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Interviewreihe „Anstrengungsverweigerung“ – eine Adoptivmutter erzählt… (2/3)

Anstrengungsverweigerung im Alltag und in der Schule

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Heute kommen wir zum zweiten Teil meiner Interviewreihe mit Julia. Die Adoptivmutter schildert hier ausführlich und bewegend, wie sich die Anstrengungsverweigerung bei ihrem Sohn in der Schule zeigt. Und auch bestätigt sie mich darin, dass die Anstrengungsverweigerung oft in Phasen der Veränderung auftritt, wie ich es auch so oft schon bei Nadeschda und auch Maxim erlebt habe. 

Liebe Julia, gibt es bestimmte Lebensphasen bei Deinem Sohn, in denen besonders intensiv sein anstrengungsvermeidendes Verhalten auftritt?

Grundsätzlich sind Phasen, die von Neubeginn geprägt sind, wie der Eintritt in den Kindergarten oder auch jetzt dem Übertritt in die Schule, in Verbindung mit persönlicher Entwicklung deutlich mehr von Ängsten geprägt und damit einhergehend von ausgeprägterem anstrengungsvermeidendem Verhalten. Es gibt ruhigere Phasen ohne große Probleme, wenn alles seinen gewohnten Gang geht. Im Allgemeinen ist ein immer gleicher Tagesablauf eher förderlich für unsere Beziehung, wohingegen plötzlich eintretende Veränderung in der Tagesstruktur, sei es durch unvorhergesehen nötige spontane Erledigungen o.ä. eher das Zeug dazu haben, verweigerndes Verhalten „heraufzubeschwören“.

Das ist Ausdruck seiner Angst vor Kontrollverlust und der Ohnmacht, einer nicht beherrschbaren Situation gegenüber zu stehen. Er baut auch gezielt solchen Situationen vor. Hier ein Beispiel: Indem er uns schon weit im Voraus vehement daran erinnert, dass wir neue Milch für sein Müsli kaufen müssen, obwohl noch 2 volle Flaschen im Kühlschrank stehen, schützt er sich quasi vor einer Situation, die er verabscheut, nämlich, in der er Frust erlebt und diesen nicht adäquat beeinflussen kann, wenn mal keine Milch da wäre, und er stattdessen etwas anderes frühstücken müsste. Dieses Beispiel zeigt exemplarisch zweierlei: Erstens, mit was für Dingen er sich, von unserem Standpunkt gesehen, unnötigerweise beschäftigt. Und das macht vielleicht in Ansätzen denjenigen, die ein solches Verhaltensmuster nicht kennen, verständlich, dass ihn das so vereinnahmt, immer in „Hab-Acht-Stellung“ zu sein, dass er sich dann mit den wirklich wichtigen Herausforderungen des Lebens oder seines Alltags, wie z.B. Hausaufgaben nicht mehr auseinandersetzen kann. Seine ganze Energie geht quasi für den Schutz vor der Ohnmacht drauf, da hat dann nicht mehr viel Anderes Platz. Zweitens zeigt es, dass er, um die Kontrolle zu behalten, nicht mehr kindlich darauf vertraut, dass wir Eltern schon für neue Milch sorgen werden, sondern er derjenige sein muss, der darauf hinweist und damit die Erwachsenenrolle übernimmt, die ihn aber natürlich massiv überfordert und überhaupt nicht angemessen ist.

Es gibt viele kleine Situationen sind, die eskalieren können, aber nicht immer müssen. Das ist mir auch noch einmal wichtig, zu sagen: Je öfter wir mit bestimmten Situationen umgehen, desto eher verlieren sie ihre Bedrohlichkeit für ihn. D.h. mit viel Geduld setzt ein Lernprozess bei ihm ein. Und das ist die gute Nachricht für alle, die damit zu kämpfen haben: Es ist möglich, den Teufelskreis aus Angst und Verweigerung zu durchbrechen! Aber eben nicht mit den allgemein gültigen Erziehungsmethoden, so es die überhaupt gibt, sondern mit enger, empathischer Begleitung und viel Geduld. Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt man, und das stimmt!

Wie zeigt sich sein anstrengungsvermeidendes Verhalten in der Schule? Wie gehen seine Lehrer damit um? 

Da er im Sommer erst in die Schule gekommen ist, kann ich dazu noch nicht ganz so viel sagen. Wir sind in gutem Kontakt zur Klassenlehrerin, die wir nicht von Anfang an, aber doch recht bald nach den ersten Schulwochen über seine Geschichte aufgeklärt haben. Wir hatten im Kindergarten schon gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit den Erzieherinnen und in dem Zusammenhang der Aufklärung über seine Biographie gemacht, dass wir uns das für die Schule auch vorgenommen hatten. Allerdings wollten wir zunächst die erste Phase abwarten, um der Klassenlehrerin einen unvoreingenommen Blick zu ermöglichen. Sie hat uns aber recht bald ihrerseits eher beiläufig einige Beobachtungen geschildert, die uns dazu veranlasst haben, sie zu informieren. Auch über das facettenreiche Muster der Anstrengungsverweigerung haben wir ihr einen kleinen Einblick gegeben.

Wir sind bisher sehr positiv überrascht über die gute und einfühlsame Beobachtung, die sie nicht nur in Bezug auf unseren Sohn macht. Bei 23 Kindern in der Klasse nicht selbstverständlich. Bisherige Beobachtungen der Lehrerin gehen in Richtung seiner zurückhaltenden Art und, dass , dass er sich im Unterricht nicht immer traut, etwas zu sagen, obwohl erkennbar ist, dass er die richtige Antwort weiß. In unserem Gespräch mit ihr hat sie sehr aufgeschlossen reagiert und deutlich gemacht, dass sie mit diesem Wissen um seine Situation mit schwierigen Augenblicken besser wird umgehen können.

In der letzten Woche hatten wir noch einmal kurz Gelegenheit, ein kurzes Feedback von ihr zu erhalten, wo sie zwei Dinge besonders hervorgehoben wissen wollte, nämlich, seine Gewissenhaftigkeit bei der Erledigungen von anstehenden Aufgaben und seine Ordnungsliebe bei seinen Schulsachen und seiner Schrift. Das insbesondere sind Dinge, die ja oftmals große Probleme bereiten bei anstrengungsverweigernden Kindern, umso erleicherter bin ich, dass es ihm zumindest in der Schule bisher anscheinend gut gelingt. Ich weiß aber auch, dass das nicht von ungefähr kommt. Wir arbeiten zu Hause hart daran, dass es so ist. Hausaufgaben sind bei uns heikle Situationen und gleichen einem ewigen Minenfeld, wo jederzeit eine „Bombe“ hochgehen kann. Ich muss ihn sehr eng bei seinen Aufgaben begleiten, dabei sitzen und immer wieder esakliert die Situation trotz guter Vorsätze. Von daher bin ich sehr wachsam und dankbar, aber nicht übertrieben euphorisch.

Wie sieht das anstrengungsvermeidende Verhalten Deines Sohnes konkret mit dem Blick auf die Schule aus?

Zu den Hausaufgaben habe ich ja schon etwas gesagt.

Was die aktive Teilnahme am Unterricht angeht, haben wir bisher nur wenige Informationen. Es ist laut der Lehrerin nicht so, dass er sich gar nicht beteiligt, er meldet sich, beantwortet Fragen. Er hat aber schon Schwierigkeiten, frei vor der Klasse zu sprechen. Wenn er sich von sich aus meldet, dann geht es, wenn er aber von Seiten der Lehrerin aufgerufen wird, fällt es ihm schwer, das zu sagen, was er weiß.

Mit unordentlichen Schulsachen haben wir bislang keine Probleme, wobei man sagen muss, dass er immer schon ein Ordnungsfanatiker und Sauberkeitsliebhaber war. Damit meine ich nicht, dass es in seinem Zimmer nicht manchmal so aussieht, als sei eine Bombe eingeschlagen, aber er räumt auf Aufforderung zum Teil alleine, z.T. mit Hilfe sehr gewissenhaft auf. Auch vonseiten der Schule haben wir die Rückmeldung, dass er sich dadurch hervortut. Er nimmt seine Klassendienste sehr sorgfältig und selbstständig wahr und ist immer zur Stelle, wo sich andere gerne aus der Affaire ziehen, wenn es ums Aufräumen geht.

Was Joshua’s Lehrer allerdings auch schon beobachtet hat, ist, dass er sehr gerne versucht, viele Dinge auszudiskutieren oder versucht, zu verhandeln, ob er bestimmte Aufgaben tatsächlich jetzt gleich oder nicht vielleicht auch später erledigen könnte. Auch dies ist bei ihm Ausdruck der Anstrengungsverweigerung, aber entscheidend ist, dass die Lehrerin sich nicht auf solche „Deals“, die er immer anzubieten hat eingeht, sondern konsequent bleibt und er die Aufgaben dann auch anstandslos macht.

Machst du dir Sorgen um die Zukunft Deines Sohnes? Wenn ja, welche?

Ich mache mir Gedanken, sagen wir mal so. Ich mache mir Gedanken, wie er mit seiner Geschichte im Weiteren klarkommt, inwieweit seine Herkunftsgeschichte, von der er selbstverständlich weiß und mit der er aufgewachsen ist, für ihn auch in der aktiven Bearbeitung weiter an Bedeutung gewinnen wird. Sorgen mache ich mir an sich nicht, ich glaube, dass ein sorgenvoller Blick uns nicht hilft. Und ich habe in der Vergangenheit gemerkt, dass wir sehr stark sind, als Familie und in unserer Beziehung zueinander. Und auch und besonders unser Sohn ist sehr stark. Wenn es ihm heute auch noch oft schwer fällt, mit seine Empfindungen und Bedürfnisse einzuordnen und zu kanalisieren, für umso wichtiger halte ich es, dass er so sensibel und empathisch bleibt. Er hat damit eine „Gabe“ oder Eigenschaft inne, die gerade in unserer heutigen Gesellschafft oft Mangelware ist. Wo jeder nur an sich selber denkt, an sein persönliches Fortkommen, an seinen eigenen Vorteil, da erkenne ich in ihm genau das Gegenteil. Er hat ein waches Auge und ein offenes Herz für die zwischenmenschlichen Beziehungen um ihn herum. Von solchen Menschen profitiert unsere Gesellschaft. Das ist meine Überzeugung.

Mehr von Julia und ihrem Sohn Joshua erfahrt Ihr in der kommenden Woche!

Den ersten Teil des Interviews könnt Ihr hier lesen. 

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Über mangelnde Wertschätzung von Betreuungsarbeit

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Photo by Celia Ortega on unsplash.com

Nadeschda hatte nach den Ferien eine kleine Theatervorführung an der Schule. Als wir auf den Beginn der Vorstellung warteten, wurde ich von mehreren Müttern an unsere Schule mit den Worten begrüßt: „Na, Du Retterin unserer Schule.“ Ich wunderte mich ein wenig. Im Grunde habe ich nichts Weltbewegendes getan. Oder doch?

Im Hort der Schule unserer Kinder ist aufgrund einer längeren Krankheit eine Kraft ausgefallen. Nicht eine, die „nur“ die Kinder beim Spielen betreut, sondern eine Fachkraft, die auch die Hausaufgaben begleitet. Es ist also nicht irgendwer ausgefallen, sondern eine Betreuerin, die eine essentielle Aufgabe neben der Schule wahrnimmt, nämlich mit den Kindern das bei den Hausaufgaben nachzuarbeiten, was Zuhause aus welchen Gründen auch immer – meist mangelnde Zeit – nicht gewährleistet werden kann. Denn beide Eltern sind berufstätig, weil sie das wollen und vor allem auch müssen. Dies ist auch mit ein Grund für so viele Schüler an unserer Schule, da hier einfach eine konstante Betreuung bis 16:00h angeboten wird. Selbst bei „Hitzefrei“, wie gerade in den vergangenen Wochen. Und die Eltern wollen eben auch, dass die Hausaufgaben ordentlich gemacht sind und mit all dem „Schaff“, den Schule eigentlich so mitbringt, nichts zu tun haben.

In den Ferien kam der Hilferuf der Schule, ob ich nicht einspringen könnte. Nun, die komplette Zeit war für mich nicht zu realisieren – ich habe ja noch eine Fürsorgeaufgabe Zuhause – , aber ich habe dann binnen zwei Tagen eine Lösung für die Schule gefunden. Nun teile ich mir den Job mit einer Kollegin aus meiner Ausbildung, der ich den Job angeboten habe. Schon mit der Suche nach einer neuen Betreuungskraft für die Mittelstufe hatte die Schule extreme Schwierigkeiten, und so waren sie natürlich dankbar, dass ich so schnell reagiert habe.

Seitdem treibt mich aber der Gedanke um, warum das eigentlich Alles so schwierig ist. Mit „das Alles“ meine ich: Warum ist es so schwierig, wo doch in unserem Land Betreuung der Kinder vermeidlich so hoch gehalten wird, adäquate Betreuungskräfte zu finden? – Egal in welchem Feld der Betreuung. Denn auch als ich im Frühjahr eine Betreuerin für meine Mutter – also jemanden, der dreimal die Woche mit ihr die Dinge des Alltags erledigt, mit ihr spazieren geht, etc. – gesucht habe, gestaltete sich die Suche ähnlich schwierig. – Nicht das alle minder qualifiziert sind. Nein. Es gibt einfach niemanden!

Mit Blick auf die Schule treibt mich das natürlich gerade mehr um und so will ich auch bei dieser Baustelle bleiben. In den Medien geht wieder die Diskussion um die Erfüllung des Betreuungsangebots und der Kindergartenplätze für alle Kinder ab drei Jahren um. War ja ein Gesetz. Und selbst in den einschlägigen Medien des Hauses der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gab es einen Artikel („Wartelistenplatz Nr. 374“ vom 3. 08.2018) , wie sich in den vergangenen Jahren die Arbeitsverhältnisse vor dem Hintergrund der veränderten Betreuungssituation geändert haben, dank des vermeidlich ausgebauten Betreuungsangebots. Waren es 2006 noch 48 Prozent aller Paare, in denen der Mann der Alleinverdiener in der Familie war und 26 Prozent aller Paare, in denen der Mann Vollzeit und die Frau in Teilzeit arbeitete, so verschob sich dies bis  2016 zu 39 Prozent und er erst genannten Gruppe und 34 Prozent in der zweitgenannten Gruppe. Das mag ja alles gut und schön sein, und seit dem 1. August 2018 sind nun in einigen Bundesländern auch die ersten sechs Stunden am Tag der Betreuung in einem Kindergarten kostenlos. Alles wunderbar. Aber was passiert, wenn dann mal die zauberhafte Kindergartenzeit vorbei ist? Dann beginnt der Run auf die wenigen und heiß begehrten Hortplätze. Und wenn Kindergartenplätze gerade in den Großstädten noch nicht ausreichend geschaffen worden sind, wie sieht das dann erst in den Horten aus? Mal ganz abgesehen davon, dass man dort selbst bei einem Ausbau keine Kräfte findet. Und schon gar nicht zu den Gehältern, die dort bezahlt werden. Auch an unserer Schule könnte man über den Ausbau des Hortes nachdenken. Aber wer soll dann den Job machen?

Die Politik sagt, dass immer mehr Frauen wieder in die Erwerbstätigkeit gehen sollen. Das mag ja auch eine gute Idee sein. Aber wenn die Voraussetzungen dafür nicht geschaffen sind, wie soll das dann funktionieren? Und Voraussetzungen heißt für mich eben nicht nur ordentliche und schöne Kindergartenplätze zu schaffen, wo sich die Kleinen auch wirklich wohl fühlen. – Erst in den vergangenen Tagen habe ich im Radio wieder eine Diskussion gehört, wie man es kleinen Kindern leichter machen kann, sich von der Mutter im Kindergarten zu trennen. Mag ja alles sein. Aber wenn das Kind in dem Kindergarten nun völlig überfordert ist, weil es sich auf einmal mit 18 oder meist mehr Kindern in einem „offenen Konzept“  zurechtfinden soll, dann ist das nicht die Lösung, um Mütter in den Arbeitsmarkt zurückzuschicken. – Ungeachtet dessen, dass es dann mit Eintritt in die Schule vorbei ist mit der Herrlichkeit. Denn dann ist es vorbei mit zwei Wochen kompletter Schließzeit im Jahr, wenn es denn vorher gut lief. Dann stehen je nach Bundesland 14 Wochen Schulferien an, die nur begrenzt durch den Hort abgedeckt werden, wenn es denn einen gibt und wenn man da einen Platz bekommt. Wie soll es dann funktionieren, dass beide Eltern arbeiten und ihr Kind in der Zeit gut betreut ist?

Was es wirklich braucht, sind gute Betreuungskonzepte, wenn die Kinder dann einmal in der Schule sind. Nicht nur gute Betreuungsideen, dass die Kinder sich wohlfühlen, sondern auch gute Konzepte, dass man die Pädagogen findet, die diese Aufgaben mit Schulkindern bewältigen können und wollen. Denn auch hier in der Schule ist es neben dem fachlichen Wissen, um den Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen, ganz viel Beziehungspflege, die nötig ist. Das erlebe ich nun jeden Tag. – Natürlich geht mir das Herz auf, wenn ein 3. Klässler vor mir steht und sagt: „Wir haben heute Hausaufgaben auf. Und die will ich unbedingt bei Dir machen.“. Und wenn sie dann da alle sitzen ganz brav und ruhig und mit ihren Texten kämpfen, die sie in Schreibschrift übertragen müssen. Oder ich sehe, dass ein Mädchen, dass ich eben noch aus dem Kindergarten kenne, weil sie mit Nadeschda in einer Gruppe war, fast weint; ich mich zu ihr setze und sie beruhige und sie immer wieder sagt: „Ich schaffe das nicht, und ich muss doch eigentlich raus zu meinem kleinen Bruder. Der ist gerade ein die Vorklasse gekommen und der tut sich so schwer draußen.“ und ich sie in den Arm nehme und sage: „Du schaffst das. Ich helfe Dir. Du kannst das jetzt mit meiner Hilfe ganz schnell schreiben und dann gehst Du zu Deinem Bruder. Und solange Du hier bist, ist er draußen gut aufgehoben.“ Und das Mädchen einfach mit einem schweren Seufzer der Erleichterung das schreibt, was ich vorgemalt habe.

Die Arbeit mit Kindern ist so wunderbar, wenn auch anstrengend und herausfordernd. Und sie ist so unermesslich wichtig. Nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern, damit sie ruhigen Gewissens ihre berufstätigen Pflichten erfüllen können. Doch oft frage ich mich, warum diese Arbeit so wenig anerkannt und wertgeschätzt wird. Wenn ich allerdings so darüber nachdenke, ist das kaum verwunderlich: Denn wenn die Fürsorgearbeit Zuhause schon nicht wahrgenommen und wertgeschätzt wird, warum sollte man die Betreuungsarbeit außerhalb des Zuhauses, an die ja nur dieselbe heimische Fürsorgearbeit ausgelagert wird, wertschätzen und vielleicht auch entsprechend honorieren?

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (101)

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Photo by Max Goncharov on unsplash.com

Auch die zweite Schulwoche haben wir gut gemeistert. Immer noch muss sich alles ein wenig einschütteln, aber wir schwingen uns nun recht friedlich und ohne größere Amplitudenausschläge durch unseren Alltag. Gerade bei Maxim merke ich, dass mit dem Beginn der 4. Klasse er noch einmal einen riesigen Schub gemacht hat und nun beginnt selbstständig zu werden. Auch wenn er sich an anderen Stellen doch auch wieder schwer tut. Nadeschda und ihre Klassenkameraden lernen mit jedem Tag nun, dass sie nicht mehr die Kleinsten in der Schule sind und gebärden sich ebenso immer selbstbewusster. Ja, auch für sie ist das ganze nicht leicht, aber sie schlägt sich tapfer. So bin ich an diesem Sonntag vor allem für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Kaum hätte ich es gedacht, dass sich für Maxim und mich auszahlt, dass ich nun unter anderem die Hausaufgaben seiner Klasse in der Nachmittagsbetreuung begleite. Sehr konzentriert und engagiert macht er seine Aufgaben, ist weniger abgelenkt als Zuhause. Und da wir in einem Umfeld mit anderen Kindern sind, gibt das keinen Anlass zu Manövern, in denen er unsere Beziehung testet. Im Gegenteil. Er scheint fast dankbar zu sein, dass ich ihn und seine Freunde nun in der Schule bei den Aufgaben begleite.
  2. Nadeschda entwickelt sich nach ihrem Bruder zur großen Köchin und nimmt das alles ganz genau. So steht sie nun fast jeden Abend bei mir in der Küche, misst mit ihrem Messbecher die Zutaten genauestens ab, mischt Teig und Saucen und kontrolliert emsig den Garzustand unseres Abendessens.
  3. Ganz ehrlich: Nach der Hitze in den vergangenen Wochen, war ich doch sehr dankbar für die Abkühlung und vor allem für den Regen in dieser Woche. Mein Garten litt zunehmend. Ich gehöre zwar nicht zu der Fraktion, die jeden Abend ihren Rasen sprengt, aber gegen Ende der Hitzewelle habe ich dann doch begonnen, den ein oder anderen Baum in unserem Garten auch ordentlich zu wässern, als diese die Blätter hängen ließen. Einen Bambus hatten wir schon verloren, als wir im Urlaub waren und die Gemüseernte viel auch immer magerer aus. Doch lang gehegte Bäume und Büsche wollte ich dann doch nicht verlieren.

Jetzt genießen wir einen entspannten Sonntag bei angenehmen 26 Grad, die noch völlig ausreichen, dass die Kinder schwimmen gehen können. Habt auch Ihr einen wunderbaren Sonntag und kommt gut und wohlbehalten in die neue Woche!

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (91)

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Photo by Chloe Ridgeway on unsplash.com

Hey, so langsam lichtet sich der Berg an Dingen, die alle noch vor den Ferien endlich erledigt werden wollen. In diesem Sinne liegt eine höchst produktive Woche hinter mir. Meine letzte Seminararbeit ist fertig geschrieben und wartet hier gedruckt auf ihre Präsentation in der kommenden Woche. Ich habe trotz totaler Erkältung endlich lang überfällige Orgadinge erledigt, meine Finanzen mal wieder auf Vordermann gebracht, und einen finalen Plan für die Ferien (über unseren Familienurlaub hinaus) haben wir nun auch. Maxim und Nadeschda haben zwar unter der ersten vollen Schulwoche seit langem gestöhnt (mit den vielen Feiertagen sind sie ganz aus dem Trott gekommen), um so mehr haben wir das Wochenende mit lieben Freunden nun genossen. So sind dies für heute meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Man merkt, dass Maxim und Nadeschda Ferienreif sind. Die Luft ist langsam raus. Dennoch schlagen sie sich tapfer durch die nun verbleibenden letzten Schulwochen. Auch zum täglichen Üben raffen sie sich nach wie vor auf. Meist sogar ohne Theater. Dann geht es auch entsprechend schnell und beide kommentieren dann: „Was, Mama, mehr nicht? Das war schon alles? So schnell ging das?“
  2. Klare Prioritäten zu setzen hilft und beschert schöne Momente: So habe ich doch tatsächlich am Montag Abend einen wichtigen Elternabend einfach mal sausen lassen, und habe meinen Abend bei einem wunderbaren Geburtstag meiner lieben Freundin verbracht. Hinterher das Protokoll des Elternabends zu lesen, hat völlig ausgereicht.
  3. Auch bei meiner Portfolioarbeit habe ich dann am Schluss einfach mal alle Fünfe gerade sein lassen. Irgendwann habe ich mir gesagt, dass ich diese Arbeit nun nicht noch ein x-tes Mal Korrektur lesen muss und habe sie einfach an die Druckerei geschickt. Als sie fertig zurückkam, habe ich auf den ersten Blick nun auch keinen Rechtschreibfehler gefunden…

Habt noch einen wunderbaren Sonntag und einen wohlbehaltenen Start in die nächste Woche!

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (75)

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Photo by Tim Gouw on unsplash.com

Eine kurze Schulwoche liegt hinter uns. So allmählich kommt ein wenig Ruhe in unser Alltagsgeschehen. Fasching war großartig! So viel Spaß hatten wir schon lange nicht mehr!! Und an den restlichen Tagen der Woche haben die Kinder und ich einfach unsere alte Routine wieder aufleben lassen und sind zumindest in dieser Zeit des Tages zu gewohnten Rhythmen zurückgekehrt. Das tat gut! Nachdem ich wieder ein Wochenende in der Akademie verbracht habe, schaue ich dankbar auf diese drei Sonntagslieblinge:

1. Beide Kinder machen nach ihrer Erfahrung in der Betreuung in der Schule jetzt ihre Hausaufgaben alleine in ihren Zimmern. Sie kommen dann und ich darf kontrollieren. Manchmal klappt es gut, manchmal weniger. Aber der Weg führt in die richtige Richtung. Üben tun wir noch zusammen, doch irgendwie haben beide in den vergangenen Wochen einen riesigen Schritt in Richtung Selbstständigkeit gemacht.

2. Keine Vorsätze für das neue Jahr zu haben, scheint sich auszuzahlen: Nun finde ich doch wieder Zeit zu lesen. Und wenn es nur abends eine Stunde noch ist, nachdem die Kinder schlafen. Mein „Projekt“ heißt im Moment, endlich einmal wieder Bücher über Russland oder von Russischen Autoren zu lesen. Nach Jens Mühling’s  „Mein Russisches Abenteuer“ hat mich in dieser Woche eine Biografie über die Romanows und den letzten russischen Zaren begleitet.

3. Nachdem mich zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen eine heftige Erkältung – oder war es gar eine Grippe und ich habe das einfach geflissentlich ignoriert und mit entsprechenden freizugänglichen Medikamenten weggedrückt – gebeutelt hat, war ich nun doch mal beim Arzt und habe ein Blutbild machen lassen. Genauso wie ich die Mahnung von Nadeschdas Hautarzt ernst genommen habe, dass ich nicht nur meine Kinder zur Kontrolle schleifen sollte, sondern selbst auch mal zur Hautkrebsvorsorge gehen, und gleich einen Termin für eben diese ausgemacht habe. Wie war das mit der Selbstfürsorge…

Habt einen erholsamen Sonntag und möge die neue Woche gut für Euch alle beginnen.

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24 Stunden Alltagswahn mit krankem Kind und kranker Mutter

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Photo by Christy Ash on unsplash.com

05:30h Mein Wecker klingelt. Heute muss ich Maxim morgens in die Schule fahren, denn Richard geht mit Nadeschda zum Orthopäden. Ihr tut seit einiger Zeit die Schulter weh. Noch ist es ein wenig Lotto spielen. Denn Maxim war am Vortag mit einer Augenentzündung krank zuhause.

06:15h Die Brotdosen sind gepackt, ich bin geduscht und wecke meine Kinder. Nadeschda ist sehr verschlafen und lässt sich einmal wieder von mir im Bett anziehen. Auch sie ist erkältet, doch bisher hält sie sich tapfer. Maxim ist immer noch angeschlagen. Sein Auge ist trotz Augentropfen immer noch verklebt. Er wird also noch einmal einen Tag Zuhause bleiben. Nachdem wir das Auge gesäubert und mühselig Augentropfen genommen haben, dreht er sich um und schläft wieder ein. Meine Fahrt zur Schule fällt also aus.

06:45h Mein Telefon klingelt. Da ich noch mit Nadeschda’s Strumpfhosen kämpfe, nimmt Richard ab. Es ist die Diensthabende Ärztin der Reha-Klinik. Meine Mutter hatte eine allergische Reaktion und spricht nicht auf das Kortison an, das man ihr gegeben hat. – Kein Wunder, das Zeug hat sie vor ihrem Schlaganfall immer mal wieder gern in hohen Dosen geschluckt, um sich selbst zu kurieren. – Sie wird in ein nahes Krankenhaus verlegt.

07:00h Richard und Nadeschda verlassen das Haus Richtung Orthopäde. Ich rufe unsere Kinderfrau an. Eine Stunde später ist sie da und kümmert sich um Maxim. Ich mache mich auf den Weg in die Reha-Klinik.

08:30h In der Reha-Klinik packe ich notdürftig ein paar Sachen für meine Mutter zusammen und habe eine Gespräch mit der behandelnden Chefärztin. Ob der aktuellen Situation ist sie mit Prognosen, was die Rehabilitation meiner Mutter angeht, eher verhalten. Als ich das Büro der Chefärztin verlasse, erinnert mich ihre Sekretärin an den Wahlleistungsvertrag, den meine Mutter noch unterschreiben muss. Das wird wohl im Moment etwas schwierig…

10:00h Als ich endlich in der Notaufnahme des Krankenhauses ankomme – 10 Minuten in einem überfüllten Parkhaus rumkurven, um einen Parkplatz zu finden, haben meine Geduld stark beeinträchtigt -, teilen mir die Krankenschwestern mit, dass meine Mutter soeben entlassen wurde und wieder auf dem Rückweg in die Reha-Klinik ist. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch den Krankenwagen, der gerade des Krankenhausgelände verlässt.

10:30h Zurück in der Reha finde ich meine Mutter völlig erschlagen auf ihrem Zimmer vor. Ihr Gesicht ist geschwollen, aber sprechen kann sie wieder. Sie beschwert sich, dass man sich im Krankenhaus nicht um sie gekümmert hat. Das stimmt nicht so ganz, wie ich dann von der Chefärztin erfahre. Denn dort gab es eine zweite Dosis Kortison und Antihistamine, womit die Schwellung gestoppt wurde. Ich helfe meiner Mutter noch, frische Sachen anzuziehen und beruhige die Schwestern, dass die Kleidungsstücke, die bei Rückkehr meiner Mutter vermisst wurden, wieder da sind. Ich hatte sie ja mitgenommen, damit meine Mutter im Krankenhaus etwas zum Anziehen hat. Nach einer kurzen Nacht und einem anstrengenden Morgen legt sich meine Mutter ins Bett und schläft. Ich fahre nach Hause zu meinem kranken Kind.

11:30h Zuhause schaue ich kurz nach Maxim. Sein Auge sieht nun nach der zweiten Dosis Augentropfen an diesem Tag schon besser aus. Zufrieden thront er in seinen Kissen und lässt sich von unserer wunderbaren Kinderfrau „Emil und die Detektive“ vorlesen. „Oh Mama, lass mich! Es ist alles gut. Das ist gerade so spannend….“ Ein wenig beruhigt gehe ich in die Küche, esse etwas, erledige schnell zwei Telefonate und mache mich auf den Weg zur Schule.

12:45h Nadeschda ist froh und munter beim Mittagessen in der Schule. Der Orthopäde hat ihre Schulter mit einem pinken Tape verarztet. Das Schultergelenk ist bei ihr manchmal überlastet. Das Tape soll jetzt erst einmal mehr Halt geben. Stolz zeigt sie mir den für die Faschingsfeier geschmückten Klassenraum. Dann schickt sie mich zu meinen Betreuungskindern.

13:30h Nach dem Mittagessen belagern mich 14 Betreuungskinder, wie jeden Tag. „Frau Weiss, ich brauch Hilfe. Ich verstehe das nicht.“, „Frau Weiss, können Sie mal kommen?“, „Frau Weiss, Sie wissen ja, ich bekomme heute wieder VIP-Service!“, „Frau Weiss,…“ Nach zehn Minuten herrscht zum Glück Ruhe im Raum und die Kinder arbeiten konzentriert an ihren Aufgaben. Ich gehe rum und helfe den einzelnen, und mein VIP-Freund bekommt seine VIP-Betreuung, als alle anderen versorgt sind.

15:30h Vielleicht meint das Schicksal es heute gut mit mir. Eine halbe Stunde früher als gewöhnlich, sind heute alle Kinder schon abgeholt, oder auf dem Weg nach Hause. Während ich den Raum noch einmal durchlüfte, stelle ich die Stühle hoch und packe meine Sachen, sammele Nadeschda draußen ein und fahre mit ihr nach Hause.

16.00h Maxim geht es Zuhause prächtig. Zum Mittagessen gab es für ihn Pfannkuchen. Sein Leibgericht. Inzwischen ist er aufgestanden und bastelt Hexentreppen mit der Kinderfrau. Sein Auge scheint sich normalisiert zu haben und die Kopfschmerzen sind auch nicht wieder aufgetreten. Er will jetzt mitkommen, wenn ich Nadeschda zum Ballettunterricht fahre.

17:00h Während Nadeschda  ihre Ballettübungen an der Stange macht, kaufen Maxim und ich schnell im benachbarten Supermarkt ein.

18:30h Wieder zuhause packe ich aus, räume ich schnell auf, wasche die Wäsche meiner Mutter und koche Abendessen. Nadeschda ist eine fleißige Helferin und macht den Salat. Maxim liegt lieber auf der Couch und liest ein Comic. Ja, er ist noch ein wenig schlapp, auch wenn er der festen Überzeugung ist, morgen wieder fit für den Schulausflug zu sein. Mit diesen Gedanken verscheuche ich den Eindruck von früher Rollenprägung in unserer Familie…

19:45h Das Drama um das Verabreichen der Augentropfen ist überstanden und wir drei sitzen beim Vorlesen. Eine halbe Stunde später schlafen Maxim und Nadeschda.

22:00h Nachdem ich mit Richard gesprochen und noch ein paar mails geschrieben habe, falle auch ich müde in mein Bett und werde von einem unruhigen Schlaf übermannt.

05:30h Nadeschda ruft nach mir: „Mama, ist es schon hell? Wann kann ich aufstehen…?“ Schlaftrunken erkläre ich ihr, dass sie noch etwas schlafen kann. Ich finde allerdings nicht mehr zurück in den Schlaf, sondern stehe auf und koche mir einen Kaffee.

An dem Abend hätte ich eigentlich abends noch in die Akademie gemusst. Aber abgesehen davon, dass ich damit an den Rand meiner Kraftreserven gekommen wäre, hätte Maxim das nicht mitgemacht. Tagsüber die Betreuung der Kinderfrau mit Vorlesen, Pfannkuchen und Apfelmus nimmt er inzwischen ohne Probleme hin, auch wenn er krank ist, genießt sie sogar. Doch in den Abendstunden muss ich dann da sein. Auch wenn er mich bei den Augentropfen verflucht hat….

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (71)

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Photo by Alisa Anton on unsplash.com

Die erste Woche Schulalltag liegt hinter uns. Mit recht großen Veränderungen, die Maxim und Nadeschda bravurös gemeistert haben. Ich arbeite nun jeden Tag für ein paar Stunden an der Schule. Kurzfristig bin ich für eine erkrankte Kollegin eingesprungen. Nun müssen Maxim und Nadeschda auch länger in der Schule bleiben. Beide haben das aber gut geschafft. Vielleicht auch, weil ich unser außerschulisches Leben drastisch entschleunigt habe. Es ist eine Phase. Und das ist gut so. Auf Dauer bin ich mir noch nicht sicher, ob dies ein gutes Konzept für unseren Alltag ist. Das werden die nächsten Wochen zeigen. Doch für den Moment bin ich dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Nadeschda verkündete Anfang der Woche, dass sie das nun mit der Schule und den Hausaufgaben ganz alleine macht. Mein heimlicher Blick in ihre Hefte zeigt mir, dass sie es wirklich ernst meint und gewissenhaft ihre Aufgaben erledigt. So schnell ist sie ein großes Schulkind. Wunderbar!
  2. Der Blick über den Tellerrand hilft. Die Arbeit mit den Kindern in der 5. und 6. Klasse zeigt mir, wie weit Maxim schon ist. Wie gut er vor allem schreiben und lesen kann! Wieder einmal war ich so stolz auf meinen Sohn, welch langen Weg er schon gegangen ist und wie sich doch alle Mühen auszahlen.
  3. Auch wenn sich nun vorübergehend unsere Übzeiten verschoben haben, so hat sich bisher meine alte Freundin, die Anstrengungsverweigerung noch nicht wieder gezeigt. Im Gegenteil, beide Kinder arbeiten ungewohnt vorbildlich. Das beruhigt für den Augenblick ungemein.

Nachdem ich nun auch wieder in der Akademie die Schulbank drücken musste, und dies auch das ganze Wochenende, freue ich mich nun noch auf einen ruhigen Sonntagnachmittag und eine wohlbehaltenen Start in eine neue spannende Woche. Möge es für Euch auch eine erfüllte werden.