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Herkunft (4) reloaded: Über den Umgang mit der Herkunft – Warum Verschweigen keine gute Lösung ist….

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Wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann kommen doch die ersten Reaktionen auf Maxim’s Erzählen seiner Herkunft in der Schule in kleinen Wellen zu uns zurück. Behutsam und einfühlsam. Und manchmal auch mit überraschenden Wendungen.

So hatten wir vor ein paar Tagen Besuch von Maxim’s Klassenkameraden und dessen Mutter. Nach dem ersten Kaffee sprach sie mich zaghaft auf unsere „Familiengeschichte“, wie sie es nannte an: „Sag mal, der Maxim hat ja dem Johannes schon vor ein paar Wochen in der Schule von Eurer Familiengeschichte erzählt.“ Ich schwieg und wartete ab. „Ja, und dass er zwei Mütter hat, eine in Russland und Dich hier. – Das hat mich doch sehr berührt.“ Ich nickte wohlwollend und erzähle ihr kurz unsere Geschichte. Weniger die von Maxim und Nadeschda mit ihren Erfahrungen im Kinderheim, sondern vielmehr, dass beide in Russland geboren sind, und wir sie dort vor mehr als sechs Jahren adoptiert haben. „Und weißt Du, wir haben mit dem Schuleintritt beschlossen, dass unsere Kinder entscheiden sollen, wem und wann sie von ihrer Adoption erzählen. Denn es ist ihre Geschichte. Und mich freut es, dass Maxim nun so weit ist.“ „Seit ihr denn hier Zuhause immer offen mit der Adoption umgegangen?“ fragt die Mutter. „Ja, von Beginn an wussten unsere Kinder, dass wir sie adoptiert haben und dass sie ebenso noch eine Mutter in Russland haben.Daraus haben wir nie ein Geheimnis gemacht.“ „Das finde ich ganz großartig und mutig.“ fährt die andere Mutter fort. „Weißt Du, mich hat das sehr berührt. – Denn… ich habe erst mit 23 erfahren, dass ich von meinem Vater adoptiert wurde und dass mein leiblicher Vater in der Türkei lebt.“ Bumm, das saß! Plötzlich kommt das Thema „Adoption“ in unserem sozialen Umfeld doch auch an anderen Stellen vor, als wir es je vermutet hätten. Und dann auch noch so…. Ich war tief berührt von der Offenheit von Johannes’ Mutter. Im Nachhinein hatte ich fast das Gefühl, sie war so dankbar, dass sie sich mir mitteilen konnte und in mir ein Gegenüber fand, die sie verstand und ihre Situation nachvollziehen konnte.

In der Folge fragte sie viel nach, wie wir mit der Herkunft unserer Kinder umgehen würden, neben dem Erzählen und offen Gesprächsbereitschaft immer wieder zu signalisieren. Denn nicht immer wollen Maxim und Nadeschda über ihre Herkunft und ihre Zeit in Russland sprechen. Vor allem Nadeschda schiebt das Thema immer wieder gerne ganz weit von sich. Doch beide Kinder wissen, dass sie mit allen Fragen immer zu uns kommen können. Immer und zu jeder Zeit, auch wenn mich zuweilen die Gelegenheiten  , die sie aussuchen, doch immer wieder überraschen. Ja, und natürlich würden wir auch irgendwann nach Russland reisen, um die Mutter zu suchen, wenn Maxim und Nadeschda das denn wollten.

Johannes’ Mutter zeigte mir mit ihrer Geschichte – auch wenn die Hintergründe und Umstände bei ihr ganz andere gewesen waren – , wie wichtig es war, gegenüber seinen Adoptivkindern offen mit ihrer Herkunft umzugehen. Nichts unter den Tisch zu kehren, zu verheimlichen oder zu verleugnen. „Selbst als ich mit meinem ersten Kind schwanger war und ich meine Mutter nach der Familienanamnese fragte, verschwieg sie meinen leiblichen Vater. Erst ein paar Jahre später brach sie ihr Schweigen.“ Johannes’ Mutter suchte ihren Vater und fand ihn auch, doch es blieb bei einer einzigen Begegnung. Vielleicht weil sie so enttäuschend verlief, wie Sherrie Eldridge es von den Treffen mit ihrer leiblichen Mutter schildert.  „Weißt Du, bis heute kann ich es nicht mehr ertragen, wenn etwa unter den Tisch gekehrt wird. Ich muss immer alles ansprechen. Ich will immer die Wahrheit wissen. Das ist fast manisch, aber ich kann nicht anders. Auch wenn ich mir damit manchmal das Leben schwer mache.“ Ebenso bestätigte sie mich, als sie erzählte: „Und weißt Du, man spürt das. Als ich in der Pubertät war, da kam dieser ganze Mist mit ‚Ihr seid nicht meine richtigen Eltern!‘, ‚Ich bin vertauscht worden.‘, ‚Irgendetwas stimmt hier nicht.‘ und ich hatte Recht. Es war so. Denn mein leiblicher Vater war ein ganz anderer.“

Für mich war das ein spannender Nachmittag. Denn neben der Bestätigung dessen, dass wir im Umgang mit den Wurzeln unserer Kinder einen vielleicht heilsamen Weg eingeschlagen haben, war es mehr als interessant unverhofft die Erfahrungen einer erwachsenen Adoptierten teilen zu dürfen. Ohne dass ich sie gesucht hatte. Es war einfach an einem Nachmittag unter Schulmüttern passiert.

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Wie ein Baum ohne Wurzeln…

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Photo by Gregoire Sitter in Unsplash.com

Sherrie Eldridge, die Autorin von vielen wunderbaren Adoptionsbüchern, postet in den vergangene Tagen wieder sehr bewegende Beiträge, die mich an der ein oder anderen Stelle zum Nachdenken bringen. Vor allem „Adopted and Foster Kids Can Survive Winter“ geht mir zur Zeit nicht aus dem Kopf.

Ich glaube, dass zwar Maxim und Nadeschda noch nicht viele der Gedanken bewusst haben, die Sherrie schildert. Dafür sind sie noch zu jung und zu klein. Die winterliche Jahreszeit hat für sie immer noch einen magischen Zauber, jetzt wo die Vorweihnachtszeit absehbar ist und gefüllt sein wird mit schönen und aufregenden Momenten. Zudem liebt vor allem Maxim den Schnee. Schon jetzt zählt er die Tage, bis wir im Januar zum Skilaufen fahren.

Dennoch spüre ich, dass dennoch im Unterbewusstsein der Winter für meine Kinder eine Zeit des traurigen Schmerzes ist. Gerade Maxim macht wieder einmal ein paar schwere Tage durch. Und auch Nadeschda kämpft zuweilen mit der Wut. Wenn ich so an unsere nicht immer harmonischen Nachmittage denke, so kommt mir das Bild mit dem Baum in den Sinn, das Sherrie beschreibt. „We can say we are cold to the roots.“ Meinen Kindern ist kalt bis in die Wurzeln. Ihnen wurde ihre Herkunft und ihre Wurzeln genommen, und der Schmerz der Entwurzelung mag tief sitzen. Immer noch!

Ich denke an ein Seminar, das wir in Vorbereitung auf die Adoption hatten. Die Seminarleiterin zeigte uns einen Teddybären mit vielen abgeschnittenen Fäden an Armen und Beinen. Dazu sagte sie: „So etwa kommt ihr Kind zu ihnen. Mit unzähligen abgeschnittenen Bindungen und Beziehungen.“ Ja, in all den Jahren, seitdem Maxim und Nadeschda bei uns sind, haben sie sicherlich genauso viele neue Bindungen und Beziehungen geknüpft. Doch die abgeschnittenen Enden bleiben. Manchmal schmerzen sie, wie die Wurzeln des Baumes, die noch keinen vollständigen warmen sicheren Halt gefunden haben. – Wie sehr hoffe ich und wünsche ich, dass meine beiden Kinder einmal  so selbstbewusst mit ihrer Herkunft und Geschichte umgehen, und mit dem Schmerz der damit verbunden ist, dass sie ebenso sagen: „I am a tree, that suvived winter.“

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#bestofElternblogs im November

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Anja von der Kellerbande ruft regelmäßig zum 1. des Monats zu den besten Beiträgen der Elternblogs auf. Und wieder mache ich gerne mit. Im Oktober war der meist gelesener Beitrag von Euch „Adoption: Eine Privatsache?“. Hier habe ich mich damit auseinandergesetzt, warum die Adoption unserer Kinder nach wie vor unsere Privatsache ist, und weshalb wir einen schmalen Grat gehen zwischen Aufklärung auf der einen Seite und Schutz unserer Privatsphäre auf der anderen Seite.

Habt Dank für’s Lesen!

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Erinnerungen eines Adoptivkindes können überraschen…

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Danke an Rachael Gorjestani auf unsplash.com

Sherrie Eldridge hat einmal wieder einen Post vor ein paar Wochen veröffentlicht, der mich sehr gerührt und ermutigt hat. „Your Adopted or Foster Child’s Memories May Surprise You“ kam gerade richtig. Hängen geblieben ist er zunächst, weil Sherrie über ein ganz profanes Gericht geschrieben hat, das ihre Mutter immer für sie gemacht hat: Erbsen auf Toast.

Das blieb in meinem Gedächtnis hängen, denn zum einen hasst Maxim Erbsen, ohne sie wirklich zu kennen. Bei uns hat er sie immer verweigert. Und es gibt eine lustige Geschichte, die wir gerne erzählen: Einmal habe ich Backerbsen zur Kartoffelsuppe gekauft. Und auch den Kindern erzählt, dass es abends Kartoffelsuppe – die beide Kinder lieben – mit Backerbsen gibt. Maxim verzog fast schmerzverzerrt das Gesicht. Doch dann sah er, dass es keine Erbsen waren und probierte – zunächst widerwillig -, um dann mit der Backerbse im Mund zu sagen: „Mmmh, Mama, echt lecker.“ Seitdem geht bei uns immer der Spruch um: „Maxim, es gibt Erbsen.“ Schmerzverzerrtes Gesicht meines Sohnes. „Nein, es gibt Backerbsen.“ Maxim’s Gesichtsmuskeln entspannen sich zu einem Lächeln.

Zum Anderen entspannten mich Sherrie’s Schilderungen einmal wieder so ungemein. Denn sie macht in ihrem Beitrag so wunderbar deutlich, dass meine Kinder mich lieben und akzeptieren, so wie ich bin, dass sie mir das eben nur nicht zeigen können. Denn die Wut auf ihre leibliche Mutter mag so unermesslich sein, dass sie diese einfach immer wieder auf mich projizieren. Und es braucht Jahre und Jahrzehnte bis meine Kinder realisieren, dass das, was ich jeden Tag für sie tue, ihnen vielleicht doch zeigt, wie sehr ich sie liebe. Dies tue ich einfach, jeden Tag und mit jedem Tag immer mehr. Und ich bin sehr gespannt, an was sich meine Kinder einmal erinnern werden.

Es werden jedoch nicht „Peas on Toast“ sein, das ist sicher…

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Adoption: Eine Privatsache?

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Neulich sprach ich mit einer Bekannten und erzählte ihr, dass Maxim nun über seine Herkunft spricht. Die Bekannte fragte mich: „Und geht Ihr jetzt offen mit dem Thema um?“ Sie spielte dabei vor allem auf die Eltern in Maxim’s Klasse an und hinter ihrer Frage verbarg sich eigentlich die Frage, ob ich mich nun vor die Elternschaft stellen und sie proaktiv über Maxim’s Herkunft aufkläre würde. Spontan antwortete ich mit Nein. Denn ich muss nicht in einem Umfeld, in dem vielleicht jetzt hinter vorgehaltener Hand über die Adoption unserer Kinder gemutmaßt wird, mich belehrend und aufklärerisch auf die Bühne stellen. Denn trotz allem bleibt unser Weg, eine Familie geworden zu sein, unsere Privatangelegenheit. Bei Lichte betrachtet gehe ich ja auch nicht durch die Gegend und frage Mütter, sofern ich es denn gehört hätte: „Und wie war das bei Euch mit der künstlichen Befruchtung?“

Dennoch bleibt es eine Gratwanderung. Und ich gebe zu, dass in meiner Brust manchmal zwei Herzen schlagen. Denn auf der einen Seite ist da mein Bedürfnis durchaus über die Adoption und das Leben mit Adoptivkindern aufzuklären. Vor allem mit Vorurteilen aufzuräumen. Aber auch anderen Adoptivfamilien zu helfen und vielleicht mit ihnen in einen Austausch zu kommen. Denn im Privaten ist das Leben mit zwei Adoptivkindern anders. – Erst neulich wurde mir nach einem Besuch bei Freunden, die ebenso zwei Kinder aus Russland adoptiert haben, klar, wie angenehm es ist, sich unter „Gleichgesinnten“ auszutauschen. Da braucht es einfach nicht immer viele Worte und diese werden auch nicht auf die Goldwaage gelegt. Wir verstehen uns auch ohne Worte. Und vor allem wird auch nicht gewertet. – Ich für mich weiß, dass ich inzwischen recht gut vernetzt bin und insofern die Chance auf einen regelmäßigen Austausch habe. Daneben lese ich viel Fachliteratur. (Das könnte einmal wieder etwas mehr sein, aber dennoch ich lese immer noch mehr als viele andere Adoptiveltern.) Dennoch denke ich, dass es immer noch viel zu wenig Möglichkeiten für Adoptivfamilien gibt, sich kontinuierlich zu informieren, auszutauschen und zu beraten. Das war für mich letztendlich auch die Motivation zu meinem Buch und der Grund für die Initiierung meines Blogs. Dass vor allem der Blog viele Leser mit einem Adoptionshintergrund hat, zeigt mir, dass ich hier eine Informationslücke fülle. Ich würde mir wünschen, dass das Thema Adoption sich mehr und auch objektiv mehr in den Medien findet. Doch ich weiß auch inzwischen, warum das so selten passiert. Denn Adoptionsgeschichten müssen, damit sie sich für die Allgemeinheit „verkaufen“, persönlich sein, und auch – letztendlich wegen der Glaubwürdigkeit – persönlich bebildert sein. Man will das Kind sehen mit seinen Adoptiveltern, sonst wirkt die Geschichte nicht überzeugend. Das ist leider so. Die Konsequenz ist, dass wenig über Adoptivfamilien geschrieben und berichtet wird, und wenn dann immer doch sehr problembezogen. Denn auch hier, nur die „Sensation“ verkauft sich medial. Die „normale“ unaufgeregte Adoptivfamilie, die aber trotzdem sich ihren Weg durch ihren Alltag kämpft, ist eben nicht so spannend.

Auf der anderen Seite betreibe ich Buch und Blog bewusst anonym unter einem Pseudonym. Reale Bilder aus unserem Leben gibt es dort nicht. Genauso gibt es auch in unserem realen Familienleben keine Bilder von unseren Kindern im Netz. Dies tue ich zum Schutz meiner Kinder und unserer Privatsphäre als Familie. Vor allem will ich meinen Kindern ihre Entscheidungsautonomie lassen, selbst zu entscheiden, wem sie wann in welchem Umfang von ihrer Adoption erzählen. Denn, und das scheinen viele immer wieder zu vergessen: Es ist die Lebensgeschichte meiner Kinder. Nicht meine oder Richards. Oder dies nur zu einem Teil. Nüchtern betrachtet war es für Richard und mich ein Prozess von etwa einem Jahr, doch eine Familie werden zu können, mit vier aufregenden Reisen nach Russland. Das Schicksal meiner Kinder, ihre Lebensgeschichte bis zur Adoption, die irgendwie ja auch diesen Schritt und Akt der Adoption notwendig gemacht hat, die Adoption an sich und all das, was damit verbunden ist, ist ihre ganz persönliche Geschichte. „Es ist ihre Herkunft, es sind ihre ersten Lebensjahre, die sie nicht mit uns Adoptiveltern verbracht haben, es sind ihre Erfahrungen und Ereignisse, die sie mit geprägt haben.“ wie ich schon einmal hier geschrieben habe. Maxim und Nadeschda wird ihre Adoption ein Leben lang prägen. Sie werden sich irgendwann mit ihrer Herkunft auseinandersetzen müssen, sie werden ihre russische Mutter suchen wollen, sie werden vielleicht lange nach einer Antwort auf die Frage suchen: „Warum hat sie uns abgegeben?“ Aber egal wie, es ist ihre ganz persönliche Angelegenheit. Und sie entscheiden, wie sie damit umgehen und wen sie dabei involvieren. Nicht wir als ihre Eltern.

Ja, natürlich prägt die Adoption unseren Alltag als Familie mit und hat meine Rolle als Mutter mich anders ausgestalten lassen über all die Jahre. Mich anders werden lassen. Doch manchmal habe ich das Gefühl, dass die Bedeutung der Adoption bei mir als Mutter immer mehr abnimmt, je länger Maxim und Nadeschda bei uns und mit uns leben. – Dass sie an vielen Stellen mehr und andere Bedürfnisse haben, mag mit der Adoption zusammenhängen. Doch letztendlich könnte dies genauso, dann eben vielleicht in anderer Ausprägung, bei einem leiblichen Kind sein. – Und auf der anderen Seite nimmt, je länger Maxim und Nadeschda bei uns leben, die Bedeutung der Adoption gerade für sie stetig zu. Und gerade deshalb gehen wir, je älter unsere Kinder werden, umso sensibler mit diesem Thema um. Aber eben auch mit einer größeren Distanz. Denn wie schon oben gesagt, wem würde man so unvermittelt seine Familiengründungsgeschichte auftischen, wenn es keine Adoption ist?

Da wir uns nun eben auch an dem Punkt befinden, dass Maxim und Nadeschda auf der einen Seite beginnen, selbst über ihre Herkunft zu sprechen, aber auf der anderen Seite noch zu klein sind, um bewusst und reflektiert alle Konsequenzen der Offenheit abzuschätzen, müssen wir um so achtsamer mit diesem Thema umgehen. Wenn sie älter sind und ihren Umgang damit gefunden haben, dann wären wir vielleicht in der Situation, dass wir als Familie durchaus auch in eine breitere Öffentlichkeit gehen könnten. So wie die Töchter von Marion Gaedecke, die bei dem Film ihrer Mutter „Wunschkinder“ aktiv mitgewirkt haben. Da waren sie aber schon mindestens 14 Jahre alt. Bis dahin bleibt unser Adoption nur eins: unsere Privatsache!

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Herkunft (3) – Wie erklären wir die Adoption unseren Kindern?

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Noch nähern wir uns der Herkunftsfrage sanft und in kleinen Dosen. Noch stellt Maxim nicht die Frage nach dem „Warum?“ Noch zeigt sich seine Wut und Trauer in anderen Kontexten und unbewusst in der Form, dass er auf alles wütend ist, was er jetzt hat und nicht auf das, was er nicht hatte. Doch irgendwann wird er die Frage stellen. Und ich bin noch nicht sicher, ob ich eine passende Antwort parat habe.

Sherrie Eldridge hat vor ein paar Tagen dazu einen spannenden Beitrag veröffentlicht: „How to explain Adoption to your Adopted Child“. Ihr kunstvoller Ansatz, dem Kind zu erklären, dass es in Gottes Herz und aus seiner Liebe entstanden ist, gefällt mir. Zumal er alle Schuldzuweisungen und Wertungen eliminiert. Er kann dem Kind vielleicht das Gefühl nehmen, nicht gewollt gewesen zu sein und weggegeben worden zu sein. Auf der anderen Seite ist für mich diese Vorstellung doch sehr abstrakt. Kann ein Neunjähriger das nachvollziehen und nachempfinden? Dennoch, Maxim beschäftigt sich, nachdem sie die Schöpfungsgeschichte gerade in der Schule behandelt haben, sehr intensiv mit Gott und geht nun auch am Wochenende zu einem Kinderbibeltag. Vielleicht mag die Idee, dass er in Gottes Herz und aus Gottes Liebe entstanden ist, dann es aber in seinem Leben einige schwierige Hürden und Hindernisse gab, bevor er zu uns kam, gerade jetzt genau die „richtige“ Erklärung sein….

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Herkunft reloaded (2): Wie sieht denn meine russische Mutter aus?

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Immer mal wieder spricht Maxim von seiner russischen Mutter. Seine Herkunft beschäftigt ihn nachhaltig. Meist in Situationen, wo es mich im ersten Moment überraschend erwischt. Doch bei genauerer Betrachtung auch wieder nicht. Man könnte davon ausgehen, dass ein Kind so ein wichtiges Thema anspricht, wenn man gemütlich zusammensitzt, liest, oder etwas spielt oder vielleicht zusammen kocht. Doch weit gefehlt. Das würden vielleicht wir Erwachsenen tun. Doch nicht mein Sohn. Klassische Situationen für Gespräche über seine Herkunft und seine Mutter sind für ihn das Duschen oder das abendliche Zähneputzen. Oder wenn er gar auf dem Klo sitzt. Letzteres geht ja noch ganz gut, denn da habe ich zumindest eine Chance, ihn zu verstehen. Unter der Dusche ist es schon eine akustische Herausforderung, und mit der Zahnbürste im Mund ist ein erstes Verständnis nahezu chancenlos. Dennoch, irgendwann habe ich verstanden, dass gerade diese Szenerien im Bad, vor allem, wenn ich Maxim die Haare wasche, wohl mit die intimsten Momente für ihn sind, in denen er sich traut, diese Fragen zu stellen.

So stand er also in der vergangene Woche abends unter der Dusche und ich seifte ihm gerade die Haare ein, als er schaumbedeckt aus dem Nichts ansetzte: „Du, Mama, wie sah sie denn eigentlich aus?“ Ich entgegnete im ersten Moment: „Dusch Dich mal ab. – Wen meinst Du denn?“ „Na, meine russische Mutter. Svetlana.“ Da dies nicht das erste Mal war, dass er ausgerechnet unter der Dusche mir Fragen nach seiner Herkunft stellte, war ich schnell wieder gefasst und zudem vorbereitet. Ich wusste ja, dass nun immer wieder Fragen kommen konnten. „Mmmhh. So genau weiss ich das nicht. Denn wir haben sie nie persönlich kennengelernt. Und ein Foto gab es leider auch nicht.“ Maxim duscht sich den Schaum aus den Haaren und schaut mich erwartungsvoll an. „Aber ich glaube, dass sie auf jeden Fall so wunderbare tief blaue Augen hat, wie Du und Nadeschda. Und sicherlich hat sie so wunderbare hellblonde Haare wie Du. Lang natürlich. Und dann dürfte sie sicherlich ein wenig größer sein als ich. Und…“ Ich mache eine kleine Pause und deute auf Maxims markanten Leberfleck direkt neben seinem Bauchnabel. „Den hat sie mit Sicherheit auch. Denn die Stelle ist ungewöhnlich. Das habt ihr sicherlich gemeinsam.“ Maxim lacht. „Mama, das kitzelt!“ Dann hält er inne, während er bereits begonnen hat, sich Duschgel in die Hand zu drücken, um sich einzuseifen. „Mama, warum haben wir kein Foto von ihr?“ „Im Kinderheim hatten sie kein Foto von Svetlana. Vielleicht gab es auch keins. Denn nicht immer haben Menschen Kameras, um Fotos zu machen. Doch wenn Du magst, können wir ja ein Bild von ihr malen.“ Gedankenverloren schaut Maxim auf das Duschgel in seiner Hand. „Ja, aber nicht jetzt, jetzt muss ich duschen. Und übrigens, den Leberfleck hier am Bein, den hab ich von Papa…“ und zieht fröhlich aber energisch den Duschvorhang zu. (Richard hat einen ähnlichen Leberfleck wie Maxim tatsächlich am Oberschenkel.)