9

Brief an meine Adoptivkinder: „Ich hoffe, ihr könnt den Schmerz eines Tages überwinden“

children-209779_1920

Danke an Roakley1 von Pixabay

Gestern erschien mein „Brief an meine Adoptivkinder: „Ich hoffe, ihr könnt den Schmerz eines Tages überwinden“ in der Huffington Post, in dem ich die vergangenen Jahre seit der Adoption von Maxim und Nadeschada mit allem, was dazu gehört ein wenig Revue passieren lasse. Es ist eine kleine Zwischenbilanz und gleichzeitig greift der Beitrag erneut die Frage nach dem Gut genug Sein auf.

Habt eine gute Lektüre…

2

Charlotte’s Sonntagslieblinge (69)

michal-prucha-233892

Photo by Michal Prucha on unsplash.com

Gut sind wir in das neue Jahr gestartet. Ein paar Tage Routine nach einem aufregenden Silvester taten uns gut. Nun sind wir zum Abschluss der Ferien in die Schweizer Berge gefahren, anscheinend unser mittlerweile dauerhaftes Ferienziel. Noch könnte es eine wenig mehr Schnee haben. Doch zum Skifahren ist es mehr als ausreichend und auch unsere liebste Rodelpiste ist offen. Auf uns wartet nun also eine Woche mit vielen gemeinsamen Aktivitäten im Schnee. In die Vorfreude darauf mischen sich somit meine heutigen drei Sonntagslieblinge:

  1. Maxim hat einen gewaltigen Schuss in die Höhe getan. Kurz vor unserem Urlaub haben wir es dann doch noch geschafft, ihn nahezu neu einzukleiden. Irgendwie waren Shirts und Hosen doch an Armen und Beinen mächtig kurz geworden. Dass er wieder wächst, ist ein wunderbares Zeichen. Das heißt, er ist seelisch wieder stabiler. Die Ferien scheinen ihm wirklich gut zu tun.
  2. Nadeschda hat sich in den Ferien zu einer wunderbaren Puppenmutter entwickelt. Seit Neustem strickt sie nun selbst Puppenpullover für ihre Puppenbabys. Ob sie damit auch einen Weg gefunden hat, ihre Trauer um das eigene Babysein zu verarbeiten?
  3. Auf der Reise hier her haben wir wieder einen Zwischenstopp bei lieben Freunden gemacht und die Zeit mit wunderbaren Gesprächen genossen, auch wenn im Schwarzwald leider zu wenig Schnee zum Rodeln lag.

Habt einen ruhigen und erholsamen Sonntag, und all denjenigen, die morgen wieder in ihren Schulalltag zurückkehren, wünsche ich einen gelungenen und wohlbehaltenen Start!

5

Herkunft reloaded (6): Trauer um das verlorene Babysein

tim-gouw-165547

Photo by Tim Gouw on unsplash.com

Der Schmerz sitzt tief. Der schmerzliche Verlust, nicht ein Baby gewesen zu sein, wie alle anderen, die in Liebe und Fürsorge ihre ersten Lebensmonate verbrachten, umgeben von der sorgenden Mutterhülle, mit Menschen drum herum, die sich alle so über die Geburt des neuen Menschenkindes freuen. Immer wieder holt dieser Schmerz meine Tochter ein. Mit ihm kommt die Wut. Denn nur mit ihr kann der ohnmächtigen Trauer Ausdruck verliehen werden. Und so hat sie wieder Einzug gehalten in unseren Alltag, diese andere Dimension der Wut. Es ist nicht die Frustration über die Schule und die Angst dort zu scheitern. Ja, auch die ist manchmal da. Doch im Moment dominiert einmal wieder die Wut, so vieles nicht gehabt zu haben, was andere Babys haben. Geweckt durch bestimmte Ereignisse in den vergangenen Tagen und Wochen:

Da war der Streit und das Gespräch mit Marie über „echte Eltern“ vor ein paar Tagen. Nadeschda hatte nicht mitbekommen, dass ich mit Marie gesprochen hatte. Ich wunderte mich nur im weiteren Verlauf des Nachmittags, dass Nadeschda so wütend war und ihr nichts passte, was Marie tat. Ständig hatten sich die beiden Mädchen in den Haaren. Am Abend fragte ich Nadeschda, ob sie wütend gewesen wäre, weil Marie zu ihr gesagt hatte, dass ich nicht ihre echte Mutter bin. Es kam ein fast erleichtertes Ja. „Aber Mama, das kann die doch nicht einfach sagen. Das stimmt doch gar nicht! – Die Marie ist blöd. Die ist nicht mehr meine Freundin.“ Ich erzählte daraufhin meiner Tochter von meinem Gespräch mit Marie. „Und weisst Du, was Marie am Ende gesagt hat?“ Nadeschda schaut mich fragend an. „Sie will jetzt auch zwei Mamas und zwei Papas haben.“ Ein Lächeln huscht über das Gesicht meiner Tochter und ihre zornverdunkelten Augen hellen sich ein wenig auf. „Warum?“ Ich: „Vielleicht weil sie es toll findet, zwei Eltern zu haben.“ „Mmhhmm, manchmal ist das aber auch gar nicht schön…“ entgegnet meine Tochter. Ich nehme sie in den Arm und flüstere ein: „ Ja, ich weiss.“

Das Baby meiner Freundin kommt bald auf die Welt. Seitdem wir sie das letzte Mal besuchten, wo natürlich viel über das Baby gesprochen wurde, gärt die Wut in Nadeschda. Deutlich wurde mir das erst vor ein paar Tagen, als ich mit Nadeschda zusammen ein Geschenk zur Geburt aussuchte. Erst fragte Nadeschda mich immer wieder: „Mama, warum bekommen Babys zur Geburt ein Geschenk? Habe ich auch Geschenke bekommen?“ Da dämmerte mir schon, was in meiner Tochter gerade vor sich ging. Im Kindergeschäft wurde Nadeschda nicht müde, mir zu zeigen, was das Baby noch alles braucht. Stofftiere, Decken, ein Schnullertier, ein wärmendes Kuscheltier, Rasseln, Knisterbücher und vieles mehr. Ihr „Mama, Mama, das müssen wir unbedingt kaufen. Das braucht das Baby. Ganz dringend!“ wurde immer intensiver und eindringlicher, je länger wir uns in dem Geschäft aufhielten. Der Nachdruck, mit dem Nadeschda mir immer wieder neue Dinge zeigte, ließ mich innehalten. Und mit einem Schlag wurde mir klar: Es ging ihr gar nicht um das Baby meiner Freundin, sondern aus ihr sprach der Herzenswunsch, all das auch so gerne gehabt zu haben. Hätte ich Nadeschda gefragt, ob sie selbst auch so ein Schnullertier oder eine Rassel haben wollte, hätte sie es wahrscheinlich verneint. „Nee, Mama, das ist doch Babykram. Ich bin doch jetzt groß.“ Doch es war offensichtlich, dass sie hier eine leere Stelle in ihrem Leben versuchte nachzunähren. Für einen Moment wurde es mir schwer ums Herz. Doch dann beschloss ich, an einem anderen Tag in diesen Kinderladen ohne Nadeschda zurückzukehren und vielleicht doch etwas zu kaufen, was ihren unerfüllten Bedürfnissen als Baby ein klein wenig Rechnung tragen könnte.

Spielzeug wird die Wunden meiner Tochter nicht heilen. Das weiß ich. Sie wird immer wieder durch den Schmerz und die Trauer hindurch gehen müssen, bis er vielleicht im Laufe der Zeit ein bisschen weniger wird, er nicht mehr so eine überbordende Ohnmacht ausstrahlt. Ich kann nur für Nadeschda da sein, sie halten und ihre Wut, wenn sie denn kommt, aushalten.

0

Wie ein Baum ohne Wurzeln…

gregoire-sitter-120710

Photo by Gregoire Sitter in Unsplash.com

Sherrie Eldridge, die Autorin von vielen wunderbaren Adoptionsbüchern, postet in den vergangene Tagen wieder sehr bewegende Beiträge, die mich an der ein oder anderen Stelle zum Nachdenken bringen. Vor allem „Adopted and Foster Kids Can Survive Winter“ geht mir zur Zeit nicht aus dem Kopf.

Ich glaube, dass zwar Maxim und Nadeschda noch nicht viele der Gedanken bewusst haben, die Sherrie schildert. Dafür sind sie noch zu jung und zu klein. Die winterliche Jahreszeit hat für sie immer noch einen magischen Zauber, jetzt wo die Vorweihnachtszeit absehbar ist und gefüllt sein wird mit schönen und aufregenden Momenten. Zudem liebt vor allem Maxim den Schnee. Schon jetzt zählt er die Tage, bis wir im Januar zum Skilaufen fahren.

Dennoch spüre ich, dass dennoch im Unterbewusstsein der Winter für meine Kinder eine Zeit des traurigen Schmerzes ist. Gerade Maxim macht wieder einmal ein paar schwere Tage durch. Und auch Nadeschda kämpft zuweilen mit der Wut. Wenn ich so an unsere nicht immer harmonischen Nachmittage denke, so kommt mir das Bild mit dem Baum in den Sinn, das Sherrie beschreibt. „We can say we are cold to the roots.“ Meinen Kindern ist kalt bis in die Wurzeln. Ihnen wurde ihre Herkunft und ihre Wurzeln genommen, und der Schmerz der Entwurzelung mag tief sitzen. Immer noch!

Ich denke an ein Seminar, das wir in Vorbereitung auf die Adoption hatten. Die Seminarleiterin zeigte uns einen Teddybären mit vielen abgeschnittenen Fäden an Armen und Beinen. Dazu sagte sie: „So etwa kommt ihr Kind zu ihnen. Mit unzähligen abgeschnittenen Bindungen und Beziehungen.“ Ja, in all den Jahren, seitdem Maxim und Nadeschda bei uns sind, haben sie sicherlich genauso viele neue Bindungen und Beziehungen geknüpft. Doch die abgeschnittenen Enden bleiben. Manchmal schmerzen sie, wie die Wurzeln des Baumes, die noch keinen vollständigen warmen sicheren Halt gefunden haben. – Wie sehr hoffe ich und wünsche ich, dass meine beiden Kinder einmal  so selbstbewusst mit ihrer Herkunft und Geschichte umgehen, und mit dem Schmerz der damit verbunden ist, dass sie ebenso sagen: „I am a tree, that suvived winter.“

2

Hasst mich mein Adoptivkind? Warum es ihm so schwer fällt, Liebe zu zeigen…

person-2254438_1280

Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Vor einiger Zeit hat Sherrie Eldridge den erneut bewegenden Post „Why does my adopted child hate me?“ veröffentlicht. Er knüpft ein wenig an meine gelegentlichen Zweifel als Adoptivmutter an und hat mich in den vergangenen Wochen immer wieder beschäftigt, auch wenn er mich jetzt noch einmal zu einer bewussten Erkenntnis gebracht hat.

Wenn ich Maxim von der Schule abholte, oder ich nach einem Tag Arbeit nach Hause kam, so wünschte ich mir doch immer wieder insgeheim, dass mein Sohn mir freudestrahlend in die Arme lief und mich umarmte. – Lange, lange hat er das nicht getan und meine Hoffnungen blieben unerfüllt. Inzwischen zeichnet sich da allerdings eine Entwicklung ab. – Stattdessen wurde ich mit Gleichgültigkeit oder manchmal auch Ablehnung empfangen. Wenn Zuhause seine Wut hochkochte, wurde ich zuweilen auf das Übelste beschimpft, getreten, geschlagen. Oder es fiel auch der Satz: „Du bist nicht meine Mama!“ Ich weiß nach all den Jahren, dass ich die Projektionsfläche für die Wut und die Trauer über seine frühkindlichen Verletzungen, die unermesslich gewesen sein müssen, bin. Meistens kann ich mit dieser Wut umgehen. Ich nehme Maxim’s Angriffe nicht mehr persönlich, auch wenn es mir lange schwer fiel. Ich habe Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass er nicht mich direkt meint.

Dennoch gibt es noch heute Momente, in denen ich seine Ablehnung und Abneigung nur schwer ertragen kann. Das sind die Augenblicke, in denen ich mich frage: „Bin ich gut genug?“ Bin ich gut genug als Adoptivmutter für meine Kinder? Würden sie vielleicht eine andere Mutter weniger ablehnen? Auch dann kommen die Zweifel, ob all das, was ich für meine Kinder tue und empfinde, ausreicht. So ausreicht, dass sie mich lieben lernen können.

Auf der anderen Seite weiß ich, dass die fehlende Fähigkeit, Zuneigung zu zeigen und eher die Wut, Aggression und Trauer herauszulassen, aus dem tiefen Gefühl des Verlassenwordenseins resultiert. So wie Sherrie es schreibt. Und das genau deshalb, weil ich als Adoptivmutter eben jetzt da bin und immer für meine Kinder sorge, sie liebe und so annehme wie sie sind, genau deswegen bin ich die Zielscheibe ihrer Wut und ihrer Ablehnung. „Wenn Ihr Adoptivkind Sie schlägt, dann ist es richtig bei Ihnen angekommen.“ sagte einmal unsere Jugendamtsbetreuerin zu uns. Wie Recht sie hatte. Denn im Grunde, so absurd das vielleicht erscheinen mag, ist dies das Zeichen, dass das Adoptivkind sich sicher genug fühlt, seine tiefen Gefühle zu zeigen und herauszulassen.

Mit Blick auf Maxim weiß ich aber auch, dass sein Verhalten immer noch auch ein Ausfluss seiner Bindungsstörung ist. Wenn ich der Literatur folge, so könnte er als „unsicher vermeidend gebunden“ gelten. Diese Kinder reagieren in einer Trennungssituation kaum und spielen einfach bei Betreten des Raums durch die Bezugsperson weiter. Auch bei der Wiedervereinigung vermeiden sie den Kontakt mit der Bezugsperson. In der Literatur heißt es dazu, dass diese Kinder ein Bindungsverhalten minimieren, da dieses in der Vergangenheit nicht den gewünschten Erfolg brachte. Denn bei Furcht, Kummer, Erschöpfung oder Unsicherheit war die Bindungsperson nicht verfügbar. Maxim hat dies mit Sicherheit so erfahren in seiner Ursprungsfamilie und vor allem auch im Kinderheim.

Erst jetzt nach Jahren als Familie, nach Jahren des immer auf Gedeih und Verderb verlässlich Daseins, nach Jahren der Fürsorge, nach Jahren in einer sicheren, geborgenen und stabilen Umgebung und auch nach Jahren mit therapeutischer Unterstützung spüre ich, dass Maxim langsam heilt. Ich fühle, dass er weiß, dass er sich auf mich verlassen kann, dass ich immer für ihn da bin, dass er bei mir sicher ist. Nach all der Zeit beginnt er sich an mich zu binden ohne Wenn und Aber. Heute kommt er mir auf dem Schulhof freudig entgegen gerannt, heute zeigt und sagt er, wenn er mich braucht. Heute überschüttet er mich zuweilen mit großen Zuneigungsbekundungen. Heute schiebe ich meine Zweifel bei Seite, denn immer mehr lerne auch ich: Ja, ich bin gut genug als Maxim’s Adoptivmutter und alles ist gut so wie es ist.

3

Herkunft (3) – Wie erklären wir die Adoption unseren Kindern?

thanksgiving-1680142_1280

Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Noch nähern wir uns der Herkunftsfrage sanft und in kleinen Dosen. Noch stellt Maxim nicht die Frage nach dem „Warum?“ Noch zeigt sich seine Wut und Trauer in anderen Kontexten und unbewusst in der Form, dass er auf alles wütend ist, was er jetzt hat und nicht auf das, was er nicht hatte. Doch irgendwann wird er die Frage stellen. Und ich bin noch nicht sicher, ob ich eine passende Antwort parat habe.

Sherrie Eldridge hat vor ein paar Tagen dazu einen spannenden Beitrag veröffentlicht: „How to explain Adoption to your Adopted Child“. Ihr kunstvoller Ansatz, dem Kind zu erklären, dass es in Gottes Herz und aus seiner Liebe entstanden ist, gefällt mir. Zumal er alle Schuldzuweisungen und Wertungen eliminiert. Er kann dem Kind vielleicht das Gefühl nehmen, nicht gewollt gewesen zu sein und weggegeben worden zu sein. Auf der anderen Seite ist für mich diese Vorstellung doch sehr abstrakt. Kann ein Neunjähriger das nachvollziehen und nachempfinden? Dennoch, Maxim beschäftigt sich, nachdem sie die Schöpfungsgeschichte gerade in der Schule behandelt haben, sehr intensiv mit Gott und geht nun auch am Wochenende zu einem Kinderbibeltag. Vielleicht mag die Idee, dass er in Gottes Herz und aus Gottes Liebe entstanden ist, dann es aber in seinem Leben einige schwierige Hürden und Hindernisse gab, bevor er zu uns kam, gerade jetzt genau die „richtige“ Erklärung sein….

7

Die andere Dimension der Wut

sarah-mak-54250

Foto von Sarah Mak auf unsplash.com

Nadeschda’s Wut hält an. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Klar, wir sind immer noch in dieser Phase zwischendrin. Und auch wenn Maxim nun wieder die Zeit mit uns verbringt, wir in der Zeit in den Bergen viel zusammen waren, so sind wir immer noch in der Übergangsphase der Ferien. Die Schule mit ihren neuen Herausforderungen schwebt immer noch wie ein umkonkretes Phantom über Nadeschdas Kopf. Dennoch, die viele Zeit zusammen hilft. Sie tut Nadeschda gut, sicher und fürsorglich umhüllt zu sein, sie gibt ihr den Raum, auch über ihre Angst hin und wieder zusprechen. Und sie gibt mir die Chance, die quälende Angst zu verstehen und nachzuerleben. Denn es ist nicht nur die Ohnmacht vor dem Phantom „Schule und 1. Klasse“. Da schwelt noch eine ganz andere Wut in ihr.

Unser Lieblingshaus in den Bergen gehört einer lieben Freundin, die nach der Ankunft von Maxim und Nadeschda ihre zwei Kinder bekommen hat. Beide Schwangerschaften haben meine Kinder miterlebt und auch beide Kinder als Säuglinge und nun mittlerweile Kleinkinder bzw. Kindergartenkinder. Nun ist auch noch eine weitere Freundin schwanger. Überraschend und unverhofft, nachdem sie sich vom natürlichen Kinderwunsch verabschiedet hatte und wie wir ein Kind aus Russland adoptiert hat. Was unmöglich schien, ist nun passiert: Sie ist schwanger und ein Baby wächst in ihrem Bauch. Nadeschda beschäftigt das ungemein. Wie kann das sein? Sie konnte doch genauso wie Du keine Babys bekommen. Warum ist da jetzt ein Baby in ihrem Bauch?

Manchmal bricht Nadeschda ihre Fragen schlagartig ab und zieht sich zurück. Dann knallen wieder mal Türen und Spielzeug fliegt durch Gegend oder es wird mutwillig ein Streit mit dem großen Bruder vom Zaun gebrochen. Oder Nadeschda wird ganz anhänglich, krabbelt auf meinen Schoß und will nur noch gehalten und getragen werden. In diesen Momenten kommt sie durch, die Wut und die Trauer, nicht in meinem  Bauch gewachsen zu sein, die Trauer und der Schmerz, nicht bei der Mama sein zu dürfen und zu können, die sie in ihrem Bauch getragen hat. In diesen Momenten macht sich die Traurigkeit breit, verlassen worden zu sein. Gepaart mit einer so schmerzhaften und unermeßlichen Wut, nicht das Glück gehabt zu haben, in eine wohlbehütete Welt hineingeboren worden zu sein.

Vielleicht wird diese Wut und der Schmerz irgendwann einmal weniger. Ich wünsche meiner Tochter so sehr, dass sie irgendwann ihr Schicksal so annehmen kann und damit leben kann, ohne sich so ohnmächtig zu fühlen. Für den Augenblick kann ich sie nur halten, ihre Wut aushalten und ihren Schmerz mit ihr tragen.