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„Leander ist schwach…“ – Von überraschenden Entwicklungen

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Photo by Michal Parzuchowski on unsplash.com

Maxim macht mich gerade sprachlos. Seine innere Entwicklung ist atemberaubend. Ich bin überrascht, sprachlos, und dann auch einfach begeistert, dankbar und unglaublich stolz. Stolz auf meinen so großen und weisen Sohn, der in den vergangenen Monaten eine Entwicklung hingelegt hat, die mich nur noch dankbar staunen lässt. Von der Selbsterkenntnis, die in seinen Worten mitschwingt, kann sich so mancher Erwachsener eine Scheibe abschneiden….

Wie immer komme ich vor ein paar Tagen mittags in die Schule, um Maxim und Nadeschda beim Essen abzuholen. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch Leander wie er zornig an einer Säule steht und mich beobachtet. Doch ich kann meinen Gedanken, die ich bei seinem Anblick habe, nicht weiter nachhängen, denn Nadeschda stürmt auf mich zu. Und Momente später Maxim zusammen mit Nikolai. Seitdem wir uns mit Maxims Herkunft zuhause befassen, ist er sehr eng mit Nikolai. Auch wenn ich noch nicht den Russischsprachunterricht mit seiner Mutter habe besprechen können. Maxim sprudelt gleich los: „Mama, es gab wieder Streit mit Leander! Ja, er hatte mir etwas zu essen mitgebracht. Und dann in der zweiten Pause meinte er, ich hätte es nicht gegessen. Obwohl ich es gegessen hatte.“ Ich komme gar nicht dazu zu fragen, was es denn war, denn Maxim brodelt einfach weiter: „ Aber ich habe es gegessen. Und er hat dann wieder nicht locker gelassen und mich nicht in Ruhe gelassen. Da bin ich dann einfach weggerannt. Der Musiklehrer hat das mitbekommen. Und wollte es klären. Aber Leander wollte nicht. Ich habe dann auch nichts gesagt. Aber auch beim Mittagessen hat er mich dann nicht in Ruhe gelassen. Da bin ich dann zur Frau K. gegangen. Und deshalb musste Leander dann an einem anderen Tisch essen. Er ist dann mit Louis (Maxims bestem Freund, um den es ja immer Streit mit Leander gibt.) auf die Toilette gegangen und hat Louis gesagt, er müsse sich entscheiden zwischen mir und ihm. Mama, das ist doch Erpressung. Der hat sie doch nicht mehr alle.“

Inzwischen wird die Traube um uns größer. Ich unterbreche Maxim, sage ihm, dass wir gleich im Auto in Ruhe sprechen können, und dass er seine Sachen holen soll. Das macht er dann auch. Doch schon auf dem Weg zum Auto sprudelt es einfach weiter aus ihm heraus, wie dann auch auf der Autofahrt. Es ist das erste Mal, dass mein Sohn seinem ganzen Ärger verbal Luft macht. So richtig! Selbst Nadeschda ist während der ganzen Zeit ganz still und lässt ihn reden. Es ist einfach unglaublich!

„Und Zuhause schreibe ich Leander einen Brief und den gebe ich ihm dann morgen. Und wenn er mich dann nicht in Ruhe lässt, dann sage ich es Frau Fellner. Und wenn er dann nicht aufhört, dann mache ich mit ihm einen Judogriff. Ich weiss auch schon welchen, Mama. Den, wo ich ihn hintenrum aufs Kreuz lege. Tja, da soll er dann mal sehen.“ Irgendwann verstummt Maxim im Auto. Doch nach ein paar stillen und nachdenklichen Momenten sagt er: „Louis sagt immer, dass es unfair ist, wenn ein Starker einen Schwachen angreift. Und ich bin ja stark und Leander ist schwach! Der ist zwar größer als ich. Und viel schwerer. Aber ich bin stärker und sowieso viel schneller. Eigentlich ist er arm dran.“

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„Angriff auf das Urvertrauen“

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Danke an Pixabay

Ursprünglich wollte ich mich noch ein wenig über die Berufstätigkeit als Adoptivmutter auslassen. Doch ein Vorfall in der Schule in dieser Woche lässt mich das nun erst einmal hinten anstellen. Hatte ich nicht geschrieben, dass unser Leben so wunderbar normal und zwischenfallslos dahinplätschert? Nun das hatte vorerst in dieser Woche ein jähes Ende. Was war passiert?

Kennt Ihr Leander Plattner aus „Ein Sams für Martin Taschenbier“? Nun er ist überproportional groß und kräftig für sein Alter. Etwas ungelenk und vielleicht auch einfach eine unglückliche Gestalt. Maxim ist eher wie Martin Taschenbier, klein und zierlich, aber flink. Nun, Maxim hat so einen „Leander“ in der Klasse. Entgegen dem Charakter in dem Sams-Buch ist unser Leander aber leider auch ein verhaltensauffälliges Kind. Er kam als Quereinsteiger in die Klasse. Er hält sich an keine Regeln, er stört den Unterricht, er schwänzt hin und wieder die Schule. Er sucht Streit, wo er ihn nur finden kann. Und von Anfang an hatte er es auf Maxim abgesehen. Vor allem weil Maxim mit einem Jungen befreundet ist, den Leander von früher kennt und genauso mit diesem befreundet sein will. In dieser Dreierkonstellation ist Streit immer wieder vorprogrammiert. Da gibt es mal handfeste Rangeleien, Beschimpfungen, Sachen werden aus Wut in den Dreck geschmissen. Machtkämpfe unter Jungs. Doch vor ein paar Tagen ist die Situation eskaliert.

Als ich mittags zur Schule kam, um Maxim und Nadeschda abzuholen, fand ich Maxim auf dem Schulhof mit seinem Freund und einer Aufsichtsperson. Mein Sohn kämpfte mit den Tränen, sein Freund stand hilflos daneben. Die Aufsicht hielt nach Leander Ausschau. Der kam wutschnaubend aus dem Gebüsch und beschimpfte meinen Sohn. Der wollte nur seinem Freund noch etwas sagen, aber Leander ließ ihn nicht. Ich griff ein und schlug vor, dass wir jetzt gehen und Maxim dann seinen Freund von Zuhause aus anrufen könnte, um das zu besprechen, was er noch ohne Leander besprechen wollte. – Erst hinterher erzählte mir Maxim, dass ihm Leander zuvor mit der Faust ins Gesicht mitten auf die Nase geboxt hatte. – Mit den Tränen kämpfend kam mein Sohn mit mir mit. Fest hielt er meine Hand und kämpfte mit seinen Gefühlen von Verzweiflung und Wut. Wir waren fast am Schulgebäude, als aus dem Nichts Leander von hinten angeschossen kam und Maxim so anrempelte, dass dieser, obwohl noch bei mir an der Hand, zu Boden ging.

Ich war fassungslos, mein Sohn in Tränen aufgelöst. Mit dem weinenden Maxim auf dem Arm suchte ich die Leiterin der Mittagsbetreuung, um sie über das eben Geschehene zu informieren. Eine andere Aufsicht hatte derweil Leander geschnappt und zerrte ihn in das Schulsekretariat, wo er nun warten musste bis seine Mutter ihn vorzeitig abholte. Nadeschda kam zu uns gelaufen, sie hatte alles vom Klettergerüst aus beobachtet. Wir setzten uns erst einmal und ich tröstete Maxim. Schnell kamen andere Klassenkameraden und abholende Mütter aus Maxims Klasse, um zu schauen, was passiert war. Nadeschda informierte alle aufgebracht.

Von hinten aus dem Hinterhalt ein Kind so zu schupsen, dass es zu Boden ging, und das auch noch als es an der Hand der Mutter ging, war wirklich das allerletzte! Wie gestört und aggressiv war dieser Junge, der selbst vor dem „Schutzraum“ der Mutter keinen Halt machte? Das war ein Angriff auf das Urvertrauen, das Maxim in mich hatte. Denn an meiner Hand sollte er sich eigentlich sicher fühlen. Doch Leander hatte selbst vor dieser Grenze keinen Halt gemacht, sondern war gewaltsam in diesen Raum der Sicherheit und Geborgenheit eingebrochen. Das war eine Form der Gewalt, die mir neu war. Unermessliche Wut steig in mir auf. Es war gut, dass Leander bereits im Schulsekretariat saß.

Nachdem sich Maxim etwas beruhigt hatte – äußerlich verletzt war er zum Glück nicht -, holten wir seine Sachen und fuhren nach Hause. Da erst erzählte mir Maxim die ganze Geschichte mit der vorangegangenen Kopfnuss. Zum Seelenbalsam gab es erst einmal Blaubeeren und Süßigkeiten. Und wir telefonierten mit Richard. Der rief im weiteren Verlauf des Nachmittags Leaders Mutter an, was eine kluge Entscheidung war, denn ich hätte wahrscheinlich die Fassung vollständig verloren. Er ließ sie, die sich schnell in Entschuldigungen und Erklärungsversuchen, warum Leander im Moment so schwierig sei, verlieren wollte, kaum zu Wort kommen. Nach sieben Minuten hatte er unseren Standpunkt klar gemacht: Ein solches Verhalten ist ein Angriff auf das Urvertrauen und dieser wie auch jede andere Form von körperlicher oder verbaler Gewalt gegen unseren Sohn tolerieren wir nicht, egal aus welchen Gründen. Ein solches Verhalten müssen die verantwortlichen Eltern abstellen.

Bei Maxim hat dieser Vorfall zwei Dinge ausgelöst: Auf der einen Seite ist er nun in der Schule etwas haltlos, er muss oder will sich neu orientieren. Denn auch von seinem Freund ist er enttäuscht, dass der ihm nicht geholfen hat. Selbstbewusst sagt er zwar „Dann spiele ich eben mit jemandem anderes.“, doch ich weiß, dass ihn das belastet. Leander geht er aus dem Weg, beobachtet ihn aber sehr genau. Auf der anderen Seite ist es, als wäre er uns Eltern noch einmal ein Stück weit näher gekommen. Deutlich hat er lernen müssen, dass der einzige sichere Ort für ihn hier Zuhause ist, mit Richard, Nadeschda und mir. Wir sind die, die zu ihm halten, die für ihn einstehen, ihn schützen und verteidigen. Auch wenn ich ihn im Sturz nicht auffangen konnte, so spürte er, dass wir in der Auseinandersetzung mit Leander Mutter und den Lehrern an der Schule um ihn und für ihn kämpften. (Das mal an der Oberfläche betrachtet. Ich denke es ist auch noch etwas tieferes bei ihm in Bewegung gekommen, doch das füllt einen weiteren Post.)

Meine Wut und meine Fassungslosigkeit sind auch noch nach ein paar Tagen nicht verraucht. Sollte so etwas noch einmal vorkommen, kann ich mir vorstellen, dass ich alle Hebel in Bewegung setze, damit dieses Kind die Schule verlassen muss. Denn egal was die Ursachen für Leanders Verhalten sind, diese Form der Gewalt ist mit nichts zu entschuldigen. Nur weil die Großmutter im Sterben liegt und der Vater sich von der Mutter trennt, muss ein Kind nicht aus dem Hinterhalt mit so viel Wucht schupsen, dass ein anderes Kind zu Boden geht. Verständnis dafür habe ich in keiner Weise. Zumal meine eigenen Kinder in ihrem Leben, bevor sie zu uns kamen, traumatische Erfahrungen gemacht haben, die um ein vielfaches schlimmer waren. Aber sie rennen nicht auf dem Schulhof Amok, wenn ihnen etwas nicht passt. Denn wir haben ihnen geholfen, ihrer Traumata langsam zu verarbeiten. So sehe ich auch, dass dieser Akt der Brutalität ein lauter Schrei nach Hilfe war. Ein Hilferuf Leanders nach Aufmerksamkeit, Liebe und Zuwendung, die er Zuhause nicht bekommt. Ich fürchte allerdings, dass seine Eltern aus diesem Vorfall keine Konsequenzen ziehen und sich keine Hilfe suchen bzw. Leander nicht die Hilfe geben werden, die er braucht. Wenn ich mir das bewusst mache, tut dieser Junge mir (fast) leid.