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Charlotte’s Sonntagslieblinge (139)

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Danke an pixabay.com

Während unser Wochenend-Besuch und meine Kinde noch schlafen, nutze ich die Chance, wieder einmal auf eine bewegte Woche zurückzublicken und mich an die drei Dinge zurückzubesinnen, für die ich besonders dankbar bin. Ja, der Alltag hat uns nun nach den Ferien endgültig wieder. Doch arbeitstechnisch war es für mich eine ruhige Woche, oder vielmehr eine konzentrierte. Da ich nun nicht mehr im Hort arbeite – man hat mich freigestellt, um mir die Chance zugeben, mich auf meine neue Klasse ab dem Sommer vorzubereiten -, und ich in dieser Woche auch nicht unterrichten musste, da die Klassen, in denen ich Vertretungsstunden gebe, alle entweder im Praktikum oder auf Klassenfahrt waren, liegt nun eine (fast) reine Schreibtischwoche hinter mir. Ich habe meist an meinem Buch geschrieben, Hausaufgabenhefte korrigiert und tatsächlich eine halbe Epoche für das kommende Schuljahr vorbereitet. Das war gut. Es gab mir nebenher die Gelegenheit, meine Gedanken etwas zu sortieren, und so wird mir nun auch das ein oder andere vor allem auch mit Blick auf meine Kinder wieder bewusster. So bin ich heute dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Ich bin dankbar für den Weg, auf den mich meine Kinder geschickt haben. Ich bin davon überzeugt, dass ich ohne sie nie mein Herz für bedürftige Kinder entdeckt hätte. Heute fühle ich mich manchmal als wäre ich auf einer Mission. Ich will in dieser Welt ein Stück weit mehr Verständnis schaffen für die Folgen von Traumatisierung, gegen die Stigmatisierung und das zu schnelle in Schubladen stecken. Nur weil das Kind nicht in die Norm passt und nicht einfach funktioniert, muss man ihm nicht den Weg der Entwicklung versperren. Im Gegenteil! Es fordert uns alle heraus, besser hinzuschauen, bei uns selbst zu schauen, was es mit uns macht und warum. Und am Ende dem Kind vielleicht zu helfen…..
  2. Maxims und meine Reise nach Moskau war heilsam, in vielerlei Hinsicht. Es war ein guter und gelungener Einstieg in die vielleicht kommende Wurzelsuche. Maxim’s Bedürfnisse scheinen vorerst gestillt zu sein. Er zehrt von den Erinnerungen ohne einen Wunsch nach mehr. Und mir hat die Reise eine Menge Angst genommen. Ich bin bereit für mehr….
  3. Nadeschda hatte einen harten Start in die Woche, einen Schultag, der alle Knöpfchen drückt, um die Überlebensstrategie zu wecken. Da war er wieder der scheinbar unkontrollierbare Zorn. Mir war schnell bewusst, dass etwas vorgefallen sein musste. Doch sie wollte nicht reden, brüllte nur rum. Dankbar war ich in diesem Moment für die Bücher von Heather Forbes, die mich erinnerten, erst die Gelegenheit zu suchen, in der ich meine Tochter „runterregulieren“ konnte und mit ihr reden. Das war dann auch so am Abend, an dem ich dann erfuhr, dass es irgendeinen Vorfall in der Klasse gegeben hatte – welchen wusste Nadeschda nicht mehr, tut auch letztendlich nichts zur Sache – , der dazu führte, dass die Klassenlehrerin die Klasse verlies und nach einer Weile plötzlich eine andere Lehrerin in die Klasse kam. Das hat meine Tochter sehr verschreckt und führte neben vielen anderen Dingen an diesem Montag zu ihrer Stimmungslage. Meine Hand ganz fest haltend schlief sie dann ein und alles war zumindest für die Nacht wieder gut.

Ich selbst bin gespannt, was die neue Woche uns bringt. Nun freue ich mich zunächst auf ein gemütliches Sonntagsfrühstück mit unseren Freunden, die sich langsam aus den Betten schälen. Habt einen wunderbaren Sonntag und startet voller Kraft in die neue Woche!

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„Aber mit Deinen Emotionen bist Du allein…“ – Gedanken zur Wurzelsuche meiner (Adoptiv-)Kinder

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Photo by Yulia Gambold on unsplash.com

Bevor ich mit Maxim nach Moskau flog, war eine liebe Freundin zu Besuch. Zunächst fragte sie: „Und bist Du aufgeregt?“ Ich antwortete zögerlich. Sie setzte nach, oder fasste vielmehr das zusammen, was mir seit Tagen durch Kopf und Bauch ging: „Aber mit Deinen Emotionen bist Du allein….“ Ja, genauso war es, und es war eine Achterbahn der Gefühle, die erst in Moskau endete. 

Auch wenn diese Reise mit Maxim für ein paar Tage nach Moskau auf der einen Seite ein erster Schritt in Richtung „Wurzelsuche“ war, so war es doch hauptsächlich eine kleine „Kulturreise“. Wir besuchten kein Kinderheim, wir kehrten nicht zu alten Plätzen, an denen vor etlichen Jahren wichtige Entscheidungen getroffen wurden, zurück. Wir schauten uns „bloß“ ein wenig Moskau an, tauchten ein in diese unermeßlich große russische Metropole, erlebten ein wenig Russland. Weniger das „typische“, das wirkliche  Russland, das uns in anderen Städten begegnen würde. Dennoch war diese Reise dann doch im Vorfeld mit vielen Emotionen verbunden gewesen. 

Da brachen auf einmal alte Erinnerungen auf, an unsere erste Einreise nach Russland, an die Tage, an denen wir Maxim und Nadeschda zum ersten Mal im Kinderheim begegneten, an unser Gerichtsverfahren, an all die Stempel, die wir sammeln mussten, an die Angst bei der Ausreise in dieser so furchtbar überfüllten Abflughalle, in dieser fast unerträglichen Hitze, die Angst, dass unser Familienplan doch noch einmal scheitern könnte. Nicht zuletzt auch durch mein „gesundheitliches Problem“, dass der eine Arzt neulich ja nicht lösen konnte, und der einzige Arzt hier im Umfeld, der es vielleicht lösen kann, derjenige ist, der mich bei meinen Fehlgeburten operiert hat, wurde wieder die Erinnerung an die Bitternis und den Schmerz über die eigene Kinderlosigkeit wach. Und dann waren da die Gedanken an die Sorgen, ob es mir gelingen würde, meine Kinder, die mir anvertraut wurden, wirklich gut ins Leben zu begleiten. Ja, manchmal ist das Leben mit ihren niemals endenden Bedürfnissen, mit immer neuen Herausforderungen anstrengend. Es kostet Kraft und Energie, die ich vielleicht manchmal gar nicht ausreichend habe. Manchmal fühle ich mich so, wie die wunderbare Sherrie Eldridge es einmal wieder in einem so ehrlichen Post über die Wut in Adoptivkindern geschrieben hat, den ich hier gerne mit Euch teilen möchte. Am meisten hat mich ein Satz berührt, in dem sie von den Adoptivmüttern spricht: „They’re in a war they never chose, in a place they don’t belong, and in an ocean that is life-defying.“ Ja, ich habe diesen „Krieg“ niemals gewollt. Vielleicht ist das Wort auch zu heftig. Es ist ein Kampf, aber kein Krieg, auf den ich mich niemals wirklich vorbereitet fühlte. Auch wenn uns die Bedürfnisse von Adoptivkindern hinreichend im Vorfeld der Adoption geschildert wurden, und ich so viel vorher gelesen hatte, aber wirklich ermessen, was das heißt und was es bedeutet, und wie es sich eben anfühlt, das passiert erst, wenn man tatsächlich drinsteckt, im wahren Leben mit zwei Adoptivkindern. 

So war ich nun auch mit meinen Ängsten und Sorgen vor der Russlandreise alleine. Aber dann gibt es eben doch Freunde, die das irgendwie erahnen und vermuten. Das tat gut. Und am Ende waren die Tage in Moskau mit Maxim mehr als versöhnlich. Viele Ängste lösten sich in Wohlgefallen auf. Angefangen von der Einreise über das Nichtkennen der russischen Sprache und dem sich Zurechtfinden in einer 18 Millionen-Metropole und das sich Bewegen in einer Stadt, die alles andere als sicher gilt bis hin zur Ausreise. Meist ist es heilsam, die Ängste zu konfrontieren und durch sie hindurch zu gehen. Die Einreise war eher unspektakulär, nach kaum 30 Minuten nach Verlassen des Flugzeuges, waren wir eingereist, hielten unsere Koffer in der Hand und standen unserem Fahrer zum Hotel gegenüber. Nach einem Tag hatte ich die russischen Buchstaben wieder alle parat, erinnerte Wörter und begann mich nicht mehr so fremd zu fühlen in dieser unermesslich großen Metropole Moskau. Auch in ihr hat sich seit unserem letzten Aufenthalt sehr viel getan. Erst dachte ich, es wäre meine verklärte Erinnerung. Aber dem war nur bedingt so. Denn mittlerweile hatte das Land auch eine Fussball-WM hinter sich, in dessen Vorfeld sehr viel Geld investiert wurde, um die Austragungsorte schön und sicher zu machen. Und das auch mit Erfolg. Die Innenstadt von Moskau ist heutet so unglaublich sauber und schön. Und eben sicher. Oder zumindest wird das Gefühl von Sicherheit erfolgreich vermittelt. Ja, es gibt viel Sicherheitspersonal und eine hohe Polizeipräsenz, dennoch fühlte ich mich nicht überwacht, sondern eben „beschützt“. Maxim und ich fanden uns gut zurecht, genossen unsere Zeit, nahmen die vielen Eindrücke auf, waren fasziniert und überwältigt. Mit den Tagen kamen wir immer besser zurecht, fanden unsere Wege durch die Stadt, entwickelten immer mehr Entdeckergeist. Gerne wären wir länger geblieben. Doch es war gut, so wie es war. Bei unserem nächsten Besuch werden wir mutiger sein, noch mehr auf eigene Faust erkunden, jetzt wo wir ein erste kleines Gefühl für diese Stadt haben. 

Viel Angst ist gewichen in diesen Tagen, nicht nur vor dieser unberechenbaren 18 Millionen Metropole Moskau, auch vor diesem so unermesslich großen und faszinierenden Land Russland und letztlich auch vor der Suche nach den Wurzeln meiner Kinder…. vielleicht war deshalb auch der Besuch in der Christ-Erlöser-Kathedrale so erhebend und befreiend….

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (136)

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Photo by Waranya Mooldee on unsplash.com

Heile und wohlbehalten sind Maxim und ich nun zurückgekehrt aus der Millionenmetropole Moskau. Was für eine Stadt, so voller Widersprüche, Gegensätze und beeindruckenden Plätzen und Orten. Wir hatten eine gute Zeit, haben viel gesehen und erlebt, viele Eindrücke gesammelt, viel gelernt und erfahren. Es war eine gute Reise, ein gelungener Einstieg in eine wahrscheinlich in den kommenden Jahren folgende ganze Reihe von Reisen in das Geburtsland meiner Kinder. Nun sind wir dankbar für ein ruhiges Osterfest wieder Zuhause. Bevor wir uns bald den Ostereiern und der Suche nach den Geschenken des Osterhasen begeben, bin ich in diesen ruhigen Morgenstunden heute vor allem dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Für die beeindruckenden und gleichzeitig auch beruhigenden Tage in Moskau. Sie haben mir viel Angst genommen vor dem, was uns vielleicht in den kommenden Jahren noch erwarten wird mit Blick auf die Wurzelsuche meiner Kinder.
  2. Für die Zeit mit meinem Sohn alleine. Einmal nur wir beide, weit weg von einer alltäglichen Routine. Das tat gut. Auch wenn wir viel gefangen waren in den überwältigen Eindrücken, die in der so faszinierenden und dann auch wieder anstrengenden Metropole auf uns eingeprasselt sind.
  3. Für die Stärke meiner Tochter, die die Zeit ohne uns mehr als gut und tapfer überstanden hat, und sich dann doch um so mehr gefreut hat, dass Maxim und ich wieder Zuhause waren.

Habt ein wunderbares Osterfest, genießt die sonnigen Feiertage und startet gut in eine neue hoffentlich traumhafte Woche!

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Herkunft (reloaded): Sie spielten ihr eigenes Schicksal…

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Photo by Marco Bianchetti on unsplash.com

Im Frühsommer arbeitete ich für eine Theaterproduktion an der Schule, mit der 8. Klasse. Alle Kinder waren mitten in der Pubertät und sehr mit ihrem eigenen inneren emotionalen und seelischen Umbau beschäftigt. Zwei Jugendliche sind mir nachhaltig in Erinnerung geblieben, denn das Engagement mit dem sie ihre Rollen ausfüllten, zeigte zuweilen eine ganz besondere Art der Besessenheit.

Wir spielten „Oliver Twist“. Für diejenigen, die die Handlung des Klassikers von Charles Dickens nicht vor Augen haben: Eine junge schwangere Frau bricht erschöpft und völlig  ermattet in einer regnerischen Nacht vor einem Waisenhaus zusammen. Sie bringt noch ein Kind, Oliver, zur Welt und stirbt. Oliver Twist lebt fortan in einem Waisenhaus, bis er mit zehn Jahren in die Lehre bei einem Bestatter gehen soll. Von dort flieht er nach London und wird von einer Bande Kleinganoven aufgenommen. Bei seinem ersten eigenen Diebstahl begegnet er dem reichen Mr. Brownlow, der, wie sich später nach vielen Irrungen und Wirkungen herausstellt, Olivers Großvater ist.

Das Mädchen, das die Agnes, Olivers Mutter, spielte, fiel mir zunächst auf, weil sie zunächst so eine ganz fixe Idee von ihrem Kleid hatte. Zunächst tat ich das als „kleinen Mädchen Traum“ ab und ließ sie gewähren. Alle anderen sahen eher ihre Kostüme aus einer kritischen Distanz. Es war fast eher peinlich, so alten „Fummel“ anzuziehen. Auch als sie dann über mehrere Tage mit immer wieder neuen Ideen kam, wie man denn den schwangeren Bauch ausstopfen könnte, wurde ich noch nicht hellhörig. Bei den Proben war sie oft unkonzentriert und wenig bei der Sache. Lediglich der Schrei, den sie in der Geburtsszene ausstoßen musste, saß. Um so überraschter war ich, als „Agnes“ bei den eigentlichen Aufführungen dann ihre Rolle herzergreifend spielte. Wenn sie den Saal hinunter ging zur Bühne – auf dem Weg zum Waisenhaus, spürte man förmlich den Schmerz dieser Welt, der auf ihren Schultern lastete.

Genauso bewegte mich die Darstellung des Mr. Brownlow. Der Junge, der ihn spielte, war mir schon im Unterricht in der 8. Klasse aufgefallen. Nicht weil er nun der Cleverste war, aber er war so über aus bemüht und engagiert, bei mir, weniger bei seinem Klassenlehrer. Wenn ich ihn schon morgens auf dem Parkplatz traf, suchte er immer den Kontakt zu mir, als wollte er mir irgendetwas ganz anderes mitteilen. Die Fürsorge, mit der er als Mr. Brownlow sich um den Waisenjungen Oliver kümmerte, war bemerkenswert. Und in der Schlussszene, in der der Großvater seinen verlorenen Enkel in die Arme schließt, schien es, als würde der Schüler hier einen ganz tiefen eigenen inneren Wunsch zum Ausdruck bringen.

Vor ein paar Tagen nun schaute ich mir die Bilder der Aufführung noch einmal mit einer Kollegin an. Bei einem Foto der schmerzverzerrten Agnes bemerkte ich noch einmal, wie bewundernswert ich ihr Spiel fand. Unser Gespräch driftete zu den beiden Schülern. Als ich feststellte, dass der Schüler, der Mr. Brownlow spielte, so anders sei als sein Bruder, den ich aktuell im Unterricht habe, sagte sie: „Nun ja, die beiden haben ja auch nicht die gleichen Eltern.“ Ich schien wohl zu stutzen, obwohl mir die Antwort klar war, denn sie ergänzte: „Die beiden Jungen sind adoptiert. Und ich meine die „Agnes“ auch.“

Da war mir klar, warum diese beiden Schüler so in ihren Rollen auf der Bühne versunken waren: Sie spielten ihr eigenes Schicksal…

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Wurzelsuche – ein bewegendes Interview mit Irmela Wiemann

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Photo by Annie Spratt on unsplash.com

Just kurz nach der Veröffentlichung meines Posts in der vergangenen Woche zur Suche nach den „Herzwurzeln“, stieß ich auf ein sehr bewegendes Interview mit Irmela Wieman in der Aargauer Zeitung. In „Das Leid wird unterschätzt: Was illegal adoptierte Kinder durchmachen“ schildert die langjährige Adoptionsexpertin Wiemann, warum die Suche nach den Wurzeln und den leiblichen Eltern für Adoptierte so wichtig ist und welche schmerzhafte und eben traumatisierende Folgen die Trennung vor allem von der leiblichen Mutter hat. Es geht dabei nicht nur um illegal adoptierte Kinder, sondern sehr grundsätzlich um alle adoptierten Kinder. Mehr als ein lesenswerter Artikel….

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Auf der Suche nach den „Herzwurzeln“ – Biografiearbeit ist so individuell wie jedes Adoptivkind

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Photo by Annie Spratt on unsplash.com

Zweimal im Jahr organisiere ich Treffen für Adoptivfamilien. Ich finde das wichtig, diesen Familien eine Möglichkeit zu geben, sich in einem ungezwungenen Rahmen auszutauschen. Meist haben wir an diesen Treffen auch immer wieder einen kleinen Seminarteil zu Adoptionsrelevanten Themen für die Eltern. Sei es über die Zusammenarbeit mit der Schule oder die „Anstrengungsverweigerung“ und der Umgang mit dieser oder über den Umgang mit Wut und Frustration. Eine Adoptivmutter, die regelmäßig zu diesen Treffen kommt, stresst nun seit Jahren das Thema „Biografiearbeit“.  Das wäre so wichtig, und wir Eltern müssten unbedingt daran arbeiten, und die Kinder auch. So ein ganzes Wochenende mit ganz intensiver Biografiearbeit in der großen Runde, natürlich Eltern und Kinder aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich habe das immer wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber irgendwie traute ich mich nicht dadran. Irgendwie gab es für mich immer wieder einen Störfaktor. Und nun weiß ich auch warum….

Ohne Zweifel Biografiearbeit ist ungeheuerlich wichtig! Adoptivkinder wollen und sollen irgendwann ihren Wurzeln nachspüren, ihre Geschichte und ihre Herkunft kennen, verstehen und einen eigenen Umgang damit finden. Zu schmerzhaft sind die Wunden, die die Trennung von der leiblichen Mutter gerissen haben und zu omnipräsent die Folgen daraus. Ungeachtet der weiteren Lebensgeschichte, wie vielleicht ein Leben in einem Kinderheim oder die kulturelle Entwurzelung durch die Adoption. In der Euphorie der Adoption geht schnell verloren, was ein Kind auch mit seinem neuen Leben in einem anderen Land alles verliert. Ein Bild hat sich in mein Gedächtnis unlösbar eingebrannt: bei einem der Kinderheimbesuche in unserem Adoptionsprozess sahen wir Maxim, wie er mit seiner Gruppe zu einem Spaziergang aufbrach. Deutlich war zu sehen, wie wohl er sich da fühlte. Glücklich winkte er uns damals von der anderen Straßenseite zu. In diesem Augenblick wurde mir zum ersten Mal bewusst, was wir ihm auch alles mit der Adoption nahmen.

Dass Adoptiveltern sich auch intensiv damit auseinandersetzen müssen, wie Biografiearbeit heilsam eingebracht wird, ist genauso unbenommen. Entscheidend ist, das erforderliche Maß an Sensibilität zu haben, offen mit dem Thema umzugehen, sich selbst mit der Rolle der Adoptivmutter auseinandergesetzt und einen friedvollen und demütigen Umgang mit der leiblichen Mutter gefunden zu haben. Neben ein paar praktischen Werkzeugen, wie man gemeinsam mit seinem Adoptivkind, sich über seine Herkunft und seine Wurzeln und den damit verbundenen Gefühlen auseinandersetzen kann. Vor allem Irmela Wiemann hat hier im Deutschsprachigen Raum Großartiges geleistet. Ihre Ratgeber sind mehr als hilfreich und in meinen Augen Pflichtlektüre für alle Adoptiveltern. Lange habe ich ein passendes Kinderbuch zur Herkunfts- und Wurzelsuche vermisst. Auch das hat Irmela Wiemann gemeinsam mit Schirin Homeier mit „Herzwurzeln“ veröffentlicht.

Jannik ist Pflegekind und lebt erst seid ein paar Wochen bei seiner Pflegefamilie. In seiner Klasse lernt er Ayana kennen, die als Baby von ihren Eltern aus Äthiopien adoptiert wurde. Jannik versucht, in seiner Pflegefamilie anzukommen, aber immer wieder wird er von seiner „Blitzwut“, mit Trauer und Schmerz um die Tatsache, dass er nicht mehr mit seiner Mutter und seinen Geschwistern zusammenleben darf, eingeholt. Ayana ist auf der Suche nach ihren äthiopischen Wurzeln. Auch sie kämpft immer wieder mit Wut und Verzweiflung. Als die Bemühungen ihrer Eltern wieder einmal nicht fruchten, ergreift sie selbst die Initiative und schickt ihren Papagei mit einem Brief an ihre leibliche Mutter nach Äthiopien. In ihrem gemeinsamen Leid freunden sich Ayana und Jannik an und finden beide nach einem langen Weg ihre „Herzwurzeln“ in sich und in ihren Familien. Der Geschichte haben Schiri Homeier und Irmela Wiemann erstmals einen Ratgeberteil für Kinder angefügt, in dem nicht nur die Fachbegriffe aus dem Adoptions- und Pflegewesen kindgerecht erklärt werden, sondern genauso die Konzepte und unterschiedlichen Formen von Elternschaft und Familie. Mit wunderbaren Illustrationen gibt sie den Kindern Hilfestellungen für den Umgang mit diffusen Gefühlen wie etwa der „Blitzwut“ oder der Angst vor weiteren Verletzungen, die eingesperrt ist im „Herz mit den zwei Kammern“. Ergänzt wird das Buch um einen weiteren Ratgeberteil für Erwachsene, in dem Herkunftseltern, Adoptiveltern, aber auch Fachpersonal angesprochen werden.

In den Sommerferien habe ich es nun zum zweiten Mal gelesen. In der Hoffnung, dass vor allem auch Maxim vielleicht darauf anspringt. Tat er aber nicht. Obwohl wir, als er kleiner war, schon immer mal das ein oder andere Kinderbuch, in dem das Thema Adoption kindgerecht dargestellt wird, gelesen haben. Obwohl das Thema „Herkunft“ gerade wieder in den vergangenen Wochen wieder sehr präsent ist.

Maxim ist im „Russlandfieber“. Er will russisch lernen, er liest Geschichten über Moskau, er erkämpft sich selbst im Moment das russische Alphabet Buchstabe für Buchstabe. Und am liebsten will er schon morgen nach Moskau fliegen. Kaum kann er es erwarten, dass endlich sein russischer Pass neu ausgestellt ist. Nadeschda hingegen zeigt entweder gar kein Interesse oder vehemente Ablehnung: „Mama, ich will keinen russischen Pass. Der ist nur für die Babys, die daher kommen. Ich brauche das nicht. Und ich will das nicht. Und wenn ich Nein sage, dann heißt das auch Nein. Verstanden?“ Was beiden gemein ist, dass sie keinerlei Regung zeigen, nach ihrer russischen Mutter zu suchen. Maxim will seine russischen Wurzeln kennenlernen, versinnbildlicht mit dem Roten Platz in Moskau. Da will er hin. Aus den Büchern hier zuhause hat er inzwischen nahezu jedes Denkmal und Gebäude, das sich um den Roten Platz formiert, verinnerlicht. Doch weder seine Geburtsstadt, noch das Kinderheim, oder seine biologischen Wurzeln scheinen ihn zu interessieren. Doch bei näherer Betrachtung spürt er, dass er an diese Wunden nicht ran will. Das schafft er noch nicht. Mit seiner doppelten Elternschaft will er sich noch nicht auseinandersetzen. Auch Nadeschda hat das für sich wieder ganz weit unten in ihrem Inneren vergraben, nachdem es im vergangenen Herbst einmal für kurze Zeit aufflammte, aber von außen an sie herangetragen. Und ihre Reaktion damals war deutlich, dass sie sich damit nicht auseinandersetzen wollte.

Da wurde mir noch einmal bewusst, dass Biografiearbeit und das Auseinandersetzen mit der Herkunft ein sehr individueller Prozess ist. Es geht eben nicht nur darum, einen Ratgeber zu lesen, ein Seminar zu besuchen, um dann anschließend ein „Lebensbuch“ mit seinem Adoptivkind zu basteln, ein Bild der leiblichen Mutter zu malen und ihr einen Brief zu schreiben und dann irgendwann, wenn das Kind es wünscht, in sein Herkunftsland zu reisen und möglicherweise die leibliche Mutter zu suchen. Das ist alles wichtig! Und Adoptiveltern brauchen die professionelle Unterstützung und die Impulse, die eben vor allem Irmela Wiemann setzt. Doch danach ist es in meinen Augen ein sehr individueller Prozess, wie die Biografiearbeit zuhause in der Familie gestaltet wird. Sie muss meiner Meinung nach so individuell sein, wie die Lebensgeschichte eines jeden Adoptivkindes und auch so individuell und einzigartig, wie der Umgang des Kindes mit seiner Geschichte ist. Das sehe ich bei meinen eigenen Kindern. Sie haben dieselbe russische Mutter, sie teilen einen Großteil der Geschichte, auch bevor sie zu uns kamen. Aber beide haben einen ganz eigenen Umgang damit. Einen Umgang, der mich eben nicht die Ratschläge wie „Projekte“, wie die Fachliteratur sie vorschlägt, Checklistenartig bei meinen Kindern abarbeiten lässt.

Wie individuell jedes Adoptivkind mit seiner Geschichte umgeht, sehe ich auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Manche Adoptivkinder möchten unbedingt zurück in das Kinderheim fahren, aus dem sie kommen. Andere lehnen ihren russischen Namen ab mit der Begründung, sie haben an ihn keine schönen Erinnerungen. Entscheidend ist am Ende, dass wir als Eltern unseren Kindern die Offenheit deutlich zeigen, dass sie mit uns Adoptiveltern über ihre Herkunft und ihre Geschichte sprechen können, dass sie aber das Tempo und den Weg und auch den Inhalt bestimmen. Denn vor allem ist es ihre ganz persönliche Geschichte mit ihren ganz persönlichen traurigen Gefühlen. Einfühlsam und in meinen Augen auch nur ganz privat im Kreise der Familie sollte es den Raum geben, wo unsere Adoptivkinder sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen dürfen, wann und wie sie wollen. Und so, wie es für sie heilsam und gut ist.

 

Informationen zu „Herzwurzeln“:

„Herzwurzeln“

Schirin Homeier und Irmela Wiemann

Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt a.M. 2016

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Von Herkunft und Heimat (3) – Wurzelsuche bei Adoptivkindern

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In Vorbereitung auf ein Seminar mit Adoptivfamilien sagte eine Bekannte zu mir neulich: „Schauen Sie doch als Einführung einen Film.“ Ich zögerte und entgegnete: „An welchen haben Sie denn gedacht?“ „Lion! – Er zeigt sehr schön, wie unterschiedlich Adoptierte auf ihre Wurzelsuche reagieren. Der eine ist von vorne herein „problematisch“, negiert dann aber die Suche nach seiner Herkunft. Den anderen, überaus angepasst, erwischt seine Wurzelsuche mit voller Vehemenz und schickt ihn auf eine emotionale Achterbahnfahrt. Man steckt nicht drin, was die Wurzelsuche mit adoptierten Kindern einmal macht. Und darauf müssen Adoptiveltern vorbereitet sein.“

Noch einmal zur Erinnerung: Basierend auf einer wahren Begebenheit, erzählt „Lion“ von der Suche nach dem Geburtsort und der Mutter des indischen Jungen Saroo. Chronologisch erzählt der Film seine Geschichte. Der fünfjährige Saroo versucht gemeinsam mit seinem älteren Bruder Guddu, die alleinerziehende Mutter nach Kräften zu unterstützen. Eines Abends bleibt der kleine Junge bei der Nachtarbeit jedoch schlafend am Bahnhof zurück – und steigt später in einen Zug, mit dem er ungewollt in die 1600 Kilometer entfernte Metropole Kalkutta fährt. Nach einer von Bedrohungen begleiteten Zeit auf der Straße landet Saroo in einem Waisenhaus. Da er weder die korrekte Bezeichnung seiner Heimatstadt noch den richtigen Namen seiner Mutter nennen kann, wird er zur Adoption freigegeben – und kommt so nach Tasmanien zu dem fürsorglichen Ehepaar Sue und John Brierley, welches bald darauf noch ein weiteres Kind aus Indien adoptiert, den schwer traumatisierten Mantosh. Zwei Dekaden später zieht Saroo nach Melbourne, wo er Hotel-Management studiert. Auf einer Studentenparty entdeckt er die indische Süßigkeit Jalebi, die ihn unmittelbar in seine verdrängte Kindheit zurück katapultiert. Als Saroo seiner neuen Clique von seiner Vergangenheit berichtet, ermutigen ihn seine Freunde, mit Hilfe von Google Earth sich auf die Suche zu begeben. So fängt er an, Berechnungen über seine damalige Zugfahrt anzustellen und seinen einstigen Wohnort zu suchen. Nach Jahren der Recherche findet er tatsächlich seinen Geburtsort und reist dorthin, um seine leibliche Mutter zu suchen und zu finden.

Ich habe den Film gesehen und bin gerade in den letzten Zügen des Buches, auf dem der Film basiert. Beides hat mich auf der einen Seite sehr mitgenommen und auf der anderen Seite sehr berührt. Auch wenn Saroos Geschichte wenig mit der meiner eigenen Kinder zu tun hat. Gemeinsam ist ihnen lediglich die Erfahrung der Adoption. Und Indien als Herkunftsland macht Saroos Lebensgeschichte auch noch einmal anders besonders, wie wir ja auch in der Dokumentation „Die Reise meines Lebens – Ruby sucht nach ihrer Mutter“  sehen konnten.

Dennoch, die Szenen, in denen der kleine Saroo nach seiner Mutter sucht und nach ihr fragt, er sie schmerzlich vermisst, während er schutzlos durch Kalkutta irrt, zerreissen einem das Herz. Zumal ich nachempfinden kann, dass es meinen eigenen Kindern in gewisser Weise auch so ergangen sein muss. Wie oft werden sie irgendwie nach ihrer russischen Mutter gerufen haben, als sie im Krankenhaus und später im Kinderheim waren. Werden diese Bilder irgendwann einmal wieder in ihnen hochkommen. Werden sie genauso von Flashbacks heimgeholt, die sie an ihre ersten Lebensjahre oder -monate erinnern? Wie werden sie dann damit umgehen? Wollen sie überhaupt damit umgehen? In der Therapie, die beide gemacht haben, kamen an der ein oder anderen Stelle im Unterbewussten bereits Erinnerungen hoch, ohne dass die Kinder sie kognitiv zuordnen konnten. Aber beide haben zu unterschiedlichen Zeitpunkten die Herausnahme aus der Familie nachgestellt. Bewusst schieben sie alles andere weg. Auch wenn Maxim von seiner russischen Mutter spricht, so hat er keine konkreten Erinnerungen. Oder er will sich selbst mit diesen nicht konfrontieren, wie in der letzten Woche schon hier  geschrieben.

Im Gegensatz zu Saroo wissen wir, woher unsere Kinder kommen. Wir haben einen Geburtsort und wir haben die Namen der Eltern. Werden Maxim und Nadeschda sich irgendwann auf die Suche ihrer Wurzeln begeben wollen, beginnen sie nicht bei Null. Sie müssen sich nicht auf nebulöse Erinnerungen verlassen und versuchen diese faktisch zu rekonstruieren. Das würde es ein wenig leichter machen, auch wenn das logistische Abenteurer einer Spurensuche in Russland bleibt. Ob unsere beiden Kinder das überhaupt wollen, steht auf einem anderen Blatt. Das wird die Zeit zeigen. Wir als ihre Adoptiveltern können ihnen dann nur helfen und ihnen zur Seite stehen, ihnen frühzeitig zeigen, dass wir auch bei der Wurzelsuche für sie da sind und sie unterstützen, wo es nur geht.

Doch, das hat der Film auch sehr schön gezeigt, auf die Suche machen sich adoptierte Kinder dann oft alleine, ohne ihre Adoptiveltern. Es fällt ihnen schwer, diese mit einzubeziehen. Nicht, weil vorher die Adoption tabuisiert wurde – das war in der Vergangenheit einmal -, sondern weil sie ihre Adoptiveltern nicht verletzen wollen. Noch liegt die Wurzelsuche meiner Kinder in weiter Ferne, doch sie wird kommen, dessen bin ich mir gewiss. Wie sie sich gestaltet, werden wir sehen. Der emotionalen Herausforderung, vor allem für Nadeschda und Maxim, bin ich mir bewusst. Mögen meine Kinder bis dahin seelisch so stark sein, dass sie für diese Reise gewappnet sind.