0

Charlottes Sonntagslieblinge (4)

A photo by Ben White. unsplash.com/photos/bS_O0N5oFbM

Ben White, unsplash.com

Es gibt so unendlich vieles, für das ich dankbar sein kann in meinem Leben mit Maxim und Nadeschda. Auch wenn wir gerade wieder eine Zeit haben, die mit Herausforderungen und dem schwierigen Umgang mit Veränderungen, so klein sie auch sind, gekennzeichnet ist. Umso mehr will ich mir all die positiven Kleinigkeiten in unserem Alltag ins Gedächtnis rufen, die diesen so unglaublich bereichern. Deshalb blicke ich inspiriert von  Mirjam von Perfektwir auf meine eigenen, ganz persönlichen Lieblinge dieser Woche. Hier sind sie wieder, meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Nach einer leichten Lebensmittelvergiftung, die uns in der vergangenen Woche ereilt hat, sind wir alle wieder gesund. Das Schicksal hält doch immer wieder ein Lehrstück bereit. Wenn alles zu viel wird, dann kommt von irgendwo her ein Zeichen: „Tue langsam und mit Bedacht.“ Doch wäre mir lieber gewesen, die erzwungene Ruhe ohne Magenschmerzen und ohne Sorgen um zwei kranke Kinder zu genießen. Dennoch: Es war der richtige Hinweis zur richtigen Zeit.
  2. Ein wunderbarer Herbstspaziergang im Wald mit unzähligen Kilos an Kastanien, die wir gesammelt haben.
  3. Ein ausgiebiger Vorlesenachmittag, an dem sich Maxim, Nadeschda und ich uns auf die Couch kuscheln, Kekse essen, Erdbeertee trinken und die Kinder in meinem Schoß versunken, meinen Geschichten lauschen.

Für heute bin ich dankbar und freue mich auf die neue Woche. Habt auch Ihr einen wunderbaren Start in einen zauberhaften Herbstmontag!

5

16. Mai – Kindergarten reloaded

Auch wenn Maxim heute morgen recht munter und agil aufstand, bestätigte er eifrig, dass sein Knie ihm immer noch weh tat, nach seinem Unfall auf dem Trampolin am Wochenende. In den Kindergarten wollte er partout nicht gehen. Er wurde nicht müde, eifrig zu wiederholen: „Knie aua.“, „Nicht Kindergarten.“, ergänzt um „Steffi nicht lieb. Nicki nicht lieb.“ Sein letzter Kommentar verwunderte mich. Zum ersten Mal äußerte mein Sohn klar, dass er sich bei seinen beiden Erzieherinnen im Kindergarten nicht wohl fühlte. Auf mein Nachfragen bekam ich von ihm immer wieder dieselbe Antwort: „„Steffi nicht lieb. Nicki nicht lieb.“ bestärkt mit einem „Kindergarten gar nicht schön.“ Da ich mir ohnehin unsicher war, ob die Erzieherinnen auf Maxim und sein angeschlagenes Knie besondere Rücksicht nehmen würden, entschied ich kurzerhand, Maxim für diese Woche vom Kindergarten abzumelden. Mir war wohler dabei, meinen Sohn in meiner Obhut zu haben.

Maxims Erleichterung, als ich ihm sagte, dass er diese Woche nicht in den Kindergarten gehen müsste, bestätigte mir, dass diese Entscheidung richtig war. Nachmittags gab ich Maxims Wunsch nach, und wir gingen trotz angeschlagenem Knie auf den Spielplatz. Ich war mir sicher, dass mein Sohn sich ohnehin nur das zutrauen würde, was ihm nicht weh tat. Als ich ihn jedoch so beim Klettern und Toben beobachtete, wurde mir klar, dass sein Knie sich sehr schnell erholt hatte und dass es für ihn nur der willkommene Anlass gewesen war, mir gegenüber offen zu zeigen, dass er nicht in den Kindergarten gehen wollte. Das machte mich nachdenklich. Wieder einmal fragte ich mich, ob mein Sohn in diesem Kindergarten gut aufgehoben war. Die Verunsicherung um eine schlechte Betreuung im Kindergarten löste die Sorge um Maxims Knie ab.

0

24. Februar – Sorgen um Oma (Teil 3)

Renate hat ihre Operation gut überstanden. Ein Wunder, wenn wir daran denken, dass vor zehn Tagen noch niemand sicher sein konnte, dass sie die nächste Nacht überlebt. Noch einmal hat sie riesiges Glück gehabt. Denn nachdem sich keine Metastasen gebildet hatten und keine weiteren Organe befallen waren, konnte der Professor in der Operation den Tumor gut großflächig entfernen und musste nur einen Teil der danebenliegenden Lymphknoten mit entfernen. Wir können es noch nicht ganz glauben. Aber nach drei Wochen scheint sich alles zu einem Guten zu wenden. Der Professor gibt Renate nach Chemotherapie und Bestrahlung gute Prognosen, dass sie den Krebs vollständig überwinden wird. Sie selbst scheint ihr Schicksal angenommen zu haben und ist bereit, den ihr vorbestimmten Weg zugehen und die Strapazen, die die nächsten Monate mit sich bringen werden, auf sich zu nehmen. Richard hat inzwischen eine Pflegerin gefunden, die ab Anfang März, wenn Renate aus dem Krankenhaus entlassen wird, sie erst einmal Zuhause begleiten wird.

Maxim und Nadeschda haben gelernt, dass die Oma nicht verschwunden, sondern nur vorübergehend im Krankenhaus ist, und bald wieder nach Hause zurückkehren wird. Ich habe mich ein Stück weit in das Schicksal gefügt, dass uns in den kommenden Wochen und Monaten erwarten wird. Wie immer im Leben, mit jedem Tag sind die Herausforderungen ein Stück leichter zu ertragen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sie annimmt und sie nicht mehr so schwer wiegen, sondern sie zu einer Normalität werden. Es fühlt sich an, als sähen wir doch ein Licht am Ende des Tunnels. Wenn die Monate der Chemotherapie und Bestrahlungen vorbei sind, werden wir sehen, wie wir uns in unserem Leben mit einer mehr oder weniger pflegebedürftigen Großmutter einrichten werden. Hatte ich in den vergangenen Wochen oft das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wie es weitergehen sollte, so wusste ich jetzt einmal mehr: Es geht immer weiter, irgendwie!

Letztendlich halfen mir dabei Maxim und Nadeschda, ohne dass sie es erahnen konnten. Denn sie zwangen mich, jeden Tag weiterzumachen, meine eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse hinten an zu stellen. Meine beiden Kinder lehrten mich jeden Tag von neuem, dass sie das Wichtigste in meinem Leben waren. Sie diktierten meine Prioritätensetzung. Und die hieß: Maxim und Nadeschda an allererster Stelle zusetzen. Allein dieses Bewusstsein half mir. Zumindest für den Moment.

0

15. Februar – Sorgen um Oma (Teil 2)

Noch immer ist Renates Zustand sehr schlecht. Die Krebsdiagnose hat sich erhärtet. Der Tumor ist recht groß und hat bereits die umliegenden Lymphknoten befallen. Doch es grenzt nahezu an ein Wunder, dass die Krebszellen noch nicht weiter gestreut haben. In Lungen und Leber sind bisher keine weiteren Krebsherde gefunden worden. Renates kritischer Gesundheitszustand ist daher vor allem auf Herzrhythmusstörungen zurückzuführen. Da sie so lange ihre Blutwerte und ihre Einstellung auf blutdrucksenkende Medikamente nicht hatte überprüfen lassen, ist ihr Herzrhythmus aus dem Ruder gelaufen. Sie schläft im Grunde die ganze Zeit, ist sehr schwach und bewegt sich auf einem schmalen Grad zwischen Leben und Tod. Erst wenn sich ihr Zustand stabilisiert hat, kann sie operiert werden.

Richard und ich sind immer noch in einem Funktionsmodus. Wir nehmen Renates Erkrankung von Tag zu Tag, mögen keine Prognosen abgeben, nicht die nahe liegende Zukunft planen. Wir wissen nicht wie es weiter gehen wird. Im Moment hoffen wir nur, dass alles gut geht, dass sich Renate erholt und bald operiert werden kann. Dennoch in stillen Momenten spüren wir, dass vor uns allen noch ein harter und steiniger Weg liegen. Nach der Operation werden Chemotherapie und Bestrahlungen folgen. Das wissen wir bereits. Was dies für uns als Familie bedeuten und welche Auswirkungen dies in unserem Alltag haben wird, können und wollen wir noch nicht absehen.

Ich weiß nicht, wie es Richard damit geht. Ich spüre bei dem Gedanken daran, wie sich mir der Hals zuschnürt, als hätte man mir einen Felsbrocken um das Genick gekettet, der mich langsam nach unten zieht. Doch auf der anderen Seite helfen mir Maxim und Nadeschda, mich nicht vollständig nach unten ziehen zu lassen. Denn ihnen gilt mein Leben. Für sie muss ich da sein. Meine Hauptaufgabe ist es, nun unseren Alltag so zu gestalten, dass er friedlich weiterläuft, auch mit der Belastung, dem Schmerz und den Sorgen um die Oma und einem Papa, der zur Zeit nicht so für seine Kinder da sein kann, wie er das gerne können möchte. Ich muss mein eigenes Kopfkino abschalten, um jeden Tag voll und ganz für Maxim und Nadeschda präsent zu sein. Ich muss ihnen die Stabilität geben, die um uns herum als Familie im Moment fehlt. Mehr denn je muss ich mich voll und ganz nur auf diese beiden, meine beiden Kinder konzentrieren. Das kostet auf der einen Seite Kraft, vor allem wenn keine Minute zum durchatmen bleibt. Auf der anderen Seite hilft es mir. Denn auch mir gibt die Tatsache, dass ich mehr als hundert Prozent und ohne Unterstützung für meine beiden Kinder da sein muss, Stabilität und eine klare Orientierung.

0

5. Februar – Sorgen um Oma

Die Ereignisse haben sich überschlagen. Renate ist seit gestern im Krankenhaus. Binnen 48 Stunden hat sich ihr Gesundheitszustand so verschlechtert, dass Richard handeln musste. Vorgestern Abend konnte sie nicht mehr die Treppe hinauf ins Schlafzimmer gehen. Erschöpft saß sie auf der untersten Treppenstufe und vermochte nicht mehr aufzustehen. Richard hatte dies durch ihr Wohnzimmerfenster gesehen. Er wusste, dass er etwas unternehmen musste, und Renate nicht hilflos auf der Treppe sitzen lassen konnte. Dies gepaart mit der Angst, welche Pandorabüchse sich für ihn und für uns als Familie öffnen würde.

Doch nach einem Moment des Haderns ging er zu seiner Mutter. In der folgenden Stunde entfaltete sich das ganze Drama, das meine Schwiegermutter schon seit Jahren mit sich herumgetragen und allen verheimlicht hatte. Oberhalb ihrer Brust wuchs ein Handteller großes Geschwür. Sie war nicht zum Arzt gegangen. Sie war schon seit Jahren nicht mehr beim Arzt gewesen, aus der Angst heraus, dass er dieses Geschwür entdecken könnte. Dass sie in den letzten Tagen all ihre Kräfte verloren hatte, wollte sie nicht damit in Zusammenhang bringen. Auch wenn sie in ihrem tiefsten Inneren wusste, dass sie nun ins Krankenhaus gehen musste, wollte sie das Ausmaß ihres schlechten Gesundheitszustandes nicht wahrhaben. Sie wollte nicht sehen, was Richard in Sekunden realisierte: Sie hatte Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium. Das war selbst für Richard als Laien offensichtlich. Ein späteres Telefonat mit Marlene, die Internistin war, brachte als Ferndiagnose die erste Gewissheit. Sie empfahl, dass wir nicht das Wochenende abwarten, sondern dass Renate unmittelbar am nächsten Tag ins Krankenhaus eingeliefert werden sollte.

Als der Krankenwagen kam, versetzte das Maxim und Nadeschda in helle Aufregung. Sie waren nicht mehr von dem Fenster wegzubewegen, von wo aus wir den besten Blick auf Omas Haus hatten. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass die Oma krank sei und dass sie nun in ein Krankenhaus käme, wo man ihr helfe. Was davon ankam, kann ich nicht sagen. Maxim blickte mich nur stumm an, doch die Anspannung und Aufregung waren ihm ins Gesicht geschrieben. Auch wenn ich ruhig blieb, und mir selbst die Tragweite dessen, was gestern Abend ans Licht kam, bis zum jetzigen Moment nicht klar war, so spürte mein Sohn, dass etwas sehr Schlimmes mit der Oma passiert war. Das war nicht zu übersehen. Nachdem der Krankenwagen mit Renate und Richard ein paar Minuten später selbst mit dem Auto abgefahren waren, verbrachten die Kinder und ich einen ganz normalen Samstag. Oder eher gesagt, einen normalen Tag. Wir gingen einkaufen, machten ein paar Erledigungen und kochten. Wie immer war der Alltag mit den Kindern auf der einen Seite so fordernd – sie verlangen immer eine 100 prozentige Präsenz – und auf der anderen Seite so wohltuend. Ich spürte, dass ich nicht alleine war. Nein, meine beiden Kinder waren bei mir. Mich um sie zu kümmern, war meine allererste Priorität. Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht, geschweige denn anzufangen mir Sorgen zu machen.

Mit der Mittagspause spürte ich, dass die Ereignisse des Morgens Maxim und Nadeschda sehr beschäftigten. Sie waren ungewöhnlich müde, schliefen schnell ein und wachten spät wieder auf. Nach dem Aufwachen verlangte Nadeschda seit langem einmal wieder nach einer Flasche Milch. Maxim war überraschend anhänglich. Ständig wollte er auf meinen Arm und festgehalten werden. Er selbst schloss seine Ärmchen ganz fest um meinen Hals. Konnte ich ihn einen Moment nicht halten und musste ihn absetzen, fing er unmittelbar an zu weinen. Obst und Schokolade hoben seine Stimmung etwas. Doch wich er weiterhin nicht von meiner Seite. Wir malten nachmittags wieder einmal. Genauer gesagt, Maxim malte und Nadeschda war sein Sprachrohr. Denn nach dem zweiten Bild, nahm sie es vom Tisch – Maxim ließ sie überraschend gewähren – und fragte Maxim: „Oma?“ Er nickte eifrig und lächelte. Nadeschda trug Maxims Kunstwerk zu mir hinüber und gab es mir wieder mit einem „Oma!“. Während Maxim unermüdlich weiter malte – es entstanden noch drei weitere Bilder, eine Ausdauer, die ich selten bei ihm sah – hatte Nadeschda aus einer Schublade in der Küche ein altes abgelegtes Handy herausgezogen und lief damit „telefonierend“ herum. Ich verstand wenig von ihrem Gebrabel, doch immer wieder kam sie zu mir, hielt mir das Telefon ans Ohr und sagte: „Oma.“ Auch ich sollte mit der Oma sprechen. Ich war zutiefst gerührt. Ich selbst war nicht in der Lage, meinen eigenen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, geschweige denn sie überhaupt hochkommen zu lassen und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich war seit dem Vorabend wieder in meinem Funktionsmodus, in dem Sorgen, Ängste und Traurigkeit keinen Raum fanden. Um so mehr bewunderte ich Maxim und Nadeschda, wie sie so schnell ihren Weg gefunden hatten, sich mit dem Krankenhausaufenthalt ihrer Großmutter auseinanderzusetzen und die damit verbundenen Gefühle auszuleben.