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#bestofElternblogs im September 2018

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Die liebe Anja von der Kellerbande  ruft jeden Monat dazu auf, den meist gelesenen Beitrag des vergangenen Monats zu benennen und zu teilen. Nach einem bewegenden Monat August, in dem ich auch ganz vielschichtige Themen veröffentlichen konnte, und mich ohnehin über ungeahnte und lange nicht dagewesene Zugriffszahlen freuen konnte, beteilige ich mich doch wieder sehr gerne an dieser wunderbaren Blogparade. Denn eigentlich hat mich das Ergebnis ein wenig überrascht – schon interessant, das ist oft so, dass ein Beitrag am meisten gelesen wird, von dem ich es gar nicht erwartet habe: Mein meist gelesener Beitrag war im August „Wie viel Berufstätigkeit vertragen (meine) Adoptivkinder?“, in dem ich einmal wieder darauf eingehen, wie sich überhaupt eine Berufstätigkeit mit dem Muttersein für zwei Adoptivkinder vereinbaren lässt, nämlich eigentlich gar nicht… Aber lest selbst!

Habt Dank für’s Lesen, Liken, Kommentieren und Schreiben….und genießt noch dieses so wunderbare Wochenende!

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Mehr als eine Beinprothese – Über die besonderen Bedürfnisse von Adoptivkindern

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Photo by Kelly Sikkema on unsplash.com

Vor einigen Monaten hatte Sherrie Eldridge wieder einmal einen bewegenden Beitrag auf ihrem Blog veröffentlicht: In „ BECOME YOUR ADOPTED/FOSTER CHILD’S CHEERLEADER IN ADOPTIONS’ OLYMPICS“  schildert sie, wie Adoptivkinder immer das Gefühl haben werden, anders zu sein und irgendwie eingeschränkt, als würde etwas fehlen. Das Bild der Beinprothese, die ihnen hilft, durchs Leben zu kommen, steht symbolisch für ein sicheres Netz aus fürsorglichen Eltern, Freunden, Familie, etc. Und sie schildert dann sehr ausführlich und hilfreich, welche besonderen Bedürfnisse Adoptivkinder haben und wie wir Eltern sie erfüllen können.

Ich habe lange über dieses Bild nachgedacht. Das Bild von Sherrie ist plakativ und ihr Beitrag hat wieder etwas bei mir bewegt. Ja, sie hat so Recht: Adoptivkinder sind Kinder mit besonderen Bedürfnissen aufgrund der Verluste, die sie erlitten haben. So ist das auch bei meinen Kindern. Beide sind auf ihre Art High-Need Kinder. Nach wie vor und immer noch. Auch heute noch brauchen sie so unendlich viel Fürsorge, können nach wie vor mit Veränderungen schlecht umgehen, Gefühlsausbrüche sind immer ein Stück intensiver, Grundbedürfnisse müssen sofort befriedigt werden, ansonsten scheint es, als hätten sie Angst um ihr Leben. (In ihrer Wahrnehmung ist das auch so, und damit ist es mehr als verständlich.) Sie brauchen eine besondere Begleitung in der Schule, wo nichts so alt ist, wie der Erfolg von gestern. Kann Maxim an einem Tag das große Einmaleins, ist nicht gegeben, dass er es am nächsten Tag noch vollständig erinnert. Kann Nadeschda an einem Tag nahezu flüssig einen Text lesen, bringt sie am nächsten Tag die Buchstaben nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge zusammen. Die Liste der Bedürfnisse erscheint manchmal unendlich…

Mir kommt es manchmal so vor, als würde eine „Beinprothese“ gar nicht ausreichen, um die emotionalen Bedürfnisse meiner Kinder zu erfüllen. Mir erscheint es, als würden sie trotz „Beinprothese“ immer wieder stolpern. Stolpern über die seelischen Verletzungen, die die Traumatisierung des Verlustes ihrer russischen Mutter und der Erfahrungen in ihren ersten Lebensjahren gerissen hat. In meinen Augen leben meine Kinder mit einem gebrochenen Herzen. Das wurde vielleicht gekittet. Aber der Bruch, die Narbe ist immer noch da. Manchmal setzt das Herz aus, oder es läuft nicht so wie es soll und dann passieren die Aussetzer….Da bricht bei dem einen Kind der Überlebensmodus durch, der sich mit der Traumatisierung bei ihm im tiefsten Inneren eingebrannt hat, und aus dem er nur schwer wieder herauskommt. Das andere Kind wird überrollt von unbeschreiblichen und tief schmerzenden Verlustängsten, die kaum auszuhalten sind. Da braucht es dann unermesslich viel Zuneigung und Liebe, noch mehr Verständnis, unendliche Ruhe, Gelassenheit und vor allem Geduld, die Wut und die Trauer und den Schmerz, die dann herausbrechen, auszuhalten, zu trösten, zu beruhigen. Meine Kinder saugen in diesen Momenten meine Fürsorge und Zuneigung auf wie ein trockener Schwamm. Ihr emotionales Loch, das die Traumatisierung gerissen hat, scheint manchmal wie ein Faß ohne Boden zu sein, in das nie ausreichend Liebe und Zuneigung hineinfließen können. Und immer noch und immer wieder gibt es Momente, in denen ich mich frage, ob es wirklich irgendetwas gibt, was meinen Kindern hilft, mit dieser Wunde und bleibenden Narbe zu leben. Wird es irgendwann einen Zeitpunkt geben, an dem sie mit ihrer Geschichte und mit den daraus gebliebenen Narben umgehen können?

Vielleicht kommt das erst mit einem zunehmenden Alter, wenn Maxim und Nadeschda größer werden. Bei Nadeschda ist es immer noch eine diffuse Wut, die immer wieder hochkommt, oder die Trauer um ihre verlorene Kindheit und Babysein. Doch sie ist noch zu klein, um ein Bewusstsein für ihre Emotionen zu haben. Dennoch beginnt auch sie zu merken und zu erkennen, dass sie manchmal anders ist. So fragte sie mich neulich: „Warum müssen die anderen Kinder nicht so viel für die Schule üben?“, um dann fortzufahren: „Ja, wenn wir das Zuhause üben, dann kann ich das schon, und dann fällt es mir in der Schule leichter.“ Auch bei Maxim zeigt sich eine spannende Entwicklung: So wie Sherrie es beschreibt, kommen auch bei ihm mit zunehmendem Alter die Emotionen, aber diesmal bewusst. Er weiß und spürt nun, dass er traurig ist und um sein Herkunftsland trauert. Er kann das benennen. Dann können wir damit arbeiten, darüber sprechen. So wie wir viel über Russland lesen und Bildbände anschauen, eine Reise planen. Während Maxim’s Klassenlehrerin erst kürzlich zu mir sagte, wie gut sich Maxim entwickelt hat und wie gut doch beide Kinder hier angekommen sind, um so mehr spüre ich, dass es eben alles nicht normal ist. Im Gegenteil, je älter meine Kinder werden, um so mehr erleben sie bewusst und spüren, dass sie anders sind. Was sie bisher als diffusen Schmerz, Wut und Trauer erlebt haben, bekommt für sie langsam ein Gesicht und einen Namen. So verändern sich auch ihre Bedürfnisse, bzw. nein, die Urbedürfnisse als High-Need Kinder bleiben. Nach wie vor brauchen sie unumstößliche Sicherheit und eine klare Struktur, unabdingbare Verlässlichkeit, bedingungslose Liebe, Geduld, Fürsorge und ein stetiges Überbehütet sein. Doch hinzukommen nun viele der von Sherrie adressierten besonderen Bedürfnisse im Umgang mit der Geschichte ihrer Adoption.

Wohlmöglich ist am wichtigsten die Erkenntnis, dass vor allem für meine Kinder ihre Adoption ein lebenslanger Weg ist. Ihre Adoption ist eben nicht ein „Projekt“, das irgendwann abgeschlossen ist. Es ist kein Thema, das irgendwann abschließend behandelt ist. Es ist eine Lebensreise, auf der ich meine Kinder ein großes Stück begleite und so für sie da bin und ihre Bedürfnisse versuche zu erfüllen, dass sie irgendwann in der Lage sind, mit den Narben ihrer frühkindlichen Verletzungen auch alleine leben zu können.

Oder, um auch wiederum mit Sherrie’s Worten zu sprechen: Gerade weil Adoption eine Lebensreise ist, ist es ein Weg voll Hoffnung und Zuversicht, den Schmerz, die Trauer und die Wut ganz gewiss irgendwann einmal hinter sich zu lassen.

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Hasst mich mein Adoptivkind? Warum es ihm so schwer fällt, Liebe zu zeigen…

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Vor einiger Zeit hat Sherrie Eldridge den erneut bewegenden Post „Why does my adopted child hate me?“ veröffentlicht. Er knüpft ein wenig an meine gelegentlichen Zweifel als Adoptivmutter an und hat mich in den vergangenen Wochen immer wieder beschäftigt, auch wenn er mich jetzt noch einmal zu einer bewussten Erkenntnis gebracht hat.

Wenn ich Maxim von der Schule abholte, oder ich nach einem Tag Arbeit nach Hause kam, so wünschte ich mir doch immer wieder insgeheim, dass mein Sohn mir freudestrahlend in die Arme lief und mich umarmte. – Lange, lange hat er das nicht getan und meine Hoffnungen blieben unerfüllt. Inzwischen zeichnet sich da allerdings eine Entwicklung ab. – Stattdessen wurde ich mit Gleichgültigkeit oder manchmal auch Ablehnung empfangen. Wenn Zuhause seine Wut hochkochte, wurde ich zuweilen auf das Übelste beschimpft, getreten, geschlagen. Oder es fiel auch der Satz: „Du bist nicht meine Mama!“ Ich weiß nach all den Jahren, dass ich die Projektionsfläche für die Wut und die Trauer über seine frühkindlichen Verletzungen, die unermesslich gewesen sein müssen, bin. Meistens kann ich mit dieser Wut umgehen. Ich nehme Maxim’s Angriffe nicht mehr persönlich, auch wenn es mir lange schwer fiel. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass er nicht mich direkt meint.

Dennoch gibt es noch heute Momente, in denen ich seine Ablehnung und Abneigung nur schwer ertragen kann. Das sind die Augenblicke, in denen ich mich frage: „Bin ich gut genug?“ Bin ich gut genug als Adoptivmutter für meine Kinder? Würden sie vielleicht eine andere Mutter weniger ablehnen? Auch dann kommen die Zweifel, ob all das, was ich für meine Kinder tue und empfinde, ausreicht. So ausreicht, dass sie mich lieben lernen können.

Auf der anderen Seite weiß ich, dass die fehlende Fähigkeit, Zuneigung zu zeigen und eher die Wut, Aggression und Trauer herauszulassen, aus dem tiefen Gefühl des Verlassenwordenseins resultiert. So wie Sherrie es schreibt. Und das genau deshalb, weil ich als Adoptivmutter eben jetzt da bin und immer für meine Kinder sorge, sie liebe und so annehme wie sie sind, genau deswegen bin ich die Zielscheibe ihrer Wut und ihrer Ablehnung. „Wenn Ihr Adoptivkind Sie schlägt, dann ist es richtig bei Ihnen angekommen.“ sagte einmal unsere Jugendamtsbetreuerin zu uns. Wie Recht sie hatte. Denn im Grunde, so absurd das vielleicht erscheinen mag, ist dies das Zeichen, dass das Adoptivkind sich sicher genug fühlt, seine tiefen Gefühle zu zeigen und herauszulassen.

Mit Blick auf Maxim weiß ich aber auch, dass sein Verhalten immer noch auch ein Ausfluss seiner Bindungsstörung ist. Wenn ich der Literatur folge, so könnte er als „unsicher vermeidend gebunden“ gelten. Diese Kinder reagieren in einer Trennungssituation kaum und spielen einfach bei Betreten des Raums durch die Bezugsperson weiter. Auch bei der Wiedervereinigung vermeiden sie den Kontakt mit der Bezugsperson. In der Literatur heißt es dazu, dass diese Kinder ein Bindungsverhalten minimieren, da dieses in der Vergangenheit nicht den gewünschten Erfolg brachte. Denn bei Furcht, Kummer, Erschöpfung oder Unsicherheit war die Bindungsperson nicht verfügbar. Maxim hat dies mit Sicherheit so erfahren in seiner Ursprungsfamilie und vor allem auch im Kinderheim.

Erst jetzt nach Jahren als Familie, nach Jahren des immer auf Gedeih und Verderb verlässlich Daseins, nach Jahren der Fürsorge, nach Jahren in einer sicheren, geborgenen und stabilen Umgebung und auch nach Jahren mit therapeutischer Unterstützung spüre ich, dass Maxim langsam heilt. Ich fühle, dass er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann, dass ich immer für ihn da bin, dass er bei mir sicher ist. Nach all der Zeit beginnt er sich an mich zu binden ohne Wenn und Aber. Heute kommt er mir auf dem Schulhof freudig entgegen gerannt, heute zeigt und sagt er, wenn er mich braucht. Heute überschüttet er mich zuweilen mit großen Zuneigungsbekundungen. Heute schiebe ich meine Zweifel bei Seite, denn immer mehr lerne auch ich: Ja, ich bin gut genug als Maxim’s Adoptivmutter und alles ist gut so wie es ist.

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Vom Umgang mit der Anstrengungsverweigerung (3) – Zu den Ursachen

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Danke an unsplash.com

Die „Anstrengungsverweigerung“ meiner Kinder geistert immer noch in meinem Kopf herum, auch wenn wir damit inzwischen einen guten Umgang gefunden haben und Maxim und Nadeschda in vielfältiger Weise auf einem Weg der Heilung sind. So habe ich mich in den vergangenen Tagen noch einmal mit den Ursachen und Wegen des Umgangs beschäftigt, die bei mir an der ein oder anderen Stelle zu kleinen Lichtblicken und Erkenntnissen geführt haben.

Doch zunächst an dieser Stelle noch einmal ein paar Worte zu den Ursachen der „Anstrengungsverweigerung“ bei Adoptivkindern. Nach Bettina Bonus gibt es eine Mischung an Entwicklungen und Erfahrungen, die zu einer Anstrengungsverweigerung führen, die mir bei genauerer Betrachtung mehr als einleuchtend sind. Würde ich durch diese schmerzliche Erfahrungen gehen müssen, durch die meine Kinder – so wie viele Adoptivkinder – gegangen sind, dann fehlte auch mir die Lebenskraft.

Die qua Natur mitgebrachten Fähigkeiten und die Lebenskraft werden früh geschwächt: Alle Kinder kommen mit dem ungebrochenen Willen auf die Welt, mutig ihr Umfeld zu erkunden, aus sich selbst heraus zu lernen und zu erfahren. Geschützt werden sie, nachdem sie den Mutterleib verlassen haben, immer noch durch die Enge Bindung an die Mutter, werden sie doch von ihr versorgt, getragen, umsorgt und in engem Körperkontakt ständig schützend umgeben. Fällt die schützende Hülle der Mutter (entweder durch frühe Trennung oder weil sie nicht dazu in der Lage ist) weg und kommen dann noch Umstände hinzu wie Hunger, Schmerz, Angst, Ablehnung, Armut, Mangel, wird zum einen die Lebenskraft eines Kindes schon in frühem Stadium geschwächt und der dem Kind innewohnende Mut, die Welt zur erkunden schwindet dramatisch. Macht das Kind nur schmerzliche Erfahrungen in seinem natürlichen Drang, die Welt zu erforschen und zu erkunden, wird es bald nur noch mit Vorsicht und Zweifeln seine Umwelt erkunden wollen.

Der Wille, in die Welt einzugreifen wird geschwächt: Das ist einfach zu verstehen, wenn wir uns vor Augen führen, dass viele Adoptivkinder nicht nur einmal, sondern häufig die Erfahrung gemacht, als kleines hilfloses Baby Hunger verspürt haben, geschrieben haben und keiner kam, um den Hunger zu stillen. Vor allem wenn sie in einer von Armut und Mangel geprägten Umwelt lebten. Fast automatisch bekommen diese Kinder das Gefühl, das ihr Eingreifen in die Welt, das Schreien, keinen Sinn hat. Sie verlieren ihren Antrieb und ihre Energie, dass sie in dieser Welt etwas bewegen können.

Das Trauma an sich schwächt:

  • Die allgegenwärtige Bedrohung überleben: Wird die traumatische Erfahrung nicht bis in die Tiefen des Unterbewusstseins abgespalten, so bleibt bei den Kindern ein Gefühl der permanenten Bedrohung zurück. In jeder Situation könnten sie wieder diese schmerzliche und verletzende Erfahrung machen. So sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft, da sie ständig damit rechnen, wieder verletzt zu werden. Sie sind ständig in Habachtstellung, um einer vermeidlich neuen Gefahr begegnen zu können und sich zu schützen. Sie haben permanent das Gefühl, all ihre Kräfte mobilisieren zu müssen, um die Gefahr für ihr Leben bannen zu müssen. Alltägliche Situationen wie das Händewaschen können allein schon so ein Gefühl triggern. Aus dem Nichts heraus tobt dann das Adoptivkind, so wie wir es bei Maxim so oft erlebt haben. Er empfand in diesen Momenten eine lebensgefährliche Bedrohung und tat das, was wir alle in solch einem Moment tun würden: Kämpfen. Und zwar um sein Überleben.
  • Die Kräfteraubende Verdrängung des Erlebten: Für viele Kinder ist das erlebte Trauma – und allein die Trennung von der leiblichen Mutter ist eine traumatische Erfahrung – so schmerzhaft, dass sie es in die Tiefen ihres Unterbewusstseins verdrängen. Doch meist strebt das Trauma immer wieder an die Oberfläche des Bewusstsein, um dort vielleicht aufgelöst zu werden. Dieses Gefühl ist so Angsteinflößend, dass diese Kinder alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das traumatische Erlebnis zurück in das Unterbewusste zu verbannen. Viele der Kinder mit traumatischen Erlebnissen dissoziieren daher immer wieder in Situationen, die sie an das traumatische Erlebnis erinnern. Es ist als würden sie aus ihrem Körper aussteigen. Maxim tat dies zum Beispiel in der Schule immer dann, wenn es im Unterricht  zu laut war und seine Lehrerin anfing, in all dem Chaos – was eine unheimliche Geräuschkulisse bei über 30 Kindern mit sich brachte – herumzubrüllen. An was ihn das konkret erinnerte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kann nur vermuten, ob es eine chaotische Situation in seiner leiblichen Familie war, wenn sich seine Eltern stritten oder Situationen im Kinderheim, wenn nicht genügend Erzieherinnen da waren, um alle Kinder entsprechend zu versorgen. Maxim zog sich dann in sein tiefstes Inneres zurück und bekam nichts mehr von der Außenwelt mit. Einmal beobachtete ich so eine Situation in seiner Klasse. Maxims Klassenkameraden gingen über Tische und Bänke. Die Lehrerin versuchte verzweifelt, Ruhe in die Klasse zu bringen. Mein Sohn saß auf seinem Platz, drehte versonnen ein Schneeglöckchen in der Hand und schaute verträumt ins Leere. In diesem Moment war er ganz weit weg und ganz wo anders. Von dem Chaos in der Klasse bekam er nichts mit.
  • Die Angst, auf der Welt nicht erwünscht zu sein: Eine Adoptivmutter erzählte mir einmal, dass in dem südamerikanischen Land, aus dem ihre Tochter kam, man von Adoptivkindern als den hijos abandonados sprach, den weggegebenen Kindern. Und ja, so viele Gründe es gibt, der leiblichen Mutter wohlwollend gegenüber zustehen, eins bleibt: Die meisten Adoptivkinder wurden weggeben, wenn auch vielleicht im Glauben auf ein besseres Leben. Oder sie wurden der leiblichen Mutter entzogen, und auch wenn dies in besten Gedanken passierte, so bleibt, dass sie sich nicht gut um ihr Kind kümmern konnte. Aus der Perspektive des Kindes bleibt das Gefühl: Ich war nicht gut genug, dass meine Mutter um mich kämpfen wollte. Ich war nicht erwünscht. Das bleibt und das lässt sich auch mit noch so vielen positiven Absichten nicht wegreden.
  • Die Angst, erneut ohnmächtig zu sein: Allein durch die Trennung von der leiblichen Mutter haben Adoptivkinder früh eine völlige Ohnmacht erfahren. Man hat ihnen alles genommen, was sie ausmacht, und sie konnten sich nicht dagegen wehren. Diese Ohnmacht wollen sie nie wieder erleben. Sie wollen Macht und Kontrolle um jeden Preis in ihrem Leben erhalten. Diese spüren sie, wenn immer genau das eintritt und die Menschen in ihrem Umfeld genau so reagieren, wie sie es vorher bestimmt haben. Am ehesten vorhersehbar sind für diese Kinder Reaktionen auf negatives Verhalten. Adoptivkinder spüren und wissen genau, was sie tun müssen, damit die Eltern unter die Decke gehen. Erleben sie diese Reaktion, dann fühlen sie sich sicher und glauben alles unter Kontrolle zu haben. Sie tun dies nie aus einer bösartigen Absicht heraus, sondern aus einer inneren Notwendigkeit, in ihrem kleine Seelenleben Ordnung und Kontrolle zu haben und keine Ohnmacht zu fühlen. Für Kinder mit Tendenzen zur Anstrengungsverweigerung ist dieses Verhalten zudem praktisch, denn über den Wutausbruch des Elternteils wird meist die ursprünglich eingeforderte anstrengende Tätigkeit vergessen. Es kann sich so der Anstrengung entziehen. Auch Maxim und Nadeschda zeigen noch heute solche Tendenzen. Beide haben ihre Muster, mit denen sie versuchen mich in für sie anstrengenden Situationen in den Wahnsinn zu treiben. Inzwischen habe ich diese durchschaut und versuche – nicht immer gelingt mir das – diese Verhaltensmuster zu ignorieren und einfach stur bei der Sache zu bleiben. „Nadeschda, du kannst jetzt auf dem Blatt rumkritzeln, aber wir malen danach noch ein schönes Bild. Du kannst entscheiden, wie lange wir dafür brauchen. Du darfst gerne erst Theater machen, aber dann malen wir. Oder wir malen jetzt gleich. Aber wir malen auf jeden Fall.“ Meistens gelingt mir das inzwischen, doch auch nach Jahren gibt es immer wieder Momente, wo mir dann doch die Hutschnur platzt.

Selbst wenn all diese genannten Ursachen einer „Anstrengungsverweigerung“ auf meine Kinder in der ein oder anderen Form zutreffen, so weiß ich nach all den Jahren mit Maxim und Nadeschda, dass sie sich immer weiter aus diesem Teufelskreis heraus befreien und auf einem wunderbaren Weg der Heilung sind. Das erfordert als Adoptivmutter viel enge Begleitung, unheimlich viel Struktur und sicherer verlässliche Fürsorge. Aber jeder noch so kleine Fortschritt, den Maxim und Nadeschda machen, zeigt mir, wie wertvoll dieser oft so frustrierende und kräftezehrende Weg ist. Vor allem aber sehe ich eines: Meine Kinder sind großartig und haben so unglaublich viele Ressourcen der inneren Kraft und Heilung in sich mobilisieren können, trotz aller Verletzungen, seelischer Wunden und frühen Traumatisierung.

Wer mehr zum Thema der Anstrengungsverweigerung erfahren will, findet hier  alle Hinweise zu dem entsprechenden Buch „Mit den Augen eines Kindes sehen lernen. Band 2 Die Anstrengungsverweigerung“ von Bettina Bonus.