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48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter (reloaded) – Wenn Papa verreist ist… (Teil 2)

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Photo by Slava Bowman on unsplash.com

Richard ist in den letzten Wochen viel auf Reisen, sehr viel auf Reisen. Auch aktuell ist er immer noch unterwegs. Eine von drei Nächten ohne ihn haben wir geschafft. Nach dem Abholen in der Schule kommt bei beiden Kinder die Angst des Verlassenwerdens hoch, die sich hinter dem schmerzlichen Vermissen des Vaters verbirgt. Die Angst kommt unkontrolliert und in Situationen, die selten etwas mit dem konkreten Vermissen zu tun haben. Denn Richard hat vielleicht die Kinder in ihrer bisherigen Schullaufbahn keine zehnmal abgeholt. – So ging dann nun unser Nachmittag und die übrige Zeit ohne Richard weiter…

Mittwoch Abend

18:00h Nach drei hysterischen Wutanfällen, fliegenden Wachs-Blöckchen durch das Esszimmer, unzähligen zerknüllten Blättern Papier und einer irgendwann verzweifelt weinenden Tochter, weil sie ihren Vater so vermisst, hat sie nach eineinhalb Stunden ihre Hausaufgaben fertig. Ihr Bruder war währenddessen vom Esszimmertisch in sein Zimmer umgezogen, damit er da wenigsten in Ruhe rechnen und sich konzentrieren kann. Doch als Nadeschda fertig war, forderte er seinen Teil meiner Aufmerksamkeit. Beim Vorlesen nuschelt er so sehr, dass es für mich eine harte Geduldsprobe wird, durch die ich haushoch durchfalle. Auch beim Trompete-Üben fordert Maxim mich erneut heraus. Um nicht wieder zu platzen, verlasse ich für ein paar Minuten sein Zimmer. Als das Trompetenspiel gänzlich erstirbt, schaue ich nach und finde meinen Sohn stumm weinend auf seinem Bett. „Wann kommt der Papa wieder?“ fragt mich die zarte Stimme meines Sohnes.

20:00h Nach der vorangegangenen Nacht und dem tränenreichen Nachmittag liegen Nadeschda und Maxim eng an mich gekuschelt in meinem Bett, während ich ihnen vorlese. Heute Nacht bleiben beide Kinder bei mir. Bevor sie einschlafen, fragen beide, wie oft sie noch schlafen müssen, bevor der Papa wiederkommt. Ich antworte ihnen mit „Zweimal.“ Beide seufzen tief und traurig.

Donnerstag: 

02:00h Ich werde mitten in der Nacht wach. Maxim hat von hinten seinen Arm um mich gelegt, Nadeschda von vorne ihr Beinchen über meinen Oberschenkel geschlagen. Beide atmen und schlafen ruhig und friedlich. Mit einem kleinen Glücksgefühl kehre auch ich zurück in den Schlaf.

09:00h Dieser Morgen verlief weniger träge und nach den üblichen Morgenritualen waren wir wie immer pünktlich an der Schule. Am Parkplatz nahmen beide Kinder meine Hand, vor allem für Maxim einen ungewohnte Geste. Üblicherweise stürmt er mit einem seiner Freunde immer los zum Schulgebäude. Auch sollte ich ihn heute überraschend bis zum Klassenraum begleiten. Nun sitze ich wieder für ein paar Stunden in meinem Büro. Zwischendrin schweifen meine Gedanken zum kommenden Nachmittag und ich schwöre mir, diesmal gelassener zu sein. Ich weiß, dass meine Kinder es immer wieder mitnimmt, wenn die Routine durchbrochen wird, und Richard für ein paar Tage nicht da ist.

16:00h Mittlerweile sind wir alle wieder zuhause. Nadeschda und ich waren nach der Schule bei der Logopädin, wie jeden Donnerstag. Maxim war nach der Schule beim Training im Zirkus und ist mit der Fahrgemeinschaft nach Hause gekommen. Nun sitzen wir bei Kakao und Quarkbällchen gemütlich zusammen. Nach dem gestrigen Nachmittag habe ich beschlossen, für heute das Üben Üben sein zu lassen und stattdessen einfach zu spielen. Wir holen nach ewigen Zeiten die Legokisten hervor und bauen die Feuerwehrstation wieder auf. Der Nachmittag vergeht ohne einen einzigen Streit.

19:00h Eigentlich hätte ich heute Abend zu einer Elternbeiratssitzung gehen müssen. Doch diese hatte ich schon im Vorfeld abgesagt. Mehr als einen Abend in der Woche fremdbetreut geht nicht und schon gar nicht, wenn Richard unterwegs ist. Und es erweist sich wieder einmal als die richtige Entscheidung: Beim Zähneputzen passt Maxim auf einmal irgendetwas nicht. – Hin und wieder hat er immer noch solche Anflüge. Sie kommen aus dem Nichts. – Für Minuten geht gar nichts mehr. Er bewegt sich keinen Zentimeter, tut nichts, spricht nicht. Meine Aufforderung, weiter die Zähne zu putzen, hört er nicht. Geschweige denn antwortet er mir, was los ist. Die Minuten verstreichen. Auch Nadeschda wird langsam ungeduldig. Ich verlasse mit ihr das Bad, in der Hoffnung, dass sich dann etwas tut. Doch nichts passiert. Weitere fünf Minuten später steht Maxim noch genauso vor dem Waschbecken, wie wir ihn verlassen haben. Diesmal platzt Nadeschda der Kragen. Sie schubst Maxim vom Waschbecken weg – ich bin immer wieder überrascht wie viel Kraft sie entfaltet, wenn sie wütend ist – mit den Worten: „Dann mach Platz!“ Maxim bewegt sich natürlich nicht, sondern verharrt weiter starr an seiner Stelle. Während ich schon versuche, Nadeschda von ihm wegzuziehen, hat sie ihn so schnell noch in den Arm gekniffen, dass Maxim anfängt zu brüllen und nach ihr tritt. Ich muss eingreifen, versuche beide Kinder in ihre Schranken zu weisen. Doch Maxims Brüllen kippt in ein bitterliches und schmerzhaftes Weinen, denn Nadeschda hat ihm wirklich weh getan. Während ich für ihn ein Eispack aus der Küche hole, steht Nadeschda oben an der Treppe und ruft verzweifelt: „Mama!, Mama!! Du kannst mich doch nicht alleine lassen…“ und bricht ebenso in Tränen zusammen. Zum Glück habe ich zwei Beine und zwei Arme. Auf jedem Bein hockt nun ein Kind und wird von mir in meinem Arm getröstet. Doch diesmal lassen sich beide nicht beruhigen. Unter Tränen putzen wir weiter Zähne, unter Tränen waschen wir Hände und Gesicht und unter Tränen bürste ich Nadeschda’s Haar. Weinend gehen wir noch zum Vorlesen, wieder in mein Bett. Und auch noch beim Lesen, schluchzen beide immer noch. Erst als ich das Licht ausmache und anfange zu singen, kommen Maxim und Nadeschda zur Ruhe und schlafen langsam ein.

21:00h Nachdem beide Kinder friedlich schlafen und ich meine drei Hausangestellten zur Arbeit angehalten habe, lasse ich mich mit einem Glas Wein in den Sessel sinken und telefoniere mit Richard. Auf seine Frage: „Und wie war Euer Tag?“ antworte ich nur: „Alles gut, der ganz normale Wahnsinn. Aber es wird Zeit, dass Du nach Hause kommst. Die Kinder vermissen Dich sehr.“

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48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter (reloaded) – Wenn Papa verreist ist… (Teil 1)

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Photo by Slava Bowman on unsplash.com

Richard ist in den letzten Wochen viel auf Reisen, sehr viel auf Reisen. Geschäftlich. Und das auch hin und wieder am Wochenende. Das bringt sein Job leider so mit sich. Auch wenn er nicht auf Reisen ist, arbeitet Richard viel. Meist bringt er die Kinder morgens noch in die Schule und freitags ist er so früh zuhause, dass ich abends in die Akademie gehen kann. Ansonsten sehen Maxim und Nadeschda ihren Vater unter der Woche nicht. Denn er kommt abends immer so spät nach Hause, dass beide schon schlafen. Dennoch irritiert es Maxim und Nadeschda, dass Papa so viel unterwegs ist, und die Tage, an denen Richard gar nicht da ist, werden immer wieder zu einer neuen Herausforderung. Da sich dies in den vergangenen Wochen gehäuft hat, ist mir dies einen neuen 48 Stunden Beitrag wert.

Dienstag

22:00h: Müde und erschöpft und auch wenig frustriert – die Lerninhalte heute Abend in der Akademie waren jetzt nicht so erhellend wie erwartet – komme ich nach Hause. Die Kinderfrau hatte, wie jeden Dienstag, Nadeschda nachmittags von der Musikschule abgeholt und dann beide Kinder ins Bett gebracht. Der Abend war friedlich. Am Morgen hatte Richard noch, bevor zum Flughafen fuhr und von dort für drei Tage auf Dienstreise flog, Maxim und Nadeschda in die Schule gebracht. So war es ein vermeintlich normaler Dienstag, denn der einzige Unterschied war, dass eben nicht Richard die Kinderfrau ablöste, während ich noch in der Akademie war, sondern ich selbst ein paar Stunden später. Doch die Kinder hatten abgespeichert, dass Papa nicht da ist. So vergehen keine drei Minuten, die ich in der Haustür stehe, und beide rufen mich aus ihren Betten. Ich verabschiede die Kinderfrau und kümmere mich um Maxim und Nadeschda. Meine Tochter hat Durst und kuschelt sich mit einem zufriedenen Seufzer wieder in ihre Kissen, als sie registriert, dass ich da bin. Maxim braucht etwas länger, um wieder einzuschlafen. Er fragt, wo der Papa ist, was er gerade macht, wann er wiederkommt, wie sie morgen in die Schule kommen. Ich halte fast eine halbe Stunde seine Hand, bevor auch er wieder einschläft.

Mittwoch

04:00h Nadeschda ist wach, erst in meinem Bett kann sie wieder einschlafen.

06:00h Mein Wecker klingelt. Richtig geschlafen habe ich seit vier Uhr nicht mehr. Müde kämpfe ich mich aus dem Bett, trinke meinen Kaffee, packe die Brotdosen, dusche und wecke meine Kinder. Beide kommen nur mühsam aus den Betten. Auch ihnen fehlt Schlaf.

07:50h Trotz zähem Start sind wir pünktlich an der Schule. Während Nadeschda beim Papa sich selbst auszieht und ihre Hausschuhe anzieht, muss ich das heute für sie übernehmen.

09:00h Wieder Zuhause. Der Haushalt ist inzwischen gemacht, meine drei Hausangestellten – man nennt sie auch Spülmaschine, Waschmaschine und Trockner – arbeiten, und ich sitze in meinem Büro, um zwei Auftragstexte zu schreiben und meinen Unterrichtsteil in meinem Praktikum vorzubereiten. Eigentlich wollte ich das schon längt erledigt habe und mich meinem neuen Buchprojekt widmen. Doch die Überarbeitung des Exposés muss wohl noch warten.

13:00h Ich mache mich auf den Weg zur Schule. In der Mensa kommt Nadeschda freudestrahlend auf mich zugelaufen. „Meine Mami, Mami!“ Als die Aufsichtführende Betreuerin sie jedoch ermahnt, dass sie noch Tischdienst hat, bricht Nadeschda weinend in meinen Armen zusammen. „Mama, ich kann das nicht.“ jammert sie. Als ich mit ihr den abzuwischenden Tischen gehe, klammert sie sich an mein Bein. Den Tisch wische ich ab, mit meiner an mir hängenden Tochter.

13:30h Maxim kommt aus seiner Leier-AG. Er isst noch in der Mensa, schaufelt aber stumm das Essen in sich rein. Auf meine Frage, wie es heute in der AG war, aus der er in der Regel freudestrahlend und überschäumend berichtet, ernte ich nur ein: „Sag ich Dir nicht.“ Ich stelle das Reden ein. Manchmal geht es mir ja auch so, dass ich nicht direkt nach getaner Arbeit redselig bin. Als wir zwanzig Minuten später im Auto sitzen, fängt Nadeschda, kaum dass wir den Schulparkplatz verlassen haben, an, ihren Bruder zu ärgern. Der wehrt sich und haut irgendwann etwas fester zu. Nadeschda boxt zurück und beginnt gleichzeitig zu weinen. Maxim hält sich schmerzverzerrt die Brust und auch bei ihm sehe ich die Tränen fließen. Als sich beide ich herzzerreißendes Weinen hineinsteigern, halte ich am Straßenrand an, um richtig nach beiden sehen zu können. Nach gegenseitigen Anschuldigungen, wer zuerst angefangen hat, und meinem Ermahnen, dass es eigentlich egal ist und dass ich schlicht und ergreifend nicht möchte, dass sie sich so im Auto streiten, höre ich nur noch ein schmerzhaftes „Papa!“ und „Papi!“ von beiden Kindern. Ich nehme jeden von ihnen in den Arm und tröste sie still, bis die Tränen einigermaßen getrocknet sind.

15:00h Seit gut einer Stunde sind wir Zuhause. Maxim und Nadeschda haben sich ein wenig ausgeruht und nun sitzen wir über den Hausaufgaben. Eigentlich ist unter normalen Umständen der Mittwoch immer der beste Tag in der Woche, in der es höchst selten „Theater“ gibt. Die Kinder sind mitten in ihrem Wochenrhythmus, sie sind fit und ausgeschlafen, sie sind in den Aufgaben und Themen aus der Schule drin. Doch heute ist alles anders…

(Fortsetzung folgt.)

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Erwartung und Realität in der 1. Klasse

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Danke an Pixabay

Inspiriert vom Gastbeitrag „Die 1. Klasse – Vorstellung vs. Realität“ von Marie bei Phinabelle und nach meinem letzten Post zu „Mehr Zeit….“ haben auch mich meine Erwartungen und die nun uns umfangende Realität in der 1. Klasse in den vergangenen Tagen beschäftigt. Aus der Erfahrung mit Maxim wusste ich, dass es nicht einfach wird, und war mir zudem den anstrengungsverweigernden Tendenzen bei Nadeschda bewusst. Insofern war mir klar, dass der Übergang in die 1. Klasse kein Spaziergang wird und ich nicht immer ein freudestrahlendes 1. Klasskind zuhause habe.

Auch bei Maxim war es nicht immer einfach. Doch verließ ich mich damals in nahezu blindem Vertrauen auf seine erste Klassenlehrerin, bis nach ein paar Wochen klar wurde, dass ich, wenn ich mich auf den falschen verlasse, ich selbst verlassen bin. So begannen für mich mittlerweile drei Jahre harter Arbeit. Arbeit an mir selbst, mich in Ruhe und Geduld zu üben, mich von meiner Angst zu befreien, dass meine Kinder vielleicht doch nicht die Schule schaffen. Mich in Selbst- und Gottvertrauen zu üben, Maxim bis zum Abitur zu tragen. Doch vor allem drei Jahre täglichen Übens an jedem Tag der Woche, egal ob Wochentag, Feiertag, Wochenende oder Ferien. Üben, um das nachzuholen, was er in der Schule nicht mitbekommen hatte. Üben, um zu helfen, dass er in den Dingen, die er in der Schule tatsächlich gelernt hatte, besser wurde. Und so ist es nun auch. Die Buchstaben hat er von mir gelernt, Lesen hat er mit mir gelernt, das Zahlenverständnis habe ich ihm gegeben und letztendlich hat Maxim auch das Rechnen in unserem täglichen Üben gelernt. Heute ist er so wissbegierig, dass er von selbst gerne schreibt, liest und rechnet. Meistens…Und zum Glück wurde die erste Lehrerin von der Schule auf Druck der Eltern ausgetauscht. Die neue Lehrerin geht wesentlich achtsamer mit den Schülern um und motiviert sie stetig zum Arbeiten.

Nach den schlechten Erfahrungen bei Maxim war ich beruhigt, dass Nadeschda eine sehr erfahrene Lehrerin bekommen sollte und auch bekam. Mit sehr viel Engagement und Enthusiasmus führt sie die Klasse, grundsätzlich ist Nadeschda sehr gut aufgehoben bei ihr. So hegte ich vor Beginn der Schule einige Hoffnungen. Ich wünschte mir:

  • dass Nadeschda der Übergang aus der Vorklasse in die 1. Klasse leicht fallen würde. Sie war den Tagesrhythmus gewohnt, sie kannte das Gebäude, sie kannte eine Vielzahl ihrer Klassenkameradinnen und sogar einen Teil der Lehrer.
  • dass sie jeden Morgen mit Begeisterung aufstehen und in die Schule gehen würde.
  • dass sie mit großem Wissensdurst in die 1. Klasse starten würde, da sie ja schon bei Maxim mitbekommen hatte, wie toll es ist, wenn man schreiben und lesen kann.
  • dass sie sich auf ihre Freundinnen aus der Vorklasse freuen und die Zeit mit ihnen in den Pausen genießen würde.
  • dass sie ihren Ranzen, den sie mit so viel Begeisterung ausgesucht und vor der Einschulung gepackt hatte, auch in Ordnung halten würde. Und vielleicht hoffte ich auch, da sie ja ein Mädchen ist, dass ohnehin alles ordentlicher und „schöner“ bei ihr sein würde als bei Maxim.

Sorgen machte ich mir lediglich darum:

  • dass Nadeschda wohlmöglich wegen ihrer zierlichen Gestalt im Klassenverband untergehen könnte und sich nur schwer durchsetzen könnte
  • dass sie zu wenig isst und trinkt, da sie es einfach im Spiel vergessen würde.
  • und dass sie aufgrund ihres doch manchmal verträumten Wesens auf dem Schulgelände sich etwas verloren fühlen würde.

Nun nach einigen Wochen Schule haben sich meine Sorgen nicht bestätigt, aber auch meine Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.

Nadeschda geht alles andere als unter im Klassenverband. Im Gegenteil. Sie kann sich sehr gut durchsetzen, zur Not auch mit Hilfe körperlichen Einsatzes, was auch schon der ein oder andere Junge zu spüren bekommen hat. Erst gestern erwischte ich sie dabei, wie sie sich mit einem der kräftigsten Jungen in ihrer Klasse anlegte, weil er gerade für sie im Weg stand. Ihre Brotbox ist immer leer, und mittags wird mir regelmäßig berichtet, dass sie sich zwei Portionen zum Mittagessen geholt hat. Genauso hat sie sich das Schulgelände längst erobert. Selbstbewusst und freudig hat sie ihren Aktionsradius gegenüber der Vorklasse erheblich vergrößert. Sie kennt durchaus die Ecken, in denen man sich gut verstecken kann, um die Pause doch noch ein klitzekleines bisschen zu verlängern.

Jedoch, der Übergang in die 1. Klasse fällt ihr nach wie vor schwer. Die Zeit am Vormittag ist sehr anstrengend für sie. Dennoch dem Unterricht scheint sie zu folgen. Auf jeden Fall erinnert sie nach anfänglichen Schwierigkeiten immer alles. Soweit sie bereit ist, es mir Zuhause zu erzählen. Ja, es ist eine Flut von neuen Eindrücken, Regeln, Inhalten, die sie viel Kraft kosten. Sie ist froh, wenn sie am Nachmittag ihre Ruhe hat und alleine in ihrem Zimmer spielen kann. Somit sind ihr auch ihre Freundinnen im Moment nicht so wichtig. Hin und wieder gibt es wohl auch mal Streit, und dann ist die blöd oder jene blöd und überhaupt soll ja keine von ihren Freundinnen sie Zuhause besuchen und zu ihrem Geburtstag will sie auch niemanden einladen. Nadeschda’s morgendliche Begeisterung für die Schule hält sich ebenso sehr in Grenzen. Da kommt dann schon auch mal ein „Oh nee, nicht schon wieder diese sch* Schule…“ aus ihrem noch schlaftrunkenen Mund. Genauso hält sich ihr Wissensdurst in ausbaufähigen Sphären. „Schreiben wozu? Später kann ich das doch alles in den Computer sprechen…“ – Wo sie das her hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf jeden Fall ist sie um keine Ausrede verlegen, warum sie etwas nicht unbedingt können muss. – Nun ja, und schließlich müssen wir an der Ranzenordnung noch arbeiten. Würde ich ihn nicht jeden Abend ausräumen und wieder einräumen, hätten sich mittlerweile Tonnen von Steinen und Stöcken und Stapel von Papier mit Bildchen angesammelt. Ich habe einfach den Sammlerdrang meiner Tochter unterschätzt. Und dass sie das klischeehafte Ordnungsbewusstsein eines Mädchen nicht hat, hätte ich ja nun auch wissen müssen, wenn ich an mein Leben mit drei Cholerikern denke.

Nachdem ich Phinabelles Post gelesen hatte, war ich ungemein beruhigt, dass nicht nur meinen Kindern der Start in der 1. Klasse an der ein oder anderen Stelle schwer fällt. Dies ist ein Phänomen, mit dem viele Kinder konfrontiert sind, auch wenn sie aus einer glücklichen und meist wohlgehüteten Kindheit kommen. Der Start in der 1. Klasse ist eine Herausforderung und das ist „normal“. Für jedes Kind ist das ein riesen Einschnitt und auch zuweilen eine Ernüchterung. Denn auch bei den Kindern werden viele Erwartungen im Vorfeld geschürt, die dann zumindest nicht gleich erfüllt werden. Klar macht sich dann Enttäuschung breit und die Begeisterung jeden Morgen früh auszustehen hält sich zunehmend in Grenzen. Wenn ich mir nun meine Hoffnungen und Sorgen ansehe, so habe ich fast das Gefühl , dass wir – trotz unserer Herausforderungen bei den Hausaufgaben und dem täglichen Üben – letztendlich auf einem guten Weg sind. Mit jedem Tag kommt Nadeschda doch ein Stück weit mehr in der Schule an. Sie wird ihren Weg gehen, mal mit mehr, mal mit weniger Begeisterung.

Wenn auch die morgendliche Motivation, in die Schule zu gehen, unter der Woche gering ist, so haben zumindest schon unsere unsere Wochenenden – oder auch die bald nahenden Ferien – noch einmal eine neue Qualität bekommen. Und wenn es allein die Tatsache ist, dass beide Kinder es seit Neuestem genießen, am Samstag und am Sonntag ein wenig länger zu schlafen. Glück ist eben ein Kontrasterlebnis.….

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Mehr Zeit, die Dinge einfach mal laufen zu lassen…

Manchmal wünschte ich, wir könnten einfach aus unserer alltäglichen Routine ausbrechen, unsere täglichen Verpflichtungen mal an den Nagel hängen.

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Unsere Tage sind streng durchstrukturiert. Und ich weiss, dass meine Kinder diese Struktur brauchen, sie einfordern. In der Küche haben wir einen Plan hängen, an dem wir die täglichen Aufgaben und Termine aufschreiben. Maxim macht es sich inzwischen zum montäglichen Ritual, diesen Plan für die frisch angebrochene Woche immer zu aktualisieren. „Ah, heute ist Montag. Da habe ich Schule, mache Hausaufgaben, übe – Mama, was üben wir heute? – und dann gehen wir zum Judo. Morgen ist Dienstag. Da habe ich Schule, gehe in den Zirkus, mache Hausaufgaben. Nadeschda hat auch Schule, muss Hausaufgaben machen und dann geht sie in die Musikschule. Mittwoch….“ und so weiter und so fort.

Hausaufgaben und Üben nehmen im Moment viel Raum ein. Je nach Gemütslage der Kinder, dauert das auch schon mal zwei Stunden. Vor allem Nadeschda tut sich nach wie vor mit den Hausaufgaben schwer. Sie erinnert sie gut, dennoch fühlt sie sich unter Druck gesetzt, glaubt, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Und dann schlägt sie wieder durch die Überlebensstrategie. Zunächst versucht sie mit allerlei Ablenkungen sich eben nicht auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. Sie erzählt von Gott und der Welt, von der Schule, von dem, wie andere Kinder malen. Erinnere ich sie unermüdlich, bei den Hausaufgaben zu bleiben, kann ich schon förmlich hören, wie der Alarm in ihrem Kopf losgeht. Über ihr Blatt gebeugt, das Wachsmalblöckchen in der Hand, hält sie beim Malen inne, malt einfach die Linie nicht weiter. Ihre Augen sind zornverdunkelt, wenn sie den Blick hebt. Sie geht auf Angriff. „Mama! Das geht so nicht! Das ist falsch! Das geht so…“ und mit aller Gewalt kratzt sie das Wachsmalblöckchen wütend über das Blatt, mit so viel Kraft, dass das Blatt zerreißt. Wenn ich versuche, sie zu beruhigen, dann kreischt sie irgendwann nur noch rum. „NNEEEEIIINNNNN!“ Dann wirft sie alles, was auf dem Tisch liegt, durch das Zimmer, um dann in Tränen zusammenzubrechen. Verzweifelt weint sie dann auf meinem Schoss. Später, wenn sich Nadeschda dann beruhigt hat, können wir ihre Hausaufgaben machen und üben.

Das wiederholt sich ungefähr jeden zweiten Tag. Nicht immer bleibe ich ruhig und gelassen. Manchmal entgleitet mir meine innere Ruhe. Dann werde auch ich laut, ermahne Nadeschda kein Theater zu machen, dass dieses uns keinen Meter weiter bringt. In der Theorie weiß ich, dass das so unnötig und so sinnlos ist, dass ich mir diesen Atem sparen könnte. Denn mein Brüllen befeuert nur Nadeschda’s Wut und Zorn, beschleunigt den Ausbruch des Alarms in ihrem Kopf. Doch es fällt mir schwer mich in Gelassenheit zu üben, die innere Treppe in diesen Momenten hinunter zu gehen und bis zehn zu zählen, dabei ruhig zu atmen und einfach nur zu hoffen, dass Nadeschda möglichst schnell aus ihrem Teufelskreislaufs der Anstrengungsverweigerung wieder herauskommt. Vielleicht kommt sie es auch nicht ohne meine Intervention. Denn ihr inneres Programm sagt ihr ja, alles zu tun, um die „Anstrengung“ der Hausaufgaben zu vermeiden. Doch dies ist keine Option.

Nun irgendwie bekommen wir es ja hin und die Hausaufgaben sind dann auch jedes Mal gemacht. Doch es kostet viel Zeit und Energie. Vor allem Zeit. Und damit bleibt viel zu selten Zeit, um etwas wirklich Schönes zu machen. Im Garten zu spielen, in den Wald zu gehen, Kastanien zu sammeln, Sonnenblumen pflücken zu gehen, zu malen, zu basteln, zu stricken, oder einfach zu spielen. In mir macht sich eine Sehnsucht nach mehr Spass und weniger Verpflichtungen breit. Einfach nur in den Tag oder zumindest in den Nachmittag hineinleben zu können, ohne an all das zu denken, was noch erledigt werden muss, ohne Stunde um Stunde damit zu verbringen für die Schule zu arbeiten, ohne im Anschluss zu irgendeinem Training oder Musikunterricht zu fahren. Manchmal denke ich, dass es vielleicht gut wäre, unsere zusätzlichen Verpflichtungen mit Sport, Zirkus, Musikschule und Musikinstrument und Therapie noch mehr zu reduzieren. Auch wenn Maxim sich dann beschweren wird, und wir eigentlich das alles so organisiert haben, dass immer noch genügend Luft und Zeit Zuhause ist. Vielleicht sind es nun auch eher die Wochenenden, an denen wir uns die Zeit zum „Nichtstun“ erlauben sollten. Wer weiß. An Tagen wie heute wünschte ich einfach, aus der festen Struktur ein wenig ausbrechen zu dürfen, auch wenn ich auf der anderen Seite weiß, dass meine Kinder diese Struktur auch brauchen. Sie gibt ihnen Sicherheit, Stabilität und strahlt so viel Verlässlichkeit aus. Dennoch sollte es vielleicht genauso Raum für „unstrukturierte Zeit“ geben. Mehr als wir es heute haben.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (52)

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Photo by Artem Kovalev on unsplash.com

52 Wochen Sonntagslieblinge! Kaum zu glauben. Und immer wieder werden sie von Euch gelesen… Das ist schön und das freut mich sehr! – Wieder liegt eine ereignisreiche Woche hinter uns. Es tut so gut, zu sehen, dass sich die zuweilen großen Mühen „auszahlen“, dass die Saat aufgeht, wächst, blüht und gedeiht. Und gerade Maxim und Nadeschda wachsen so unglaublich in den letzten Wochen. Deshalb sind dies heute meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Nadeschda kommt allmählich in der Schule an. Ganz langsam. Aber es geht voran und sie kämpft, kämpft jeden Tag und freut sich inzwischen genauso über die kleinen Fortschritte wie ich. Die Hausaufgaben zu erinnern, war am Anfang ein großes Problem. Nach ein paar Tagen habe ich einfach beim Abholen an die Tafel in ihrem Klassenraum geschaut, was da angemalt war. So wusste ich, was sie Zuhause machen musste. An diesem Freitag kamen wir in den Klassenraum und die Tafel war geputzt. Oh je, keine Hausaufgaben. Doch Nadeschda sagte: „Nein, warte Mama.“ Sie klappte die Tafel wieder auf, zog sie zu sich hinunter und ging mit ihren Fingern die Tafel entlang. „Genau, Mama, ich hab’s! Die lange Gerade quer malen. Denn sie schläft und dabei wird sie dann nach unten immer kleiner.“ Ich war sprachlos und beeindruckt. Es geht! Und es wird gehen. Jeden Tag ein Stückchen besser!
  2. Maxim verdaut allmählich immer besser die Auseinandersetzungen mit Leander. Beachtlich ist für mich, wie präsent er im Unterricht auf einmal ist. Wie oft hatte ich im vergangenen Schuljahr das Gefühl, dass er dort nur physisch anwesend ist, aber meist dissoziiert und nichts mitbekommt. Auf einmal sitzt er abends auf der Toilette und trällert englische Lieder einwandfrei und fehlerfrei vor sich hin. Dass er im Lesen, Schreiben und Rechnen große Fortschritte gemacht hatte, wusste ich ja. Doch hier konnte ich bisher nicht trennen zwischen dem, was er in der Schule gelernt oder wir zuhause uns erarbeitet hatten. Doch Englisch hatte ich bisher nicht auch noch in unser häusliches Üben integriert. Insofern war dies allein seiner Aufmerksamkeit in der Schule zuzurechnen. Wunderbar!
  3. Das ganze Herkunftsthema hatte im Grunde ein Buch von Kirsten Boie ins Rollen gebracht. „Seeräuber-Moses“ erzählt die Geschichte von einem kleinen Findelmädchen, das nach einem Sturm auf einen Seeräuberschiff von den Seeräubern „adoptiert“ wird. Am Ende aller gemeinsamen Abenteuer stellt sich heraus, dass das Mädchen eine kleine Prinzessin ist. Seit zwei Wochen lesen wir diese Buch abends vor. Maxim konnte es gestern Abend nicht mehr aushalten, wie das Buch ausgeht. Er nahm den fast dreihundert Seiten dicken Wälzer mit in sein Bett und las kurzer Hand den Schluss selbst. Da ist er wohl wie ich, die auch zuweilen das Tabu bricht, und schon einmal die letzte Seite liest. Er las aber die letzten zehn Seiten!

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen erfolgreichen Start in die neue Woche!

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48 Stunden Alltag einer (Adoptiv-) Mutter (reloaded)

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Danke an Pixabay

Da unsere letzte Woche ein wenig wahnsinnig zuweilen war und ich wieder mal bis zum Wochenende an chronischem Schlafmangel litt, musste ich an meinen 48 Stunden Beitrag von vor einigen Monaten denken und will ihn heute einmal wieder aufgreifen. Auch heute spüre ich wieder mein Schlafdefizit der vergangenen Nacht – Elternabende bis 23:30h sind einfach nichts für mich, wenn am nächsten Morgen um 6:00h der Wecker klingelt. Es ist alles andere als gesund. Aber nun denn…

Donnerstag

4:30h Aus dem Kinderzimmer kräht es laut:“Mama!“ Schlaftrunken stehe ich auf und schaue nach Nadeschda. „Mama, wann ist es endlich hell?“ In meinem verschlafenen Kopf denke ich noch, dass das jetzt nicht mein Plan eines frühen Schlafen am Abend war. Meine Tochter soll zwar morgens ausgeschlafen aufstehen, aber bitte nicht schon um 4:30h. Ich erkläre ihr, dass es noch mitten in der Nacht ist, bleibe bei ihr, bis sie wieder eingeschlafen ist und kehre zurück in mein Bett. An eine weitere Stunde Schlaf ist aber nicht mehr zu denken. Richard sägt neben mir einen ganzen Wald platt….

5:55h vor dem Klingeln des Weckers stehe ich dann auf. Nach zwei Tassen Kaffee schwindet auch die Müdigkeit. Brotboxen sind gepackt, ich suche die frische Wäsche für die Kinder zusammen, schmeisse die erste Maschine mit schmutziger Wäsche an.

6:30h Während Maxim noch unbedingt ein Bild für seine Lehrerin fertig malen will, dusche ich. Dann helfe ich den Kindern, sich anzuziehen und sich für die Schule bereit zu machen.

07:20h Richard verlässt mit den Kindern das Haus Richtung Schule. Ich räume schnell auf und setze mich dann an den Schreibtisch, um meine Semesterarbeit vorabzutreiben.  Lieber würde ich mich noch einmal hinlegen und wenigsten eine Stunde Schlaf nachholen.

10:30h Ich mache mich auf den Weg zur Schule, um Nadeschda’s Klasse mit in den Wald zu begleiten. Bis alle Kinder ihre Regensachen anhaben, in Reih und Glied stehen, und wir loslaufen können, vergeht eine gute halbe Stunde. Manche Kinder sind schon recht gut in der 1. Klasse angekommen und testen nun die Grenzen der Lehrerin. Manchen geht sie auf den Leim, anderen nicht.

12:40h Wir sind aus dem Wald zurück in der Schule. Ich esse mit Nadeschda in der Mensa. Dann machen wir uns auf den Weg zur Logopädin.

14:00h Ich freue mich über den Kaffee, den die Logopädin mir spendiert. Vielleicht sehe ich heute ja auch so müde aus wie ich mich fühle. Nadeschda macht tapfer ihre Übungen.

15:30h Wir sind zurück an der Schule, um Maxim abzuholen. Er hatte nach dem Unterricht noch Zirkustraining. Gott sei Dank hat er auch bereits seine Hausaufgaben gemacht.

16:00h Zuhause übt Maxim Trompete. Ich mache mit Nadeschda ihre Hausaufgaben. Wie so oft ist es ein Kampf mit ewigen Diskussionen. Ich trinke inzwischen meinen fünften Kaffee und übe mich in Geduld. Ein paar Mal höre ich mich selbst laut und tief durchatmen. Doch es zahlt sich aus. Nadeschda erinnert immer besser ihre Hausaufgaben. Und macht sie. Auch wenn Tränen fließen, wenn sie unzufrieden mit dem Ergebnis ist. – Ursprünglich hatte die Lehrerin diese immer an der Tafel stehen lassen. Da aber die Hausaufgaben für sie hauptsächlich ein Gedächtnistraining sein sollen, und es das für all die Kinder, die im Klassenraum der 1. Klasse dann nachmittags ihre Hausaufgaben machen, nicht war, wischt sie nun die Tafel immer sauber. Und ich bin drauf angewiesen, dass sich meine Tochter selbst an die Aufgaben erinnert.

17:00h Unsere Kinderfrau kommt, die Kinder spielen im Garten. Ich telefoniere noch schnell mit einer besorgten Mutter aus Nadeschda’s Klasse – es hatte mit ihrem Kind einen Zwischenfall im Wald gegeben. Dann mache ich mich erneut auf den Weg zur Schule.

18:00h Termin mit der Schulleitung zum Elternseminar für die zukünftige 1. Klasse. Die Mitarbeit der Eltern in der Schulgemeinschaft soll stärker in den Vordergrund gerückt werden. Zwei weitere Mütter und ich sollen dazu einen Workshop organisieren.

20:00h Wir wechseln den Raum und gehen gemeinsam zur Elternbeiratssitzung der Schule. Wie immer, wenn die Agenda kurz ist, dann dauert die Sitzung lange. Gut, ich bin nicht ganz unschuldig daran, dass es vor allem bei den Wahlen etwas länger dauert, da ich mit der Rekrutierung von Kandidaten nicht ganz einverstanden war. Später auf dem Parkplatz diskutieren wir immer noch ein paar mögliche Kandidaten.

23:00h Endlich Zuhause, finde ich Richard schlafend auf dem Sofa vorm Fernseher wieder. Ich denke: „Wunderbar, das mache ich jetzt auch.“ Doch vorher muss ich noch das Chaos in der Küche aufräumen. Ich befühle die Spülmaschine und schalte sie an. Im Bad wundere ich mich, warum ein T-Shirt von Maxim im Waschbecken eingeweicht ist. Da erinnere ich mich an die Wäsche vom Morgen im Trockner und in der Waschmaschine. Ich tausche die Wäsche und schmeiße noch einmal eine Ladung für die Nacht an. Als meine drei „Hausangestellten“ arbeiten, gehe ich müde ins Bett.

Freitag

06:00h Der Wecker klingelt. Trotz weniger als sieben Stunden Schlaf fühle ich mich fitter als gestern. Zumindest durfte ich durchschlafen. Kein rufendes Kind, kein schnarchender Mann. Oder ich war so erschlagen und habe so tief geschlafen, dass ich weder die eine noch den anderen gehört habe.

6:45h Ich bin bereits geduscht, das Frühstück steht auf dem Tisch und die Brotboxen sind gepackt. Maxim und Nadeschda quälen sich aus den Betten. Richard hatte mir bereits gebeichtet, dass es gestern Abend wieder mal etwas später geworden ist. Ich kann meine Begeisterung nur schwer kontrollieren.

07:30h Wir sind spät dran und hetzen aus dem Haus auf dem Weg zur Schule. Im Auto fällt Maxim ein, dass er sein Heft vergessen hat. Er rennt zurück und holt es. Mit einem Comic in der Hand kommt er wieder. Ich dachte, er holt sein Rechenheft, das er heute wieder mitnehmen muss. Doch das liegt noch auf seinem Schreibtisch. Also renne ich zurück ins Haus und hole es.

07:55h Gerade noch pünktlich vor dem ersten Klingeln kommen wir an der Schule an. Beide Kinder sind rechtzeitig in ihren Klassenräumen. Auf dem Parkplatz kommt mir eine befreundete Mutter mit ihrer brüllenden Tochter, Nadeschda’s Freundin entgegen. Wir winken uns zu, tauschen Blicke ohne Worte. In Gedanken bewundere ich ihre Gelassenheit und freue mich gleichzeitig über meine eigenen Kinder, die noch nie auf dem Weg zur Schule oder an der Schule morgens ein riesiges Theater veranstaltet haben. Egal wie müde sie waren.

09:00h Auf dem Rückweg von der Schule habe ich schnell unseren Wochenendeinkauf erledigt, ein Geschenk für eine Freundin besorgt, bei der wir am Wochenende eingeladen sind, habe eine Jacke zurückgeschickt, die für Nadeschda viel zu groß war. Nun stehe ich im Rathaus und will eigentlich gelbe Säcke für den Plastikmüll abholen. Freundlich erklärt man mir, dass sie schon seit einer Woche keine mehr haben und auch nicht wissen, wann die bestellte Lieferung kommt. So und jetzt? Dann ist wohl Mülltrennung erst einmal passé für die kommenden Tage. Bis ich dann mal wieder Zeit finde, ins Rathaus zu fahren und es dann auch noch aufhat…

10:00h Der Haushalt ist gemacht, die Waschmaschine läuft erneut, die Einkäufe sind verstaut. Endlich sitze ich am Schreibtisch, erledige ein paar mails und mache mich dann mal wieder an einen Auftragstext. Eigentlich wollte ich ja an meiner Semesterarbeit weiter schreiben. Aber die muss jetzt noch einmal warten. Hoffentlich finde ich in der kommenden Woche mehr Zeit dafür und das auch ausgeschlafen. Das Thema ist nicht ganz leichte Kost und ich muss dafür irgendwie ausgeruht sein, um meine Gedanken in eine ordentliche Form gießen zu können.

13:15h Zurück an der Schule. Ich sammle meine Kinder ein. Nadeschda ist erneut frustriert, dass die Hausaufgaben von der Tafel wieder weggewischt sind. Sie glaubt meiner Zuversicht nicht ganz, dass sie sich Zuhause an die Hausaufgaben erinnern wird.

14:30h Nachdem beide Kinder sich erst einmal ein wenig ausgeruht haben, geht es an die Hausaufgaben und das tägliche Üben. Nadeschda tut sich schwer. Dafür begeistert mich Maxim um so mehr. Mittlerweile macht er seine Hausaufgaben ordentlich alleine in seinem Zimmer. Mit Nadeschda zusammen am Esstisch ist es ihm zu laut und zu unruhig. Er hat auch keine Lust, sich ständig von ihr beschimpfen zu lassen. Wenn Nadeschda’s Wut kommt, ist Maxim meist die Zielscheibe ihrer Zornausbrüche.

15:05h Nadeschda hat immer noch keinen einzigen Strich gemalt. Ihre Vermeidungsstrategie läuft auf Hochtouren. Leere Blätter sind schon zerknüllt – „Ich mache heute keine Hausaufgaben!“ – Stifte und Glöckchen flogen bereits durch das Esszimmer. Erst als ich auf einem Blatt das male, von dem ich denke, dass es die Hausaufgaben sein könnten, was ich mir aus den Fragmenten, die Nadeschda mir erzählt hat, zusammenreimen kann, schlägt ihr cholerisches Temperament zu. „Nein, Mama!“ Sie reißt mir das Blatt aus der Hand, nimmt ihre Wachsblöckchen und malt. „Das geht so! Die grüne und die rote Gebogene dürfen sich nicht berühren.“ Die Atmosphäre ist angespannt, aber sie ist aus ihrer Vermeidung herausgekommen. Anstatt Nadeschda wegen ihres Tonfalls zu maßregeln, lobe sie viel und kann sie dazu bewegen, nun das Gemalte in ihr Hausaufgabenheft zu übertragen. Schön und ordentlich.

15:45h Nach den Hausaufgaben hat Nadeschda noch bereitwillig Schreiben geübt und ihre Übungen für die Logopädin gemacht. Auf einmal ging es dann doch schnell. Nun spielt sie in ihrem Zimmer. Die Tür ist zu und sie will ihre Ruhe haben. Ich sitze derweil bei meinem Sohn und genieße sein Trompetenspiel. Ich freue mich, dass er im Moment so gewissenhaft und fleißig übt. Allmählich sieht er selbst seine Erfolge. Manchmal guckt er mich strahlend an, wenn ihm etwas besonders gut gelungen ist und sagt: „Ja, Mama, Übung macht den Meister.“

16:30h Richard kommt nach Hause und ich mache mich auf den Weg in die Akademie. Eigentlich bin ich viel zu müde und würde am liebsten Zuhause bleiben.

17:30h Heute bin ich zügig durchgekommen und genieße noch ein paar Minuten vor Unterrichtsbeginn mit ein paar Mitseminaristen draußen in der Sonne. Doch unsere gute Stimmung fliegt dahin, als unser Dozent uns anschnauzt, wir sollten gefälligst pünktlich kommen. Wir waren vielleicht eine Minute zu spät im Saal. Zum ersten Mal denke ich: „Hey, Sie sind nur hier, weil wir Sie bezahlen.“ So einen Tonfall verbitte ich mir einfach.

22:30h Nach vier Stunden Akademie bin ich endlich wieder Zuhause. Kurz spreche ich noch mit Richard, gucke in meine Mails und falle dann eine Stunde später endlich in mein sehnlichst herbeigewünschtes Bett.

Samstag, 04:30h Aus dem Kinderzimmer kräht es laut:“Mama!“ Schlaftrunken stehe ich auf und schaue nach Nadeschda. „Mama, ich brauche Socken.“ Ich bin zu müde, um mich zu wundern, warum sie keine anhat. Sie schläft IMMER mit Socken. Ich ziehe meiner Tochter wärmende Strümpfe an und kehre in mein Bett zurück.  Doch richtig schlafen kann ich nicht mehr…

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48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Vorab

„48 Stunden im Leben einer Berufstätigen Mutter“ hat mich zu diesem Beitrag inspiriert. Danke an „Die verlorenen Schuhe“ für diesen Impuls!

Tag 1

5:45h:  Mein Wecker klingelt. Schlaftrunken stehe ich auf. Die Nacht war wieder kurz. Ich war zu spät im Bett, lange Telefonate in Vorbereitung auf die Elternbeiratssitzung heute Abend an der Schule. Mein kurzer nächtlicher Schlaf wurde immer wieder von Kinderfüßen in meinem Gesicht unterbrochen. Wenn Richard nicht da ist, schlafen die Kinder meistens bei mir im Bett, da sie ihren Vater zu sehr vermissen. Müde schleppe ich mich in die Küche, mache mir den ersten Kaffee, bereite die Brotdosen für den Tag vor und räume die Restanten des Vorabends auf. Danach duschen und anziehen. Richard ist auf Dienstreise und ich fahre die Kinder in die Schule.

6:30h Kinder wecken. Es braucht wie jeden Morgen viel Überredungskunst, Maxim und Nadeschda aus den Betten zu bekommen. Die Spielverabredung am Nachmittag hilft.

Bis 7:15h: Kinder anziehen bzw. sie sich anziehen lassen, Zähneputzen, Frühstücken, letzte Sachen für die Schule packen und ab ins Auto zur Schule.

7:45h. Ankunft in der Schule. Maxim geht alleine in seine Klasse, Nadeschda bringe ich in die Vorklasse. Kurzes Warten auf die Lehrerin, kurzer Plausch mit anderen wartenden Eltern, kurzer Informationsaustausch mit der Lehrerin: „Und denken Sie daran, dass ich Nadeschda heute früher abhole. Wir haben einen Ohrenarzttermin.“

8:30h Wieder Zuhause. Aufräumen, Waschmaschine anschmeißen, ein paar Überweisungen machen, Handwerker anrufen, etc.

9:30h Ich sitze endlich in meinem Büro und schreibe einen Auftragstext.

11:00h Ich klappe meinen Rechner zu, esse kurz etwas, trinke einen Kaffee und mache mich wieder auf den Weg zur Schule, um Nadeschda abzuholen.

11:30h Eine wütende Nadeschda beschwert sich bei mir im Auto über ihre Klassenkameraden und mich, die sie zu früh von der Schule abgeholt hat. Sie will nicht zum Ohrenarzt gehen.

12:00h Ankunft beim Ohrenarzt. Gottseidank müssen wir nicht lange warten. Nach Untersuchung und Hörtest ist alles okay. Erleichterung. Nach Jahren scheinen wir dieses Problem gelöst zu haben.

14:00h Wieder zurück an der Schule holen wir Maxim ab. Der ist wenig begeistert, doch die Spielverabredung zieht immer noch.

14:30h Zuhause angekommen, beginnen Maxim und ich sofort mit den Hausaufgaben. Wir sind ja verabredet. Bei Aufgabe 3 im Rechnen werde ich schief von der Seite angeraunzt, bei Aufgabe 4 wird wüst im Heft rumgekritzelt und bei Aufgabe 5 fliegen Heft, Bleistift und Radiergummi durchs Zimmer. Mir ist klar, dass das jetzt dauert, und dass wir zu unserer Verabredung zu spät kommen.

15:30h Maxim hat sich von seinem Tobsuchtsanfall beruhigt. Wir können die restlichen drei Aufgaben machen. Und dann mit deutlicher Verspätung zu unserer Verabredung fahren.

16:15h Wir kommen mit einer Stunde Verspätung bei unserer Verabredung an. Die Freundin und die Kinder freuen sich trotzdem und spielen schön, während wir Mütter im Garten in der Frühlingssonne sitzen und plauschen. Zum ersten Mal an diesem Tag kann ich durchatmen.

18:30h Wieder Zuhause duschen die Kinder schnell, ich koche derweil das Abendessen, immer wieder unterbrochen von Hilferufen des gerade duschenden Kindes. Richard kommt ausnahmsweise früh von seiner Dienstreise nach Hause. Denn ich habe ja einen Abendtermin an der Schule.

19:30h Beginn der Elternbeiratssitzung. Nachdem ich noch kurz beim Abendessen dabei saß, wir die wichtigsten Neuigkeiten der letzten zwei Tage ausgetauscht haben, bin ich mit wehenden Fahnen zur Schule gefahren. Ich ergattere gerade so noch den letzten Parkplatz. Irgendwie hatte ich verdrängt, dass noch drei weitere Veranstaltungen an der Schule an diesem Abend stattfinden. Dennoch sitze ich pünktlich auf meinem Stuhl.

23:30h Nach einer aufreibenden Sitzung – es ging um den Haushaltsplan der Schule – und den nacharbeitenden Parkplatzgesprächen bin ich wieder Zuhause. Nach einem kurzen Gespräch mit Richard falle ich hundemüde ins Bett.

Tag 2

6:00h Wieder reisst mich der Wecker aus dem Tiefschlaf. Heute Nacht hatte ich zwar keine Kinderfüße im Gesicht, dafür rief Nadeschda zweimal nach mir. Immer wenn ich abends nicht da bin, wird sie nachts wach und ruft nach mir, als müsste sie sich vergewissern, dass ich tatsächlich zurückgekommen bin. Wie erschlagen schleppe ich mich in die Küche. Sechs Stunden Schlaf und die auch noch mit Unterbrechung sind einfach zu wenig. Nach meinem ersten Kaffee packe ich die Brotdosen und neue Wechselklamotten für Maxim.

6:30h Ich wecke die Kinder, die erst einmal viel kuscheln müssen. Nach dem Abend Abwesenheit besteht Nachholbedarf. Danach eiliges Anziehen, Zähneputzen, Frühstücken.

7:15h Nachdem Richard mit den Kindern das Haus Richtung Schule verlassen hat, würde ich mich am liebsten noch einmal hinlegen. Aber vor mir liegt ein voller Vormittag. Also, zweiter Kaffee, duschen, anziehen, aufräumen, drei Maschinen Wäsche, die gestern so zwischendurch liefen, zusammenlegen, wegräumen, Kühlschrank nochmal checken, ob für das Abendessen alles da ist. „Ach, Mist, es fehlt der Grillkäse.“ Also zum Supermarkt, Grillkäse kaufen. Das war so mit den Kindern abgesprochen. Und da ich heute Abend in der Akademie bin und die Kinderfrau da ist, darf es keine Überraschungen geben.

9:00h Ich sitze in meinem Büro, arbeite schnell ein paar Textänderungen in unterschiedliche Aufträge ein, stelle einen Blogpost ein, um mich dann meiner Portfolioarbeit für die Akademie zu widmen. Heute Abend ist Zwischenbesprechung. Da muss ich etwas vorweisen.

12:00 Wieder Zuhause, schnell noch den Kartoffelsalat für heute Abend vorbereiten. Dann auf zur Schule. Maxim hat Kunsttherapie und der Termin liegt leider so, dass die Kinder an diesem Tag nicht in der Schule essen können.

13:30h Gerade so mal wieder pünktlich kommen wir bei der Therapeutin an. Ich bringe Maxim in den Raum und bereite ihn für die Therapiestunde vor. Zum Glück geht er gerne hin und freut sich jedes Mal auf die Stunde. Nadeschda und ich warten derweil im Wartezimmer. Nachdem ich ihr vorgelesen habe, überkommt mich die Müdigkeit. Ich würde mich am liebsten auf den Spielteppich legen und kurz die Augen schließen. Aber Nadeschda will mit mir die Eisenbahn aufbauen. Das tun wir dann auch und ich schiebe die Müdigkeit weg.

15:00h Zuhause zurück trinke ich erst einmal einen doppelten Espresso. Ich weiss in dem Moment nicht, wie ich heute Abend noch vier Stunden Akademie überstehen soll. Aber gut. Zum Jammern bleibt keine Zeit. Wir haben eine Stunde Zeit, um Maxims Hausaufgaben zu machen und Lesen zu üben. Nadeschda spielt friedlich in ihrem Zimmer. Zum Glück sind die Hausaufgaben nur klein und schnell gemacht. Auch das Lesen klappt immer besser. Maxim hat danach sogar noch eine Viertelstunde Zeit sich auszuruhen, bevor wir auch schon wieder losmüssen.

16:00h Abfahrt zum Zirkus. Maxim hat Zirkustraining. Danach Weiterfahrt zur Musikschule, wo Nadeschda Unterricht hat. Ich verabschiede sie schnell, danach mache ich mich auf den Weg zur Akademie. Die Kinderfrau holt später Maxim und Nadeschda ab, übt Zuhause noch mit Maxim Trompete und bringt die Kinder dann später ins Bett. Hoffentlich schafft sie es heute pünktlich. Im Auto zweifele ich noch, ob das alles so eine gute Idee ist. Vielleicht sollte ich das mit der Ausbildung doch besser sein lassen, Nadeschda in einen anderen Musikschulkurs anmelden und versuchen, Maxim in einer anderen Zirkustrainingsgruppe unterzubringen. Dieser Tag ist einfach zu dicht. Doch ab morgen haben wir wieder entspannte Nachmittage ohne Programm.

22:00h Dank viel Cola habe ich die Akademiestunden gut überstanden und komme hellwach Zuhause an. Zum Glück hat heute das Abholen und das Abendprogramm mit der Kinderfrau gut geklappt. Beide Kinder schlafen friedlich in ihren Betten. Ich bin beruhigt und entlasse zufrieden die Kinderfrau in ihren Feierabend. Richard ist noch auf einem Kundenabendessen. Ich könnte die Gelegenheit nutzen und sofort ins Bett gehen. Aber nun bin ich wach. Ich räume auf, lege Wäsche zusammen, lese und schreibe noch ein paar E-Mails.

23:30h Richard kommt nach Hause. Wir sprechen noch kurz, dann gehen wir schlafen. Auch diese Nacht wird wieder zu kurz sein. Nadeschda wird mich bereits um 1:00h rufen, dann noch einmal um 3:00h. Maxim muss um 5:00 auf die Toilette (es ist der Kinderfrau nicht beizubringen, dass die Kinder vor dem Schlafen noch einmal auf die Toiletten gehen sollten….) und hat Durst. Eine Stunde später klingelt wieder mein Wecker.