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#momspositivity: Nach Zweifeln immer wieder aufstehen

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Photo by Marco Ceschi on unsplash.com

Vor ein paar Wochen waren die Zweifel wieder sehr groß. Die Herbstzweifel hatten mich fest im Griff. Mittlerweile geht es wieder. So wie es immer irgendwie weitergeht. Auch wenn die Herausforderungen bleiben und mein Kräftekonto noch nicht wieder aufgeladen ist. Als ich am vergangenen Wochenende Sylvi’s Beitrag „Ihr seid doof. Ich zieh aus!“ auf ihrem Blog momsfavoritesandmore gelesen habe, musste ich im ersten Moment schmunzeln. Ich kann von Glück reden, dass meine Kinder noch nicht auf die Idee gekommen sind, auszuziehen. Auch wenn beide in der Zahnlückenpubertät sind – Nadeschda in der ersten und Maxim nun in der zweiten, bei ihm sind jetzt die Eck- und Backenzähne fällig – und Wutanfälle in mehr oder großer Intensität nicht nur wegen des Zahnwechsels bei uns an der Tagesordnung stehen. Im zweiten Moment musste ich Sylvi Gedankenversunken zustimmen. Ja, es ist schwierig, diese Grenzerfahrungen auszuhalten und sie so zu bewältigen, dass man sich hinterher noch im Spiegel ansehen kann. Wie sehr liebe ich Sylvi’s Aussage: „Aufstehen, Krönchen richten und weiter machen!“ Ich glaube, diesen Satz muss ich mir über meinen Spiegel im Bad hängen.

Über Sylvi’s Post bin ich auf die Aktion von „Lotte & Lieke“ zu „#momsposititvity“ aufmerksam geworden und mache gerne mit. Denn ja, nach allen Zweifeln und gerade nach besonders schlechten oder herausfordernden Tagen gibt es genau die Momente, in denen ich merke, wie stark ich doch bin; in denen ich spüre, wie wir doch auf einem guten Weg sind, wie alles sich finden wird; ich mich in mehr Gelassenheit üben kann, ich auf meine Ressourcen etwas Rücksicht nehme und tatsächlich mal nicht so viel an meine langen To Do Listen denke. Oder daran denke, was ich eigentlich noch alles schönes mit den Kindern machen wollte. Wenn ich mir Mantra-artig den Satz unserer ehemaligen Jugendamtsbetreuerin vorsage: „Du bist als Mutter gut genug.“ Dann kann ich mir (fast) auf die Schulter klopfen und mir sagen „Ja, das ist alles gut so. Das hast Du wirklich gut hinbekommen.“ Gerade wenn:

  • mir Maxim vorliest und es sich so wunderbar anhört. Oder er selbstständig seine Hausaufgaben macht. Oder er ohne zu murren das Kleine 1×1 mit mir übt und es extrem gut klappt. Oder wenn Nadeschda sich hinsetzt und einfach schreibt und ohne jegliches Theater ihre Hausaufgaben macht. Dann weiss ich, dass all die Mühen des täglichen Üben sich auszahlen.
  • Maxim freiwillig für ein Trompetenvorspiel übt und ganz stolz ist, dass es so gut geklappt hat.
  • Nadeschda mit großer Begeisterung auf eine Halloweenparty bei einer Klassenkameradin geht. Wie viele Jahre hatte sie solche Angst vor diesem Tag, wenn abends gruselig verkleidete Kinder durch die Straßen ziehen. Wie mutig und tapfer sie geworden ist.
  • Maxim so selbstreflektiert mit der Situation mit Leander in der Schule umgeht. Wie innerlich stark doch mein Sohn ist!
  • beide Kinder mir stürmisch in der Schule in die Arme laufen.
  • wir einen Nachmittag verbringen, an dem beide Kinder friedlich mit einander spielen, ohne sich zu streiten.
  • wir ein friedliches Abendessen verbringen, wo beide Kinder mir stolz von ihrem Tag erzählen oder wir Pläne schmieden und beide danach von sich aus aufstehen, den Tisch abräumen, die Spülmaschine ohne Meinungsverschiedenheiten befüllen, den Tisch abwischen und am Ende zufrieden feststellen: „Mama jetzt ist alles wieder blitzeblank.“
  • abends beim Vorlesen, auch wenn es kurz vorher noch im Bad wieder einmal ein Drama gegeben hat, beide Kinder sich an mich kuscheln und wir gemeinsam über die Geschichte im Buch lauthals lachen.

Momente wie diese gibt es viele, sie gehen nur viel zu oft im Alltag unter. Doch genauso fühle ich mich immer wieder stark, gelassen und ein wenig zufrieden mit mir selbst, wenn:

  • mein Haushalt und unser Alltag nicht vollständig brach liegen wegen eines kranken Kindes – oder wenn es mich selbst erwischt hat –  und wenn ich dennoch Momente finde, die von der Krankheit geschenkte Entschleunigung mit meinem Kind zu genießen.
  • ich mich erinnere, klare Prioritäten zu setzen und mich nur um das zu kümmern, was wirklich wichtig ist.
  • ich mir bewusst mache, was ich trotz aller Herausforderungen in meinem Alltag doch noch darüber hinaus bewältige: Mein Buch, dieser Blog, meine Ausbildung, ein wenig Arbeit.

Heilsam im Sinne eines positiven Denkens sind für mich auch immer wieder meine „Sonntagslieblinge“. Mich immer wieder hinzusetzen und mir ins Bewusstsein zu rufen, was wirklich schön in der abgelaufenen Woche war, worüber ich mich gefreut habe und wofür ich dankbar bin. Denn nur aus mir selbst heraus kommt die innere Stärke, Zuversicht und der unerschütterliche Glaube, dass ich als Mutter gut genug bin für meine Kinder, für die ich so unendlich dankbar bin.

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Erinnerungen eines Adoptivkindes können überraschen…

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Danke an Rachael Gorjestani auf unsplash.com

Sherrie Eldridge hat einmal wieder einen Post vor ein paar Wochen veröffentlicht, der mich sehr gerührt und ermutigt hat. „Your Adopted or Foster Child’s Memories May Surprise You“ kam gerade richtig. Hängen geblieben ist er zunächst, weil Sherrie über ein ganz profanes Gericht geschrieben hat, das ihre Mutter immer für sie gemacht hat: Erbsen auf Toast.

Das blieb in meinem Gedächtnis hängen, denn zum einen hasst Maxim Erbsen, ohne sie wirklich zu kennen. Bei uns hat er sie immer verweigert. Und es gibt eine lustige Geschichte, die wir gerne erzählen: Einmal habe ich Backerbsen zur Kartoffelsuppe gekauft. Und auch den Kindern erzählt, dass es abends Kartoffelsuppe – die beide Kinder lieben – mit Backerbsen gibt. Maxim verzog fast schmerzverzerrt das Gesicht. Doch dann sah er, dass es keine Erbsen waren und probierte – zunächst widerwillig -, um dann mit der Backerbse im Mund zu sagen: „Mmmh, Mama, echt lecker.“ Seitdem geht bei uns immer der Spruch um: „Maxim, es gibt Erbsen.“ Schmerzverzerrtes Gesicht meines Sohnes. „Nein, es gibt Backerbsen.“ Maxim’s Gesichtsmuskeln entspannen sich zu einem Lächeln.

Zum Anderen entspannten mich Sherrie’s Schilderungen einmal wieder so ungemein. Denn sie macht in ihrem Beitrag so wunderbar deutlich, dass meine Kinder mich lieben und akzeptieren, so wie ich bin, dass sie mir das eben nur nicht zeigen können. Denn die Wut auf ihre leibliche Mutter mag so unermesslich sein, dass sie diese einfach immer wieder auf mich projizieren. Und es braucht Jahre und Jahrzehnte bis meine Kinder realisieren, dass das, was ich jeden Tag für sie tue, ihnen vielleicht doch zeigt, wie sehr ich sie liebe. Dies tue ich einfach, jeden Tag und mit jedem Tag immer mehr. Und ich bin sehr gespannt, an was sich meine Kinder einmal erinnern werden.

Es werden jedoch nicht „Peas on Toast“ sein, das ist sicher…

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Dankbarkeit am Morgen in den Bergen

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Photo by Ales Krivec on unsplash.com

Dienstag morgen: Wir sind immer noch in den Bergen. Ich vermisse meine Freunde, die Kühe. Ich hätte nicht gedacht, dass sie schon von den Almen herunter gekommen sind. Aber ja, auch hier wird es Herbst und die Nächte kalt. Ich genieße den Kaffee im noch stillen Haus und denke gerade an all das, was ich im vergangenen Jahr so geschafft habe. Gerade nach den letzten Wochen, wo ich immer wieder gezweifelt habe, wo ich mir mehr Ruhe und Zeit so nur für mich zum Nichtstun oder Lesen gewünscht hätte, wo ich vor allem mehr Schlaf herbeigesehnt habe. – Hier habe ich ihn nun, aber auch nur, weil ich in den ersten Tagen mit den Kindern hier alleine war und mir nun mit meiner wunderbaren Freundin, der Hausbesitzerin, zusammen, ein Schlafnachholprogramm auferlegt habe, an meinem Schlafdefizit gearbeitet. Und die Schlafbilanz nach die ersten Tagen sieht extrem gut aus. Also bin ich an diesem wunderbaren Dienstagmorgen einfach dankbar – über meine Sonntagslieblinge hinaus. Es hat mehr etwas von ein paar meditativen demütigen Gedanken an diesem noch frühen Dienstag morgen:

  1. Mein Sohn macht sich so wunderbar in der Schule, trotz aller Schwierigkeiten mit Leander. Ich bewundere seine Unermüdlichkeit und seinen Kampfgeist. Und auch Nadeschda entwickelt sich. Es ist schwer und es ist anstrengend, aber es ist ein Prozess, ein Weg. Und den geht sie. So schwere s ihr auch manchmal fällt.
  2. Ich bin so dankbar für all diesen wunderbaren Momente mit meinen Kindern, wenn Nadeschda abends den Arm um mich legt und sagt:“Jetzt bist Du meine Mama, ganz alleine.“ oder wenn Maxim im Halbschlaf lächelt, wenn ich nochmal nach ihm sehe, bevor ich schlafen gehe und ihm sage: „Jetzt ist alles gut. Mama ist da.“  Dann nimmt er meine Hand für einen kurzen Moment, lächelt für einen Moment und seufzt zufrieden.
  3. Trotz allem bin ich dann doch in der Rückschau immer wieder überrascht, was dann doch alles noch so gelingt: Mein Buch, mein Blog, meine Ausbildung, mein bisschen Job. Irgendwie geht es. Ich bin ein wenig stolz heute morgen auf mein Geschafftes. Bin mir aber auch des hohen Preises bewusst….

An so Morgen wie diesem bin ich so voller Zuversicht, dass alles gut wird. Auch wenn mich genauso die Zweifel noch quälen. Und es mir ein wenig davor graut, nach Hause zurückzukehren, wo der Alltag im Lehnsessel sitzen wird, wie ein altes Familienmitglied,  und wohlwollend wieder seine Arme um uns legen wird. Doch für heute nehme ich einfach einmal diese Dankbarkeit mit und genieße den Tag!

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„Bin ich als Adoptivmutter gut genug?“ – Von gelegentlichen Zweifeln

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

In ihrem Beitrag „Bedingungslos lieben“ warf Katja von homeiswheretheboysare auch die Frage nach dem „Gut genug Sein“ auf. Irgendwie lässt mich diese Frage nicht los und hat mich auch durch den Urlaub in den Schweizer Alpen begleitet. Ja, auch wenn meine Kinder mir jeden Tag wieder und wieder zeigen „Mama, Du bist gut genug. Und noch viel mehr als das.“, so holen mich doch hin und wieder Zweifel ein:

Bin ich als Adoptivmutter tatsächlich gut genug? Tue ich alles erdenklich Mögliche um meine Kinder auf ein bürgerliches Leben gut vorzubereiten? So gut, dass sie irgendwann alleine ihren Weg durch das Leben gehen?

Reicht das, was ich mache? Reicht meine Unterstützung aus? Lernen, üben, ein stark rhythmisierter Alltag? Meine Präsenz in der Schule, um genau zu wissen, was passiert, um meine Kinder zu schützen und zu stärken. Um mit ihnen das Zuhause zu lernen, was sie vielleicht verpasst haben; um die Lehrer zu sensibilisieren und sie ein wenig wohlwollender gegenüber Maxim und Nadeschda zu stimmen, um ein Quäntchen mehr Achtsamkeit gegenüber ihnen sicherzustellen.  Alle möglichen und sinnvollen Therapien und Therapeuten auszuprobieren, die ihn helfen könnten. Unterschiedliche Ärzte und Arztmeinungen zu konsultieren, um die best mögliche medizinische Versorgung ihnen zu bieten.

Reicht meine Geduld, meine Fürsorge, meine Zuneigung? Ist meine bedingungslose Liebe für meine Kinder genug? Reicht es aus, für diese Kinder da zu sein, für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag? Ist es genug, sie so anzunehmen, wie sie sind?

An guten Tagen, wenn ich bewusst wahrnehme, wie Maxim und Nadeschda wachsen, wie sie sich entwickelt haben, wenn ich merke, dass es ihnen gut geht, dass sie sich wohlfühlen und sie geborgen sind, weiss ich, dass alles gut genug ist. Wenn Lehrer oder Therapeuten mir bestätigen, wie wunderbar beide Kinder sind und welche unglaubliche Entwicklung sie vollziehen, dann weiss ich, dass meine Förderung und Unterstützung genau richtig ist, dass sie ausreicht, dass sie gut genug ist. Dann weiss ich, dass ich gut genug bin, ich als Mutter. Dann bin ich davon überzeugt, dass Maxim und Nadeschda  mit meiner Hilfe und Begleitung den sicheren Weg in ein eigenständiges Leben gehen werden.

Doch dann gibt es die Tage, an denen die Zweifel kommen. An denen ich das Gefühl habe, es reicht eben nicht aus, was ich für sie tue. An denen ich glaube, dass meine Geduld nicht groß genug ist. An denen ich zweifle, ob meine Liebe und Fürsorge jemals ausreichen wird, da meine Kinder einfach ein Fass ohne Boden sind. Sie saugen meine Liebe auf wie ein trockener Schwamm. Und es wird niemals genug Liebe sein, um die Löcher zu füllen und die Wunden zu heilen, die in ihrer frühesten Kindheit aufgerissen wurden. Auch wenn ich weiss, dass ich den permanenten Alarmzustand im Kopf und in der Seele meiner Kinder nur mindern kann, ihn aber niemals vollständig heilen, so frage ich mich dennoch, ob es nicht ein noch nicht entdecktes MEHR gibt, was ich tun kann, um ihnen zu helfen, zu heilen. Es sind die Tage, an denen ich mich frage, ob ich nicht noch mehr für meine Kinder tun müsste und könnte. Sollte ich meine Ausbildung aufgeben, da Maxim und Nadeschda sich schwer tun, wenn ich abends weg bin? Sollte ich mich von jeglicher Fremdbetreuung verabschieden, um ganz und gar für meine Kinder da zu sein? Sollte ich nicht mein ehrenamtliches Engagement ganz einschränken und nur noch auf die Schule konzentrieren, um an den Vormittagen mehr Zeit für mich zu haben, damit ich nachmittags noch ausgeglichener und noch ruhiger bin, wenn meine Kinder sich nicht wohlfühlen und meine Grenzen erneut testen, wenn das Wutmonster uns wieder besucht, wenn Nadeschda in meinen Bauch krabbeln will, an mir klebt und mich keine Zentimeter wegbewegen lässt, wenn Maxim in den Widerstand geht, um zu prüfen, ob ich ihn dann immer noch halte?

Am Ende, wenn ich Katja’s Post noch einmal Revue passieren lasse, sind es immer die Tage, an denen ich mir selbst nicht gut genug bin. An denen ich unzufrieden mit mir selbst bin, weil ich nicht das geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe, an denen ich nicht nicht geduldig genug bin, weil ich unausgeschlafen oder erschöpft bin, an denen ich nicht ruhig und gelassen geblieben bin, an denen mir manchmal alles über den Kopf wächst. Die Tage, an denen ich mir jedoch nicht die Frage stelle, ob ich mir vielleicht zu viel vorgenommen habe. Die Tage, an denen ich in alte Muster verfalle – ich bin nur als Mutter gut genug, wenn ich dies und das geleistet habe. Die Tage an denen ich funktioniere und nicht bei mir bin.

Nicht nur meine Kinder sollen und können sich entwickeln. Auch ich als ihre Mutter kann und will mich weiter entwickeln. Wieder mehr auf mich und meine innere Stimme hören. Zu spüren, wann es zu viel ist. Und eben nicht zu fragen, ob da doch noch mehr gehen muss, ob ich da noch mehr leisten muss. Achtsam bei mir selbst zu bleiben und nicht bei meinen zu vollen To Do Listen. Anstatt mir die Frage zu stellen, was ich noch mehr für meine Kinder tun kann, sollte ich mir die Frage stellen, was ich für mich tun kann. Denn nur so, nur, wenn es mir gut geht, wenn ich bei mir bin, dann habe ich genügend Kraft und Ausdauer, so für meine Kinder da zu sein, wie sie es brauchen.

Die innere Stärke jeden Tag immer wieder von Neuem zu beginnen und sich niemals aus der Bahn werfen zu lassen, kommt letztendlich nur aus der bedingungslosen Liebe. Aus der bedingungslosen Liebe für meine Kinder und die meiner Kinder zu mir. Vor allem aber aus der bedingungslosen Liebe zu mir selbst. Denn so wie ich bin, bin ich gut genug.

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Das Wachsen einer bedingungslosen Liebe – Gedanken einer Adoptivmutter

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Die Geburt meiner Kinder war eine andere. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen. Vielmehr ließ mich das Schicksal ihre Mutter werden und unsere Liebe anders wachsen.

Maxim und Nadeschda waren ungefähr ein Jahr bei uns, als Richard mich eines Abends fragte: „Liebst Du unsere Kinder?“ Nachdenklich antworte ich: „Ja, so langsam.“ Hinter uns lag zu diesem Zeitpunkt ein wunderschönes, aber genauso aufreibendes Jahr, in dem wir nach einer abenteuerlichen Adoption in Russland Eltern von zwei Kindern geworden waren. Es war ein Jahr, in dem ich immer wieder und wieder mit meiner Mutterrolle gehadert hatte , ständig das Gefühl hatte, nicht „gut genug zu sein“.

Folgen meiner eigenen Kindheit

Ich selbst habe in meiner eigeneren Kindheit keine bedingungslose Liebe erfahren. Nur wenn ich die von mir erwartete Leistung brachte, bekam ich die positive Aufmerksamkeit meiner Eltern. Doch oft war selbst diese Leistung nicht gut genug. Liebe und Empathie fanden in meinem eigenen Elternhaus nicht statt. Heute weiss ich, dass meine biologischen Eltern dazu nicht in der Lage waren, da sie selbst diese Liebe als Kinder nie erfahren hatten. Wie sollten sie dann ihre eigenen Kinder lieben? Alles war ausgerichtet an gesellschaftlichen Konventionen. Gefühle wurden wenn dann nur negative gezeigt. Erst als ich in die USA ging, erfuhr ich, was es heißt, geliebt zu werden für das was man ist und nicht für das was man tut. Doch da war ich bereits fast eine erwachsene Frau. Lange habe ich selbst an mir gezweifelt, ob ich in der Lage bin, Kinder nach meinen eigenen Maßstäben und Wertvorstellungen großzuziehen. Ich wollte dem Rollenmodell meiner Kindheit nicht folgen. Lange wollte ich keine Kinder haben. Als ich mir es doch zutraute, mich dieser Lebensaufgabe zu stellen, war es zu spät. Mein Körper wollte keine leiblichen Kinder mehr austragen.

Alles sollte so sein….

Heute denke ich, es hat alles so sollen sein. Denn ohne die Adoption hätte ich mich nie so intensiv mit der Aufgabe und Rolle einer Mutter auseinandergesetzt. Ohne die Annahme von Maxim und Nadeschda, die bis heute unsere ungeteilte Aufmerksamkeit brauchen, hätte ich nicht so mit meiner Rolle als Mutter gehadert und gerungen. Bin ich gut genug? Bin ich die Mutter, die meine Kinder verdient haben? Ist all das, was wir für Maxim und Nadeschda tun, ausreichend? Habe ich genügend Geduld, diese zwei Kinder durch das Leben zu begleiten. Reicht meine Liebe aus, sie zu halten und auszuhalten? Bis heute ist die Entwicklung meiner Kinder selten „normal“. Sie werden immer ein „Mehr“ brauchen. Mehr Halt, mehr Sicherheit, mehr Verlässlichkeit, mehr Fürsorge, mehr Zuneigung. Oft sind sie ein „Fass ohne Boden“, deren Bedürfnisse nach Nähe und Sicherheit nie gestillt zu werden scheinen. All das kann ich ihnen aber nur geben – und wenn ich dafür immer wieder über meine eigenen Grenzen und Kraftressourcen hinausgehen muss -, weil ich diese beiden, meine beiden Kinder bedingungslos liebe. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen, wo vielleicht eine bedingungslose Mutterliebe automatisch entsteht. Als wir Maxim und Nadeschda im Kinderheim zum ersten Mal begegneten, stellte sich auch nicht die viel romantisierte „Liebe auf den ersten Blick“ ein. Meine Liebe für diese zwei Kinder wuchs erst im Laufe unseres gemeinsamen Lebens. Je mehr ich in meiner Rolle als Mutter ankam, um so mehr liebte ich meine Kinder. Je mehr ich mich überzeugte, dass ich gut genug bin als ihre Mutter, um so mehr gedieh die bedingungslose Liebe zwischen uns. Je mehr ich unser „anderes“ Leben als Adoptivfamilie akzeptierte, um so freier wurde die Liebe zu meinen Kindern.

Dankbarkeit

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke und innehalte, so breitet sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit aus, Dankbarkeit für meine Kinder und für all das, was ich bisher durch sie und mit ihnen habe lernen dürfen. Den Wahnsinn unseres Familienalltags zu ertragen und lieben zu lernen; die Verantwortung, zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen auf ihrem Weg groß zu werden zu führen und zu begleiten; meinen Kindern die Nähe und das Verständnis zugeben, die sie brauchen, manchmal bis zur eigenen emotionalen Selbstaufgabe; als Paar und als Familie zusammenzuhalten, wenn das Umfeld einen alleine lässt; zum Experten zu werden, wenn es um die richtige medizinische oder therapeutische Behandlung der eigenen Kinder geht; Vorurteile zu überwinden, um die bestmögliche Begleitung und Förderung für Maxim und Nadeschda zu finden; das Bewusstsein und das Selbstvertrauen zu haben, allein zu wissen, was meinen Kindern gut tut. Nach all den Jahren spüre ich, dass ich in meiner Rolle und Aufgabe als Mutter – als Adoptivmutter – angekommen bin. Ja, ich bin gut genug. Maxim und Nadeschda den Himmel zu geben, nach dem sie sich strecken, ist meine Lebensaufgabe. Ich habe diese Bestimmung angenommen. Heute habe ich das Gefühl, dass ich dieser Herausforderung gerecht werden kann. Demütig danke ich dem Schicksal, das mir diese zwei Kinder anvertraut hat. Denn sie geben meinem Leben einen wahren Sinn.

Meine Kinder nehmen mich als ihre Mutter an…

Doch nicht nur geben Maxim und Nadeschda meinem Leben einen Sinn, mehr noch haben sie mich die Fähigkeit bedingungslos zu lieben gelehrt. Für diese Kinder da zu sein, für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag. Sie so anzunehmen, wie sie sind. Einfach das Herz aufgehen zu lassen, wenn ich an sie denke, sie betrachte oder mit ihnen bin. Ja, es ist ein großes Geschenk, die Mutter dieser zwei Kinder zu sein. Maxim und Nadeschda haben mich als ihre Mutter genauso angenommen, bedingungslos. Und dass obwohl sie allen Grund gehabt hätten, mich auf den „Prüfstand“ zu stellen. Sie waren tief verletzt und enttäuscht worden. Und nun kam ich und behauptete, es besser machen zu können. Sie waren zu klein, um zu widersprechen. Sie mussten sich in ihr Schicksal fügen, ob sie wollten oder nicht. Auch wenn sie bis heute nicht direkt gesagt haben: “Mama, ich hab dich lieb.“, so zeigen sie ihre ungeschminkte Liebe auf so viele unterschiedliche Arten. Der Arm, der sich fest um mich legt, mich festhält und der Kindermund sagt: „Meine Mami ganz alleine.“, die stürmische Begrüßung auf dem Schulhof, die Bemerkung zu einem Freund „Meine Mama kann alles.“, die Tränen, wenn ich in die Akademie fahre, oder die Feststellung „Beim nächsten Bauernhofwochenende musst Du aber mitfahren. Ohne dich ist es doof.“ und das gepflückte Blümchen auf dem Nachhauseweg, genauso wie die Beruhigung nach einem mißglückten Kuchen „Ist doch nicht schlimm, Mama, er schmeckt doch immer bei Dir.“ Wie kein anderer werden sie nicht müde, mir jeden Tag wieder zu sagen: „Mama, du bist gut genug. Und noch viel mehr als das.“

P.S. Lieben Dank an Katja von homeiswheretheboysare für ihren Beitrag zu „Bedingungslos lieben“, der mich zu diesem Post inspiriert hat.

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Von Herkunft und Heimat

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Inspiriert durch eine Diskussion in meinem Seminar geistern seit ein paar Tagen Gedanken zu „Herkunft und Heimat“ in meinem Kopf herum. Wohlmöglich, da mich die Frage nach der Herkunft meiner Kinder und wie sie irgendwann einmal damit umgehen werden, immer wieder beschäftigt und damit das Thema bei mir auf fruchtbaren Boden fällt. Spannend für mich war die Erkenntnis, dass ich mir selbst diese Frage noch nie wirklich beantwortet habe: „Was und wo ist eigentlich meine Heimat? Ist sie verbunden mit meiner Herkunft?“

Angeblich entwickeln Kinder im Alter zwischen acht und zehn Jahren ein erstes Gefühl für Heimat. Bewusst nehmen sie ihr Zuhause und ihre Umgebung, in der sie leben, nun wahr. Später im Erwachsenenalter mag dieser Ort, an dem sie in diesem Lebensalter waren, sich als Heimat manifestieren. Freundschaften, die in dieser Zeit entstehen, mögen manchmal ein Leben lang halten. So schilderten es auch einige der Diskussionsteilnehmer und bestätigten diese Theorie. Und so ist es auch bei Richard. Er ist an einem Ort groß geworden und hat dort mehr oder weniger sein ganzes Leben verbracht. Wenn es ihn mal in die Ferne zog, so ist er doch nach einer kurzen Zeit immer wieder in seine „Heimat“ zurückgekehrt. Nur eine Kollegin aus meinem Seminar erzählte, dass sie zwar lange geglaubt hat, dass die Stadt, in der sie seit ihrem vierten Lebensjahr lebte, ihre Heimat ist. Doch als sie erst vor kurzem während eines Urlaubs in ihr Geburtsland zurückgekehrt ist, und dort auf einmal mit bestimmten Gerüchen und Geräuschen konfrontiert war, spürte sie zum ersten Mal in ihrem Leben ganz deutlich: „Nein, hier ist mein Ursprung und hier ist mein Zuhause.“ Selbst wenn sie dort nur ihre ersten drei Lebensjahre verbracht hatte.

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Mit freundlicher Unterstützung von unsplash.com

Nun, ich bin von Beginn an bis ins Jugendalter mit meinen Eltern in der Regel alle zwei Jahre umgezogen. Feste Freundschaften kannte ich nicht. Jedesmal wieder musste ich von neuem beginnen und spürte wohl auch, dass dies alles nur Episoden in meinem Leben waren. Erst mit etwa vierzehn blieben wir an einem Ort und ich an einer Schule. Doch dann ging ich wenig später ins Ausland. Also auch hier keine festen Bindungen und Freundschaften. Erst jetzt im Erwachsenenalter bin ich so etwas wie sesshaft geworden. Die Adresse unter der wir heute leben ist die, die ich am längsten besitze, bald fünfzehn Jahre. Dennoch würde ich unseren Wohnort nicht als meine Heimat bezeichnen. Und ich gelte hier im Dorf oder in der Kirchengemeinde auch immer noch als „Zugereiste“, selbst wenn ich in meinem sozialen Umfeld vor Ort mit am längsten lebe. Einen Ort also, mit dem ich so etwas wie Heimat im Sinne von Zugehörigkeit verbinde, habe ich nicht. Manchmal habe ich geglaubt, dass vielleicht der Ort, an dem meine amerikanische Gastfamilie lebt, so etwas wie meine Heimat wäre. Immer wenn wir dort sind, ist es so, wie es meine Bekannte aus dem Seminar beschrieben hat. Mit der Landschaft, den Häusern, den breiten Straßen, den Gerüchen, den Geräuschen, dem Essen, der Sprache macht sich so ein ruhiges und zufriedenes Gefühl in mir breit; alles kommt mir so vertraut vor; ich fühle mich dort wohl. Dort habe ich manchmal den Eindruck, mehr ich selbst zu sein als irgendwo sonst auf der Welt. Auch wenn es spannender Weise nie der Ort war, an dem ich in den USA wirklich gelebt und Alltag erfahren habe. Das war in einer anderen Stadt und meine Gastfamilie zog erst vor etlichen Jahren, nachdem ich schon wieder nach Deutschland zurückgekehrt war, an das Haus am See. Ja, die Bank unten am See ist für mich ein Ort der Zufriedenheit, der inneren Kraft und Ruhe. Doch ist das auch meine Heimat?

Während meine Gedanken zu unserer Diskussion im Seminar zurück schweifen, merke ich, dass „Heimat“ für mich gar kein Ort ist. Dennoch bin ich angekommen. In mir. In meinem Leben. In meiner Rolle und in meiner Aufgabe. Meine Heimat, wenn man so will, sind meine Kinder und meine kleine Familie, die in den vergangenen Jahren gewachsen ist wie eine wunderbare Blume. Ich bin von woanders hergekommen, meine biologische Herkunft hat mit der meiner heutigen kleinen Familie nichts zu tun. Doch nach einem rastlosen und lange suchenden Weg bin ich bei Richard, Maxim und Nadeschda angekommen. Meine Heimat ist mein Leben als Mutter dieser zwei unglaublichen Kindern, die das Schicksal zu mir gebracht hat. Sie sind meine Heimat. Zu ihnen gehöre ich.

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Muttersein reloaded – ein Rückblick auf mein Jahr als Adoptivmutter

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Erneut neigt sich ein weiteres Jahr dem Ende zu. Morgen steht das Christkind vor der Türe. Ich genieße diese Woche mit meinen Kindern zuhause, um die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu treffen. Seit gestern mittag ist alles eingekauft. Der Christbaum steht auf der Terrasse und wartet darauf, ins Warme geholt und geschmückt zu werden. Die letzten Plätzchen und der Stollen sind gebacken. Alle Geschenke gebastelt und verpackt. In stiller Erwartung sehnen wir den Heiligen Abend herbei und ich vor allem dann die ruhigen Tage zwischen den Jahren, um inne zu halten, Ruhe zu tanken und Kraft zu sammeln für all die Aufgaben, die das neue Jahr bereit halten wird.

Oft habe ich in den letzten Tagen zurückgedacht an die vergangenen zwölf Monate. Hinter uns liegt ein Jahr mit vielen Ereignissen, Veränderungen und manchmal auch sehr belastenden Herausforderungen. An vielen Stellen habe ich mir zu viel zugemutet und selten ist es mir gelungen, langsam zu machen, zu entschleunigen, zur Ruhe zu kommen. Das Hamsterrad drehte sich weiter. Auch nach meiner Erkenntnis zur Überforderung im Herbst. Es war nicht gut, was ich mir zugemutet habe. Und mein Kräftekonto ist leer. Mehr denn je, weiß ich, dass ich an meiner Haltung etwas ändern muss. Ich muss nicht für alle zur Verfügung stehen. Oft habe ich das Gefühl – und es ärgert mich maßlos -dass viele Menschen in meinem Umfeld einfach über meine Zeit frei verfügen und keinerlei Rücksicht darauf nehmen, wie voll mein eigenes Tagesprogramm ist. Das darf ich nicht mehr zulassen. Ich muss meine Prioritäten neu setzen.

In einem waren meinen Prioritäten in diesem vergangenen Jahr klar. Meine Kinder Maxim und Nadeschda standen und stehen an allererster Stelle. Sie sind meine oberste Priorität. Alles andere muss sich hinten anstellen und für sie zurücktreten. Selbst mein Mann. Maxim und Nadeschda muss ich allen Raum geben, den ich ihnen nur geben kann. Wenn wir zusammen sind, tritt alles andere in den Hintergrund. Da fällt es mir auch nicht schwer „Nein“ zu sagen, andere Dinge abzulehnen. Der Blick zurück sagt mir, dass dies so gut und richtig ist. Wir drei haben in diesem vergangenen Jahr so viele Hürden gemeinsam genommen, die mich rückblickend mit Freude und Dankbarkeit erfüllen.

Maxim und ich haben uns sprichwörtlich durch seine Versagensängste in der Schule gekämpft. Mit vielem, vielem konsequenten Üben kann er lesen und schreiben wie gemalt. Vor allem aber sitzt er nicht mehr vor einem Wort und sagt: „Das kann ich nicht.“ Dieser Satz scheint aus seinem Kopf verschwunden zu sein. Vielmehr sagt er jetzt: „ Guck mal Mama, das kann ich schon richtig gut!“ Das gleiche zeigt sich beim Trompete spielen. Und wenn ich daran denke, wie er im Sommer heulend vor Wut und Verzweiflung aus einem Ferienzirkusprojekt nach Hause kam, weil er das Jonglieren nicht gleich auf Anhieb hinbekommen hat, und jetzt in der Wehnachtsvorstellung des Schulzirkus wie ein Besessener das Diabolo geschwungen hat, so bin ich stumm und stolz vor Bewunderung für den Willen und den Ehrgeiz meines Sohnes.

Im Frühsommer hatte ich immer noch meine Zweifel, ob Nadeschda nicht völlig verloren in diesem großen Schulgebäude ist, wenn sie dort mit der Vorklasse beginnt. Schon nach wenigen Tagen marschierte sie mit einer Souveränität morgens durch den Eingang und mittags durch die Mensa, als hätte sie nie etwas anderes getan. Ich war mir nicht sicher, ob sie schnell Anschluss in ihrer Klasse findet. Schnell war sie aber im Mittelpunkt des Interesses von vielen anderen Mädchen in ihrer Klasse. Es erwärmt mein Herz, wenn ich sie mittags abhole und sie da Hand in Hand mit zwei bis drei anderen Mädchen steht und auf die Schaukel wartet. Im Ballett hat sie ihren ersten Auftritt gehabt, als Prinzessin in einem kleinen Märchen. Nun will sie auch Klavier spielen lernen. Jeder kleine Schritt in mehr Selbstständigkeit lässt mich immer wieder erstaunen.

Ich bin überzeugt davon, dass beide ihren Weg so weiter gehen konnten, weil sie hier Zuhause immer eine verlässliche Basis hatten. Eine Basis in mir und eine Basis in unserer so schrecklich gleichen Routine. Aber genau das hat sich bewährt. Keine Nachmittagsbetreuung, so wenig Unterstützung durch die Kinderfrau wie möglich, die Zeit nach der Schule gehört uns. Und sie verläuft inzwischen immer gleich: Ich hole beide von der Schule ab, Maxim und Nadeschda  haben Zuhause eine halbe Stunde Zeit sich auszuruhen, dann machen wir Hausaufgaben und üben. Manchmal bleibt danach noch Raum zum Spielen und Vorlesen, bevor wir zu einer der vielen nachmittäglichen Freizeitaktivitäten einer der Kinder aufbrechen. Wenn wir am frühen Abend zurückkehren, spielen wir oder lesen wir noch ein wenig oder sie schauen einen kurzen Film, bevor wir das Abendessen vorbereiten. So geht das jeden Tag. – In den letzten paar Monaten waren es zu viel Freizeitaktivitäten. Denn es kam immer etwas neues dazu, aber wir trauten uns nicht Anderes zu streichen. Das werden wir nun aber über die Weihnachtsferien tun. Denn wir alle haben gemerkt, dass die besten Nachmittage die sind, an denen wir nichts mehr vorhaben. Wir stattdessen den kurzen Moment des „Mir ist so langweilig.“ aushalten und warten, was daraus entsteht. Meist waren es kreative und tolle Dinge, die uns allen sehr viel Spaß gemacht haben. Aus Plätzchenteig wurden einfach kleine, große, dicke und dünne Engel geknetet, die Kinder veranstalteten Verkleidungsparties oder schminkten sich für Stunden im Bad. Maxim machte seine ersten architektonischen Zeichnungen von Bauernhöfen. Nadeschda nähte Wichtel oder Sandsäckchen.

Ja, wir hatten auch unsere Tiefen mit vielen Wutausbrüchen, vielen Verlassensängsten und immer wieder neuen Heimsuchungen der alten Kindheitstraumata. Das war anstrengend und kostete die Kinder und mich viel Kraft. Doch wenn ich zurückblicke, so wird mir klar, dass das Muttersein – ganz im Gegensatz zu unserem ersten Jahr – für mich an sich wenig ermüdend und kräftezehrend ist. Im Gegenteil: Für mich ist das Muttersein eine wohltuende Aufgabe, die mir innere Ruhe bringt, in de ich mich -meist- zufrieden fühle. Frustrierend ist es, wenn ich aufgrund meiner anderen Belastungen in meinem Umfeld meinen Kindern nicht mit der erforderlichen Ruhe und Gelassenheit begegnen kann, die sie verdienen. Dann kehrt das Gefühl der schlechten Mutter zurück. Doch wenn es mir gelingt, in der Zeit mit meinen Kindern all das auszublenden, ist es die Zeit mit Maxim und Nadeschda, die mich mit Freude und Energie füllt. Meine Kinder geben meinem Leben einen Sinn. Es ist mehr als ich je erwarten konnte oder zu hoffen gewagt habe. Wahrscheinlich war ich nie mehr Mutter mit Haut und Haaren als in diesem Jahr. Das ist es wert, darauf in Dankbarkeit zurückzublicken.

Möget Ihr ein erfülltes und gesegnetes Weihnachtsfest haben mit etwas Ruhe und Erholung zwischen den Jahren, in denen auch Ihr in Dankbarkeit auf viel Gutes, Schönes und Wunderbares zurückblicken könnt.