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„Du bist nicht meine echte Mutter!“

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Da war er dann da der Tag, vor dem sich so viele Adoptivmütter vielleicht fürchten. Vor Jahren wurden sie vielleicht im Zuge des Adoptionsprozesses darauf vorbereitet. Doch dann liefen die Jahre nach der Ankunft des Kindes so dahin, man wuchs zu einer Familie zusammen. Ja, die Adoption war natürlich immer wieder ein Thema, auch die Tatsache, dass das Kind zwei Mütter hat, manche würden von einer Herzmama und einer Bauchmama sprechen – ich persönlich finde diese Begrifflichkeit immer noch unglücklich, habe aber bis zum heutigen Tag keine andere oder bessere Begrifflichkeit gefunden. Wir umgehen sie, in dem wir von der Mama in Russland sprechen, die unseren Kindern das Leben geschenkt hat, sie manchmal bei ihrem Vornamen nennen, und von mir, als der deutschen Mama, der Mama, die nun für Maxim und Nadeschda sorgt und sie durch das Leben begleitet. Doch alles geht so seinen Gang, Herkunft und Wurzeln sind wichtig, mal mehr mal weniger. Vielmehr überlagern immer wieder andere Themen unseren Alltag. Und dann ist er da, der Tag, an dem mein Sohn wutschnaubend vor mir steht und mir mit tiefster Inbrunst ins Gesicht brüllt: „Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist NICHT MEINE ECHTE MUTTER!!!!!“

Ich schlucke erst einmal und halte die Worte zurück, die ich darauf vielleicht genauso impulsiv wie mein Sohn hätte antworten wollen. Ich gucke ihn ein paar Momente an und verlasse das Zimmer. Innerlich gehe ich die Treppe herunter, von der so viele Traumtherapeuten sprechen, zähle nicht bis zehn, sondern bis zwanzig und dann auch noch einmal rückwärts. Ich konzentriere mich nur auf meinen Atem. Und dann kommt mir plötzlich in den Sinn, dass ich nun die Chance habe, mich endlich einmal wirklich so zu verhalten, wie es diese unzähligen Ratgeber einem immer sagen, man es aber ganz ehrlich im Eifer des Gefechts dann doch nicht immer hinbekommt. Ich gehe zurück zu meinem Sohn, bleibe ganz ruhig, bringe ihm sein Wasser und seinen Snack, um den es vor dem Streit und seinem Wutausbruch ging und erwähne seinen wütenden Ausruf mit keiner Silbe. Verdutzt schaut er mich an, denn es ist wahrscheinlich wirklich das erste Mal, dass ich auf seinen Wutausbruch gar nicht eingehe. Ich spiele das Spiel nicht mit, ich tanze den Tanz nicht mit. Denn er würde uns beide nur verlieren lassen. 

Erst am Abend in einem ruhigen Moment greife ich das Thema der echten Mutter wieder auf. Ruhig erkläre ich Maxim, dass er eben zwei Mütter hat, das ist etwas besonderes in dem Sinne, dass er damit anders ist als die meisten Kinder in seiner Klasse. Aber ich könnte sehr gut verstehen, dass ihn das wie so vieles andere auch manchmal unendlich wütend und traurig macht. Seine russische Mutter habe ihm das Leben geschenkt – wofür wir ihr sehr dankbar sind – und ist insofern seine echte Mutter, ich bin die Mutter, die ihn ins Leben begleitet und immer für ihn da ist So bin ich auch seine echte Mutter. Es gäbe eben kein echt und unecht oder kein richtig und falsch. Wir beide wären seine Mütter, aber mit unterschiedlichen Aufgaben. Wie so oft hörte mein Sohn mir nur stumm zu, doch ich merkte, dass es in ihm anfing zu arbeiten….

Ganz ehrlich, das ist kein schönes Gefühl, wenn das eigene Kind sich vor einem aufbaut und aus tiefster Überzeugung mit unendlich viel Wut in der Stimme brüllt „Du bist nicht meine echte Mutter.“ Wenn „ECHT“ gebären und ins Leben bringen heißt, worauf sich das Mutterverständnis meist reduziert, dann wäre es tatsächlich so, dass ich nicht Maxim’s echte Mutter bin, auch wenn ich mir bis heute so sehr wünschte, es gewesen zu sein, um ihm all dieses Leid, dass ihn bis heute in mancherlei Hinsicht noch prägt, erspart haben zu können. Doch das Schicksal wollte es anders. Und es schmerzt, mit all den anderen Mutterqualitäten, mit denen ich meinen Sohn versuche ins Leben zu begleiten, ihm nur so schwer und so langsam diesen Schmerz, Wut und Trauer zu nehmen. Es kommt mir ein wenig vor, als könnte all das, all diese Liebe und Fürsorge nicht oder manchmal nur kaum dieses eine aufwiegen. Das nagt in mir. Immer noch und immer wieder.

Aber auf der anderen Seite war ich sehr stolz auf mich, mit meinem Sohn eine neue Erfahrung für mich gemacht zu haben, eben nicht auf seinen Beziehungskampf einzusteigen, nicht mit ihm zu tanzen, sondern ganz ruhig zu bleiben und an einer ganz anderen Stelle und zu einem ganz anderen Zeitpunkt das Thema mit ihm zu klären. Sein überraschtes Gesicht sprach Bände: „Da reagiert doch die Mama nicht so, wie ich es von ihr gewohnt bin…“ Es scheint, als wären wir erneut ein Stück weiter gerückt in der Entwicklung unserer Beziehung. 

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (131)

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Eigentlich wollte ich nicht schon wieder mit den Worten beginnen: „Erneut liegt eine volle und dichte Woche hinter uns…“ Aber irgendwie ist es so im Moment. Erst recht, wenn ich noch mehr arbeiten muss, als ich geplant hatte, da ich von erkrankten Kolleginnen Stunden übernehmen muss. So bleibt dann doch einiges auf der Strecke. Ich hoffe, das wird sich bald wieder ändern. Dennoch war es eine gute Woche, in der ich zumindest auch für mich ein paar Dinge erledigt habe: lang vor mir hergeschobene Arzttermine, um mich um meine eigene Gesundheit und mein Wohlbefinden zu kümmern, der Besuch auf dem russischen Konsulat, um lang aufgeschobene Formalitäten zu klären, Ausmisten von unliebsamen Ecken im Haus, die ich sonst hätte wegen Überfüllung schließen müssen und das ein oder andere mehr. So bin ich an diesem Sonntag dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Nach langen Odysseen bei unterschiedlichsten Ärzten wegen Maxim’s Kopfschmerzen waren wir in dieser Woche noch einmal bei zwei Kontrollen. Auch diese haben uns nicht wirklich weiter gebracht, außer, dass wir nun definitiv wissen, dass die Kopfschmerzen keine organischen Ursachen haben. Als der Kinderneurologe uns abschließend „nur“ Yogakurse für Kinder empfahl, musste ich doch ein wenig müde lächeln und beschloss nun endgültig, meinen bzw. unseren eigenen Weg weiter zu gehen. Für mich hat sich in den vergangenen Wochen bestätigt, dass Maxim’s Kopfschmerzen ihre Ursache in starker, zu starker Anspannung haben, die er einfach in für ihn belastenden Situationen sehr schnell erreicht. Für mich bleibt daher das einzige probate Mittel, meinen Sohn (auch therapeutisch) darin zu bestärken, zu lernen mit Stress und Anspannung anders umzugehen. Es bleibt einfach dabei, wir müssen mit unseren Kindern unseren eigenen Weg gehen. Und ich bin froh, dass ich an anderen Stellen immer wieder neue Impulse finde, die mich darin bestärken.
  2. Nadeschda lebt einmal wieder verstärkt ihre Anstrengungsvermeidung aus. Das tägliche Üben ist zuweilen eine große Herausforderung. Doch dann gibt es immer wieder diese kleinen Momente und Augenblicke, wo sie sich aus der Anstrengungsverweigerung befreien kann und tatsächlich auch Lernerfolge hat, und vor allem wo sie selbst sie sieht und wahrnimmt. Wie hat sie sich doch diebisch gefreut, dass sie nun endlich die 5er und die 6er Reihe des kleinen 1×1 kann! Ich hoffe, dass sie diese Momente bestärken, weiter zu kämpfen…
  3. Mit all den kranken Menschen um mich herum, bin ich heute dankbar, dass ich bis auf eine leichte Nasennebenhöhlenentzündung bisher verschont worden bin von härteren Infekten oder Krankheiten in diesem Jahr. Als ich dann noch die Beiträge von Sunnybee zu „Krank mit Kind?“ und Claire von mamastreikt zu „Unterhalt: Würde dann vom Amt kommen…“ gelesen habe, bekam „Gesundheit“ für mich noch einmal eine andere Dimension. Zum einen würde sicherlich mein Mann im Ernstfall einspringen, auch wenn dies in unserer Familienzeit bisher nur ein- oder zweimal vorkam, da ich sonst auch eher zu der Kategorie Mutter gehöre, die Infekte und Erkrankungen wegdrückt. Ich stehe also nicht ganz alleine da. Dafür kann ich durchaus dankbar sein. Zum anderen bin ich nicht nur dankbar, von größeren Erkrankungen in diesem Jahr bisher verschont zu sein, sondern auch grundsätzlich von größeren und kleineren Katastrophen. Möge das so weiter gehen…

Habt einen erholsamen Sonntag, einen guten Start in die neue Woche, und bleibt (oder werdet wieder) gesund!

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Von der Wut und der Angst, die dahinter steckt… – neue Sichtweisen auf die Folgen von Traumatisierung

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Von einem Buch, von dem ich wünschte, ich hätte es schon vor Jahren gelesen..

Viel habe ich in den vergangenen Wochen wieder über Traumatisierung und ihre Folgen bzw. Auswirkungen auf die Kinder und ihr Lernverhalten in der Schule gelesen. Begeistert erzählte ich am Wochenende einer Freundin davon, denn uns beide vereinen die Sorgen um die schulische Entwicklung unserer Kinder und der tägliche Kampf gegen die eigenen uns manchmal übermannenden Ängste und das tägliche Ringen mit unseren Kindern, zuhause das nachzuholen, was sie in der Schule aufgrund ihres nach wie vor traumatisierten Zustandes nicht mitbekommen, geschweige denn verinnerlicht haben. Häufig endet gerade dieses Ringen in Wutanfällen, häufig stellt das tägliche Lernen und Üben für die Schule einen extremen Kraftakt dar. – Bei uns inzwischen zwar immer weniger, aber die Momente, in denen die Stimmung kippt, und der Machtkampf droht, gibt es immer noch. Ich hatte gelernt, dass das so ist, in einem Leben mit einem anstrengungsverweigernden Kind. Genauso wie ich weiß, wo die Ursachen der Anstrengungsverweigerung liegen.

Doch es gibt zwei Bücher, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe, die noch einmal meine Sicht auf die Dinge verändert haben. Ja, da ist sehr viel Wut in meinen Kindern. Unbewusste, nicht benennbare Wut. Wut, die mit der Trauer um den Verlust oder das Verlassen werden durch ihre russische Mutter zu tun haben. Trauer um den Verlust einer behüteten frühen Kindheit, die meine beiden Kinder nie gehabt haben. Eine Wut, die die wunderbare Sherrie Eldridge erst in der vergangenen Woche wieder einmal so treffend beschrieben hat. Dennoch es gibt auch eine etwas andere Sicht auf die Dinge, die mir noch einmal die Augen geöffnet hat. Und mir hat so vieles noch einmal klar werden lassen. Zunächst las ich von Heather Forbes „Help for Billy“. Hier schildert die amerikanische Autorin, die selbst zwei Kinder aus Russland adoptiert hat, warum traumatisierte Kinder so schwer in der Schule lernen können, und wie Lehrer mit diesen Kindern umgehen sollten. Primär ist es eine praktische Anleitung für Lehrer. Aber grundsätzlich macht Heather Forbes sehr deutlich, warum gängige Unterrichtspraktiken bei traumatisierten Kindern nicht greifen. Vieles war mir schon bewusst oder ich hatte es anderer Stelle gelesen, doch die Klarheit und Deutlichkeit, mit der sie das formuliert, war mir neu. Spannend war für mich vor allem ihr Ansatz, dass alles, was das traumatisierte Kind tut – gemeint ist vor allem jedes auffällige Fehlverhalten -, aus einer tiefen schmerzhaften Angst passiert, aus der Angst, nicht überleben zu können. So ähnlich, wie ich es schon in meinen Post „Mehr als Manipulation, es geht um’s Überleben…“ angedeutet hatte. Doch in dieser Deutlichkeit, dass sich hinter Verweigerung, Aggression, Wut, Lügen, Stehlen, Trotz, etc. immer nur die Angst steht, hatte ich bisher in dieser Klarheit nicht gelesen.

Das wurde mir erst bewusst und hat in mir selbst noch einmal ein Umdenken in Bewegung gesetzt, als ich Heather Forbes‚ 2. Buch bzw. eigentlich erstes Buch „Beyond Consequences, Logic, and Control“ gelesen haben, in dem sie sich ausschließlich an die Eltern traumatisierter Kinder richtet. Gemeinsam mit ihrem Co-Autor entwickelt sie ein Stress-Modell, aus dem hervorgeht, dass jegliches auffälliges Verhalten eines traumatisierten Kindes auf Angst zurückzuführen ist. Entlang dieses Modells führt sie im folgenden in ihrem Buch aus, warum Verhaltensweise, wie Aggression und Trotz, aber auch Stehlen, Lügen, Horten von Essen und fehlender Blickkontakt immer auf eine tiefe darunterliegende Angst, wieder verlassen zu werden, wieder Hunger zu erleiden, wieder nicht geliebt zu werden zurückzuführen sind. Für die annehmenden Eltern gilt es, nicht in den bisher propagierten Erziehungswegen diesen Kindern diese Verhaltensweisen „abzutrainieren“, sondern die Angst dahinter zu sehen und das Kind mit dieser Angst in bedingungsloser Liebe anzunehmen und zunächst alles daran zusetzen, dem Kind diese Angst in der Situation zu nehmen.

Besonders bewegend ist ihr dem vorangestelltes Kapitel, in dem sie aufzeigt, dass traumatisierte Kinder auch die eigenen Traumata der Eltern berühren und wieder wachrufen. Und sie deshalb die berühmten Köpfchen drücken. Aber auch hier wieder, sie tun dies nicht manipulativ, sondern es wird beim Lesen deutlich, dass das eigenen Trauma etwas ist, das wir Eltern vielleicht in uns tragen. Unsere Kinder reagieren nur darauf bzw. unser eigenes Trauma lässt uns vielmehr so – eben nicht immer adäquat und in der Emotionalität viel zu stark – auf das Verhalten unseres Kindes reagieren. Ich wusste, was gemeint war, als ich mich an meines eigene Wut erinnerte, die ich immer gespürt habe, wenn ich das Gefühl hatte, ich würde auf Maxim einreden, wie auf einen kranken Gaul, er aber gar nicht reagierte. Nicht reagieren, mich ignorieren, war das schlimmste was mir passieren konnte. Denn dieses Nicht gesehen werden, war mein eigenes Kindheitstrauma. Erst mit dem Tod meines Vaters vor ein paar Jahren und mit dem inneren Abschließen mit dem Verhältnis zu meiner Mutter schwand diese alte Wut. Und ich lernte mit Maxim’s Ignorieren anders umzugehen.

Am Wochenende habe ich zu meiner Freundin gesagt: „Vergiss alle andere Adoptionsliteratur, vergiss alle Bücher über Bindungstheorien bei traumatisierten Adoptivkindern. Lies dieses eine Buch. Ich habe beim Lesen gedacht, warum habe ich es nicht schon vor acht Jahren gelesen. Es hätte mir viel Leid und Kampf erspart.“

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Mehr als Manipulation, es geht um’s Überleben – Anstrengungsverweigerung ist kein gezieltes, absichtliches Verhalten

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Photo by Patrick Fore on unsplash.com

Viel beschäftige ich mich gerade einmal wieder mit den Folgen von Frühtraumatisierungen und welchen Einfluss diese auf das Lernverhalten von Kindern haben. Mir schwirren wieder die Situationen mit meinen Kindern auch den Kopf: Nadeschda versucht augenscheinlich, von den Übungsaufgaben abzulenken, in dem sie mir von 38 Begebenheiten in der Schule erzählt, die gerade ja so viel wichtiger sind. Im Rechenförderunterricht verwickelt sie die Lehrerin in ein Gespräch und dabei geht erfolgreich unter, dass sie ja eigentlich die Stufen im Treppenhaus zählen soll. Beim Zahlen zerlegen wickelt mich Nadeschda erfolgreich um den Finger, in dem sie anstatt die Zahlen zu überschlagen, auf Englisch zählt. Maxim starrt beim Üben Löcher in die Luft, oder spielt lieber mit seinen Stiften. Seine Buntstifte sind immer aussergewöhnlich gut gespitzt, Beim Trompete üben gibt er gerne seinem Vater „Privatkonzerte“. Klar, dann fällt nicht unmittelbar auf, dass er die Stücke, die er eigentlich üben soll, gar nicht gespielt hat. Genauso gehen mir meine eigenen Ausrufe und die anderer befreundeter Adoptivmütter auch den Kopf, wenn es einmal wieder schwierige und vielleicht sogar eskalierte Hausaufgabensituationen gab: „Da hat er (oder sie) einmal wieder erfolgreich die Köpfchen bei mir gedrückt.“ 

Das alles suggeriert Absicht und bewusste Manipulation. Klar, aus einer seelischen Not heraus geboren. Dass es aber weder das eine noch das andere ist, wurde mir erst wieder bewusst, als ich einen der letzten Blogbeiträge von Mike Berry von confessionsofanadoptiveparent las. In „Her behavior isn’t manipulation, it’s survival!“ schildert er sehr eindrucksvoll und plakativ, warum ein wie auch immer geartetes anstrengungsvermeidendes Verhalten eben gar keine geplante und beabsichtigte Manipulation oder Ablenkung sein kann.  

Sehr vereinfacht dargestellt (und mit Sicherheit wissenschaftlich betrachtet nicht ganz korrekt), passiert etwa das Folgende: Das Großhirn ist verantwortlich für das rationale Denken – und damit Handeln, das Verarbeiten von Informationen und Wissen, das logische Denken, vorausschauende Planung und Struktur. Das Limbische System ist verkürzt gesagt das emotionale Zentrum des Gehirns. Hier spielen sich auch die schützende Prozesse von Flucht oder Kampf ab. In der Amygdala  sind alle vitalen Funktionen und damit der natürliche Selbsterhaltungstrieb des Menschen angesiedelt. Sie verarbeitete externe Impulse und leitet daraus die vegetativen Reaktionen ab. In der Regel ist das Großhirn der dominierende Teil, der das limbische System und die Amygdala kontrolliert und steuert. Fühlt sich ein traumatisiertes Kind allerdings bedroht und lebt ohnehin aufgrund der traumatischen Erfahrungen in einem dauerhaften Zustand von Stress und Erregung, dann kontrolliert nicht mehr das Großhirn seine internen Prozesse und reguliert seine Gefühle und Reaktionen. Es ist ausgeschaltet, und allein das limbische System und die Amygdala übernehmen. Das Verhalten, was dann ein traumarisiertes Kind zeigt, ist allein von Emotionen gesteuert und der archaische von jeder Hemmung befreite Kampf ums Überleben ist aktiviert. 

Insofern kann es gar keine Absicht oder geplante Manipulation sein, oder ein Verhalten, was gezielt und „strategisch“ darauf abzielt, einer Situation aus dem Wege zu gehen, oder eine Anstrengung in welcher Form auch immer zu vermeiden. Das wären ja Vorgänge im Großhirn. Doch dies hat in Stresssituation vor dem Einfluss von limbischem System und Amygdala kapituliert. Jegliches rationale und abwägende Denken ist in diesen Momenten ausgeschaltet. Allein der Kampf ums Überleben steht im Vordergrund. Und dafür ist – verständlicherweise – jedes Mittel recht.  

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (122)

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Photo by Michal Prucha on unsplash.com

Wohlbehalten sind wir gestern Nacht aus den Schweizer Bergen zurückgekehrt. Auf mich warten nun gefühlt 10 Waschmaschinenladungen Wäsche, die noch heute vor dem Schulanfang morgen gewaschen werden wollen. Und müssen. Denn der Kleiderschrank meiner Kinder reicht nun leider nur für eine Woche. Insofern herrscht dort gerade gähnende Leere. Ich könnte sie jetzt gar nicht zum Anziehen treiben. Denn da ist nicht wirklich etwas außer ein paar kurzen Hosen und Sommerkleidchen – die nicht wirklich zu den aktuellen Temperaturen passen. Während also meine Waschmaschine ihren ersten Dienst tut und der Rest des Hauses noch schläft, sitze ich nun hier und denke in Dankbarkeit an diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Die Zeit, die wir in der vergangenen Woche als Familie verbracht haben. Vor allem das gemeinsame Rodeln war großartig! Ich bin so froh, dass Nadeschda ihre Angst nach dem Lawinenurlaub im vergangenen Jahr, nachdem sie ja auf keinen Berg mehr hinauf wollte, überwunden hat, und mit uns hochgefahren ist, um dann mit dem Schlitten 5 Kilometer ins Tal zu „rasen“… Genauso wie unsere Spieleabende. Solange Maxim die „Bank“ war und damit der Chef, ging das wunderbar.
  2. Schlittschuhlaufen mit beiden Kindern.Wir haben es tatsächlich geschafft: Wir waren Schlittschuhlaufen! Mehrmals! Und es war zauberhaft!
  3. Dennoch recht viel Zeit zum Lesen und für mich zu haben. Ich bin einfach früh aufgestanden und habe die frühen Morgenstunden für mich genutzt. Auch wenn es eher berufliche Lektüre war, aber dennoch, so fühle ich mich immerhin gut vorbereitet auf meine nun in der kommenden Woche startende Theaterproduktion an der Schule und mein Buchprojekt, das nun in den kommenden Wochen ebenso in Angriff genommen werden muss. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich „Meister und Margarita“ erst einmal wieder zur Seite gelegt habe.  Es brachte mir dann nicht die gewünschte Ablenkung und Entspannung, neben all der Fachliteratur zu Traumatisierung und ähnlichem. Stattdessen begleitete mich „Altes Land“ von Dörte Hansen. Das hatte ich einfach mal gekauft, als ich auf Richard am Flughafen wartete, und niemals zu Ende gelesen. Nun war es dann dran. Da es ein Taschenbuch war, packte ich es einfach noch mit ein. Durch Zufall. Oder Intuition. Egal. Gelohnt hat es sich, auf jeden Fall.

Habt einen erholsamen und ruhigen Sonntag und startet wohlbehalten in die neue Woche.

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Lydia’s Blogparade: „Was darf man Kindern zutrauen?“

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Die liebe Lydia, deren Blog ich sehr gerne lese, weil sie mir die Welt aus einer ganz anderen Perspektive nahe bringt und damit für mich so vieles Selbstverständliche oft in ein anderes Licht rückt, hat zur Blogparade „Was darf man Kindern zutrauen?“ aufgerufen. Gerne mache ich mit und folge Lydias Aufruf. 

Mit Sicherheit motiviert es mich auch mitzumachen, da ich aufgrund der Lebensgeschichte meiner Kinder eine andere Sichtweise vertrete als viele andere Mütter. Denn meine Kinder haben eine harte und schmerzhafte Lebensgeschichte in ihren ersten Lebensjahren erfahren müssen. Sie lebten eben nicht wohlbehütet und umsorgt auf, sondern waren mehr oder weniger wahrscheinlich von Geburt an auf sich selbst gestellt. So können wir heute nur vermuten. Denn all dies spielte sich ab, bevor wir Maxim und Nadeschda im Alter von fast drei und bald zwei Jahren adoptierten. Mittlerweile sind unsere Kinder „groß“ mit zehn und bald neun Jahren. Aber die Wunden der Frühtraumatisierung hallen bis heute nach. Und somit wachsen sie bei uns eben nicht auf wie „normale“ Kinder, sondern sind durchaus im gemeine Sprachjargon überbehütet. Gerne mache ich mich dabei in Diskussionen um Helikoptermütter unbeliebt. Ich bin eine Helikoptermutter aus Überzeugung. Denn das ist es, was meine Kinder bis heute brauchen. 

Was kann ich meinen Kindern zutrauen? – Theoretisch ganz schön viel. So bitter es klingt, ich könnte heute tot umfallen, und meine Kinder würden irgendwie klar kommen. Denn es ist eine Situation, die sie früh in ihrem Leben gelernt haben. Gerade mein Sohn, der ein ausgeprägtes Autonomieverhalten an den Tag legt, wenn man ihn lässt, würde wahrscheinlich – oberflächlich betrachtet – gut zurecht kommen. Er könnte gut Verantwortung übernehmen, würde sich (zu) viel aufbürden, würde es dennoch schaffen. Aber es täte ihm nicht gut, und es tut ihm auch nicht gut, wenn es denn mal in Ausnahmesituationen gefordert ist. Danach folgen heute noch tagelang die Beziehungsanfragen: „Hält mich die Mama? Hält sie mich aus?“ – Und meine Tochter? Sie war fünf Monate alt, als sie von ihrer russischen Mutter getrennt wurde. Bis heute müssen wir so unglaublich viel nachnähren. Seit bald mehr als einem Jahr schläft sie (wieder) bei Richard und mir in unserem Bett, und es ist fast ein Ritual, dass sie nach dem Vorlesen dort zwischen meine Beine krabbelt und in meinem Schritt verharrt. Als würde sie sich innerlichst wünschen, in meinen Bauch zu kriechen, in dem sie (leider) niemals war. Dieses Kind muss so viel umsorgt werden. Noch heute – und Nadeschda wird bald neun Jahre alt – braucht sie jedes Kleinkindhafte Umsorgen, vom Anziehen über das Schultasche packen und dann an der Hand in die Schule laufen bis zum pünktlichen Abholen – oder ein da sein, weil ich ja im Hort arbeite – und einem begleiteten Arbeiten für die Schule. Nur so schafft sie gut ihren Alltag und ihr Leben. Dennoch weiß ich, dass sie all diese Dinge des alltäglichen Lebens auch alleine bewältigen kann. Natürlich kann sie sich alleine anziehen. Natürlich kann sie sich ihr Frühstück selbst zubereiten. – An guten Tagen erwische ich sie oft am Kühlschrank, wo sie sich selbst ihren Jogurt herausholt, oder sie steht am Toaster und wartet auf ihr Brot, um es sich dann selbst zu schmieren. Dann huscht ihr verschmitztes und spitzbübisches Lächeln über ihr Gesicht, als wolle sie mir sagen: „Mama, ich kann das alles. Aber ich will meistens nicht. Ich brauche es noch, dass Du das alles für mich machst.“

Was kann ich also meinen Kinder zutrauen? Dem einen tut die Autonomie nicht gut, die andere braucht noch so viel Mutterliebe und -fürsorge, dass es mir so oft scheint, es wäre ein Fass ohne Boden. Denn nur mit all dieser Fürsorge haben meine Kinder eine Chance zu heilen: Ihr Trauma zu überwinden, den Schmerz und die Trauer, die Wut des Verlassenseins aus der frühesten Kindheit zu verarbeiten und irgendwann einmal anders damit umzugehen.

Also traue ich meinen Kindern mit Blick auf eine Alltagskompetenz erst einmal wenig zu. Denn ich weiß, dass es am besten ist, wenn sie sich um nichts kümmern müssen und „Mama“ einfach da ist. Nur so fühlen sie sich behütet, sicher und umsorgt. Nur so können sie wachsen und sich entwickeln. Dennoch weiß ich, dass ich genauso die Pflicht und die Aufgabe habe, meine Kinder auf das Leben vorzubereiten und sie dahin zu bringen, dass sie tatsächlich einmal in der Lage sind, ihren Alltag alleine zu bewältigen. Und das ist der schmale Grat auf dem wir uns bewegen. 

Ich erinnere ich mich an eine Situation vor ein paar Jahren mittlerweile. Maxim war zum Geburtstag eingeladen bei einem Freund im Ort – seinem bis heute ersten und seelenverwandten Freund noch aus Kindergartenzeiten. Nadeschda war krank und lag schlafend auf dem Sofa, als es für Maxim Zeit war zu gehen bzw. es Zeit war, dass ich ihn zu seinem Freund bringe. Ich war im ersten Moment etwas ratlos, wollte Nadeschda nicht aufwecken, aber auf der anderen Seite musste Maxim ja zu diesem Geburtstag. Da sagte mein Sohn: „Mama, ich kann doch auch alleine zu Karl laufen.“ Wie Recht er hatte! Es war ja wirklich nur die Straße rauf. So machten wir das dann auch. Und es war gut. Denn es war auch ein Stück weit eine gesunde Eigenverantwortung, die Maxim sich in diesem Moment selbst gewählt hatte.   

So versuchen wir seitdem, in kleinen wohlgewählten Dosen, unsere Kinder an Verantwortung in ihrem Alltag heranzuführen. Pflichten und Aufgaben im Haushalt zu übernehmen, selbstständig an Dinge zu denken und diese auch zu erledigen. – Erschwerend kommt allerdings hinzu, dass wir auf dem Land leben und meine Kinder nicht die örtliche Schule besuchen. So ist unser Leben ohnehin davon dominiert, dass ich eh meine Kinder überall hinbringen muss. (Öffentliche Verkehrsmittel fallen qua schlechter Infrastruktur aus.) Wir fahren sie zur Schule, wir holen sie dort ab, wir bringen sie zu ihren Freunden, wir fahren zu den Freizeitaktivitäten, die eben alle auch nicht in unserem Ort sind. Diese Form der Unselbstständigkeit haben wir uns sozusagen eingekauft, als wir uns für die Waldorfschule entschieden haben, die mittlerweile unser Lebensmittelpunkt ist. – Nach den Jahren des vollständigen Umsorgtseins ist das nicht immer einfach. Gerade hier im Skiurlaub gab es eine riesen Diskussion, warum denn nun beide Kinder ihre Koffer selbst auspacken sollten und ihre Anziehsachen in den Schrank räumen sollten. Es ist und wird eine Gratwanderung bleiben. 

Aber am Ende muss ich für meine Kinder feststellen: Zutrauen darf man ihnen eine Menge. Doch ich muss jedes Mal wieder abspüren, ob ihnen das jetzt gut tut oder nicht. Manchmal könnte ich mehr loslassen und ihnen mehr zutrauen. Oft brauchen sie aber immer noch einmal das Quäntchen mehr „Mama“ und Fürsorge als andere Kinder.  

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Anstrengungsverweigerung – Von der alles dominierenden Angst

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Danke an Pixabay

Er kam wie gerufen, der aktuelle Post von Sherrie Eldridge „What adopted and foster kids consider worse than anger“. Wie so oft schildert Sherrie Eldridge sehr ergreifend und klar, wie die übermächtige Angst, die Adoptivkinder aufgrund ihrer traumatisierenden Erfahrungen in ihrem frühen Leben verinnerlicht haben, sie lähmt und blockiert, sie so fest im Griff hat, dass es aus ihr kein Entrinnen gibt. Diese Angst macht nicht nur hilflos und ohnmächtig, sie isoliert und blockiert die Ressourcen, selbstbewusst und selbstbestimmt das Leben in die Hand zu nehmen. Sherrie zählt ein paar Punkte auf, die ihr verwehrt blieben, weil die Angst Überhand nahm: Verabredungen nicht einhalten, Feste absagen, sich nicht in der vertrauten Umgebung von Freunden und Familie entspannen können, vorzugeben, krank zu sein, um dem ersten Schultag nach den Ferien zu entrinnen, …

Es ist genau diese Angst, die meine Kinder  vor allem meine Tochter daran hindert, in der Schule das Potenzial zu zeigen, das sie in sich trägt. Sie kann lesen und schreiben. Aber sie ist so verhaftet in ihrer Angst, zu versagen, oder etwas falsch zu machen, oder vor der Klasse zu stehen, oder sich zu melden und aktiv am Unterricht teilzunehmen, letztlich aber in der Angst, nicht überleben zu können,  dass sie am liebsten unsichtbar sein möchte und verschwinden. Gelingt ihr das in der großen Klasse, ist es gut für sie. Dann kommt sie recht gut durch den Vormittag. Gelingt ihr das nicht und ist sie im Aufmerksamkeitsfokus der Lehrerin, ist sie so blockiert, dass sie fast automatisch vieles falsch macht, was die ohnmächtige Angst erneut befeuert.

Auf Dauer betrachtet, ist es genau diese Angst, die Sherrie beschreibt – und im Amerikanischen macht es der von ihr gewählte Begriff der „gut-level fear“, die Angst, die ganz tief in unserem Bauch sitzt und alles zusammenzieht, so plakativ – die in der Konsequenz zu einem anstrengungsverweigernden Verhalten führt. Nimmt diese Angst überhand, so fühlt es sich an, als wollten wir nur noch um unser Überleben kämpfen.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal ein Bild, dass Bettina Bonus so schön beschrieben hat, wird klar, warum ein Kind im Angesicht dieser Angst nicht mehr der Schule folgen, geschweige denn lernen und arbeiten kann: Stellen wir uns vor, wir laufen durch den Wald und treffen unerwartet auf ein Wildschwein. Wie würden wir reagieren? Im direkten Angesicht der Gefahr zeigen wir drei Reaktionsmuster: 1. Wir bauen uns vor dem Wildschwein auf und brüllen, in der Hoffnung, dass das Wildschwein selbst die Flucht ergreift. 2. Wir nehmen unsere Beine in die Hand und laufen so schnell wie möglich weg. 3. Wir könnten versuchen, mit etwas Futter und zutraulichem Verhalten, das Wildschwein abzulenken. Wenn wir aber spüren, dass diese drei Optionen ausweglos sind, bleibt uns nur 4., starr stehen zu bleiben, in dem Glauben, dass uns das Wildschwein nicht wahrnimmt und weiter seines Weges zieht.

Mit Blick auf das traumatisierte Kind hießen diese vier Reaktionsmuster in der Schule: 1. Das Kind geht in den Angriff, schreit herum, brüllt, geht unter Umständen auf den Lehrer los. 2. Das Kind verlässt fluchtartig den Klassenraum, oder geht erst gar nicht zur Schule, meist unter dem Vorwand, es wäre krank. 3. Das Kind versucht den Lehrer von der eigentlichen Aufgabe abzulenken, wie es meine Tochter zur Perfektion beherrscht. Und 4. – und das ist das häufigste Reaktionsmuster – das Kind dissoziiert im Unterricht, zieht sich zurück und lässt das Geschehen in der Klasse nur noch in einem leisen Grundrauschen an sich vorbei ziehen.