2

Hasst mich mein Adoptivkind? Warum es ihm so schwer fällt, Liebe zu zeigen…

person-2254438_1280

Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Vor einiger Zeit hat Sherrie Eldridge den erneut bewegenden Post „Why does my adopted child hate me?“ veröffentlicht. Er knüpft ein wenig an meine gelegentlichen Zweifel als Adoptivmutter an und hat mich in den vergangenen Wochen immer wieder beschäftigt, auch wenn er mich jetzt noch einmal zu einer bewussten Erkenntnis gebracht hat.

Wenn ich Maxim von der Schule abholte, oder ich nach einem Tag Arbeit nach Hause kam, so wünschte ich mir doch immer wieder insgeheim, dass mein Sohn mir freudestrahlend in die Arme lief und mich umarmte. – Lange, lange hat er das nicht getan und meine Hoffnungen blieben unerfüllt. Inzwischen zeichnet sich da allerdings eine Entwicklung ab. – Stattdessen wurde ich mit Gleichgültigkeit oder manchmal auch Ablehnung empfangen. Wenn Zuhause seine Wut hochkochte, wurde ich zuweilen auf das Übelste beschimpft, getreten, geschlagen. Oder es fiel auch der Satz: „Du bist nicht meine Mama!“ Ich weiß nach all den Jahren, dass ich die Projektionsfläche für die Wut und die Trauer über seine frühkindlichen Verletzungen, die unermesslich gewesen sein müssen, bin. Meistens kann ich mit dieser Wut umgehen. Ich nehme Maxim’s Angriffe nicht mehr persönlich, auch wenn es mir lange schwer fiel. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass er nicht mich direkt meint.

Dennoch gibt es noch heute Momente, in denen ich seine Ablehnung und Abneigung nur schwer ertragen kann. Das sind die Augenblicke, in denen ich mich frage: „Bin ich gut genug?“ Bin ich gut genug als Adoptivmutter für meine Kinder? Würden sie vielleicht eine andere Mutter weniger ablehnen? Auch dann kommen die Zweifel, ob all das, was ich für meine Kinder tue und empfinde, ausreicht. So ausreicht, dass sie mich lieben lernen können.

Auf der anderen Seite weiß ich, dass die fehlende Fähigkeit, Zuneigung zu zeigen und eher die Wut, Aggression und Trauer herauszulassen, aus dem tiefen Gefühl des Verlassenwordenseins resultiert. So wie Sherrie es schreibt. Und das genau deshalb, weil ich als Adoptivmutter eben jetzt da bin und immer für meine Kinder sorge, sie liebe und so annehme wie sie sind, genau deswegen bin ich die Zielscheibe ihrer Wut und ihrer Ablehnung. „Wenn Ihr Adoptivkind Sie schlägt, dann ist es richtig bei Ihnen angekommen.“ sagte einmal unsere Jugendamtsbetreuerin zu uns. Wie Recht sie hatte. Denn im Grunde, so absurd das vielleicht erscheinen mag, ist dies das Zeichen, dass das Adoptivkind sich sicher genug fühlt, seine tiefen Gefühle zu zeigen und herauszulassen.

Mit Blick auf Maxim weiß ich aber auch, dass sein Verhalten immer noch auch ein Ausfluss seiner Bindungsstörung ist. Wenn ich der Literatur folge, so könnte er als „unsicher vermeidend gebunden“ gelten. Diese Kinder reagieren in einer Trennungssituation kaum und spielen einfach bei Betreten des Raums durch die Bezugsperson weiter. Auch bei der Wiedervereinigung vermeiden sie den Kontakt mit der Bezugsperson. In der Literatur heißt es dazu, dass diese Kinder ein Bindungsverhalten minimieren, da dieses in der Vergangenheit nicht den gewünschten Erfolg brachte. Denn bei Furcht, Kummer, Erschöpfung oder Unsicherheit war die Bindungsperson nicht verfügbar. Maxim hat dies mit Sicherheit so erfahren in seiner Ursprungsfamilie und vor allem auch im Kinderheim.

Erst jetzt nach Jahren als Familie, nach Jahren des immer auf Gedeih und Verderb verlässlich Daseins, nach Jahren der Fürsorge, nach Jahren in einer sicheren, geborgenen und stabilen Umgebung und auch nach Jahren mit therapeutischer Unterstützung spüre ich, dass Maxim langsam heilt. Ich fühle, dass er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann, dass ich immer für ihn da bin, dass er bei mir sicher ist. Nach all der Zeit beginnt er sich an mich zu binden ohne Wenn und Aber. Heute kommt er mir auf dem Schulhof freudig entgegen gerannt, heute zeigt und sagt er, wenn er mich braucht. Heute überschüttet er mich zuweilen mit großen Zuneigungsbekundungen. Heute schiebe ich meine Zweifel bei Seite, denn immer mehr lerne auch ich: Ja, ich bin gut genug als Maxim’s Adoptivmutter und alles ist gut so wie es ist.

3

Herkunft (3) – Wie erklären wir die Adoption unseren Kindern?

thanksgiving-1680142_1280

Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Noch nähern wir uns der Herkunftsfrage sanft und in kleinen Dosen. Noch stellt Maxim nicht die Frage nach dem „Warum?“ Noch zeigt sich seine Wut und Trauer in anderen Kontexten und unbewusst in der Form, dass er auf alles wütend ist, was er jetzt hat und nicht auf das, was er nicht hatte. Doch irgendwann wird er die Frage stellen. Und ich bin noch nicht sicher, ob ich eine passende Antwort parat habe.

Sherrie Eldridge hat vor ein paar Tagen dazu einen spannenden Beitrag veröffentlicht: „How to explain Adoption to your Adopted Child“. Ihr kunstvoller Ansatz, dem Kind zu erklären, dass es in Gottes Herz und aus seiner Liebe entstanden ist, gefällt mir. Zumal er alle Schuldzuweisungen und Wertungen eliminiert. Er kann dem Kind vielleicht das Gefühl nehmen, nicht gewollt gewesen zu sein und weggegeben worden zu sein. Auf der anderen Seite ist für mich diese Vorstellung doch sehr abstrakt. Kann ein Neunjähriger das nachvollziehen und nachempfinden? Dennoch, Maxim beschäftigt sich, nachdem sie die Schöpfungsgeschichte gerade in der Schule behandelt haben, sehr intensiv mit Gott und geht nun auch am Wochenende zu einem Kinderbibeltag. Vielleicht mag die Idee, dass er in Gottes Herz und aus Gottes Liebe entstanden ist, dann es aber in seinem Leben einige schwierige Hürden und Hindernisse gab, bevor er zu uns kam, gerade jetzt genau die „richtige“ Erklärung sein….

4

Die andere Dimension der Wut

sarah-mak-54250

Foto von Sarah Mak auf unsplash.com

Nadeschda’s Wut hält an. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Klar, wir sind immer noch in dieser Phase zwischendrin. Und auch wenn Maxim nun wieder die Zeit mit uns verbringt, wir in der Zeit in den Bergen viel zusammen waren, so sind wir immer noch in der Übergangsphase der Ferien. Die Schule mit ihren neuen Herausforderungen schwebt immer noch wie ein umkonkretes Phantom über Nadeschdas Kopf. Dennoch, die viele Zeit zusammen hilft. Sie tut Nadeschda gut, sicher und fürsorglich umhüllt zu sein, sie gibt ihr den Raum, auch über ihre Angst hin und wieder zusprechen. Und sie gibt mir die Chance, die quälende Angst zu verstehen und nachzuerleben. Denn es ist nicht nur die Ohnmacht vor dem Phantom „Schule und 1. Klasse“. Da schwelt noch eine ganz andere Wut in ihr.

Unser Lieblingshaus in den Bergen gehört einer lieben Freundin, die nach der Ankunft von Maxim und Nadeschda ihre zwei Kinder bekommen hat. Beide Schwangerschaften haben meine Kinder miterlebt und auch beide Kinder als Säuglinge und nun mittlerweile Kleinkinder bzw. Kindergartenkinder. Nun ist auch noch eine weitere Freundin schwanger. Überraschend und unverhofft, nachdem sie sich vom natürlichen Kinderwunsch verabschiedet hatte und wie wir ein Kind aus Russland adoptiert hat. Was unmöglich schien, ist nun passiert: Sie ist schwanger und ein Baby wächst in ihrem Bauch. Nadeschda beschäftigt das ungemein. Wie kann das sein? Sie konnte doch genauso wie Du keine Babys bekommen. Warum ist da jetzt ein Baby in ihrem Bauch?

Manchmal bricht Nadeschda ihre Fragen schlagartig ab und zieht sich zurück. Dann knallen wieder mal Türen und Spielzeug fliegt durch Gegend oder es wird mutwillig ein Streit mit dem großen Bruder vom Zaun gebrochen. Oder Nadeschda wird ganz anhänglich, krabbelt auf meinen Schoß und will nur noch gehalten und getragen werden. In diesen Momenten kommt sie durch, die Wut und die Trauer, nicht in meinem  Bauch gewachsen zu sein, die Trauer und der Schmerz, nicht bei der Mama sein zu dürfen und zu können, die sie in ihrem Bauch getragen hat. In diesen Momenten macht sich die Traurigkeit breit, verlassen worden zu sein. Gepaart mit einer so schmerzhaften und unermeßlichen Wut, nicht das Glück gehabt zu haben, in eine wohlbehütete Welt hineingeboren worden zu sein.

Vielleicht wird diese Wut und der Schmerz irgendwann einmal weniger. Ich wünsche meiner Tochter so sehr, dass sie irgendwann ihr Schicksal so annehmen kann und damit leben kann, ohne sich so ohnmächtig zu fühlen. Für den Augenblick kann ich sie nur halten, ihre Wut aushalten und ihren Schmerz mit ihr tragen.

3

Blogparade: 25 total gute Gründe für einen Trotzanfall

Upset problem child sitting on staircase

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Die liebe Susanne von halloliebewolke hat zur Blogparade „25 gute Gründe für einen Trotzanfall“ aufgerufen. Auch wenn Maxim und Nadeschda aus dem klassischen Trotzalter herausgewachsen sind, bzw. dieses aufgrund ihrer besonderen Geschichte anders erlebt haben, mache ich gerne bei dieser Blogparade mit. Denn einerseits passt die Blogparade ein wenig auch zu meiner Reihe zur „Anstrengungsverweigerung“, die ich nun in diesen Wochen wieder fortsetzen will. Andererseits ist es so, wie viele von Euch auch schon geschrieben haben: Manchmal sind die Gründe für einen Wutanfall bei einer Betrachtung aus der Distanz wirklich zu komisch und lustig. Und so schwer es auch ist, Geduld und Verständnis bei einem gerade tobenden Kind aufzubringen, Humor hilft dabei doch ungemein, diese Situation zu ertragen. So sind dies also unsere 25 guten Gründen für einen Wutanfall:

  1. Ein Druckknopf geht am Schlafanzug nicht zu.
  2. Das Ärmelbündchen der Jacke muss ÜBER den Handschuh gezogen werden.
  3. Der Reissverschluss am Schuh klemmt.
  4. Mama macht keine Schleife, auch wenn Maxim schon selbst die Schleife am Schuh binden kann.
  5. Mein Kind vergisst, dass der liebe Gott es mit zwei gesunden Händen ausgestattet hat, und sitzt mit am Fuss hängender Hose verzweifelt auf dem Badhocker und versucht mit dem anderen Fuss die Hose auszuziehen.
  6. Das T-Shirt wird beim Zähneputzen mit Zahnpasta bekleckert. Und die Mama sagt auch noch, das ist nicht schlimm.
  7. Der Pullover wird beim Händewaschen nass.
  8. Das Strickzeug darf nicht mit in die Schule genommen werden.
  9. Der neue Glubschihund wird aus dem Schulranzen konfisziert.
  10. Der Tätowierstift darf nicht mit in die Schule genommen werden.
  11. Der Lippenstift wird aus der Jackentasche konfisziert.
  12. In der Trinkflasche ist stilles statt Sprudelwasser.
  13. Die Brille ist nach dem Putzen an einer klitzekleinen Ecke immer noch dreckig.
  14. Die Mama ruft: „Komm bitte mit Bleistift, Radiergummi und Anspitzer runter zum Üben.“ Bleistift und Radiergummi sind dabei, aber der Anspitzer fehlt. Jetzt muss Maxim noch einmal 17 Stufen nach oben laufen.
  15. Das E hat einen Strich zu viel beim Schreiben bekommen. „Oh man, jetzt muss ich nochmal alles neu machen.“
  16. Beim Lesen ist ein sehr langes Wort im Text oder Maxim überliest konsequent einen Buchstaben im Wort und damit ergibt der Satz keinen Sinn.
  17. Beim Rechnen verwechselt mein Sohn fünfZEHN und fünfZIG.
  18. Statt großen Fruchtzwergen gab es nur kleine im Supermarkt. Und morgens um sieben hat das Geschäft noch geschlossen, um große Fruchtzwerge zu kaufen.
  19. Nadeschda möchte zum Frühstück Obst und Jogurt. Mama stellt ihr beides hin und macht den Jogurtbecher schon auf. „Mama, ich wollte zuerst die Pflaumen essen und dann erst das Jogurt aufmachen! Oh man, jetzt esse ich gar nichts!“
  20. Die Kirschtomaten beim Essen sind klein geschnitten, obwohl Nadeschda sie am Stück haben wollte.
  21. „Diese Jacke hat keine Innentasche. Die ziehe ich nie mehr an. Nie mehr! Verstanden!“
  22. Der Schulranzen schließt nicht richtig, weil der Turnbeutel im Verschluss hängt.
  23. Die Lieblingshandschuhe sind noch nass auf der Heizung. Die alternativen Handschuhe werden abgelehnt: „Oh man, dann muss ich ohne Handschuhe gehen, die anderen ziehe ich nicht an. Kannst Du nicht früher waschen, Mama?“
  24. Auf der Heimfahrt von der Schule sind TickTack UND Kaugummi aufgebraucht und kein Nachschub da.
  25. Im Radio läuft das Lieblingslied und es wird von einem wichtigen Verkehrshinweis unterbrochen.
caleb-woods-182648

Danke an unsplash.com

Einige dieser Gründe haben zu schweren Tobsuchtsanfällen geführt, bei anderen verrauchte die Wut zum Glück sehr schnell. Die meisten Beispiele stammen aus der jüngsten Zeit unseres Alltags. Doch während ich dies hier schreibe, muss ich all die Tobsuchtsanfälle und Wutausbrüche zurückdenken, die vor allem Maxim in unserem ersten Jahr unserer Familienzusammenseins hatte. Heute weiß ich meistens, was die Ursache für den plötzlichen Zornesausbruch ist, – ob ich sie nachvollziehen kann, steht auf einem anderen Blatt. Aber wie viele Wutausbrüche hatte Maxim, bei denen ich nicht wusste, woher sie kamen. Wie dankbar bin ich, dass das vorbei ist! Meine beiden Kinder artikulieren heute meistens sehr deutlich, was ihnen nun gerade nicht passt. Ob ich das dann ändern kann, sei eine andere Geschichte.

7

3. April – Schockierender schmerzlicher Abschied mit Überraschung

Gestern mittag blieb die Erde für einen Moment stehen. Es war ein herrlicher Tag. Der Frühling schickte in diesem Jahr früh seine Vorboten. Es war ungewöhnlich warm, überall sprossen die Krokusse und Hyazinthen, die Sonne lachte und verbreitete überall einen Duft von Neuanfang und Aufbruch. Am Vormittag war ich mit Maxim alleine in der Stadt, während Richard mit Nadeschda unter den Blicken der Oma im Garten arbeitete. Renate genoss die frühlingshafte Wärme auf der Terrasse und schaute Nadeschda belustigt zu, wie sie versuchte ihrem Vater beim Unkraut jäten zu helfen. Alles war so friedlich. Zum ersten Mal stimmte die Sonne uns alle positiv in dem Gedanken, das alles gut werden würde. Selbst die Mittagspause begann für Maxim und Nadeschda harmonisch und ruhig. Richard wollte die Mittagsruhe nutzen, um mit seiner Mutter und Tatjana die kommende Woche zu besprechen, in der die erste Chemotherapie beginnen sollte. Doch dazu kam er nicht mehr.

Die Kinder schliefen schon und ich räumte auf, als mein Blick aus dem Flurfenster in Renates Wohnzimmer fiel. Ein merkwürdiges Gefühl befiel mich unvermittelt und ich verspürte den Drang, hinüber zugehen. Von der Terrasse aus sah ich, wie Renate auf dem Boden im Wohnzimmer lag, Richard sich kurz zu mir umdrehte und abwesend eine wegwischende Handbewegung machte. Ich ging wieder. Doch das Gefühl, dass gerade etwas schlimmes passiert war, ließ mich nicht mehr los. Wie gelähmt saß ich in unserem Garten und wartete. Wenig später sah ich den Krankenwagen kommen, und Augenblicke später stürmte Richard an mir vorbei in unser Haus. „Die Mama ist tot.“ war das einzige, was er herausbrachte. Er suchte kopflos etwas in seinen Unterlagen, fand das Papier und ging wieder zurück. Fassungslos blieb ich auf unserer Terrasse zurück. Das konnte, durfte und sollte nicht wahr sein. Ich wollte und konnte das nicht glauben. Warum? Konnte es wirklich sein, dass Renate nun nicht mehr da war? Doch eh Ohnmacht über mich kam, begann ich zu handeln. Meine Schnelligkeit im Handeln erschreckt mich manchmal. Von der einen Sekunde auf die andere gehe ich in meinen Funktionsmodus, schiebe alle Gefühle weg und agiere. Als ob etwas zu tun, mich vor dem Gefühl der eigenen Ohnmacht schützt. Sekunden später griff ich zum Telefonhörer und rief Daniel an. Maxim und Nadeschda mussten irgendwie versorgt sein. Das war mein erster Gedanke.

Der Tod zeigt sich erst mit aller Wucht, wenn man ihn im Angesicht sieht. Als ich Renate mittlerweile in ihrem Bett friedlich liegen sah, spürte ich, dass dies kein böser Traum war. Sie war wirklich von uns gegangen. Leblos und Seelenlos war nur noch ihr Körper anwesend. Nüchtern stellte der Notarzt fest: Lungenembolie mit sofortigem Herzstillstand. Todeszeitpunkt: 14:30 Uhr. – Renate hatte nicht gelitten. Schnell und schmerzlos war sie gestorben.

Selbst in der tauben Glocke, in der ich mich befand, wunderte ich mich, wie schnell danach alles ging. Der Notarzt war noch mit dem Ausfüllen von Formularen beschäftigt, als bereits ein Seelsorger aus dem Nichts auftauchte. Es tat gut, mit ihm zu sprechen, in diesem unmittelbaren Schockzustand. Zumal er uns geschickt direkt auf unsere Kinder lenkte, und wie wir ihnen gegenüber mit dem Tod der Großmutter umgehen sollten. Das war wertvoll und sprach mich in meiner Verantwortung als Mutter an. Ihnen offen zu sagen, dass die Oma gestorben sei, dass ihre Seele nun im Himmel sei, und ihr Körper hier auf der Erde beerdigt wird. Ihnen nicht zu sagen, dass die Oma eingeschlafen sei. Sie vielleicht noch etwas malen zu lassen, was wir der Oma mit ins Grab geben könnten. Kaum hatten wir mit ihm gesprochen, füllte sich Renates Haus mit ihren Geschwistern, Nichten, Neffen, Nachbarn. Ich konnte ihre Trauer und ihren Schmerz verstehen, aber nicht teilen. Ich spürte meine eigenen Gefühle nicht mehr. Ich hatte sie abgekoppelt, um zu funktionieren. Ich musste für Richard da sein, ihm Halt und Kraft geben, nicht noch jemand sein, dem er Trost spenden musste, hatte er ihn doch von allen am nötigsten. Aber er schlug sich tapfer. Vielleicht half es ihm auch, jetzt als Familienoberhaupt gegenüber den Verwandten Stärke zu zeigen.

Ich musste vor allem für unsere Kinder da sein, die in unserem Haus nebenan noch friedlich schliefen, ohne die leiseste Ahnung, was gerade passiert war. Ich ließ Richard im Haus seiner Mutter zurück und ging nach Hause. Maxim und Nadeschda würden bald wieder aufwachen. Daniel würde zwar den Nachmittag mit ihnen verbringen. Doch es war meine Aufgabe, ihnen zu erklären, dass die Oma von uns gegangen war. Maxim war überraschend gut gelaunt, als er nachmittags aufwachte und machte sich gleich daran, unter Nadeschdas Beobachten zu malen. Ich schaute meinen Kindern zu und suchte nach den richtigen Worten. Während ich ihnen so zusah, spürte ich, wie die erste Traurigkeit weggewischt wurde von einem einzigen Gedanken: Dies waren meine Kinder. Sie hatten schon so viel Leid in ihrem Leben erfahren. Sie jetzt durch den Verlust der Oma zu begleiten, war meine Aufgabe. Für diese beiden kleinen Wesen da zu sein, ihnen Halt und Sicherheit zu geben, war das einzige, was zählte. Irgendwann bat ich Maxim und Nadeschda zu mir auf den Schoß zu kommen und ergriff das Wort. Obwohl es noch keine vierundzwanzig Stunden her ist, weiß ich nicht mehr, was ich sagte. Denn Maxims Antwort radierte alles aus, was zuvor gewesen war. Er schaute mich an, lächelte, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte mit glasklarer Stimme: „Nicht schlimm, Mama, nicht schlimm.“ Es waren seine ersten Worte! Nach acht Monaten hörte ich ein erstes gesprochenes Wort aus dem Mund meines Sohnes. Unglaublich. Unfassbar. Als hätte die Oma Maxims Angst zu sprechen mit in den Tod genommen und seine Sprache als ihr Vermächtnis zurückgelassen.

Richard kam ein wenig später zu uns. Als wolle Maxim seinen Vater den Trost schenken, den er brauchte, ließ er sich von Richard bereitwillig in den Arm nehmen. Richard sagte zu ihm: „Weißt Du, die Oma ist gerade gestorben und ich bin sehr traurig. Da muss ich Dich jetzt einfach mal in den Arm nehmen.“ Maxim guckte ihn an, legte sein Ärmchen um seinen Hals, drückte Richard fest und murmelte erneut: „Nicht schlimm, Papa, nicht schlimm.“ Ich sah, wie Richard zum ersten Mal an diesem Nachmittag die Tränen in die Augen schossen. Er guckte mich ungläubig an, ich nickte ihm zu und lächelte. Während Richard versuchte seine Tränen zu verstecken, entfuhr es ihm: „Das glaube ich jetzt nicht.“.