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23. April – Die Taufe

Kreuz mit Blumen

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

„Als Du geboren wurdest, war ein regnerischer Tag. Aber es war nicht wirklich Regen sondern der Himmel weinte, weil er einen Stern verloren hatte.“ Das Zitat aus „Der Kleine Prinz“ passte so gut zu unserem Tag der Taufe: „Als ihr getauft wurdet, war ein regnerischer Tag. Aber es war nicht wirklich Regen, sondern der Himmel weinte, weil er zwei Sterne verloren hatte.“ So etwa könnten wir Maxim und Nadeschda von ihrer Taufe später erzählen.

Das Wetter tat dem großen Tag jedoch keinen Abbruch. Am Morgen fand der Taufgottesdienst in der Kirche statt, in der Richard und ich vor etlichen Jahren geheiratet hatten. Der Pfarrer sollte Recht behalten mit seinen Worten, dass Kirchen auf Kinder eine unheimliche Faszination ausüben. Als der Gottesdienst begann, saß Maxim andächtig neben mir. Bei den Liedern machte er alle Bewegungen, die der Pfarrer vorgemacht hatte, nach. Am Ende beim letzten Lied stand er dann mit ihm vor dem Altar und dirigierte die Taufgesellschaft. Die Taufe selbst ließen beide Kinder still und gelassen über sich ergehen. Alles in allem war es ein wirklich schöner Gottesdienst. Es hatte sich ausgezahlt, dass ich selbst so viel Zeit und Engagement in die Vorbereitung gesteckt hatte. Alle Gäste hatten eine Rolle. Da wir nicht die singkräftigste Taufgesellschaft waren, hatten zwei Kinder kleine musikalische Einlagen vorbereitet, auf der Geige und auf der Gitarre. Das war sehr schön und sehr feierlich. Wiederum vermissten wir Renate schmerzlich. Wie gerne hätte sie doch die Taufe von Maxim und Nadeschda erlebt. Eine alte Schulfreundin von Richard las ihr Gebet an ihrer statt und zündete mit dem Pfarrer eine Kerze für sie an. Ein stiller trauriger Moment. Doch wir spürten, dass Renate uns aus dem Himmel wohlwollend zuschaute. In unseren Gedanken war sie mit bei uns.

Die anschließende Feier fand im Hotel einer Freundin statt. In ihrem Restaurant hatten Richard und ich ebenfalls unser Hochzeit gefeiert. Als wir dort ankamen, spielten alle Kinder miteinander. Es war faszinierend zu beobachten, wie selbstverständlich unser Kinder mit den anderen spielten, und die großen Kinder sich um die kleinen kümmerten. Kaum, dass der Regen nachgelassen hatte, stürmten alle Kinder raus auf den Spielplatz des Hotels. Dass alle Kinder so harmonisch und friedlich zusammen spielten und unsere Kinder sich so wunderbar integrierten, lag sicherlich mit daran, dass sich alle schon kannten und vor der Taufe mehrere Male gesehen hatten. Wir Erwachsenen genossen das gute Essen und die Gesellschaft von lieben Freunden. Ein wenig machte sich bei mir das Gefühl breit: Vielleicht ist dies unsere „neue“ Familie. Einfach eine Hand voll guter Freunde. Was brauchten wir mehr?

Die Taufe war ein beschauliches, schönes, harmonisches Fest, ein friedlicher unaufgeregter Tag im Kreise von engen, lieben Freunden. Genau richtig für die Stimmung, in der wir vier als Familie waren. Im Nachhinein war es gut, dass mein Vater und seine Familie nicht dabei waren. Ihre Anwesenheit hätte unsere Nerven sehr strapaziert. Sie wären in diesem Kreise eher ein Störfaktor gewesen, der die Erinnerung an diesen Tag mehr getrübt hätte als der Regen, der vom Himmel fiel. Wenn ich ehrlich war, vermisste ich meinen Vater, und vor allem seine Familie nicht. Im Gegenteil, ich war erleichtert, dass meine Stiefmutter keine Rolle mehr in meinen, in unserem Leben spielte, dass sie sich selbst aus unserem Universum katapultiert hatte. Jetzt da die Wut und die Trauer über die Ereignisse aus den letzten Monaten langsam nachließen, machte sich langsam Zuversicht in mir breit. Alles – selbst Renates Tod – hatte seinen Grund gehabt. Langsam fügte sich unser Leben als Familie zu dem zusammen, wie es das Schicksal für uns bestimmt hatte. So wie wir vor einem Jahr in Russland beschlossen hatte, dass wir nun die Eltern von Maxim und Nadeschda werden.

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18. April -Erkenntnisse zum Muttersein

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

Die Zugfahrt in den Schwarzwald ähnelte einer Odyssee. Wir schienen niemals an unserem Ziel anzukommen. Aber ich war begeistert, wie gelassen meine Kinder dies über sich ergehen ließen. In Karlsruhe fuhr uns unser Anschlusszug vor der Nase weg. Selbst Maxim entfuhr ein: „Mist, Mama.“ – Seine sprachliche Aufholjagd macht in unserer vertrauten Umgebung vor nichts Halt. Stattdessen werden alle Worte, die er in seiner Umgebung aufschnappt, sofort verarbeitet und in den eigenen Wortschatz aufgenommen. – Also zuckelten wir fast zwei Stunden mit einer S-Bahn in den nördlichen Schwarzwald. Die vier Tage bei Nils und Rieke ließen die Strapazen der Anreise jedoch schnell wieder vergessen. Überraschend war, wie schnell unsere drei Kinder wieder begannen zusammen zu spielen. Als wäre da ein unsichtbares Band und eine stille Übereinkunft, die sie miteinander verband. Auch ich fühlte mich schnell Zuhause, denn es war bei Nils und Rieke alles so unkompliziert. Im Gegensatz zu mir ließen sie die Uhr gedanklich in ihrem Kopf ausgeschaltet und wir lebten so in den Tag hinein. Hinzukam, dass Nils gerade seine Elternzeit begonnen hatte, und Rieke während unseres Besuchs nicht arbeiten musste, so dass bis zu Richards Ankunft drei Erwachsene für drei Kinder da waren. Ich musste mir keine Gedanken machen. Zum ersten Mal seit Wochen konnte ich mich richtig entspannen.

Während wir uns am ersten Nachmittag noch im Regen auf dem Spielplatz rumdrückten und bald durchnässt die Segel strichen, wurden wir am nächsten Tag mit strahlendem Sonnenschein beschenkt. Wir nutzten das schöne frühlingshafte Wetter und fuhren in den Zoo. Immer noch freute ich mich zu beobachten, wie sich meine Kinder gefühlte Stunden für ein einziges Tier begeistern konnten. Pinguine und Eisbären wurden ewig verfolgt, Affen und Elefanten lange kritisch begutachtet, Ziegen im Streichelgehege ausdauernd gestreichelt, am Schwanz gezogen und mit Bürsten gestriegelt. Immer wenn ich das sah, musste ich daran denken, wie Nadeschda einmal im Streichelgehege unseres Zoos von zwei Ziegen attackiert worden war, weil sie noch ein Brötchen in der Hand hatte – als sie das noch essen durfte. Mir kam es nun jedes Mal so vor, wenn sie die Ziegen quälte, als wollte sie sich insgeheim an ihnen für diesen Vorfall rächen. Alle Ziegen, egal in welchem Zoo, hatten es seitdem nicht anders verdient, als von Nadeschda malträtiert zu werden.

Währenddessen blieb Rieke und mir viel Zeit zum Reden. Wir teilten das Glück, das wir mit unseren Kindern hatten. Wir wurden uns gewahr, das wir doppelt beschenkt worden waren, denn unsere Kinder hatten sich alle drei bisher gut entwickelt, medizinische Diagnosen aus Russland hatten sich nicht bewahrheitet oder neue medizinische Herausforderungen, wie Nadeschdas Zöliakie, waren im Alltag nach einer geraumen Zeit zur Normalität geworden. Wir waren dankbar für den Weg, den uns das Schicksal hatte gehen lassen. Dennoch wussten wir beide inzwischen, das unser jeweiliges Familienleben nicht normal war. Es schien nach außen so gewöhnlich, die Entwicklung unserer Kinder so großartig. Welche Anstrengungen und emotionalen Achterbahnfahrten wir aber hinter unseren Haustüren manchmal fuhren, das erkannte und verstand kaum jemand draußen. Das musste auch nicht sein. Es erklärte mir nur so schön, warum ich mich oft so einsam fühlte. Ich war anders als die Mütter leiblicher Kinder und würde es auch immer bleiben. Letztendlich forderten meine Kinder eine andere Mutter. Maxim und Nadeschda waren zwei Kinder, die in ihren ersten Lebensjahren in widrigen Umständen um ihr Überleben gekämpft hatten, bedingungslose und fürsorgende Mutterliebe hatte ihnen gefehlt. Um so mehr war ihre Entwicklung zu gesunden, starken Kindern keine Selbstverständlichkeit. Sie entsprach damit nicht den Standardmaßstäben einer normalen Kindesentwicklung. Wir durften dies als ihre späten Eltern weder erwarten, noch so bewerten. Vielmehr war jeder einzelne Entwicklungsschritt, und wenn er auch noch so klein war, ein Wunder und ein großes Geschenk. Dessen musste ich mir als Mutter immer bewusst sein.

Zudem funktionierte die in vielen Ratgebern zementierte Erziehungskunst leiblicher Kinder nicht bei Kindern, die früh ihre leibliche Mutter verloren hatten und in einem Heim viel zu früh auf sich selbst gestellt waren. Bestrafen und Belohnen zum Beispiel zeigten keine Wirkung oder berührten im Gegenteil alte seelische Verletzungen und provozierten damit einen erneuten Überlebenskampf. Ein Adoptivkind vor dem Einschlafen alleine zu lassen, damit es lernt, auch ohne die Mutter zu schlafen, weckte vielmehr alte Verlassensängste. Auch hier musste ich als Mutter andere Wege finden, mit meinen Kindern umzugehen. Da ich beide Kinder nicht in meinem Bauch unter meinem Herzen getragen hatte, mussten wir auf eine andere Art unsere Beziehung und Bindung aufbauen und festigen, als das Mütter von leiblichen Kindern taten. Das Urvertrauen meiner Kinder war früh zerstört worden. Warum sollten sie einfach so einer neuen Mutter ihr Vertrauen schenken? In vielen kleinen Schritten mussten Maxim und Nadeschda lernen, dass sie sich auf mich verlassen konnten, dass ich immer für sie da war, dass ich sie nicht alleine lassen würde, dass sie keine Verantwortung mehr für ihr Leben übernehmen mussten. Ich musste ihnen im Umkehrschluss zeigen und beweisen, dass ich ihr Vertrauen wert war. Es erforderte somit einen so achtsamen und behutsamen Umgang mit diesen beiden Kindern. Erst in ein paar Jahren würde ich vielleicht spüren, dass wir eine unumstößliche Mutter-Kind Beziehung aufgebaut und entwickelt hatten.

Irgendwann, ich glaube es war vor dem Gehege der Flamingos, war es mir klar: Ich hatte neun Monate damit gerungen, eine normale Familie zu haben und eine ganz normale Mutter zu sein. Doch die war ich nicht, und die würde ich auch nie sein. Ich sollte aufhören, es werden zu wollen. Die Geschichte und die Herkunft meiner Kinder, und vor allem der Weg, den wir alle vier gegangen waren, um heute als Familie zusammenleben zu dürfen, war kein gewöhnlicher gewesen. Richard und ich waren anders Eltern geworden. Nadeschda und Maxim waren anders unsere Kinder geworden. Damit würden wir immer anders Eltern, und vor allem anders eine Familie sein. Dies ergab sich zwangsläufig aus dem Weg der Adoption, vor allem aus der Adoption von zwei Kindern, die bereits ein Leben vor uns gelebt hatten, ihr Päckchen mitbekommen hatten und nicht aus dem Kreißsaal direkt zu uns gekommen waren.

Die schwierigen Rahmenbedingungen, die Richard und ich in den letzten Monaten erfahren hatten, brachten uns unseren Kindern noch näher. Renates Tod und der Bruch mit meinem Vater und die damit verbundene Trauer ließen uns nur erahnen, welchen Schmerz Maxim und Nadeschda bereits in ihren frühen Lebensjahren hatten erfahren müssen. Mit dem Tod von Renate hatte Richard seine Mutter verloren, wie auch unsere Kinder ihre erste Mutter verloren hatten. Mit dem Bruch von meinem Vater war ich an den Schmerz meiner eigenen Kindheitserfahrungen gelangt. Nicht geliebt zu werden, für das was ich war, sondern allein dafür, was ich tat und erreichte, zeigte das Defizit an bedingungsloser Elternliebe. Diese hatte ich nicht erfahren, weder durch meinen Vater, noch durch meine Mutter. Bis zum heutigen Tag waren beide nicht in der Lage, emphatisch Anteil an meinem Leben zu nehmen, auch wenn ich dies gerade wieder in den letzten Wochen gebraucht hätte. Auch meine Kinder hatten diese bedingungslose Elternliebe in ihren ersten Lebensjahren entbehren müssen, anders und sicherlich noch um vieles schmerzlicher. Das Schicksal hatte uns zusammengebracht, und wir vier hatten in uns gegenseitig unsere Lehrmeister gefunden. Es hing jetzt nur von uns allein ab, was wir daraus machten. Ja, wir waren anders. Es war an der Zeit, dies endlich zu akzeptieren und unseren eigenen Weg zu gehen. Ich würde für mich selbst definieren müssen, wie ich meinen Kindern eine gute Mutter sein kann. Ich müsste mich befreien von sozialen Konventionen,alten Rollenmodellen und letztendlich von den eigenen Kindheitsverletzungen. Dies könnte der Schlüssel sein, meine innere emotionale Schraube der Unzulänglichkeit zu stoppen. Für einen Moment spürte ich die Euphorie in mir, die ein solcher Neuanfang in sich barg.

 

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3. April – Schockierender schmerzlicher Abschied mit Überraschung

Gestern mittag blieb die Erde für einen Moment stehen. Es war ein herrlicher Tag. Der Frühling schickte in diesem Jahr früh seine Vorboten. Es war ungewöhnlich warm, überall sprossen die Krokusse und Hyazinthen, die Sonne lachte und verbreitete überall einen Duft von Neuanfang und Aufbruch. Am Vormittag war ich mit Maxim alleine in der Stadt, während Richard mit Nadeschda unter den Blicken der Oma im Garten arbeitete. Renate genoss die frühlingshafte Wärme auf der Terrasse und schaute Nadeschda belustigt zu, wie sie versuchte ihrem Vater beim Unkraut jäten zu helfen. Alles war so friedlich. Zum ersten Mal stimmte die Sonne uns alle positiv in dem Gedanken, das alles gut werden würde. Selbst die Mittagspause begann für Maxim und Nadeschda harmonisch und ruhig. Richard wollte die Mittagsruhe nutzen, um mit seiner Mutter und Tatjana die kommende Woche zu besprechen, in der die erste Chemotherapie beginnen sollte. Doch dazu kam er nicht mehr.

Die Kinder schliefen schon und ich räumte auf, als mein Blick aus dem Flurfenster in Renates Wohnzimmer fiel. Ein merkwürdiges Gefühl befiel mich unvermittelt und ich verspürte den Drang, hinüber zugehen. Von der Terrasse aus sah ich, wie Renate auf dem Boden im Wohnzimmer lag, Richard sich kurz zu mir umdrehte und abwesend eine wegwischende Handbewegung machte. Ich ging wieder. Doch das Gefühl, dass gerade etwas schlimmes passiert war, ließ mich nicht mehr los. Wie gelähmt saß ich in unserem Garten und wartete. Wenig später sah ich den Krankenwagen kommen, und Augenblicke später stürmte Richard an mir vorbei in unser Haus. „Die Mama ist tot.“ war das einzige, was er herausbrachte. Er suchte kopflos etwas in seinen Unterlagen, fand das Papier und ging wieder zurück. Fassungslos blieb ich auf unserer Terrasse zurück. Das konnte, durfte und sollte nicht wahr sein. Ich wollte und konnte das nicht glauben. Warum? Konnte es wirklich sein, dass Renate nun nicht mehr da war? Doch eh Ohnmacht über mich kam, begann ich zu handeln. Meine Schnelligkeit im Handeln erschreckt mich manchmal. Von der einen Sekunde auf die andere gehe ich in meinen Funktionsmodus, schiebe alle Gefühle weg und agiere. Als ob etwas zu tun, mich vor dem Gefühl der eigenen Ohnmacht schützt. Sekunden später griff ich zum Telefonhörer und rief Daniel an. Maxim und Nadeschda mussten irgendwie versorgt sein. Das war mein erster Gedanke.

Der Tod zeigt sich erst mit aller Wucht, wenn man ihn im Angesicht sieht. Als ich Renate mittlerweile in ihrem Bett friedlich liegen sah, spürte ich, dass dies kein böser Traum war. Sie war wirklich von uns gegangen. Leblos und Seelenlos war nur noch ihr Körper anwesend. Nüchtern stellte der Notarzt fest: Lungenembolie mit sofortigem Herzstillstand. Todeszeitpunkt: 14:30 Uhr. – Renate hatte nicht gelitten. Schnell und schmerzlos war sie gestorben.

Selbst in der tauben Glocke, in der ich mich befand, wunderte ich mich, wie schnell danach alles ging. Der Notarzt war noch mit dem Ausfüllen von Formularen beschäftigt, als bereits ein Seelsorger aus dem Nichts auftauchte. Es tat gut, mit ihm zu sprechen, in diesem unmittelbaren Schockzustand. Zumal er uns geschickt direkt auf unsere Kinder lenkte, und wie wir ihnen gegenüber mit dem Tod der Großmutter umgehen sollten. Das war wertvoll und sprach mich in meiner Verantwortung als Mutter an. Ihnen offen zu sagen, dass die Oma gestorben sei, dass ihre Seele nun im Himmel sei, und ihr Körper hier auf der Erde beerdigt wird. Ihnen nicht zu sagen, dass die Oma eingeschlafen sei. Sie vielleicht noch etwas malen zu lassen, was wir der Oma mit ins Grab geben könnten. Kaum hatten wir mit ihm gesprochen, füllte sich Renates Haus mit ihren Geschwistern, Nichten, Neffen, Nachbarn. Ich konnte ihre Trauer und ihren Schmerz verstehen, aber nicht teilen. Ich spürte meine eigenen Gefühle nicht mehr. Ich hatte sie abgekoppelt, um zu funktionieren. Ich musste für Richard da sein, ihm Halt und Kraft geben, nicht noch jemand sein, dem er Trost spenden musste, hatte er ihn doch von allen am nötigsten. Aber er schlug sich tapfer. Vielleicht half es ihm auch, jetzt als Familienoberhaupt gegenüber den Verwandten Stärke zu zeigen.

Ich musste vor allem für unsere Kinder da sein, die in unserem Haus nebenan noch friedlich schliefen, ohne die leiseste Ahnung, was gerade passiert war. Ich ließ Richard im Haus seiner Mutter zurück und ging nach Hause. Maxim und Nadeschda würden bald wieder aufwachen. Daniel würde zwar den Nachmittag mit ihnen verbringen. Doch es war meine Aufgabe, ihnen zu erklären, dass die Oma von uns gegangen war. Maxim war überraschend gut gelaunt, als er nachmittags aufwachte und machte sich gleich daran, unter Nadeschdas Beobachten zu malen. Ich schaute meinen Kindern zu und suchte nach den richtigen Worten. Während ich ihnen so zusah, spürte ich, wie die erste Traurigkeit weggewischt wurde von einem einzigen Gedanken: Dies waren meine Kinder. Sie hatten schon so viel Leid in ihrem Leben erfahren. Sie jetzt durch den Verlust der Oma zu begleiten, war meine Aufgabe. Für diese beiden kleinen Wesen da zu sein, ihnen Halt und Sicherheit zu geben, war das einzige, was zählte. Irgendwann bat ich Maxim und Nadeschda zu mir auf den Schoß zu kommen und ergriff das Wort. Obwohl es noch keine vierundzwanzig Stunden her ist, weiß ich nicht mehr, was ich sagte. Denn Maxims Antwort radierte alles aus, was zuvor gewesen war. Er schaute mich an, lächelte, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte mit glasklarer Stimme: „Nicht schlimm, Mama, nicht schlimm.“ Es waren seine ersten Worte! Nach acht Monaten hörte ich ein erstes gesprochenes Wort aus dem Mund meines Sohnes. Unglaublich. Unfassbar. Als hätte die Oma Maxims Angst zu sprechen mit in den Tod genommen und seine Sprache als ihr Vermächtnis zurückgelassen.

Richard kam ein wenig später zu uns. Als wolle Maxim seinen Vater den Trost schenken, den er brauchte, ließ er sich von Richard bereitwillig in den Arm nehmen. Richard sagte zu ihm: „Weißt Du, die Oma ist gerade gestorben und ich bin sehr traurig. Da muss ich Dich jetzt einfach mal in den Arm nehmen.“ Maxim guckte ihn an, legte sein Ärmchen um seinen Hals, drückte Richard fest und murmelte erneut: „Nicht schlimm, Papa, nicht schlimm.“ Ich sah, wie Richard zum ersten Mal an diesem Nachmittag die Tränen in die Augen schossen. Er guckte mich ungläubig an, ich nickte ihm zu und lächelte. Während Richard versuchte seine Tränen zu verstecken, entfuhr es ihm: „Das glaube ich jetzt nicht.“.

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9. Februar – Einschlafgedanken zu Nadeschda

Morgen feiern wir Nadeschdas zweiten Geburtstag. Gedankenverloren sass ich gerade an ihrem Bett und wartete, bis sie einschlief. Während ich ihre Hand durch ihr Gitterkettchen hielt, kam sie mir wieder so zart und verletzbar vor wie vor sieben Monaten als wir sie in Russland abgeholt hatten. Gleichzeitig ging mir durch den Kopf, wie sehr sie sich in diesem guten halben Jahr verändert hatte. Seit der Biopsie und ihrer Ernährungsumstellung hatte sie nun endlich begonnen, kräftig zuzunehmen, ihre Wangen waren rund und rosa, sie war gute fünf Zentimeter gewachsen, der erste Kleidergrößenwechsel stand an.

Nadeschda versuchte, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder, immer mehr zu sprechen. Auch wenn es meist nur Gebrabel war, das selbst ich nur schwer verstand, so kamen doch jeden Tag neue Wörter dazu. Ihr Mitteilungsbedürfnis war frappierend. In ihrem Bewegungsdrang war sie selten zu halten. Klettern, Rutschen, Dreirad und Bobbycar fahren standen regelmäßig auf der Tagesordnung. Nachdem sie verständlicherweise beleidigt war, dass sie bei Maxims Turnstunden nicht mitmachen durfte, hatten wir begonnen, in eine Turngruppe für Kinder in ihrem Alter zu gehen. Mit riesiger Begeisterung half sie mir in der Küche; Backen und Kochen waren für sie das Größte. Im Grunde genommen grenzte es für mich nahezu an ein Wunder, wie schnell sie ihre Entwicklungsverzögerung aufholte. Sie war darin unermüdlich und äußerst hartnäckig. In ihr musste ein nicht ermüden wollender Kämpfergeist wohnen, der sie jeden Tag von neuem antrieb. Das war so großartig und wunderbar für mich zu beobachten. Es erfüllte mich mit tiefer Dankbarkeit und Demut, an dieser Entwicklung meiner Tochter teilhaben zu dürfen und zu merken, was alles für sie möglich ist. Sie schien inzwischen ein Stück weit hier angekommen zu sein. Mittlerweile forderte sie zunehmend mehr Aufmerksamkeit für sich ein.

Gegenüber ihrem Bruder zeigte  sie seit einiger Zeit so etwas wie Eifersucht. Gerade in den letzten Tagen war die erste halbe Stunde, nachdem wir Maxim vom Kindergarten abgeholt hatten, jeden Tag von neuem anstrengend. Kaum fiel die Haustür ins Schloss, ging Nadeschda auf ihren Bruder los; sie schubste, biss, schlug auf ihn ein. Selten mit einem konkreten Anlass. Ich war schockiert, ob der vielen Wut und Aggression, die sich in meiner Tochter angestaut zu haben schien, und an ihrem Bruder entlud. Es kam mir vor, als wohnten Engelchen und Teufelchen in ihr. Denn so jähzornig sie war, so liebreizend konnte sie keine viertel Stunde später wieder sein. Wenn sie sich beruhigt hatte, ging sie zu ihrem weinenden Bruder und streichelte ihm zärtlich über den Arm. Auf der einen Seite war mir bewusst, dass nun nach einem halben Jahr beide Kinder sich bei uns sicher genug fühlten, um all die Gefühle, die sie tief innen in sich vergraben hatten, herauszulassen.

Frau Schiffer hatte bei einem ihrer ersten Besuche erklärt, dass Adoptivkinder in der Regel spätestens nach einem halben Jahr aus ihrer Phase der Anpassung herauskommen. Dann ließen sie ihre Masken fallen. Länger als sechs Monate könnten sie ihre tiefen Verletzungen, Wut und Trauer selten unterdrücken. Vielleicht hatten wir diesen Punkt bei Nadeschda erreicht. Wenn ja, so war es ein gutes Zeichen, auch wenn mir nicht gefiel, dass Maxim darunter leiden musste. Auf der anderen Seite ging Maxim nun gute zwei Monate in den Kindergarten. Nadeschda hatte sich an unsere Vormittage alleine gewöhnt und genoss diese offensichtlich. Der Übergang mittags, wenn ihr Bruder wieder Zuhause war, gefiel ihr nicht. Jetzt musste sie mich mit ihm wieder teilen. Oder auch ihm gegenüber zurückstecken. Denn je nachdem in welcher Verfassung Maxim aus dem Kindergarten nach Hause kam, brauchte er und forderte er meine volle Aufmerksamkeit. Insofern musste ich nicht tiefenpsychologisch lange nachforschen, bis mir klar wurde, dass Nadeschda einfach eifersüchtig war. In diesem Moment der inneren Ruhe und Nähe zu meiner Tochter nahm ich auch dies als ein gutes Zeichen. Nadeschdas Eifersucht war Ausdruck ihrer engen Beziehung zu ihrem Bruder und auch zu mir als ihre Mutter, die sie nicht gerne teilen wollte.

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22. Dezember – Kindersorgen

Nach dem Mittagessen wurde die Mittagspause zu einer Herausforderung, die uns wahrscheinlich die nächsten Wochen begleiten wird. Beim Einschlafen spielt Nadeschda mit ihrem Schnuller. Solange, bis dieser dabei kaputt geht. DER Schnuller hat nun nach etwas mehr als vier Monaten endgültig den Geist aufgegeben und verabschiedet sich in zwei Teilen. Ich hatte mich nach acht Wochen einmal gewundert, dass dieser russische Schnuller überhaupt so lange hielt. Doch heute hat der Sauger Nadeschdas Härtetest nicht mehr bestanden. Der Schnuller, den wir in einem letzten achtsamen Moment von Nadeschdas Erzieherin im russischen Kinderheim vor unserer Abfahrt erhalten hatten, ist nun irreparabel kaputt. Nadeschda ist sehr unglücklich und traurig. Einen anderen Schnuller will sie nicht nehmen. Richard hatte Tage damit zugebracht, im Internet nach alternativen Schnullern zu suchen, die dem russischen in Form und Art entsprechen. Auch als er fündig wurde und hier Zuhause eine breite Palette an vergleichbaren Schnullermodellen Einzug hielt, war Nadeschda nie dazu zubewegen gewesen, auch nur einen von ihnen auszuprobieren. Selbst im Tiefschlaf merkte sie den Unterschied und spukte immer wieder die anderen Schnuller mit schlafender Verachtung aus. Auch heute nimmt sie keinen der anderen Schnuller. Es braucht lange bis sie einschläft und dann wacht sie auch immer wieder weinend auf. Irgendwann übermannt sie dann doch der Schlaf. Sie ruht für eine Weile, ohne Schnuller.

Bei Maxim kommt etwas in Bewegung. Sei es ausgelöst durch den Besuch bei der Frühförderstelle, sei es durch die nun zunehmende Zeit, die ich mit ihm alleine verbringe. Was es ist, kann ich noch nicht greifen. Bisher nehme ich nur vorsichtige Veränderungen an ihm wahr. So wie heute Nachmittag. Beide Kinder brauchten neue Schlafanzüge.

Silhouette of Mother Lovingly Kissing Little Child at Sunset

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Im Geschäft sucht sich Maxim ausgerechnet zwei Babyschlafanzüge aus, einteilige Strampelanzüge mit angenähten Füssen. Und auch einen Schlafsack, wie Nadeschda möchte er gerne haben. Ich gebe seinen Wünschen nach. Will er es einfach Nadeschda gleich tun? Ist das seine Art, sein Bedürfnis an mehr Zuneigung zu äußern? Oder wächst in ihm der Wunsch, noch einmal Baby zu sein?

Am Abend erleben wir dann eine zunächst aufreibende Szenerie. Während ich nach dem Abendessen die Küche aufräume, toben beide Kinder im Wohnzimmer auf dem Sofa herum. Plötzlich scheint Maxim vom Sofa auf seine Kopf gefallen zu sein. Ich höre nur einen dumpfen Schlag, dann sein leises Weinen, während ich ins Wohnzimmer stürze. Ich nehme Maxim in den Arm und will ihn trösten. Doch auf einmal schockt und krampft er in meinem Arm. Er wird von einem Moment auf den anderen stock steif und ist nicht mehr ansprechbar. In Panik rufe ich nach Richard. Bei dem herbeigeeilten Richard löst sich nach ca. 30-60 Sekunden der Krampf und Maxim fängt bitterlich an zu weinen. Es ist kein Weinen vor Schmerzen, sondern irgendetwas anderes scheint sich tief in seinem Inneren zu lösen und in diesem Moment aus ihm herauszubrechen. Nach einer guten Viertelstunde beruhigt sich Maxim wieder, doch er wirkt blas und steht etwas neben sich. Zum ersten Mal seit einer langen Zeit, will er ganz bewusst wieder zu mir in den Arm. Er sucht meine Nähe. Das ist für unseren sehr autonomen Sohn, der Körperkontakt nur in Ausnahmefällen zulässt, bemerkenswert. Ja, im Alltag sucht er unsere Aufmerksamkeit, aber selten körperliche Zuneigung. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte er Angst vor zu viel Nähe. Er will sich nicht verletzbar zeigen, und auf keinen Fall sich als offensichtlich hilfs- und zuneigungsbedürftig zu erkennen geben. Doch in diesem Moment gewinnt in Maxim das Bedürfnis, einfach nur gehalten zu werden. So wickle ich ihn in eine Decke und gehe mit ihm ein paar Minuten raus an die frische Luft. Wir sitzen eng aneinander gekuschelt draußen und schauen uns den Mond und die Sterne am Himmel an. Auf einmal ist da dann doch so viel Nähe zwischen uns. Wie ein trockener Schwamm saugt Maxim meine Zuneigung auf und genießt unsere Zweisamkeit. Langsam normalisiert sich Maxims Zustand, er lacht bei dem Anblick von Mond und Sternen, bleibt aber sehr anhänglich. Dennoch lässt er sich später von Richard ins Bett bringen. Beide Kinder schlafen schnell ein. Doch in der Nacht ist Nadeschda zweimal wach. Sie trauert um ihren Schnuller.

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13. November – Maxims Sprachlosigkeit

Maxim spricht immer noch nicht. Inzwischen haben wir uns im Alltag damit überraschend gut arrangiert. Er ist Meister der non-verbalen Kommunikation und hat es mittlerweile perfektioniert uns wissen zu lassen, was er gerade braucht oder will. Genauso verstehen wir seine wortlose Kommunikation mit jedem Tage besser. Vielleicht ist es ein Fehler, sich auf seine Sprachlosigkeit einzulassen und damit einen Umgang zu finden. Denn so schwindet für Maxim der Anreiz, überhaupt einmal an den Punkt zu kommen zu sprechen. Es besteht für ihn kaum eine Notwendigkeit sich anders als mit Mimik und Gestik auszudrücken, wenn er merkt, dass wir jeden Tag besser mit seiner Sprachlosigkeit umgehen können und dieser Zustand für uns immer mehr zu einem Stück Normalität wird. Auf der anderen Seite wissen wir, dass es für ihn genügend andere emotionale Herausforderungen und Anpassungsaufgaben gibt, die sein Sprechen lernen auf seiner Prioritätenliste nach unten schieben. Dennoch, in seinem non-verbalen Mitteilungsdrang spüren wir genauso, dass Maxim ein immer stärkeres Bedürfnis hat, sich auch anders auszudrücken. Denn gerade in Situationen, in denen wir ihn nicht sofort verstehen, spüren wir die Frustration in ihm aufsteigen, die sich in unkontrollierten Wutausbrüchen entlädt. Danach wird sein Blick starr und leer, seine ganze Körperhaltung hölzern und steif. In den vergangenen Tagen, seitdem Maxim nun den Kindergarten besucht, haben sich diese Situationen gehäuft. Es brodelt in ihm, und dennoch kann er seinem inneren Chaos keinen Ausdruck verleihen. Er kann sich nicht mitteilen, weder ohne Worte geschweige denn mit. Sein innerer Druck kann sich kaum entladen und wird für ihn zuweilen unerträglich. Der einzige Weg, ihm im Moment zu helfen, ist viel, sehr viel Bewegung. Unser therapeutisches Spazierengehen steht wieder täglich auf der Agenda. Dank Laufrad oder Roller und Kinderwagen laufen wir viele, viele Kilometer jeden Tag, egal wie gut oder schlecht das Wetter ist. Wenn ich meinen Sohn dabei beobachte oder sehe, wie mutig er inzwischen auf dem Spielplatz turnt und klettert, dann kommt es mir vor, als würde er versuchen, seine Sprachlosigkeit durch außergewöhnliche motorische Fortschritte zu kompensieren. Ich frage mich jedoch, wie lange das noch so gut geht. Noch können wir seine Frustration, sich nicht mitteilen zu können auf diese Art und Weise auffangen. Doch er wird auch im Kindergarten langfristig nicht mit seinem beharrlichen Schweigen durchkommen. Damit steigt das Potenzial von zusätzlichem Druck und Stress für ihn, der sich irgendwie entladen muss. Mit der oberflächlichen Erleichterung, mich nun vormittags für drei Stunden nur um ein Kind kümmern zu müssen, bahnen sich gleichzeitig neue Herausforderungen an, die den gewonnenen Freiraum mehr als aufwiegen.

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11. November – Nadeschdas Biopsie

Mit jeder neuen Erfahrung wird man gelassener. Vermeintlich. Manchmal zumindest. Und ich spüre, wie ich immer dann, wenn ich unter Druck gerate und die Anspannung nahezu unerträglich wird, in meinen Organisationsmodus verfalle. Dies scheint meine Überlebensstrategie zu sein. Sie war es auch, die mir durch die zurückliegenden 24 Stunden geholfen hat. Jetzt, da ich abends hier Zuhause wieder sitze und schreibe, merke ich, dass auf die weichende Anspannung die totale Erschöpfung folgt. Ich bin müde und erschlagen, kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Aber nun gut, morgen ist ein neuer Tag und vielleicht kehrt etwas Energie nach einer ruhigen Nacht zurück. – Seit heute mittag sind Nadeschda und ich aus dem Krankenhaus zurück. Gestern morgen fand ihre Biopsie statt. Zur Sicherheit blieben sie und ich für eine Nacht zur Beobachtung in der Kinderklinik. Oberflächlich betrachtet ist alles gut gelaufen, ohne Komplikationen. Doch unter der Oberfläche waren die vergangenen zwei Tage eine harte Geduldsprobe.

Ein Taxi brachte Nadeschda und mich gestern morgen in die Kinderklinik. Nach der Aufnahme auf der Station richtete ich Nadeschda und mich in unserem Zimmer häuslich ein. Stumm ließ sie alles geschehen. Wenn sie Angst hatte, dann zeigte sie es nicht. Denn weder weinte sie, noch klammerte sie sich an mich. Was sie für gewöhnlich tat, wenn ihr Situationen fremd und nicht geheuer waren. Danach zog ich sie für den Eingriff um und gab ihr das Beruhigungsmittel, das die Schwester mir gebracht hatte. Brav ließ sich Nadeschda in ihr Bett legen und dämmert schnell vor sich hin. Nur meine Hand hielt sie ganz fest. Selbst die Fahrt in ihrem Bett in den Behandlungsbereich bekam sie nicht mehr mit. Dort empfingen uns der Kinderarzt und der Anästhesist mit zwei Schwestern, die unmittelbar routiniert, professionell und zügig begannen, den Eingriff vorzubereiten. Es mutete fast nach Fließbandarbeit an. Nadeschda wurde auf den Behandlungstisch umgebettet, verkabelt, der Zugang gelegt und die Narkose verabreicht. Ich durfte in einer Ecke des Raums Platz nehmen und von dort beobachten. Ständig hatte ich das Gefühl, dass Nadeschda gleich wieder aufwachte, in die Augen des mit Mundschutz maskierten Kinderarztes entsetzt starren und laut anfangen würde zu brüllen. Doch sie war in eine andere Welt geschickt worden, in der sie von all dem, was man ihr nun durch den Mund einführte nichts mitbekam. Der Anblick der Untersuchung, meines schlafenden Kindes, mit der Mikrosonde in seinem Bauch und der kleinen Zange am Kopf des Endoskops, die sich zügig die Gewebeproben aus Nadeschdas Darm nahm, war für mich nur schwer zu ertragen.  Ich hatte ein Kratzen im Hals, ein Rumoren in der Bauchgegend und musste gegen ein immer wiederkehrendes Bedürfnis zu Würgen ankämpfen. Es schien, als würde ich mich an meiner Tochter statt innerlich gegen die Instrumente in ihrem Körper wehren. Als für mich der Moment des Unerträglichen gekommen war, und ich mich hart kontrollieren musste, nicht in die Untersuchung einzugreifen, zog der Kinderarzt das Endoskop wieder aus Nadeschdas Körper, kontrollierte die Monitore und erklärte die Biopsie für abgeschlossen. Einen ersten Befund würde er uns auf unserem Zimmer geben. Alle verließen den Raum, nur eine Schwester blieb bei uns und wartete mit mir, bis Nadeschda wieder aufwachte. Die Minuten schlichen dahin und schon machte sich erneute Sorge bei mir breit, diesmal, dass mein Kind nun gar nicht mehr aufwachen würde. Doch wenige Augenblicke später machte Nadeschda die Augen auf. Sie guckte mich ungläubig an, starrte im Behandlungsraum umher und begann verunsichert zu weinen, als sie den Zugang an ihrem Handgelenk entdeckte. Ich versuchte sie unbeholfen zu trösten, aber sie ließ sich wieder zurück in ihr Bett fallen, drehte sich um, und schlief jammernd wieder ein. Behutsam brachte die Schwester uns nach einer Weile zurück in unser Zimmer. Nadeschda schlief weiter einen unruhigen Schlaf. Ob dies die Nachwirkungen der Narkose waren? Ob es Schmerzen waren, die sie doch quälten? Ob es alte Erinnerungen an vorangegangene Krankenhausaufenthalte waren, die durch die Kinderklinik wieder wachgerufen worden waren? Oder lediglich die körperliche Erschöpfung von den Medikamenten? Ich saß in unserem Zimmer, beobachtete sorgenvoll meine schlafende Tochter und wartete, während mich die Angst umtrieb, wie sie den Eingriff nun überstanden hatte. Der Kinderarzt riss mich aus meinen Gedanken. Die Biopsie sei gut verlaufen, Schmerzen im Darm dürfte Nadeschda nicht haben, ihr unruhiger Schlaf sei nur die Nachwirkung der Narkose und der körperlichen Erschöpfung aus dem Eingriff. Dies sollte sich aber nach ein bis zwei Stunden legen. Viele Auffälligkeiten habe er in Nadeschdas Darm nicht gesehen. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass die Zöliakie noch nicht weit fortgeschritten und damit auch schnell in den Griff zu bekommen sei. Sollte sich Nadeschda nun in den nächsten Stunden von dem Eingriff erholen, dürften wir morgen wie geplant wieder nach Hause.

Nach gut zwei Stunden wachte Nadeschda auf. Immer noch guckte sie ungläubig im Zimmer umher. Der Zugang störte sie. Doch sie schien schnell zu verstehen, dass es zwecklos war, sich gegen ihn zu wehren, geschweige denn ihn selbstständig herauszuziehen. Bald ließ sie von ihm ab und schien sich ihm wie auch ihrem Schicksal mit mir in diesem Krankenhauszimmer zu ergeben. Zum Glück kamen bald Richard und Maxim zu Besuch. Und wir vier taten das, was wir immer in emotional angespannten Situationen taten: Spazierengehen. Wir zogen Nadeschda warm an, legten sie mit einer Decke in den Kinderwagen. Maxim hatte sein Laufrad dabei und so erkundeten wir die Umgebung um das Krankenhaus. Die frische Luft tat uns allen gut. Abends durfte Nadeschda wieder etwas essen und vor allem ihre Milch trinken. Fast glücklich und vor allem erschöpft schlief sie früh ein. Die Nacht verlief ruhig. Und nachdem Nadeschda wieder Stuhlgang und kein Fieber bekommen hatte, durften wir heute mittag zurück nach Hause. Der Termin für die Befundbesprechung würde in fünf Tagen stattfinden.