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Das Wachsen einer bedingungslosen Liebe – Gedanken einer Adoptivmutter

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Die Geburt meiner Kinder war eine andere. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen. Vielmehr ließ mich das Schicksal ihre Mutter werden und unsere Liebe anders wachsen.

Maxim und Nadeschda waren ungefähr ein Jahr bei uns, als Richard mich eines Abends fragte: „Liebst Du unsere Kinder?“ Nachdenklich antworte ich: „Ja, so langsam.“ Hinter uns lag zu diesem Zeitpunkt ein wunderschönes, aber genauso aufreibendes Jahr, in dem wir nach einer abenteuerlichen Adoption in Russland Eltern von zwei Kindern geworden waren. Es war ein Jahr, in dem ich immer wieder und wieder mit meiner Mutterrolle gehadert hatte , ständig das Gefühl hatte, nicht „gut genug zu sein“.

Folgen meiner eigenen Kindheit

Ich selbst habe in meiner eigeneren Kindheit keine bedingungslose Liebe erfahren. Nur wenn ich die von mir erwartete Leistung brachte, bekam ich die positive Aufmerksamkeit meiner Eltern. Doch oft war selbst diese Leistung nicht gut genug. Liebe und Empathie fanden in meinem eigenen Elternhaus nicht statt. Heute weiss ich, dass meine biologischen Eltern dazu nicht in der Lage waren, da sie selbst diese Liebe als Kinder nie erfahren hatten. Wie sollten sie dann ihre eigenen Kinder lieben? Alles war ausgerichtet an gesellschaftlichen Konventionen. Gefühle wurden wenn dann nur negative gezeigt. Erst als ich in die USA ging, erfuhr ich, was es heißt, geliebt zu werden für das was man ist und nicht für das was man tut. Doch da war ich bereits fast eine erwachsene Frau. Lange habe ich selbst an mir gezweifelt, ob ich in der Lage bin, Kinder nach meinen eigenen Maßstäben und Wertvorstellungen großzuziehen. Ich wollte dem Rollenmodell meiner Kindheit nicht folgen. Lange wollte ich keine Kinder haben. Als ich mir es doch zutraute, mich dieser Lebensaufgabe zu stellen, war es zu spät. Mein Körper wollte keine leiblichen Kinder mehr austragen.

Alles sollte so sein….

Heute denke ich, es hat alles so sollen sein. Denn ohne die Adoption hätte ich mich nie so intensiv mit der Aufgabe und Rolle einer Mutter auseinandergesetzt. Ohne die Annahme von Maxim und Nadeschda, die bis heute unsere ungeteilte Aufmerksamkeit brauchen, hätte ich nicht so mit meiner Rolle als Mutter gehadert und gerungen. Bin ich gut genug? Bin ich die Mutter, die meine Kinder verdient haben? Ist all das, was wir für Maxim und Nadeschda tun, ausreichend? Habe ich genügend Geduld, diese zwei Kinder durch das Leben zu begleiten. Reicht meine Liebe aus, sie zu halten und auszuhalten? Bis heute ist die Entwicklung meiner Kinder selten „normal“. Sie werden immer ein „Mehr“ brauchen. Mehr Halt, mehr Sicherheit, mehr Verlässlichkeit, mehr Fürsorge, mehr Zuneigung. Oft sind sie ein „Fass ohne Boden“, deren Bedürfnisse nach Nähe und Sicherheit nie gestillt zu werden scheinen. All das kann ich ihnen aber nur geben – und wenn ich dafür immer wieder über meine eigenen Grenzen und Kraftressourcen hinausgehen muss -, weil ich diese beiden, meine beiden Kinder bedingungslos liebe. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen, wo vielleicht eine bedingungslose Mutterliebe automatisch entsteht. Als wir Maxim und Nadeschda im Kinderheim zum ersten Mal begegneten, stellte sich auch nicht die viel romantisierte „Liebe auf den ersten Blick“ ein. Meine Liebe für diese zwei Kinder wuchs erst im Laufe unseres gemeinsamen Lebens. Je mehr ich in meiner Rolle als Mutter ankam, um so mehr liebte ich meine Kinder. Je mehr ich mich überzeugte, dass ich gut genug bin als ihre Mutter, um so mehr gedieh die bedingungslose Liebe zwischen uns. Je mehr ich unser „anderes“ Leben als Adoptivfamilie akzeptierte, um so freier wurde die Liebe zu meinen Kindern.

Dankbarkeit

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke und innehalte, so breitet sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit aus, Dankbarkeit für meine Kinder und für all das, was ich bisher durch sie und mit ihnen habe lernen dürfen. Den Wahnsinn unseres Familienalltags zu ertragen und lieben zu lernen; die Verantwortung, zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen auf ihrem Weg groß zu werden zu führen und zu begleiten; meinen Kindern die Nähe und das Verständnis zugeben, die sie brauchen, manchmal bis zur eigenen emotionalen Selbstaufgabe; als Paar und als Familie zusammenzuhalten, wenn das Umfeld einen alleine lässt; zum Experten zu werden, wenn es um die richtige medizinische oder therapeutische Behandlung der eigenen Kinder geht; Vorurteile zu überwinden, um die bestmögliche Begleitung und Förderung für Maxim und Nadeschda zu finden; das Bewusstsein und das Selbstvertrauen zu haben, allein zu wissen, was meinen Kindern gut tut. Nach all den Jahren spüre ich, dass ich in meiner Rolle und Aufgabe als Mutter – als Adoptivmutter – angekommen bin. Ja, ich bin gut genug. Maxim und Nadeschda den Himmel zu geben, nach dem sie sich strecken, ist meine Lebensaufgabe. Ich habe diese Bestimmung angenommen. Heute habe ich das Gefühl, dass ich dieser Herausforderung gerecht werden kann. Demütig danke ich dem Schicksal, das mir diese zwei Kinder anvertraut hat. Denn sie geben meinem Leben einen wahren Sinn.

Meine Kinder nehmen mich als ihre Mutter an…

Doch nicht nur geben Maxim und Nadeschda meinem Leben einen Sinn, mehr noch haben sie mich die Fähigkeit bedingungslos zu lieben gelehrt. Für diese Kinder da zu sein, für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag. Sie so anzunehmen, wie sie sind. Einfach das Herz aufgehen zu lassen, wenn ich an sie denke, sie betrachte oder mit ihnen bin. Ja, es ist ein großes Geschenk, die Mutter dieser zwei Kinder zu sein. Maxim und Nadeschda haben mich als ihre Mutter genauso angenommen, bedingungslos. Und dass obwohl sie allen Grund gehabt hätten, mich auf den „Prüfstand“ zu stellen. Sie waren tief verletzt und enttäuscht worden. Und nun kam ich und behauptete, es besser machen zu können. Sie waren zu klein, um zu widersprechen. Sie mussten sich in ihr Schicksal fügen, ob sie wollten oder nicht. Auch wenn sie bis heute nicht direkt gesagt haben: “Mama, ich hab dich lieb.“, so zeigen sie ihre ungeschminkte Liebe auf so viele unterschiedliche Arten. Der Arm, der sich fest um mich legt, mich festhält und der Kindermund sagt: „Meine Mami ganz alleine.“, die stürmische Begrüßung auf dem Schulhof, die Bemerkung zu einem Freund „Meine Mama kann alles.“, die Tränen, wenn ich in die Akademie fahre, oder die Feststellung „Beim nächsten Bauernhofwochenende musst Du aber mitfahren. Ohne dich ist es doof.“ und das gepflückte Blümchen auf dem Nachhauseweg, genauso wie die Beruhigung nach einem mißglückten Kuchen „Ist doch nicht schlimm, Mama, er schmeckt doch immer bei Dir.“ Wie kein anderer werden sie nicht müde, mir jeden Tag wieder zu sagen: „Mama, du bist gut genug. Und noch viel mehr als das.“

P.S. Lieben Dank an Katja von homeiswheretheboysare für ihren Beitrag zu „Bedingungslos lieben“, der mich zu diesem Post inspiriert hat.

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Herkunft und Heimat (2) – Vom Umgang meiner Kinder mit ihrer Herkunft

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Mit freundlicher Unterstützung von pixabay

Neulich stand Nadeschda vor der großen Weltkarte im Spielzimmer. Geschäftig ordnete sie die Flaggen zu einzelnen Ländern zu, die sie schon mit uns bereist hatte. Nach der schweizer, deutschen, französischen und amerikanischen Flagge hielt sie inne und fragte mich: „Und, Mama, welche Fahne ist noch wichtig?“ Ich antwortete: “Russland vielleicht? Denn da bist Du ja geboren.“ Vehement entgegnete daraufhin meine Tochter: „Nee, Mama, nee! Ich bin in Amerika geboren. Und da, da konnten sie sich um mich als Baby nicht kümmern und dann bin ich zu meiner deutschen Mama gekommen.“ „Und wer ist Deine deutsche Mama?“ Nadeschda guckt mich leicht genervt an: “Die ist doch im Himmel!“ Spätestens jetzt habe ich das Bedürfnis einzugreifen und weniger das geografische Fachwissen meiner kleinen Tochter aufzufrischen, als noch einmal ihre Lebensgeschichte ihr in Erinnerung zu bringen. „Nein, Nadeschda, Deine deutsche Mama bin ich. Aber Du bist in Russland geboren, genauso wie Maxim auch. Deine russische Mama konnte sich nicht mehr richtig um Euch kümmern und hat um Hilfe gebeten, neue Eltern für Euch zu suchen, die Euch ein Zuhause geben können, in dem ihr gut und sicher versorgt seid. Da haben sie den Papa und mich angerufen und wir sind nach Russland geflogen, um Euch kennenzulernen. Und nachdem der Richter geprüft hat, ob das auch alles in Ordnung ist, durften wir Euch zu uns nehmen.“ „Warum musste das der Richter prüfen?“ „Na, weil es Deiner russischen Mutter und auch dem Richter sehr sehr wichtig, war, dass ihr wirklich gute Eltern bekommt.“ Nadeschda kommentiert nur noch mit einem „Okay.“ Sie beginnt auf einem Bein zu hüpfen und beendet das Gespräch mit den Worten: „Mama, ich muss das jetzt üben.“

Herkunft und Heimat  beschäftigen langsam auch meine Tochter. Nadeschda ist noch an den Anfängen der bewussten Auseinandersetzung mit ihrer Lebensgeschichte. Doch es arbeitet in ihr, wie sie es auch in ihren Gedanken zur Wiedergeburt  zum Ausdruck brachte. Lange hat sie all das verdrängt, beharrlich daran festgehalten, dass sie ja im Gegensatz zu Maxim in meinem Bauch war. Selbst wenn sie mit einem trockenen Kommentar meines Sohnes konfrontiert wurde „Nein, waren wir nicht. Das weisst Du doch. Wir waren im Bauch unserer russischen Mama.“ und sich daraufhin immer eine kindliche Nein-Doch-Diskussion entfachte, bis ich intervenierte. Maxim hat seine Herkunft für sich für den Moment klar gestellt. Er ist in Russland geboren. Er hat zwei Mamas, eine in Deutschland und eine in Russland. Und die russische Mama ist für ihn im Himmel. Dass sie sich nicht mehr richtig um ihn und Nadeschda kümmern konnte, das will er nicht wissen. Das kann er nicht ertragen. Für ihn ist sie im Himmel. Damit kann er leben.

nesting-doll-697651_1280Auch seine russische Herkunft beginnt Maxim allmählich zu begreifen. Immer schon haben wir gelegentlich russisch gekocht und an Weihnachten gibt es immer ein russisches Gericht in unserem festlichen Menü. Wir lesen russische Märchen und Erzählungen vor. Wir feiern das russische Lichterfest. Ein Schulfreund von Maxim ist russischer Abstammung. In der Schule kokettiert Maxim damit, dass er in Russland geboren ist und dass ich Russisch spreche. Weiter geht er allerdings nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es ihn amüsiert, sein Gegenüber in der Ahnungslosigkeit versinken zu lassen, wenn er dann nicht weiter auf seine Lebensgeschichte eingeht. Manchmal weiss ich, dass er mehr zu erzählen nicht ertragen könnte. Das wäre zu viel von sich Preis zu geben. – Doch allmählich zeigt er zunehmend Interesse an Russland. Er möchte russisch (wieder) lernen. Er möchte mit uns nach Russland fahren. Seine russische Mutter will er (noch) nicht suchen – die ist ja für ihn im Himmel -. Aber er möchte das Kinderheim sehen und besuchen, in dem er gelebt hat. Bei ihm beginnt nun so etwas wie die Suche nach einer Heimat und konkretes Interesse an seiner Herkunft nimmt zu.

Nadeschda hingegen ist noch an dem Punkt, an dem sie ihre Lebensgeschichte losgelöst von einem geografischen Bezug für sich verarbeiten und so annehmen lernen muss, dass es für sie ertragbar ist. Nicht von Beginn an bei uns gewesen zu sein und stattdessen von ihrer russischen Mutter schmerzlich getrennt worden zu sein, ist im Bewussten für sie kaum zu verkraften. Es gehrt nach wie vor die tiefe Verletzung des Weggegeben worden zu seins in ihr. Auch wenn wir genau diesen Punkt ihrer Lebensgeschichte manchmal versuchen, weniger hart darzustellen, so spürt sie genau das, diese brutale Härte des Verlustes. Und am Ende muss ich sagen: Sie hat so recht und ihr Schmerz ist so berechtigt. Auch wenn es tausende von Gründen gegeben hat, warum ihre russische Mutter neue Eltern hat suchen lassen, ändert das nichts an der Tatsache, dass meine Tochter weggeben wurde. Das muss Nadeschda erst verarbeiten. Und dann wird sie sich vielleicht mehr mit ihrer Herkunft und ihren Wurzeln beschäftigen.

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Konfrontation mit der Embryonalentwicklung

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Mit freundlicher Unterstützung von unsplash.com

Ein Teil meiner Ausbildung ist das künstlerische Arbeiten, vor allem Malen und Plastizieren mit Ton. Die Arbeit mit dem Ton ist anstrengend für mich, und oft gehen die Aufgabenstellungen direkt an mein Unterbewusstsein. Für mich ist es eben nicht nur die bloße Gestaltung einer „schönen“ Form. Oft arbeitet die Erfahrung in mir weiter, hin und wieder kommen Emotionen hoch, die ich nur noch schwer kontrollieren kann. Entgegen der allgemeinen Aussage „Die Arbeit mit Ton belebt.“, bin ich nach diesen Stunden meist völlig erledigt. Ich war mir dessen bewusst, dass das passieren kann. Denn lasse ich doch Maxim und Nadeschda mittlerweile seit einigen Jahren in ihrer Kunsttherapie regelmäßig mit Ton arbeiten und habe dort erlebt, was die Arbeit mit dem Ton bewirkt und ausgräbt.

Als der Dozent an einem der vergangenen Wochenende nun ankündigte, dass wir uns in einer der nächsten Einheiten mit der plastischen Gestaltung eines Embryos und seiner Metamorphose zu einem Menschen beschäftigen würden, stockte mir der Atem. Unmittelbar machte sich in mir das Gefühl breit: Das kann ich nicht. Und das will ich nicht. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich deutlich spürte: Diese Konfrontation werde ich nicht eingehen, nicht zu diesem Zeitpunkt und nicht in diesem Umfeld, ohne zielführende Begleitung. In dieser vernarbten Wunde wollte ich nicht herumstochern, kein Salz hineinstreuen, sie nicht hervorholen aus den Niederungen meines Unterbewussten, wo sie seit Jahren friedlich schlummerte, sie nicht auf den Präsentierteller meiner Ausbildungsgruppe legen. Es reicht, wenn ich weiss, dass sie nach all den Jahren noch da ist. Sie wird auch nicht weggehen, sie ist ein Teil von mir und meinem Leben. Ich habe nur meinen Umgang mit ihr gefunden. Mit meiner Wunde, kein eigenes Kind geboren zu haben.

Mein Körper war nicht in der Lage, ein Kind auszutragen, es in ihm wachsen zu lassen von einem Embryo bis zu einem kleinen Menschlein, das ich dann in die Welt gebäre. Über das Embryonalstadium bin ich nicht hinausgekommen. Die Natur entschied zweimal, frühzeitig diese Entwicklung in meinem Körper abzubrechen. Jedes Mal, wenn das passierte, war es eine traumatische Erfahrung. Über die Jahre habe ich meinen Frieden damit gefunden. Ich kann ohne Gräuel und Schmerz das Glück anderer schwangerer Frauen teilen. Manchmal bin ich sogar froh für all das, was mir mit meinem anderen Mutterwerden erspart geblieben ist. Gelegentlich wünschte ich mir, ich hätte Maxim und Nadeschda schon von Beginn an unter meinem Herzen getragen. Viele Schwierigkeiten und Schmerzen wären uns vielleicht erspart geblieben. Doch ich habe mein Schicksal angenommen, so Mutter geworden zu sein, wie ich es wurde. So sollte es sein und so ist es auch gut. Dennoch die Narbe meiner leiblichen Kinderlosigkeit ist geblieben, auch wenn ich mit meinem anderen Weg, Mutter geworden zu sein, mehr als im Reinen bin. Um keinen Preis in der Welt, würde ich meine Entscheidung, die Mutter von Maxim und Nadeschda zu werden, rückgängig machen und mein Leben als Adoptivmutter eintauschen. Zu dankbar bin ich für das Leben mit all seinen Lernerfahrungen, das meine zwei Kinder mir geben. Jeden Tag von neuem!

Ja, da ist auf der einen Seite die Narbe, des eigenen unerfüllten biologischen Kinderwunsches. Doch während ich so in mich hineinhorchte, warum mir die Ankündigung des Dozenten den kalten Angstschweiß auf die Stirn trieb, so spürte ich auch eine zweite Wunde, die ich nicht in diesem Umfeld meiner Ausbildungsgruppe konfrontieren wollte: Egal wie wohlwollend und fürsorglich die russische Mutter meiner Kinder gewesen war, wie sehr sie sich vielleicht diese zwei Kinder gewünscht hatte, um dann später lernen zu müssen, sie nicht großziehen zu können, die Schwangerschaften waren allein aufgrund der sozialen Rahmenbedingungen auf keinen Fall leichte gewesen. Und das hatten Maxim und Nadeschda bereits im Mutterleib erleben und erfahren müssen. Das hat sich tief eingebrannt in ihren kleinen Seelen. Der Mangel, die Entbehrungen, die Zweifel, die fehlende Fürsorge. Die Wunden, die sie eben nicht nur durch die Trennung von ihrer russischen Mutter, sondern durch die Lebensumstände erfahren haben, prägen ihr Unterbewusstsein bis heute. Die Folgen oder Auswirkungen dessen bestimmen häufig unseren Alltag, mal mehr mal weniger. Sei es das mangelnde Urvertrauen , seien es die mangelnden Lebenskräfte, die immer wieder die Ursache für Zeichen der Anstrengungsverweigerung  sind. Irgendwann werden diese Wunden heilen, doch auch sie werden als Narben im Unterbewusstsein meiner Kinder bleiben. Mir gelingt es hoffentlich, dass sie mit der Zeit einen Umgang damit finden, jeden Tag ein wenig mehr und besser. Mir jedoch den Schmerz vorzustellen, durch den meine Kinder am frühen Beginn ihres Lebens gehen mussten, ist für mich eine nahezu unerträgliche Erfahrung. Ja, hin und wieder, vor allem, wenn alles einmal wieder sehr schwierig ist, schicke ich mich durch diese Erfahrung, um zu versuchen, meine Kinder zu verstehen. Doch meist ist dies für mich kaum auszuhalten.

Würde ich mich nun der Aufgabe der plastischen Metamorphose eines Embryos zu einem Kind stellen, müsste ich genau durch diese Erfahrungen wieder gehen. Das will und kann ich nicht. Und ich muss es auch nicht. Am Ende beschließe ich, mit dem Dozenten zu sprechen und an dieser Einheit nicht teilzunehmen. Denn der Schmerz und die Trauer gehören zwar zu unserem Leben, aber nicht in meine Ausbildung.

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„Bauchmama“ und „Herzmama“ – Die Suche nach treffenden Begrifflichkeiten

zwei Herzen aus Holz

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Es gehört zu der gängigen Unterscheidung zwischen leiblicher Mutter und Adoptivmutter die Begriffe „Bauchmama“ und „Herzmama“ zu benutzen. Die Bauchmama ist die leibliche Mutter, die das Kind im Bauch getragen hat. Die Herzmama ist die Adoptivmutter, die mit ihrem Kind im Herzen „schwanger“ war. Für die Adoptivkinder ist dies früh einleuchtend. Vor allem wenn die Frage kommt, ob das Kind denn bei seiner Mama im Bauch war, so wie alle anderen Kinder um es herum. Ich habe diese Frage meiner Kinder natürlich mit nein beantwortet. Aber dass es da noch eine russische Mutter gibt, bei der sie im Bauch waren und die sie auf die Welt gebracht hat, wollten sie nicht hören oder nicht wahr haben. Eines Tages fand ich auf Maxims Schreibtisch ein Bild von einem Mann mit Baby im Bauch. Der Kommentar meines Sohnes: „Du hast mich ja im Herzen getragen, also war ich dann beim Papa im Bauch.“

So einleuchtend und Kind gerecht die Begriffe von „Bauchmama“ und „Herzmama“ sein mögen, mich stören sie. Deshalb haben wir diese Wörter nie intensiv benutzt, um sie bei unseren Kindern nicht zu festigen. Selbst wenn sie sich so häufig in der Kinderliteratur zu Adoptionen finden. Meine Kinder haben eine russische Mutter, die ihnen das Leben geschenkt hat und mich, die Mama, die sie durch dieses Leben hindurch begleitet. Wie schon in meinem Post „Zwei Mamas“ geschrieben, gilt es als eine der Todsünden, die leibliche Mutter in irgendeiner Form gegenüber dem adoptierten Kind herabzusetzen. Doch tun wir nicht genau dieses, wenn wir von der „Bauchmama“ sprechen? Reduzieren wir die leibliche Mutter nicht – wenn wohlmöglich rein faktisch zurecht – darauf, dass sie ihr Kind ohne Emotionen ausgetragen hat? Hat sie nicht genauso auch ihr Kind während der Schwangerschaft im Herzen getragen? Ist sie nicht genauso eine „Herzmama“? Vielmehr ist sie doch die Mutter, die dem Adoptivkind das Leben geschenkt hat. Damit hat sie es überhaupt erst ermöglicht, dass das Kind zu seinen Adoptiveltern kommen kann, zu seinen Herzeltern, die es bedingungslos annehmen und lieben. Insofern trifft der Begriff der Herzmama auf die Adoptivmutter auf jeden Fall zu.  Ja, sie hat ihr Kind mit dem Herzen empfangen. Doch gilt das nicht vielleicht auch für die leibliche Mutter?

Zugegeben, es mag ein wenig idealisiert sein, wenn ich daran glaube, dass die leibliche Mutter trotz der Freigabe ihres Kindes zur Adoption doch auch eine emotionale Bindung zu ihrem Kind hatte, selbst wenn sie das Kind direkt nach der Geburt abgegeben hat. Erst recht glaube ich an eine emotionale Bindung, wenn die Adoption erst nach den ersten Lebensjahren des Kindes erfolgte. Denn meist waren es dann die Umstände, unter denen das Kind bei seiner leiblichen Mutter heranwuchs, und die alles andere als glücklich, ja eher dramatisch und notleidend waren, die zur Adoption führten. Freiwillig und herzlos gibt keine Mutter ihr Kind ab. Irgendwie will ich das nicht (mehr) wahr haben. Auch wenn natürlich die Fakten und die Realität mir etwas anderes sagen bzw. suggerieren. Ja, ich stand zu Beginn unserer Adoption fassungslos vor der Geschichte meiner Kinder. Ich konnte und wollte nicht glauben, dass sie so leben mussten. Doch inzwischen glaube ich, dass all dies nicht aus Böswilligkeit und Herzlosigkeit der Mutter passiert ist, sondern vielmehr, weil ihre russische Mutter auch aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte und ihrer sozialen Umstände nicht anders konnte. Vielleicht will ich sie deshalb nicht auf ihren Bauch reduzieren.

Während ich hier schreibe, denke ich über andere Wörter nach, die den Umstand der leiblichen Mutter und der Adoptivmutter passender beschreiben. Doch bisher lässt die Lösung oder zündende Idee noch auf sich warten. Wir haben es mit einer Adoption aus dem Ausland komfortabel getroffen, denn wir können von der russischen Mutter sprechen. Das wird bei einer Inlandsadoption nicht funktionieren. Hinzukommt, dass meine Kinder erst sehr spät angefangen haben, sich mit ihrer Geburt und dem, was war, bevor sie zu uns kamen, auseinanderzusetzen. Da brauchten wir nicht mehr die Kind gerechte und griffige Unterscheidung zwischen Bauch- und Herzmama. Dennoch: Sollten wir über andere Bezeichnungen als „Bauchmama“ und „Herzmama“ nachdenken?

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„Geburtserfahrungen“ einer Adoptivmutter

Lange habe ich geglaubt, das mir eine wirkliche Geburtserfahrung mit meinen Kindern fehlt. Sie sind eben auf einem anderen Wege zu mir gekommen. Da es mir in meinem Kinderwunsch nicht primär um das Schwanger werden und sein ging, sondern darum, ein Kind auf seinem Weg ins Leben zu begleiten, belastete mich der Umstand der fehlenden Geburt nicht. Erst im Laufe der Zeit, in der ich mit meinen Kindern zusammengewachsen bin und wir gemeinsam über viele Hürden gegangen sind, um eine enge Bindung zu einander aufzubauen und wachsen zu sehen, bedauere ich es hin und wieder, meine Kinder nicht geboren zu haben.

Doch nun habe ich neulich das bereichernde Buch von Sherrie Eldridge „20 Things Adoptive Parents need to succeed“ gelesen, und stieß dort auf einen spannenden Passus. Gegen Ende des Buches zieht sie die Parallelen zwischen physischer Geburt und Adoption. Wie bei einer physischen Geburt erleben Adoptiveltern, so Eldridge, genau dieselben Stadien von „Empfängnis“, „Geburtswehen“ und tatsächlicher „Geburt“. Adoptivmütter erleben eine ähnliche Euphorie, die leibliche Mütter spüren, wenn sie erfahren, dass sie schwanger sind. Adoptivmütter müssen manchmal durch Höllenqualen unterschiedlichster Art gehen, die körperlich schmerzen wie Wehen. Adoptivmütter werden genauso von einer Glückswelle übermannt wie es eine leibliche Mutter nach der Geburt, wenn sie ihr Kind endlich in den Armen halten.

Was waren meine Erinnerungen an die „Geburt“ meiner Kinder?

Im Herzen empfangen

Es war kein Bild und keine Geschichte, die uns zu unseren Kindern bewegte. Es war die kurze, aber um so überraschendere Mitteilung unserer russischen Koordinatorin auf dem Moskauer Flughafen, dass wir am folgenden Tag einen Jungen UND ein Mädchen kennenlernen würden. Vielleicht fühlte ich mich im ersten Moment so, wie man sich nach einem Schwangerschaftstest fühlt und der Arzt einem noch mitteilt, dass man Zwillinge erwartet. Ich weiß bis heute, dass ich in diesem Moment genau spürte, dass es alles so hätte sein sollen, all die Anstrengungen im vorangegangenen Adoptionsprozess, das Scheitern der ersten Adoption. Ich zögerte keine Minute, dass ich diese zwei Kinder annehmen und lieben lernen würde. – Um mich vor Enttäuschungen im weiteren Prozess zu schützen, ließ ich jedoch nicht vollends zu, dass beide Kinder schon ganz tief in meinem Herzen waren, und ich sie nicht mehr herauslassen würde. Doch im Grunde war es so. Sie wuchsen in meinem Herzen, wo sie immer bleiben würden.

Kontinuierliche Wehen bis zur Gerichtsverhandlung

Selten passiert es, dass eine Adoption kurz vor Abschluss scheitert, so wie bei uns in unserem ersten Fall. Der Schmerz ist unermesslich.

Doch allein der gesamte Adoptionsprozess ist mit Anstrengungen verbunden. Sich immer erneuten Gesprächen zur Überprüfung zu unterziehen, Gutachten erstellen zu lassen, zig Papiere und Dokumente zu besorgen, diese beglaubigen und überbeglaubigen lassen. Wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt, noch mehr Papiere beibringen, noch detaillierter die Vermögensverhältnisse darstellen, etc. etc. etc. Immer mit dem drohenden Satz der Vermittlungsagentur im Hinterkopf: „Denken Sie dran, von der Qualität der Papiere hängt die Zukunft ihre Kinder ab.“ Die nervliche Anspannung, wann kommt es endlich zu einem Gerichtstermin. Wird dieser wieder scheitern? In der Zukunft verwischen die Erinnerungen daran. Nach ein paar Jahren denke ich zwar: „Ach, so schlimm war es ja gar nicht.“ Ähnlich wie bei physischen Wehen. Die Euphorie der Geburt legt einen Schleier über die schmerzhaften Wehen des Adoptionsprozesses.

„Geburt“ meiner Kinder

Als der Richter nach einer anstrengenden und strapaziösen Gerichtsverhandlung den magischen Satz sagte: „Heute werden zwei neue Kinder geboren…“ , fühlte sich dies wie die befreiende Wirkung an, wenn die Wehen und der Schmerz endlich nachlassen, wenn man zum ersten Mal spürt, es ist vollbracht, es ist geschafft, all die Anstrengungen sind nun vorbei. Vorerst.

Der wirkliche geburtliche Glücksmoment nach der Ankunft unserer Kinder war auf dem Rückflug von Moskau nach Deutschland. Schon kurz nach dem Start des Flugzeugs waren beide Kinder ermattet aber friedlich eingeschlafen. Maxim lag in meinem Schoß, Nadeschda schlief in Richards Armen. Über unsere Kinder hinweg, sahen wir uns an. Für einen Moment fiel alle Anspannung und Last der letzten Wochen von uns. Wir spürten, wie eine Welle tiefen Glücks über uns hereinbrach und wir uns bewusst wurden: „Dies sind jetzt unsere Kinder! Für immer!“