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„Anstrengungsverweigerung“ – Wann tritt sie auf?

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Mit freundlicher Unterstützung von pixabay.com

Die „Anstrengungsverweigerung“ hat mich selbst in unterschiedlicher Form in den letzten Wochen und Monaten wieder beschäftigt. Heute soll es daher einmal um den Zeitpunkt gehen, wann eine „Anstrengungsverweigerung“ deutlich zutage treten kann.

Grundsätzlich kann es im Leben eines Kindes drei kritische Entwicklungsphasen geben, in denen eine Leistungsverweigerung oder eben Anstrengungsverweigerung auftreten kann: 1. mit dem Zahnwechsel und dem Eintritt in die Schule, 2. mit dem Übergang zum Rubikon und 3. mit Beginn der Pubertät. Trotz einer starken Traumarisierung hat ein Kind in den ersten Lebensjahren ungeahnte Kindheitskräfte, wie es auch Bettina Bonus in ihrem Buch „Mit den Augen eines Kindes sehen lernen – Die Anstrengungsverweigerung“ eindrücklich beschreibt. – Sie hat übrigens auch ein sehr spannendes und interessantes Video zu den Folgen und Auswirkungen von Frühtraumatisierungen auf ihrer Webseite. –  Das sind diejenigen Kräfte in einem Kind, die es laufen lernen lassen, die es immer wieder aufstehen lassen nach jedem Sturz, bis es endlich auf zwei Beinen laufen kann. Es sind die Kräfte, die ein Kind auch noch mit Fieber draußen im Garten herumtollen lassen. Es sind die Kräfte, die das Kind in einer unersättlichen Phantasie leben lassen und so über Schmerz und Angst hinwegtäuschen können. Doch je älter ein Kind wird und je mehr es in der Realität ankommt, um so mehr schwinden diese Kindheitskräfte, bis sie in der Pubertät ganz verschwunden sind. Dann treten die fehlenden Lebenskräfte offen zu Tage und äußern sich in Form von mangelndem Eigenantrieb, so schildert es Bettina Bonus eindrücklich in ihrem Buch.

Es liegt auf der Hand, dass grundsätzlich meist erst mit dem Eintritt in die Schule eine Anstrengungsverweigerung zutage tritt. Denn hier ist das Kind zum ersten Mal außerhalb des elterlichen Zuhauses einem Umfeld ausgesetzt, in dem bewusst und gezielt immer wieder Anforderungen und Leistungen erfüllt werden müssen. Zudem beginnt das Kind mit dem Zahnwechsel eigene Neigungen, Gewohnheiten, Charaktereigenschaften und Temperamente zu zeigen. Doch genauso tritt nun das vom Trauma stark beanspruchte Seelenleben des Kindes ein Stück weit schutzloser zu Tage. All das, was zuvor im Verborgenen lag, tritt nun ein Stück weit mehr ans Licht. Das Kind ist damit verletzbarer. Gefühle wie Angst und Hilflosigkeit spürt das Kind nun bewusst, kann mit ihnen aber noch nicht umgehen. Im Zusammenspiel mit den großen Veränderungen, die der Eintritt in die Schule mit sich bringt, kann ein traumatisiertes Kind von seinen inneren Gefühlen überrollt und überfordert werden. Es reagiert mit Rückzug oder Angriff und geht in die Verweigerung.

Die Phase des „Rubikon“, in dem sich das Kind noch einmal anders von seiner Außenwelt abgrenzt und sich neu definiert, seine Herkunft hinterfragt, gesetzte Strukturen und Beziehungen für sich neu definiert, ist die zweite kritische Lebensphase. Im „Rubikon“ entwickelt sich beim 9 bis 10-jährigen Kind die zunehmende Fähigkeit zur inneren Distanz. Mit Blick auf die Anstrengungsverweigerung sind in dieser Phase vor allem zwei Aspekte besonders kritisch: Das Kind beginnt bisher gesetzte Autoritäten, nicht nur die eigenen Eltern, sondern vor allem auch die Autorität der Lehrer zu hinterfragen. So mag ein anstrengungsverweigerndes Verhalten zunächst als eine Rebellion gegen das Bestehende wirken. Vermehrte Diskussionen um das Erledigen von bestimmten Aufgaben gehören per se in diesen Entwicklungsschritt. Damit könnten auch zu diesem Zeitpunkt erste Anzeichen einer Anstrengungsverweigerung übersehen werden. Hinzukommt, dass der Rubikon ein entscheidender Schritt in der Entwicklung der Willenskraft eines Kindes ist. Wird dieser Entwicklungsschritt blockiert, kann sich die Willenskraft  des Kindes nicht entfalten. Wird er positiv unterstützt, wird die Willenskraft eines Kindes gestärkt. Bei einem anstrengungsverweigernden Kind, dessen Willenskraft ohnehin schon geschwächt ist, kann diese in der Phase des Rubikon vollständig zum Erliegen kommen.

Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie die Phase der Pubertät langläufig beschrieben wird, ist es kaum verwunderlich, dass diese Zeit zwischen dem 12. und 16. Lebensjahr im Grunde genommen „die größte Krise“ im Leben eines heranreifenden Kindes darstellt, verbunden mit der größten Erschütterung des Selbstbewusstseins und der größten innerlichen Unsicherheit. Der Körper des Kindes baut sich vollständig um. Auf der emotionalen Ebene kommt es zu einer starken Veränderung der Empfindungen. Gefühle erlebt das Kind nun persönlich und innerlich. Wieder ist das Kind in einer schutzlosen Situation wie nach seiner eigentlichen Geburt, wo es die schützende Hülle der Mutter abgelegt hat. Denn wie beim Säugling bräuchte der heranwachsende Jugendliche eigentlich Schutz und Fürsorge, bis die neugeborene Persönlichkeit sich aufrichten und laufen lernen, neu sprechen und denken kann. Zudem quält ihn seine Orientierungslosigkeit, seine mangelnde Urteilsfähigkeit. Er braucht Schutz und Fürsorge, doch hinterfragt er genau die Menschen und Autoritäten, die ihm diese Orientierung und Unterstützung geben könnten. Dass das traumatisierte Kind diese Phase der Pubertät um ein Vielfaches intensiver erlebt, liegt auf der Hand. Die Ohnmacht des Traumas kommt spätestens zu diesem Zeitpunkt wieder in das volle Bewusstsein des Jugendlichen. Denn die alte vom Trauma verursachte Angst, die tief in seinem Inneren verankert ist, kann er nun bewusst spüren. Er glaubt, nur noch um sein Überleben kämpfen zu müssen und verweigert jede weitere Anstrengung.

Mit Nadeschda haben wir den Eintritt in die Schule gut geschafft und intensive Phasen, in denen sie ihre Anstrengungsverweigerung zeigte recht gut bearbeitet. Doch immer wieder lugt unsere alte Freundin hervor, wenn neuer Unterrichtsstoff eingeführt wird. Da werden dann bei den Hausaufgaben alle Register gezogen. Das Einzige was hilft, ist immer wieder durch die Anstrengung mit täglichem Üben zu gehen, bis die Bewältigung der Aufgabe nicht mehr anstrengend ist oder nicht mehr als anstrengend empfunden wird. Maxim ist noch nicht ganz durch den Entwicklungsschritt des Rubikon durch, den er zuweilen in vollen Zügen auslebt. Die Diskussionen sind das eine, doch muss ich bei ihm abwägen, wann es bei ihm eine Vermeidungsstrategie ist, oder eben ein Austesten seines eigene Willens. Das andere ist, dass ihn die emotionalen Veränderungen mit einem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit zurücklassen, in denen er immer wieder die Beziehung zu mir in Frage stellt: „Hält sie mich? Und hält sie mich aus?“ Noch ist er nicht in seiner eigenen Mitte angekommen. Doch auch hier hilft das tägliche Üben, damit  er zumindest den Unterrichtsstoff in der Schule als nicht anstrengend empfindet. Zumindest hier sind wir auf einem guten Weg. – Dennoch es ist ein langer Prozess und immer wieder werden wir mit einem anstrengungsvermeidenden Verhalten konfrontiert werden. Doch mit unserem Rhythmus und der täglichen Übroutine sind wir hoffentlich auf einem Weg, auf dem die emotionalen Amplitudenausschläge der Anstrengungsvermeidung stetig niedriger werden.

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#bestofElternblogs im August

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Danke an Pixabay

Anja von der Kellerbande ruft regelmäßig zum 1. des Monats zu den besten Beiträgen der Elternblogs auf. So auch gestern.  Natürlich mache ich wieder mit, nachdem nun meine Statistiken heute wieder funktionieren. Im Juli war es der Beitrag  „Das Wutmonster ist wieder da…“, der am meisten aufgerufen und gelesen wurde. Hier geht es um die wieder aufkeimende Wut bei meinen Kindern, vor allem bei Nadeschda, die mit den nun anstehenden Veränderungen mit Blick auf die Schule kämpft.

Habt Dank für’s Lesen, Kommentieren und mir Folgen! Das ist jeden Tag wieder eine große Freude…

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Vom Umgang mit der Anstrengungsverweigerung (3) – Zu den Ursachen

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Danke an unsplash.com

Die „Anstrengungsverweigerung“ meiner Kinder geistert immer noch in meinem Kopf herum, auch wenn wir damit inzwischen einen guten Umgang gefunden haben und Maxim und Nadeschda in vielfältiger Weise auf einem Weg der Heilung sind. So habe ich mich in den vergangenen Tagen noch einmal mit den Ursachen und Wegen des Umgangs beschäftigt, die bei mir an der ein oder anderen Stelle zu kleinen Lichtblicken und Erkenntnissen geführt haben.

Doch zunächst an dieser Stelle noch einmal ein paar Worte zu den Ursachen der „Anstrengungsverweigerung“ bei Adoptivkindern. Nach Bettina Bonus gibt es eine Mischung an Entwicklungen und Erfahrungen, die zu einer Anstrengungsverweigerung führen, die mir bei genauerer Betrachtung mehr als einleuchtend sind. Würde ich durch diese schmerzliche Erfahrungen gehen müssen, durch die meine Kinder – so wie viele Adoptivkinder – gegangen sind, dann fehlte auch mir die Lebenskraft.

Die qua Natur mitgebrachten Fähigkeiten und die Lebenskraft werden früh geschwächt: Alle Kinder kommen mit dem ungebrochenen Willen auf die Welt, mutig ihr Umfeld zu erkunden, aus sich selbst heraus zu lernen und zu erfahren. Geschützt werden sie, nachdem sie den Mutterleib verlassen haben, immer noch durch die Enge Bindung an die Mutter, werden sie doch von ihr versorgt, getragen, umsorgt und in engem Körperkontakt ständig schützend umgeben. Fällt die schützende Hülle der Mutter (entweder durch frühe Trennung oder weil sie nicht dazu in der Lage ist) weg und kommen dann noch Umstände hinzu wie Hunger, Schmerz, Angst, Ablehnung, Armut, Mangel, wird zum einen die Lebenskraft eines Kindes schon in frühem Stadium geschwächt und der dem Kind innewohnende Mut, die Welt zur erkunden schwindet dramatisch. Macht das Kind nur schmerzliche Erfahrungen in seinem natürlichen Drang, die Welt zu erforschen und zu erkunden, wird es bald nur noch mit Vorsicht und Zweifeln seine Umwelt erkunden wollen.

Der Wille, in die Welt einzugreifen wird geschwächt: Das ist einfach zu verstehen, wenn wir uns vor Augen führen, dass viele Adoptivkinder nicht nur einmal, sondern häufig die Erfahrung gemacht, als kleines hilfloses Baby Hunger verspürt haben, geschrieben haben und keiner kam, um den Hunger zu stillen. Vor allem wenn sie in einer von Armut und Mangel geprägten Umwelt lebten. Fast automatisch bekommen diese Kinder das Gefühl, das ihr Eingreifen in die Welt, das Schreien, keinen Sinn hat. Sie verlieren ihren Antrieb und ihre Energie, dass sie in dieser Welt etwas bewegen können.

Das Trauma an sich schwächt:

  • Die allgegenwärtige Bedrohung überleben: Wird die traumatische Erfahrung nicht bis in die Tiefen des Unterbewusstseins abgespalten, so bleibt bei den Kindern ein Gefühl der permanenten Bedrohung zurück. In jeder Situation könnten sie wieder diese schmerzliche und verletzende Erfahrung machen. So sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft, da sie ständig damit rechnen, wieder verletzt zu werden. Sie sind ständig in Habachtstellung, um einer vermeidlich neuen Gefahr begegnen zu können und sich zu schützen. Sie haben permanent das Gefühl, all ihre Kräfte mobilisieren zu müssen, um die Gefahr für ihr Leben bannen zu müssen. Alltägliche Situationen wie das Händewaschen können allein schon so ein Gefühl triggern. Aus dem Nichts heraus tobt dann das Adoptivkind, so wie wir es bei Maxim so oft erlebt haben. Er empfand in diesen Momenten eine lebensgefährliche Bedrohung und tat das, was wir alle in solch einem Moment tun würden: Kämpfen. Und zwar um sein Überleben.
  • Die Kräfteraubende Verdrängung des Erlebten: Für viele Kinder ist das erlebte Trauma – und allein die Trennung von der leiblichen Mutter ist eine traumatische Erfahrung – so schmerzhaft, dass sie es in die Tiefen ihres Unterbewusstseins verdrängen. Doch meist strebt das Trauma immer wieder an die Oberfläche des Bewusstsein, um dort vielleicht aufgelöst zu werden. Dieses Gefühl ist so Angsteinflößend, dass diese Kinder alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das traumatische Erlebnis zurück in das Unterbewusste zu verbannen. Viele der Kinder mit traumatischen Erlebnissen dissoziieren daher immer wieder in Situationen, die sie an das traumatische Erlebnis erinnern. Es ist als würden sie aus ihrem Körper aussteigen. Maxim tat dies zum Beispiel in der Schule immer dann, wenn es im Unterricht  zu laut war und seine Lehrerin anfing, in all dem Chaos – was eine unheimliche Geräuschkulisse bei über 30 Kindern mit sich brachte – herumzubrüllen. An was ihn das konkret erinnerte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich kann nur vermuten, ob es eine chaotische Situation in seiner leiblichen Familie war, wenn sich seine Eltern stritten oder Situationen im Kinderheim, wenn nicht genügend Erzieherinnen da waren, um alle Kinder entsprechend zu versorgen. Maxim zog sich dann in sein tiefstes Inneres zurück und bekam nichts mehr von der Außenwelt mit. Einmal beobachtete ich so eine Situation in seiner Klasse. Maxims Klassenkameraden gingen über Tische und Bänke. Die Lehrerin versuchte verzweifelt, Ruhe in die Klasse zu bringen. Mein Sohn saß auf seinem Platz, drehte versonnen ein Schneeglöckchen in der Hand und schaute verträumt ins Leere. In diesem Moment war er ganz weit weg und ganz wo anders. Von dem Chaos in der Klasse bekam er nichts mit.
  • Die Angst, auf der Welt nicht erwünscht zu sein: Eine Adoptivmutter erzählte mir einmal, dass in dem südamerikanischen Land, aus dem ihre Tochter kam, man von Adoptivkindern als den hijos abandonados sprach, den weggegebenen Kindern. Und ja, so viele Gründe es gibt, der leiblichen Mutter wohlwollend gegenüber zustehen, eins bleibt: Die meisten Adoptivkinder wurden weggeben, wenn auch vielleicht im Glauben auf ein besseres Leben. Oder sie wurden der leiblichen Mutter entzogen, und auch wenn dies in besten Gedanken passierte, so bleibt, dass sie sich nicht gut um ihr Kind kümmern konnte. Aus der Perspektive des Kindes bleibt das Gefühl: Ich war nicht gut genug, dass meine Mutter um mich kämpfen wollte. Ich war nicht erwünscht. Das bleibt und das lässt sich auch mit noch so vielen positiven Absichten nicht wegreden.
  • Die Angst, erneut ohnmächtig zu sein: Allein durch die Trennung von der leiblichen Mutter haben Adoptivkinder früh eine völlige Ohnmacht erfahren. Man hat ihnen alles genommen, was sie ausmacht, und sie konnten sich nicht dagegen wehren. Diese Ohnmacht wollen sie nie wieder erleben. Sie wollen Macht und Kontrolle um jeden Preis in ihrem Leben erhalten. Diese spüren sie, wenn immer genau das eintritt und die Menschen in ihrem Umfeld genau so reagieren, wie sie es vorher bestimmt haben. Am ehesten vorhersehbar sind für diese Kinder Reaktionen auf negatives Verhalten. Adoptivkinder spüren und wissen genau, was sie tun müssen, damit die Eltern unter die Decke gehen. Erleben sie diese Reaktion, dann fühlen sie sich sicher und glauben alles unter Kontrolle zu haben. Sie tun dies nie aus einer bösartigen Absicht heraus, sondern aus einer inneren Notwendigkeit, in ihrem kleine Seelenleben Ordnung und Kontrolle zu haben und keine Ohnmacht zu fühlen. Für Kinder mit Tendenzen zur Anstrengungsverweigerung ist dieses Verhalten zudem praktisch, denn über den Wutausbruch des Elternteils wird meist die ursprünglich eingeforderte anstrengende Tätigkeit vergessen. Es kann sich so der Anstrengung entziehen. Auch Maxim und Nadeschda zeigen noch heute solche Tendenzen. Beide haben ihre Muster, mit denen sie versuchen mich in für sie anstrengenden Situationen in den Wahnsinn zu treiben. Inzwischen habe ich diese durchschaut und versuche – nicht immer gelingt mir das – diese Verhaltensmuster zu ignorieren und einfach stur bei der Sache zu bleiben. „Nadeschda, du kannst jetzt auf dem Blatt rumkritzeln, aber wir malen danach noch ein schönes Bild. Du kannst entscheiden, wie lange wir dafür brauchen. Du darfst gerne erst Theater machen, aber dann malen wir. Oder wir malen jetzt gleich. Aber wir malen auf jeden Fall.“ Meistens gelingt mir das inzwischen, doch auch nach Jahren gibt es immer wieder Momente, wo mir dann doch die Hutschnur platzt.

Selbst wenn all diese genannten Ursachen einer „Anstrengungsverweigerung“ auf meine Kinder in der ein oder anderen Form zutreffen, so weiß ich nach all den Jahren mit Maxim und Nadeschda, dass sie sich immer weiter aus diesem Teufelskreis heraus befreien und auf einem wunderbaren Weg der Heilung sind. Das erfordert als Adoptivmutter viel enge Begleitung, unheimlich viel Struktur und sicherer verlässliche Fürsorge. Aber jeder noch so kleine Fortschritt, den Maxim und Nadeschda machen, zeigt mir, wie wertvoll dieser oft so frustrierende und kräftezehrende Weg ist. Vor allem aber sehe ich eines: Meine Kinder sind großartig und haben so unglaublich viele Ressourcen der inneren Kraft und Heilung in sich mobilisieren können, trotz aller Verletzungen, seelischer Wunden und frühen Traumatisierung.

Wer mehr zum Thema der Anstrengungsverweigerung erfahren will, findet hier  alle Hinweise zu dem entsprechenden Buch „Mit den Augen eines Kindes sehen lernen. Band 2 Die Anstrengungsverweigerung“ von Bettina Bonus.

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Wenn das „Wutmonster“ zurückkehrt…

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Ich soll es nicht so nennen, hat mir Maxim’s Therapeutin geraten. Damit würde ich die Wut meines Kindes bewerten und moralisieren. Ich tue es dennoch, denn für mich ist es ein „Monster“, das „Wutmonster“, das seit ein paar Wochen wieder zunehmend verstärkt die Kontrolle über meinen Sohn übernommen hat. Denn wenn die Wut ihn vollständig für sich eingenommen hat, dann hat es beinahe etwas angsteinflössendes, dieses Etwas, was da in meinem Sohn rumort und brodelt. Gestern trieb es ihn zu bisher nicht da gewesenen Zerstörungskräften.

Maxim besucht seit zwei Jahren eine Waldorf-Schule. Die Kinder sind oft sehr starke Persönlichkeiten, die sich gerne aneinander reiben. Gerade in seiner Klasse hatten und haben wir immer wieder Schwierigkeiten mit der „Disziplin“ unter den Jungen. Da geht es oft zur Sache. Kräftemessen und Machtkämpfe stehen immer noch auf der Tagesordnung. Auch Maxim muss sich darin immer neu behaupten. Und natürlich will er sich auch nicht unterordnen. Was gut so ist. Allerdings beobachte ich, dass er in den letzten Wochen immer mehr mit einem zunehmenden Zorn nach Hause gekommen ist. Ungeachtet eines zunehmenden Gebrauchs an übelsten Schimpfworten, schubst er gerne, tritt Gegenstände weg, knallt Türen, etc. – Meist lasse ich ihn erst einmal im Garten rumtoben, bis seine Wut verraucht ist. Manchmal muss ich auch eingreifen, wenn er gegen seine Schwester geht. Dann gibt es die „Auszeit“ auf dem Stuhl, wobei ich bei ihm sitzen bleibe. Oder wenn es Überhand nimmt, muss er auch in sein Zimmer gehen. Alles verlief aber bisher in geregelten und handhabbaren Bahnen. Vor allem beruhigte er sich irgendwann nach ein paar Minuten und spätestens nach einer halben Stunde war seine Wut verflogen.

Nicht so gestern Abend. Der Nachmittag war schon gespickt mit immer wieder aufflammender Wut und kleinen oder größeren Zornesausbrüchen. Kleinigkeiten, die nicht so funktionierten oder nicht so liefen, wie Maxim wollte, ließen das kleine rote Wutmonster hervorkommen. So als säße es die ganze Zeit auf seiner Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: „Schrei mal A*loch!“, „Trete mal den Schuh weg!“, „Hau gegen die Mülltonne!“ Erst am späten Nachmittag, als er sich in sein Zimmer zurückzog und schnitzte, schien er sich zu beruhigen. Das Abendessen verlief friedlich, das Bettfertigmachen auch, genauso wie unser allabendliches Vorlese-Ritual. Doch als Maxim dann ins Bett gehen und schlafen sollte, übernahm das Wutmonster. „Ich will nicht schlafen.“ verkündete es. Alles gute Zureden half nicht. Stattdessen begann Maxim, zunächst allen Inhalt seines Bettes in sein Zimmer zu feuern, Decke, Kissen, Stofftiere. Er riss die Weltkarte von der Wand.“Alles blöd, will ich nicht.“ Wenn ich ihn aufhalten wollte, trat er um sich. Dabei auch mir ins Gesicht. Mittlerweile war auch ich sauer und meine Geduld am Ende. Wahrscheinlich die falsche Reaktion. Denn jetzt hatte Maxim’s Wutmonster ja den perfekten Gegenspieler. Und so wütete er weiter. Spielzeug flog aus den Regalen. Beim Radlager wurde die Schaufel abgebrochen. Ich versuchte Maxim festzuhalten, was weder die richtige Reaktion, noch ihn irgendwie zum Einlenken bewegte. Im Gegenteil. Mittlerweile kämpfte mein Sohn ums Überleben. Mit einer unvorstellbaren Kraft. Durch meinen Kopf schossen Bilder aus der Zukunft, wenn Maxim einmal ausgewachsen und in der Pubertät sei und dann in seiner Wut das ganze Haus auseinander nehmen würde. Hatte ich vorher den Gedanken gehabt, sein Zimmer zu verlassen und ihn allein sich seiner Wut zu überlassen, so hatte ich jetzt Angst zu gehen. Denn ich befürchtete, dass er sich etwas antun könnte.

Wie der „Deus ex Machina“ kam Richard plötzlich in Maxim’s Zimmer, nahm ihn auf den Arm, ging mit ihm ins Wohnzimmer, legte sich mit ihm auf die Couch und hielt ihn fest umarmt, bis Maxim eingeschlafen war. Das Wutmonster zog sich wieder zurück.

Wir wissen, dass Maxim’s Wutausbrüche zum einen mit der Situation unter den Jungen in seiner Klasse zu tun haben können. Zum anderen sind sie aber auch ein erneuter Schub in seiner Traumaverarbeitung, bei der wir ihm helfen müssen. In dem Moment, wo sein Leben für ihn in sicheren und geordneten Bahnen verläuft, er sich sicher fühlt, er auf eine stabile Bindung zu Richard und mir bauen kann, kommt die unermessliche Wut hoch. Die Wut auf das, was er als kleines Kind entbehren musste, die Wut und der Schmerz aus seinen frühkindlichen Verletzungen. Sie äußert sich in genau dem Gegenteil, in dem Zorn und der Ablehnung von allem, was er nun hat und was ihm gut tut. Irgendwann wird Maxim diese Wut verarbeitet haben, aber es wird immer wieder Situationen in seinem Leben geben, in denen sie zurückkehren wird. Das „Wutmonster“ ist sein ständiger Begleiter. Wir können ihm nur helfen, einen anderen Umgang damit zu finden. Ich werde versuchen, nicht mehr auf die Tanzeinladungen seines „Wutmonsters“ einzusteigen. In seiner Therapie werden wir wieder mehr an seiner Wut arbeiten. Und er bekommt vom Christkind einen Boxsack!