht normal war. Es schien nach außen so gewöhnlich, die Entwicklung unserer Kinder so großartig. Welche Anstrengungen und emotionalen Achterbahnfahrten wir aber hinter unseren Haustüren manchmal fuhren, das erkannte und verstand kaum jemand draußen. Das musste auch nicht sein. Es erklärte mir nur so schön, warum ich mich oft so einsam fühlte. Ich war anders als die Mütter leiblicher Kinder und würde es auch immer bleiben. Letztendlich forderten meine Kinder eine andere Mutter. Maxim und Nadeschda waren zwei Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren in widrigen Umständen um ihr Überleben gekämpft hatten, bedingungslose und fürsorgende Mutterliebe hatte ihnen gefehlt. Um so mehr war ihre Entwicklung zu gesunden, starken Kindern keine Selbstverständlichkeit. Sie entsprach damit nicht den Standardmaßstäben einer normalen Kindesentwicklung. Wir durften dies als ihre späten Eltern weder erwarten, noch so bewerten. Vielmehr war jeder einzelne Entwicklungsschritt, und wenn er auch noch so klein war, ein Wunder und ein großes Geschenk. Dessen musste ich mir als Mutter immer bewusst sein.

Zudem funktionierte die in vielen Ratgebern zementierte Erziehungskunst leiblicher Kinder nicht bei Kindern, die früh ihre leibliche Mutter verloren hatten und in einem Heim viel zu früh auf sich selbst gestellt waren. Bestrafen und Belohnen zum Beispiel zeigten keine Wirkung oder berührten im Gegenteil alte seelische Verletzungen und provozierten damit einen erneuten Überlebenskampf. Ein Adoptivkind vor dem Einschlafen alleine zu lassen, damit es lernt, auch ohne die Mutter zu schlafen, weckte vielmehr alte Verlassensängste. Auch hier musste ich als Mutter andere Wege finden, mit meinen Kindern umzugehen. Da ich beide Kinder nicht in meinem Bauch unter meinem Herzen getragen hatte, mussten wir auf eine andere Art unsere Beziehung und Bindung aufbauen und festigen, als das Mütter von leiblichen Kindern taten. Das Urvertrauen meiner Kinder war früh zerstört worden. Warum sollten sie einfach so einer neuen Mutter ihr Vertrauen schenken? In vielen kleinen Schritten mussten Maxim und Nadeschda lernen, dass sie sich auf mich verlassen konnten, dass ich immer für sie da war, dass ich sie nicht alleine lassen würde, dass sie keine Verantwortung mehr für ihr Leben übernehmen mussten. Ich musste ihnen im Umkehrschluss zeigen und beweisen, dass ich ihr Vertrauen wert war. Es erforderte somit einen so achtsamen und behutsamen Umgang mit diesen beiden Kindern. Erst in ein paar Jahren würde ich vielleicht spüren, dass wir eine unumstößliche Mutter-Kind Beziehung aufgebaut und entwickelt hatten.

Irgendwann, ich glaube es war vor dem Gehege der Flamingos, war es mir klar: Ich hatte neun Monate damit gerungen, eine normale Familie zu haben und eine ganz normale Mutter zu sein. Doch die war ich nicht, und die würde ich auch nie sein. Ich sollte aufhören, es werden zu wollen. Die Geschichte und die Herkunft meiner Kinder, und vor allem der Weg, den wir alle vier gegangen waren, um heute als Familie zusammenleben zu dürfen, war kein gewöhnlicher gewesen. Richard und ich waren anders Eltern geworden. Nadeschda und Maxim waren anders unsere Kinder geworden. Damit würden wir immer anders Eltern, und vor allem anders eine Familie sein. Dies ergab sich zwangsläufig aus dem Weg der Adoption, vor allem aus der Adoption von zwei Kindern, die bereits ein Leben vor uns gelebt hatten, ihr Päckchen mitbekommen hatten und nicht aus dem Kreißsaal direkt zu uns gekommen waren.

Die schwierigen Rahmenbedingungen, die Richard und ich in den letzten Monaten erfahren hatten, brachten uns unseren Kindern noch näher. Renates Tod und der Bruch mit meinem Vater und die damit verbundene Trauer ließen uns nur erahnen, welchen Schmerz Maxim und Nadeschda bereits in ihren frühen Lebensjahren hatten erfahren müssen. Mit dem Tod von Renate hatte Richard seine Mutter verloren, wie auch unsere Kinder ihre erste Mutter verloren hatten. Mit dem Bruch von meinem Vater war ich an den Schmerz meiner eigenen Kindheitserfahrungen gelangt. Nicht geliebt zu werden, für das was ich war, sondern allein dafür, was ich tat und erreichte, zeigte das Defizit an bedingungsloser Elternliebe. Diese hatte ich nicht erfahren, weder durch meinen Vater, noch durch meine Mutter. Bis zum heutigen Tag waren beide nicht in der Lage, emphatisch Anteil an meinem Leben zu nehmen, auch wenn ich dies gerade wieder in den letzten Wochen gebraucht hätte. Auch meine Kinder hatten diese bedingungslose Elternliebe in ihren ersten Lebensjahren entbehren müssen, anders und sicherlich noch um vieles schmerzlicher. Das Schicksal hatte uns zusammengebracht, und wir vier hatten in uns gegenseitig unsere Lehrmeister gefunden. Es hing jetzt nur von uns allein ab, was wir daraus machten. Ja, wir waren anders. Es war an der Zeit, dies endlich zu akzeptieren und unseren eigenen Weg zu gehen. Ich würde für mich selbst definieren müssen, wie ich meinen Kindern eine gute Mutter sein kann. Ich müsste mich befreien von sozialen Konventionen,alten Rollenmodellen und letztendlich von den eigenen Kindheitsverletzungen. Dies könnte der Schlüssel sein, meine innere emotionale Schraube der Unzulänglichkeit zu stoppen. Für einen Moment spürte ich die Euphorie in mir, die ein solcher Neuanfang in sich barg.

 

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3. April – Schockierender schmerzlicher Abschied mit Überraschung

Gestern mittag blieb die Erde für einen Moment stehen. Es war ein herrlicher Tag. Der Frühling schickte in diesem Jahr früh seine Vorboten. Es war ungewöhnlich warm, überall sprossen die Krokusse und Hyazinthen, die Sonne lachte und verbreitete überall einen Duft von Neuanfang und Aufbruch. Am Vormittag war ich mit Maxim alleine in der Stadt, während Richard mit Nadeschda unter den Blicken der Oma im Garten arbeitete. Renate genoss die frühlingshafte Wärme auf der Terrasse und schaute Nadeschda belustigt zu, wie sie versuchte ihrem Vater beim Unkraut jäten zu helfen. Alles war so friedlich. Zum ersten Mal stimmte die Sonne uns alle positiv in dem Gedanken, das alles gut werden würde. Selbst die Mittagspause begann für Maxim und Nadeschda harmonisch und ruhig. Richard wollte die Mittagsruhe nutzen, um mit seiner Mutter und Tatjana die kommende Woche zu besprechen, in der die erste Chemotherapie beginnen sollte. Doch dazu kam er nicht mehr.

Die Kinder schliefen schon und ich räumte auf, als mein Blick aus dem Flurfenster in Renates Wohnzimmer fiel. Ein merkwürdiges Gefühl befiel mich unvermittelt und ich verspürte den Drang, hinüber zugehen. Von der Terrasse aus sah ich, wie Renate auf dem Boden im Wohnzimmer lag, Richard sich kurz zu mir umdrehte und abwesend eine wegwischende Handbewegung machte. Ich ging wieder. Doch das Gefühl, dass gerade etwas schlimmes passiert war, ließ mich nicht mehr los. Wie gelähmt saß ich in unserem Garten und wartete. Wenig später sah ich den Krankenwagen kommen, und Augenblicke später stürmte Richard an mir vorbei in unser Haus. „Die Mama ist tot.“ war das einzige, was er herausbrachte. Er suchte kopflos etwas in seinen Unterlagen, fand das Papier und ging wieder zurück. Fassungslos blieb ich auf unserer Terrasse zurück. Das konnte, durfte und sollte nicht wahr sein. Ich wollte und konnte das nicht glauben. Warum? Konnte es wirklich sein, dass Renate nun nicht mehr da war? Doch eh Ohnmacht über mich kam, begann ich zu handeln. Meine Schnelligkeit im Handeln erschreckt mich manchmal. Von der einen Sekunde auf die andere gehe ich in meinen Funktionsmodus, schiebe alle Gefühle weg und agiere. Als ob etwas zu tun, mich vor dem Gefühl der eigenen Ohnmacht schützt. Sekunden später griff ich zum Telefonhörer und rief Daniel an. Maxim und Nadeschda mussten irgendwie versorgt sein. Das war mein erster Gedanke.

Der Tod zeigt sich erst mit aller Wucht, wenn man ihn im Angesicht sieht. Als ich Renate mittlerweile in ihrem Bett friedlich liegen sah, spürte ich, dass dies kein böser Traum war. Sie war wirklich von uns gegangen. Leblos und Seelenlos war nur noch ihr Körper anwesend. Nüchtern stellte der Notarzt fest: Lungenembolie mit sofortigem Herzstillstand. Todeszeitpunkt: 14:30 Uhr. – Renate hatte nicht gelitten. Schnell und schmerzlos war sie gestorben.

Selbst in der tauben Glocke, in der ich mich befand, wunderte ich mich, wie schnell danach alles ging. Der Notarzt war noch mit dem Ausfüllen von Formularen beschäftigt, als bereits ein Seelsorger aus dem Nichts auftauchte. Es tat gut, mit ihm zu sprechen, in diesem unmittelbaren Schockzustand. Zumal er uns geschickt direkt auf unsere Kinder lenkte, und wie wir ihnen gegenüber mit dem Tod der Großmutter umgehen sollten. Das war wertvoll und sprach mich in meiner Verantwortung als Mutter an. Ihnen offen zu sagen, dass die Oma gestorben sei, dass ihre Seele nun im Himmel sei, und ihr Körper hier auf der Erde beerdigt wird. Ihnen nicht zu sagen, dass die Oma eingeschlafen sei. Sie vielleicht noch etwas malen zu lassen, was wir der Oma mit ins Grab geben könnten. Kaum hatten wir mit ihm gesprochen, füllte sich Renates Haus mit ihren Geschwistern, Nichten, Neffen, Nachbarn. Ich konnte ihre Trauer und ihren Schmerz verstehen, aber nicht teilen. Ich spürte meine eigenen Gefühle nicht mehr. Ich hatte sie abgekoppelt, um zu funktionieren. Ich musste für Richard da sein, ihm Halt und Kraft geben, nicht noch jemand sein, dem er Trost spenden musste, hatte er ihn doch von allen am nötigsten. Aber er schlug sich tapfer. Vielleicht half es ihm auch, jetzt als Familienoberhaupt gegenüber den Verwandten Stärke zu zeigen.

Ich musste vor allem für unsere Kinder da sein, die in unserem Haus nebenan noch friedlich schliefen, ohne die leiseste Ahnung, was gerade passiert war. Ich ließ Richard im Haus seiner Mutter zurück und ging nach Hause. Maxim und Nadeschda würden bald wieder aufwachen. Daniel würde zwar den Nachmittag mit ihnen verbringen. Doch es war meine Aufgabe, ihnen zu erklären, dass die Oma von uns gegangen war. Maxim war überraschend gut gelaunt, als er nachmittags aufwachte und machte sich gleich daran, unter Nadeschdas Beobachten zu malen. Ich schaute meinen Kindern zu und suchte nach den richtigen Worten. Während ich ihnen so zusah, spürte ich, wie die erste Traurigkeit weggewischt wurde von einem einzigen Gedanken: Dies waren meine Kinder. Sie hatten schon so viel Leid in ihrem Leben erfahren. Sie jetzt durch den Verlust der Oma zu begleiten, war meine Aufgabe. Für diese beiden kleinen Wesen da zu sein, ihnen Halt und Sicherheit zu geben, war das einzige, was zählte. Irgendwann bat ich Maxim und Nadeschda zu mir auf den Schoß zu kommen und ergriff das Wort. Obwohl es noch keine vierundzwanzig Stunden her ist, weiß ich nicht mehr, was ich sagte. Denn Maxims Antwort radierte alles aus, was zuvor gewesen war. Er schaute mich an, lächelte, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte mit glasklarer Stimme: „Nicht schlimm, Mama, nicht schlimm.“ Es waren seine ersten Worte! Nach acht Monaten hörte ich ein erstes gesprochenes Wort aus dem Mund meines Sohnes. Unglaublich. Unfassbar. Als hätte die Oma Maxims Angst zu sprechen mit in den Tod genommen und seine Sprache als ihr Vermächtnis zurückgelassen.

Richard kam ein wenig später zu uns. Als wolle Maxim seinen Vater den Trost schenken, den er brauchte, ließ er sich von Richard bereitwillig in den Arm nehmen. Richard sagte zu ihm: „Weißt Du, die Oma ist gerade gestorben und ich bin sehr traurig. Da muss ich Dich jetzt einfach mal in den Arm nehmen.“ Maxim guckte ihn an, legte sein Ärmchen um seinen Hals, drückte Richard fest und murmelte erneut: „Nicht schlimm, Papa, nicht schlimm.“ Ich sah, wie Richard zum ersten Mal an diesem Nachmittag die Tränen in die Augen schossen. Er guckte mich ungläubig an, ich nickte ihm zu und lächelte. Während Richard versuchte seine Tränen zu verstecken, entfuhr es ihm: „Das glaube ich jetzt nicht.“.

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9. Februar – Einschlafgedanken zu Nadeschda

Morgen feiern wir Nadeschdas zweiten Geburtstag. Gedankenverloren sass ich gerade an ihrem Bett und wartete, bis sie einschlief. Während ich ihre Hand durch ihr Gitterkettchen hielt, kam sie mir wieder so zart und verletzbar vor wie vor sieben Monaten als wir sie in Russland abgeholt hatten. Gleichzeitig ging mir durch den Kopf, wie sehr sie sich in diesem guten halben Jahr verändert hatte. Seit der Biopsie und ihrer Ernährungsumstellung hatte sie nun endlich begonnen, kräftig zuzunehmen, ihre Wangen waren rund und rosa, sie war gute fünf Zentimeter gewachsen, der erste Kleidergrößenwechsel stand an.

Nadeschda versuchte, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder, immer mehr zu sprechen. Auch wenn es meist nur Gebrabel war, das selbst ich nur schwer verstand, so kamen doch jeden Tag neue Wörter dazu. Ihr Mitteilungsbedürfnis war frappierend. In ihrem Bewegungsdrang war sie selten zu halten. Klettern, Rutschen, Dreirad und Bobbycar fahren standen regelmäßig auf der Tagesordnung. Nachdem sie verständlicherweise beleidigt war, dass sie bei Maxims Turnstunden nicht mitmachen durfte, hatten wir begonnen, in eine Turngruppe für Kinder in ihrem Alter zu gehen. Mit riesiger Begeisterung half sie mir in der Küche; Backen und Kochen waren für sie das Größte. Im Grunde genommen grenzte es für mich nahezu an ein Wunder, wie schnell sie ihre Entwicklungsverzögerung aufholte. Sie war darin unermüdlich und äußerst hartnäckig. In ihr musste ein nicht ermüden wollender Kämpfergeist wohnen, der sie jeden Tag von neuem antrieb. Das war so großartig und wunderbar für mich zu beobachten. Es erfüllte mich mit tiefer Dankbarkeit und Demut, an dieser Entwicklung meiner Tochter teilhaben zu dürfen und zu merken, was alles für sie möglich ist. Sie schien inzwischen ein Stück weit hier angekommen zu sein. Mittlerweile forderte sie zunehmend mehr Aufmerksamkeit für sich ein.

Gegenüber ihrem Bruder zeigte  sie seit einiger Zeit so etwas wie Eifersucht. Gerade in den letzten Tagen war die erste halbe Stunde, nachdem wir Maxim vom Kindergarten abgeholt hatten, jeden Tag von neuem anstrengend. Kaum fiel die Haustür ins Schloss, ging Nadeschda auf ihren Bruder los; sie schubste, biss, schlug auf ihn ein. Selten mit einem konkreten Anlass. Ich war schockiert, ob der vielen Wut und Aggression, die sich in meiner Tochter angestaut zu haben schien, und an ihrem Bruder entlud. Es kam mir vor, als wohnten Engelchen und Teufelchen in ihr. Denn so jähzornig sie war, so liebreizend konnte sie keine viertel Stunde später wieder sein. Wenn sie sich beruhigt hatte, ging sie zu ihrem weinenden Bruder und streichelte ihm zärtlich über den Arm. Auf der einen Seite war mir bewusst, dass nun nach einem halben Jahr beide Kinder sich bei uns sicher genug fühlten, um all die Gefühle, die sie tief innen in sich vergraben hatten, herauszulassen.

Frau Schiffer hatte bei einem ihrer ersten Besuche erklärt, dass Adoptivkinder in der Regel spätestens nach einem halben Jahr aus ihrer Phase der Anpassung herauskommen. Dann ließen sie ihre Masken fallen. Länger als sechs Monate könnten sie ihre tiefen Verletzungen, Wut und Trauer selten unterdrücken. Vielleicht hatten wir diesen Punkt bei Nadeschda erreicht. Wenn ja, so war es ein gutes Zeichen, auch wenn mir nicht gefiel, dass Maxim darunter leiden musste. Auf der anderen Seite ging Maxim nun gute zwei Monate in den Kindergarten. Nadeschda hatte sich an unsere Vormittage alleine gewöhnt und genoss diese offensichtlich. Der Übergang mittags, wenn ihr Bruder wieder Zuhause war, gefiel ihr nicht. Jetzt musste sie mich mit ihm wieder teilen. Oder auch ihm gegenüber zurückstecken. Denn je nachdem in welcher Verfassung Maxim aus dem Kindergarten nach Hause kam, brauchte er und forderte er meine volle Aufmerksamkeit. Insofern musste ich nicht tiefenpsychologisch lange nachforschen, bis mir klar wurde, dass Nadeschda einfach eifersüchtig war. In diesem Moment der inneren Ruhe und Nähe zu meiner Tochter nahm ich auch dies als ein gutes Zeichen. Nadeschdas Eifersucht war Ausdruck ihrer engen Beziehung zu ihrem Bruder und auch zu mir als ihre Mutter, die sie nicht gerne teilen wollte.

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22. Dezember – Kindersorgen

Nach dem Mittagessen wurde die Mittagspause zu einer Herausforderung, die uns wahrscheinlich die nächsten Wochen begleiten wird. Beim Einschlafen spielt Nadeschda mit ihrem Schnuller. Solange, bis dieser dabei kaputt geht. DER Schnuller hat nun nach etwas mehr als vier Monaten endgültig den Geist aufgegeben und verabschiedet sich in zwei Teilen. Ich hatte mich nach acht Wochen einmal gewundert, dass dieser russische Schnuller überhaupt so lange hielt. Doch heute hat der Sauger Nadeschdas Härtetest nicht mehr bestanden. Der Schnuller, den wir in einem letzten achtsamen Moment von Nadeschdas Erzieherin im russischen Kinderheim vor unserer Abfahrt erhalten hatten, ist nun irreparabel kaputt. Nadeschda ist sehr unglücklich und traurig. Einen anderen Schnuller will sie nicht nehmen. Richard hatte Tage damit zugebracht, im Internet nach alternativen Schnullern zu suchen, die dem russischen in Form und Art entsprechen. Auch als er fündig wurde und hier Zuhause eine breite Palette an vergleichbaren Schnullermodellen Einzug hielt, war Nadeschda nie dazu zubewegen gewesen, auch nur einen von ihnen auszuprobieren. Selbst im Tiefschlaf merkte sie den Unterschied und spukte immer wieder die anderen Schnuller mit schlafender Verachtung aus. Auch heute nimmt sie keinen der anderen Schnuller. Es braucht lange bis sie einschläft und dann wacht sie auch immer wieder weinend auf. Irgendwann übermannt sie dann doch der Schlaf. Sie ruht für eine Weile, ohne Schnuller.

Bei Maxim kommt etwas in Bewegung. Sei es ausgelöst durch den Besuch bei der Frühförderstelle, sei es durch die nun zunehmende Zeit, die ich mit ihm alleine verbringe. Was es ist, kann ich noch nicht greifen. Bisher nehme ich nur vorsichtige Veränderungen an ihm wahr. So wie heute Nachmittag. Beide Kinder brauchten neue Schlafanzüge.

Silhouette of Mother Lovingly Kissing Little Child at Sunset

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Im Geschäft sucht sich Maxim ausgerechnet zwei Babyschlafanzüge aus, einteilige Strampelanzüge mit angenähten Füssen. Und auch einen Schlafsack, wie Nadeschda möchte er gerne haben. Ich gebe seinen Wünschen nach. Will er es einfach Nadeschda gleich tun? Ist das seine Art, sein Bedürfnis an mehr Zuneigung zu äußern? Oder wächst in ihm der Wunsch, noch einmal Baby zu sein?

Am Abend erleben wir dann eine zunächst aufreibende Szenerie. Während ich nach dem Abendessen die Küche aufräume, toben beide Kinder im Wohnzimmer auf dem Sofa herum. Plötzlich scheint Maxim vom Sofa auf seine Kopf gefallen zu sein. Ich höre nur einen dumpfen Schlag, dann sein leises Weinen, während ich ins Wohnzimmer stürze. Ich nehme Maxim in den Arm und will ihn trösten. Doch auf einmal schockt und krampft er in meinem Arm. Er wird von einem Moment auf den anderen stock steif und ist nicht mehr ansprechbar. In Panik rufe ich nach Richard. Bei dem herbeigeeilten Richard löst sich nach ca. 30-60 Sekunden der Krampf und Maxim fängt bitterlich an zu weinen. Es ist kein Weinen vor Schmerzen, sondern irgendetwas anderes scheint sich tief in seinem Inneren zu lösen und in diesem Moment aus ihm herauszubrechen. Nach einer guten Viertelstunde beruhigt sich Maxim wieder, doch er wirkt blas und steht etwas neben sich. Zum ersten Mal seit einer langen Zeit, will er ganz bewusst wieder zu mir in den Arm. Er sucht meine Nähe. Das ist für unseren sehr autonomen Sohn, der Körperkontakt nur in Ausnahmefällen zulässt, bemerkenswert. Ja, im Alltag sucht er unsere Aufmerksamkeit, aber selten körperliche Zuneigung. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte er Angst vor zu viel Nähe. Er will sich nicht verletzbar zeigen, und auf keinen Fall sich als offensichtlich hilfs- und zuneigungsbedürftig zu erkennen geben. Doch in diesem Moment gewinnt in Maxim das Bedürfnis, einfach nur gehalten zu werden. So wickle ich ihn in eine Decke und gehe mit ihm ein paar Minuten raus an die frische Luft. Wir sitzen eng aneinander gekuschelt draußen und schauen uns den Mond und die Sterne am Himmel an. Auf einmal ist da dann doch so viel Nähe zwischen uns. Wie ein trockener Schwamm saugt Maxim meine Zuneigung auf und genießt unsere Zweisamkeit. Langsam normalisiert sich Maxims Zustand, er lacht bei dem Anblick von Mond und Sternen, bleibt aber sehr anhänglich. Dennoch lässt er sich später von Richard ins Bett bringen. Beide Kinder schlafen schnell ein. Doch in der Nacht ist Nadeschda zweimal wach. Sie trauert um ihren Schnuller.