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Unter Kühen – Eine Meditation im Sonnenuntergang

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Danke an unsplash.com

Heute Morgen beim Laufen über bayrische Kuhweiden musste ich wieder an mein Erlebnis vor ein paar Wochen zurückdenken, meine Erfahrung unter Kühen im Sonnenuntergang. Seitdem ich wieder regelmäßig laufe und damit neue Impulse und Inspirationen bekomme, will ich heute noch einmal zu dieser Kuhherde zurückkehren. Vielleicht unter dem Aspekt, dass gerade im Moment, wo ich merke, wie gut es tut, neben dem Alltag als Adoptivmutter mit zwei fordernden Kindern – auch wenn zur Zeit alles weitestgehend gut läuft, ist nicht immer alles eitel Sonnenschein, nein gerade nicht. Dass es gut läuft ist oft auch harte Arbeit. – und meiner Ausbildung andere ganz persönliche Ressourcen für mich zu haben. Was man dabei in der Natur entdecken darf, ist manchmal eine spannende Erfahrung…

Unter Kühen – Eine Meditation im Sonnenuntergang

Bis zu einem Abend im Frühsommer hatte ich ein gespaltenes Verhältnis zu Kühen. Natürlich sah ich sie, wie es auch schon die Redewendung aus dem Volksmund sagt, als furchtbar dumm an. Doch auch wenn ich ihnen jegliche Intelligenz absprach, so stellten sie für mich auch eine Bedrohung dar. An meiner Laufstrecke musste ich immer an einer Herde von Kühen vorbei laufen. Kaum kam ich dem Zaun der Kuhweide näher, so jagte die Herde auf mich los, als gäbe es kein Halten mehr und folgte mir in rasendem Tempo über die Weide, wenn ich auf der anderen Seite des Zaunes meiner Laufstrecke weiter folgte. Ich war froh, dass zwischen den Tieren und mir ein elektrischer Zaun mich vor dem Wahnsinn der Kühe schützte. In meiner Zeit in Spanien hatte ich Stierkämpfe erlebt und war nachhaltig schockiert von der menschlichen aber auch der tierischen Brutalität. Zudem genährt von der Lektüre Ernest Hemingways „Pamplona“, in dem er den Stierkampf als männliche Demonstration von Mut, Macht und Männlichkeit verherrlicht. Zu den niedlicheren Begebenheiten gehörte ein Kinderbuch von einer verrückten Kuh, die mit dem Postboten zusammen die lustigsten Dinge auf einem Bauernhof erlebte, das meine Kinder mit großer Begeisterung gelesen hatten. Doch auch Lieselotte war für mich nicht ganz bei Trost.

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So begab ich mich an einem frühlingshaften Abend mit gemischten Gefühlen auf die Kuhweide eines Bauernhofes in unserer Nähe. Zuvor waren wir bereits über Ackerland gestreift, hatten die Unterschiede zwischen Weide- und Ackerland erfahren dürfen. Und nun sollten wir uns mitten unter eine Herde von an die 80 Tieren mischen. Der Lehrbauer hielt uns zur Ruhe an. Ich dachte, dass wir damit die Kühe nicht aufschrecken sollten und sie sich nicht aggressiv gegen uns wenden würden. Immer noch spukte Lieselotte in meinem Kopf herum, die sich gerne den Spaß erlaubte, ungebetene Gäste auf ihrem Bauernhof zu erschrecken und zu verjagen. Doch weit gefehlt. Sicherlich gab es ein paar Jungtiere, die uns zunächst neugierig beobachteten und auch uns berühren wollten. Doch der Großteil der Herde graste weiter friedlich vor sich hin und ließ sich durch nichts beirren. Ich hatte das Gefühl, dass wir gar nicht wahrgenommen wurden. Die Kuhherde ignorierte uns völlig. Vollständig nach innen gekehrt, grasten sie weiter, umschlangen das Gras mit ihrer riesigen feuchten Zunge und rissen die Halme und Blätter ab, um sie dann zu verschlingen und in ihrem gigantischen Verdauungsapparat zu  verarbeiten. Ruhig blieben die meisten Tiere über eine lange Zeit an ein und derselben Stelle stehen und gaben sich ganz und gar der Nahrungsaufnahme hin. Fast träumerisch nach innen gekehrt, ließen sie sich dabei von nichts und niemandem ablenken. Allein die Nahrungsaufnahme und deren Verarbeitung standen im Interesse dieser an die 600 Kilogramm schweren Wiederkäuer. Irgendwann legte sich das eine oder andere Tier auf den Boden, wartete darauf, dass das gefressene Gras aus einem seiner Mägen wieder hervor gedrückt wurde und nun zum erneuten Male gekaut und wieder in den Verdauungstrakt entlassen werden konnte.

Als ich auf dieser Kuhweide stand und die Kühe beim Fressen beobachtete, wurde es auf einmal ganz still. Um mich herum und auch in mir drin. Eine tiefe Ruhe machte sich in breit, während ich nur noch ab und zu die Verdauungsgeräusche der Tiere leise wahrnahm. Ich erinnerte mich, dass auch in meinen Urlauben in den bayrischen Bergen, wo unser Haus umringt war von Kuhweiden, sich jedes Mal in mir eine unendliche Ruhe ausbreitete, wenn ich morgens auf der Terrasse meinen Kaffee trank und ich im sich lichtenden Morgennebel die Kühe auf den Weiden sah und ihr monotones Glockengebimmel vernahm. Es hatte etwas so beruhigendes und befriedendes, diese Tiere um einen herum zu spüren. Von meiner anfänglichen Angst war nichts mehr zu merken. Im Gegenteil, ich fühlte mich tief verbunden mit der phlegmatischen Ausstrahlung dieser Tiere, die so ganz eine Einheit bildeten mit der Natur um sie herum.

Diese meditative Kraft der Kühe war für mich eine unerwartete Erfahrung. Nicht nur, weil ich mein bisheriges Bild über die Kuh an sich revidieren musste, sondern vor allem weil mir diese meditative Begegnung auf der Weide einen neuen Impuls gab, wie ich zu innerer Ruhe finden könnte. Dass ein ruhiges Innenhalten wichtig ist, ist unbenommen. Doch dass Kühe ein Kraftquell sein können, war für mich neu. Vielleicht werde ich also nun, wenn ich mich auf meinen regelmäßige Laufstrecke begebe, an der Kuhweide anhalten, mich für ein paar Momente ins Gras setzen und für ein paar Augenblicke das Grasen der Kühe verfolgen und mich von ihrer monotonen Ruhe anstecken lassen. Ein Geschenk, dass diese Tiere einem bereitwillig geben, wenn man sich drauf einlässt.

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5. Juni -Zeit für mich

Erneut ermuntert durch das Gespräch mit Frau Schiffer, habe ich begriffen, dass meine Kinder um so mehr eine Mutter brauchen, die in sich ruht und mit sich selbst im Einklang steht. Es ist nicht gut, wenn vor allem mein Sohn auf eine Mutter trifft, die nicht nur unglücklich über die Herausforderungen aus dem äußeren Umfeld ist, sondern darüber hinaus noch unzufrieden mit sich selbst.

Schon mit der Vorbereitung der Taufe und der Organisation des Adoptivfamilientreffens hatte ich gemerkt, dass mir neben meinen Aufgaben als Mutter etwas fehlt, das mir einen Ausgleich bietet. Zudem muss ich mich aus dem Teufelskreislauf befreien, ständig das Gefühl zu haben, viel leisten und tun zu müssen, um zufrieden zu sein. Der Berg an Sachen, die unbedingt erledigt werden müssen, wird nie kleiner. Es wird immer etwas zu tun geben, und es wird immer etwas geben, was mich davon abhält, eben diesen Berg abzuarbeiten. Meine einzige Chance ist, einfach jeden Tag von neuem für ein zwei Stunden diesen Berg zur Seite zu schieben. Mich frei von diesem Druck zu machen und mich stattdessen dem zu widmen, was mir innere Ruhe bringt. Das versuche ich jetzt.

So habe ich begonnen, in meinen Mittagspausen jeden Tag eine halbe Stunde zu meditieren und zu lesen. Bücher, die mir Spaß machen, die mich seicht unterhalten. An den zwei Nachmittagen, an denen Andrea inzwischen regelmäßig Maxim und Nadeschda betreut, mache ich wieder Sport. Ich gehe viel laufen. Es fühlt sich jedes Mal ein Stück weit so an, als liefe ich zu mir selbst. Richard unternimmt inzwischen beinahe jeden Sonntag etwas mit Maxim und Nadeschda gemeinsam in der „späten Väterrunde“, wie sie sich getauft haben. In diesen Stunden, in denen ich alleine Zuhause bleibe, widme ich mich meinem selbst geschaffenen Berg an Dingen, die ich glaube, neben dem Alltag so dringend tun zu müssen. Ich dokumentiere unsere Adoption in einem Fotobuch, ich schreibe Tagebuch für meine Kinder, ich bereite die nun anstehenden zweiten Entwicklungsberichte für die russischen Behörden vor, ich treffe letzte organisatorische Vorbereitungen für das Anfang Juli stattfindende Adoptivfamilientreffen.

Seitdem ich mich so bewusster um mich selbst kümmere, geht es mir langsam besser. Ich merke, dass ich innerlich ruhiger werde, dass ich mich wohler fühle. Ich habe den Eindruck die Zeit bewusster zu leben, und nicht mehr von einer Erledigung zur nächsten zu hetzen. Ich kann mir eher zugestehen, dass ich als Mutter so gut bin, wie ich bin. Ich darf auch einmal aus der Haut fahren, das ist in Ordnung. Manchmal habe ich noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Nachmittage, an denen Andrea auf Maxim und Nadeschda aufpasst, „ganz egoistisch“ allein für mich nutze. Es fällt mir schwer, loszulassen und meine Kinder in ihre Obhut zugeben, nur um mich um mein eigenes Wohlergehen zu kümmern. Doch danach ausgeruht und freudig den restlichen Nachmittag mit Maxim und Nadeschda zu verbringen, und deutlich weniger müde und gereizt zu sein, zeigt mir, wie wichtig es ist, bewusst Zeit für mich ganz allein zu haben. Ich habe das wissentlich und unwissentlich viel zu lange vernachlässigt. Nun habe ich langsam das Gefühl, wieder zu mir zu finden.