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„Was ist echte Stärke für Dich?“ – Blogparade

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Photo by Benjamin Manley on unsplash.com

Die tapfere Sunnybee vom Mutter-Sohn-Blog hat mich zur Blogparade „Was ist echte Stärke für Dich?“ eingeladen. Und der folge ich natürlich gerne. Das Thema ist eine Steilvorlage für mich gerade, hatte ich doch erst in der vergangenen Woche ein Gespräch mit der ehemaligen Klassenlehrerin meiner Kinder, als sie beide in der behüteteren Vorklasse waren. Da ging es unter anderem genau um dieses Thema. Nicht um meine Stärken, sondern um die meiner Kinder, und darum, genau diese immer wieder in den Fokus aller Betrachter und Beteiligten zu stellen. Somit widme ich diesen Beitrag den Stärken meiner Kinder!

Dass ich als ihre Mutter stark bin und es jeden Tag von neuem sein muss, ist unbenommen. Ja, den Alltag hier wuppen. Geschenkt. Das muss jede Mutter, egal ob alleinerziehend, oder mit einem Mann, der zumindest mal für das Familieneinkommen sorgt. Ja, die ganze Familienarbeit, auch geschenkt. Dass man als Mutter auch von zwei förderbedürftigen Kindern auch stark sein muss, was die Zusammenarbeit mit der Schule angeht, ist auch irgendwie klar. Zumindest habe ich viel darüber geschrieben. Dass man da ziemlich auf Zack sein muss, was Förderung und Unterstützung angeht, geht damit irgendwie einher. Ja, das sind alles ein Zeichen von Stärke. Deutliche Zeichen von Stärke. – Vor allem wenn es Mütter wie zum Beispiel Lydia sind. Das ist wirklich sehr beeindruckend, wie sie ihr Familienleben im Griff hat und immer wieder einen Weg findet, das Unmögliche möglich zu machen. Und sich durch nichts und niemanden beirren lässt. Das ist nicht nur Stärke, sondern für mich ein Zeichen von wahrer Größe. –

Wirkliche Stärke? In meinen Augen zeigen diese vor allem meine Kinder. Jeden Tag von Neuem.  Maxim und Nadeschda sind Überlebende. Überlebende einer frühen Kindheit, die von Armut und Verlust geprägt war. Verlust ihrer russischen Mutter, Armut in jeglicher Hinsicht, vor allem aber Armut an Liebe und Zuneigung, Armut an Beachtung ihrer Bedürfnisse, Armut an Geborgenheit und Fürsorge. Was sie aushalten mussten, wäre selbst für einen Erwachsenen nur schwer zu ertragen. Aber sie haben gekämpft, jeden Tag von Neuem und haben das Trauma überlebt. Dann kamen wir, als vermeintliche Retter, wie mancher denken mag. Aber wir muteten Maxim und Nadeschda zu, wieder ihre ihnen vertraut gewordene Umgebung zu verlassen, in ein fremdes Land zu gehen, in dem sie weder die Sprache noch die kulturellen Alltäglichkeiten kannten. Mit zwei Menschen, die zwar bereit waren, alles für diese zwei Kinder zu tun, aber die ihnen doch fremd waren. Auch das haben sie geschafft. Sie waren so stark und mutig, sich auf eine neue Umgebung und neue Bezugspersonen einzulassen. Sie haben eine neue Sprache gelernt, sie haben sich auf ihre neue Umgebung eingelassen und für sich erobert. Nach mittlerweile Jahren haben sie immer mehr ihre Ängste überwunden und gelernt, eine tiefe Bildung zu uns als ihre „neuen“ Eltern aufzubauen. Wie stark und mutig muss man sein, um nach all den seelischen Verletzungen ein neues Vertrauen aufzubauen? Trotz all der Widrigkeiten haben Maxim und Nadeschda die Kraft gehabt, ihr kleines Leben in die Hand zu nehmen, sich zu entwickeln, weiter zu lernen und zu wachsen. Unvergessen sind für mich die Momente, in denen Nadeschda einfach irgendwann aufstand und lief oder Maxim endlich nach Monaten sein erstes Wort sprach. Unvergessen sind die Wochen und Monate, in denen es Maxim nicht gut ging im Kindergarten, er sich aber da durch kämpfte, oder Nadeschda stark regredierte aber dann doch ihre Entwicklung wieder aufholte und sich nach dem Himmel streckte.

Auch heute noch beweisen sie wieder jeden Tag von neuem eine unglaubliche Stärke. Jeden Tag kämpfen beide unermüdlich gegen den inneren Schweinehund der Anstrengungsverweigerung. Sie bewältigen ihren Alltag in der Schule, obwohl der Alarm im Kopf beide quält. Immer wieder und immer wieder. Aber sie geben nicht auf! Sie lassen sich nicht unterkriegen. Und jeder noch so kleine Fortschritt ist ein großer Sieg! Maxim und Nadeschda sind so tapfere Kämpfer. Ihr Wille, sich das Leben zu erobern, trotz aller Widrigkeiten, die ihnen das Schicksal mitgeben hat, ist ungebrochen. Dass sie sich so gegen alle Widerstände des Lebens durchsetzen, ist für mich echte Stärke.

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Anstrengungsverweigerung – Von der alles dominierenden Angst

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Er kam wie gerufen, der aktuelle Post von Sherrie Eldridge „What adopted and foster kids consider worse than anger“. Wie so oft schildert Sherrie Eldridge sehr ergreifend und klar, wie die übermächtige Angst, die Adoptivkinder aufgrund ihrer traumatisierenden Erfahrungen in ihrem frühen Leben verinnerlicht haben, sie lähmt und blockiert, sie so fest im Griff hat, dass es aus ihr kein Entrinnen gibt. Diese Angst macht nicht nur hilflos und ohnmächtig, sie isoliert und blockiert die Ressourcen, selbstbewusst und selbstbestimmt das Leben in die Hand zu nehmen. Sherrie zählt ein paar Punkte auf, die ihr verwehrt blieben, weil die Angst Überhand nahm: Verabredungen nicht einhalten, Feste absagen, sich nicht in der vertrauten Umgebung von Freunden und Familie entspannen können, vorzugeben, krank zu sein, um dem ersten Schultag nach den Ferien zu entrinnen, …

Es ist genau diese Angst, die meine Kinder  vor allem meine Tochter daran hindert, in der Schule das Potenzial zu zeigen, das sie in sich trägt. Sie kann lesen und schreiben. Aber sie ist so verhaftet in ihrer Angst, zu versagen, oder etwas falsch zu machen, oder vor der Klasse zu stehen, oder sich zu melden und aktiv am Unterricht teilzunehmen, letztlich aber in der Angst, nicht überleben zu können,  dass sie am liebsten unsichtbar sein möchte und verschwinden. Gelingt ihr das in der großen Klasse, ist es gut für sie. Dann kommt sie recht gut durch den Vormittag. Gelingt ihr das nicht und ist sie im Aufmerksamkeitsfokus der Lehrerin, ist sie so blockiert, dass sie fast automatisch vieles falsch macht, was die ohnmächtige Angst erneut befeuert.

Auf Dauer betrachtet, ist es genau diese Angst, die Sherrie beschreibt – und im Amerikanischen macht es der von ihr gewählte Begriff der „gut-level fear“, die Angst, die ganz tief in unserem Bauch sitzt und alles zusammenzieht, so plakativ – die in der Konsequenz zu einem anstrengungsverweigernden Verhalten führt. Nimmt diese Angst überhand, so fühlt es sich an, als wollten wir nur noch um unser Überleben kämpfen.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal ein Bild, dass Bettina Bonus so schön beschrieben hat, wird klar, warum ein Kind im Angesicht dieser Angst nicht mehr der Schule folgen, geschweige denn lernen und arbeiten kann: Stellen wir uns vor, wir laufen durch den Wald und treffen unerwartet auf ein Wildschwein. Wie würden wir reagieren? Im direkten Angesicht der Gefahr zeigen wir drei Reaktionsmuster: 1. Wir bauen uns vor dem Wildschwein auf und brüllen, in der Hoffnung, dass das Wildschwein selbst die Flucht ergreift. 2. Wir nehmen unsere Beine in die Hand und laufen so schnell wie möglich weg. 3. Wir könnten versuchen, mit etwas Futter und zutraulichem Verhalten, das Wildschwein abzulenken. Wenn wir aber spüren, dass diese drei Optionen ausweglos sind, bleibt uns nur 4., starr stehen zu bleiben, in dem Glauben, dass uns das Wildschwein nicht wahrnimmt und weiter seines Weges zieht.

Mit Blick auf das traumatisierte Kind hießen diese vier Reaktionsmuster in der Schule: 1. Das Kind geht in den Angriff, schreit herum, brüllt, geht unter Umständen auf den Lehrer los. 2. Das Kind verlässt fluchtartig den Klassenraum, oder geht erst gar nicht zur Schule, meist unter dem Vorwand, es wäre krank. 3. Das Kind versucht den Lehrer von der eigentlichen Aufgabe abzulenken, wie es meine Tochter zur Perfektion beherrscht. Und 4. – und das ist das häufigste Reaktionsmuster – das Kind dissoziiert im Unterricht, zieht sich zurück und lässt das Geschehen in der Klasse nur noch in einem leisen Grundrauschen an sich vorbei ziehen.

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Die Sonne scheint immer… irgendwie….

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Gerade im Moment dürfen wir ein wenig durchatmen. Aber nur ein wenig, denn die nächsten Schwierigkeiten mit der Schule zeichnen sich ab. Neue Schwierigkeiten mit der Schule. Nicht erwartete. Und auch wenn ich mich noch so an der Schule engagiere, habe ich gelernt, dass es dann doch einen Punkt gibt, an dem auch dort, selbst in dieser vermeidlich heilen Waldorfwelt, die sie schon längt nicht mehr ist, und die Lehrer wenig auf die Schwierigkeiten, die die Kinder mitbringen – nicht meine Kinder, sondern auch die anderen – vorbereitet geschweige denn geschult sind, meine Kinder irgendwann keine Sonderrolle mehr haben. Da ist es dann nicht mehr selbstverständlich, dass man von Seiten der Schule sagt: „Ja, klar wir schaffen das.“ Nein, da sind wir dann einem Punkt, wo wir Eltern wieder für Lösungen sorgen müssen. Wieder und wieder. Tun wir ja auch. Aber dazu mehr an anderer Stelle.

Auch wenn wir uns, was die Gesundheit unserer Kinder angeht, etwas entspannen können, so hält doch die Belastung an. Denn neue Herausforderungen erwarten uns. Das ist hart und schwierig. Und manchmal denke ich durchaus – und sitze abends heulend auf dem Sofa -: „Das ist alles so unfair.“ Unfair vor allem für meine Kinder. All das, was wir in den vergangenen Wochen durchgemacht haben, das braucht keiner, vor allem kein Kind. Und erst recht nicht ein Kind, das schon so vieles in seinem Leben durchlitten hat. Manchmal denke ich: „Kein Wunder, dass Nadeschda oft für mindestens ein Jahr jünger gehalten wird, als sie ist. Denn in den knapp eineinhalb Jahren bevor sie zu uns kam, hat sie nur überlebt. Und das teilweise wahrscheinlich unter widrigsten Umständen. Da hat sie alles andere hinten angestellt. Sie ist nicht gewachsen, sie hat nicht zugenommen, sie hat bestimmte Basisfunktionen, die ein Baby, das behütet aufwächst nicht gelernt. Wie auch? Geschweige denn den natürlichen Willen sich zu entwickelnd und zu lernen. Sie musste einfach nur überleben. Wieviel Kraft das gekostet hast? Alle, alle Kraft, aber wirklich alle Kraft, die ihr zur Verfügung stand. Und sie hat überlebt. Und das ist die wahre Leistung!“

Um so erleichternder fand ich dann einen Beitrag wieder einmal von Michael von Confessionsofanadoptiveparent, wo er ebenso von einem harten Tag schreibt und am Ende aber zu dem Schluss kommt: „Die Sonne scheint immer.“ Ja, sie mag versteckt sein hinter dunklen, grauen und manchmal sogar schwarzen Wolken. Aber eigentlich ist sie immer da. Und sie scheint IMMER. Nur können wir das eben an manchen Tagen nicht sehen. An diese Sätze denke ich in den letzen Tagen sehr oft. Ja, da draußen dreht die Sonne ihre Runden im Universum. Und sie ist immer da. Es sind nur die grauen und schwarzen Wolken, die sich manchmal (oder auch öfter) vor sie schieben. Aber am Ende scheint die Sonne. Immer…

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„Nothing for sissies…“: Zum Schulstart nach den Ferien

frustrated math school child

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Ja, wir haben den Start in die Schule gut gemeistert. Und so langsam kommen wir in eine gute Routine. Doch oft musste ich gerade in der ersten Woche nach den Ferien an Sherrie Eldridge’s Post zum ersten Schultag,  wie Adoptivkinder ihn erleben, denken und an die Punkte, die sie so treffend benannt hatte, wie es Adoptivkindern nach den Ferien in einem neuen Umfeld geht.

Vielleicht ist es auch das weinende Kind, das zum Glück nicht meines war, aber mich dennoch, da ich nun im Hort arbeite, tief getroffen und mitgenommen hat und mich noch einmal an einen so behutsamen Übergang in die Schulzeit erinnert, von dem ich hier geschrieben hatte. Das weinende Mädchen war eine Schülerin der ersten Klasse. Für sie war alles neu. Und dann passierte der Super-Gau: Sie hatte sich auf der Toilette eingesperrt und kam nicht mehr raus. Ihr Weinen ging durch Mark und Bein, so dass ich es durch zwei geschlossene Türen hörte und nach dem Kind schaute. Als klar war, dass sie sich eingeschlossen hatte, holte ich die Hausmeisterin, die das Mädchen befreite. Die Betreuerin für die 1. Klasse kümmerte sich dann um das Mädchen und ich glaube, sie wurde dann auch früher abgeholt. Ich wollte mir in meinem Kopf nicht ausmalen, was in meinen Kindern vorgegangen wäre, wäre ihnen das passiert wäre. Oder auch jetzt noch passieren würde.

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. So habe ich schon geschrieben. Ihr Herz wurde vielleicht gekittet. Aber der Bruch, die Narbe ist immer noch da. Manchmal setzt das Herz aus, oder es läuft nicht so wie es soll und dann passieren die Aussetzer….Bei Maxim ist das in den vergangenen Monaten zweimal passiert. Einmal dachte er, da er mich mit Nadeschda an der Schule nicht fand – wir hatten nur ihre Jacke geholt – und er in seiner Panik mein Auto auf dem Parkplatz nicht erkannte, dass ich tatsächlich mit Nadeschda schon nach Hause gefahren sei. Ein anderes Mal waren wir alle als Familie auf einer Feier. Er wollte noch spielen und hatte nicht auf Richards Aufforderungen zu gehen gehört. Als Richard das Auto anließ – und der Sound ist recht markant – kam unser Sohn mit Panik in den Augen angelaufen und schrie Richard verzweifelt an. Niemals wären wir ohne Maxim gefahren, aber dennoch, es gibt Trigger wie diese, die die alte Wunde wieder aufbrechen lassen.

Traumatisierte Kinder spüren, dass meist das Trauma über Erinnerungsfetzen immer wieder an die Oberfläche des Bewusstsein streben kann, um dort vielleicht aufgelöst zu werden. Dieses Gefühl ist so Angsteinflößend, dass diese Kinder alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das traumatische Erlebnis zurück in das Unterbewusste zu verbannen. Es bleibt bei den Kindern ein Gefühl der permanenten Bedrohung zurück, und sie leben in einem permanenten Angstzustand. In jeder Situation könnten sie wieder diese schmerzliche und verletzende Erfahrung des Traumas machen. So sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft, da sie ständig damit rechnen, wieder verletzt zu werden. Sie sind ständig in Habacht-Stellung, um einer vermeintlich neuen Gefahr begegnen zu können und sich zu schützen. Sie haben permanent das Gefühl, all ihre Kräfte mobilisieren zu müssen, um die Gefahr für ihr Leben bannen zu müssen. Sie leben dauerhaft in dem Gefühl, um ihr Überleben kämpfen zu müssen.

Und das tun sie auch in der Schule. Gerade nach dem Neubeginn nach den Ferien. Maxim hat sich wirklich gut geschlagen. Er ist nun auch nach vier Jahren ein „alter Hase“, weiß, wie die Sachen laufen, wo was ist, auf welches Klo man am besten geht, kennt viele Lehrer und Betreuerinnen im Hort. Er hat die ersten Tage und nun auch Wochen gut gemeistert. Dennoch stelle ich auch bei ihm fest, dass für manche kognitiven Dinge im Moment keine Kapazitäten frei sind. Wir haben in den Ferien viel Rechnen geübt. Neben anderen Themen. Im Moment steht zwar Grammatik und Schreiben auf dem Plan. Aber ich merke, dass alles Rechnen bei ihm weg ist. Das kleine 1 x 1, das er so grandios konnte? Weg. Im Moment braucht mein Sohn gefühlt mehrere Minuten bis er mit der Lösung, die dann nicht immer richtig ist, um die Ecke kommt. Genauso wie andere Fähigkeiten wie etwa die Uhr zu lesen und die Dauer abzuschätzen, wie lange man für etwas braucht. Das ist einfach ausradiert, überlagert von allem neuen, was das vierte Schuljahr nun mit sich bringt.

Es ist gut, dass ich nun im Hort arbeite und beim Mittagessen schon in der Schule bin und somit bei meinen Kindern. Denn Nadeschda ist mir in den vergangenen zwei Wochen mindestens dreimal weinend in die Arme gelaufen, weil irgendjemand sie geärgert hat, sie irgendetwas als ungerecht empfand, oder ihr etwas weh tat. Mit der Theateraufführung in der ersten Woche war sie restlos überfordert, auch wenn sie sie dann grandios gemeistert hat. Aber die Zornesausbrüche zuhause waren durchaus erinnerungswürdig. Es war genauso wie Sherrie es beschrieb: Sie hätte sich am liebsten zurückgezogen, sie hatte Angst, sie glaubte, dass sie das alles nicht schafft, sie fühlte sich wertlos. Sie war die ganze Zeit unter Strom, fühlte das Geräusch in ihrem Kopf, konnte es nicht abstellen. Sie spürte ihr gebrochenes Herz, dass ihr sagte, sie dürfte nicht versagen. Welch ein Kampf für eine so kleine Seele!

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. Und immer noch und immer wieder gibt es eben diese Momente, in denen ich mich frage, ob es wirklich irgendetwas gibt, was meine Kinder diese Narbe vielleicht vergessen lässt, oder ihnen hilft, mit dieser Wunde zu leben. Wenn das Trauma durchbricht, saugen meine Kinder meine Fürsorge und Zuneigung auf wie ein trockener Schwamm. Ihr emotionales Loch, das die Traumatisierung gerissen hat, ist wie ein Faß ohne Boden, in das nie ausreichend Liebe und Zuneigung hinein fließen können.

Routine und Fürsorge helfen. Ein wenig. Ich bin froh, dass ich im Moment ein Teil der Schule bin und meine Kinder bzw. ihre Emotionen früher abfangen kann. Da kommt Nadeschda, weint ein paar Minuten auf meinem Schoß und dann geht sie auch wieder. Aber dennoch: Ich musste an einen Satz denken, den meine amerikanische Mutter mir zum Älterwerden im Kontext meiner biologischen Mutter schrieb. Und ich könnte ihn gerade so treffend umdichten: „Getting adoptive kids back to school is nothing for sissies.“

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Karmische Lernerfahrungen

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Nachdem ein paar Tage seit dem „Angriff auf das Urvertrauen“ ins Land gezogen sind, überlegen wir auf der einen Seite, wie wir weiter mit dieser Situation umgehen werden. Das Wochenende war nicht leicht. Und auch wenn Maxim in der Schule scheinbar selbstbewusst auftritt, so nagt der Schmerz in ihm tief drinnen. Sicherlich werden wir noch einmal mit Maxim’s Klassenlehrerin sprechen und die Schule in solchen Situationen mehr in die Verantwortung nehmen. Für uns steht im Moment allein der Schutz und das Stärken unserer Kinder, vor allem unseres Sohnes im Vordergrund. Auf der anderen Seite sehe ich mit etwas Abstand, dass dieser Zwischenfall etwas von einer Lernerfahrung auf einer anderen Ebene für Maxim hat.

Als Maxim die Vorklasse besuchte hatte er mit einem aus Russland stammenden Jungen in seiner Klasse große Schwierigkeiten. Nicht in den aggressiven Dimensionen wie mit Leander, aber auch hier gab es verbalen Missbrauch und Handgreiflichkeiten, über Monate hinweg. Maxim nahm das damals sehr mit. Er reagierte mit Bauchschmerzen und sich häufenden Fällen, in denen er es nicht rechtzeitig auf die Toilette schaffte. In dieser Zeit bearbeitete Maxim gleichzeitig sein Trauma der kulturellen Entwurzelung in der Therapie. Seine Therapeutin sagte damals zu mir, dass dieser russische Junge natürlich auch spürte (ohne es benennen zu können), dass er bei Maxim einen wunden Punkt traf und es eine „Schwachstelle“ gab, die Maxim angreifbar und verwundbar machte. Maxim half damals, dass ich mit der Klassenlehrerin sprach, er viel mit anderen Kindern außerhalb der Schulgemeinschaft spielte, und er sich gegenüber diesem Jungen abgrenzte, indem er ihn mit den Worten „Meine Mama will das nicht, dass Du zu meinem Geburtstag kommst.“ nicht zu seinem Geburtstag einlud. Gleichzeitig fand Maxim in der Therapie zu einem ersten Umgang mit seiner russischen Herkunft und seinem Leben, bevor er zu uns kam. Von da ab war Ruhe zwischen den zwei Jungen. Monate zogen ins Land. In der ersten Klasse dann fanden die zwei Jungen auf einer ganz anderen Ebene zusammen und sind heute gut befreundet. Ein wenig schien es, als hätte Maxim in der Konfrontation mit seinem russischen Klassenkameraden auch noch einmal seine russische Herkunft bearbeitet.

Wenn ich mir die Auseinandersetzungen mit Leander mit etwas Abstand betrachte, und die Aggression und Brutalität ausblende, so sehe ich Parallelen zu dieser Konfrontation von vor etwa zwei Jahren. Leander’s soziales und familiäres Umfeld ist geprägt von Vernachlässigung, er reagiert darauf mit einem stark autonomen Verhalten. Letztendlich verkörpert er in gewissen Zügen das Leben, das unser Sohn leben musste, bevor er zu uns kam. Widrige soziale Lebensverhältnisse, eine Mutter, die sich nicht richtig kümmern kann, die Notwendigkeit autonom zu sein, um zu überleben. (Natürlich hat das bei einem neunjährigen andere Qualitäten als bei einem zweijährigen, dennoch die Parallelen sind vielleicht gegeben.) Vielleicht ist es also nun auch so, dass der Konflikt mit Leander auf einer anderen Bewusstseinsebene für Maxim noch einmal die Auseinandersetzung mit der früheren Phase seines Lebens, in der er selbst vernachlässigt und zu einem stark autonomen Verhalten gezwungen war, verkörpert. Wie damals der russische Junge, spürt Leander, dass Maxim in sich einen wunden Punkt trägt, an dem er angreifbar und verletzlich ist. Und auf der anderen Seite heute Maxim all das verkörpert, was Leander nicht hat. Denn Maxim hat heute eine Mutter und einen Vater, die sich um ihn sorgen und sich um ihn kümmern, die seine Hilferufe hören und ihm helfen und für ihn da sind. So könnte wohlmöglich dieser Konflikt für Maxim – und für uns als seine Familie – auch die Chance bedeuten, ein weiteres Trauma seiner frühen Kindheit zu verarbeiten und hinter sich zu lassen.

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Vom Umgang mit der Anstrengungsverweigerung (3) – Zu den Ursachen

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Die „Anstrengungsverweigerung“ meiner Kinder geistert immer noch in meinem Kopf herum, auch wenn wir damit inzwischen einen guten Umgang gefunden haben und Maxim und Nadeschda in vielfältiger Weise auf einem Weg der Heilung sind. So habe ich mich in den vergangenen Tagen noch einmal mit den Ursachen und Wegen des Umgangs beschäftigt, die bei mir an der ein oder anderen Stelle zu kleinen Lichtblicken und Erkenntnissen geführt haben.

Doch zunächst an dieser Stelle noch einmal ein paar Worte zu den Ursachen der „Anstrengungsverweigerung“ bei Adoptivkindern. Nach Bettina Bonus gibt es eine Mischung an Entwicklungen und Erfahrungen, die zu einer Anstrengungsverweigerung führen, die mir bei genauerer Betrachtung mehr als einleuchtend sind. Würde ich durch diese schmerzliche Erfahrungen gehen müssen, durch die meine Kinder – so wie viele Adoptivkinder – gegangen sind, dann fehlte auch mir die Lebenskraft.

Die qua Natur mitgebrachten Fähigkeiten und die Lebenskraft werden früh geschwächt: Alle Kinder kommen mit dem ungebrochenen Willen auf die Welt, mutig ihr Umfeld zu erkunden, aus sich selbst heraus zu lernen und zu erfahren. Geschützt werden sie, nachdem sie den Mutterleib verlassen haben, immer noch durch die Enge Bindung an die Mutter, werden sie doch von ihr versorgt, getragen, umsorgt und in engem Körperkontakt ständig schützend umgeben. Fällt die schützende Hülle der Mutter (entweder durch frühe Trennung oder weil sie nicht dazu in der Lage ist) weg und kommen dann noch Umstände hinzu wie Hunger, Schmerz, Angst, Ablehnung, Armut, Mangel, wird zum einen die Lebenskraft eines Kindes schon in frühem Stadium geschwächt und der dem Kind innewohnende Mut, die Welt zur erkunden schwindet dramatisch. Macht das Kind nur schmerzliche Erfahrungen in seinem natürlichen Drang, die Welt zu erforschen und zu erkunden, wird es bald nur noch mit Vorsicht und Zweifeln seine Umwelt erkunden wollen.

Der Wille, in die Welt einzugreifen wird geschwächt: Das ist einfach zu verstehen, wenn wir uns vor Augen führen, dass viele Adoptivkinder nicht nur einmal, sondern häufig die Erfahrung gemacht, als kleines hilfloses Baby Hunger verspürt haben, geschrieben haben und keiner kam, um den Hunger zu stillen. Vor allem wenn sie in einer von Armut und Mangel geprägten Umwelt lebten. Fast automatisch bekommen diese Kinder das Gefühl, das ihr Eingreifen in die Welt, das Schreien, keinen Sinn hat. Sie verlieren ihren Antrieb und ihre Energie, dass sie in dieser Welt etwas bewegen können.

Das Trauma an sich schwächt:

  • Die allgegenwärtige Bedrohung überleben: Wird die traumatische Erfahrung nicht bis in die Tiefen des Unterbewusstseins abgespalten, so bleibt bei den Kindern ein Gefühl der permanenten Bedrohung zurück. In jeder Situation könnten sie wieder diese schmerzliche und verletzende Erfahrung machen. So sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft, da sie ständig damit rechnen, wieder verletzt zu werden. Sie sind ständig in Habachtstellung, um einer vermeidlich neuen Gefahr begegnen zu können und sich zu schützen. Sie haben permanent das Gefühl, all ihre Kräfte mobilisieren zu müssen, um die Gefahr für ihr Leben bannen zu müssen. Alltägliche Situationen wie das Händewaschen können allein schon so ein Gefühl triggern. Aus dem Nichts heraus tobt dann das Adoptivkind, so wie wir es bei Maxim so oft erlebt haben. Er empfand in diesen Momenten eine lebensgefährliche Bedrohung und tat das, was wir alle in solch einem Moment tun würden: Kämpfen. Und zwar um sein Überleben.
  • Die Kräfteraubende Verdrängung des Erlebten: Für viele Kinder ist das erlebte Trauma – und allein die Trennung von der leiblichen Mutter ist eine traumatische Erfahrung – so schmerzhaft, dass sie es in die Tiefen ihres Unterbewusstseins verdrängen. Doch meist strebt das Trauma immer wieder an die Oberfläche des Bewusstsein, um dort vielleicht aufgelöst zu werden. Dieses Gefühl ist so Angsteinflößend, dass diese Kinder alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das traumatische Erlebnis zurück in das Unterbewusste zu verbannen. Viele der Kinder mit traumatischen Erlebnissen dissoziieren daher immer wieder in Situationen, die sie an das traumatische Erlebnis erinnern. Es ist als würden sie aus ihrem Körper aussteigen. Maxim tat dies zum Beispiel in der Schule immer dann, wenn es im Unterricht  zu laut war und seine Lehrerin anfing, in all dem Chaos – was eine unheimliche Geräuschkulisse bei über 30 Kindern mit sich brachte – herumzubrüllen. An was ihn das konkret erinnerte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kann nur vermuten, ob es eine chaotische Situation in seiner leiblichen Familie war, wenn sich seine Eltern stritten oder Situationen im Kinderheim, wenn nicht genügend Erzieherinnen da waren, um alle Kinder entsprechend zu versorgen. Maxim zog sich dann in sein tiefstes Inneres zurück und bekam nichts mehr von der Außenwelt mit. Einmal beobachtete ich so eine Situation in seiner Klasse. Maxims Klassenkameraden gingen über Tische und Bänke. Die Lehrerin versuchte verzweifelt, Ruhe in die Klasse zu bringen. Mein Sohn saß auf seinem Platz, drehte versonnen ein Schneeglöckchen in der Hand und schaute verträumt ins Leere. In diesem Moment war er ganz weit weg und ganz wo anders. Von dem Chaos in der Klasse bekam er nichts mit.
  • Die Angst, auf der Welt nicht erwünscht zu sein: Eine Adoptivmutter erzählte mir einmal, dass in dem südamerikanischen Land, aus dem ihre Tochter kam, man von Adoptivkindern als den hijos abandonados sprach, den weggegebenen Kindern. Und ja, so viele Gründe es gibt, der leiblichen Mutter wohlwollend gegenüber zustehen, eins bleibt: Die meisten Adoptivkinder wurden weggeben, wenn auch vielleicht im Glauben auf ein besseres Leben. Oder sie wurden der leiblichen Mutter entzogen, und auch wenn dies in besten Gedanken passierte, so bleibt, dass sie sich nicht gut um ihr Kind kümmern konnte. Aus der Perspektive des Kindes bleibt das Gefühl: Ich war nicht gut genug, dass meine Mutter um mich kämpfen wollte. Ich war nicht erwünscht. Das bleibt und das lässt sich auch mit noch so vielen positiven Absichten nicht wegreden.
  • Die Angst, erneut ohnmächtig zu sein: Allein durch die Trennung von der leiblichen Mutter haben Adoptivkinder früh eine völlige Ohnmacht erfahren. Man hat ihnen alles genommen, was sie ausmacht, und sie konnten sich nicht dagegen wehren. Diese Ohnmacht wollen sie nie wieder erleben. Sie wollen Macht und Kontrolle um jeden Preis in ihrem Leben erhalten. Diese spüren sie, wenn immer genau das eintritt und die Menschen in ihrem Umfeld genau so reagieren, wie sie es vorher bestimmt haben. Am ehesten vorhersehbar sind für diese Kinder Reaktionen auf negatives Verhalten. Adoptivkinder spüren und wissen genau, was sie tun müssen, damit die Eltern unter die Decke gehen. Erleben sie diese Reaktion, dann fühlen sie sich sicher und glauben alles unter Kontrolle zu haben. Sie tun dies nie aus einer bösartigen Absicht heraus, sondern aus einer inneren Notwendigkeit, in ihrem kleine Seelenleben Ordnung und Kontrolle zu haben und keine Ohnmacht zu fühlen. Für Kinder mit Tendenzen zur Anstrengungsverweigerung ist dieses Verhalten zudem praktisch, denn über den Wutausbruch des Elternteils wird meist die ursprünglich eingeforderte anstrengende Tätigkeit vergessen. Es kann sich so der Anstrengung entziehen. Auch Maxim und Nadeschda zeigen noch heute solche Tendenzen. Beide haben ihre Muster, mit denen sie versuchen mich in für sie anstrengenden Situationen in den Wahnsinn zu treiben. Inzwischen habe ich diese durchschaut und versuche – nicht immer gelingt mir das – diese Verhaltensmuster zu ignorieren und einfach stur bei der Sache zu bleiben. „Nadeschda, du kannst jetzt auf dem Blatt rumkritzeln, aber wir malen danach noch ein schönes Bild. Du kannst entscheiden, wie lange wir dafür brauchen. Du darfst gerne erst Theater machen, aber dann malen wir. Oder wir malen jetzt gleich. Aber wir malen auf jeden Fall.“ Meistens gelingt mir das inzwischen, doch auch nach Jahren gibt es immer wieder Momente, wo mir dann doch die Hutschnur platzt.

Selbst wenn all diese genannten Ursachen einer „Anstrengungsverweigerung“ auf meine Kinder in der ein oder anderen Form zutreffen, so weiß ich nach all den Jahren mit Maxim und Nadeschda, dass sie sich immer weiter aus diesem Teufelskreis heraus befreien und auf einem wunderbaren Weg der Heilung sind. Das erfordert als Adoptivmutter viel enge Begleitung, unheimlich viel Struktur und sicherer verlässliche Fürsorge. Aber jeder noch so kleine Fortschritt, den Maxim und Nadeschda machen, zeigt mir, wie wertvoll dieser oft so frustrierende und kräftezehrende Weg ist. Vor allem aber sehe ich eines: Meine Kinder sind großartig und haben so unglaublich viele Ressourcen der inneren Kraft und Heilung in sich mobilisieren können, trotz aller Verletzungen, seelischer Wunden und frühen Traumatisierung.

Wer mehr zum Thema der Anstrengungsverweigerung erfahren will, findet hier  alle Hinweise zu dem entsprechenden Buch „Mit den Augen eines Kindes sehen lernen. Band 2 Die Anstrengungsverweigerung“ von Bettina Bonus.