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Charlotte’s Sonntagslieblinge (103)

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Photo by Hannah Tasker on unsplash.com

Diese Woche stellte eine kleine Ausnahmesituation in unserem beschaulichen Alltag dar. Denn meine amerikanische Mutter war vor ihrer Reise nach Schottland für ein paar Tage zu Besuch bei uns. Trotz Arbeit und Schule haben wir die Zeit mit ihr sehr genossen, haben kleine Ausflüge unternommen und uns hier und da Auszeiten von unserer Routine genommen. Es tat gut, sie einfach hier zu haben und für mich etwas mütterliche Fürsorge zu tanken, die mir meine biologische Mutter weder geben kann noch will. Vorhin habe ich Lyann zum Flughafen gebracht, von wo aus sie jetzt eine wunderbare Rundreise durch die schottischen Highlands antritt, ihr kleiner Traum seit mehreren Jahren. Ich glaube es gibt kein Buch über Schottland, das sie nicht gelesen hat und keine Serie, die in Schottland spielt, die sie ausgelassen hat. So bin ich in Gedanken bei ihr, hoffe, dass die Reise auch so traumhaft wird, wie sie sich das wünscht, und bin zugleich dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Meine amerikanische Mutter in meinem Leben zu haben, ist einfach ein großes Geschenk! Auch wenn wir uns nur einmal im Jahr sehen und uns auch nicht mehr so oft schreiben, wie vielleicht früher einmal, so ist es eine Wohltat zu wissen, dass sie da ist.
  2. Maxim hatte sich immer gesträubt, Englisch mit Lyann zu sprechen, auch wenn er sie bestens versteht. Doch bei diesem Besuch ging es dann auf einmal. Es war sehr niedlich zu beobachten, wie die beiden sich mit Worten und, wenn diese fehlten, mit Händen und Füßen unterhielten.
  3. Nadeschda hatte da nie Berührungsängste. Sie genoss es, Lyann in ihre Kochkünste einzuweisen. Da gab es dann strikte Vorgaben, wie der Salat zubereitet werden muss, oder der Gemüseauflauf auszusehen hat. Ich habe mich dann entspannt zurückgezogen und mich gefreut, dass ich einmal nicht für das Abendessen zuständig bin, getreu dem Motto „Zu viele Köche verderben den Brei.“

Habt noch einen wunderbaren Sonntag und einen erfolgreichen Start in die neue Woche!

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„Ich bin einfach sehr faul.“ – Anstrengungsverweigerung der anderen Art

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Photo by Cristian Newmann on unsplash.com

Schon lange wollte ich mich wieder mehr mit Adoptionsspezifischen Themen beschäftigen. Und da das Thema „Anstrengungsverweigerung“ im letzten wie auch in diesem Jahr sehr viel bei mir hier gelesen wurde, wollte ich mich einmal mehr dem Thema widmen. Nicht zuletzt weil unsere gute alte Freundin uns immer wieder besucht.

Gerade im Moment einmal wieder (fast) täglich, was aber auch mit der aktuellen Grenzbelastung unserer Familie und mir zu tun hat. Die Kinder merken, dass ich sehr angespannt bin, und so sind sie es auch. Und um meine VOLLE Aufmerksamkeit am Nachmittag zu bekommen, werden eben nicht nur Grenzen getestet, sondern die Lern- und Übverweigerung manchmal bis zum Äußersten ausgetestet. Manchmal geht es ihnen auch nur um die Aufmerksamkeit. Nicht mehr mit Maxim und Nadeschda zusammen, sondern mit jedem alleine – inzwischen sind beide ja so groß, dass sich jeweils das andere Kind wunderbar alleine beschäftigen kann und dies auch genießt – für die Schule zu arbeiten und zu üben, kostet zwar mehr Zeit. Aber es ist unterm Strich deutlich entspannter. Und jedes Kind zieht daraus ein Stück weit auch eine exklusive Zeit mit mir.

Doch davon wollte ich heute gar nicht schreiben. Denn die Anstrengungsverweigerung ist mir nun mit meiner Mutter in einer ganz anderen Art wieder begegnet. Wie schon geschrieben, hatte meine Mutter einen Schlaganfall. Zuvor schon hat sie sich in den letzten zwei, drei Jahren sehr „gehen“ lassen, hat motorisch stark abgebaut und in vielerlei Hinsicht nicht mehr gut für sich gesorgt. Der Schlaganfall war nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Nun war sie zwei Wochen im Krankenhaus und fünf Wochen in Reha, hier bei mir in der Nähe. Bald wird sie in eine betreute Wohneinrichtung in unser Nähe ziehen. Doch seit Dienstag lebt meine Mutter erst einmal bei uns. Vorübergehend. Mit einer Vollzeitpflegerin. Also einer wunderbaren Frau, die zwar permanent verfügbar wäre, aber es gar nicht sein soll (und darf), die uns jedoch die Freiheit gibt, dass sie im Notfall tatsächlich da wäre. Ich kann dankbar sein, dass wir die finanziellen Mittel haben, den Übergang so zu gestalten. Viele, viele, sehr viele Familien können das nicht. Noch immer ist die Pflege der Eltern ein viel zu wenig beachtetes Thema in unserer Gesellschaft, obwohl es eine Natur gegebene Tatsache ist, dass sie irgendwann auf der Matte stehen, egal wie das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern einmal war. Gerade heute hat Claire von mamastreikt mit einem deutlichen Post wieder zum Netzprotest unter #carearbeitmusssichtbarwerden aufgerufen. Wie Recht sie hat!

Aber zurück zum Thema: Schon im Krankenhaus sagte mir der behandelnde Arzt: „Ja, Sie treffen es auf den Punkt: Der Erfolg der Reha und der nachfolgenden Therapien hängt davon ab, in wie weit Ihre Mutter bereit ist mitzumachen.“ Die Gespräche mit der behandelnden Ärztin in der Reha hatten einen ähnlichen Tenor. Manchmal machte sie gut mit, dann gab es Fortschritte. An vielen Tagen aber hatte sie keine Lust oder war nicht in der Stimmung, oder was weiß ich, dann konnten die Therapien eben nur in einem begrenzten Umfang stattfinden. Die Fortschritte waren entsprechend. Ich erinnere mich, dass ich vor zwei Wochen darüber mit meiner Mutter stritt und ihr ziemlich deutlich sagte, dass sie, wenn sie denn ein selbstbestimmtes Leben wieder führen wollte, gefälligst bei den Therapien kooperieren sollte. Die Antwort meiner Mutter: „Ja, Du weisst doch, ich bin einfach faul.“ Da sie rechtsseitig durch den Schlaganfall gelähmt oder eingeschränkt ist, war und ist ihre tägliche Hausaufgabe, ihre Unterschrift zu üben. Denn da sie meinem Bruder und mir keine Vorsorgevormacht geben wollte, sind wir auf ihre Unterschrift angewiesen. „Ja, das übe ich, wenn Du wieder weg bist. Das muss ich ja nicht jetzt machen, während Du mich besuchst.“ Beim Abschlussgespräch mit der Chefärztin vor ein paar Tagen hieß es, dass sie eigentlich nur weiter Physiotherapie braucht und ansonsten eben im Alltag üben muss. Jetzt hat ihr spannenderweise die Chefärztin ebenso Sprachtherapie und Ergotherapie noch einmal verschrieben. Warum wohl? Weil meine Mutter die Übungen, die sie eigentlich allein zu hause für das Sprechen machen könnte, nicht machen wird. Weil meine Mutter solche einfachen  Dinge im Alltag, wie Kartoffeln schneiden oder Teig kneten oder ähnliches (die ja einen bekanntlich ergotherapeutischen Nutzen haben), nicht machen wird. Auch ihre Sprachübungen wird sie wohl kaum machen. Nicht weil sie nicht kann, sondern weil sie nicht will. Deshalb muss sie sich dafür jetzt in therapeutische Settings begeben.

Als ich ihr neulich sagte, dass sie nun genauso üben muss, wie ihre Enkel, guckte sie mich mit großen Augen an. „Deine Enkel finden das auch nicht immer gut, wenn sie üben müssen. Lesen üben ist total öde, um Deinen Enkel zu zitieren. Doch als er auf einmal merkte, dass vor allem das Lesen auch deshalb spannend ist, weil man nämlich nun auch Sachen auf Mama’s Notizen lesen kann, wie Weihnachts- und Geburtstagswünsche, die eigentlich nicht für seine Augen bestimmt, waren, da fand er das Lesen gar nicht mehr öde.“ Meine Mutter lachte erst, dann schaute sie mich etwas nachdenklich an und antwortete: „Ja, Du kannst ja dann auch mit mir üben. Du scheinst Dich ja damit auszukennen.“ Ich schwieg und dachte mir: „Ja, mit Anstrengungsverweigerern kenne ich mich aus.“

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Betreuung: Vom schmalen Grad zwischen den eigenen Werten und Wünschen

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Photo by Guille Pozzi on unsplash.com

Es gab Tage in den vergangenen Wochen, da konnte ich das Wort „Betreuung“ nicht mehr hören. Ich selbst arbeitete in der Nachmittagsbetreuung der Schule meiner Kinder. Ja, es war eine wertvolle Chance für mich in der Ausbildung, Erfahrung zu sammeln und ein wenig Geld habe ich auch verdient. Doch meine Kinder mussten dann ebenso in der „Betreuung“ bleiben, da ihre Mutter, also ich, genauso wie die Eltern der Kinder, die ich betreute, arbeiteten. Das tat Maxim und Nadeschda nur bedingt gut. Geholfen hat, dass ich sozusagen da und im selben Gebäude war, und sie zu mir kommen konnten, wenn sie mich brauchten. Beide genossen das Spielen mit ihren Freunden, sofern die auch in der „Betreuung“ waren. Aber auf der anderen Seite blieb vieles auf der Strecke. Als ich merkte, dass es vor allem Nadeschda zu viel wurde, so lange in der Schule zu bleiben, organisierte ich die Betreuung meiner Kinder mit unserer Kinderfrau so, dass sie die Kinder früher von der Schule abholte, damit die Kinder zumindest mehr Zeit Zuhause hatten und dann ausgeruht, ihren Freizeitaktivitäten nachgehen konnten. Also, wieder Betreuung für meine Kinder, da ich andere Kinder betreute. Irgendwie absurd…

Dann hatte meine Mutter einen Schlaganfall vor ein paar Wochen. Mittlerweile ist sie in der Reha hier in der Nähe. Aber obwohl mein Bruder und ich schon vor Wochen für sie „Betreuung“ Zuhause organisiert hatten, da es ihr schon vor dem Schlaganfall zunehmend schlechter ging – also jemanden, der fast täglich zu ihr kam, um mit ihr spazieren zu gehen und gemeinsam mit ihr – und eben nicht für sie – Besorgungen zu erledigen, ist das alles nicht passiert, sondern die Betreuerinnen haben das gemacht, worum meine Mutter sie bat, nämlich ohne sie einkaufen zu gehen, Sachen zu besorgen, Dinge im Haushalt zu erledigen. Dass sie einen Schlaganfall hatte und ins Krankenhaus gemusst hätte, hat nur eine von ihnen bemerkt und sie auch dahin gebracht. Meine Mutter hat sich wenige Stunden später selbst entlassen. Erst mein Bruder hat meine Mutter dann final eingewiesen. Und dann ist sie auch im Krankenhaus geblieben. Nun ist ihr Gesundheitszustand so, dass man nicht weiß, wie sie sich erholen wird. Viele ihrer Defizite sind nicht durch den Schlaganfall verursacht, sondern durch jahrelanges sich Selbstvernachlässigen. Die Frage ist nun, wie weit die Reha überhaupt helfen kann, die Schäden des Schlaganfalls zu „reparieren“ und wie weit meine Mutter lernen wird, zukünftig selbst für sich zu sorgen. Ich bin nach wie vor der Meinung, wenn sie wollte, könnte sie. Aber ich bezweifele, dass sie wirklich will. Also denken wir wieder über Betreuung nach. Und hier in unterschiedlichster Form. Aber welche ist die „Richtige“? Eigentlich muss sie nicht in ein Heim – will sie auch nicht -, und ich würde ihr das gerne ersparen. Aber….

Ich habe in den vergangenen Wochen all die offenen Rechnungen meiner Mutter bezahlt, mich mit Versicherungen, Polizei, Finanzamt und anderen Institutionen rumgeschlagen. Das ist zwar nicht die Betreuung, die ich meine, aber irgendwie habe ich auch immer wieder gedacht: Da liegt eine alte Frau in ihrer Wohnung, kann sich kaum bewegen, erzählt sicherlich irgendetwas vom Gipskrieg: „Ja, das habe ich schonmal gehabt, das ist das und das. Und ich brauch nur das soundso Medikament und dann geht es mir bald besser.“ Und die armen Betreuerinnen haben das geglaubt und sind losgezogen und haben das Medikament besorgt. Ende vom Lied war, dass der Notarzt meine Mutter eingepackt hat. Weil sie nämlich von dem Medikament soundso so einen hohen Blutdruck hatte, dass es wahrscheinlich den Schlaganfall ausgelöst hat. Also fange ich an, ambulante Pflege aus meinen Gedankenkonstrukten zu streichen. Auch wenn es eine wunderbare Lösung wäre. Denn mehr braucht meine Mutter, wenn denn überhaupt, eigentlich nicht. Sie muss gucken, dass sie ihre Medikamente regelmäßig und richtig nimmt, sie muss regelmäßig essen, sie muss jeden Tag spazieren gehen und raus an die frische Luft. Das könnte sie – nach erfolgreicher Reha – theoretisch alleine schaffen. Es ist aber fraglich, ob sie das macht. Hilfe bräuchte sie bei Arztbesuchen, Besorgungen, Wohnung in Schuss halten. Das kann man organisieren. Doch ich sehe die Gefahr, dass mein Bruder und ich wieder „Betreuung“ organisieren, da sie eben nicht ihre Medikamente nimmt, geschweige denn regelmäßig isst und so viel Wasser trinkt, wie sie soll. Ob meine Mutter aber die Hilfe annimmt, die sie braucht, ist fraglich. Die Gefahr besteht, dass am Ende wieder nur Rezepte abgeholt werden, von Ärzten, die diese eigentlich nicht hätten ausstellen dürfen. Also muss ich dann die „Betreuung“ meiner Mutter doch selbst in die Hand nehmen?

Die Versorgung von Eltern ist eine Betreuungsaufgabe, die viele von uns irgendwann trifft, wenn die Eltern so weit abgebaut haben, dass sie nicht mehr für sich selbst sorgen können oder auch nicht mehr wollen. Die kommt vielleicht meist überraschend. Denn sagen wird das einem keiner, dass irgendwann die Eltern wieder auf der Matte stehen, auch wenn an vielen Stellen das Thema „Pflege“ es selbst in den vergangenen Wochen wieder auf den Titel eines führenden Nachrichtenmagazins geschafft hat. Mich hat es kalt erwischt, auch wenn ich es hätte kommen sehen können. Vor einem Jahr schon stand ich vor der Senioreneinrichtung, in die meine Mutter, wenn sie Glück hat – und wenn sie bereit dazu ist – einziehen darf. Da ist es schön, wirklich schön, und eigentlich fast zu schön für jemanden, der das nicht wertschätzen kann.

Ich habe kein gutes Verhältnis zu meines Mutter. Warum auch. Über unser Verhältnis habe ich hier geschrieben. Es besteht im Grunde keinerlei Veranlassung, dass ich mich um meine Mutter kümmern müsste. Schuldig bin ich ihr nichts. Dennoch habe ich irgendwie Werte in meinem späteren Leben gelernt, und mir ist es wichtig, nach diesen zu leben. Sie lassen mich meine Mutter eben nicht einfach dem Schicksal und sich selbst überlassen. Insofern werde ich schauen, dass meine Mutter gut versorgt ist. Aber in manchen Momenten kann ich das Wort „Betreuung“ einfach nicht mehr hören. Ich will auch nicht noch mehr Betreuung für meine Kinder organisieren, damit ich mich um meine Mutter kümmern kann. Ich will Mutter sein und für meine Kinder so da sein, wie sie es brauchen. Das ist meine Aufgabe. Meine Kinder brauchen aufgrund ihrer Geschichte mich als ihren verlässlichen Anker. Für sie trage ich die Verantwortung. Ich will nicht eine Mutter betreuen, die nie eine Mutter für mich war. Und die nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Doch ich will und kann diese Verantwortung auch nicht übernehmen. Dennoch muss ich den schmalen Grad gehen, auf der einen Seite meinen Werten zu folgen und auf der anderen Seite meinem Wunsch eine gute Mutter zu sein, und dabei mich selbst nicht zu übernehmen und zu überfordern.

P.S. Claire von mamastreikt schreibt seit Monaten viel über Carearbeit. Schon ihrem Netzprotest #carearbeitmusssichtbarwerden bin ich aufmerksam gefolgt. Doch erst mit der bei mir einziehenden doppelten Care-Arbeit hat das Thema für mich eine neue Brisanz bekommen. Umso mehr möchte ich Euch Claire’s aktuelle Aktion „Care eine Stimme geben“ ans Herz legen.

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Herkunft reloaded (2): Wie sieht denn meine russische Mutter aus?

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Immer mal wieder spricht Maxim von seiner russischen Mutter. Seine Herkunft beschäftigt ihn nachhaltig. Meist in Situationen, wo es mich im ersten Moment überraschend erwischt. Doch bei genauerer Betrachtung auch wieder nicht. Man könnte davon ausgehen, dass ein Kind so ein wichtiges Thema anspricht, wenn man gemütlich zusammensitzt, liest, oder etwas spielt oder vielleicht zusammen kocht. Doch weit gefehlt. Das würden vielleicht wir Erwachsenen tun. Doch nicht mein Sohn. Klassische Situationen für Gespräche über seine Herkunft und seine Mutter sind für ihn das Duschen oder das abendliche Zähneputzen. Oder wenn er gar auf dem Klo sitzt. Letzteres geht ja noch ganz gut, denn da habe ich zumindest eine Chance, ihn zu verstehen. Unter der Dusche ist es schon eine akustische Herausforderung, und mit der Zahnbürste im Mund ist ein erstes Verständnis nahezu chancenlos. Dennoch, irgendwann habe ich verstanden, dass gerade diese Szenerien im Bad, vor allem, wenn ich Maxim die Haare wasche, wohl mit die intimsten Momente für ihn sind, in denen er sich traut, diese Fragen zu stellen.

So stand er also in der vergangene Woche abends unter der Dusche und ich seifte ihm gerade die Haare ein, als er schaumbedeckt aus dem Nichts ansetzte: „Du, Mama, wie sah sie denn eigentlich aus?“ Ich entgegnete im ersten Moment: „Dusch Dich mal ab. – Wen meinst Du denn?“ „Na, meine russische Mutter. Svetlana.“ Da dies nicht das erste Mal war, dass er ausgerechnet unter der Dusche mir Fragen nach seiner Herkunft stellte, war ich schnell wieder gefasst und zudem vorbereitet. Ich wusste ja, dass nun immer wieder Fragen kommen konnten. „Mmmhh. So genau weiss ich das nicht. Denn wir haben sie nie persönlich kennengelernt. Und ein Foto gab es leider auch nicht.“ Maxim duscht sich den Schaum aus den Haaren und schaut mich erwartungsvoll an. „Aber ich glaube, dass sie auf jeden Fall so wunderbare tief blaue Augen hat, wie Du und Nadeschda. Und sicherlich hat sie so wunderbare hellblonde Haare wie Du. Lang natürlich. Und dann dürfte sie sicherlich ein wenig größer sein als ich. Und…“ Ich mache eine kleine Pause und deute auf Maxims markanten Leberfleck direkt neben seinem Bauchnabel. „Den hat sie mit Sicherheit auch. Denn die Stelle ist ungewöhnlich. Das habt ihr sicherlich gemeinsam.“ Maxim lacht. „Mama, das kitzelt!“ Dann hält er inne, während er bereits begonnen hat, sich Duschgel in die Hand zu drücken, um sich einzuseifen. „Mama, warum haben wir kein Foto von ihr?“ „Im Kinderheim hatten sie kein Foto von Svetlana. Vielleicht gab es auch keins. Denn nicht immer haben Menschen Kameras, um Fotos zu machen. Doch wenn Du magst, können wir ja ein Bild von ihr malen.“ Gedankenverloren schaut Maxim auf das Duschgel in seiner Hand. „Ja, aber nicht jetzt, jetzt muss ich duschen. Und übrigens, den Leberfleck hier am Bein, den hab ich von Papa…“ und zieht fröhlich aber energisch den Duschvorhang zu. (Richard hat einen ähnlichen Leberfleck wie Maxim tatsächlich am Oberschenkel.)

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Die Ehen meines Vaters – mein Beitrag zum Story-Samstag

storysamstag_0Lange ist es her, dass ich mit „dem Sekretär“ an Tante Tex Story-Samstag teilgenommen habe. Doch eingedenk ihres aktuellen Themas „Heiliger Bund“ muss ich einmal wieder mit einem Beitrag mitmachen, nachdem mich nun unsere eigenen Familienkonstellationen in den vergangenen Wochen viel beschäftigt haben. Weniger mit einer Kurzgeschichte als mit den faktischen (und vielleicht ein wenig wertenden) Schilderungen der Ehen meines Vaters.

Von den Ehe(n)-Frauen meines Vaters

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Meine Mutter war von anmutiger Gestalt, als mein Vater sie kennenlernte. Sie gaben ein hübsches Paar ab. Doch schon vor der Hochzeit übernahm der Standesdünkel, der die Jugend und Kindheit meiner Mutter geprägt hatte, das Regiment in der Beziehung meiner Eltern. Mein Vater durfte meine Mutter erst heiraten, als er seine Promotion abgeschlossen und einen vernünftigen Job gefunden hatte. An der Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter zu arbeiten, galt als nicht standesgemäß. Das sollte noch gelingen, doch letztlich konnte meine Mutter sich nie von den Erwartungen und Anforderungen frei machen, die ihr ihre eigenen Eltern ins Lebensbuch geschrieben hatten. Und so war ihr Alltag dominiert davon, all das zu tun, was MAN von ihr erwartete und was MAN zu tun pflegte, egal, ob sie das wollte, geschweige denn konnte. Mein Vater bald aufgefressen von der Karriere und dem vielen Geld, das es galt zu verdienen, um meiner Mutter den Lebensstandard zu bieten, den MAN eben in den besseren Kreisen pflegte, glänzte Zuhause mit Abwesenheit und überließ meiner Mutter, die grundsätzlich nicht in der Lage war, Verantwortung für nichts und niemanden zu übernehmen, den Alltag mit Haus, Haushalt und zwei Kindern, der sie bald restlos überforderte und an die Flasche brachte. Glückliche Zeiten habe ich in der Ehe meiner Eltern nicht erlebt. Eher dominierte eine gefühllose und wenig emphatische Atmosphäre mein Elternhaus. Wahrscheinlich hätten sich meine Eltern bereits scheiden lassen sollen, als mein Bruder und ich noch klein waren. Doch dazu fehlte meiner Mutter sicher der Mut, und überhaupt, das tat MAN damals nicht. Koste es was es wolle, es wurde an dieser Ehe festgehalten. Erst als meine Mutter, da sie den normalen Alltag ob ihres Alkoholkonsums nicht mehr bewältigen konnte, das Hemdenbügeln für meinen Vater einstellte – und ich ins Ausland ging und insofern nicht einspringen konnte -, suchte mein Vater sich eine neue Frau, die ihm die Hemden bügelte. Nach zwanzig Ehejahren verließ er meine Mutter und zog mit Elvira zusammen.

Elvira, meine Stiefmutter, bügelte zunächst Hemden, dann ließ sie bald bügeln. Doch vielmehr war ihr die formvollendete Fassade einer Familie immer sehr wichtig. Familie war für sie ein starres formales Konstrukt, in das man sich einfügen musste, ob man wollte oder nicht. Hier galten für sie die unverrückbaren Maßstäbe und Regeln der „08-15-Mittelstands-Spießergesellschaft“. Alles passierte, weil man es so tat, weil man so sein wollte, wie die wohlhabende Freundin drei Häuser weiter, weil der Nachbar, der jeden Samstag sein Auto wusch und seinen Rasen mähte, es von einem erwartete. Als Frau machte man zwar eine Ausbildung, suchte sich aber einen wohlsituierten Mann zum Heiraten, bekam schnell einen ganzen Sack voller Kinder und bemühte sich dann als gestresste Hausfrau und Mutter um einen Teilzeitjob, damit man wenigsten sagen konnte, dass man arbeitete. Das große Haus mit Garten und Zimmern für jedes Kind musste dann schnell in einem repräsentativen Vorort her. Es wurde, wie man es als Mittelstandsfamilie tat, nach dem neusten Luxusmöbelkatalog eingerichtet. Die Designer-Couch war zwar nicht wirklich schön, aber sie galt als Statussymbol. Das eigene Pferd zum privaten Zeitvertreib war der willkommene Ausgleich für das fehlende Cabrio, das einfach mit drei Kindern unpraktisch gewesen wäre. Kinder waren nur Staffage und hatten sich in das starre Regelkonzept einzufügen. Wenn wir Kinder, vor allem ihre Stiefkinder, in ihrem Familienspiel nicht mitspielten, war Krach vorprogrammiert. Daniel und ich hatten selten mitgespielt. Nicht weil wir nicht wollten, sondern weil ihre Erwartungen uns so fremd waren.

Mein Vater fügte sich auch in diese Ehe, doch trat er auch hier bald die Flucht an. Noch einmal eine Familie, diesmal mit drei Kindern, wo doch die ersten Kinder schon aus dem Haus waren, war ihm eigentlich zu viel. Und vielleicht war ihm auch meine Stiefmutter zu viel. Wieder mit dem Vorwand, das viele Geld für den doch aufwendigen Lebenswandel zu verdienen, lebte er meist nur am Wochenende bei seiner zweiten Familie, wenn er sich nicht gerade heimlich mit Daniel oder mir traf. Denn nachdem Elvira gemerkt hatte, dass wir uns wenig in ihr Rollenmodell einer Familie einfügen wollten, und damit eine Bedrohung für ihre Ehe waren, ließen wir uns nicht mehr oft bei unserem Vater blicken.  Lange Jahre machten wir zwar gute Miene zu bösem Spiel, doch im Rückblick war es ein Befreiungsschlag, als es zwischen mir und Elvira über die Adoption unserer Kinder zum offenen Bruch kam. Unter fadenscheinigen Begründungen hatte Elvira um die Taufe  von Maxim und Nadeschda einen offenen Bruch geschaffen, auf den sie – und ich -zwanzig Jahre gewartet hatte. Als meine Kinder nun mit in diese kranke Ehe und Familie hineingezogen wurden, hatte ich die Schnauze endgültig voll von diesem ganzen formvollendeten Familienspiel. Ich hatte Elvira nie gemocht, von dem ersten Augenblick an, an dem ich sie vor all den Jahren kennenlernen musste. Lange ich hatte versucht, mich mit ihr als Frau meines Vaters zu arrangieren. Doch dann war der Punkt gekommen, an dem sie endlich die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen hatte. Ich war nicht mehr bereit, mich ihr gegenüber irgendwie zu verbiegen. Ich tat das, womit ich sie am meisten traf: Ich strich sie aus meinem Leben.

Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass wenige Jahre nach diesem Bruch, Elvira sich von meinem Vater trennte. Oder um es präzise zu formulieren, sie verließ ihn für einen zwanzig Jahre jüngeren Mann, ihren Nachbarn. Ein Leben mit ihm dann doch attraktiver als mit einem dann schon Mitte siebzig-jährigen den Lebensabend zu verbringen. Mein Vater hatte für sie ausgedient.

Meine eigene Ehe ist zum Glück anders, auch wenn das ob der Rollenmodelle, die ich in meiner Herkunftsfamilie hatte, im Grunde verwunderlich ist. Richard und ich sind verheiratet, weil wir uns lieben, weil wir ein gemeinsames Ziel vor Augen hatten und haben und weil wir mit Maxim und Nadeschda eine vielleicht sogar besondere Aufgabe und Verantwortung haben. Denn diese beiden wunderbaren Kinder brauchen eine große Stabilität und Sicherheit, die wir ihnen als Eltern geben müssen. Dazu haben wir uns vor Jahren entschieden. Sie brauchen uns als Paar, dass ihnen verbindlich und unabdingbar zur Seite steht. Sie brauchen uns als starke Eltern. Gemeinsam. Zusammen. Damit ist unsere Ehe nicht etwas, was wir eingegangen sind, um gesellschaftliche Konventionen zu erfüllen. Sicherlich gibt es auch einmal schwierige Phasen und natürlich gibt es Tage, an denen ich meinen Mann am liebsten zum Mond schießen wollen würde. Doch wir arbeiten immer wieder an unserer Beziehung, was ein nie enden wollender Prozess des Lernens ist mit all seinen Höhen und Tiefen. In unserer Familienkonstellation stellt sich nicht die Frage, ob unsere Ehe auch scheitern könnte, ganz zu schweigen aus wohlmöglich niederen oder banalen Gründen. Wir haben uns das Versprechen gegeben, zu einander zu halten in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet. Insofern stellte sich nur die Frage, wie diese Ehe ein Leben lang gelingen kann. Für uns und vor allem für unsere Kinder.

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Biografiearbeit – Über disharmonische Familienkonstellationen

Kinderzeichnung - Familie

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Neulich sprach ich mit einer bekannten Adoptivmutter über „Biografiearbeit“ mit unseren Adoptivkindern. Unsere Kinder werden älter und größer, und das Thema der Herkunft spielt immer öfter eine Rolle. Meistens im Alter zwischen acht und zehn Jahren, wenn der nächstes Identitätsschub kommt und eine stärkere Abgrenzung im Kind vom eigenen Ich zur äußeren Umwelt sich entwicklet, stellt sich das Kind die Frage nach der biologischen Familie und dem, was wirklich Familie ist. Darauf müssen Adoptivfamilien vorbereitet sein. Dabei geht es nicht nur darum, dass wir Geld sparen für einen Flug und eine Reise in das Herkunftsland unserer Kinder, sondern dass wir Antworten auf ihre Fragen haben.

Wer ist meine leibliche Mutter? Warum hat sie mich abgegeben? Warum bin ich nicht aus Deinem Bauch gekommen? Wo lebt sie heute? Lebt sie überhaupt noch? Wie war mein Leben im Kinderheim? Warum habt gerade Ihr mich adoptiert? – Das könnten mögliche Fragen sein. Es geht aber auch darum, welches Bild von „Familie“ wir unseren Kindern transportieren. Dass das Entstehen unserer Familie eine andere war, als bei vielen Familien, die sich im sozialen Umfeld meiner Kinder bewegen, ist die eine Geschichte. Doch wie sieht ihre Familie nun heute aus? Die Mischung aus ihrer biologischen und ihrer sozialen Familie, in der aber auch nicht alles Eitelsonnenschein ist und wenig mit dem Klischee der harmonischen „Rama“- Familie zu tun hat. Das Gespräch mit der Bekannten ließ mich nachdenken. Denn, wenn ich meine Kinder begleiten möchte, einen gesunden Umgang mit ihrer Herkunftsgeschichte und heutigen Familie zu finden, so muss ich selbst noch einmal in meine eigene Biografie zurückgehen und einen Umgang mit meiner eigenen Familie und dem, was daraus für meine Kinder wird, finden.

Wenn Maxim über seine Familie spricht, dann hat diese fünf Mitglieder: Er, Nadeschda, Mama, Papa und Onkel Daniel. Der russische Teil seiner Herkunftsfamilie spielt für ihn im Alltag (noch) keine dominante Rolle. Es sind eher im Moment seine kulturellen Wurzeln , die ihn interessieren. Seine russische Mutter ist in seiner momentanen Wahrnehmung gestorben, sie lebt für ihn im Himmel. Alles andere schiebt er noch ganz weit von sich, ganz zu Schweigen von der Frage, ob wir seine russische Mutter irgendwann einmal suchen werden. Sicherlich würde ich mich mit Maxim, wenn er alt genug ist, auf diese Suche machen. Ich für meinen Teil habe inzwischen eine klare Haltung gegenüber der russischen Mutter und sehe dem – zumindest im Moment – gelassen entgegen. Spannend ist hingegen die Frage nach den Geschwistern, die Maxim und Nadeschda noch in Russland haben. Sollen wir diese jetzt schon suchen? Dank Internet und sozialen Medien dürfte dies nicht schwierig sein. Und ich kenne immer mehr Adoptivfamilien, die beginnen, Kontakte zu den leiblichen Geschwistern zu knüpfen. Doch Maxim und Nadeschda haben noch nicht einmal realisiert, dass sie tatsächlich noch zwei Geschwister in Russland haben. Diese weitere Familie findet nicht statt.

Vielleicht – und hier komme ich dann zu der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Biografie – findet bei meinen Kindern diese „erweiterte Familie“ nicht statt, weil sie bei Richard und bei mir auch nicht stattfindet. Denn auch unsere biologischen Herkunftsfamilien sind so viel größer als der harte Kern, den Maxim als seine Familie wahrnimmt. Schon allein, dass im Grunde zu unserer Familie auch noch eine Omi – meine Mutter, die sich immer seltener blicken lässt -, gehört, ist ihm nicht bewusst. Bei näherer Betrachtung kaum verwunderlich, wenn ich mir mein eigenes gespaltenes Verhältnis zu ihr ansehe. Unsere Familie war aber mal viel größer. Oder sollte ich sagen, sie könnte so viel größer sein, würden nicht Neid und Missgunst auf der einen Seite regieren, und ein Mangel an sozialer Empathie auf der anderen Seite herrschen. Denn zu meiner Stiefmutter und meinen Halbgeschwistern habe ich keinen Kontakt mehr. Nachdem wir uns in der Auseinandersetzung um das Erbe meines Vaters endgültig zerfleischt haben, ist jegliche Basis für einen weiteren Kontakt geschwunden. Vielleicht war es aber auch nur, dass wir ohnehin nie eine gemeinsame Basis hatten, und der Kontaktabbruch nur die logische Konsequenz war, als mein Vater nicht mehr als Bindeglied da war. Nur weil wir ein paar Gene mit einander teilen, müssen wir nicht befreundet sein. Jedoch entbehren meine Kinder damit ein paar weitere Onkels und Tanten. Ähnlich auf Richards Seite der Familie: Auch zu seinem Bruder und dessen Familie gibt es keinen Kontakt mehr. Auch hier trennten sich die Wege gänzlich, nachdem meine Schwiegermutter gestorben war. So haben meine Kinder Cousins und Cousinen, von deren Existenz sie nichts wissen.

Manchmal finde ich das schade. Wir werden irgendwann für die Schule mit unseren Kindern einen Stammbaum malen müssen, in dem es viele leere und unbekannte Stellen gibt. Auf der einen Seite macht mich das traurig, denn immer noch trauere ich dem bunten harmonischen Familienbild aus der Margarine-Werbung nach. Doch auf der anderen Seite weiss ich, dass dieses harmonische Familienbild ein Mythos ist. So würde es bei uns nie sein. Wie gesagt, gemeinsame Gene sind nicht die Garantie für ein friedliches und freundschaftliches Miteinander. Muss ich also meinen Kindern diesen Zwang antun? Nein. Dennoch bleibt die Frage, ob ich ihnen nicht den Weg offenhalten kann, ihre spätere Familie so für sich zu definieren, wie sie es für richtig halten und für sich brauchen werden. Dies gilt sowohl für ihre russische Familie als auch für ihre deutsche Familie.

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Die andere Seite der Herkunft – Über meine drei Mütter

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In Summe habe ich drei Mütter: Eine biologische Mutter, eine Stiefmutter und eine amerikanische „Ersatzmutter“. Alle drei haben in mir Spuren hinterlassen. Wie sehr sie mich geprägt und beeinflusst haben, das habe ich erst vollständig realisiert, seitdem ich selbst Mutter bin. Dass ich mit Leib und Seele Mutter bin, und dabei es manchmal auch übertreibe und „Helikoptermutter aus Überzeugung“ bin, mag nicht nur mit der Lebensgeschichte meiner Kinder und den Bedürfnissen, die sich daraus ergeben, zu tun haben, sondern auch in den Vorbildern, die ich in meiner Kindheit und Jugend bis ins Erwachsenenalter erleben durfte, begründet sein.

Katja von homeiswheretheboysare hat im vergangenen Jahr einen bewegenden Post zu „Regretting Motherhood“  geschrieben. Immer wieder waberte ein darauf bezogener Post durch meinen Kopf. Dann verwarf ich ihn wieder. Doch nachdem Sylvi von momsfavoritesandmore sich dem Thema in einer wunderbaren Weise angenommen hat (und dabei tatsächlich eine Frau, die ihre Mutterschaft bereut, für ein Interview gefunden hat), nehme ich diesen Ball noch einmal auf. Diesmal als Betroffene, als Kind, das von zwei Frauen ins Leben begleitet wurde, die meiner Meinung nach ihre Mutterschaften immer bereut haben, und das dann in der späten Jugend das Glück hatte, noch einmal eine Mutter zu erleben, die ihre Mutterrolle angenommen hat.

Meine Mutter ist ein schwieriger Charakter. Neben vielen Persönlichkeitsbezogenen Schwierigkeiten, bin ich davon überzeugt, dass auch sie zu den Müttern gehört, die ihre Mutterschaft bereuen. Nicht umsonst sprach mir Katjas Beitrag zu „Regretting Motherhood“, vor allem ihre Aspekte zur Traumarisierung der Kinder, so aus der Seele. Nicht nur wegen meiner eigenen Kinder. – Meine Kinder wurden von einer Frau geboren, die zumindest nicht Mutter sein konnte. Sonst hätte sie Maxim und Nadeschda nicht abgegeben. Meine Kinder haben diese Erfahrung gemacht, abgegeben zu werden, aus welchen Gründen auch immer. Noch immer fällt es mir schwer, der Geschichte zu glauben, dass sie ihre Kinder aus Liebe abgegeben hat. Ja, vielleicht auch. Doch vielmehr war es eine Notwendigkeit aus den Umständen heraus. Dennoch bleibt bei den Kindern das Gefühl zurück, nicht gewollt zu sein, egal wie. Noch immer hallt des Nicht-gewollt sein. – Nein, auch ich bin sicherlich nicht aus tiefstem Herzen gewollt gewesen. Ihr ganzes Leben lang hat meine Mutter meinen Vater und meinen Bruder und mich für ihr Unglück und ihr „verfuschtes“ Leben verantwortlich gemacht. Sie hat damals Kinder bekommen, weil man das eben so machte, weil es dazu gehörte, weil es von einer Frau erwartet wurde. Die Frage nach einem anderen Weg stellte sich gar nicht. Geschweige denn, dass meine Mutter den Mut dazu gehabt hätte. Verantwortung zu übernehmen gehört bis heute nicht zu ihren Stärken. Sicherlich bemühte sie sich mehr recht als schlecht, uns Kinder zu versorgen, aber maßgeblich war mein Elternhaus von emotionaler Kälte und Desinteresse dominiert. Wir Kinder hatten zu funktionieren, unsere Leistung zu bringen und uns einzufügen, in die Regeln und gesellschaftlichen Konventionen, die herrschten. Empathie, Wärme und Fürsorge aus einem mütterlichen Grundbedürfnis heraus gab es nicht. Auch heute sucht sie nur gelegentlich den Kontakt zu ihren Enkeln. Und auch das wiederum nur, weil man das so von ihr erwartet. Ein wirkliches Interesse und das Bemühen sich mit ihren Enkeln ernsthaft auseinanderzusetzen hat sie nicht. Es hat mich Jahre der Therapie gekostet, alte Glaubenssätze, die vor allem meine Mutter mir mit ins Lebensbuch geschrieben hat, abzulegen und mit neuen zu ersetzen. Und erst in der Konfrontation mit ihrem Verhalten gegenüber meinen eigenen Kindern habe ich gelernt, loszulassen. Lange habe ich noch geglaubt, es wäre auch wieder meine Verantwortung, dass meine Mutter ein gutes Verhältnis zu ihren Enkeln hat. Ist es aber nicht. Es ist allein ihre Verantwortung.

Wie wenig sie das Bild einer Mutter erfüllt, führte mir mein Sohn vor Augen. Da war Maxim fünf. Wieder einmal war meine Mutter zu Besuch bei uns gewesen, der mehr oder weniger angespannt verlief. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich mich auch mit ihr wieder gestritten habe und laut wurde. Abends blickte ich mit Maxim und Nadeschda auf den Tag zurück. Selbstkritisch muss ich so etwas gesagt haben wie: „Ja, es war nicht gut, dass ich die Omi angebrüllt habe, denn sie ist ja meine Mutter.“ Mein Sohn blickte mich irritiert an und antwortete: “Wie, die Omi ist Deine Mama?? Sie ist gar nicht so wie eine Mama.“

Die Geschichte zu meiner Stiefmutter ist schnell erzählt. Bösartig kann ich sagen, dass mein Vater in dem Moment sich von meiner Mutter trennte, als er jemanden neues, junges gefunden hatte, der ihm seine Hemden bügelte. Nach mehr als zwanzig Jahren Ehe verließ er seine erste Frau und begann eine neue Beziehung. Meine Stiefmutter griff zu dem Mittel, dass vielen Frauen seit Jahrhunderten benutzen, um einen Mann vermeintlich langfristig an sich zu binden: Sie wurde schnell schwanger. Das nicht nur einmal, sondern gleich dreimal. Ihre eigenen Kinder mussten genauso nur gesellschaftliche Konventionen erfüllen. Empathie und Fürsorge vermisste ich als beteiligter Betrachter. Mein Bruder und ich, als ihre Stiefkinder, waren nur lästiges Beiwerk. Oder gar Konkurrenz. Zum Glück war ich da schon so alt, dass ich nicht mehr Zuhause lebte. Doch Besuche bei meinem Vater waren eine Qual. Die Anwesenheit dieser Frau bereitete mir physische Schmerzen.

Ich hatte das große Glück, als Jugendliche in den USA für einige Zeit bei einer Familie zu leben, die mich annahm wie ihre eigene Tochter. Wäre ich damals nicht schon zu alt gewesen, hätten meine Gastmutter und mein Gastvater mich sicherlich adoptiert. Richard fasst es immer so schön zusammen: „Ich habe drei Schwiegermütter. Und die, die am weitesten weg lebt, ist mir eigentlich die liebste.“ In der Zeit bei ihnen begegnete mir auf einmal wirkliches Interesse an mir und meinem Leben, Empathie und Fürsorge. Die Sicherheit und Geborgenheit eines „Zuhauses“. Meine Gastmutter kümmerte sich mit mir um die Schule, sie fuhr mich zu Freunden, sie nähte mir ein Kleid für den Abschlussball, sie ergriff Partei für mich, als ich Schwierigkeiten mit der Austauschorganisation hatte, sie hatte immer ein offenes Ohr für meine Sorgen und genauso Freuden in meinem amerikanischen Alltag. Ich erinnere mich, wie ich einmal viel zu spät nachts nach Hause kam. Sie saß auf der Treppe und wartete auf mich. Natürlich war sie sauer. Aber nicht weil ich mich nicht an die Regeln gehalten hatte, sondern weil sie sich Sorgen gemacht hatte. Ich bekam eine Woche Stubenarrest. Doch als ich zu einem Date eingeladen wurde, lockerte sie den Stubenarrest für diesen einen Tag. – Seit meiner Zeit dort hielten wir den Kontakt aufrecht und immer wieder bin ich in regelmäßigen Abständen zu meiner amerikanischen Familie für mehrere Wochen oder Monate zurückgekehrt. Heute verbringen wir meist einen Familienurlaub im Jahr zusammen. Dort habe ich ein Stück „Zuhause“ gefunden. Weniger aus der Heimatverbundenheit zu diesem Ort, sondern vielmehr, weil ich dort gelernt habe, was es heißt: “Du wirst geliebt für das, was Du bist und nicht für das, was Du tust.“

Ich hoffe, dass ich meinen eigenen Kindern genau das mitgeben kann. Ich als ihre Mutter liebe sie für die Persönlichkeiten, für die Menschen, die sie sind – so wunderbar, tapfer, mutig und einzigartig. Eines werde ich in meinem Leben nicht bereuen: Die Mutter von Maxim und Nadeschda sein zu dürfen. Ich bin dankbar, dass das Schicksal mir diese zwei Kinder gebracht hat, ja geschenkt hat! Selbst wenn das Leben mit ihnen viele Herausforderungen bereit hält, die ich nicht erwartet hätte, und es durchaus auch Momente gab, in denen ich gedacht habe, dass es leichter wäre, so bin ich dankbar für all das, was mich meine Kinder gelehrt haben, und was sie mich sicherlich noch lehren werden. Letztlich haben sie mir auch geholfen, mein eigenes Trauma des Nicht-gewollt-seins, zu überwinden. Sie haben mir den Weg zu einem eigenen Muttersein gewiesen und die verletzende Vergangenheit da zu lassen, wo sie hingehört, in die Vergangenheit.