Kolumne: Beim Schularzt

„Das Kind hat einen Menschen ohne Ohren, Hände und Gesicht gemalt – Stempel für die Sonderschule?“

Neulich auf dem Gesundheitsamt bei der schulärztlichen Untersuchung: „So und jetzt schreib bitte mal Deinen Namen“, unser Sohn beginnt wie das Normalste der Welt mit einem D seinen Namen zu schreiben. Der Stift der „Testerin“ geht schon zum Blatt, denn auf dem Papier heißt unser Sohn Richard, aber alle nennen ihn Dima – nach seinem zweiten Namen Dimitrij – , und der beginnt nun mal mit einem D und nicht mit einem R. Ich war dabei und konnte noch erklären und die Testerin bremsen. Sie streicht ihre Bemerkung wieder durch.

Den Tisch nachmalen läuft noch ganz gut, aber das Kreuz (ein Kreuz wie in der Schweizer Flagge ist in der Vorlage zu sehen), das Kreuz…was ist das? Ein Kreuz! Dann mal bitte ein Kreuz. Unser Sohn macht einen waagerechten und einen mittigen senkrechten Strich – klar, er soll ein Kreuz malen, aber leider ist das jetzt nicht mehr das Kreuz aus der Vorlage. Ein Missverständnis? Nein, ein Kreuz, aber eben nicht das Norm-Kreuz aus den Unterlagen, mit denen in Deutschland auf die Tauglichkeit für das deutsche Regelschulsystem getestet wird. Und für zwei Striche, die richtig gesetzt eben auch ein Kreuz ergeben, ist hier kein Platz.

Und dann: Mal bitte einen Menschen. Dima malt einen Menschen. Einen Kopf, einen Halsansatz, einen Körper und zwei Arme und zwei Beine. Aber da fehlt doch etwas, hier zum Beispiel – und Dima malt ein Gesicht, zwei runde Kringel als Augen, einen Mund und eine Nase. Richtig, ohne Pupillen, ohne Zähne, ohne Nasenlöcher, und Ohren, geschweige denn Haare. Rembrandttauglich ist das nicht, aber bei wem ist es das schon. Später kommt die Schulärztin und bittet Dima darum, jetzt auch noch Hände zu malen. Dima malt zwei Hände, und dann soll er auch noch Finger malen, und dann malt er einen Finger nach dem anderen, aber eben mehr als fünf – der Auftrag war ja auch Finger malen. Und nicht nur die fünf Finger an jeder Hand. Zwischendrin guckt unser Sohn mich noch unglaubwürdig an, malt dann aber weiter….

Wenn dann auf Fragen der Ärztin Antworten von unserem Sohn sehr leise kommen, weil er vielleicht jetzt gelangweilt ist, oder auch einfach erschöpft – mittlerweile dauert diese Testerei über eine Stunde – , dann sind wir jetzt schon bei einer Hörwahrnehmungsstörung unseres Sohnes, die dringend untersucht werden muss. Und das mit den vielen Fingern, und dem Kreuz, und überhaupt die fehlenden Ohren: „Also, machen Sie sich da wenig Hoffnung, er wird eher auf eine Sprachheilschule gehen müssen. Auf einer Regelschule sehe ich ihren Sohn auch in zwei Jahren nicht. „Wie soll man sich zum Himmel strecken, wenn man nur die Kellerdecke hingehalten bekommt?“ frage ich. Es gibt auch hohe Keller – so die Netto-Antwort der Ärztin.

Ich frage mich, wie diesen Test alle anderen Kinder absolvieren, vor allem die Kinder, die nicht das Privileg haben aus dem Bildungsbürgertum abzustammen. Höre nur ich die Sprachwäscherei auf den Grundschulhöfen? Oder hat das System genauso schlechte Ohren, wie die wunderbare Amtsärztin mit ihrem breiten Dialekt? Gerade der würde sich sicherlich in jeder Schule gut machen, um unsere Kinder auf das Leben vorzubereiten. Denn man lernt ja nicht für die Schule sondern fürs Leben.

Wo ist eigentlich nochmal die DIN für Leben, ach ja, hier zwischen M bis P unter „Normkindlehranstalt“. – Normkinder? Sorry, sind aus, bekommen wir auch in diesem Leben nicht mehr rein. Ach ja, wissen Sie, will ich auch gar nicht. Und: Ich lass mir mein Kind nicht klein reden!

3 Gedanken zu “Kolumne: Beim Schularzt

  1. Huhu Charlotte, wie ist es weitergegangen? Für welche Schule habt ihr Euch entschieden? Ich frage mich auch schon lange, ob die so genannten Förderschulen überhaupt sinnvoll sind. Finde die Alternative einer Regelbeschulung mit GU Platz (also integrativem Platz) viel angemessener für die Förderung der Kinder. Ich denke, gerade Euer Sohn würde davon viel mehr profitieren, da er ja erst recht spät deutsch gelernt hat.
    Aaaaahh, muss ich wirklich noch ein Jahr warten, bis Du das auf dem Blog schreibst?!? 😉 Beste Grüße

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    • Liebe FrauBitte,
      nein, Du wirst nicht ein Jahr auf eine Antwort warten müssen (;-)), zumal die Schulfrage sich dann erst später stellte. Deshalb habe ich das Thema auch als Kolumne aufgeschrieben, denn sie gehört (zum Glück) noch nicht in das erste Jahr nach der Ankunft unserer Kinder. Wie es weiter ging und geht und warum mit Blick auf die Schule, werde ich bald in einer neuen Kolumne schreiben und erzählen. Aber so viel vorab: Wir sind aus dem Regelsystem ausgestiegen und unsere Kinder gehen auf eine Waldorfschule. Das war für uns, bzw. für unsere Kinder das ideale Konzept. Und dass sie seit der Zeit beide fast doppelt so viel gewachsen sind, wie zuvor im selben Zeitraum zeigt, was passiert, wenn man Kindern den Himmel reicht und eben nicht die Kellerdecke. – Integrationskonzepte sind mit Sicherheit besser als Förderschulen, aber auch da hängt es sehr von der Region und gar der Schule ab, wie das gelebt wird. Da es bei uns auch den Stempel von „niedriger Kellerdecke“ hat, kam für uns und unsere Kinder dieser Weg nicht in Frage.
      Dies mal vorab. Liebe Grüße Charlotte

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