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Mehr als eine Beinprothese – Über die besonderen Bedürfnisse von Adoptivkindern

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Photo by Kelly Sikkema on unsplash.com

Vor einigen Monaten hatte Sherrie Eldridge wieder einmal einen bewegenden Beitrag auf ihrem Blog veröffentlicht: In „ BECOME YOUR ADOPTED/FOSTER CHILD’S CHEERLEADER IN ADOPTIONS’ OLYMPICS“  schildert sie, wie Adoptivkinder immer das Gefühl haben werden, anders zu sein und irgendwie eingeschränkt, als würde etwas fehlen. Das Bild der Beinprothese, die ihnen hilft, durchs Leben zu kommen, steht symbolisch für ein sicheres Netz aus fürsorglichen Eltern, Freunden, Familie, etc. Und sie schildert dann sehr ausführlich und hilfreich, welche besonderen Bedürfnisse Adoptivkinder haben und wie wir Eltern sie erfüllen können.

Ich habe lange über dieses Bild nachgedacht. Das Bild von Sherrie ist plakativ und ihr Beitrag hat wieder etwas bei mir bewegt. Ja, sie hat so Recht: Adoptivkinder sind Kinder mit besonderen Bedürfnissen aufgrund der Verluste, die sie erlitten haben. So ist das auch bei meinen Kindern. Beide sind auf ihre Art High-Need Kinder. Nach wie vor und immer noch. Auch heute noch brauchen sie so unendlich viel Fürsorge, können nach wie vor mit Veränderungen schlecht umgehen, Gefühlsausbrüche sind immer ein Stück intensiver, Grundbedürfnisse müssen sofort befriedigt werden, ansonsten scheint es, als hätten sie Angst um ihr Leben. (In ihrer Wahrnehmung ist das auch so, und damit ist es mehr als verständlich.) Sie brauchen eine besondere Begleitung in der Schule, wo nichts so alt ist, wie der Erfolg von gestern. Kann Maxim an einem Tag das große Einmaleins, ist nicht gegeben, dass er es am nächsten Tag noch vollständig erinnert. Kann Nadeschda an einem Tag nahezu flüssig einen Text lesen, bringt sie am nächsten Tag die Buchstaben nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge zusammen. Die Liste der Bedürfnisse erscheint manchmal unendlich…

Mir kommt es manchmal so vor, als würde eine „Beinprothese“ gar nicht ausreichen, um die emotionalen Bedürfnisse meiner Kinder zu erfüllen. Mir erscheint es, als würden sie trotz „Beinprothese“ immer wieder stolpern. Stolpern über die seelischen Verletzungen, die die Traumatisierung des Verlustes ihrer russischen Mutter und der Erfahrungen in ihren ersten Lebensjahren gerissen hat. In meinen Augen leben meine Kinder mit einem gebrochenen Herzen. Das wurde vielleicht gekittet. Aber der Bruch, die Narbe ist immer noch da. Manchmal setzt das Herz aus, oder es läuft nicht so wie es soll und dann passieren die Aussetzer….Da bricht bei dem einen Kind der Überlebensmodus durch, der sich mit der Traumarisierung bei ihm im tiefsten Inneren eingebrannt hat, und aus dem er nur schwer wieder herauskommt. Das andere Kind wird überrollt von unbeschreiblichen und tief schmerzenden Verlustängsten, die kaum auszuhalten sind. Da braucht es dann unermesslich viel Zuneigung und Liebe, noch mehr Verständnis, unendliche Ruhe, Gelassenheit und vor allem Geduld, die Wut und die Trauer und den Schmerz, die dann herausbrechen, auszuhalten, zu trösten, zu beruhigen. Meine Kinder saugen in diesen Momenten meine Fürsorge und Zuneigung auf wie ein trockener Schwamm. Ihr emotionales Loch, das die Traumatisierung gerissen hat, scheint manchmal wie ein Faß ohne Boden zu sein, in das nie ausreichend Liebe und Zuneigung hineinfließen können. Und immer noch und immer wieder gibt es Momente, in denen ich mich frage, ob es wirklich irgendetwas gibt, was meinen Kindern hilft, mit dieser Wunde und bleibenden Narbe zu leben. Wird es irgendwann einen Zeitpunkt geben, an dem sie mit ihrer Geschichte und mit den daraus gebliebenen Narben umgehen können?

Vielleicht kommt das erst mit einem zunehmenden Alter, wenn Maxim und Nadeschda größer werden. Bei Nadeschda ist es immer noch eine diffuse Wut, die immer wieder hochkommt, oder die Trauer um ihre verlorene Kindheit und Babysein. Doch sie ist noch zu klein, um ein Bewusstsein für ihre Emotionen zu haben. Dennoch beginnt auch sie zu merken und zu erkennen, dass sie manchmal anders ist. So fragte sie mich neulich: „Warum müssen die anderen Kinder nicht so viel für die Schule üben?“, um dann fortzufahren: „Ja, wenn wir das Zuhause üben, dann kann ich das schon, und dann fällt es mir in der Schule leichter.“ Auch bei Maxim zeigt sich eine spannende Entwicklung: So wie Sherrie es beschreibt, kommen auch bei ihm mit zunehmendem Alter die Emotionen, aber diesmal bewusst. Er weiß und spürt nun, dass er traurig ist und um sein Herkunftsland trauert. Er kann das benennen. Dann können wir damit arbeiten, darüber sprechen. So wie wir viel über Russland lesen und Bildbände anschauen, eine Reise planen. Während Maxim’s Klassenlehrerin erst kürzlich zu mir sagte, wie gut sich Maxim entwickelt hat und wie gut doch beide Kinder hier angekommen sind, um so mehr spüre ich, dass es eben alles nicht normal ist. Im Gegenteil, je älter meine Kinder werden, um so mehr erleben sie bewusst und spüren, dass sie anders sind. Was sie bisher als diffusen Schmerz, Wut und Trauer erlebt haben, bekommt für sie langsam ein Gesicht und einen Namen. So verändern sich auch ihre Bedürfnisse, bzw. nein, die Urbedürfnisse als High-Need Kinder bleiben. Nach wie vor brauchen sie unumstößliche Sicherheit und eine klare Struktur, unabdingbare Verlässlichkeit, bedingungslose Liebe, Geduld, Fürsorge und ein stetiges Überbehütet sein. Doch hinzukommen nun viele der von Sherrie adressierten besonderen Bedürfnisse im Umgang mit der Geschichte ihrer Adoption.

Wohlmöglich ist am wichtigsten die Erkenntnis, dass vor allem für meine Kinder ihre Adoption ein lebenslanger Weg ist. Ihre Adoption ist eben nicht ein „Projekt“, das irgendwann abgeschlossen ist. Es ist kein Thema, das irgendwann abschließend behandelt ist. Es ist eine Lebensreise, auf der ich meine Kinder ein großes Stück begleite und so für sie da bin und ihre Bedürfnisse versuche zu erfüllen, dass sie irgendwann in der Lage sind, mit den Narben ihrer frühkindlichen Verletzungen auch alleine leben zu können.

Oder, um auch wiederum mit Sherrie’s Worten zu sprechen: Gerade weil Adoption eine Lebensreise ist, ist es ein Weg voll Hoffnung und Zuversicht, den Schmerz, die Trauer und die Wut ganz gewiss irgendwann einmal hinter sich zu lassen.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (76)

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Photo by Benjamin Manley on unsplash.com

Meine Wochen sind einfach voll zur Zeit. Zu voll. Viel zu voll. Vor allem meine Mutter in der Reha und ihre Zukunft, oder vielmehr ihre jüngste Vergangenheit halten mich beschäftigt. Viel zu beschäftigt. Wenn alles gut klappt, dann haben wir in der kommenden Woche ihr Leben nach der Reha organisiert. Bis darauf, dass wir dann noch ihr altes Leben in ihrer ehemaligen Wohnung abwickeln müssen. Aber okay, das wird dann auch irgendwie gehen. Die ganzen kleinen Überraschungen, die so passieren, wenn eine ältere Dame meint, sich nicht mehr um ihr Post kümmern zu müssen und das über Monate – nicht weil sie es nicht kann, sondern weil sie keine Lust hat, und weil Arte im Fernsehen schauen oder Daniel Barenboim hören oder Gold Mann lesen eben spannender ist, als Rechnungen zu bezahlen, und die dann bitte auch richtig MIT Mehrwertsteuer und eben nicht ohne -, das koste zur Zeit sehr viel Zeit. Ich hatte mir diese Wochen reserviert, um an meiner Abschlussarbeit zu schreiben und habe keine neuen Aufträge angenommen. Nun die Abschlussarbeit schreibe ich nicht und so habe ich die Zeit. Vermeidlich…. Dennoch habe ich mir in dieser Woche auch schöne Momente beschert. Neben dem Alltag mit Maxim und Nadeschda, der auch selbst wenn er an manchen Stellen wieder hart ist – unsere Freundin, die Anstrengungsverweigerung, besucht uns wieder -, doch einfach noch einmal in diesem ganzen Mutterthema eine andere Bedeutung bekommt. Ich genieße es einfach, mit meinen Kindern den Nachmittag und Abend zu verbringen, egal wie er abläuft. Die zwei sind einfach wunderbar! Und während sie gerade mit dem Papa schwimmen gehen, sind dies hier meine drei Sonntagslieblinge (und Achtung, diesmal ist es nur ganz viel über und für mich…):

  1. Ich war beim Friseur und habe mir meine Haare rot färben lassen, so wie sie mal waren, so vor dreißig Jahren. Molly Ringwald war wohl noch in meinem Kopf. Spannend waren die Reaktionen. Vor allem eine, die wieder so auf das Adoptionsthema passt. Eine Kollegin aus meiner Weiterbildung sagte, als ich ihr erklärte, dass ich früher rot war:“ Ahh, dann haben also Deine Kinder rote Haare?“ Ich: „Nein, mein Sohn ist hellblond und meine Tochter dunkelblond.“ Die Kollegin: „Dann hat sich da wohl der Vater durchgesetzt.“ Ich: „Kann sein.“
  2. Ich habe schon vor ein paar Wochen dank Sherrie Eldridge eine wunderbare amerikanische Adoptionsseite entdeckt: Confessionsofanadoptiveparent.com. Großartig! Ich habe Kristin’s Buch „Born Broken“ gelesen. Und war hoch berührt. Es hat mich manchmal sehr, sehr traurig gemacht, selbst wenn meine Kinder eben nicht die Diagnose „FASD“ haben. Mehr dazu sicherlich noch einmal an anderer Stelle. Erleichternd fand ich vor allem, dass Kristin so über ihre Muttergefühle und ihre Gefühle des Scheiterns reflektiert. Allein dafür ist das Buch so lesenswert.
  3. Mein wunderbarer Mann hatte mir zu Weihnachten einen „Innenausstatter“ geschenkt. Mehr so einen „Schick mal jemanden durchs Haus, der sich die noch offenen Baustellen anschaut und sie behebt. Ich habe keine Zeit und keine Nerven, noch eine weitere Gardinenstange anzubringen.“ Nun, das habe ich gemacht – im wesentlichen geht es wirklich um neue Vorhänge, da wir in unserem alten Haus eben keine Rollläden haben – und das ist eine ganz wunderbare Erfahrung. Am Freitag war ich nun im Laden und habe Stoffe ausgesucht. Und Kissen und zwei Teppiche… Ach, das war einfach schön! – Ich bin so dankbar dafür, dass auch so etwas geht. Auf wenn es der absolute Luxus ist….

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen gelungen Start in die kommende Woche!

 

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Verwöhne ich meine (Adoptiv-)Kinder zu viel?

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Photo by Andrew Neel on unsplash.com

Einige Zeit vor Weihnachten war bei Sherrie Eldridge wieder einmal ein spannender Post zu lesen. In „Why Adoptive and Foster Parents must resist over the top giving“ schildert sie sehr einfühlsam aber auch deutlich, warum es nicht förderlich ist, sondern ganz im Gegenteil, Adoptivkinder zu sehr zu verwöhnen mit einem zu viel von allem: Geschenke, Essen, Süßigkeiten, aber auch Fürsorge und zu viel Freiraum.

Als ich in den Tagen vor Weihnachten die Geschenke für Maxim und Nadeschda verpackte, musste ich an Sherrie’s Beitrag denken. Es war gut, sich noch einmal kritisch zu überprüfen. Nein, in diesem Jahr hatten wir ein gutes Maß bei den Geschenken gehalten. Aber auch das mussten wir erst lernen. Ich erinnere mich an unser erstes Weihnachten, wo natürlich das ganze Zimmer überladen war mit Geschenken. Maxim und vor allem Nadeschda waren schnell restlos überfordert, so dass wir das Auspacken der Geschenke abbrechen und auf die kommenden Tage weiter verteilen mussten. Auch danach in den folgenden Jahren hatten wir zwar den Vorsatz, es mit den Geschenken nicht zu übertreiben, doch dann wurde es am Ende wieder viel zu viel. Irgendwann ging ich dann dazu über, einige Geschenke schon im Vorhinein zurückzuhalten für irgendwann. Erst in diesem Jahr ist es nun gelungen, die Geschenkflut wirklich einzudämmen. Und der Heiligabend gab uns recht. Statt großer Geschenkschlacht, konzentrieren sich Maxim und Nadeschda auf ihre zwei, drei Geschenke. In aller Ruhe bauten wir sie auf und spielten bis abends spät. Wunderbar!

Doch weiter beschäftigt mich der Gedanke an zu viel Fürsorge für meine Kinder. Im ersten Momente dachte ich: Meine beiden Kinder haben so viel entbehren müssen. Und immer noch sind sie emotional betrachtet wiederkehrend in einem seelischen Stadium, dass sie eigentlich nie genug Fürsorge bekommen könnten. Sie saugen alles Umsorgen und alle Zuwendung auf wie ein trockener Schwamm. Es kann eigentlich nie zu viel sein, denn es ist ja oft noch nicht einmal genug. Für mich ist es eine schmale Gratwanderung, denn ich darf Nadeschda und Maxim auch nicht zur Unselbständigkeit erziehen. Manchmal weiß ich, dass sie bestimmte Dinge, bei denen sie genießen, dass ich ihnen helfe, durchaus selbst bewältigen können. So kann sich Nadeschda durchaus alleine an- und ausziehen. Aber sie genießt es, wenn ich dies morgens für sie übernehme. Es ist so ein kleiner Moment der Exklusivzeit, in der sie dann ihren Arm um mich legt und mir ins Ohr flüstert: „Meine Mami ganz alleine.“ Sollte ich ihr das nehmen? Auf der anderen Seite gibt es Aufgaben, die die Kinder durchaus übernehmen können sollten. So ist es Maxim’s Verantwortung, dass er seine Schulsachen alle beieinander hat. Die Sporttasche sollte ich ihm nicht mehr hinterher tragen. Oder doch?

Jetzt mit dem nahenden Neuen Jahr steht ohnehin für uns an, mit den Kindern noch einmal zu überlegen, welche Aufgaben sie für sich , aber auch hier im Haushalt übernehmen können und sollen. Sherrie’s Beitrag wird uns dabei sicherlich noch weiter begleiten.

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Herkunft (4) reloaded: Über den Umgang mit der Herkunft – Warum Verschweigen keine gute Lösung ist….

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Danke an Pixabay

Wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann kommen doch die ersten Reaktionen auf Maxim’s Erzählen seiner Herkunft in der Schule in kleinen Wellen zu uns zurück. Behutsam und einfühlsam. Und manchmal auch mit überraschenden Wendungen.

So hatten wir vor ein paar Tagen Besuch von Maxim’s Klassenkameraden und dessen Mutter. Nach dem ersten Kaffee sprach sie mich zaghaft auf unsere „Familiengeschichte“, wie sie es nannte an: „Sag mal, der Maxim hat ja dem Johannes schon vor ein paar Wochen in der Schule von Eurer Familiengeschichte erzählt.“ Ich schwieg und wartete ab. „Ja, und dass er zwei Mütter hat, eine in Russland und Dich hier. – Das hat mich doch sehr berührt.“ Ich nickte wohlwollend und erzähle ihr kurz unsere Geschichte. Weniger die von Maxim und Nadeschda mit ihren Erfahrungen im Kinderheim, sondern vielmehr, dass beide in Russland geboren sind, und wir sie dort vor mehr als sechs Jahren adoptiert haben. „Und weißt Du, wir haben mit dem Schuleintritt beschlossen, dass unsere Kinder entscheiden sollen, wem und wann sie von ihrer Adoption erzählen. Denn es ist ihre Geschichte. Und mich freut es, dass Maxim nun so weit ist.“ „Seit ihr denn hier Zuhause immer offen mit der Adoption umgegangen?“ fragt die Mutter. „Ja, von Beginn an wussten unsere Kinder, dass wir sie adoptiert haben und dass sie ebenso noch eine Mutter in Russland haben.Daraus haben wir nie ein Geheimnis gemacht.“ „Das finde ich ganz großartig und mutig.“ fährt die andere Mutter fort. „Weißt Du, mich hat das sehr berührt. – Denn… ich habe erst mit 23 erfahren, dass ich von meinem Vater adoptiert wurde und dass mein leiblicher Vater in der Türkei lebt.“ Bumm, das saß! Plötzlich kommt das Thema „Adoption“ in unserem sozialen Umfeld doch auch an anderen Stellen vor, als wir es je vermutet hätten. Und dann auch noch so…. Ich war tief berührt von der Offenheit von Johannes’ Mutter. Im Nachhinein hatte ich fast das Gefühl, sie war so dankbar, dass sie sich mir mitteilen konnte und in mir ein Gegenüber fand, die sie verstand und ihre Situation nachvollziehen konnte.

In der Folge fragte sie viel nach, wie wir mit der Herkunft unserer Kinder umgehen würden, neben dem Erzählen und offen Gesprächsbereitschaft immer wieder zu signalisieren. Denn nicht immer wollen Maxim und Nadeschda über ihre Herkunft und ihre Zeit in Russland sprechen. Vor allem Nadeschda schiebt das Thema immer wieder gerne ganz weit von sich. Doch beide Kinder wissen, dass sie mit allen Fragen immer zu uns kommen können. Immer und zu jeder Zeit, auch wenn mich zuweilen die Gelegenheiten  , die sie aussuchen, doch immer wieder überraschen. Ja, und natürlich würden wir auch irgendwann nach Russland reisen, um die Mutter zu suchen, wenn Maxim und Nadeschda das denn wollten.

Johannes’ Mutter zeigte mir mit ihrer Geschichte – auch wenn die Hintergründe und Umstände bei ihr ganz andere gewesen waren – , wie wichtig es war, gegenüber seinen Adoptivkindern offen mit ihrer Herkunft umzugehen. Nichts unter den Tisch zu kehren, zu verheimlichen oder zu verleugnen. „Selbst als ich mit meinem ersten Kind schwanger war und ich meine Mutter nach der Familienanamnese fragte, verschwieg sie meinen leiblichen Vater. Erst ein paar Jahre später brach sie ihr Schweigen.“ Johannes’ Mutter suchte ihren Vater und fand ihn auch, doch es blieb bei einer einzigen Begegnung. Vielleicht weil sie so enttäuschend verlief, wie Sherrie Eldridge es von den Treffen mit ihrer leiblichen Mutter schildert.  „Weißt Du, bis heute kann ich es nicht mehr ertragen, wenn etwa unter den Tisch gekehrt wird. Ich muss immer alles ansprechen. Ich will immer die Wahrheit wissen. Das ist fast manisch, aber ich kann nicht anders. Auch wenn ich mir damit manchmal das Leben schwer mache.“ Ebenso bestätigte sie mich, als sie erzählte: „Und weißt Du, man spürt das. Als ich in der Pubertät war, da kam dieser ganze Mist mit ‚Ihr seid nicht meine richtigen Eltern!‘, ‚Ich bin vertauscht worden.‘, ‚Irgendetwas stimmt hier nicht.‘ und ich hatte Recht. Es war so. Denn mein leiblicher Vater war ein ganz anderer.“

Für mich war das ein spannender Nachmittag. Denn neben der Bestätigung dessen, dass wir im Umgang mit den Wurzeln unserer Kinder einen vielleicht heilsamen Weg eingeschlagen haben, war es mehr als interessant unverhofft die Erfahrungen einer erwachsenen Adoptierten teilen zu dürfen. Ohne dass ich sie gesucht hatte. Es war einfach an einem Nachmittag unter Schulmüttern passiert.

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Wie ein Baum ohne Wurzeln…

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Photo by Gregoire Sitter in Unsplash.com

Sherrie Eldridge, die Autorin von vielen wunderbaren Adoptionsbüchern, postet in den vergangene Tagen wieder sehr bewegende Beiträge, die mich an der ein oder anderen Stelle zum Nachdenken bringen. Vor allem „Adopted and Foster Kids Can Survive Winter“ geht mir zur Zeit nicht aus dem Kopf.

Ich glaube, dass zwar Maxim und Nadeschda noch nicht viele der Gedanken bewusst haben, die Sherrie schildert. Dafür sind sie noch zu jung und zu klein. Die winterliche Jahreszeit hat für sie immer noch einen magischen Zauber, jetzt wo die Vorweihnachtszeit absehbar ist und gefüllt sein wird mit schönen und aufregenden Momenten. Zudem liebt vor allem Maxim den Schnee. Schon jetzt zählt er die Tage, bis wir im Januar zum Skilaufen fahren.

Dennoch spüre ich, dass dennoch im Unterbewusstsein der Winter für meine Kinder eine Zeit des traurigen Schmerzes ist. Gerade Maxim macht wieder einmal ein paar schwere Tage durch. Und auch Nadeschda kämpft zuweilen mit der Wut. Wenn ich so an unsere nicht immer harmonischen Nachmittage denke, so kommt mir das Bild mit dem Baum in den Sinn, das Sherrie beschreibt. „We can say we are cold to the roots.“ Meinen Kindern ist kalt bis in die Wurzeln. Ihnen wurde ihre Herkunft und ihre Wurzeln genommen, und der Schmerz der Entwurzelung mag tief sitzen. Immer noch!

Ich denke an ein Seminar, das wir in Vorbereitung auf die Adoption hatten. Die Seminarleiterin zeigte uns einen Teddybären mit vielen abgeschnittenen Fäden an Armen und Beinen. Dazu sagte sie: „So etwa kommt ihr Kind zu ihnen. Mit unzähligen abgeschnittenen Bindungen und Beziehungen.“ Ja, in all den Jahren, seitdem Maxim und Nadeschda bei uns sind, haben sie sicherlich genauso viele neue Bindungen und Beziehungen geknüpft. Doch die abgeschnittenen Enden bleiben. Manchmal schmerzen sie, wie die Wurzeln des Baumes, die noch keinen vollständigen warmen sicheren Halt gefunden haben. – Wie sehr hoffe ich und wünsche ich, dass meine beiden Kinder einmal  so selbstbewusst mit ihrer Herkunft und Geschichte umgehen, und mit dem Schmerz der damit verbunden ist, dass sie ebenso sagen: „I am a tree, that suvived winter.“

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Erinnerungen eines Adoptivkindes können überraschen…

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Danke an Rachael Gorjestani auf unsplash.com

Sherrie Eldridge hat einmal wieder einen Post vor ein paar Wochen veröffentlicht, der mich sehr gerührt und ermutigt hat. „Your Adopted or Foster Child’s Memories May Surprise You“ kam gerade richtig. Hängen geblieben ist er zunächst, weil Sherrie über ein ganz profanes Gericht geschrieben hat, das ihre Mutter immer für sie gemacht hat: Erbsen auf Toast.

Das blieb in meinem Gedächtnis hängen, denn zum einen hasst Maxim Erbsen, ohne sie wirklich zu kennen. Bei uns hat er sie immer verweigert. Und es gibt eine lustige Geschichte, die wir gerne erzählen: Einmal habe ich Backerbsen zur Kartoffelsuppe gekauft. Und auch den Kindern erzählt, dass es abends Kartoffelsuppe – die beide Kinder lieben – mit Backerbsen gibt. Maxim verzog fast schmerzverzerrt das Gesicht. Doch dann sah er, dass es keine Erbsen waren und probierte – zunächst widerwillig -, um dann mit der Backerbse im Mund zu sagen: „Mmmh, Mama, echt lecker.“ Seitdem geht bei uns immer der Spruch um: „Maxim, es gibt Erbsen.“ Schmerzverzerrtes Gesicht meines Sohnes. „Nein, es gibt Backerbsen.“ Maxim’s Gesichtsmuskeln entspannen sich zu einem Lächeln.

Zum Anderen entspannten mich Sherrie’s Schilderungen einmal wieder so ungemein. Denn sie macht in ihrem Beitrag so wunderbar deutlich, dass meine Kinder mich lieben und akzeptieren, so wie ich bin, dass sie mir das eben nur nicht zeigen können. Denn die Wut auf ihre leibliche Mutter mag so unermesslich sein, dass sie diese einfach immer wieder auf mich projizieren. Und es braucht Jahre und Jahrzehnte bis meine Kinder realisieren, dass das, was ich jeden Tag für sie tue, ihnen vielleicht doch zeigt, wie sehr ich sie liebe. Dies tue ich einfach, jeden Tag und mit jedem Tag immer mehr. Und ich bin sehr gespannt, an was sich meine Kinder einmal erinnern werden.

Es werden jedoch nicht „Peas on Toast“ sein, das ist sicher…

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Hasst mich mein Adoptivkind? Warum es ihm so schwer fällt, Liebe zu zeigen…

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Vor einiger Zeit hat Sherrie Eldridge den erneut bewegenden Post „Why does my adopted child hate me?“ veröffentlicht. Er knüpft ein wenig an meine gelegentlichen Zweifel als Adoptivmutter an und hat mich in den vergangenen Wochen immer wieder beschäftigt, auch wenn er mich jetzt noch einmal zu einer bewussten Erkenntnis gebracht hat.

Wenn ich Maxim von der Schule abholte, oder ich nach einem Tag Arbeit nach Hause kam, so wünschte ich mir doch immer wieder insgeheim, dass mein Sohn mir freudestrahlend in die Arme lief und mich umarmte. – Lange, lange hat er das nicht getan und meine Hoffnungen blieben unerfüllt. Inzwischen zeichnet sich da allerdings eine Entwicklung ab. – Stattdessen wurde ich mit Gleichgültigkeit oder manchmal auch Ablehnung empfangen. Wenn Zuhause seine Wut hochkochte, wurde ich zuweilen auf das Übelste beschimpft, getreten, geschlagen. Oder es fiel auch der Satz: „Du bist nicht meine Mama!“ Ich weiß nach all den Jahren, dass ich die Projektionsfläche für die Wut und die Trauer über seine frühkindlichen Verletzungen, die unermesslich gewesen sein müssen, bin. Meistens kann ich mit dieser Wut umgehen. Ich nehme Maxim’s Angriffe nicht mehr persönlich, auch wenn es mir lange schwer fiel. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass er nicht mich direkt meint.

Dennoch gibt es noch heute Momente, in denen ich seine Ablehnung und Abneigung nur schwer ertragen kann. Das sind die Augenblicke, in denen ich mich frage: „Bin ich gut genug?“ Bin ich gut genug als Adoptivmutter für meine Kinder? Würden sie vielleicht eine andere Mutter weniger ablehnen? Auch dann kommen die Zweifel, ob all das, was ich für meine Kinder tue und empfinde, ausreicht. So ausreicht, dass sie mich lieben lernen können.

Auf der anderen Seite weiß ich, dass die fehlende Fähigkeit, Zuneigung zu zeigen und eher die Wut, Aggression und Trauer herauszulassen, aus dem tiefen Gefühl des Verlassenwordenseins resultiert. So wie Sherrie es schreibt. Und das genau deshalb, weil ich als Adoptivmutter eben jetzt da bin und immer für meine Kinder sorge, sie liebe und so annehme wie sie sind, genau deswegen bin ich die Zielscheibe ihrer Wut und ihrer Ablehnung. „Wenn Ihr Adoptivkind Sie schlägt, dann ist es richtig bei Ihnen angekommen.“ sagte einmal unsere Jugendamtsbetreuerin zu uns. Wie Recht sie hatte. Denn im Grunde, so absurd das vielleicht erscheinen mag, ist dies das Zeichen, dass das Adoptivkind sich sicher genug fühlt, seine tiefen Gefühle zu zeigen und herauszulassen.

Mit Blick auf Maxim weiß ich aber auch, dass sein Verhalten immer noch auch ein Ausfluss seiner Bindungsstörung ist. Wenn ich der Literatur folge, so könnte er als „unsicher vermeidend gebunden“ gelten. Diese Kinder reagieren in einer Trennungssituation kaum und spielen einfach bei Betreten des Raums durch die Bezugsperson weiter. Auch bei der Wiedervereinigung vermeiden sie den Kontakt mit der Bezugsperson. In der Literatur heißt es dazu, dass diese Kinder ein Bindungsverhalten minimieren, da dieses in der Vergangenheit nicht den gewünschten Erfolg brachte. Denn bei Furcht, Kummer, Erschöpfung oder Unsicherheit war die Bindungsperson nicht verfügbar. Maxim hat dies mit Sicherheit so erfahren in seiner Ursprungsfamilie und vor allem auch im Kinderheim.

Erst jetzt nach Jahren als Familie, nach Jahren des immer auf Gedeih und Verderb verlässlich Daseins, nach Jahren der Fürsorge, nach Jahren in einer sicheren, geborgenen und stabilen Umgebung und auch nach Jahren mit therapeutischer Unterstützung spüre ich, dass Maxim langsam heilt. Ich fühle, dass er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann, dass ich immer für ihn da bin, dass er bei mir sicher ist. Nach all der Zeit beginnt er sich an mich zu binden ohne Wenn und Aber. Heute kommt er mir auf dem Schulhof freudig entgegen gerannt, heute zeigt und sagt er, wenn er mich braucht. Heute überschüttet er mich zuweilen mit großen Zuneigungsbekundungen. Heute schiebe ich meine Zweifel bei Seite, denn immer mehr lerne auch ich: Ja, ich bin gut genug als Maxim’s Adoptivmutter und alles ist gut so wie es ist.