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Blogparade: 25 total gute Gründe für einen Trotzanfall

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Die liebe Susanne von halloliebewolke hat zur Blogparade „25 gute Gründe für einen Trotzanfall“ aufgerufen. Auch wenn Maxim und Nadeschda aus dem klassischen Trotzalter herausgewachsen sind, bzw. dieses aufgrund ihrer besonderen Geschichte anders erlebt haben, mache ich gerne bei dieser Blogparade mit. Denn einerseits passt die Blogparade ein wenig auch zu meiner Reihe zur „Anstrengungsverweigerung“, die ich nun in diesen Wochen wieder fortsetzen will. Andererseits ist es so, wie viele von Euch auch schon geschrieben haben: Manchmal sind die Gründe für einen Wutanfall bei einer Betrachtung aus der Distanz wirklich zu komisch und lustig. Und so schwer es auch ist, Geduld und Verständnis bei einem gerade tobenden Kind aufzubringen, Humor hilft dabei doch ungemein, diese Situation zu ertragen. So sind dies also unsere 25 guten Gründen für einen Wutanfall:

  1. Ein Druckknopf geht am Schlafanzug nicht zu.
  2. Das Ärmelbündchen der Jacke muss ÜBER den Handschuh gezogen werden.
  3. Der Reissverschluss am Schuh klemmt.
  4. Mama macht keine Schleife, auch wenn Maxim schon selbst die Schleife am Schuh binden kann.
  5. Mein Kind vergisst, dass der liebe Gott es mit zwei gesunden Händen ausgestattet hat, und sitzt mit am Fuss hängender Hose verzweifelt auf dem Badhocker und versucht mit dem anderen Fuss die Hose auszuziehen.
  6. Das T-Shirt wird beim Zähneputzen mit Zahnpasta bekleckert. Und die Mama sagt auch noch, das ist nicht schlimm.
  7. Der Pullover wird beim Händewaschen nass.
  8. Das Strickzeug darf nicht mit in die Schule genommen werden.
  9. Der neue Glubschihund wird aus dem Schulranzen konfisziert.
  10. Der Tätowierstift darf nicht mit in die Schule genommen werden.
  11. Der Lippenstift wird aus der Jackentasche konfisziert.
  12. In der Trinkflasche ist stilles statt Sprudelwasser.
  13. Die Brille ist nach dem Putzen an einer klitzekleinen Ecke immer noch dreckig.
  14. Die Mama ruft: „Komm bitte mit Bleistift, Radiergummi und Anspitzer runter zum Üben.“ Bleistift und Radiergummi sind dabei, aber der Anspitzer fehlt. Jetzt muss Maxim noch einmal 17 Stufen nach oben laufen.
  15. Das E hat einen Strich zu viel beim Schreiben bekommen. „Oh man, jetzt muss ich nochmal alles neu machen.“
  16. Beim Lesen ist ein sehr langes Wort im Text oder Maxim überliest konsequent einen Buchstaben im Wort und damit ergibt der Satz keinen Sinn.
  17. Beim Rechnen verwechselt mein Sohn fünfZEHN und fünfZIG.
  18. Statt großen Fruchtzwergen gab es nur kleine im Supermarkt. Und morgens um sieben hat das Geschäft noch geschlossen, um große Fruchtzwerge zu kaufen.
  19. Nadeschda möchte zum Frühstück Obst und Jogurt. Mama stellt ihr beides hin und macht den Jogurtbecher schon auf. „Mama, ich wollte zuerst die Pflaumen essen und dann erst das Jogurt aufmachen! Oh man, jetzt esse ich gar nichts!“
  20. Die Kirschtomaten beim Essen sind klein geschnitten, obwohl Nadeschda sie am Stück haben wollte.
  21. „Diese Jacke hat keine Innentasche. Die ziehe ich nie mehr an. Nie mehr! Verstanden!“
  22. Der Schulranzen schließt nicht richtig, weil der Turnbeutel im Verschluss hängt.
  23. Die Lieblingshandschuhe sind noch nass auf der Heizung. Die alternativen Handschuhe werden abgelehnt: „Oh man, dann muss ich ohne Handschuhe gehen, die anderen ziehe ich nicht an. Kannst Du nicht früher waschen, Mama?“
  24. Auf der Heimfahrt von der Schule sind TickTack UND Kaugummi aufgebraucht und kein Nachschub da.
  25. Im Radio läuft das Lieblingslied und es wird von einem wichtigen Verkehrshinweis unterbrochen.
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Danke an unsplash.com

Einige dieser Gründe haben zu schweren Tobsuchtsanfällen geführt, bei anderen verrauchte die Wut zum Glück sehr schnell. Die meisten Beispiele stammen aus der jüngsten Zeit unseres Alltags. Doch während ich dies hier schreibe, muss ich all die Tobsuchtsanfälle und Wutausbrüche zurückdenken, die vor allem Maxim in unserem ersten Jahr unserer Familienzusammenseins hatte. Heute weiß ich meistens, was die Ursache für den plötzlichen Zornesausbruch ist, – ob ich sie nachvollziehen kann, steht auf einem anderen Blatt. Aber wie viele Wutausbrüche hatte Maxim, bei denen ich nicht wusste, woher sie kamen. Wie dankbar bin ich, dass das vorbei ist! Meine beiden Kinder artikulieren heute meistens sehr deutlich, was ihnen nun gerade nicht passt. Ob ich das dann ändern kann, sei eine andere Geschichte.

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Fehlendes Urvertrauen – Ein Erklärungsversuch für die „Fleischwurst“

Der Beitrag von Katja von „home is where the boys are“  zu „Stark fürs Leben“ hat mich schon lange beschäftigt. Katja schreibt darin über Urvertrauen und Vertrauen. Wohlmöglich hat mich deshalb auch die Situation neulich, als drei Scheiben Fleischwurst in einem Drama endeten, so getroffen. Die ganze Situation fiel auf fruchtbaren, bereits gepflügten Boden. Ich hatte Tage vorher schon gespürt, dass Maxim und ich ein Thema hatten.

Urvertrauen ist nicht angeboren. Es entsteht in den ersten zwei bis drei Lebensjahren eines Kindes. Da beginnt es zu lernen, seiner Umwelt und seinen wichtigsten Bezugspersonen zu vertrauen. Denn all seine physischen und emotionalen Bedürfnisse werden (meist) vor allem durch die Mutter gestillt. Wenn das Baby Hunger hat, wird es gefüttert. Ist ihm kalt, wird es gewärmt. Hat es Angst, wird es getröstet und behütet. Dieser Prozess des Urvertrauens ist dabei gebunden an die „zuverlässige und nur für relativ kurze Zeiträume unterbrochene Anwesenheit ganz konkreter unverwechselbarer Menschen“, so schreiben Rech-Simon und Simon in ihren „Survivaltipps für Adoptiveltern“. Mit diesem Urvertrauen entsteht eine sichere und stabile Bindung zur Mutter, das Kind ist in der Lage sich an seine Mutter zu binden.

Adoptivkinder, vor allem Adoptivkinder mit Heimerfahrung, erleben stattdessen in ihren ersten Lebensjahren bis zur Adoption ein Leben mit wechselnden Betreuern und Erzieherinnen. Essen gibt es nach einem festen Zeitplan und nicht dann, wenn das Baby oder Kleinkind Hunger hat. Direkte unmittelbare Zuwendung ist nur wenig und sehr eingeschränkt möglich. Denn schließlich leben bis zu zehn Kinder im Schnitt in solchen Heimgruppen und selten sind ausreichend Betreuerinnen da. Vor dieser Heimerfahrung waren die Lebensumstände auch alles andere als behütet und fürsorglich. Adoptivkinder haben also kein Urvertrauen entwickeln können.

Stattdessen haben sie gelernt, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen können. Dies zeigt sich in einem ausgeprägten Drang nach Autonomie. Sich in existenzielle Abhängigkeit von anderen Menschen zu begeben, ist in der Gedankenwelt eines Adoptivkinds gefährlich und tut weh. Deshalb muss es sich seine eigene Autonomie beweisen und zwar so, dass es alles bekämpft, zu dem eine Abhängigkeit besteht. Je älter das Kind ist, desto weniger geht es dabei um die körperlichen Bedürfnisse, sondern vielmehr um das Selbstbestimmen des Verhaltens. Meist lehnen sie sich gegen jede Form von Disziplin auf.

Das Urvertrauen werden diese Kinder nicht mehr erlernen. Mit der Zeit und mit viel Geduld und Fürsorge entsteht jedoch eine stabile Bindung zwischen Adoptivkind und Adoptiveltern. In dieser Bindung gewinnt das Kind tiefes Vertrauen zu seinen Adoptiveltern. Aber in Krisenzeiten, in denen es dem Adoptivkind aufgrund unterschiedlicher Umstände nicht gut geht, brechen der Drang nach Autonomie und alte Überlebensmuster wieder hervor.

Was war also passiert, an dem Abend, als Maxim wegen drei Scheiben Fleischwurst einen lange nicht mehr in dieser Intensität aufgetretenen Tobsuchtsanfall bekam? Vorab: Wir befinden uns im Moment für Maxim gefühlt in einer „Krisenzeit“. Es war das Ende der Sommerferien und Maxim erwartete mit Schulbeginn eine neue Lehrerin. Seine alte Klassenlehrerin aus dem ersten Schuljahr war an eine andere Schule gewechselt, nicht ganz unfreiwillig, denn Elternschaft und Schule waren unzufrieden mit ihren pädagogischen Kompetenzen. Jede Veränderung bringt Unruhe in das Leben meiner Kinder. Der anstehende Lehrerwechsel verunsicherte Maxim. Der Abschied von der alten Lehrerin, auch wenn er schon mehrere Wochen zurücklag, trat mit dem Auftreten der neuen Lehrerin noch einmal bewusst zu Tage. Es war wieder ein Bindungsabbruch in seinem Leben, mit dem er nicht gut umgehen konnte. Wieder war er gezwungen, sich auf eine neue Lehrerin einzulassen. Der Schulbeginn war an diesem Abend sehr präsent, denn wir waren an dem Nachmittag in der Stadt gewesen und hatten die Schulmaterialien und neue Anziehsachen für die Schule gekauft. Es brauchte also wenig, um Maxims innere Unruhe zum Überlaufen zu bringen. Mit dem fehlenden Salz auf den Tomaten griff ich zum ersten Mal in sein vermeintlich selbstbestimmtes Verhalten ein. Denn ich entschied, dass bereits genug Salz auf den Tomaten war.  Als er dann bockig wurde und seinen Teller wegschob, und ich auch noch „sein Essen“, seine drei Scheiben Fleischwurst an Nadeschda gab, war es zu spät. Der „Trigger“, wie es in der Fachliteratur heißt, war gesetzt. Von da an nahm der Wutanfall seinen Lauf. Entgegen dem, was ich doch so viele Male gelesen hatte, versuchte ich Maxim zu beruhigen. Ich redete auf ihn ein, gebetsmühlenartig, ich versuchte ihn zu trösten. Schwerer Fehler. Denn damit ließ ich ihn ja seine Abhängigkeit von mir noch mehr spüren. Ich hätte wissen müssen, dass ich damit die Sache nur schlimmer machte. Erst als Maxims Tobsuchtsanfall das Maß des Unerträglichen bekam und ich das Bad später verließ, beruhigte er sich. Ich war aus dem „Tanz“ und dem Machtkampf ausgestiegen. Das allerdings zu spät.

Ich weiß nicht, ob Maxim irgendwann eine so feste Bindung zu mir und seinem Vater haben wird und so viel Vertrauen in sich und in uns gefunden haben wird, dass diese Tobsuchtsanfälle und die inneren Überlebenskämpfe verschwinden. Er wird sicherlich mit der Zeit lernen, sich anders zu verhalten. Und ja, wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, so sind diese Wutanfälle entschieden weniger geworden. Wenn ich zurückdenke an unser erstes Jahr als Familie, so gab es sie da mehrmals am Tag. Mit der Zeit verschwanden sie über Wochen, manchmal sogar über Monate hinweg. Sie traten dann nur wieder in Phasen der Veränderungen und Verunsicherungen auf. So wie jetzt eben auch.

Ich als seine Mutter kann nur achtsamer mit ihm und dem, was ihn umtreibt, umgehen. Ich kann nur mein eigenes Verhalten ändern. Ich darf mich auf keinen Machtkampf mit ihm einlassen. Nicht auf ihn einreden, nicht ihn versuchen zu trösten, wenn er das ablehnt. Den Raum zu verlassen, scheint wieder einmal die beste Lösung zu sein. Das aber, ohne ihm das Gefühl zu geben, allein gelassen zu sein. Katja hat es am Ende ihres Beitrags so wunderbar gesagt: In Beziehungen, die von einem friedlichen Miteinander gekennzeichnet sind, akzeptieren wir die Grenzen des Anderen, wir geben auf einander Acht und gehen achtsam miteinander um. Das wird der vielleicht einzige Weg sein, wie Maxim mehr Vertrauen gewinnt und sein Autonomiebestreben vor allem in Zeiten der Veränderungen und Verunsicherung nachlässt.

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Fünf Minuten zu spät – die Konsequenzen

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Foto von Veri Iwanowa und mit freundlicher Unterstützung von unsplash.com

Mein Bruder Daniel lebt mittlerweile seit einem halben Jahr bei uns. Warum ist eine andere Geschichte. Er ist Teil der Familie und muss an mancher Stelle mit unterstützen. Neulich war ich mit Nadeschda nachmittags beim Friseur. Maxim war bei Freunden im Dorf. Ich hatte Daniel gebeten, wenn ich nicht rechtzeitig zurück bin, Maxim die Haustür aufzumachen, wenn er von seinen Freunden zurückkommt. Maxim hatte ich gesagt, dass, sollte ich nicht rechtzeitig vom Friseur zurück sein, Daniel ihm aufmachen würde. Nun, Maxim ging zu seinen Freunden, ich mit Nadeschda zum Friseur. Der Friseurbesuch zog sich hin. Mir war schnell klar, dass wir später als geplant nach Hause kommen würde. Ich wägte mich aber in Sicherheit, denn Daniel war ja da.

Als ich schließlich mit Nadeschda nach Hause kam, stand Maxim vor der verschlossenen Tür. Daniel hatte nicht aufgemacht. Gottseidank war mein Sohn in Begleitung der Mutter seiner zwei Freunde und nicht alleine. Dem Himmel sei Dank waren alle drei Jungs nach dem Abendessen zusammen zu uns aufgebrochen. Als sie feststellten, dass niemand die Tür aufmachte, lief einer der Freunde nach Hause zurück und holte die Mutter. Sie kam mit und wartete mit dem zweiten ihrer Söhne und meinem Sohn vor der Tür. Nach nur wenigen Minuten traf ich mit Nadeschda ein.

Alles nicht so schlimm, könnte man jetzt denken. Die drei Jungs haben das wunderbar gelöst. Sie haben Hilfe geholt und dann zusammen gewartet. Und es waren ja auch nur wenige Minuten, die Maxim vor verschlossener Tür stand. Was ist schon so tragisch daran, dass ein Achtjähriger auf dem Dorf am frühen Abend ein paar Minuten auf seine Mutter warten muss? So mag das vielleicht bei leiblichen Kindern sein, die in Urvertrauen mit ihren leiblichen Eltern aufgewachsen sind. Bei meinen Kindern ist ein Nicht-Einhalten der Absprachen eine Todsünde.

„Mama ist nicht da, wie sie gesagt hat. Und die Tür wird mir von meinem Onkel auch nicht aufgemacht, wie Mama gesagt hat. Also, kann ich mich nicht auf sie verlassen. Es stimmt nicht, was sie sagt. Und sie ist nicht für mich da, wie sie sagt.“ Das geht im Kopf meines Sohnes wohlmöglich ab. Dabei ist völlig unerheblich, dass auch Daniel sich nicht an die Absprache gehalten hat. Es geht allein um Maxims Bindung an mich. Kann er sich an eine Mutter binden, kann er einer Mutter vertrauen, deren Worte und Versprechen nicht so in der Realität eintreten?

An dem Abend ist Maxim sofort regrediert und hat sich wie ein kleines Baby verhalten. Logisch. Er musste sich zwingend vergewissern, dass ich doch für ihn da bin und ihn umsorge. Genauso folgten seitdem jeden Tag von Neuem seine Beziehungsanfragen. „Kann mich meine Mama halten und kann sie mich aushalten.“ Wutanfälle, die sich zuweilen in hysterische Tobsuchtsanfälle hineinsteigern stehen wieder an der Tagesordnung. „Steht sie zu ihrem Wort und bleibt bei mir? Oder schickt sie mich nicht doch irgendwann weg? Irgendwann muss sie doch so die Schnauze vollhaben von mir, dass sie aufgibt.“ Maxim sagt es nicht so, aber sein Verhalten zeigt es eindeutig. Mit meinem Zuspätkommen und dem Ausfall meiner Fallback-Lösung – Daniel – ist die Beziehung zwischen Maxim und mir gestört, jahrelange Bindungsarbeit ins Wanken geraten.

So manches Mal hatte ich in den vergangenen Tagen das Gefühl, wieder ganz von vorne anfangen zu müssen. Immer wieder Maxim zu zeigen, dass ich für ihn sorge, dass ich immer da bin und da sein werde, dass ich diejenige bin, die weiss, was für ihn gut ist und ihn egal, was er tut, trage, halte und aushalte. Keiner weiß, wie lange das noch anhalten wird. Auch nach Jahren kippt die hart erarbeitete Stabilität, wenn nur ein kleiner „Fehler“ passiert. Meine Kinder dulden das nicht. Sie ertragen das nicht. Sofort sind sie wieder in ihrem Überlebensmodus, fallen zurück in ihre Autonomie in dem Glauben, nur sie selbst können und müssen alleine dafür sorgen, dass sie weiter leben. – Oder wie im Falle von Maxim, gehen noch einmal zurück in ihr Babystadium, um sich über diesen Weg zu vergewissern, wie gut die Mama für ihn sorgen kann und tut. – Bei meinen Kindern müssen Absprachen zwingend eingehalten werden. Nur so erfahren sie und erleben sie jeden Tag: Es stimmt, was die Mama sagt und es ist auch genauso, wie sie gesagt hat. Nur das gibt ihnen Sicherheit und Geborgenheit. Das ist sehr anstrengend und kostet mich viel Kraft. Doch hätte ich es wissen müssen. Aber nach Jahren, in denen so vieles immer mehr „normal“ läuft, werde ich vielleicht als Adoptivmutter auch etwas „nachlässiger“. Ungeachtet dessen, dass ich mich einfach auch auf meinen Bruder verlassen habe. Das werde ich wohl in dieser Form nicht mehr tun. – Ich muss mir immer dessen bewusst sein, wir sind eben anders. Ich muss anders Mutter sein. Die Amplitudenausschläge sind höher, meine Kinder haben andere Bedürfnisses, ich muss als ihre Mutter viel bewusster durch unseren Alltag gehen, muss mich mehr disziplinieren und ich darf mir kaum Fehler erlauben. Und vor allem: Ich darf niemals zu spät kommen.

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Nur drei Scheiben Fleischwurst

Fleischwurst - Scheiben

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Lasst uns einen Sprung machen, einen Sprung in der Zeit von ein paar Jahren. Nun sind wir im Hier und Jetzt angekommen. Unser erstes Jahr als Adoptivfamilie liegt mittlerweile einige Jahre zurück. Wir haben uns als Kleinfamilie nach den Höhen und Tiefen des ersten Jahres gefunden, sind in unserem Familienalltag angekommen. Hinter uns liegen unzählige wunderbare Tage mit Maxim und Nadeschda. Das Gefühl „Das sind unsere Kinder!“ ist zur Normalität geworden. Die Adoption und unsere Geburtswehen als Familie liegen weit zurück. Maxim ist ein großer Junge geworden. Er geht bald in die zweite Klasse. Nadeschda hat sich nach ein paar Rückschlägen wunderbar entwickelt und kommt ebenfalls in ein paar Wochen in die Schule. Auf einmal sind sie dann selbstständige Schulkinder, die anfangen ihren Weg ein Stück weit mehr alleine zu gehen. Gesund alleine zu gehen, in einer altersgerechten Autonomie, in der sie sich nicht mehr überfordern.

Dass meine Kinder sich so gut entwickelt haben, war neben all der Fürsorge, der Liebe, der Geduld – die ich dann doch irgendwann mit der Zeit immer mehr erlernt habe -, dem Verständnis auch oft „harte Arbeit“. Kleinkarierte, strukturierte und so furchtbar konsequente Erziehung, die mir selbst nicht immer Spass macht, viel therapeutische Begleitung, viel Üben und „Arbeiten“ Zuhause. Ein Stück weit klang dies ja in meinem Gastbeitrag bei mamasunplugged an. Wir sind meilenweit nach vorne gestrebt, sind viele Male Kilometer immer wieder zurückgeworfen worden. Wir haben nie aufgegeben und wir werden auch nicht aufgeben. Wochenlang läuft alles gut, fallen wir von einem kleinen Wunder von Fortschritt und Entwicklung in das nächste. Doch dann gibt es Abende wie neulich, als drei Scheiben Fleischwurst uns wieder um Kilometer zurückwarfen. Da waren sie wieder, die Amplitudenausschläge der Wut und Frustration. Sie sind ohnehin wiedergekommen, seitdem Maxim in die Schule geht. Jedoch die Heftigkeit, die diese drei Scheiben Fleischwurst hervorriefen, war mir neu. Und sie erschütterten mich bis ins Mark.

Eigentlich hatten wir einen wunderbaren Tag. Morgens arbeitete ich, die Kinderfrau war da und mit Maxim und Nadeschda im Maislabyrinth. Am Nachmittag fuhren Maxim, Nadeschda und ich in die Stadt zum ersten gemeinsamen traditionellen back-to-school-shopping. Wir hatten vorher die Kleiderschränke ausgemistet und die Listen geschrieben, was, vor allem Maxim, für das neue Schuljahr an Material fehlt. Mit großem Vergnügen wurden dann neue T-Shirts, Hosen, Pullover ausgesucht. „Und guck mal, Mama, die Jacke wäre doch wunderbar für Nadeschda.“ rief Maxim zwischen den Kleiderständern hervor. Nadeschda: „Oh ja, die will ich!“ War ja auch schreiendes Pink! Aber sie brauchte tatsächlich noch eine Outdoorjacke und so wurde auch diese gekauft. Der belohnende abschließende Besuch in der Eisdiele machte diesen Nachmittag perfekt. Gut gelaunt kehrten wir nach Hause zurück.

Doch beim Abendessen kippte die Stimmung. Auf Maxim’s Tomaten war zu wenig Salz. Wütend schob er seinen Teller von sich weg, verschränkte seine Arme vor sich, verkniff den Mund und schmollte. Nadeschda ergriff gleich ihre Chance und fragte ihn, ob sie die Fleischwurst, diese drei Scheiben von ihm haben könnte. Er antwortete nicht. Ich gestattet ihr die Ausnahme, denn eigentlich sollte sie das ja nicht essen. Kleine Mengen von Sünde machen bei ihr aber inzwischen nichts mehr aus, das steckt sie weg. Hätte ich es mal besser nicht getan. Denn darauf bekam Maxim einen verzweifelten Wutausbruch, der seinesgleichen immer noch sucht. Zuerst ging es noch um die Fleischwurst. Er wollte unbedingt diese drei Scheiben Fleischwurst haben, die Nadeschda gerade in ihren Mund schob. Dass ich noch einen ganzen Ring Fleischwurst im Kühlschrank hatte und er davon etwas haben könnte, wenn er denn seine Tomaten und ein Teil seines Brotes gegessen hatte, drang schon nicht mehr zu ihm durch. Weinen, Brüllen, um sich Schlagen. Etwas anderes essen wollte er nicht. Als ich das Abendessen für beendet erklärte, waren es dann die restlichen Tomaten. Hoch ins Bett gehen, wollte er auf keinen Fall. Lieber tobte er weiter, schmiss sich auf den Boden, brüllte weiter „Nein, nein, nein.“ Irgendwie schaffte ich ihn doch ins Bad. Doch an Ausziehen war nicht zu denken. Immer noch ein verzweifeltes „Nein, nein, nein!“ Schluchzend, weinend, brüllend. Gepaart mit um sich schlagen, treten, wenn ich ihm zu nahe kam. „Dann weine ich halt die ganze Nacht. Ich höre nicht auf.“ Mittlerweile dauerte das Drama eine Stunde an. Nadeschda war verstört und litt ungemein. Fragen von „Warum schreit Maxim so?“ wechselten sich mit „Mama, ich kann das nicht aushalten ab.“ Sie war müde. So machte ich sie erst einmal bettfertig. Als Maxim immer noch nicht einlenkte, Nadeschda aber am Ende ihrer Kräfte war, sagte ich zu ihm: “Okay, Maxim. Ich lese jetzt Nadeschda vor. Du kannst entweder sofort aufhören, wir ziehen deinen Schlafanzug an und dann kannst Du mitkommen zum Vorlesen. Oder Du machst jetzt hier noch alleine weiter mit Deinem Theater. Ich komme dann wieder. Und dann ziehen wir den Schlafanzug an. Aber wir ziehen den Schlafanzug an und ich bringe Dich ins Bett. Es ist deine Entscheidung. Doch sicher ist, dass wir den Schlafanzug anziehen und ich dich ins Bett bringe.“ Danach verlies ich mit Nadeschda das Bad und las ihr vor. Keine drei Minuten später tauchte Maxim auf. Nach eineinhalb Stunden hatte er sich beruhigt und wir konnten seinen Schlafanzug anziehen, waschen und unser gemeinsames abendliches Vorleseritual begehen.

Was würde ich darum geben, zu verstehen, was Maxim in diesen eineinhalb Stunden geritten hat. Er war wie besessen. Er war ganz in seinem „Überlebensmodus“. Er kämpfte um sein Überleben. Er war dieser realen Welt hier völlig entrückt. Ich fühlte mich erinnert an den fast dreijährigen Jungen, der in Moskau im Hotel saß und um sein Leben weinte und brüllte, obwohl er eigentlich nur auf die Toilette musste. Nach so vielen Jahren bricht das in bestimmten Momenten immer noch durch. Vor allem wahrscheinlich wenn es um so existentielle Dinge wie Essen geht. Dann ist es wieder da, dieses Gefühl von unendlichem Mangel und der innere Druck, alles nur erdenkliche zu tun, um das Grundbedürfnis nach Nahrung zu stillen. Selbst wenn faktisch gar kein Hungergefühl vorhanden ist.Und natürlich immer wieder die Frage: „Hält mich meine Mutter und hält sie mich aus? Hält sie mich auch aus, wenn ich noch einmal eine Schippe drauflege? Schickt sie mich auch dann nicht weg?“ – Nein, niemals! Aber vielleicht die Fleischwurst…

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10. Juni – Andere Amplitudenausschläge

Durch die vielen Feiertage und Brückentage war Maxims Anwesenheit im Kindergarten begrenzt und überschaubar. Damit sind die Gelegenheiten, an denen er seine Frustration an mir auslässt oder versucht mit mir zu tanzen, kalkulierbar. Zudem kann ich seine Launen klar einordnen und damit, solange ich bei mir bleibe, auch besser umgehen. Hinzukommt, dass er in einer Phase angelangt ist, in der er seine Grenzen austestet. „Nein“ sagt oder brüllt Maxim gefühlte hundert Mal am Tag, gefolgt von Versuchen sich mir zu verweigern, wenn er seinen Willen nicht bekommt. Lasse ich ihm eine gewisse Entscheidungsfreiheit und viel Zeit, können wir erneute Tänze zwischen uns beiden vermeiden. Das ist schwer für mich und immer wieder eine harte Probe für meine Geduld. Jeden Tag von neuem testet mein Sohn unsere Beziehung. „Hält meine Mama mich, und hält sie mich aus?“

Mit Distanz betrachtet, ist dies eine wunderbare Entwicklung, ein Zeichen, dass er wieder ein Stück bei uns angekommen ist, sich sicher fühlt, und diese Sicherheit jeden Tag von neuem nun überprüft und für sich bestätigen muss. Zum ersten Mal könnte man sagen, dass er die normale Entwicklung in der Trotzphase eines dreijährigen Jungen durchmacht. Doch die Intensität seiner emotionalen Ausbrüche ist alles andere als normal. Die Amplitudenausschläge von Maxims Reaktionen sind über der Norm. Tobsuchtsanfälle ausgelöst durch Kleinigkeiten, auch aus Kindesaugen, die eine Stunde oder länger dauern, haben mit einem gewöhnlichen Trotzverhalten wenig gemein. Auf der anderen Seite zeigt Maxim zum ersten Mal mir gegenüber seine Zuneigung. Als er unvermittelt gestern im Auto zu mir sagte „Mama lieb!“ hatte ich Tränen in den Augen. Ich war so glücklich! Würde mein Sohn sich fest in den Arm nehmen lassen, hätte ich es getan. So beließ ich es bei einem Lächeln, streichelte seine Hand und sagte: „Ich habe Dich auch sehr lieb!“

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31. Mai – Probleme im Kindergarten

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Wieder einmal hat sich mein Bauchgefühl bestätigt. Ich sollte wirklich darauf hören. Meine Vorahnung, dass Maxim sich im Kindergarten nicht wohl fühlte und es ihm dort schlecht ging, hat sich in dieser Woche bestätigt. Der Bericht, den wir von seinen Erzieherinnen in Vorbereitung auf Maxims Entwicklungsgespräch bekamen, erschütterte Richard und mich bis ins Mark. Auch das Gespräch selbst überzeugte uns nicht davon, dass manche Aussagen bei uns härter angekommen waren, als sie von seinen Erzieherinnen gemeint waren. Dass aktives Sprechen für Maxim im Kindergarten nach wie vor ein Problem war, wussten wir, und verwunderte uns nicht. Nicht umsonst gingen wir mit ihm weiterhin einmal in der Woche zu Frau Schuster in die logopädische Therapie. Allerdings unterstellten die Erzieherinnen unserem Sohn, dass er ebenso weiterhin Schwierigkeiten habe, sie und andere Kinder zu verstehen. Handlungsaufforderungen mussten ihm gegenüber in zwei- oder drei Wortsätzen formuliert werden, damit er sie verstand und umsetzte. Ebenso spielte Maxim weitestgehend alleine. Er habe keine sozialen Kontakte zu anderen Kindern aus der Gruppe. Im Gegenteil: Konflikte und Auseinandersetzungen mit anderen Kindern häuften sich zunehmend. Meist zog er sich zurück und spielte für sich in der Puppenecke oder auf dem Bauteppich. Auch war es für seine Erzieherinnen schwierig mit ihm in eine Beziehung zu kommen. Maxim ließe sich immer nur kurzfristig für bestimmte Aktivitäten begeistern, sei es nun Basteln, Malen oder Vorlesen. Er teilte sich nicht mit, weder verbal noch non-verbal, wenn er etwas brauchte oder Hilfe benötigte, sondern schien alles mit sich allein auszumachen. Dennoch galt er als ein freundliches Kind, dass in seiner motorischen Aufgewecktheit durchaus altersgerecht entwickelt sei.

Diese Beschreibungen hatten nichts mit dem Kind gemein, dass Richard und ich in den vergangenen Monaten Zuhause erlebt hatten. Maxims passiver Wortschatz war nach unserer Einschätzung von Anfang an überraschend groß gewesen. Selbst beim abendlichen Vorlesen folgte er immer komplexeren Geschichten. Zuhause spielte er immer mit Nadeschda und versuchte sie kontinuierlich in sein Spiel zu integrieren. Gegenüber anderen Kindern bei nachmittäglichen Spielverabredungen zeigte er sich kooperativ und besorgt darum, dass alle glücklich zusammen spielten. Streit und Auseinandersetzungen gab es wenige, obwohl diese im Grunde zu einer altersgerechten Entwicklung gehörten. Denn dreijährige teilten nun mal keine Spielsachen.

Wir waren schockiert. Es schmerzte, so drastisch zu hören, dass es unserem Sohn im Kindergarten nicht gut erging. Mir war nun klar, warum die Zeit Zuhause unmittelbar nach dem Kindergarten oft so schwierig war. Warum ich zunehmend das Gefühl hatte, ein anderes ausgeglichenes Kind zu haben, wenn er nicht in den Kindergarten ging. Warum Maxim in den vergangenen Wochen immer häufiger gesagt hatte, dass er nicht in den Kindergarten gehen wollte. Es bestätigte sich, dass er unglücklich im Kindergarten war. In die Sorge um unseren Sohn mischte sich Ärger und Wut auf seine Erzieherinnen, die in unseren Augen zu wenig Maxims ureigenen Bedürfnisse berücksichtigten. Uns fehlte ein größeres Verständnis seiner Erzieherinnen für seine besondere Geschichte. Wir vermissten eine reflektierte Betrachtung seines Verhaltens, losgelöst von den Normen, in die Kinder im Kindergarten hineingepresst wurden. Maxims Erzieherinnen sollten unseren Sohn nicht mit anderen Kindern vergleichen. Sie mussten anders und individueller mit ihm umgehen und auf ihn eingehen. Vor allem durften sie ihn nicht sich selbst überlassen, wenn er sich zurückzog. Gerade in diesen Momenten wäre es wichtig, dass eine seiner Erzieherinnen sich ihm zuwendet. Sie sollten auf sein Spiel eingehen und sich ihm darin widmen. Was sollten wir nun tun?

Wir suchten zunächst das Gespräch mit Frau Schuster. Sie las den Bericht des Kindergartens aufmerksam und schüttelte nur den Kopf. Für sie war es wieder einmal ein Beispiel, dass Erzieherinnen nicht auf Kinder mit sprachlichen Barrieren vorbereitet sind und ihnen daher der angemessene Umgang mit ihnen fehlt. In ihren Augen klang deutlich aus dem Bericht hervor, dass man sich im Kindergarten für den Fall absichern und rechtfertigen wollte, wenn Maxim im Zweifelsfall nicht die Entwicklung machen würde, die er mit einer passenden Förderung im Kindergarten vollziehen könnte. Man würde ja alles versuchen und individuell auf das Kind eingehen, aber dennoch hätte es seine Schwierigkeiten. Auch Frau Schuster bestätigte, dass sie Maxim anders erlebte und dass seine sprachlichen Fortschritte bemerkenswert seien. Andere Kinder mit mutistischen Zügen bräuchten weit aus länger, bis sie auf dem sprachlichen Stand seien, den Maxim inzwischen erreicht hatte. Beachtlich war seine Entwicklung nicht zuletzt, da er sie in einer Zeit erneuter schwerer emotionaler Strapazen vollzog. Der Verlust der Großmutter, der erneute Bindungsabbruch in seinem bisher kurzen Leben und die mit dem Tod von Renate einhergehende Belastung für uns als Familie sowie sein Unglücklichsein im Kindergarten waren Rahmenbedingungen, die eine sprachliche Entwicklung eher hemmten als förderten. Frau Schuster bot uns ein Gespräch mit den Kindergärtnerinnen am runden Tisch an und ermutigte uns, dass Maxim im familiären Umfeld so viel Unterstützung und Förderung erfuhr, dass er auch im Kindergarten seinen Weg finden würde.

Ähnliches ergab ein Telefonat mit Frau Schiffer, unserer Betreuerin beim Jugendamt. Sie schätzte den Bericht des Kindergartens ähnlich ein wie Frau Schuster. Man wolle sich rechtfertigen, sei aber nicht in der Lage auf die individuellen Bedürfnisse von Maxim einzugehen. In der Regel war sie es eher gewohnt, dass solche Berichte erst in der Schule auftauchten, wenn die Vertreter des Bildungssystems versuchten Adoptivkinder in ihre Normen zu pressen und daran kläglich scheiterten. Dass wir damit bereits im Kindergarten konfrontiert waren, überraschte sie etwas. Auch sie bot ein Gespräch mit dem Kindergarten am runden Tisch an, empfahl uns aber zunächst noch einmal das Gespräch mit Maxims Erzieherinnen zu suchen und sie stärker für Maxims Bedürfnisse zu sensibilisieren. Von einem Kindergartenwechsel riet sie Richard und mir ab. Dies könnte bei Maxim wohlmöglich eher Gefühle des Versagens verstärken. Es könnte eher eine Option sein, die Zeit der Anwesenheit im Kindergarten zu verkürzen. Das war ohnehin gegeben. Denn bald standen die Sommerferien bald vor der Haustür. So schien sich zunächst als ein Weg abzuzeichnen, dass wir Maxims Entwicklung im Kindergarten weiter beobachteten, er nur noch an drei Tagen in der Woche in die Einrichtung gehen werde, und wir den schwierigen und für ihn anstrengenden drei Stunden dort viel intensive Zeit Zuhause und mit uns als Eltern entgegensetzen würden.

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29. Februar -Maxims Sprachlosigkeit (reloaded)

Nadeschdas Zahnschmerzen haben sich zum Glück  wieder gelegt. Nach zwei weiteren schlafunterbrochenen Nächten mit leichtem Fieber, ist sie zu ihrem normalen Schlafrhythmus zurückgekehrt und so finde auch ich eine durchgängige Nachtruhe. Die zwei Backenzähne kann ich inzwischen erfühlen, aber ganz durchgebrochen sind sie noch nicht. Wir müssen uns also wohlmöglich auf weitere Zahnschmerzen einstellen. Ohne Schmerzen und mit ausreichend Schlaf ist das Leben für und mit Nadeschda wieder friedlich und harmonisch. Ihre Launen haben sich deutlich gebessert, was auch wenig verwunderlich ist. Was bleibt, sind ihre Verlustängste und ihre Anhänglichkeit.

Maxim macht mir hingegen immer mehr Sorgen. Trotz der wöchentlichen Therapiestunden bei Frau Schuster spricht er immer noch nicht. Wohlmöglich bin ich zu ungeduldig. Denn letztendlich besuchen wir sie erst seit sechs Wochen. Auch wenn meine Ungeduld sich immer wieder durchsetzt, so weiß ich auf der rationalen Ebene, dass es nicht mit zehn Terminen, die das erste Rezept vorsieht, getan sein wird. Zumal Maxim sich in seinem Umfeld wohlmöglich nicht sehr sicher fühlt – es ist unbenommen, dass er unter der Belastung von Renates Krankheit, ihrer Abwesenheit und unseren Sorgen leidet, auch wenn wir versuchen, dies nach wie vor so gut es geht, wegzuschieben. Vielleicht spürt er, dass wir – obwohl die Operation von Renate gut verlaufen ist und sie bald nach Hause kommt – noch nicht am Ende dieses Weges angekommen sind. Wie soll er sich selbst verändern, wenn die Veränderungen um ihn herum schon belastend genug für ihn sind? Hinzukommt, so mein Gefühl, dass er sich im Kindergarten nicht wohl fühlt. Gerade durch den Kontrast der Tage, wenn wir bei Frau Schuster sind und er nicht in den Kindergarten geht, an denen er zwar müde, aber irgendwie fröhlich und ausgeglichen wirkt – der Dienstag ist meist der Tag ohne einen einzigen Tobsuchtsanfall – wächst in mir der Eindruck, dass irgendetwas im Kindergarten nicht richtig oder zumindest nicht gut für ihn läuft. Da Maxim sich nicht mitteilt, beziehungsweise sich nur über seine Launen mitteilt, seine Erzieherinnen mir aber immer wieder sagen, dass alles in Ordnung ist, bleibt bei mir nur ein dumpfes Gefühl zurück.

Da ich mein Betreuungsproblem noch nicht gelöst habe, mit jedem Tag es aber dringlicher wird, dass ich etwas für mich und meine Kinder tue, habe ich mich entschlossen, uns dreien eine Auszeit von unserem Alltag hier zu gönnen. Wir werden Katharina für ein paar Tage besuchen. Auch wenn ich Respekt vor der Reise habe – ich alleine für mindestens vier Stunden mit den Kindern im Auto -, so glaube ich doch, dass uns der Tapetenwechsel gut tun wird. Ich hätte schon viel früher auf die Idee kommen sollen. Hatte ich nicht am Ende des Jahres schon gespürt, wie gut es tat, eine vertraute Freundin um einen herum zu haben, die allein durch ihre Anwesenheit entlastet? Hatte ich die Erfahrung des Besuchs von Rieke und Nils im Januar vergessen, wie erleichternd es war, sich mit lieben Menschen zu umgeben, die einen auch ohne Worte verstanden?