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Charlotte’s Sonntagslieblinge (75)

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Photo by Tim Gouw on unsplash.com

Eine kurze Schulwoche liegt hinter uns. So allmählich kommt ein wenig Ruhe in unser Alltagsgeschehen. Fasching war großartig! So viel Spaß hatten wir schon lange nicht mehr!! Und an den restlichen Tagen der Woche haben die Kinder und ich einfach unsere alte Routine wieder aufleben lassen und sind zumindest in dieser Zeit des Tages zu gewohnten Rhythmen zurückgekehrt. Das tat gut! Nachdem ich wieder ein Wochenende in der Akademie verbracht habe, schaue ich dankbar auf diese drei Sonntagslieblinge:

1. Beide Kinder machen nach ihrer Erfahrung in der Betreuung in der Schule jetzt ihre Hausaufgaben alleine in ihren Zimmern. Sie kommen dann und ich darf kontrollieren. Manchmal klappt es gut, manchmal weniger. Aber der Weg führt in die richtige Richtung. Üben tun wir noch zusammen, doch irgendwie haben beide in den vergangenen Wochen einen riesigen Schritt in Richtung Selbstständigkeit gemacht.

2. Keine Vorsätze für das neue Jahr zu haben, scheint sich auszuzahlen: Nun finde ich doch wieder Zeit zu lesen. Und wenn es nur abends eine Stunde noch ist, nachdem die Kinder schlafen. Mein „Projekt“ heißt im Moment, endlich einmal wieder Bücher über Russland oder von Russischen Autoren zu lesen. Nach Jens Mühling’s  „Mein Russisches Abenteuer“ hat mich in dieser Woche eine Biografie über die Romanows und den letzten russischen Zaren begleitet.

3. Nachdem mich zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen eine heftige Erkältung – oder war es gar eine Grippe und ich habe das einfach geflissentlich ignoriert und mit entsprechenden freizugänglichen Medikamenten weggedrückt – gebeutelt hat, war ich nun doch mal beim Arzt und habe ein Blutbild machen lassen. Genauso wie ich die Mahnung von Nadeschdas Hautarzt ernst genommen habe, dass ich nicht nur meine Kinder zur Kontrolle schleifen sollte, sondern selbst auch mal zur Hautkrebsvorsorge gehen, und gleich einen Termin für eben diese ausgemacht habe. Wie war das mit der Selbstfürsorge…

Habt einen erholsamen Sonntag und möge die neue Woche gut für Euch alle beginnen.

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24 Stunden Alltagswahn mit krankem Kind und kranker Mutter

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Photo by Christy Ash on unsplash.com

05:30h Mein Wecker klingelt. Heute muss ich Maxim morgens in die Schule fahren, denn Richard geht mit Nadeschda zum Orthopäden. Ihr tut seit einiger Zeit die Schulter weh. Noch ist es ein wenig Lotto spielen. Denn Maxim war am Vortag mit einer Augenentzündung krank zuhause.

06:15h Die Brotdosen sind gepackt, ich bin geduscht und wecke meine Kinder. Nadeschda ist sehr verschlafen und lässt sich einmal wieder von mir im Bett anziehen. Auch sie ist erkältet, doch bisher hält sie sich tapfer. Maxim ist immer noch angeschlagen. Sein Auge ist trotz Augentropfen immer noch verklebt. Er wird also noch einmal einen Tag Zuhause bleiben. Nachdem wir das Auge gesäubert und mühselig Augentropfen genommen haben, dreht er sich um und schläft wieder ein. Meine Fahrt zur Schule fällt also aus.

06:45h Mein Telefon klingelt. Da ich noch mit Nadeschda’s Strumpfhosen kämpfe, nimmt Richard ab. Es ist die Diensthabende Ärztin der Reha-Klinik. Meine Mutter hatte eine allergische Reaktion und spricht nicht auf das Kortison an, das man ihr gegeben hat. – Kein Wunder, das Zeug hat sie vor ihrem Schlaganfall immer mal wieder gern in hohen Dosen geschluckt, um sich selbst zu kurieren. – Sie wird in ein nahes Krankenhaus verlegt.

07:00h Richard und Nadeschda verlassen das Haus Richtung Orthopäde. Ich rufe unsere Kinderfrau an. Eine Stunde später ist sie da und kümmert sich um Maxim. Ich mache mich auf den Weg in die Reha-Klinik.

08:30h In der Reha-Klinik packe ich notdürftig ein paar Sachen für meine Mutter zusammen und habe eine Gespräch mit der behandelnden Chefärztin. Ob der aktuellen Situation ist sie mit Prognosen, was die Rehabilitation meiner Mutter angeht, eher verhalten. Als ich das Büro der Chefärztin verlasse, erinnert mich ihre Sekretärin an den Wahlleistungsvertrag, den meine Mutter noch unterschreiben muss. Das wird wohl im Moment etwas schwierig…

10:00h Als ich endlich in der Notaufnahme des Krankenhauses ankomme – 10 Minuten in einem überfüllten Parkhaus rumkurven, um einen Parkplatz zu finden, haben meine Geduld stark beeinträchtigt -, teilen mir die Krankenschwestern mit, dass meine Mutter soeben entlassen wurde und wieder auf dem Rückweg in die Reha-Klinik ist. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch den Krankenwagen, der gerade des Krankenhausgelände verlässt.

10:30h Zurück in der Reha finde ich meine Mutter völlig erschlagen auf ihrem Zimmer vor. Ihr Gesicht ist geschwollen, aber sprechen kann sie wieder. Sie beschwert sich, dass man sich im Krankenhaus nicht um sie gekümmert hat. Das stimmt nicht so ganz, wie ich dann von der Chefärztin erfahre. Denn dort gab es eine zweite Dosis Kortison und Antihistamine, womit die Schwellung gestoppt wurde. Ich helfe meiner Mutter noch, frische Sachen anzuziehen und beruhige die Schwestern, dass die Kleidungsstücke, die bei Rückkehr meiner Mutter vermisst wurden, wieder da sind. Ich hatte sie ja mitgenommen, damit meine Mutter im Krankenhaus etwas zum Anziehen hat. Nach einer kurzen Nacht und einem anstrengenden Morgen legt sich meine Mutter ins Bett und schläft. Ich fahre nach Hause zu meinem kranken Kind.

11:30h Zuhause schaue ich kurz nach Maxim. Sein Auge sieht nun nach der zweiten Dosis Augentropfen an diesem Tag schon besser aus. Zufrieden thront er in seinen Kissen und lässt sich von unserer wunderbaren Kinderfrau „Emil und die Detektive“ vorlesen. „Oh Mama, lass mich! Es ist alles gut. Das ist gerade so spannend….“ Ein wenig beruhigt gehe ich in die Küche, esse etwas, erledige schnell zwei Telefonate und mache mich auf den Weg zur Schule.

12:45h Nadeschda ist froh und munter beim Mittagessen in der Schule. Der Orthopäde hat ihre Schulter mit einem pinken Tape verarztet. Das Schultergelenk ist bei ihr manchmal überlastet. Das Tape soll jetzt erst einmal mehr Halt geben. Stolz zeigt sie mir den für die Faschingsfeier geschmückten Klassenraum. Dann schickt sie mich zu meinen Betreuungskindern.

13:30h Nach dem Mittagessen belagern mich 14 Betreuungskinder, wie jeden Tag. „Frau Weiss, ich brauch Hilfe. Ich verstehe das nicht.“, „Frau Weiss, können Sie mal kommen?“, „Frau Weiss, Sie wissen ja, ich bekomme heute wieder VIP-Service!“, „Frau Weiss,…“ Nach zehn Minuten herrscht zum Glück Ruhe im Raum und die Kinder arbeiten konzentriert an ihren Aufgaben. Ich gehe rum und helfe den einzelnen, und mein VIP-Freund bekommt seine VIP-Betreuung, als alle anderen versorgt sind.

15:30h Vielleicht meint das Schicksal es heute gut mit mir. Eine halbe Stunde früher als gewöhnlich, sind heute alle Kinder schon abgeholt, oder auf dem Weg nach Hause. Während ich den Raum noch einmal durchlüfte, stelle ich die Stühle hoch und packe meine Sachen, sammele Nadeschda draußen ein und fahre mit ihr nach Hause.

16.00h Maxim geht es Zuhause prächtig. Zum Mittagessen gab es für ihn Pfannkuchen. Sein Leibgericht. Inzwischen ist er aufgestanden und bastelt Hexentreppen mit der Kinderfrau. Sein Auge scheint sich normalisiert zu haben und die Kopfschmerzen sind auch nicht wieder aufgetreten. Er will jetzt mitkommen, wenn ich Nadeschda zum Ballettunterricht fahre.

17:00h Während Nadeschda  ihre Ballettübungen an der Stange macht, kaufen Maxim und ich schnell im benachbarten Supermarkt ein.

18:30h Wieder zuhause packe ich aus, räume ich schnell auf, wasche die Wäsche meiner Mutter und koche Abendessen. Nadeschda ist eine fleißige Helferin und macht den Salat. Maxim liegt lieber auf der Couch und liest ein Comic. Ja, er ist noch ein wenig schlapp, auch wenn er der festen Überzeugung ist, morgen wieder fit für den Schulausflug zu sein. Mit diesen Gedanken verscheuche ich den Eindruck von früher Rollenprägung in unserer Familie…

19:45h Das Drama um das Verabreichen der Augentropfen ist überstanden und wir drei sitzen beim Vorlesen. Eine halbe Stunde später schlafen Maxim und Nadeschda.

22:00h Nachdem ich mit Richard gesprochen und noch ein paar mails geschrieben habe, falle auch ich müde in mein Bett und werde von einem unruhigen Schlaf übermannt.

05:30h Nadeschda ruft nach mir: „Mama, ist es schon hell? Wann kann ich aufstehen…?“ Schlaftrunken erkläre ich ihr, dass sie noch etwas schlafen kann. Ich finde allerdings nicht mehr zurück in den Schlaf, sondern stehe auf und koche mir einen Kaffee.

An dem Abend hätte ich eigentlich abends noch in die Akademie gemusst. Aber abgesehen davon, dass ich damit an den Rand meiner Kraftreserven gekommen wäre, hätte Maxim das nicht mitgemacht. Tagsüber die Betreuung der Kinderfrau mit Vorlesen, Pfannkuchen und Apfelmus nimmt er inzwischen ohne Probleme hin, auch wenn er krank ist, genießt sie sogar. Doch in den Abendstunden muss ich dann da sein. Auch wenn er mich bei den Augentropfen verflucht hat….

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (71)

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Photo by Alisa Anton on unsplash.com

Die erste Woche Schulalltag liegt hinter uns. Mit recht großen Veränderungen, die Maxim und Nadeschda bravurös gemeistert haben. Ich arbeite nun jeden Tag für ein paar Stunden an der Schule. Kurzfristig bin ich für eine erkrankte Kollegin eingesprungen. Nun müssen Maxim und Nadeschda auch länger in der Schule bleiben. Beide haben das aber gut geschafft. Vielleicht auch, weil ich unser außerschulisches Leben drastisch entschleunigt habe. Es ist eine Phase. Und das ist gut so. Auf Dauer bin ich mir noch nicht sicher, ob dies ein gutes Konzept für unseren Alltag ist. Das werden die nächsten Wochen zeigen. Doch für den Moment bin ich dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Nadeschda verkündete Anfang der Woche, dass sie das nun mit der Schule und den Hausaufgaben ganz alleine macht. Mein heimlicher Blick in ihre Hefte zeigt mir, dass sie es wirklich ernst meint und gewissenhaft ihre Aufgaben erledigt. So schnell ist sie ein großes Schulkind. Wunderbar!
  2. Der Blick über den Tellerrand hilft. Die Arbeit mit den Kindern in der 5. und 6. Klasse zeigt mir, wie weit Maxim schon ist. Wie gut er vor allem schreiben und lesen kann! Wieder einmal war ich so stolz auf meinen Sohn, welch langen Weg er schon gegangen ist und wie sich doch alle Mühen auszahlen.
  3. Auch wenn sich nun vorübergehend unsere Übzeiten verschoben haben, so hat sich bisher meine alte Freundin, die Anstrengungsverweigerung noch nicht wieder gezeigt. Im Gegenteil, beide Kinder arbeiten ungewohnt vorbildlich. Das beruhigt für den Augenblick ungemein.

Nachdem ich nun auch wieder in der Akademie die Schulbank drücken musste, und dies auch das ganze Wochenende, freue ich mich nun noch auf einen ruhigen Sonntagnachmittag und eine wohlbehaltenen Start in eine neue spannende Woche. Möge es für Euch auch eine erfüllte werden.

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Anstrengungsverweigerung – Eine alte Freundin kehrt mit ungewohnter Wucht zurück

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Photo by André Hunter on unsplash.com

In den vergangenen Monaten lief es eigentlich recht gut in der Schule für beide Kinder. Ja, Nadeschda tat sich an einigen Stellen noch schwer. Aber mit unserer regelmäßigen Übroutine kam sie allmählich in einen guten Fluss. Nur hier und da flammt die Wut gelegentlich einmal wieder auf, die aber eine andere Motivation hat. Auch Maxim macht sich gut in der Schule. So gut, dass seine Klassenlehrerin erst vor ein paar Wochen mir in einem Gespräch mehr oder weniger vermittelte, ich könnte und sollte mich doch jetzt endlich mal ein wenig entspannen…Ich wusste da schon, warum ich es nicht tat – mich entspannen – sondern an unserer täglichen Übroutine nach wie vor weiter festhielt. Denn sie kam schneller zurück als erwartet, meine alte Freundin, die Anstrengungsverweigerung, die meinen Sohn und mich zu neuen Grenzerfahrungen eingeladen hat. Mehrmals die Woche…

Froh gestimmt kommen wir aus der Schule mittags nach Hause. Wie gewohnt folgen wir unserer täglichen Routine. Maxim und Nadeschda ruhen sich ein wenig aus, bevor es an die Hausaufgaben und das Üben geht. Freudig zeigt mir Maxim, was er aufhat. Er soll unter anderem ein Rätsel aufschreiben. So nimmt er sich gleich eines meiner Rätselbücher und schmökert. Doch als wir uns dann hinsetzen, um seine Hausaufgaben zu machen, beginnt die Stimmung zu kippen. Beim Kopfrechnen ist Maxim noch voll dabei. Beim Rätsel Aufschreiben regt sich erster Widerstand. „Nein, die Zeile lasse ich weg, die ist falsch, die gehört nicht dazu. Das Rätsel geht auch viel kürzer.“ Oder: „Ja, ich weiß ja gar nicht, wo ich das Rätsel aufschreiben soll. Da hat sie gar nichts zu gesagt.“ Für mich wäre es logisch, dass er sein Rätsel genauso in sein Heft schreibt, wie die anderen auch. „Nee, das dürfen wir nicht.“ Ich: „Hat sie Euch ein extra Blatt gegeben?“ (Denn, wenn Texte nicht ins Heft geschrieben werden sollen, gibt es in der Regel in der Schule ein Extra-Blatt.) „Nee hat sie auch nicht. Dann schreibe ich es eben nicht auf.“ Maxim versucht noch ein paar Mal zu diskutieren. Ich hole ihm ein Blatt und er schreibt das Rätsel ab. Dann soll er noch ein Bild malen zu einem Text vom Schlittenfahren. Missmutig greift er zu seinem Heft, öffnet es an der entsprechenden Stelle und beginnt zu malen. Einen Hügel mit Schnee, einen Schlitten. Ich sehe, dass er unsicher ist. „Vielleicht nimmst Du erst einmal einen Bleistift, um Dir die Sachen vorzuzeichnen. Dann kannst Du auch leichter etwas ändern. „Nö.“ entgegnete mein Sohn und malt weiter mit den Buntstiften. „Ich kann keinen Schlitten malen.“ Wutschnaubend greift er zu seinem Radiergummi und versucht den Schlitten wegzuradieren. Das gelingt nur mäßig, denn die Buntstifte sind nicht so leicht wegzuradieren. Maxim übt immer heftigeren Druck auf die Seite aus, bis diese erst verkrumpelt und dann reisst. Als ich ihm sage, dass wir das Loch nun reparieren müssen, folgen weitere „Nös“, immer lauter werdend. Um seine Aussage noch zu untermauern, beginnt er noch in dem Loch im Papier herumzustochern. Jegliche Hilfsangebote von mir lehnt Maxim ab. Die Zeit vergeht. Irgendwann kritzelt er nun noch in seinem Heft herum. Und dann verliere ich doch die Geduld und werde etwas lauter. Im Rückblick scheint es mir fast so, als hätte Maxim nur darauf gewartet. Denn nun fängt er selbst an herumzubrüllen, zu weinen und zu schreien. Er wird sich die nun folgenden eineinhalb Stunden nicht beruhigen. Meine Versuche, ihm zu helfen oder ihn aus dem Teufelskreis herauszuholen, in dem wir erst einmal Trompete spielen, lehnt er vehement ab. In seiner Verzweiflung komme ich nicht mehr an ihn heran. Er will diese Schlitten nicht malen. Koste es was es wolle. Wieder einmal ist es für ihn ein Kampf ums Überleben.

Erst nach zwei Stunden lenkt er ein, nachdem ich die ganze Zeit bei ihm gesessen habe und hin und wieder immer wieder beharrlich wiederholt habe, dass er am Ende des Tages diese zwei Schlitten alleine in sein Heft gemalt haben wird. Erst dann willigt er ein, den Arbeitstisch für eine Moment zu verlassen, und zunächst Trompete speilen zu üben. Darüber beruhigt er sich. Und erst danach nimmt er mein Hilfsangebot an, den Schlitten, den ich ihm auf einem Blatt vorgemalt habe, noch einmal erst auf dem Blatt und dann in seinem Heft abzumalen. Zehn Minuten später hat er sein Schneebild mit zwei rodelnden Kindern alleine fertig gemalt.

Immer wieder wiederholten sich solche Szenerien vor den Ferien. In den Ferien hatte sich nun Maxim’s Gemütszustand etwas entspannt, auch wenn wir nach wie vor an unserem täglichen Üben festgehalten haben. Doch das ist noch keine Garantie, dass jetzt der Start nach den Ferien glimpflich verläuft. Eine Grund zur Entspannung gibt es nicht und schon gar nicht, die Schule laufen zu lassen.

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48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter (reloaded) – Wenn Papa verreist ist… (Teil 2)

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Photo by Slava Bowman on unsplash.com

Richard ist in den letzten Wochen viel auf Reisen, sehr viel auf Reisen. Auch aktuell ist er immer noch unterwegs. Eine von drei Nächten ohne ihn haben wir geschafft. Nach dem Abholen in der Schule kommt bei beiden Kinder die Angst des Verlassenwerdens hoch, die sich hinter dem schmerzlichen Vermissen des Vaters verbirgt. Die Angst kommt unkontrolliert und in Situationen, die selten etwas mit dem konkreten Vermissen zu tun haben. Denn Richard hat vielleicht die Kinder in ihrer bisherigen Schullaufbahn keine zehnmal abgeholt. – So ging dann nun unser Nachmittag und die übrige Zeit ohne Richard weiter…

Mittwoch Abend

18:00h Nach drei hysterischen Wutanfällen, fliegenden Wachs-Blöckchen durch das Esszimmer, unzähligen zerknüllten Blättern Papier und einer irgendwann verzweifelt weinenden Tochter, weil sie ihren Vater so vermisst, hat sie nach eineinhalb Stunden ihre Hausaufgaben fertig. Ihr Bruder war währenddessen vom Esszimmertisch in sein Zimmer umgezogen, damit er da wenigsten in Ruhe rechnen und sich konzentrieren kann. Doch als Nadeschda fertig war, forderte er seinen Teil meiner Aufmerksamkeit. Beim Vorlesen nuschelt er so sehr, dass es für mich eine harte Geduldsprobe wird, durch die ich haushoch durchfalle. Auch beim Trompete-Üben fordert Maxim mich erneut heraus. Um nicht wieder zu platzen, verlasse ich für ein paar Minuten sein Zimmer. Als das Trompetenspiel gänzlich erstirbt, schaue ich nach und finde meinen Sohn stumm weinend auf seinem Bett. „Wann kommt der Papa wieder?“ fragt mich die zarte Stimme meines Sohnes.

20:00h Nach der vorangegangenen Nacht und dem tränenreichen Nachmittag liegen Nadeschda und Maxim eng an mich gekuschelt in meinem Bett, während ich ihnen vorlese. Heute Nacht bleiben beide Kinder bei mir. Bevor sie einschlafen, fragen beide, wie oft sie noch schlafen müssen, bevor der Papa wiederkommt. Ich antworte ihnen mit „Zweimal.“ Beide seufzen tief und traurig.

Donnerstag: 

02:00h Ich werde mitten in der Nacht wach. Maxim hat von hinten seinen Arm um mich gelegt, Nadeschda von vorne ihr Beinchen über meinen Oberschenkel geschlagen. Beide atmen und schlafen ruhig und friedlich. Mit einem kleinen Glücksgefühl kehre auch ich zurück in den Schlaf.

09:00h Dieser Morgen verlief weniger träge und nach den üblichen Morgenritualen waren wir wie immer pünktlich an der Schule. Am Parkplatz nahmen beide Kinder meine Hand, vor allem für Maxim einen ungewohnte Geste. Üblicherweise stürmt er mit einem seiner Freunde immer los zum Schulgebäude. Auch sollte ich ihn heute überraschend bis zum Klassenraum begleiten. Nun sitze ich wieder für ein paar Stunden in meinem Büro. Zwischendrin schweifen meine Gedanken zum kommenden Nachmittag und ich schwöre mir, diesmal gelassener zu sein. Ich weiß, dass meine Kinder es immer wieder mitnimmt, wenn die Routine durchbrochen wird, und Richard für ein paar Tage nicht da ist.

16:00h Mittlerweile sind wir alle wieder zuhause. Nadeschda und ich waren nach der Schule bei der Logopädin, wie jeden Donnerstag. Maxim war nach der Schule beim Training im Zirkus und ist mit der Fahrgemeinschaft nach Hause gekommen. Nun sitzen wir bei Kakao und Quarkbällchen gemütlich zusammen. Nach dem gestrigen Nachmittag habe ich beschlossen, für heute das Üben Üben sein zu lassen und stattdessen einfach zu spielen. Wir holen nach ewigen Zeiten die Legokisten hervor und bauen die Feuerwehrstation wieder auf. Der Nachmittag vergeht ohne einen einzigen Streit.

19:00h Eigentlich hätte ich heute Abend zu einer Elternbeiratssitzung gehen müssen. Doch diese hatte ich schon im Vorfeld abgesagt. Mehr als einen Abend in der Woche fremdbetreut geht nicht und schon gar nicht, wenn Richard unterwegs ist. Und es erweist sich wieder einmal als die richtige Entscheidung: Beim Zähneputzen passt Maxim auf einmal irgendetwas nicht. – Hin und wieder hat er immer noch solche Anflüge. Sie kommen aus dem Nichts. – Für Minuten geht gar nichts mehr. Er bewegt sich keinen Zentimeter, tut nichts, spricht nicht. Meine Aufforderung, weiter die Zähne zu putzen, hört er nicht. Geschweige denn antwortet er mir, was los ist. Die Minuten verstreichen. Auch Nadeschda wird langsam ungeduldig. Ich verlasse mit ihr das Bad, in der Hoffnung, dass sich dann etwas tut. Doch nichts passiert. Weitere fünf Minuten später steht Maxim noch genauso vor dem Waschbecken, wie wir ihn verlassen haben. Diesmal platzt Nadeschda der Kragen. Sie schubst Maxim vom Waschbecken weg – ich bin immer wieder überrascht wie viel Kraft sie entfaltet, wenn sie wütend ist – mit den Worten: „Dann mach Platz!“ Maxim bewegt sich natürlich nicht, sondern verharrt weiter starr an seiner Stelle. Während ich schon versuche, Nadeschda von ihm wegzuziehen, hat sie ihn so schnell noch in den Arm gekniffen, dass Maxim anfängt zu brüllen und nach ihr tritt. Ich muss eingreifen, versuche beide Kinder in ihre Schranken zu weisen. Doch Maxims Brüllen kippt in ein bitterliches und schmerzhaftes Weinen, denn Nadeschda hat ihm wirklich weh getan. Während ich für ihn ein Eispack aus der Küche hole, steht Nadeschda oben an der Treppe und ruft verzweifelt: „Mama!, Mama!! Du kannst mich doch nicht alleine lassen…“ und bricht ebenso in Tränen zusammen. Zum Glück habe ich zwei Beine und zwei Arme. Auf jedem Bein hockt nun ein Kind und wird von mir in meinem Arm getröstet. Doch diesmal lassen sich beide nicht beruhigen. Unter Tränen putzen wir weiter Zähne, unter Tränen waschen wir Hände und Gesicht und unter Tränen bürste ich Nadeschda’s Haar. Weinend gehen wir noch zum Vorlesen, wieder in mein Bett. Und auch noch beim Lesen, schluchzen beide immer noch. Erst als ich das Licht ausmache und anfange zu singen, kommen Maxim und Nadeschda zur Ruhe und schlafen langsam ein.

21:00h Nachdem beide Kinder friedlich schlafen und ich meine drei Hausangestellten zur Arbeit angehalten habe, lasse ich mich mit einem Glas Wein in den Sessel sinken und telefoniere mit Richard. Auf seine Frage: „Und wie war Euer Tag?“ antworte ich nur: „Alles gut, der ganz normale Wahnsinn. Aber es wird Zeit, dass Du nach Hause kommst. Die Kinder vermissen Dich sehr.“

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48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter (reloaded) – Wenn Papa verreist ist… (Teil 1)

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Photo by Slava Bowman on unsplash.com

Richard ist in den letzten Wochen viel auf Reisen, sehr viel auf Reisen. Geschäftlich. Und das auch hin und wieder am Wochenende. Das bringt sein Job leider so mit sich. Auch wenn er nicht auf Reisen ist, arbeitet Richard viel. Meist bringt er die Kinder morgens noch in die Schule und freitags ist er so früh zuhause, dass ich abends in die Akademie gehen kann. Ansonsten sehen Maxim und Nadeschda ihren Vater unter der Woche nicht. Denn er kommt abends immer so spät nach Hause, dass beide schon schlafen. Dennoch irritiert es Maxim und Nadeschda, dass Papa so viel unterwegs ist, und die Tage, an denen Richard gar nicht da ist, werden immer wieder zu einer neuen Herausforderung. Da sich dies in den vergangenen Wochen gehäuft hat, ist mir dies einen neuen 48 Stunden Beitrag wert.

Dienstag

22:00h: Müde und erschöpft und auch wenig frustriert – die Lerninhalte heute Abend in der Akademie waren jetzt nicht so erhellend wie erwartet – komme ich nach Hause. Die Kinderfrau hatte, wie jeden Dienstag, Nadeschda nachmittags von der Musikschule abgeholt und dann beide Kinder ins Bett gebracht. Der Abend war friedlich. Am Morgen hatte Richard noch, bevor zum Flughafen fuhr und von dort für drei Tage auf Dienstreise flog, Maxim und Nadeschda in die Schule gebracht. So war es ein vermeintlich normaler Dienstag, denn der einzige Unterschied war, dass eben nicht Richard die Kinderfrau ablöste, während ich noch in der Akademie war, sondern ich selbst ein paar Stunden später. Doch die Kinder hatten abgespeichert, dass Papa nicht da ist. So vergehen keine drei Minuten, die ich in der Haustür stehe, und beide rufen mich aus ihren Betten. Ich verabschiede die Kinderfrau und kümmere mich um Maxim und Nadeschda. Meine Tochter hat Durst und kuschelt sich mit einem zufriedenen Seufzer wieder in ihre Kissen, als sie registriert, dass ich da bin. Maxim braucht etwas länger, um wieder einzuschlafen. Er fragt, wo der Papa ist, was er gerade macht, wann er wiederkommt, wie sie morgen in die Schule kommen. Ich halte fast eine halbe Stunde seine Hand, bevor auch er wieder einschläft.

Mittwoch

04:00h Nadeschda ist wach, erst in meinem Bett kann sie wieder einschlafen.

06:00h Mein Wecker klingelt. Richtig geschlafen habe ich seit vier Uhr nicht mehr. Müde kämpfe ich mich aus dem Bett, trinke meinen Kaffee, packe die Brotdosen, dusche und wecke meine Kinder. Beide kommen nur mühsam aus den Betten. Auch ihnen fehlt Schlaf.

07:50h Trotz zähem Start sind wir pünktlich an der Schule. Während Nadeschda beim Papa sich selbst auszieht und ihre Hausschuhe anzieht, muss ich das heute für sie übernehmen.

09:00h Wieder Zuhause. Der Haushalt ist inzwischen gemacht, meine drei Hausangestellten – man nennt sie auch Spülmaschine, Waschmaschine und Trockner – arbeiten, und ich sitze in meinem Büro, um zwei Auftragstexte zu schreiben und meinen Unterrichtsteil in meinem Praktikum vorzubereiten. Eigentlich wollte ich das schon längt erledigt habe und mich meinem neuen Buchprojekt widmen. Doch die Überarbeitung des Exposés muss wohl noch warten.

13:00h Ich mache mich auf den Weg zur Schule. In der Mensa kommt Nadeschda freudestrahlend auf mich zugelaufen. „Meine Mami, Mami!“ Als die Aufsichtführende Betreuerin sie jedoch ermahnt, dass sie noch Tischdienst hat, bricht Nadeschda weinend in meinen Armen zusammen. „Mama, ich kann das nicht.“ jammert sie. Als ich mit ihr den abzuwischenden Tischen gehe, klammert sie sich an mein Bein. Den Tisch wische ich ab, mit meiner an mir hängenden Tochter.

13:30h Maxim kommt aus seiner Leier-AG. Er isst noch in der Mensa, schaufelt aber stumm das Essen in sich rein. Auf meine Frage, wie es heute in der AG war, aus der er in der Regel freudestrahlend und überschäumend berichtet, ernte ich nur ein: „Sag ich Dir nicht.“ Ich stelle das Reden ein. Manchmal geht es mir ja auch so, dass ich nicht direkt nach getaner Arbeit redselig bin. Als wir zwanzig Minuten später im Auto sitzen, fängt Nadeschda, kaum dass wir den Schulparkplatz verlassen haben, an, ihren Bruder zu ärgern. Der wehrt sich und haut irgendwann etwas fester zu. Nadeschda boxt zurück und beginnt gleichzeitig zu weinen. Maxim hält sich schmerzverzerrt die Brust und auch bei ihm sehe ich die Tränen fließen. Als sich beide ich herzzerreißendes Weinen hineinsteigern, halte ich am Straßenrand an, um richtig nach beiden sehen zu können. Nach gegenseitigen Anschuldigungen, wer zuerst angefangen hat, und meinem Ermahnen, dass es eigentlich egal ist und dass ich schlicht und ergreifend nicht möchte, dass sie sich so im Auto streiten, höre ich nur noch ein schmerzhaftes „Papa!“ und „Papi!“ von beiden Kindern. Ich nehme jeden von ihnen in den Arm und tröste sie still, bis die Tränen einigermaßen getrocknet sind.

15:00h Seit gut einer Stunde sind wir Zuhause. Maxim und Nadeschda haben sich ein wenig ausgeruht und nun sitzen wir über den Hausaufgaben. Eigentlich ist unter normalen Umständen der Mittwoch immer der beste Tag in der Woche, in der es höchst selten „Theater“ gibt. Die Kinder sind mitten in ihrem Wochenrhythmus, sie sind fit und ausgeschlafen, sie sind in den Aufgaben und Themen aus der Schule drin. Doch heute ist alles anders…

(Fortsetzung folgt.)

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Erwartung und Realität in der 1. Klasse

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Danke an Pixabay

Inspiriert vom Gastbeitrag „Die 1. Klasse – Vorstellung vs. Realität“ von Marie bei Phinabelle und nach meinem letzten Post zu „Mehr Zeit….“ haben auch mich meine Erwartungen und die nun uns umfangende Realität in der 1. Klasse in den vergangenen Tagen beschäftigt. Aus der Erfahrung mit Maxim wusste ich, dass es nicht einfach wird, und war mir zudem den anstrengungsverweigernden Tendenzen bei Nadeschda bewusst. Insofern war mir klar, dass der Übergang in die 1. Klasse kein Spaziergang wird und ich nicht immer ein freudestrahlendes 1. Klasskind zuhause habe.

Auch bei Maxim war es nicht immer einfach. Doch verließ ich mich damals in nahezu blindem Vertrauen auf seine erste Klassenlehrerin, bis nach ein paar Wochen klar wurde, dass ich, wenn ich mich auf den falschen verlasse, ich selbst verlassen bin. So begannen für mich mittlerweile drei Jahre harter Arbeit. Arbeit an mir selbst, mich in Ruhe und Geduld zu üben, mich von meiner Angst zu befreien, dass meine Kinder vielleicht doch nicht die Schule schaffen. Mich in Selbst- und Gottvertrauen zu üben, Maxim bis zum Abitur zu tragen. Doch vor allem drei Jahre täglichen Übens an jedem Tag der Woche, egal ob Wochentag, Feiertag, Wochenende oder Ferien. Üben, um das nachzuholen, was er in der Schule nicht mitbekommen hatte. Üben, um zu helfen, dass er in den Dingen, die er in der Schule tatsächlich gelernt hatte, besser wurde. Und so ist es nun auch. Die Buchstaben hat er von mir gelernt, Lesen hat er mit mir gelernt, das Zahlenverständnis habe ich ihm gegeben und letztendlich hat Maxim auch das Rechnen in unserem täglichen Üben gelernt. Heute ist er so wissbegierig, dass er von selbst gerne schreibt, liest und rechnet. Meistens…Und zum Glück wurde die erste Lehrerin von der Schule auf Druck der Eltern ausgetauscht. Die neue Lehrerin geht wesentlich achtsamer mit den Schülern um und motiviert sie stetig zum Arbeiten.

Nach den schlechten Erfahrungen bei Maxim war ich beruhigt, dass Nadeschda eine sehr erfahrene Lehrerin bekommen sollte und auch bekam. Mit sehr viel Engagement und Enthusiasmus führt sie die Klasse, grundsätzlich ist Nadeschda sehr gut aufgehoben bei ihr. So hegte ich vor Beginn der Schule einige Hoffnungen. Ich wünschte mir:

  • dass Nadeschda der Übergang aus der Vorklasse in die 1. Klasse leicht fallen würde. Sie war den Tagesrhythmus gewohnt, sie kannte das Gebäude, sie kannte eine Vielzahl ihrer Klassenkameradinnen und sogar einen Teil der Lehrer.
  • dass sie jeden Morgen mit Begeisterung aufstehen und in die Schule gehen würde.
  • dass sie mit großem Wissensdurst in die 1. Klasse starten würde, da sie ja schon bei Maxim mitbekommen hatte, wie toll es ist, wenn man schreiben und lesen kann.
  • dass sie sich auf ihre Freundinnen aus der Vorklasse freuen und die Zeit mit ihnen in den Pausen genießen würde.
  • dass sie ihren Ranzen, den sie mit so viel Begeisterung ausgesucht und vor der Einschulung gepackt hatte, auch in Ordnung halten würde. Und vielleicht hoffte ich auch, da sie ja ein Mädchen ist, dass ohnehin alles ordentlicher und „schöner“ bei ihr sein würde als bei Maxim.

Sorgen machte ich mir lediglich darum:

  • dass Nadeschda wohlmöglich wegen ihrer zierlichen Gestalt im Klassenverband untergehen könnte und sich nur schwer durchsetzen könnte
  • dass sie zu wenig isst und trinkt, da sie es einfach im Spiel vergessen würde.
  • und dass sie aufgrund ihres doch manchmal verträumten Wesens auf dem Schulgelände sich etwas verloren fühlen würde.

Nun nach einigen Wochen Schule haben sich meine Sorgen nicht bestätigt, aber auch meine Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.

Nadeschda geht alles andere als unter im Klassenverband. Im Gegenteil. Sie kann sich sehr gut durchsetzen, zur Not auch mit Hilfe körperlichen Einsatzes, was auch schon der ein oder andere Junge zu spüren bekommen hat. Erst gestern erwischte ich sie dabei, wie sie sich mit einem der kräftigsten Jungen in ihrer Klasse anlegte, weil er gerade für sie im Weg stand. Ihre Brotbox ist immer leer, und mittags wird mir regelmäßig berichtet, dass sie sich zwei Portionen zum Mittagessen geholt hat. Genauso hat sie sich das Schulgelände längst erobert. Selbstbewusst und freudig hat sie ihren Aktionsradius gegenüber der Vorklasse erheblich vergrößert. Sie kennt durchaus die Ecken, in denen man sich gut verstecken kann, um die Pause doch noch ein klitzekleines bisschen zu verlängern.

Jedoch, der Übergang in die 1. Klasse fällt ihr nach wie vor schwer. Die Zeit am Vormittag ist sehr anstrengend für sie. Dennoch dem Unterricht scheint sie zu folgen. Auf jeden Fall erinnert sie nach anfänglichen Schwierigkeiten immer alles. Soweit sie bereit ist, es mir Zuhause zu erzählen. Ja, es ist eine Flut von neuen Eindrücken, Regeln, Inhalten, die sie viel Kraft kosten. Sie ist froh, wenn sie am Nachmittag ihre Ruhe hat und alleine in ihrem Zimmer spielen kann. Somit sind ihr auch ihre Freundinnen im Moment nicht so wichtig. Hin und wieder gibt es wohl auch mal Streit, und dann ist die blöd oder jene blöd und überhaupt soll ja keine von ihren Freundinnen sie Zuhause besuchen und zu ihrem Geburtstag will sie auch niemanden einladen. Nadeschda’s morgendliche Begeisterung für die Schule hält sich ebenso sehr in Grenzen. Da kommt dann schon auch mal ein „Oh nee, nicht schon wieder diese sch* Schule…“ aus ihrem noch schlaftrunkenen Mund. Genauso hält sich ihr Wissensdurst in ausbaufähigen Sphären. „Schreiben wozu? Später kann ich das doch alles in den Computer sprechen…“ – Wo sie das her hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall ist sie um keine Ausrede verlegen, warum sie etwas nicht unbedingt können muss. – Nun ja, und schließlich müssen wir an der Ranzenordnung noch arbeiten. Würde ich ihn nicht jeden Abend ausräumen und wieder einräumen, hätten sich mittlerweile Tonnen von Steinen und Stöcken und Stapel von Papier mit Bildchen angesammelt. Ich habe einfach den Sammlerdrang meiner Tochter unterschätzt. Und dass sie das klischeehafte Ordnungsbewusstsein eines Mädchen nicht hat, hätte ich ja nun auch wissen müssen, wenn ich an mein Leben mit drei Cholerikern denke.

Nachdem ich Phinabelles Post gelesen hatte, war ich ungemein beruhigt, dass nicht nur meinen Kindern der Start in der 1. Klasse an der ein oder anderen Stelle schwer fällt. Dies ist ein Phänomen, mit dem viele Kinder konfrontiert sind, auch wenn sie aus einer glücklichen und meist wohlgehüteten Kindheit kommen. Der Start in der 1. Klasse ist eine Herausforderung und das ist „normal“. Für jedes Kind ist das ein riesen Einschnitt und auch zuweilen eine Ernüchterung. Denn auch bei den Kindern werden viele Erwartungen im Vorfeld geschürt, die dann zumindest nicht gleich erfüllt werden. Klar macht sich dann Enttäuschung breit und die Begeisterung jeden Morgen früh auszustehen hält sich zunehmend in Grenzen. Wenn ich mir nun meine Hoffnungen und Sorgen ansehe, so habe ich fast das Gefühl , dass wir – trotz unserer Herausforderungen bei den Hausaufgaben und dem täglichen Üben – letztendlich auf einem guten Weg sind. Mit jedem Tag kommt Nadeschda doch ein Stück weit mehr in der Schule an. Sie wird ihren Weg gehen, mal mit mehr, mal mit weniger Begeisterung.

Wenn auch die morgendliche Motivation, in die Schule zu gehen, unter der Woche gering ist, so haben zumindest schon unsere unsere Wochenenden – oder auch die bald nahenden Ferien – noch einmal eine neue Qualität bekommen. Und wenn es allein die Tatsache ist, dass beide Kinder es seit Neuestem genießen, am Samstag und am Sonntag ein wenig länger zu schlafen. Glück ist eben ein Kontrasterlebnis.….