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Herkunft (3) – Wie erklären wir die Adoption unseren Kindern?

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Noch nähern wir uns der Herkunftsfrage sanft und in kleinen Dosen. Noch stellt Maxim nicht die Frage nach dem „Warum?“ Noch zeigt sich seine Wut und Trauer in anderen Kontexten und unbewusst in der Form, dass er auf alles wütend ist, was er jetzt hat und nicht auf das, was er nicht hatte. Doch irgendwann wird er die Frage stellen. Und ich bin noch nicht sicher, ob ich eine passende Antwort parat habe.

Sherrie Eldridge hat vor ein paar Tagen dazu einen spannenden Beitrag veröffentlicht: „How to explain Adoption to your Adopted Child“. Ihr kunstvoller Ansatz, dem Kind zu erklären, dass es in Gottes Herz und aus seiner Liebe entstanden ist, gefällt mir. Zumal er alle Schuldzuweisungen und Wertungen eliminiert. Er kann dem Kind vielleicht das Gefühl nehmen, nicht gewollt gewesen zu sein und weggegeben worden zu sein. Auf der anderen Seite ist für mich diese Vorstellung doch sehr abstrakt. Kann ein Neunjähriger das nachvollziehen und nachempfinden? Dennoch, Maxim beschäftigt sich, nachdem sie die Schöpfungsgeschichte gerade in der Schule behandelt haben, sehr intensiv mit Gott und geht nun auch am Wochenende zu einem Kinderbibeltag. Vielleicht mag die Idee, dass er in Gottes Herz und aus Gottes Liebe entstanden ist, dann es aber in seinem Leben einige schwierige Hürden und Hindernisse gab, bevor er zu uns kam, gerade jetzt genau die „richtige“ Erklärung sein….

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Herkunft reloaded (2): Wie sieht denn meine russische Mutter aus?

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Immer mal wieder spricht Maxim von seiner russischen Mutter. Seine Herkunft beschäftigt ihn nachhaltig. Meist in Situationen, wo es mich im ersten Moment überraschend erwischt. Doch bei genauerer Betrachtung auch wieder nicht. Man könnte davon ausgehen, dass ein Kind so ein wichtiges Thema anspricht, wenn man gemütlich zusammensitzt, liest, oder etwas spielt oder vielleicht zusammen kocht. Doch weit gefehlt. Das würden vielleicht wir Erwachsenen tun. Doch nicht mein Sohn. Klassische Situationen für Gespräche über seine Herkunft und seine Mutter sind für ihn das Duschen oder das abendliche Zähneputzen. Oder wenn er gar auf dem Klo sitzt. Letzteres geht ja noch ganz gut, denn da habe ich zumindest eine Chance, ihn zu verstehen. Unter der Dusche ist es schon eine akustische Herausforderung, und mit der Zahnbürste im Mund ist ein erstes Verständnis nahezu chancenlos. Dennoch, irgendwann habe ich verstanden, dass gerade diese Szenerien im Bad, vor allem, wenn ich Maxim die Haare wasche, wohl mit die intimsten Momente für ihn sind, in denen er sich traut, diese Fragen zu stellen.

So stand er also in der vergangene Woche abends unter der Dusche und ich seifte ihm gerade die Haare ein, als er schaumbedeckt aus dem Nichts ansetzte: „Du, Mama, wie sah sie denn eigentlich aus?“ Ich entgegnete im ersten Moment: „Dusch Dich mal ab. – Wen meinst Du denn?“ „Na, meine russische Mutter. Svetlana.“ Da dies nicht das erste Mal war, dass er ausgerechnet unter der Dusche mir Fragen nach seiner Herkunft stellte, war ich schnell wieder gefasst und zudem vorbereitet. Ich wusste ja, dass nun immer wieder Fragen kommen konnten. „Mmmhh. So genau weiss ich das nicht. Denn wir haben sie nie persönlich kennengelernt. Und ein Foto gab es leider auch nicht.“ Maxim duscht sich den Schaum aus den Haaren und schaut mich erwartungsvoll an. „Aber ich glaube, dass sie auf jeden Fall so wunderbare tief blaue Augen hat, wie Du und Nadeschda. Und sicherlich hat sie so wunderbare hellblonde Haare wie Du. Lang natürlich. Und dann dürfte sie sicherlich ein wenig größer sein als ich. Und…“ Ich mache eine kleine Pause und deute auf Maxims markanten Leberfleck direkt neben seinem Bauchnabel. „Den hat sie mit Sicherheit auch. Denn die Stelle ist ungewöhnlich. Das habt ihr sicherlich gemeinsam.“ Maxim lacht. „Mama, das kitzelt!“ Dann hält er inne, während er bereits begonnen hat, sich Duschgel in die Hand zu drücken, um sich einzuseifen. „Mama, warum haben wir kein Foto von ihr?“ „Im Kinderheim hatten sie kein Foto von Svetlana. Vielleicht gab es auch keins. Denn nicht immer haben Menschen Kameras, um Fotos zu machen. Doch wenn Du magst, können wir ja ein Bild von ihr malen.“ Gedankenverloren schaut Maxim auf das Duschgel in seiner Hand. „Ja, aber nicht jetzt, jetzt muss ich duschen. Und übrigens, den Leberfleck hier am Bein, den hab ich von Papa…“ und zieht fröhlich aber energisch den Duschvorhang zu. (Richard hat einen ähnlichen Leberfleck wie Maxim tatsächlich am Oberschenkel.)

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Herkunft reloaded: Maxim spricht über seine Adoption

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Photo by Vanessa Bumbeers on unsplash.com

Neulich abends klingelt zu später Stunde das Telefon. Es ist Maxim’s Klassenlehrerin. „Nein, es ist alles in bester Ordnung.“ sagt sie. „Ich wollte Sie nur darüber informieren, dass Maxim nun in der Schule über seine Adoption spricht.“ Das Thema sei damit auch in der Elternschaft angekommen, fährt Maxim’s Klassenlehrerin fort. Denn über die Nachfrage einer Mutter hätte sie erst davon erfahren, dass Maxim nun seine Herkunft benennt. Was genau unser Sohn seinem Klassenkameraden erzählt hat, wissen wir nicht. Müssen wir auch nicht wissen. Werden wir auch nicht nachfragen. Denn entscheidend ist, dass er sich jetzt mit diesem Thema auseinander setzt. Und das ist gut. Das ist wichtig.

Gerade jetzt, wo er in seiner kindlichen Entwicklung mitten im „Rubikon“ steckt, in dem sich das Kind noch einmal anders von seiner Außenwelt abgrenzt und sich neu definiert, seine Herkunft hinterfragt, gesetzte Strukturen und Beziehungen für sich neu definiert. Im „Rubikon“ entwickelt sich beim 9 bis 10-jährigen Kind die zunehmende Fähigkeit zur inneren Distanz. „Das Kind bekommt zu dem, womit es einst so eng verbunden war, ein anderes Verhältnis. Es empfindet unbewusst: Ich bin ein Eigenes, ich bin ein Einzelnes und damit bin ich ein Getrenntes. Das Seelenleben stellt sich auf eine neue Basis. (…) Das 9 – 10 jährige Kind schaut die Autoritäten jetzt durch andere Augen an. Was zuvor eine Einheit war, wird jetzt eine Zweiheit: eine Beziehung zwischen einem Ich und einem Du.“ heißt es dazu in der Literatur. Und an anderer Stelle ist dazu zu lesen: „Mehr als Gefühl tauchen Fragen auf: Mag er mich überhaupt? Mag mich überhaupt jemand? Man fühlt sich einsam und unverstanden. Das Kind braucht Bestätigung und Zuwendung von den nahe stehenden Menschen. Die innere Unsicherheit führt zuweilen dazu, dass man anzweifelt, das Kind seiner Eltern zu sein, man träumt von einer ganz anderen Herkunft, legt sich einen neuen Namen zu.“

Ein paar Tage später hole ich Maxim bei seinem Freund Nikolai ab. Nikolai’s Mutter ist Russin. Bisher weiss sie nichts von der Herkunft unserer Kinder. Glaube ich. Auf der Heimfahrt fragt mich Maxim: „Mama, kannst Du Xenia mal fragen, ob sie mir Russisch beibringen kann?“ – Er hatte den Wunsch im Allgemeinen ja schon einmal geäußert, aber nicht in Verbindung mit einer konkreten Person, geschweige denn so insistierend wie jetzt. – Ich antworte ihm: „Das kann ich gerne machen. Vielleicht wird sie dann aber auch fragen warum. Darf ich ihr das dann sagen?“ Maxim antwortet: “Das weiss sie doch schon längst. Ich habe Nikolai doch schon lange erzählt, dass ich in Russland geboren bin und dass ich zwei Mamas habe.“ Ich bin ein wenig überrascht, vor allem über die Abgeklärtheit und Gelassenheit meines Sohnes. Es scheint, als wäre das alles ganz normal für ihn. Maxim blickt schweigend zum Fenster hinaus. „Wie heißt eigentlich nochmal meine russische Mutter?“ „Svetlana.“ antworte ich. Nach ein paar nachdenklichen Momenten stellt Maxim fest: „Ein schöner Name.“ und schweigt wieder. Zuhause geht er in sein Zimmer und kommt aber nach ein paar Augenblicken wieder zu mir. Er hält einen Zettel in der Hand. „Mama, schau mal, schreibt man so Svetlana? Ich habe es mal aufgeschrieben, damit ich mich besser daran erinnern kann. Und riech mal, ich habe hier etwas Parfüm drauf gesprüht. Vielleicht hat sie ja so gerochen.“ Wir lassen den Augenblick einfach so stehen wie er ist, ohne ihn zu werten, ohne ihn zu kommentieren.

Ich bin dankbar für diesen Moment, der mir zeigt, dass Maxim einen unendlich großen Schritt weiter gegangen ist in den vergangenen Wochen und Monaten. Bisher  hatte er jedes Gespräch um seine russische Mutter schnell beendet mit den Worten „Die ist doch im Himmel, Mama.“ Mehr wollte er nicht hören, konnte er nicht ertragen. Nun geht er den nächsten Schritt der Annäherung. Es ist vielleicht an der Zeit, mit ihm sich der ganzen Geschichte seiner Herkunft anzunehmen. Stück für Stück und immer so viel, wie er zulässt und verträgt.

Ich kann nur hoffen, dass er in der Schule keinen Anfeindungen ausgesetzt wird, dass dieses zarte Pflänzlein, was da nun wächst, nicht wieder zertrampelt wird. Als unsere Kinder begannen, auf diese Schule zu gehen, hatten wir uns bewusst entschlossen, nicht überall die Adoptionsgeschichte zu erzählen. Denn, wie ich ja hier  schon einmal geschrieben habe, ist das soziale Umfeld schnell mit der Tatsache der Adoption überfordert. Zudem wollten wir es Maxim und Nadeschda überlassen, wem sie wie viel von ihrer Herkunft erzählen. Denn es ist in erster Linie ihre Lebensgeschichte. Nun hat Maxim für sich entschieden, über seine Herkunft zu sprechen. Es ist beruhigend, wie normal das für ihn zu sein scheint. Es gibt eben Kinder, die sind in Deutschland in einem Krankenhaus auf die Welt gekommen und leben noch immer bei der Mutter, die sie geboren hat. Und genauso gibt es eben Kinder, die sind adoptiert. Wo ist da also das Problem? Ich wünsche ihm so sehr, dass er sich diese Haltung bewahren kann.

Doch genauso wie wir nun Zuhause die Geschichte seiner Herkunft hegen und pflegen werden, muss ich wahrscheinlich Maxim nun genauso stärken, um mit bestimmten Kommentaren, Fragen oder Anfeindungen umzugehen. Wieder einmal hat Sherrie Eldridge dazu eine schönen und vor allem hilfreichen Post veröffentlicht: „PREPARING YOUR ADOPTED OR FOSTER CHILD FOR SCHOOL BULLIES“ Neben dem Spiel mit den Steinen fand ich die folgenden vier Aspekte sehr hilfreich, um sich gegen Anfeindungen zu wehren:

  1. Geht weg! Dreh dem Fragenden einfach den Rücken zu und gehe weg.
  2. Einfach antworten: „Weißt Du was, das ist sehr privat.“
  3. Die Erfahrung der Adoption teilen und gucken, wie der Gegenüber reagiert. Wenn er verletzend wird, greift wieder Option 1.
  4. Mit Fakten über Vorurteile von Adoptionen aufklären und den anderen somit Mundtot machen. Wenn der gegenüber weiter verletzende Fragen stellt, greift auch hier Option 1.

Am Ende bin ich mir aber gewiss, dass mein Sohn ohnehin in den vergangenen Wochen so stark und selbstbewusst geworden ist, dass er auch hier wieder einmal seinen Weg gehen wird. Unbeirrt, tapfer, mutig und selbstbestimmt!

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (50)

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Danke an Pixabay

Nadeschda’s erste „echte“ Schulwoche liegt hinter uns. Gut ist sie verlaufen. Auch wenn Angst und Wut Nadeschda immer einmal wieder heimsuchen. Sicherlich haben wir etwas weniger Veränderungen im Alltag, als andere 1. Klässler, da sie schon im vergangenen Schuljahr im Schulgebäude die Vorklasse besucht hat. Wir sind an das frühe Aufstehen gewöhnt. Nadeschda geht jeden Morgen in eine ihr vertraute Umgebung. Sie kennt sich im Schulgebäude aus. Sie kennt die Mensa und das Schulessen. Dennoch, nun steht ein richtiges „Arbeiten“ über fünf Schulstunden jeden Tag an der Tagesordnung. Das ist anders, es ist anstrengend. Und die Angst vor der Veränderung ist nach wie vor unser Begleiter. Alles in allem war es dennoch eine gute Woche und so sind dies meine Sonntagslieblinge:

  1. Wir sind gut in eine Routine gekommen. Nach beinahe sieben Wochen Pause vom Schul- und Arbeitsalltag hätte ich das nicht erwartet. Doch sicherlich hat sich ausgezahlt, dass wir unseren alltäglichen Rhythmus nicht komplett in den Ferien aufgegeben hatten und auch schon in den letzten zwei Wochen Schritt für Schritt wieder in unseren Alltag zurückgekehrt sind.
  2. Auch mir tut die vollständige Rückkehr in den Arbeits- und Ausbildungsalltag gut. Auch wenn ich manchmal nach wie vor mit meiner Ausbildung hadere, so habe ich zumindest heute das Gefühl, ich habe alles wieder ganz gut im Griff und übernehme mich nicht.
  3. Ich habe in dieser Woche begonnen, mich wieder einmal mit der Biografiearbeit für meine Kinder zu beschäftigen. Mein Gefühl sagt mir, dass das Thema der Herkunft und ein sprechsicherer Umgang damit für Maxim immer dringlicher wird. Dazu hat Irmela Wiemann ein ganz wunderbares Buch geschrieben. „Herzwurzeln“ hat mir viele Impulse gegeben, wie ich gemeinsam mit Maxim mich dem Thema seiner Herkunft noch einmal widmen kann. Dazu dann an anderer Stelle sicherlich noch einmal mehr.

Nach einem wunderbaren Samstag mit Freunden genießen wir nun einen ruhigen Sonntag. Ihr hoffentlich auch! Habt einen wunderbaren Tag und einen gelungenen Start in die neue Woche!

 

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Die andere Dimension der Wut

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Foto von Sarah Mak auf unsplash.com

Nadeschda’s Wut hält an. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Klar, wir sind immer noch in dieser Phase zwischendrin. Und auch wenn Maxim nun wieder die Zeit mit uns verbringt, wir in der Zeit in den Bergen viel zusammen waren, so sind wir immer noch in der Übergangsphase der Ferien. Die Schule mit ihren neuen Herausforderungen schwebt immer noch wie ein umkonkretes Phantom über Nadeschdas Kopf. Dennoch, die viele Zeit zusammen hilft. Sie tut Nadeschda gut, sicher und fürsorglich umhüllt zu sein, sie gibt ihr den Raum, auch über ihre Angst hin und wieder zusprechen. Und sie gibt mir die Chance, die quälende Angst zu verstehen und nachzuerleben. Denn es ist nicht nur die Ohnmacht vor dem Phantom „Schule und 1. Klasse“. Da schwelt noch eine ganz andere Wut in ihr.

Unser Lieblingshaus in den Bergen gehört einer lieben Freundin, die nach der Ankunft von Maxim und Nadeschda ihre zwei Kinder bekommen hat. Beide Schwangerschaften haben meine Kinder miterlebt und auch beide Kinder als Säuglinge und nun mittlerweile Kleinkinder bzw. Kindergartenkinder. Nun ist auch noch eine weitere Freundin schwanger. Überraschend und unverhofft, nachdem sie sich vom natürlichen Kinderwunsch verabschiedet hatte und wie wir ein Kind aus Russland adoptiert hat. Was unmöglich schien, ist nun passiert: Sie ist schwanger und ein Baby wächst in ihrem Bauch. Nadeschda beschäftigt das ungemein. Wie kann das sein? Sie konnte doch genauso wie Du keine Babys bekommen. Warum ist da jetzt ein Baby in ihrem Bauch?

Manchmal bricht Nadeschda ihre Fragen schlagartig ab und zieht sich zurück. Dann knallen wieder mal Türen und Spielzeug fliegt durch Gegend oder es wird mutwillig ein Streit mit dem großen Bruder vom Zaun gebrochen. Oder Nadeschda wird ganz anhänglich, krabbelt auf meinen Schoß und will nur noch gehalten und getragen werden. In diesen Momenten kommt sie durch, die Wut und die Trauer, nicht in meinem  Bauch gewachsen zu sein, die Trauer und der Schmerz, nicht bei der Mama sein zu dürfen und zu können, die sie in ihrem Bauch getragen hat. In diesen Momenten macht sich die Traurigkeit breit, verlassen worden zu sein. Gepaart mit einer so schmerzhaften und unermeßlichen Wut, nicht das Glück gehabt zu haben, in eine wohlbehütete Welt hineingeboren worden zu sein.

Vielleicht wird diese Wut und der Schmerz irgendwann einmal weniger. Ich wünsche meiner Tochter so sehr, dass sie irgendwann ihr Schicksal so annehmen kann und damit leben kann, ohne sich so ohnmächtig zu fühlen. Für den Augenblick kann ich sie nur halten, ihre Wut aushalten und ihren Schmerz mit ihr tragen.

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Rechenbeispiel: Wie lange die ersten Lebensjahre nachwirken…

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Neulich dachte ich: Maxim ist jetzt neun Jahre alt. Wahnsinn! Und fast unglaublich, wie lange er schon bei uns und unser Sohn ist. Mehr als zwei Drittel seines bisherigen Lebens! Das ist eine verdammt lange Zeit.

Doch dann rechnete ich weiter: Wenn Maxim ungefähr 28 Jahre alt ist, dann hat er 90 Prozent seines Lebens mit uns als Eltern verbracht. Bis der Anteil seiner ersten fast drei Lebensjahre an seinem Gesamtleben verschwindend gering wird, muss er verdammt alt werden….

In keiner Weise will ich seine ersten nahezu drei Lebensjahre in Russland negieren oder „wegrechnen“. Doch diese Rechenbeispiel zeigt so schön, wie viel Lebenszeit vergehen muss, bis vielleicht die ursprüngliche Herkunft numerisch gesehen nicht mehr so wichtig ist. Dieser letzte Punkt wird eigentlich nie erreicht. Und gerade deshalb ist vielleicht auch die Herkunft etwas, was man nie verneinen darf und kann. Sie ist und bleibt immer ein essentieller Bestandteil eines jeden Lebens. Vor allem, wenn diese erste Zeit geprägt war von einschneidenden, schmerzlichen gar traumatisierenden Erlebnissen. Das ihr Einfluss so immanent ist und manchmal bleibt, zeigt allein dieses einfache Rechenbeispiel.

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Karmische Lernerfahrungen

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Nachdem ein paar Tage seit dem „Angriff auf das Urvertrauen“ ins Land gezogen sind, überlegen wir auf der einen Seite, wie wir weiter mit dieser Situation umgehen werden. Das Wochenende war nicht leicht. Und auch wenn Maxim in der Schule scheinbar selbstbewusst auftritt, so nagt der Schmerz in ihm tief drinnen. Sicherlich werden wir noch einmal mit Maxim’s Klassenlehrerin sprechen und die Schule in solchen Situationen mehr in die Verantwortung nehmen. Für uns steht im Moment allein der Schutz und das Stärken unserer Kinder, vor allem unseres Sohnes im Vordergrund. Auf der anderen Seite sehe ich mit etwas Abstand, dass dieser Zwischenfall etwas von einer Lernerfahrung auf einer anderen Ebene für Maxim hat.

Als Maxim die Vorklasse besuchte hatte er mit einem aus Russland stammenden Jungen in seiner Klasse große Schwierigkeiten. Nicht in den aggressiven Dimensionen wie mit Leander, aber auch hier gab es verbalen Missbrauch und Handgreiflichkeiten, über Monate hinweg. Maxim nahm das damals sehr mit. Er reagierte mit Bauchschmerzen und sich häufenden Fällen, in denen er es nicht rechtzeitig auf die Toilette schaffte. In dieser Zeit bearbeitete Maxim gleichzeitig sein Trauma der kulturellen Entwurzelung in der Therapie. Seine Therapeutin sagte damals zu mir, dass dieser russische Junge natürlich auch spürte (ohne es benennen zu können), dass er bei Maxim einen wunden Punkt traf und es eine „Schwachstelle“ gab, die Maxim angreifbar und verwundbar machte. Maxim half damals, dass ich mit der Klassenlehrerin sprach, er viel mit anderen Kindern außerhalb der Schulgemeinschaft spielte, und er sich gegenüber diesem Jungen abgrenzte, indem er ihn mit den Worten „Meine Mama will das nicht, dass Du zu meinem Geburtstag kommst.“ nicht zu seinem Geburtstag einlud. Gleichzeitig fand Maxim in der Therapie zu einem ersten Umgang mit seiner russischen Herkunft und seinem Leben, bevor er zu uns kam. Von da ab war Ruhe zwischen den zwei Jungen. Monate zogen ins Land. In der ersten Klasse dann fanden die zwei Jungen auf einer ganz anderen Ebene zusammen und sind heute gut befreundet. Ein wenig schien es, als hätte Maxim in der Konfrontation mit seinem russischen Klassenkameraden auch noch einmal seine russische Herkunft bearbeitet.

Wenn ich mir die Auseinandersetzungen mit Leander mit etwas Abstand betrachte, und die Aggression und Brutalität ausblende, so sehe ich Parallelen zu dieser Konfrontation von vor etwa zwei Jahren. Leander’s soziales und familiäres Umfeld ist geprägt von Vernachlässigung, er reagiert darauf mit einem stark autonomen Verhalten. Letztendlich verkörpert er in gewissen Zügen das Leben, das unser Sohn leben musste, bevor er zu uns kam. Widrige soziale Lebensverhältnisse, eine Mutter, die sich nicht richtig kümmern kann, die Notwendigkeit autonom zu sein, um zu überleben. (Natürlich hat das bei einem neunjährigen andere Qualitäten als bei einem zweijährigen, dennoch die Parallelen sind vielleicht gegeben.) Vielleicht ist es also nun auch so, dass der Konflikt mit Leander auf einer anderen Bewusstseinsebene für Maxim noch einmal die Auseinandersetzung mit der früheren Phase seines Lebens, in der er selbst vernachlässigt und zu einem stark autonomen Verhalten gezwungen war, verkörpert. Wie damals der russische Junge, spürt Leander, dass Maxim in sich einen wunden Punkt trägt, an dem er angreifbar und verletzlich ist. Und auf der anderen Seite heute Maxim all das verkörpert, was Leander nicht hat. Denn Maxim hat heute eine Mutter und einen Vater, die sich um ihn sorgen und sich um ihn kümmern, die seine Hilferufe hören und ihm helfen und für ihn da sind. So könnte wohlmöglich dieser Konflikt für Maxim – und für uns als seine Familie – auch die Chance bedeuten, ein weiteres Trauma seiner frühen Kindheit zu verarbeiten und hinter sich zu lassen.