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„Mehr arbeiten können wir uns nicht leisten…“

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Photo by Marco Xu on unsplash.com

Gestern mittag, als ich mit Nadeschda am Bahnhof auf Maxim’s Rückkehr von einem Klassenausflug wartete, führte ich so eines dieser Müttergespräche mit einer anderen wartenden und befreundeten Mutter. Meine befreundete Mutter hatte mir schon vor ein paar Wochen erzählt, dass ihr Chef sie gefragt hatte, ob sie nicht ein paar Stunden mehr arbeiten wollte und könnte. Nachdem sie erst einmal Dampf abgelassen hatte, dass ihre Mutter sie einmal wieder als „Babysitterin“ im Stich gelassen hatte, fuhr sie weiter fort: „Und dann ging mir noch einmal durch den Kopf, dass ich ja eigentlich ein paar Stunden mehr arbeiten wollte. Aber wenn ich dafür einen bezahlten Babysitter engagieren muss… Weißt Du, ich habe zu meinem Mann gestern gesagt: Das können wir vergessen. Dass ich mehr arbeite, können wir uns nicht leisten! Ich müsste ja Geld mitbringen, um zu arbeiten und um die Betreuung unserer Kinder zu gewährleisten.“ Nach einem Moment des Schweigens fügte sie noch an: „Das ist einfach absurd….“

Das ist auf der einen Seite ein gewisses „Luxusleiden“, wenn ich die aktuellen Beiträge von Claire von Mama streikt lese. Bei ihr geht es um etwas ganz anderes und bekommt mit der sich abzeichnenden existenziellen Not eine ganz andere Dimension. Claire findet keinen Job, obwohl sie super qualifiziert ist, da sie durch die Betreuungsaufgaben für ihre Kinder als Alleinerziehende gebunden ist. Das wird ihr wahrscheinlich niemand so sagen, liegt aber auf der Hand. Und dann ist da noch die systemimmanente Ungerechtigkeit, dass der Kindesunterhalt von Hart IV abgezogen wird. Da wird es mir echt schlecht! Und ich frage mich, wer sich denn solche Regelungen ausdenkt. Genauso wie der Ausbau des Betreuungsangebots bis 22:00h, damit man der Schichtarbeit in vielen Bereichen gerecht wird. Haben wir dann auch Kindergartenbetreuung im Schichtbetrieb oder Schulunterricht im Schichtbetrieb? „Ach, von Montag bis Mittwoch habt Ihr Spätunterricht in der Schule. Der ist mit meinem Schichtplan abgestimmt…“ Das soll funktionieren? Mal ganz abgesehen davon, dass JEDER Erziehungsratgeber davon spricht, dass Kinder Rhythmus und Routine brauchen, dass sie Schlaf brauchen, um fit zu sein, um den Lernstoff aufzunehmen. Und JEDER weiß, dass wir hier eben nicht über Schlaf egal zu welcher Uhrzeit reden, sondern über den vor zwölf Uhr nachts.

Nun, unser Leben findet ohnehin fern ab von all dem statt. Muss es auch. Als wir uns vor mehr als acht Jahren in den Adoptionsprozess begaben, war mir zwar klar, dass ich mindestens für ein Jahr meinen Job an den Nagel hängen musste. Da redeten wir aber über ein Kind und über eine Großmutter nebenan. Und ich war trotz aller Fachliteratur noch so naiv, dass ich glaubte, alle Traumatisierungen könne man in einem Jahr heilen. Nun, es wurden zwei Kinder – wofür ich dem Schicksal ewig dankbar bin. Die Großmutter starb leider viel zu schnell – wofür ich das Schicksal ewig verfluche -, das hatte sie auf keine Fall verdient. Und die Traumatisierungen meiner Kinder lassen sich nun eben auch nicht in einem Jahr heilen, sondern sind auch nach sieben Jahren immer noch virulent. Wir haben akzeptiert, dass Maxim und Nadeschda mehr Förderung und Fürsorge als andere Kinder brauchen. Sie sind High-Need Kinder. Erst vor ein paar Tagen hatten wir ein Gespräch mit einer Lehrerin, die uns noch einmal sehr deutlich machte, dass Nadeschda die häusliche Unterstützung braucht. Ich habe daraufhin ein Jobangebot, in dem ich bis 16:00 Uhr hätte arbeiten müssen, abgelehnt. Das hätte nicht funktioniert. Ich kann nicht mit meinen Kindern um 16:30 Uhr anfangen, für die Schule zu arbeiten. Im Gegensatz zu Claire bin ich in der privilegierten Situation, dass ich allein aus einem Sicherheitsbedürfnis heraus gerne wieder arbeiten möchte, um nicht zu lange vom Arbeitsmarkt weg zu sein, um drin zu bleiben. Denn wer sagt uns, dass mein Mann auf immer und ewig seinen Job behalten wird. Oder was ist, wenn er ihn aus irgendwelchen Gründen nicht mehr ausüben kann. Eine Garantie auf ein sorgenfreies Leben gibt es eben nicht. Auch bei uns nicht. So verhält es sich auch bei der eingangs erwähnten befreundeten Mutter. Sie arbeitet, um den Anschluss nicht zu verlieren, um ggf. falls bei ihrem Mann etwas schief läuft, die Möglichkeit auf einen Job zu haben, der zumindest in weiten Teilen die Familie ernährt. Doch wenn es so ist, dass sie Geld mitbringen muss, um das zu bekommen, dann ist eben das Ende der Fahnenstange erreicht.

Und viel mehr noch ist das Ende der Fahnenstange erreicht, und die Zeit endlich umzudenken mehr als überschritten, wenn hochqualifizierte aber eben alleinerziehende Mütter nicht mehr die Chance bekommen, ihre Kinder so gut zu versorgen, wie es ihre Kinder brauchen. Dann haben wir kein „Luxusproblem“, sondern ein ernsthaftes. Ein wirklich ernsthaftes und existenzielles!

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Betreuung: Vom schmalen Grad zwischen den eigenen Werten und Wünschen

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Photo by Guille Pozzi on unsplash.com

Es gab Tage in den vergangenen Wochen, da konnte ich das Wort „Betreuung“ nicht mehr hören. Ich selbst arbeitete in der Nachmittagsbetreuung der Schule meiner Kinder. Ja, es war eine wertvolle Chance für mich in der Ausbildung, Erfahrung zu sammeln und ein wenig Geld habe ich auch verdient. Doch meine Kinder mussten dann ebenso in der „Betreuung“ bleiben, da ihre Mutter, also ich, genauso wie die Eltern der Kinder, die ich betreute, arbeiteten. Das tat Maxim und Nadeschda nur bedingt gut. Geholfen hat, dass ich sozusagen da und im selben Gebäude war, und sie zu mir kommen konnten, wenn sie mich brauchten. Beide genossen das Spielen mit ihren Freunden, sofern die auch in der „Betreuung“ waren. Aber auf der anderen Seite blieb vieles auf der Strecke. Als ich merkte, dass es vor allem Nadeschda zu viel wurde, so lange in der Schule zu bleiben, organisierte ich die Betreuung meiner Kinder mit unserer Kinderfrau so, dass sie die Kinder früher von der Schule abholte, damit die Kinder zumindest mehr Zeit Zuhause hatten und dann ausgeruht, ihren Freizeitaktivitäten nachgehen konnten. Also, wieder Betreuung für meine Kinder, da ich andere Kinder betreute. Irgendwie absurd…

Dann hatte meine Mutter einen Schlaganfall vor ein paar Wochen. Mittlerweile ist sie in der Reha hier in der Nähe. Aber obwohl mein Bruder und ich schon vor Wochen für sie „Betreuung“ Zuhause organisiert hatten, da es ihr schon vor dem Schlaganfall zunehmend schlechter ging – also jemanden, der fast täglich zu ihr kam, um mit ihr spazieren zu gehen und gemeinsam mit ihr – und eben nicht für sie – Besorgungen zu erledigen, ist das alles nicht passiert, sondern die Betreuerinnen haben das gemacht, worum meine Mutter sie bat, nämlich ohne sie einkaufen zu gehen, Sachen zu besorgen, Dinge im Haushalt zu erledigen. Dass sie einen Schlaganfall hatte und ins Krankenhaus gemusst hätte, hat nur eine von ihnen bemerkt und sie auch dahin gebracht. Meine Mutter hat sich wenige Stunden später selbst entlassen. Erst mein Bruder hat meine Mutter dann final eingewiesen. Und dann ist sie auch im Krankenhaus geblieben. Nun ist ihr Gesundheitszustand so, dass man nicht weiß, wie sie sich erholen wird. Viele ihrer Defizite sind nicht durch den Schlaganfall verursacht, sondern durch jahrelanges sich Selbstvernachlässigen. Die Frage ist nun, wie weit die Reha überhaupt helfen kann, die Schäden des Schlaganfalls zu „reparieren“ und wie weit meine Mutter lernen wird, zukünftig selbst für sich zu sorgen. Ich bin nach wie vor der Meinung, wenn sie wollte, könnte sie. Aber ich bezweifele, dass sie wirklich will. Also denken wir wieder über Betreuung nach. Und hier in unterschiedlichster Form. Aber welche ist die „Richtige“? Eigentlich muss sie nicht in ein Heim – will sie auch nicht -, und ich würde ihr das gerne ersparen. Aber….

Ich habe in den vergangenen Wochen all die offenen Rechnungen meiner Mutter bezahlt, mich mit Versicherungen, Polizei, Finanzamt und anderen Institutionen rumgeschlagen. Das ist zwar nicht die Betreuung, die ich meine, aber irgendwie habe ich auch immer wieder gedacht: Da liegt eine alte Frau in ihrer Wohnung, kann sich kaum bewegen, erzählt sicherlich irgendetwas vom Gipskrieg: „Ja, das habe ich schonmal gehabt, das ist das und das. Und ich brauch nur das soundso Medikament und dann geht es mir bald besser.“ Und die armen Betreuerinnen haben das geglaubt und sind losgezogen und haben das Medikament besorgt. Ende vom Lied war, dass der Notarzt meine Mutter eingepackt hat. Weil sie nämlich von dem Medikament soundso so einen hohen Blutdruck hatte, dass es wahrscheinlich den Schlaganfall ausgelöst hat. Also fange ich an, ambulante Pflege aus meinen Gedankenkonstrukten zu streichen. Auch wenn es eine wunderbare Lösung wäre. Denn mehr braucht meine Mutter, wenn denn überhaupt, eigentlich nicht. Sie muss gucken, dass sie ihre Medikamente regelmäßig und richtig nimmt, sie muss regelmäßig essen, sie muss jeden Tag spazieren gehen und raus an die frische Luft. Das könnte sie – nach erfolgreicher Reha – theoretisch alleine schaffen. Es ist aber fraglich, ob sie das macht. Hilfe bräuchte sie bei Arztbesuchen, Besorgungen, Wohnung in Schuss halten. Das kann man organisieren. Doch ich sehe die Gefahr, dass mein Bruder und ich wieder „Betreuung“ organisieren, da sie eben nicht ihre Medikamente nimmt, geschweige denn regelmäßig isst und so viel Wasser trinkt, wie sie soll. Ob meine Mutter aber die Hilfe annimmt, die sie braucht, ist fraglich. Die Gefahr besteht, dass am Ende wieder nur Rezepte abgeholt werden, von Ärzten, die diese eigentlich nicht hätten ausstellen dürfen. Also muss ich dann die „Betreuung“ meiner Mutter doch selbst in die Hand nehmen?

Die Versorgung von Eltern ist eine Betreuungsaufgabe, die viele von uns irgendwann trifft, wenn die Eltern so weit abgebaut haben, dass sie nicht mehr für sich selbst sorgen können oder auch nicht mehr wollen. Die kommt vielleicht meist überraschend. Denn sagen wird das einem keiner, dass irgendwann die Eltern wieder auf der Matte stehen, auch wenn an vielen Stellen das Thema „Pflege“ es selbst in den vergangenen Wochen wieder auf den Titel eines führenden Nachrichtenmagazins geschafft hat. Mich hat es kalt erwischt, auch wenn ich es hätte kommen sehen können. Vor einem Jahr schon stand ich vor der Senioreneinrichtung, in die meine Mutter, wenn sie Glück hat – und wenn sie bereit dazu ist – einziehen darf. Da ist es schön, wirklich schön, und eigentlich fast zu schön für jemanden, der das nicht wertschätzen kann.

Ich habe kein gutes Verhältnis zu meines Mutter. Warum auch. Über unser Verhältnis habe ich hier geschrieben. Es besteht im Grunde keinerlei Veranlassung, dass ich mich um meine Mutter kümmern müsste. Schuldig bin ich ihr nichts. Dennoch habe ich irgendwie Werte in meinem späteren Leben gelernt, und mir ist es wichtig, nach diesen zu leben. Sie lassen mich meine Mutter eben nicht einfach dem Schicksal und sich selbst überlassen. Insofern werde ich schauen, dass meine Mutter gut versorgt ist. Aber in manchen Momenten kann ich das Wort „Betreuung“ einfach nicht mehr hören. Ich will auch nicht noch mehr Betreuung für meine Kinder organisieren, damit ich mich um meine Mutter kümmern kann. Ich will Mutter sein und für meine Kinder so da sein, wie sie es brauchen. Das ist meine Aufgabe. Meine Kinder brauchen aufgrund ihrer Geschichte mich als ihren verlässlichen Anker. Für sie trage ich die Verantwortung. Ich will nicht eine Mutter betreuen, die nie eine Mutter für mich war. Und die nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Doch ich will und kann diese Verantwortung auch nicht übernehmen. Dennoch muss ich den schmalen Grad gehen, auf der einen Seite meinen Werten zu folgen und auf der anderen Seite meinem Wunsch eine gute Mutter zu sein, und dabei mich selbst nicht zu übernehmen und zu überfordern.

P.S. Claire von mamastreikt schreibt seit Monaten viel über Carearbeit. Schon ihrem Netzprotest #carearbeitmusssichtbarwerden bin ich aufmerksam gefolgt. Doch erst mit der bei mir einziehenden doppelten Care-Arbeit hat das Thema für mich eine neue Brisanz bekommen. Umso mehr möchte ich Euch Claire’s aktuelle Aktion „Care eine Stimme geben“ ans Herz legen.

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24 Stunden Alltagswahn mit krankem Kind und kranker Mutter

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Photo by Christy Ash on unsplash.com

05:30h Mein Wecker klingelt. Heute muss ich Maxim morgens in die Schule fahren, denn Richard geht mit Nadeschda zum Orthopäden. Ihr tut seit einiger Zeit die Schulter weh. Noch ist es ein wenig Lotto spielen. Denn Maxim war am Vortag mit einer Augenentzündung krank zuhause.

06:15h Die Brotdosen sind gepackt, ich bin geduscht und wecke meine Kinder. Nadeschda ist sehr verschlafen und lässt sich einmal wieder von mir im Bett anziehen. Auch sie ist erkältet, doch bisher hält sie sich tapfer. Maxim ist immer noch angeschlagen. Sein Auge ist trotz Augentropfen immer noch verklebt. Er wird also noch einmal einen Tag Zuhause bleiben. Nachdem wir das Auge gesäubert und mühselig Augentropfen genommen haben, dreht er sich um und schläft wieder ein. Meine Fahrt zur Schule fällt also aus.

06:45h Mein Telefon klingelt. Da ich noch mit Nadeschda’s Strumpfhosen kämpfe, nimmt Richard ab. Es ist die Diensthabende Ärztin der Reha-Klinik. Meine Mutter hatte eine allergische Reaktion und spricht nicht auf das Kortison an, das man ihr gegeben hat. – Kein Wunder, das Zeug hat sie vor ihrem Schlaganfall immer mal wieder gern in hohen Dosen geschluckt, um sich selbst zu kurieren. – Sie wird in ein nahes Krankenhaus verlegt.

07:00h Richard und Nadeschda verlassen das Haus Richtung Orthopäde. Ich rufe unsere Kinderfrau an. Eine Stunde später ist sie da und kümmert sich um Maxim. Ich mache mich auf den Weg in die Reha-Klinik.

08:30h In der Reha-Klinik packe ich notdürftig ein paar Sachen für meine Mutter zusammen und habe eine Gespräch mit der behandelnden Chefärztin. Ob der aktuellen Situation ist sie mit Prognosen, was die Rehabilitation meiner Mutter angeht, eher verhalten. Als ich das Büro der Chefärztin verlasse, erinnert mich ihre Sekretärin an den Wahlleistungsvertrag, den meine Mutter noch unterschreiben muss. Das wird wohl im Moment etwas schwierig…

10:00h Als ich endlich in der Notaufnahme des Krankenhauses ankomme – 10 Minuten in einem überfüllten Parkhaus rumkurven, um einen Parkplatz zu finden, haben meine Geduld stark beeinträchtigt -, teilen mir die Krankenschwestern mit, dass meine Mutter soeben entlassen wurde und wieder auf dem Rückweg in die Reha-Klinik ist. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch den Krankenwagen, der gerade des Krankenhausgelände verlässt.

10:30h Zurück in der Reha finde ich meine Mutter völlig erschlagen auf ihrem Zimmer vor. Ihr Gesicht ist geschwollen, aber sprechen kann sie wieder. Sie beschwert sich, dass man sich im Krankenhaus nicht um sie gekümmert hat. Das stimmt nicht so ganz, wie ich dann von der Chefärztin erfahre. Denn dort gab es eine zweite Dosis Kortison und Antihistamine, womit die Schwellung gestoppt wurde. Ich helfe meiner Mutter noch, frische Sachen anzuziehen und beruhige die Schwestern, dass die Kleidungsstücke, die bei Rückkehr meiner Mutter vermisst wurden, wieder da sind. Ich hatte sie ja mitgenommen, damit meine Mutter im Krankenhaus etwas zum Anziehen hat. Nach einer kurzen Nacht und einem anstrengenden Morgen legt sich meine Mutter ins Bett und schläft. Ich fahre nach Hause zu meinem kranken Kind.

11:30h Zuhause schaue ich kurz nach Maxim. Sein Auge sieht nun nach der zweiten Dosis Augentropfen an diesem Tag schon besser aus. Zufrieden thront er in seinen Kissen und lässt sich von unserer wunderbaren Kinderfrau „Emil und die Detektive“ vorlesen. „Oh Mama, lass mich! Es ist alles gut. Das ist gerade so spannend….“ Ein wenig beruhigt gehe ich in die Küche, esse etwas, erledige schnell zwei Telefonate und mache mich auf den Weg zur Schule.

12:45h Nadeschda ist froh und munter beim Mittagessen in der Schule. Der Orthopäde hat ihre Schulter mit einem pinken Tape verarztet. Das Schultergelenk ist bei ihr manchmal überlastet. Das Tape soll jetzt erst einmal mehr Halt geben. Stolz zeigt sie mir den für die Faschingsfeier geschmückten Klassenraum. Dann schickt sie mich zu meinen Betreuungskindern.

13:30h Nach dem Mittagessen belagern mich 14 Betreuungskinder, wie jeden Tag. „Frau Weiss, ich brauch Hilfe. Ich verstehe das nicht.“, „Frau Weiss, können Sie mal kommen?“, „Frau Weiss, Sie wissen ja, ich bekomme heute wieder VIP-Service!“, „Frau Weiss,…“ Nach zehn Minuten herrscht zum Glück Ruhe im Raum und die Kinder arbeiten konzentriert an ihren Aufgaben. Ich gehe rum und helfe den einzelnen, und mein VIP-Freund bekommt seine VIP-Betreuung, als alle anderen versorgt sind.

15:30h Vielleicht meint das Schicksal es heute gut mit mir. Eine halbe Stunde früher als gewöhnlich, sind heute alle Kinder schon abgeholt, oder auf dem Weg nach Hause. Während ich den Raum noch einmal durchlüfte, stelle ich die Stühle hoch und packe meine Sachen, sammele Nadeschda draußen ein und fahre mit ihr nach Hause.

16.00h Maxim geht es Zuhause prächtig. Zum Mittagessen gab es für ihn Pfannkuchen. Sein Leibgericht. Inzwischen ist er aufgestanden und bastelt Hexentreppen mit der Kinderfrau. Sein Auge scheint sich normalisiert zu haben und die Kopfschmerzen sind auch nicht wieder aufgetreten. Er will jetzt mitkommen, wenn ich Nadeschda zum Ballettunterricht fahre.

17:00h Während Nadeschda  ihre Ballettübungen an der Stange macht, kaufen Maxim und ich schnell im benachbarten Supermarkt ein.

18:30h Wieder zuhause packe ich aus, räume ich schnell auf, wasche die Wäsche meiner Mutter und koche Abendessen. Nadeschda ist eine fleißige Helferin und macht den Salat. Maxim liegt lieber auf der Couch und liest ein Comic. Ja, er ist noch ein wenig schlapp, auch wenn er der festen Überzeugung ist, morgen wieder fit für den Schulausflug zu sein. Mit diesen Gedanken verscheuche ich den Eindruck von früher Rollenprägung in unserer Familie…

19:45h Das Drama um das Verabreichen der Augentropfen ist überstanden und wir drei sitzen beim Vorlesen. Eine halbe Stunde später schlafen Maxim und Nadeschda.

22:00h Nachdem ich mit Richard gesprochen und noch ein paar mails geschrieben habe, falle auch ich müde in mein Bett und werde von einem unruhigen Schlaf übermannt.

05:30h Nadeschda ruft nach mir: „Mama, ist es schon hell? Wann kann ich aufstehen…?“ Schlaftrunken erkläre ich ihr, dass sie noch etwas schlafen kann. Ich finde allerdings nicht mehr zurück in den Schlaf, sondern stehe auf und koche mir einen Kaffee.

An dem Abend hätte ich eigentlich abends noch in die Akademie gemusst. Aber abgesehen davon, dass ich damit an den Rand meiner Kraftreserven gekommen wäre, hätte Maxim das nicht mitgemacht. Tagsüber die Betreuung der Kinderfrau mit Vorlesen, Pfannkuchen und Apfelmus nimmt er inzwischen ohne Probleme hin, auch wenn er krank ist, genießt sie sogar. Doch in den Abendstunden muss ich dann da sein. Auch wenn er mich bei den Augentropfen verflucht hat….