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Brief an meine Adoptivkinder: „Ich hoffe, ihr könnt den Schmerz eines Tages überwinden“

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Danke an Roakley1 von Pixabay

Gestern erschien mein „Brief an meine Adoptivkinder: „Ich hoffe, ihr könnt den Schmerz eines Tages überwinden“ in der Huffington Post, in dem ich die vergangenen Jahre seit der Adoption von Maxim und Nadeschada mit allem, was dazu gehört ein wenig Revue passieren lasse. Es ist eine kleine Zwischenbilanz und gleichzeitig greift der Beitrag erneut die Frage nach dem Gut genug Sein auf.

Habt eine gute Lektüre…

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Warum Adoptionsbewerberzahlen auch sinken….

Der PFAD Bundesverband hat in dieser Woche auf einen spannenden Beitrag des rbb Berlin auf seinem Blog hingewiesen, in dem die Ursachen für die rückläufigen Bewerberzahlen bei Adoptionen in Deutschland unter die Lupe genommen werden. Im Falle von Berlin, wo die Zahlen drastisch zurück gegangen sind, liegt es auch daran, dass das Jugendamt seine eigenen Praktiken nicht an die inzwischen in Deutschland verbreitete spätere Familienplanung angepasst hat. Aber lest selbst…(hier)

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Konfrontation mit der Embryonalentwicklung

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Mit freundlicher Unterstützung von unsplash.com

Ein Teil meiner Ausbildung ist das künstlerische Arbeiten, vor allem Malen und Plastizieren mit Ton. Die Arbeit mit dem Ton ist anstrengend für mich, und oft gehen die Aufgabenstellungen direkt an mein Unterbewusstsein. Für mich ist es eben nicht nur die bloße Gestaltung einer „schönen“ Form. Oft arbeitet die Erfahrung in mir weiter, hin und wieder kommen Emotionen hoch, die ich nur noch schwer kontrollieren kann. Entgegen der allgemeinen Aussage „Die Arbeit mit Ton belebt.“, bin ich nach diesen Stunden meist völlig erledigt. Ich war mir dessen bewusst, dass das passieren kann. Denn lasse ich doch Maxim und Nadeschda mittlerweile seit einigen Jahren in ihrer Kunsttherapie regelmäßig mit Ton arbeiten und habe dort erlebt, was die Arbeit mit dem Ton bewirkt und ausgräbt.

Als der Dozent an einem der vergangenen Wochenende nun ankündigte, dass wir uns in einer der nächsten Einheiten mit der plastischen Gestaltung eines Embryos und seiner Metamorphose zu einem Menschen beschäftigen würden, stockte mir der Atem. Unmittelbar machte sich in mir das Gefühl breit: Das kann ich nicht. Und das will ich nicht. Ich war an einem Punkt angelangt, an dem ich deutlich spürte: Diese Konfrontation werde ich nicht eingehen, nicht zu diesem Zeitpunkt und nicht in diesem Umfeld, ohne zielführende Begleitung. In dieser vernarbten Wunde wollte ich nicht herumstochern, kein Salz hineinstreuen, sie nicht hervorholen aus den Niederungen meines Unterbewussten, wo sie seit Jahren friedlich schlummerte, sie nicht auf den Präsentierteller meiner Ausbildungsgruppe legen. Es reicht, wenn ich weiss, dass sie nach all den Jahren noch da ist. Sie wird auch nicht weggehen, sie ist ein Teil von mir und meinem Leben. Ich habe nur meinen Umgang mit ihr gefunden. Mit meiner Wunde, kein eigenes Kind geboren zu haben.

Mein Körper war nicht in der Lage, ein Kind auszutragen, es in ihm wachsen zu lassen von einem Embryo bis zu einem kleinen Menschlein, das ich dann in die Welt gebäre. Über das Embryonalstadium bin ich nicht hinausgekommen. Die Natur entschied zweimal, frühzeitig diese Entwicklung in meinem Körper abzubrechen. Jedes Mal, wenn das passierte, war es eine traumatische Erfahrung. Über die Jahre habe ich meinen Frieden damit gefunden. Ich kann ohne Gräuel und Schmerz das Glück anderer schwangerer Frauen teilen. Manchmal bin ich sogar froh für all das, was mir mit meinem anderen Mutterwerden erspart geblieben ist. Gelegentlich wünschte ich mir, ich hätte Maxim und Nadeschda schon von Beginn an unter meinem Herzen getragen. Viele Schwierigkeiten und Schmerzen wären uns vielleicht erspart geblieben. Doch ich habe mein Schicksal angenommen, so Mutter geworden zu sein, wie ich es wurde. So sollte es sein und so ist es auch gut. Dennoch die Narbe meiner leiblichen Kinderlosigkeit ist geblieben, auch wenn ich mit meinem anderen Weg, Mutter geworden zu sein, mehr als im Reinen bin. Um keinen Preis in der Welt, würde ich meine Entscheidung, die Mutter von Maxim und Nadeschda zu werden, rückgängig machen und mein Leben als Adoptivmutter eintauschen. Zu dankbar bin ich für das Leben mit all seinen Lernerfahrungen, das meine zwei Kinder mir geben. Jeden Tag von neuem!

Ja, da ist auf der einen Seite die Narbe, des eigenen unerfüllten biologischen Kinderwunsches. Doch während ich so in mich hineinhorchte, warum mir die Ankündigung des Dozenten den kalten Angstschweiß auf die Stirn trieb, so spürte ich auch eine zweite Wunde, die ich nicht in diesem Umfeld meiner Ausbildungsgruppe konfrontieren wollte: Egal wie wohlwollend und fürsorglich die russische Mutter meiner Kinder gewesen war, wie sehr sie sich vielleicht diese zwei Kinder gewünscht hatte, um dann später lernen zu müssen, sie nicht großziehen zu können, die Schwangerschaften waren allein aufgrund der sozialen Rahmenbedingungen auf keinen Fall leichte gewesen. Und das hatten Maxim und Nadeschda bereits im Mutterleib erleben und erfahren müssen. Das hat sich tief eingebrannt in ihren kleinen Seelen. Der Mangel, die Entbehrungen, die Zweifel, die fehlende Fürsorge. Die Wunden, die sie eben nicht nur durch die Trennung von ihrer russischen Mutter, sondern durch die Lebensumstände erfahren haben, prägen ihr Unterbewusstsein bis heute. Die Folgen oder Auswirkungen dessen bestimmen häufig unseren Alltag, mal mehr mal weniger. Sei es das mangelnde Urvertrauen , seien es die mangelnden Lebenskräfte, die immer wieder die Ursache für Zeichen der Anstrengungsverweigerung  sind. Irgendwann werden diese Wunden heilen, doch auch sie werden als Narben im Unterbewusstsein meiner Kinder bleiben. Mir gelingt es hoffentlich, dass sie mit der Zeit einen Umgang damit finden, jeden Tag ein wenig mehr und besser. Mir jedoch den Schmerz vorzustellen, durch den meine Kinder am frühen Beginn ihres Lebens gehen mussten, ist für mich eine nahezu unerträgliche Erfahrung. Ja, hin und wieder, vor allem, wenn alles einmal wieder sehr schwierig ist, schicke ich mich durch diese Erfahrung, um zu versuchen, meine Kinder zu verstehen. Doch meist ist dies für mich kaum auszuhalten.

Würde ich mich nun der Aufgabe der plastischen Metamorphose eines Embryos zu einem Kind stellen, müsste ich genau durch diese Erfahrungen wieder gehen. Das will und kann ich nicht. Und ich muss es auch nicht. Am Ende beschließe ich, mit dem Dozenten zu sprechen und an dieser Einheit nicht teilzunehmen. Denn der Schmerz und die Trauer gehören zwar zu unserem Leben, aber nicht in meine Ausbildung.

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„Wunschkinder“ im FilmMittwoch in der ARD – Filmrezension einer Adoptivmutter

Im Rahmen des FilmMittwoch zeigte die ARD gestern „Wunschkinder“, die Verfilmung von Marion Gaedickes Roman „Wunschkind – Geschichte einer Adoption“. Es ist die Geschichte von Marie und Peter, die sich nach Jahren, in denen ihr Kinderwunsch unerfüllt bleibt, für die Adoption eines Kindes aus Russland entscheiden. Es folgen Monate der Vorbereitung, des Bangens und Wartens auf den Kindervorschlag. Als sie endlich zum ersten Mal nach Russland reisen, um ihre Adoptivtochter kennenzulernen, trifft die Begegung sie mitten ins Herz. Aber ihr Adoptionsantrag wird vom russischen Gericht aufgrund eines Verfahrensfehlers abgelehnt. Die Heimleiterin schlägt ihnen ein zweites Mädchen zur Adoption vor. Doch Marie drängt auf ein Anfechten des Gerichtsurteils. Der Kampf um das Erfüllen von Maries und Peters Lebenstraum wird zur Zerreißprobe für ihre Partnerschaft.

Richard und ich haben „Wunschkind“ während unseres Adoptionsprozesses gelesen und waren vor unseren eigenen Erfahrungen in Russland von dem Buch gefesselt. „Das ist unsere Geschichte.“ sagte Richard einmal. Das Buch bereitete mich auf viele Unwägbarkeiten in unserem eigenen Adoptionsprozess vor. Es hinterließ das bestärkende Gefühl, dass, egal welche Schwierigkeiten uns auch in Russland begegnen würden, es sich lohnt, für unseren eigenen Lebenstraum zu kämpfen. Gespannt war ich gestern auf die filmische Umsetzung. Denn wie transportiert man ohne Vorurteile zu bedienen, die Kinderlosigkeit, den Weg der Auslandsadoption, zudem noch aus Russland, die Herausforderungen des Adoptionsprozesses und die Belastungen für die werdenden Eltern, nicht nur faktischer Natur, sondern auch emotional in der Paarbeziehung in nur 90 Minuten? Und das ohne sich plakativer Klischees zu bedienen?

„Wunschkinder“ fand eine berührende Antwort auf diese Fragen. Den Filmemachern um Drehbuchautorin Dorothee Schön, Regisseurin Emily Atef und Produzent Michael Polle war es mit sicherlich viel bedachtem und prägendem Einfluss der Buchautorin gelungen, einen bewegenden Abschnitt im Leben eines kinderlosen Paares realistisch in einen Film zu verwandeln, der nüchtern den Blick auf ein Nischenthema in der Gesellschaft wirft. Wie Ralf Wiegand in der Süddeutschen gestern schrieb:

Wunschkinder verliert in keiner Sekunde den Respekt vor den Menschen, die der Film beschreibt – und auch nicht vor jenen Zuschauern, die im echten Leben ähnliche Erfahrungen gemacht haben und nun zufällig an diesem Mittwoch vor dem Fernseher sitzen. Auch wenn der Film ausdrücklich keiner über Adoption sein will, sondern die Liebesgeschichte von Marie und Peter erzählt, einem kinderlosen Paar, das für seinen Traum von einer Familie weit geht: Er nimmt diese Adoption doch ungeheuer ernst.“

Gleichzeitig ist dieser Film so persönlich, denn er erzählt eine wahre Geschichte: Nicht nur die von Marion Gaedicke, ihrem Mann und ihren zwei Töchtern, sondern die von hunderten von Familien mit Kindern und Jugendlichen, die in den vergangenen Jahrzehnten aus Russland (oder anderen Ländern) adoptiert wurden.

„Wunschkinder“ hat auch unsere Geschichte erzählt. Mit fast jeder Szene wurde ich zurückgeführt in unsere eigene Zeit der Kinderlosigkeit, der Kinderwunschbehandlung, der Fehlgeburten, der Suche nach einem anderen Weg, eine Familie zu gründen. Einzig die Szene im ersten Seminar im Jugendamt ließ mich zucken, als die Jugendamtsmitarbeiterin eine Aussage traf, die bei mir anklang, als sei eine Adoption quasi die Ultimos Ratio, den egoistischen Kinderwunsch zu erfüllen. Diese Auffassung teile ich nicht und uns hat sie auch nicht zu der Adoption unserer Kinder aus Russland geführt. Beeindruckt bin ich aber im Nachhinein, mit welcher Akribie im Detail – und geschickt in vielen kleinen Szenen verpackt- vielen Vorurteilen einer Adoption aus Russland begegnet wurde: Die Motivation von Marie, Russland als Herkunftsland zu wählen, da sie einen positiven Bezug zu diesem Land hatte, das Überprüfungsverfahren in Deutschland mit unzähligen Gesprächen und Formularen unterstützt von einer kompetenten und kooperativen Vermittlungsagentur, mögliche Krankheiten und Behinderungen der Kinder und die Auseinandersetzung der Adoptionsbewerber mit diesen möglichen Herausforderungen, das ordentliche und korrekte Verfahren der Behörden in Russland, die keine Willkür duldeten; selbst der Argwohn der Erzieherinnen im Kinderheim gegenüber ausländischen Adoptionsbewerbern fand seinen Platz. Noch einmal mehr zeigte dies den ernsthaften und respektvollen Umgang mit dem Thema Adoption.

mother and two kids walking on at sunset

Die Bilder in Russland ließen mich an unser eigenes Adoptionsabenteuer zurückdenken. Der Flughafen, die Birkenwälder entlang der Straßen, die Übersetzerin, das Kinderheim, die Erzieherinnen, die Heimleiterin, selbst die Richterin und der Richter und vor allem die Begegnungen mit den Kindern. Auch wenn ich damals, als wir Maxim und Nadeschda im Heim kennenlernten, die Romantik, die ich aus Gaedickes Buch herausgelesen hatte, vermisste, so weckten die Szenen im Kinderheim gestern eine fast nostalgische Wehmut in mir. Unsere Begegnungen mit Maxim und Nadeschda verliefen ähnlich: Ein kleiner neugieriger Maxim, der erwartungsvoll unser Spielzeug inspizierte und sich so freute, wenn wir mit ihm spielten. Eine ängstlich weinende Nadeschda, die sich zögerlich an meine Brust schmiegte und sich nach ein paar Momenten beruhigte. Die Szenen im Gericht ließen meine eigene Angst vor einem ablehnenden Urteil von damals wieder wach werden. Doch als die Richterin schließlich das filmabschließende Urteil sprach, flossen auch bei mir Tränen der Erleichterung. Tränen, die ich damals im Gerichtssaal vielleicht aufgrund meiner eigenen Anspannung nicht vergossen hatte; Tränen der unendlichen Dankbarkeit, Maxim und Nadeschda in unserem Leben zu haben.

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Filmtip: „Wunschkinder“ im FilmMittwoch in der ARD

Marion Gaedickes Buch „Wunschkind – Geschichte einer Adoption“ ist verfilmt worden. Unter dem Titel „Wunschkinder“ ist der Film morgen Abend um 20:15 Uhr im Rahmen des FilmMittwoch in der ARD zu sehen.

Marie und Peter sind in ihrem Leben, vor allem beruflich, ein erfolgreiches Paar. Beide sind davon überzeugt, alles in ihrem Leben schaffen und erreichen zu können. Doch auch nach mehreren Jahren bleibt ihr Kinderwunsch unerfüllt. In der Sehnsucht nach einem Kind, bewerben sie um die Auslandsadoption eines Kindes aus Russland. Als sie nach mehreren Monaten der Vorbereitung nach Russland reisen und ihre Adoptivtochter kennenlernen, berührt sie die Begegnung tief im Herzen. Doch das Schicksal stellt Marie und Peter vor ungeahnte Herausforderungen. Denn der Adoptionsantrag für ihre Tochter wird vom russischen Gericht abgelehnt. Getragen von dem Willen ihren Lebenstraum zu erfüllen, entschließen sie sich, um ihre Tochter zu kämpfen.

iStock_000015941675_LargeRichard und ich haben „Wunschkind“ während unseres Adoptionsprozesses gelesen und waren vor unseren eigenen Erfahrungen in Russland von dem Buch gefesselt. „Das ist unsere Geschichte.“ sagte Richard einmal. Unser Adoptionsabenteuer in Russland war dann ein anderes. Vor allem fehlte ihm auch die Adoptionsromantik, die ich bei Marion Gaedicke damals herausgelesen hatte. Dennoch bereitete das Buch mich auf viele Unwägbarkeiten in unserem eigenen Adoptionsprozess vor. Es hinterließ das bestärkende Gefühl, dass, egal welche Schwierigkeiten uns auch in Russland begegnen würden, es sich lohnt, für unseren eigenen Lebenstraum zu kämpfen.

Auf die filmische Umsetzung bin ich gespannt. Allein die Ankündigung des Films lässt in mir viele Erinnerungen wach werden.

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20. Juli – Mutterliebe

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

Meine Gedanken wandern zurück zu den Tagen vor einem Jahr. Vor zwölf Monaten hatten wir in der russischen Gerichtsverhandlung Maxim und Nadeschda als unsere Kinder zugesprochen bekommen. Heute vor einem Jahr flogen wir zurück nach Deutschland, um in Windeseile die Vorbereitungen für die Ankunft unserer Kinder zu treffen. Kurze Zeit darauf holten wir unsere Kinder aus dem Kinderheim in Russland ab und begannen unser Leben als Familie.

Es ist erst ein Jahr her. Dennoch fühlt es sich so an, als lebten Maxim und Nadeschda schon so viel länger bei uns. Viel war passiert in den vergangenen zwölf Monaten, die Ereignisse, Freuden, Erfolge, Herausforderungen und auch Schicksalsschläge im großen wie im Kleinen ließen unsere gemeinsame Zeit um ein vielfaches länger erscheinen: Die vielen ersten Male aus Kindesaugen, das stetige Herannähern an eine organische Routine in unserem Alltag, Nadeschdas Zöliakie Erkrankung, Maxims Eintritt in den Kindergarten, Renates Krankheit und Tod, Maxims Sprechen, der Bruch mit meiner Familie, alte und neue Freundschaften, das Entstehen einer stabilen Eltern-Kind Beziehung. Wir vier waren einen langen Weg gegangen. Manchmal war er steinig, manchmal beflügelnd.

Wir wussten, dass wir auch nach zwölf Monaten noch nicht am Ziel waren. Unser Weg wird weitergehen, und auch in der Zukunft Hürden, Steigungen, aber vor allem glückliche Momente und unzählige erinnerungswürdige Ereignisse für uns bereit halten. Im Sinne eines Ankommens denke ich, haben wir nach diesen ersten zwölf Monaten, den richtigen Pfad gefunden, um als Familie weiter zusammenzuwachsen, unseren Kindern gute und fürsorgende Eltern zu sein, uns in unseren Rollen als Mutter und Vater weiter einzurichten und einen guten Umgang mit unserem Umfeld zu finden. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich für mich sagen kann: „Ja, jetzt bin ich als Mutter endgültig angekommen. Ich habe das Ende meines Weges erreicht. Jetzt habe ich meinen Platz gefunden.“

Entscheidend ist jedoch, dass in mir in den vergangenen zwölf Monaten die bedingungslose Liebe für Maxim und Nadeschda gewachsen ist, die sie beide so sehr brauchen und verdienen. Ich liebe diese beiden wunderbaren Geschöpfe. Sie sind das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Sie geben meinem Leben einen Sinn. Sie lassen mich ein großes Stück weit mehr zu mir finden. Sie treiben mich an meine Grenzen und lassen mich neue Seiten an mir entdecken. Vor allem haben sie mich gelehrt, dass Mutterliebe nicht aus den Genen kommt. Liebe muss nicht biologisch sein. Und während die Bilder des vergangenen Jahres in meinem Kopf vorbeiziehen, huscht ein Lächeln über mein Gesicht und ich denke bei mir: So fühlt sich Mutterliebe an! So fühlt sich Mutterglück an!

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Liebster Award – Das „Alles Familie?!“-Spezial

Happy family together, parents with their little child at sunset.

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Vor einiger Zeit hat Tina vom Blog „Von Wünschen, von Kindern und von Eltern“   mich zu einem ganz besonderen Liebsten Blog Award nominiert: Das „Alles Familie?!“ – Spezial. Welch fantastische Idee, den Blog-Award so zu nutzen. Ich danke ihr von Herzen für meine Nominierung und mache natürlich gerne mit. Ich folge auch ihrem Blog und finde ihre Familien-Entstehungsgeschichte ganz berührend. Sie adressiert dabei einen Weg der Familienbildung, der bisher in meinen Augen wenig in der Öffentlichkeit, vor allem aus Sicht der „Betroffenen“ thematisiert wird.

Da Ihr alle sicherlich den Liebsten Award kennt und es müssig ist, den Ablauf und die Regeln immer wieder erst zu lesen, gehe ich direkt zu meinen Antworten auf Tinas spannende Fragen über:

1. Gehört/e der Wunsch, schwanger zu sein, zu Deinem Kinderwunsch?

Spannenderweise nein. Um ehrlich zu sein, war auch die Vorstellung, die ersten ein, zwei Jahre mit einem Baby und Kleinkind zu verbringen, nicht sonderlich erstrebenswert für mich. Erst heute, nachdem ich erfahren habe, wie wichtig diese allererste Zeit zwischen Mutter und Kind ist, um ein gesundes Urvertrauen entstehen zu lassen, was meine Kinder aufgrund ihrer Geschichte vermissen, wünschte ich mir, ich hätte diese Zeit mit meinen Kindern gehabt. Aber eine Schwangerschaft vermisse ich nach wie vor nicht.

2. Wie lange ist/war Dein Kinderwunschweg?

Wir waren alles in allem ca. zwei Jahre in einer klassischen Kinderwunschbehandlung, bevor wir uns für den Weg einer Adoption entschieden.

3. Wann sollte der Weg zu Ende sein?

Die Frage hat sich während der Behandlung nicht gestellt. Wir waren bereit für drei Versuche, vielleicht mehr, wussten aber beide, dass es keine zehn Versuche werden. Es war dann ein Gefühl, dass vor allem in mir mit jedem Versuch wuchs, dass der reproduktionsmedizinische Weg nicht der richtige für uns ist.

4. Welche Wege, ein Kind zu bekommen, schließt Du für Dich (!) aus?

Gegen Ende der Kinderwunschbehandlung, nach der zweiten Fehlgeburt habe ich mir therapeutische Hilfe gesucht und dabei auch andere Wege der Kinderwunscherfüllung beleuchtet. Ungeachtet dessen, dass Eizell- oder Samenspende „unser Problem“ nicht gelöst hätten, fühlten sich alle Möglichkeiten einer reproduktionsmedizinischen Behandlung für mich und meinen Mann nicht mehr richtig an. Mir war nicht geheuer, in den natürlichen Lauf der Dinge einzugreifen. Mit Hormonen meinen Körper aufzublasen, die Eizellenproduktion zu potenzieren und in einem Reagenzglas Samen und Ei zusammenzubringen, was in meinem Körper nicht funktionieren wollte. Es kam mir vor, als würden wir in die Schöpfung eingreifen. – Ausschlaggebend war sicherlich auch, dass es uns ja nicht darum ging, schwanger zu werden. Wir wollten eine Familie zu gründen und ein Kind ins Leben hinein begleiten.

5.Sprecht Ihr über diese Wege und seid Ihr Euch über diese Wege immer einig/gewesen?

Ja.

6. Wie hast Du/Könntest Du Dich entscheiden, ein Kind zu bekommen, dass genetisch nicht oder nur zum Teil von Euch stammt?

Eine Adoption erschien uns der einzige verantwortungsbewusste Weg zu sein, uns unseren Wunsch nach einer Familie und Kindern, den wir ein geborgenes Zuhause geben können, zu erfüllen. Er war für uns der einzig sinnvolle Weg, nicht zuletzt auch, da es so viele Kinder gibt, die fürsorgliche Eltern suchen.

7. Würdest/Wirst Du es Deinen Kindern sagen?

Ja, natürlich. Unsere Adoptionsgeschichte gehört zu unserem Alltag und unsere Kinder haben einen natürlichen Umgang damit.

8. Hättest/Hast Du Angst davor, dass Dein Kind eines Tages nach seinen genetischen Wurzeln suchen wird?

Sie werden sicherlich irgendwann einmal nach ihren Wurzeln suchen wollen. Dessen bin ich mir sicher. Angst habe ich davor nicht. Ich bin ihre Mutter, die immer für sie da ist, und das wissen sie. Schon heute treffen wir Vorkehrungen, um ihnen später diese Suche zu ermöglichen. Beide Kinder haben zum Beispiel ein Sparbuch, das für eine solche Reise da ist, und wir pflegen den Kontakt, teilweise sehr intensiv zu anderen Adoptivfamilien und ihren Kindern, damit sie, wenn sie ihre Wurzeln ohne uns Eltern suchen wollen,  die Unterstützung von Freunden mit dergleichen Geschichte haben.

9. Wem würdest Du/hast Du von der Entstehung Deiner Familie erzählen/erzählt?

Spannende Frage. Unserem engsten sozialen Umfeld, Freunden und Familie haben wir natürlich davon erzählt. Auch Ärzte, Therapeuten sowie Lehrer und Erzieherinnen im Kindergarten wissen um unsere Familiengeschichte, soweit es für das Zusammensein und Erziehen unserer Kinder wichtig ist. In allem übrigen halten wir uns inzwischen bedeckt. Denn unsere Kinder sind langsam auch in einem Alter, in dem sie selbst entscheiden sollen und wollen, wem sie von ihrer Adoption erzählen. Mehr dazu könnt Ihr auch in meiner Kolumne „Manchmal ist es besser zu schweigen…“ nachlesen.

10. Wer wir sind: Erworben oder vererbt?

Eine gewisse Basis wird mit Sicherheit vererbt. Doch was dann im Konkreten daraus entsteht, ist meiner Meinung nach alles Nachahmung und soziale Prägung. Es war nicht nur Fügung des Schicksals, sondern die natürliche Folge des Zusammenseins mit unseren Kindern, dass sich nach ein paar Jahren immer mehr die Kommentare häufen: „Eure Kinder sehen Euch so ähnlich. Man könnte meinen, es sind Eure leiblichen.“

11.Gleicher Tag, gleiche Uhrzeit: Was machst Du in genau 10 Jahren gerade?

Ich sitze auf der Terrasse eines Hotels im südlichen Russland und genieße die Nachmittagssonne. Ich freue mich darüber, dass meine Kinder die Pubertät unbeschadet durchlebt haben und wir in diesem Moment gemeinsam nach ihren Wurzeln suchen und sie ihre russische Heimat kennenlernen.

So, jetzt seid Ihr dran. Um Tinas Idee dieses Liebsten Award „Alles Familie!?“ weiterzutragen, nominiere ich:

Mit Hilfe einer Leihmutter zum Wunschkind

Patchworkdeluxe

ninshikey.de 

Mission Little TC

Nach Regen kommt eben Sonnenschein 

und in logischer Konsequenz übernehme ich auch Tinas Fragen:

  1. Gehört/e der Wunsch, schwanger zu sein, zu Deinem Kinderwunsch?
  2. Wie lange ist/war Dein Kinderwunschweg?
  3. Wann sollte der Weg zu Ende sein?
  4. Welche Wege, ein Kind zu bekommen, schließt Du für Dich (!) aus.
  5. Sprecht Ihr über diese Wege und seid Ihr Euch über diese Wege immer einig/gewesen?
  6. Wie hast Du/Könntest Du Dich entscheiden, ein Kind zu bekommen, dass genetisch nicht oder nur zum Teil von Euch stammt?
  7. Würdest/Wirst Du es Deinen Kindern sagen?
  8. Hättest/Hast Du Angst davor, dass Dein Kind eines Tages nach seinen genetischen Wurzeln suchen wird?
  9. Wem würdest Du/hast Du von der Entstehung Deiner Familie erzählen/erzählt?
  10. Wer wir sind: Erworben oder vererbt?
  11. Gleicher Tag, gleiche Uhrzeit: Was machst Du in genau 10 Jahren gerade?

Teilt Euren Weg, Familie zu werden oder Familie geworden zu sein, mit uns und anderen. Nur so können all die Frauen da draußen, die sich mit einem unerfüllten Kinderwunsch quälen und sich nicht trauen, ihre Sorgen und Ängste, und vor allem ihre Hilflosigkeit zu adressieren, erfahren, dass es egal ob medizinisch oder anders meistens Wege gibt, eine Familie zu werden. Mir hat das damals die meiste Kraft gegen: Mich der Hilflosigkeit und Ohnmacht zu entziehen und zu realisieren, dass ich in der Wahl des Weges zur Erfüllung unseres Kinderwunsches autonom bleiben kann.

Viel Spass beim denken, schreiben und bloggen! Ich freue mich, von Euch zu lesen.

Charlotte