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Charlotte’s Sonntagslieblinge (150)

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Photo by Marc Spiske on unsplash.com

Heile und wohlbehalten sind wir aus unserem USA-Urlaub zurückgekehrt. Noch leiden wir etwas unter der Zeitumstellung und die Rückkehr in einen „normalen“ Alltag fällt noch schwer. Hinzukam natürlich die Hitze, die uns hier heiß erwischte und die jegliche Aktivitäten extrem verlangsamte. Doch damit hat es nun zum Glück erst einmal vorerst ein Ende, und ich hoffe, dass sich nun in den kommenden Tagen etwas Normalität und Routine wieder einstellt. – Es ist schon ungewöhnlich, dass meine Kinder im Moment bis neun Uhr morgens oder länger schlafen und abends sich nicht immer so schnell ein Ende finden lässt. – Um so mehr bin ich an diesem Sonntag Morgen, an dem noch alle anderen Familienmitglieder friedlich schlafen, für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Für einen großartigen Urlaub mit vielen schönen Erlebnissen, für mich ein Kennenlernen und Entdecken eines neuen Teils meiner zweiten Heimat – denn so weit im Nordosten der USA war ich noch nicht gewesen. Es war schön und spannend zugleich, wie anders Maine wieder ist. Vor allem, wenn man sich weg der wenigen touristischen Zentren begibt. Da wird es dann sehr ursprünglich und fokussiert auf das Wesentliche. Umweltschutz zum Beispiel ist auch dort schon angekommen. Da gibt es auf einmal in jedem kleinen Dorf einen Supermarkt, in dem man seine Plastikflaschen wieder auffüllen kann mit Waschmittel, Seife, etc., wo man seine eigenen Boxen mitbringt, um Müsli, Mehl oder Zucker abzufüllen. Das hat mich zuversichtlich gemacht. Denn an allen anderen Orten wurde mir fast schlecht im Anblick und des Zwanges so viel Plastik zu verwenden. Wie oft dachte ich dann mit Wehmut an das Plastik-Projekt meines Sohnes in der Schule.
  2. Ich bin dankbar für die Zeit mit meiner „Mom“ – meiner amerikanischen Gastmutter. Auch wenn wir nicht viele tiefgehende Gespräche hatten, so tat es einfach gut, um sie herum zu sein, Zeit mit ihr zu verbringen. Großartig ist im Moment, dass sie in diesem Urlaub ihr Smartphone für sich entdeckt hat, und wir uns nun täglich Kurznachrichten schicken. Das bringt sie irgendwie noch einmal wieder näher. Mehr in den Alltag. Ebenso bemerkenswert ist die Begebenheit, dass Maxim irgendwann in diesem Urlaub fragte: „Mama, warum rufst Du sie immer „Mom“?“ Ich antwortete ihm, dass sie für mich wie eine Mutter ist und ihm noch einmal unsere Geschichte erklärte. Woraufhin mein Sohn begonnen hat, mich nun hin und wieder „Mom“ zu rufen.
  3. In einem kleinen, aber um so wundervolleren Buchladen in Maine habe ich „Achtung Baby“ von Sara Zaske entdeckt und gekauft. Der Untertitel verrät, um was es geht: „An American mom on the German art of raising self-reliant children“. Mmmh, ich bin gespannt. Ich habe es auf dem Rückflug angefangen zu lesen, und werde Euch sicherlich berichten. Denn der Blick von Außen ist aus meinen Augen äußerst spannend. Ich war überrascht und gleichzeitig dankbar für dieses Buch in Anbetracht all der Helikopter-Eltern-Diskussionen in unserem Land.

Habt einen erholsamen Sonntag und einen guten Start in die neue Woche!

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Lydia’s Blogparade: „Was darf man Kindern zutrauen?“

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Photo by Michal Janek on unsplash.com

Die liebe Lydia, deren Blog ich sehr gerne lese, weil sie mir die Welt aus einer ganz anderen Perspektive nahe bringt und damit für mich so vieles Selbstverständliche oft in ein anderes Licht rückt, hat zur Blogparade „Was darf man Kindern zutrauen?“ aufgerufen. Gerne mache ich mit und folge Lydias Aufruf. 

Mit Sicherheit motiviert es mich auch mitzumachen, da ich aufgrund der Lebensgeschichte meiner Kinder eine andere Sichtweise vertrete als viele andere Mütter. Denn meine Kinder haben eine harte und schmerzhafte Lebensgeschichte in ihren ersten Lebensjahren erfahren müssen. Sie lebten eben nicht wohlbehütet und umsorgt auf, sondern waren mehr oder weniger wahrscheinlich von Geburt an auf sich selbst gestellt. So können wir heute nur vermuten. Denn all dies spielte sich ab, bevor wir Maxim und Nadeschda im Alter von fast drei und bald zwei Jahren adoptierten. Mittlerweile sind unsere Kinder „groß“ mit zehn und bald neun Jahren. Aber die Wunden der Frühtraumatisierung hallen bis heute nach. Und somit wachsen sie bei uns eben nicht auf wie „normale“ Kinder, sondern sind durchaus im gemeine Sprachjargon überbehütet. Gerne mache ich mich dabei in Diskussionen um Helikoptermütter unbeliebt. Ich bin eine Helikoptermutter aus Überzeugung. Denn das ist es, was meine Kinder bis heute brauchen. 

Was kann ich meinen Kindern zutrauen? – Theoretisch ganz schön viel. So bitter es klingt, ich könnte heute tot umfallen, und meine Kinder würden irgendwie klar kommen. Denn es ist eine Situation, die sie früh in ihrem Leben gelernt haben. Gerade mein Sohn, der ein ausgeprägtes Autonomieverhalten an den Tag legt, wenn man ihn lässt, würde wahrscheinlich – oberflächlich betrachtet – gut zurecht kommen. Er könnte gut Verantwortung übernehmen, würde sich (zu) viel aufbürden, würde es dennoch schaffen. Aber es täte ihm nicht gut, und es tut ihm auch nicht gut, wenn es denn mal in Ausnahmesituationen gefordert ist. Danach folgen heute noch tagelang die Beziehungsanfragen: „Hält mich die Mama? Hält sie mich aus?“ – Und meine Tochter? Sie war fünf Monate alt, als sie von ihrer russischen Mutter getrennt wurde. Bis heute müssen wir so unglaublich viel nachnähren. Seit bald mehr als einem Jahr schläft sie (wieder) bei Richard und mir in unserem Bett, und es ist fast ein Ritual, dass sie nach dem Vorlesen dort zwischen meine Beine krabbelt und in meinem Schritt verharrt. Als würde sie sich innerlichst wünschen, in meinen Bauch zu kriechen, in dem sie (leider) niemals war. Dieses Kind muss so viel umsorgt werden. Noch heute – und Nadeschda wird bald neun Jahre alt – braucht sie jedes Kleinkindhafte Umsorgen, vom Anziehen über das Schultasche packen und dann an der Hand in die Schule laufen bis zum pünktlichen Abholen – oder ein da sein, weil ich ja im Hort arbeite – und einem begleiteten Arbeiten für die Schule. Nur so schafft sie gut ihren Alltag und ihr Leben. Dennoch weiß ich, dass sie all diese Dinge des alltäglichen Lebens auch alleine bewältigen kann. Natürlich kann sie sich alleine anziehen. Natürlich kann sie sich ihr Frühstück selbst zubereiten. – An guten Tagen erwische ich sie oft am Kühlschrank, wo sie sich selbst ihren Jogurt herausholt, oder sie steht am Toaster und wartet auf ihr Brot, um es sich dann selbst zu schmieren. Dann huscht ihr verschmitztes und spitzbübisches Lächeln über ihr Gesicht, als wolle sie mir sagen: „Mama, ich kann das alles. Aber ich will meistens nicht. Ich brauche es noch, dass Du das alles für mich machst.“

Was kann ich also meinen Kinder zutrauen? Dem einen tut die Autonomie nicht gut, die andere braucht noch so viel Mutterliebe und -fürsorge, dass es mir so oft scheint, es wäre ein Fass ohne Boden. Denn nur mit all dieser Fürsorge haben meine Kinder eine Chance zu heilen: Ihr Trauma zu überwinden, den Schmerz und die Trauer, die Wut des Verlassenseins aus der frühesten Kindheit zu verarbeiten und irgendwann einmal anders damit umzugehen.

Also traue ich meinen Kindern mit Blick auf eine Alltagskompetenz erst einmal wenig zu. Denn ich weiß, dass es am besten ist, wenn sie sich um nichts kümmern müssen und „Mama“ einfach da ist. Nur so fühlen sie sich behütet, sicher und umsorgt. Nur so können sie wachsen und sich entwickeln. Dennoch weiß ich, dass ich genauso die Pflicht und die Aufgabe habe, meine Kinder auf das Leben vorzubereiten und sie dahin zu bringen, dass sie tatsächlich einmal in der Lage sind, ihren Alltag alleine zu bewältigen. Und das ist der schmale Grat auf dem wir uns bewegen. 

Ich erinnere ich mich an eine Situation vor ein paar Jahren mittlerweile. Maxim war zum Geburtstag eingeladen bei einem Freund im Ort – seinem bis heute ersten und seelenverwandten Freund noch aus Kindergartenzeiten. Nadeschda war krank und lag schlafend auf dem Sofa, als es für Maxim Zeit war zu gehen bzw. es Zeit war, dass ich ihn zu seinem Freund bringe. Ich war im ersten Moment etwas ratlos, wollte Nadeschda nicht aufwecken, aber auf der anderen Seite musste Maxim ja zu diesem Geburtstag. Da sagte mein Sohn: „Mama, ich kann doch auch alleine zu Karl laufen.“ Wie Recht er hatte! Es war ja wirklich nur die Straße rauf. So machten wir das dann auch. Und es war gut. Denn es war auch ein Stück weit eine gesunde Eigenverantwortung, die Maxim sich in diesem Moment selbst gewählt hatte.   

So versuchen wir seitdem, in kleinen wohlgewählten Dosen, unsere Kinder an Verantwortung in ihrem Alltag heranzuführen. Pflichten und Aufgaben im Haushalt zu übernehmen, selbstständig an Dinge zu denken und diese auch zu erledigen. – Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass wir auf dem Land leben und meine Kinder nicht die örtliche Schule besuchen. So ist unser Leben ohnehin davon dominiert, dass ich eh meine Kinder überall hinbringen muss. (Öffentliche Verkehrsmittel fallen qua schlechter Infrastruktur aus.) Wir fahren sie zur Schule, wir holen sie dort ab, wir bringen sie zu ihren Freunden, wir fahren zu den Freizeitaktivitäten, die eben alle auch nicht in unserem Ort sind. Diese Form der Unselbstständigkeit haben wir uns sozusagen eingekauft, als wir uns für die Waldorfschule entschieden haben, die mittlerweile unser Lebensmittelpunkt ist. – Nach den Jahren des vollständigen Umsorgtseins ist das nicht immer einfach. Gerade hier im Skiurlaub gab es eine riesen Diskussion, warum denn nun beide Kinder ihre Koffer selbst auspacken sollten und ihre Anziehsachen in den Schrank räumen sollten. Es ist und wird eine Gratwanderung bleiben. 

Aber am Ende muss ich für meine Kinder feststellen: Zutrauen darf man ihnen eine Menge. Doch ich muss jedes Mal wieder abspüren, ob ihnen das jetzt gut tut oder nicht. Manchmal könnte ich mehr loslassen und ihnen mehr zutrauen. Oft brauchen sie aber immer noch einmal das Quäntchen mehr „Mama“ und Fürsorge als andere Kinder.  

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Von der Wut einer Adoptivmutter – über Helikoptereltern und „Rabeneltern“…

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Photo by Gabriel Matula on unsplash.com

Manchmal bin ich wütend, einfach nur wütend. Immer noch sind wir auf der Suche nach den Ursachen von Maxim’s Kopfschmerzen. Auch ein neuerlicher Termin beim Neurologen hat keine neuen Erkenntnisse gebracht. Und immer mehr läuft es darauf hinaus, dass die Kopfschmerzen durch Stress und innere Anspannung verursacht werden, so wie ich es ja schon vor ein paar Wochen vermutet hatte.

Vor ein paar Tagen war ich in Maxim’s Klasse, um mit der Klassenlehrerin eine Theateraufführung mit den Kindern vorzubereiten. Ich war entsetzt über die Lautstärke, die da herrschte. Langsam wunderte es mich nicht mehr, dass mein Sohn sich kaum im Unterricht konzentrieren kann, neuer Stoff für ihn eine immer größer werdende Herausforderung ist. Wie anstrengend muss es sein, sich in diesem lauten Chaos auch nur irgendwie ein wenig zu konzentrieren? Auch beim Mittagessen und in der Hausaufgabenbetreuung entwickelt sich die Lautstärke mittlerweile zu einem offensichtlichen Thema. Mit strengem und konsequentem Durchgreifen gelingt es uns Betreuerin langsam mehr Ruhe zu schaffen. Aber Spaß macht es nicht. Die Klassenlehrerin weiß um das Problem, ist aber langsam auch mit ihren Lösungsideen am Ende. In der Klasse sind nahezu ein Drittel verhaltensorigineller Kinder, die vor allem durch Lautstärke und respektloses Verhalten auffallen. Diese Kinder bräuchten Hilfe. Hilfe im Elternhaus und vielleicht auch externe Unterstützung, denn ihr auffälliges Verhalten ist doch nur ein lauter Schrei nach Hilfe und Aufmerksamkeit. Doch die Eltern dieser Kinder machen nichts. Im Gegenteil, selbst wenn die Klassenlehrerin schon Therapeutentermine vereinbart, dann ist es mittlerweile nicht nur einmal passiert, dass die Eltern diese Termine mit ihren Kindern nicht wahrgenommen haben.

Da stehen mir die Haare zu Berge! Nicht nur, weil es mir um diese Kinder leid tut, sondern vor allem, weil mein eigener Sohn leidet. Physisch leidet und psychisch leidet. Denn die Kopfschmerzen sind das eine, seine Frustration, dass er im Unterricht nichts mitbekommt und dann auch noch Zuhause mehr lernen und üben muss, ist das andere. Gepaart mit dem Gefühl dumm zu sein und nicht zu können. Hinzukommen die Sorgen und das Rennen von einen Spezialisten zum anderen, von Therapeuten zu Therapeuten. Und am Ende sind es im Grunde die Eltern der anderen leidenden Kinder, die die Ursache allen Übels sind, weil sie sich einfach nicht kümmern, weil es in ihren Augen die Verantwortung der Schule ist, weil es okay ist, einem Kind keine Grenzen aufzuzeigen, weil es viel bequemer ist, alles einfach laufen zu lassen. Oh ja, Zuhause findet dann nur noch „Wohlfühlzeit“ statt, bloss keine Konflikte und Probleme angehen…

Und um meiner Wut nun endgültig Luft zu machen, über diese Eltern ist nichts in Presse und Literatur zu lesen. Stattdessen erobern Bücher über „Helikoptereltern“, wie gerade das aktuelle von Lena Greiner und Carola Padtberg „Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen!“, die Bestsellerlisten, in denen überfürsorgliche Eltern, ja zugegeben durchaus unterhaltsam, auf die Schippe genommen und vorgeführt werden. Das mag ja sein, dass das Phänomen der Helikoptereltern durchaus problematisch ist und eine ganze Generation von hilflosen und überbehüteten Kindern herangezogen wird, die später im Leben vielleicht nur schwer alleine zurecht kommen. – Was ich persönlich allerdings nicht glaube. – Doch über die andere Seite der Medaille, nämlich über die Eltern, die sich zu wenig oder unzureichend um ihre Kinder kümmern, wird viel zu wenig in der Öffentlichkeit geschrieben und gesprochen. – Was ist eigentlich das Gegenteil von Helikoptereltern? Sind es die „Rabeneltern“? – Ist ja auch klar, das wäre längst nicht so unterhaltsam und belustigend zu lesen, wie ein WhatsApp-Chat einer Elterngruppe, wenn die Kinder auf Klassenfahrt sind. Nein, im Gegenteil, es wäre eher traurig und ernüchternd.

Ich stehe dazu: ich bin eine überfürsorgliche Mutter. Nach wie vor bin ich eine Helikoptermutter aus Überzeugung. Daran hat sich in all den Jahren nicht geändert. Und die Situation in Maxim’s Klasse bestätigt mich, dass dies im Falle meiner Kinder richtig ist. Denn nur so kann ich ihnen vielleicht helfen, mit den anderen herausfordernden Kindern umzugehen, sie stark zu machen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Wenn nicht alleine, dann eben mit mir an ihrer Seite.

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Wie viel Berufstätigkeit vertragen (meine) Adoptivkinder?

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

An der ein oder anderen Stelle hatte ich in den vergangenen Jahren, die es meinen Blog mittlerweile gibt, über das Thema der Berufstätigkeit als Adoptivmutter geschrieben. Im Grunde ist das Thema der Berufstätigkeit ein Dauerbrenner für mich, auch wenn ich mich immer mehr in mein „Schicksal“ als maximal teilzeitarbeitende Frau gefügt habe. Denn irgendwann werden meine Kinder größer und brauchen mich vielleicht nicht mehr so sehr. Doch dann wäre ich für den Arbeitsmarkt unbrauchbar. Bereits ein paar denkwürdige Kontakte mit der Arbeitsvermittlung im vergangenen Jahr bestätigten mir dieses Gefühl. Und auch wenn mein Mann uns gut versorgt und wir in der luxuriösen Situation sind, dass ich nicht zwingend arbeiten muss, so gibt es doch niemals eine absolute Garantie, dass das alles auch so bleibt. Inspiriert von ein paar Nachfragen von einzelnen Leserinnen und unserer aktuellen Situation, dass ich nun nach den Ferien konstant in Teilzeit arbeite – mal sehen wie lange das gut geht – greife ich das Thema der Berufstätigkeit wieder auf. Zumal mich genauso erneut die Frage nach der Wertschätzung von Fürsorgearbeit in unserer Gesellschaft, wie Claire von mamastreikt sie immer wieder zurecht aufwirft, umtreibt. Aber dazu an anderer Stelle in den kommenden Tagen mehr.

Meine Kinder brauchen eine „Übermutter“

Doch wie viel Berufstätigkeit vertragen Maxim und Nadeschda? Die Lebensgeschichte meiner Kinder begann mit dem schlimmsten, was man sich im Leben eines kleinen Menschen vorstellen kann, wie gerade erst Irmela Wiemann in einem Interview in der Aargauer Zeitung sagte: Sie wurden von ihrer leibliche Mutter getrennt. Wie so viele Adoptivkinder mussten sie in ihren ersten Lebensjahren Dinge erleben, die kaum ein Erwachsener verkraften könnte. Ihr Urvertrauen wurde zerstört, und also Folge sie lassen sich schwer auf neue Bindungen ein, sie fühlen sich selten sicher und behütet. Ihre Frustrationstoleranz ist niedrig, das Lernen fällt ihnen schwer. Sie können Risiken nicht richtig einschätzen, übernehmen sich entweder, oder trauen sich vor lauter Angst gar nichts zu. Ihnen fehlt die entscheidende innere Basis an Vertrauen und Sicherheit, die leiblich und behütet geborene Kinder von Natur aus haben.

Meine Kinder brauchen eine „Übermutter“. Dies nicht nur im Sinne von zusätzlicher Förderung, um etwaige Entwicklungsverzögerungen, Sprachstörungen oder andere gesundheitliche Beeinträchtigungen zu überwinden. – Sie brauchen ein Vielfaches an Zuneigung, Nähe, Fürsorge, Kümmern, Begleiten. Nur wenn ich da bin, spüren sie den Halt und die Sicherheit, um sich gesund zu entwickeln. In den ersten Jahren war es ein Nachnähren vom Baby- und Kleinkind sein, von dem man ausgehen könnte, dass es irgendwann einmal abgeschlossen ist. Aber Kinder mit frühtraumatisierenden Erfahrungen, wie die Trennung von der leiblichen Mutter, fallen immer wieder in solche frühen Entwicklungsphasen zurück. Sie sind ein „Fass ohne Boden“, sie saugen die Zuneigung und das kleinkindliche Umsorgen auf wie ein trockener Schwamm. Ich war mir bei der Adoption der Folgen der Traumatisierung bewusst. Doch glaubte ich noch, dass meine Kinder nur im ersten Jahr therapeutische Unterstützung brauchen, um ihre Entwicklungsdefizite aufzuholen, und in den ersten Monaten meine permanente Fürsorge und Anwesenheit, um eine stabile Bindung aufzubauen. Aber nach beinahe einem Jahrzehnt muss ich feststellen: Das reicht nicht aus. Meine Kinder brauchen viel mehr. Noch heute benötigen sie immer einmal wieder therapeutische Hilfe in unterschiedlicher Form. Noch heute muss ich als ihre Mutter permanent verfügbar sein. Und immer da sein. Bin ich es nicht, verlieren meine Kinder ihren Halt und stellen unsere Bindung von neuem in Frage. – Erst in dieser Woche fanden meine Kinder mich nicht, als ich sie von der Schule mittags abholte. (Sie hatten mich beim Essen schon gesehen und wussten also, dass ich da bin.) Ich war an einer anderen Stelle in der Mensa mit einer Lehrerin im Gespräch. Die Panik stand Maxim und Nadeschda noch ins Gesicht geschrieben, als sie mich fanden. Und aus ihrer Wut „Mama, kannst Du verdammt nochmal Bescheid sagen, wenn Du weggehst!“ sprach die pure Angst, allein gelassen zu werden. –

Unser Alltag ist nach wie vor wenig geprägt von freiem sorglosem Spiel, sondern dominiert von vielen Therapieterminen, Arztbesuchen, Aktivitäten, die die Kinder in den Bereichen fördern, wo sie noch Unterstützung brauchen, lernen für die Schule, üben für die Logopädin, etc. Wir müssen einem sklavischen Tagesablauf folgen, der immer den gleichen Rhythmus und die gleiche Struktur hat. Nur das gibt den Kindern Sicherheit. Zudem reicht der routinierte Tagesablauf nicht aus, sondern Maxim und Nadeschda  brauchen mich, ihre Mutter, als stabilen Anker in ihrem Alltag. Diese Fürsorgearbeit für meine Kinder abzugeben, ist keine Option.

Permanente Fürsorge

So fahre ich meine Kinder in die Schule und zu ihren Freizeitaktivitäten und begleite sie bis zum Unterricht, nicht weil ich glaube, dass sie es selbst nicht könnten, oder weil ich fürchte, dass ihnen etwas im Straßenverkehr passiert. Nein, meine Tochter braucht mein Umsorgen als ihre Mutter, damit sie die Kraft für den Musikschulunterricht hat, dass sie weiss, dass ich da bin. Immer. Genauso lässt mein Sohn sich nach wie vor mit inzwischen zehn Jahren morgens beim Anziehen helfen, seinen Schulranzen packen, das Brot beim Essen schmieren. Nicht weil er es nicht selbst könnte, sondern weil er diese Form der Fürsorge nach wie vor braucht.

Wenn ich sage, dass ich meine Kinder zum Abitur trage, dann nicht, weil ich die Hoffnung hege, dass aus ihnen Starwissenschaftler oder Top-Manager werden. Nein. Es geht darum, sie solange wie möglich in einem behüteten und steuerbaren Lernumfeld zu belassen, bis sie auf eigenen Füßen stehen können. Viele Adoptions-Experten gehen davon aus, dass frühtraumatisierte Kinder erst mit Anfang zwanzig gelernt haben, mit ihrem Trauma zu leben und die Ausprägungen dessen selbst kontrollieren können. Erst dann sind sie vollends fähig, ein normales bürgerliches Leben zu leben. Es geht also darum, ihnen solange wie möglich einen Raum für innere Heilung zu geben.

Permanente Schulbegleitung

Eine Ausprägung der Traumatisierung ist sowohl bei Nadeschda als auch bei Maxim, dass die Schule ein unglaublicher Stressfaktor für beide ist. In der Folge zeigen sie Tendenzen eines anstrengungsverweigernden Verhaltens, über das ich schon an vielen Stellen geschrieben habe. Entscheidend ist bei beiden,d ass sie in Phasen der Überforderung einfach im Unterricht dissoziieren, also das Unterrichtsgeschehen einfach an ihnen vorbei rauscht. So müssen wir täglich Zuhause für die Schule arbeiten, sei es den Unterrichtsstoff nachholen, den sie nicht mitbekommen haben, sei es bestimmte Themen immer wieder und wieder zu üben, dass sie Sicherheit gewinnen und das Erlernte von ihnen eben nicht mehr als anstrengend empfunden und damit nicht mehr abgelehnt oder vermieden wird. Das braucht Zeit, viel Zeit. Je nach emotionaler Verfassung meiner Kinder arbeiten wir ein bis drei Stunden täglich, jeden Tag, egal ob Wochentag, Wochenende oder Ferien. Zudem engagiere ich mich bewusst in der Schule, um meinen Kindern das Fünkchen Mehraufmerksamkeit der Lehrköper auf der einen Seite und eine Portion mehr Wohlwollen zu teil werden zu lassen. Auch das kostet Zeit.

Der Löwenanteil der Fürsorge für Maxim und Nadeschda liegt also bei mir. Ich kümmere mich um die Schule, begleite Hausaufgaben und tägliches Üben, ich organisiere ihre Hobbies und Verabredungen, ich sorge für die richtige Begleitung durch Ärzte, Therapeuten etc., ich bin für sie immer verfügbar. Berufstätig sein kann ich nur in der Zeit, in der die Kinder in der Schule sind. Das ist nicht viel Zeit. – Ungeachtet dessen, dass hinzukommt, dass ebenso jegliche Familienarbeit auf meinen Schultern lastet. Denn Richard und ich haben uns auf die klassische Arbeitsteilung verständigt, was bedeutet, er verdient das Geld und ich mache den Rest. Dass der „Rest“ aber eben auch noch eine ganze Menge ist, wird viel zu wenig gesehen. – Bin ich außerhalb der Schule nicht so für meine Kinder da, wie ich es nun schon seit so vielen Jahren bin, verlieren sie ihren Halt, ihre Sicherheit. Dann bleibt vieles auf der Strecke. Und die Chancen sinken, dass sie irgendwann einmal heilsam mit ihrem Trauma leben und ein ganz normales bürgerliches Leben führen können. Doch sie genau dahin zu begleiten ist meine Hauptverantwortung und vor dieser muss eine Berufstätigkeit immer zurücktreten. So könnte ich also auch meine Ausgangsfrage „Wie viel Berufstätigkeit vertragen meine Adoptivkinder?“ mit einem einzigen Wort beantworten: KEINE!

P.S. Gerade als ich diesen Post fertig geschrieben hatte, rief die Schule an. Ich möge Maxim abholen. Er hätte starke Kopfschmerzen…..

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Ist Jim Knopf ein Anstrengungsverweigerer?

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Photo by Veri Ivanowa on unsplash.com

Ihr alle kennt doch sicherlich Michael Endes wunderbare Buch „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“? Das haben wir gerade wieder gelesen. Natürlich bewegt die Geschichte meine Kinder, denn Jim ist ja ein Waisenjunge, der als kleines Baby per Paket auf Lummerland landet und dann von Frau Waas großgezogen wird. Als Lummerland zu klein wird, weil Jim zu groß, verlassen Lukas und Jim über Nacht die Insel und brechen zu großen Abenteuern auf. Nachdem sie die mandalanische Prinzessin Li Si aus den Fängen des Drachen Frau Mahlzahn gerettet haben, kommt es auf der Heimfahrt nach Mandala zu einem kleinen spannenden Dialog zwischen Jim und ihr. Li Si ist ganz überrascht, dass Jim, obwohl älter als sie, noch nicht lesen und schreiben kann. Jim laviert sich so ein wenig raus, obwohl ihm die Situation unangenehm ist. Unterm Strich beharrt Jim, darauf, dass er diese Fähigkeiten ja nicht braucht, er käme auch wunderbar ohne zurecht.

Als ich diese Szene nun neulich abends erneut Maxim und Nadeschda vorlas, musste ich ein wenig schmunzeln und an meine beiden kleinen Anstrengungsverweigerer denken. Als Maxim anfing in der ersten Klasse mit Schreiben, sagte er einmal zu mir: „Mama, warum muss ich das lernen? Ich kenne doch die Buchstaben auf der Tastatur. Das reicht doch. Dann tippe ich eben Briefe….“ – Wenn ich dies so schreibe, muss ich unfreiwillig an den Fortschritt der Technik seitdem denken, denn inzwischen müsste er noch nicht einmal mehr die Buchstaben kennen, sondern könnte alles diktieren. Ich kann einer höheren Macht danken, dass die gängigen Spracherkennungsprogramme nun doch noch nicht so gut funktionieren, dass meine Kinder auf die Idee kämen, nun gar nicht mehr schreiben lernen zu müssen.

Doch eine ähnliches Gespräch, wie es zwischen Jim und Li Si im Buch stattfand, hatten Maxim und ich dann doch in den vergangenen Tagen. Maxim lernt jetzt in der dritten Klasse gerade noch einmal richtig die Uhr – mechanisch und digital – lesen. Maxim fällt das sehr schwer. Ja, schon längt hätte er die Uhr lernen müssen, aber da es eben in unserem Alltag so ist, dass ich die Kinder überall hinfahren und abholen muss, wozu. Es war einfach nie die Notwendigkeit da, dass Maxim die Uhr lesen können musste. Auch wenn er mittlerweile mit seinen Freunden im Dorf alleine auf den Spielplatz geht. Da gibt es eine Kirchturmglocke, die schlägt. Und so waren die Abmachungen: „Wenn die Glocke fünfmal schlägt, kommst Du nach Hause.“ Das hat bisher immer wunderbar funktioniert. Nun haben wir uns also durch die Uhr gequält. Und so langsam geht es auch, jeden Tag eine wenig besser. Aber auch, weil wir eben jeden Tag üben. Und jeden Tag unserer guten Freundin der „Anstrengungsverweigerung“ mal für einen kurzen Moment, mal für eine ganze Weile „Guten Tag“ sagen.

Am vergangenen Wochenende war Maxim dann mit einem guten Freund verabredet. Schon zwanzig Minuten vor der Zeit war mein Sohn fertig angezogen, gefrühstückt und bereit für den Ausflug. In freudiger Erwartung kam er alle 30 Sekunden in die Küche, um zu fragen: „Mama, wie lange noch? Wann kommt denn der Karl?“ Als ich ihm sagte: „Schau auf die Uhr am Backofen und rechne es Dir aus.“ antwortete mein Sohn: „Nee, das kann ich nicht und ich brauche das auch nicht.“ Ich antwortete nur: „Okay, dann wirst Du eben nicht wissen, wie lange Du noch warten musst.“ Aber ich dachte bei mir: „Ja, irgendwie hat mein Sohn zumindest im Moment in seinem Leben recht, so behütet und umsorgt er wird, braucht er sich nicht um eine Uhrzeit kümmern. Das ist mit Sicherheit für die Zukunft nicht tragfähig, und genauso wie das Lesen und Schreiben ist das Lesen der Uhr eine Kulturfähigkeit, die er einfach irgendwann lernen muss, um im Leben zu bestehen.“ Und so lernen wir nun fleißig die Uhr. Auch wenn uns manchmal die „Anstrengungsverweigerung“ dabei im Wege steht.

Jim Knopf ist mit Sicherheit kein Anstrengungsverweigerer. Er lernt ja dann auch irgendwann Lesen und Schreiben mit Prinzessin Li Si. Doch ich fand die Verbindung von seiner Geschichte als Adoptivkind, die ihn auf seiner Reise ja auch einholt, und sein vehementes Ablehnen von Lesen und Schreiben können einfach sehr treffend für unsere immer wiederkehrende Situation.

Nehmt dies als Auftakt zu meiner versprochen Reihe an Beiträgen zum Thema „Anstrengungsverweigerung“ in den kommenden Wochen.

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Der Versatile Blogger Award – die Zweite

versatile-awardDie liebe Susanne von „Hallo liebe Wolke“ hat mich vor ein paar Wochen erneut für den Versatile Blogger Award nominiert. Hab lieben Dank dafür! Natürlich mache ich gerne wieder mit und nutze diesmal die Chance, meine Nominierungen vom ersten Versatile Blogger Award zu erneuern oder auch noch einmal Blogs zu nominieren, die mir leid und teuer sind, auch wen sie diesen Award dann zum wiederholten Male bekommen.

Doch zunächst meine sieben Fakten über mich, die ich an die nominierende liebe Wolke gerne zurückgebe:

  1. In der Mitte meines Lebens habe ich begonnen, Flöte zu spielen. Bis dahin hatte ich mich geweigert, ein Instrument anzufassen.
  2. Ich rede im Schlaf, angeblich….
  3. Ich spreche vier Sprachen mehr oder weniger fließend.
  4. Ich bin bekennende Helikoptermutter.
  5. Ich mag den Winter. Doch richtig gut geht es mir erst bei 30 Grad Außentemperatur und mehr.
  6. Als Kind habe ich Gartenarbeit gehasst, heute kann ich es kaum erwarten, dass der Frühling Einzug hält und ich mit Maxim und Nadeschda wieder pflanzen kann.
  7. Ich habe eine Schlangenphobie. Es wird eine große Herausforderung sein, wenn meine Kinder im Frühjahr zu einem „Schlangengeburtstag“ eingeladen sind.

Und hier meine Nominierungen, unter denen sich wieder eine bunte Mischung von Blogs findet, die mich schon von Beginn an begleiten oder erst seit neustem, die das Muttersein in den thematischen Vordergrund stellen oder Bücher, letzteres für mich im Moment das Wunderbarste in meinem Leben neben meinen Kindern:

Mission Mom

FamilieBitte

Die verlorenen Schuhe

Familiendinge

home is where the boys are

add2fam

Julmum

Kaiserinnenreich

Das Leben ist kein Ponyhof

Nach Regen kommt Sonnenschein

Tante Tex

Read Books and Fall in Love

Elementares Lesen

Tintenhain

Buchstabenträumerei

Und zum Schluss noch einmal die Regeln in aller Kürze:

  • Danke der Person, die dich nominiert hat
  • Wähle 15 Blogger aus, um sie deinerseits für den Versatile Blogger Award zu nominieren
  • Erzähle 7 Dinge über dich

Ich freue mich, wenn Ihr mitmacht und noch mehr, sieben Fakten von Euch zu lesen. 😉

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Helikoptermutter aus Überzeugung

VIP Hubschrauber im Anflug

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

An Pfingsten haben es „Helikopter-Eltern“ auf die erste Seite der „FAZ am Sonntag“ gebracht. Unter dem Titel „Bitte fahr mich nicht schon wieder!“ wird vor den Gefahren, die der Trend, Kinder zunehmend mit dem Auto zur Schule und persönlich bis in Klassenzimmer zu bringen, gewarnt. Es wird vom pädagogischen Mehrwert berichtet, den stattdessen der gemeinsame Schulweg mit anderen Klassenkameraden zu Fuss hat.  – Ich bin eine bekennende Helikoptermutter! Und das aus Überzeugung. Warum, lest Ihr in meiner aktuellen Kolumne: „Helikoptermutter aus Überzeugung – Warum Adoptivkinder überbehütet werden müssen“.