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Adoptivkinder heilsam durch den Sommer bringen….

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Photo by Craig Whitehead on unsplash.com

Den unglaublich bereichernden Blog von Mike und Kristin Berry „Confessions of an Adoptive Parent“ hatte ich schon zu Beginn diesen Jahres entdeckt. Der Blog und vor allem auch ihre Bücher, vor allem Kristin’s „Born Broken“, haben mich zutiefst berührt. Als Adoptiveltern von insgesamt acht, ja ACHT, Adoptivkindern schreiben sie und engagieren sie sich ungemein für das Wohlsein von Adoptivkindern aber eben auch von Adoptiveltern. So hat erst einer der jüngsten Beiträge von Mike Berry „5 Tips to Help You Navigate Summer Break With Success“ mir noch einmal die Augen über die Ferien geöffnet, über Ferien mit Adoptivkindern.

Lange hatte ich für uns die Ferien herbeigesehnt. Und ja, ich bin auch sehr froh und dankbar, dass sie da sind. Aber nun bin ich mir auch einmal wieder bewusst, warum hier nicht alles einfach geschmeidig läuft und es bis zu einer wirklichen Entspannung noch ein langer Weg ist. Mike beschreibt die Folgen des Verlustes von Struktur sehr deutlich. Gut, in den USA ist das Ferienmodell noch einmal krasser als hier. Denn dort ist man mit drei Monaten Sommerferien mehr oder weniger konfrontiert, nachdem vorher über neun Monate eine streng durch die Schule vorgegebene Struktur herrschte. Der Schnitt ist groß. Bei uns etwas weniger krass. Denn wir haben unsere Ferien gut über das Jahr verteilt. Dennoch, sechs Wochen Sommerferien heben zunächst einmal auch alle Struktur aus den Angeln. Es sei denn, man schickt seine Kinder gleich in die nächste Ferienbetreuung. Maxim hat dies drei Jahre lang gemacht. In diesem Jahr war er so am Rande seiner Kräfte, dass ich beschloss, ihn in der ersten Ferienwoche zuhause zu lassen. Kein Ferienzirkus von neun Uhr morgens bis fünf Uhr abends. Sondern vorerst gähnende Langeweile Zuhause… Und das ist genau das, was er jetzt braucht. Dennoch, bis ich Mike’s Beitrag vor ein paar Tagen las, war ich mir – nicht mehr – der Tatsache bewusst, dass der Wechsel in den Ferienmodus so anstrengend sein kann. Nicht nur unbedingt für die Kinder und dann doch vor allem für sie, aber eben auch für uns Adoptiveltern. Wenn ich auf die vergangenen zwei Tage zurückblicke, dann ist es so. Die Launen brechen durch, die Kinder streiten sich, noch mehr als ohnehin in den vergangenen Wochen, Nadeschda ist am Rande ihrer Nerven. Allein, dass ich mit Maxim in den Garten gehe und sie unsere Ankündigung nicht hört, löst bei ihr einen minutenlangen Weinkrampf aus. Verlustangst! Wieder da und mehr präsent als je zu vor oder lange nicht mehr. Maxim ist auf Krawall gebürstet. Mehr als ohnehin schon in den letzten Wochen, damit dann sein Verhalten vollständig kippt, wenn wir abends ins Bett gehen und er sich beim Vorlesen an mich kuschelt wie lange schon nicht mehr.

Struktur und Routine

Meine Kinder sind ihrer bisherigen Struktur enthoben und die neue hat noch nicht gegriffen. Denn wie Mike schreibt, entgegen vieler Familien haben wir auch in den Ferien eine Struktur und einen Rhythmus, eine feste Routine. Bis wir wieder in die Schweizer Berge fahren – und auch dort haben wir dann eine Routine – , arbeite ich weiter halbe Tage zuhause. Die Kinderfrau kommt und unternimmt mit den Kindern etwas oder bastelt und spielt mit ihnen zuhause. Jeden Tag zur selben Uhrzeit, damit sich eine tägliche Routine einstellt. An unseren Nachmittagen haben wir unsere feste Struktur. Üben, für die Schule arbeiten und dann unternehmen wir drei etwas schönes. Heute waren wir zum ersten Mal Himbeeren Pflücken. Danach wie immer zur gleichen Zeit Abendbrot und unser Schlafensritual. Doch auch das muss sich erst wieder einspielen. Denn wie Nadeschda heute zurecht bemerkte: Dienstags war ich in den vergangenen zwei Jahren abends nicht da, um meinen Kinder ins Bett zu bringen. Jetzt bin ich es. Meine Tochter bemerkte sehr treffend heute, dass doch bitte die Routine eingehalten werden muss und es eigentlich nicht sein kann, dass ich sie ins Bett bringe. Das macht einmal mehr deutlich, wie wichtig Routine und Rhythmus für diese traumatisierten Kinder sind. Selbst, dass ich sie nun als ihre Mutter wieder ins Bett bringen kann, zählt weniger, als die schwer gelernte Routine „Mama ist dienstags nicht da.“

Kleine Dosen

Nein, keine Blechdosen. Sondern, eher in unserem Sprachjargon „weniger ist mehr“. Nicht bis zum Letzen das Spielen ausreizen, nicht bis zum Letzten einen Besuch strapazieren, nicht bis zur absoluten Erschöpfung einen Besuch in einem Freizeitpark ausdehnen. Nein, weniger ist wirklich mehr. Und genauso betrifft das das Tagesprogramm eines Adoptivkindes. Wir hatten den Fall mit den Zirkusvorstellungen und dem Laiervorspiel vor den Ferien. Und jetzt ist es, wenn der Papa sagt: „Ach wir könnten doch noch….“, dann lasse ich das mal so stehen und am Ende bin ich froh, wenn die Kinder nur friedlich im Garten gespielt haben und wir keine große Fahrradtour mehr gemacht haben, sondern einfach einmal Zuhause waren. Und die Langeweile, die müssen beide Kinder aushalten lernen. Spätestens, wenn wir in zehn Tagen in der Schweiz sind, liegen die Kinder und ich auf dem Bett oder im Garten in der Sonne, lesen und sind einfach glücklich. Auch ohne großes Entertainment…

Kein oder wenig Zucker

Gut, das spielt muss ich sagen, bei uns eh kaum eine Rolle. Weder im Schulalltag, noch in den Ferien. Denn schon lange weiß ich, dass vor allem bei Maxim der Hang zu Süßem groß ist, seine Laune aber bei zu viel Zucker auch schnell kippt. Hohen Dosen an Zucker deregulieren sein Verhalten und seine Launen maßgeblich. Manchmal ist es, als sei er nicht mehr Herr seiner Sinne. Nadeschda ist da ein wenig anders. Süßigkeiten reizen sie kaum, es sei denn es ist dunkel Schweizer Schokolade. Aber alles andere lässt sie liegen.

Verbindung statt Verbesserung

Für diesen Impuls war ich besonders dankbar. Anstatt meine Kinder zu fragen, was los ist, und warum sie sich so schwierig verhalten, sollte ich sie lieber fragen, wie ich ihnen helfen kann, was sie in diesem Moment brauchen, in dem es ihnen gerade schlecht geht, weil sie einmal wieder von ihrem alten Trauma übermannt wurden und nur noch im Überlebensmodus agieren. Das gilt eigentlich immer im alltäglichen Zusammenleben, doch vielleicht noch mehr in den Ferien, wo eine gewisse Haltlosigkeit und Veränderung des bestehenden Alltags den Überlebensmodus nur noch befeuert.

Interaktionen den Vorrang geben

Aktive Aktivitäten – im Gegensatz zu passiven Aktivitäten wie Filme schauen, Videospiele spielen, etc. – sorgen dafür, dass sich traumatisierte Kinder besser fokussieren und regulieren können. Passiver Medienkonsum ist eher Gift. Nicht zuletzt weil wir ohnehin erkannt haben, dass über einen hohen Medienkonsum die Gedächtnisleitung unserer Kinder negativ beeinträchtigt ist, ist bei uns der elektronische Medienkonsum stark reguliert. Maximal zweimal in der Woche und das auch nur, wenn am nächsten Tag keinen Schule ist, dürfen sie 30 bis 45 Minuten einen Film sehen. Das Konzept „Fernsehen“ haben sie bis heute nicht richtig begriffen. Für unsere Kinder funktioniert das nur, wenn man eine kleine silberne Scheibe in einen DVD-Spieler einschiebt. Auch in den Ferien oder gerade da. Viel wertoller ist es da, zusammen im Garten zu arbeiten, Beeren pflücken zu gehen, zu basteln, schwimmen zu gehen, zusammen zu kochen, oder lange vorzulesen. Am liebsten auch gegenseitig. Maxim und ich lesen zum Beispiel im Moment ein Buch über Moskau vor, mit einem Bildband daneben, in dem wir uns dann die Baudenkmäler und Statuen ansehen, über die wir vorher gelesen haben.

In diesem Sinne, kommt alle wohlbehalten durch den Sommer!

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Die „Waldorf-Welt“ ist auch keine heile…

…nein, ganz im Gegenteil. Das ist mir spätestens mit der karmischen Erfahrung zwischen Leander und Maxim klar geworden. Drei Jahre haben wir mehr oder weniger in der idyllischen Waldorf-Welt gelebt. In der Welt einer Waldorfschule und einem Waldorfkindergarten, in dem so vieles aus der „bösen“ Welt da draußen einfach nicht stattfand. Wir fanden uns wohlgehütet in einer Umgebung, in der es keinen Markenwahn gibt, in der alle Kinder wohl erzogen sind, in der die meisten Eltern so fürsorglich sich um ihre Kinder kümmern, wie wir das tun. Medienkonsum ist verpönt, Märchen und andere Geschichten vorlesen steht im Vordergrund, genauso wie viel draußen in der freien Natur spielen, wenige mit elektronischem  Spielzeug überladenen Kinderzimmer, viel Malen, Basteln und Handarbeiten. Diskussionen um Süßigkeiten in der Brotbox gibt es nicht, Schlägereien unter den Jungs werden stark geahndet. Die Elternhäuser sind irgendwie  – wenn auch an unserer Schule sozial und monitär sehr verschieden – doch alle gleich vom Bildungsniveau. (Das kann man auch in Studien nachlesen, Waldorfschulen rekrutieren ihre Schüler aus dem klassischen Bildungsbürgertum.) Ja, wir fühlten uns so ein wenig unter uns. Ein bisschen naiv glaubte ich an eine heile Welt, in der meine Kinder ihre Zeit verbrachten und gebildet wurden, wenn sie nicht Zuhause waren. Eine heile Welt, die der Werte- und Vorstellungswelt entsprach wie wir sie hier Zuhause unseren Kindern gaben.

Doch langsam hebt sich der Schleier der Blauäugigkeit. Warum auch sollten äußere Einflüsse und Veränderungen vor einer Waldorfschule halt machen? Schon immer gab es an jeder Schule verhaltensauffällige Kinder. Doch ihre Zahl nimmt gefühlt zu. (De facto von dem was ich an Quellen gefunden habe, waren es vor zehn Jahren genauso wie heute rund 15 % aller Kinder.) „Leander“ ist kein Einzelfall, nicht an unserer Schule und auch an anderen Schulen nicht. Vielleicht ist es eher so, dass diese Kinder in der Waldorfpädagogik lange gut aufgefangen werden konnten. Doch im Zuge von gesellschaftlichen Entwicklungen und einer stärkeren Problemorientierung bzw. auch einer anderen Qualität der Probleme, steht nun die Auseinandersetzung mit Verhaltensauffälligkeiten wie Aggression, fehlende sozialen Kompetenzen, Konzentrationsschwächen, Leserechtschreibschwächen, und vielen mehr auch an einer Waldorfschule an der Tagesordnung. Und vielleicht nimmt dann doch auch die Zahl der verhaltensauffälligen Kindern an einer Waldorfschule zu. Zumal der äußere Einfluss einfach auch stärker wird. Das Nutzen von elektronischen Medien macht das so schön deutlich. Früher hatte kein Kind ein Tablet Zuhause oder einen iPod oder ein Nintendo, geschweige denn durfte es Computerspiele geben. Da waren das Fernsehen und maximal der Videorekorder der „Feind“, der die heile Waldorf-Welt bedrohte, Märchen entmystifizierte, Kinder am aktiven Spielen hinderte und vieles mehr. Doch das ist heute anders. Selbst wenn all diese Medien an der Schule verboten sind, so kann eine Waldorfschule nicht verhindern, dass die Kinder nach dem Unterricht Zuhause sich hemmungslos dem Einfluss elektronischer Medien und Spielzeuge aussetzen.

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Danke an unsplash.com

Sicherlich sind Missstände an unsere Schule lange nicht so eklatant wie vielleicht an vielen staatlichen Schulen. Ein bisschen ist noch da von der „heilen“ Welt. Doch langsam macht sich bei mir die Erkenntnis breit, dass ich meine Kinder auch an einer Waldorfschule nicht vor bestimmten Einflüssen und Herausforderungen schützen kann. Diese sind einfach da und ich kann die Augen nicht davor verschließen. Wieder bin ich als Mutter, sind wir als Eltern gefragt, unsere Kinder zuhause für diese Herausforderungen zu stärken. Wenn Maxim im Moment im Hauptunterricht zwar physisch anwesend ist, aber vom Inhalt nichts mitbekommt, übe ich Zuhause mit ihm. Lesen, Schreiben, Rechnen. Jeden Tag. Nur so ist und bleibt er auf dem Lernniveau eines bald Drittklässlers. Wenn Maxim’s Freundschaften in der Schule wanken, stärken wir Freundschaften außerhalb der Schule. Ein paar hat er sich noch aus seiner Kindergartenzeit hier bei uns im Dorf bewahrt. Das tut ihm gut. Um sich gegen Übergriffe von Klassenkameraden wie Leander zu wehren, lassen wir ihn nun ein Selbstbehauptungstraining machen und er probiert im Moment Judo aus. In der Schule zeigen Richard und ich wieder erhöhte Präsenz in Gesprächen mit der Klassenlehrerin, bei Elternabenden und in unterschiedlichen Gremien. Wir Helikoptereltern sind wieder allgegenwärtig. Und über allem zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, dass ich einfach immer da bin, Richard und ich ihm ein stabiles und sicheres Zuhause geben, ihn halten und aushalten. So wie vor ein paar Tagen: Wir hatten einen harten Übnachmittag – irgendetwas war wieder in der Schule vorgefallen, vermutete ich – mit viel Wut und Tränen. Als ich am späten Nachmittag in die Akademie fahren wollte, fing Maxim bitterlich an zu weinen. Ich sollte Zuhause bleiben und nicht wegfahren. Das tat ich dann auch. Ich blieb bei ihm und hielt ihn, den ganzen Abend. Danach war seine Welt wieder ein Stück weit heiler.