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„Geburtserfahrungen“ einer Adoptivmutter

Lange habe ich geglaubt, das mir eine wirkliche Geburtserfahrung mit meinen Kindern fehlt. Sie sind eben auf einem anderen Wege zu mir gekommen. Da es mir in meinem Kinderwunsch nicht primär um das Schwanger werden und sein ging, sondern darum, ein Kind auf seinem Weg ins Leben zu begleiten, belastete mich der Umstand der fehlenden Geburt nicht. Erst im Laufe der Zeit, in der ich mit meinen Kindern zusammengewachsen bin und wir gemeinsam über viele Hürden gegangen sind, um eine enge Bindung zu einander aufzubauen und wachsen zu sehen, bedauere ich es hin und wieder, meine Kinder nicht geboren zu haben.

Doch nun habe ich neulich das bereichernde Buch von Sherrie Eldridge „20 Things Adoptive Parents need to succeed“ gelesen, und stieß dort auf einen spannenden Passus. Gegen Ende des Buches zieht sie die Parallelen zwischen physischer Geburt und Adoption. Wie bei einer physischen Geburt erleben Adoptiveltern, so Eldridge, genau dieselben Stadien von „Empfängnis“, „Geburtswehen“ und tatsächlicher „Geburt“. Adoptivmütter erleben eine ähnliche Euphorie, die leibliche Mütter spüren, wenn sie erfahren, dass sie schwanger sind. Adoptivmütter müssen manchmal durch Höllenqualen unterschiedlichster Art gehen, die körperlich schmerzen wie Wehen. Adoptivmütter werden genauso von einer Glückswelle übermannt wie es eine leibliche Mutter nach der Geburt, wenn sie ihr Kind endlich in den Armen halten.

Was waren meine Erinnerungen an die „Geburt“ meiner Kinder?

Im Herzen empfangen

Es war kein Bild und keine Geschichte, die uns zu unseren Kindern bewegte. Es war die kurze, aber um so überraschendere Mitteilung unserer russischen Koordinatorin auf dem Moskauer Flughafen, dass wir am folgenden Tag einen Jungen UND ein Mädchen kennenlernen würden. Vielleicht fühlte ich mich im ersten Moment so, wie man sich nach einem Schwangerschaftstest fühlt und der Arzt einem noch mitteilt, dass man Zwillinge erwartet. Ich weiß bis heute, dass ich in diesem Moment genau spürte, dass es alles so hätte sein sollen, all die Anstrengungen im vorangegangenen Adoptionsprozess, das Scheitern der ersten Adoption. Ich zögerte keine Minute, dass ich diese zwei Kinder annehmen und lieben lernen würde. – Um mich vor Enttäuschungen im weiteren Prozess zu schützen, ließ ich jedoch nicht vollends zu, dass beide Kinder schon ganz tief in meinem Herzen waren, und ich sie nicht mehr herauslassen würde. Doch im Grunde war es so. Sie wuchsen in meinem Herzen, wo sie immer bleiben würden.

Kontinuierliche Wehen bis zur Gerichtsverhandlung

Selten passiert es, dass eine Adoption kurz vor Abschluss scheitert, so wie bei uns in unserem ersten Fall. Der Schmerz ist unermesslich.

Doch allein der gesamte Adoptionsprozess ist mit Anstrengungen verbunden. Sich immer erneuten Gesprächen zur Überprüfung zu unterziehen, Gutachten erstellen zu lassen, zig Papiere und Dokumente zu besorgen, diese beglaubigen und überbeglaubigen lassen. Wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt, noch mehr Papiere beibringen, noch detaillierter die Vermögensverhältnisse darstellen, etc. etc. etc. Immer mit dem drohenden Satz der Vermittlungsagentur im Hinterkopf: „Denken Sie dran, von der Qualität der Papiere hängt die Zukunft ihre Kinder ab.“ Die nervliche Anspannung, wann kommt es endlich zu einem Gerichtstermin. Wird dieser wieder scheitern? In der Zukunft verwischen die Erinnerungen daran. Nach ein paar Jahren denke ich zwar: „Ach, so schlimm war es ja gar nicht.“ Ähnlich wie bei physischen Wehen. Die Euphorie der Geburt legt einen Schleier über die schmerzhaften Wehen des Adoptionsprozesses.

„Geburt“ meiner Kinder

Als der Richter nach einer anstrengenden und strapaziösen Gerichtsverhandlung den magischen Satz sagte: „Heute werden zwei neue Kinder geboren…“ , fühlte sich dies wie die befreiende Wirkung an, wenn die Wehen und der Schmerz endlich nachlassen, wenn man zum ersten Mal spürt, es ist vollbracht, es ist geschafft, all die Anstrengungen sind nun vorbei. Vorerst.

Der wirkliche geburtliche Glücksmoment nach der Ankunft unserer Kinder war auf dem Rückflug von Moskau nach Deutschland. Schon kurz nach dem Start des Flugzeugs waren beide Kinder ermattet aber friedlich eingeschlafen. Maxim lag in meinem Schoß, Nadeschda schlief in Richards Armen. Über unsere Kinder hinweg, sahen wir uns an. Für einen Moment fiel alle Anspannung und Last der letzten Wochen von uns. Wir spürten, wie eine Welle tiefen Glücks über uns hereinbrach und wir uns bewusst wurden: „Dies sind jetzt unsere Kinder! Für immer!“

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Mein Gastbeitrag: „Adoptieren – Hat sich das gelohnt?“

boy drawing sales report on the wall

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Unser erstes Jahr als Adoptivfamilie hatte viele Tiefen, aber auch unglaublich viele Höhen. Es war ein langer Weg, bis wir als Familie zusammengewachsen waren, bis ich mich in meiner Rolle als Mutter fand, bis meine Kinder bei uns – mit ihrem Leben in Russland und ihrer Geschichte – bei uns ankamen. Die Amplitudenausschläge noch unten und vor allem nach oben setzten sich in den Jahren danach fort. Nadine von Mamas Unplugged hat mir die Frage gestellt „Hat sich das alles gelohnt?“. Spannend darüber nachzudenken! Meine Zwischenbilanz könnt Ihr seit gestern in meinem Gastbeitrag „Adoptieren – Hat sich das gelohnt?“ lesen.

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23. Juli – Danke

mother and two kids walking on at sunset

In ein paar Tagen jährt sich die Ankunft von Maxim und Nadeschda, meiner Kinder. Ein ganzes Jahr, zwölf Monate, 52 Wochen mit vielen Höhen und einigen Tiefen liegen hinter uns. An vielen unsere Momente und Erfahrungen aus diesem ersten Jahr als Adoptivfamilie habe ich Euch teilhaben lassen. Es hat mich sehr berührt, wie viele hier mit gelesen, mit gefiebert, mit gefühlt haben. Dafür danke ich Euch von Herzen! Es hat mich bestätigt, dass es richtig ist, was ich mit diesem Blog angefangen habe. Und deshalb dies gleich vorab: Es wird weitergehen!

Mittlerweile sind vier weitere Jahre sind  gemeinsam mit unseren Kindern vergangen. Wir haben uns als Kleinfamilie nach den Höhen und Tiefen des ersten Jahres gefunden, sind in unserem Familienalltag angekommen. Hinter uns liegen unzählige wunderbare Tage mit Maxim und Nadeschda. Das Gefühl „Das sind unsere Kinder!“ ist zur Normalität geworden. Die Adoption und unsere Geburtswehen als Familie liegen weit zurück.

Mit vielen Umwegen, Abzweigungen, vielen Höhen und Tiefen haben wir in diesen Jahren unseren Weg gefunden, der uns in den kommenden Jahren leiten wird. Wir werden weiter als Familie zusammenwachsen. Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke und innehalte, so breitet sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit aus, Dankbarkeit für meine Kinder und für all das, was ich bisher durch sie und mit ihnen habe lernen dürfen.

Den Wahnsinn des ganz normalen Familienalltags zu ertragen und lieben zu lernen; die Verantwortung, zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen auf ihrem Weg groß zu werden zu führen und zu begleiten; meinen Kindern die Nähe und das Verständnis zugeben, die sie brauchen, manchmal bis zur eigenen emotionalen Selbstaufgabe; als Paar und als Familie zusammenzuhalten, wenn das Umfeld einen alleine lässt; zum Experten zu werden, wenn es um die richtige medizinische oder therapeutische Behandlung der eigenen Kinder geht; Vorurteile zu überwinden, um die bestmögliche Begleitung und Förderung für Maxim und Nadeschda zu finden; das Bewusstsein und das Selbstvertrauen zu haben, allein zu wissen, was meinen Kindern gut tut. Über die Jahre habe ich verinnerlicht, dass die emotionalen Amplitudenausschläge meiner Kinder um ein Vielfaches höher sind als bei leiblichen Kindern. Oft sind sie ein „Fass ohne Boden“, deren Bedürfnisse nach Nähe und Sicherheit nie gestillt zu werden scheinen. Gängige Erziehungsmethoden werden niemals funktionieren. Und die Entwicklung meiner Kinder ist selten „normal“. Sie werden immer ein „Mehr“ brauchen. Mehr Halt, mehr Sicherheit, mehr Verlässlichkeit, mehr Fürsorge, mehr Zuneigung. Und absolute bedingungslose Liebe.

Zum ersten Mal spüre ich, dass ich in meiner Rolle und Aufgabe als Mutter – als Adoptivmutter – angekommen bin. Maxim und Nadeschda den Himmel zu geben, nach dem sie sich strecken, ist meine Lebensaufgabe. Ich habe diese Bestimmung angenommen. Nach vier Jahren habe ich das Gefühl, dass ich dieser Herausforderung gerecht werden kann. Viel ist passiert in diesen vergangenen Jahren, die mich haben in meinen Erfahrungen wachsen lassen. Es gibt viele Themen rund um das Adoptivmutter sein, aber auch Mutter sein und Kinder in das Leben hineingeleiten, die ich in meinem Kopf und meinem Herzen bewegt habe. Einiges davon möchte ich Euch hier weitergeben. Insofern werde ich diesen Blog fortsetzen, doch in etwas anderer Form ab dem Herbst. Bis dahin dürft Ihr Euch in den Sommermonaten auf ein paar Kolumnen und „Sommergedanken“ von mir freuen.

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20. Juli – Mutterliebe

Silhouette of Mother and Young Children Holding Hands at Sunset

Meine Gedanken wandern zurück zu den Tagen vor einem Jahr. Vor zwölf Monaten hatten wir in der russischen Gerichtsverhandlung Maxim und Nadeschda als unsere Kinder zugesprochen bekommen. Heute vor einem Jahr flogen wir zurück nach Deutschland, um in Windeseile die Vorbereitungen für die Ankunft unserer Kinder zu treffen. Kurze Zeit darauf holten wir unsere Kinder aus dem Kinderheim in Russland ab und begannen unser Leben als Familie.

Es ist erst ein Jahr her. Dennoch fühlt es sich so an, als lebten Maxim und Nadeschda schon so viel länger bei uns. Viel war passiert in den vergangenen zwölf Monaten, die Ereignisse, Freuden, Erfolge, Herausforderungen und auch Schicksalsschläge im großen wie im Kleinen ließen unsere gemeinsame Zeit um ein vielfaches länger erscheinen: Die vielen ersten Male aus Kindesaugen, das stetige Herannähern an eine organische Routine in unserem Alltag, Nadeschdas Zöliakie Erkrankung, Maxims Eintritt in den Kindergarten, Renates Krankheit und Tod, Maxims Sprechen, der Bruch mit meiner Familie, alte und neue Freundschaften, das Entstehen einer stabilen Eltern-Kind Beziehung. Wir vier waren einen langen Weg gegangen. Manchmal war er steinig, manchmal beflügelnd.

Wir wussten, dass wir auch nach zwölf Monaten noch nicht am Ziel waren. Unser Weg wird weitergehen, und auch in der Zukunft Hürden, Steigungen, aber vor allem glückliche Momente und unzählige erinnerungswürdige Ereignisse für uns bereit halten. Im Sinne eines Ankommens denke ich, haben wir nach diesen ersten zwölf Monaten, den richtigen Pfad gefunden, um als Familie weiter zusammenzuwachsen, unseren Kindern gute und fürsorgende Eltern zu sein, uns in unseren Rollen als Mutter und Vater weiter einzurichten und einen guten Umgang mit unserem Umfeld zu finden. Es wird noch eine Weile dauern, bis ich für mich sagen kann: „Ja, jetzt bin ich als Mutter endgültig angekommen. Ich habe das Ende meines Weges erreicht. Jetzt habe ich meinen Platz gefunden.“

Entscheidend ist jedoch, dass in mir in den vergangenen zwölf Monaten die bedingungslose Liebe für Maxim und Nadeschda gewachsen ist, die sie beide so sehr brauchen und verdienen. Ich liebe diese beiden wunderbaren Geschöpfe. Sie sind das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Sie geben meinem Leben einen Sinn. Sie lassen mich ein großes Stück weit mehr zu mir finden. Sie treiben mich an meine Grenzen und lassen mich neue Seiten an mir entdecken. Vor allem haben sie mich gelehrt, dass Mutterliebe nicht aus den Genen kommt. Liebe muss nicht biologisch sein. Und während die Bilder des vergangenen Jahres in meinem Kopf vorbeiziehen, huscht ein Lächeln über mein Gesicht und ich denke bei mir: So fühlt sich Mutterliebe an! So fühlt sich Mutterglück an!

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18. Juli -Familienferien am Meer

children-209779_1920Die Sonne scheint, am blauen Himmel zeigen sich nur vereinzelte kleine Wolken, eine warme Brise weht. Im Hintergrund höre ich die Meeresbrandung. Es ist Nachmittag und die Flut kommt allmählich zurück. Ich sitze in unserem Strandkorb und schreibe diese Zeilen. Maxim und Nadeschda jagen mit Richard den Wellen am Meer nach. Für ein paar Tage besuchen wir Freunde in ihrem Sommerurlaub an der Nordsee.

Die Tage verbringen wir meist mit morgendlichen Einkaufsgängen in den Ort, langen Spaziergängen durch die Dünen und Fahrradausflügen rund um die Insel. Maxim spielt viel mit den anderen Kindern in den Dünen oder im Garten. Es werden Höhlen gebaut und dort Familie gespielt. Oder die Höhle mutiert zu einem Piratenschiff, das fremde Inseln erobert. Ich beobachte meinen Sohn und bin fasziniert, wie schnell er sich in den Reigen der älteren Kinder eingereiht hat. Das Wetter hatte bisher noch nicht zu einem langen Verweilen am Strand eingeladen. Erst seit gestern können wir die Nachmittage bei Sonne am Strand genießen. Zumindest so lange, bis der Wind uns zu sehr die Sandkörner in die Augen treibt und wir uns doch lieber an windgeschütztere Orte hinter den Dünen zurückziehen. Die Kinder buddeln mit großem Engagement im Sand, sammeln Muscheln an der Meeresbrandung und jagen den Wellen hinterher. Nadeschda quiekt vor Begeisterung, Maxim lacht in einem fort. Es ist großartig, meine Kinder so erleben zu dürfen. Wie glücklich sie sind!

Ich war gespannt auf diesen Urlaub gewesen. Denn ich hatte mit Strand und Meer einen alten Kindheitstraum verbunden. Einen unerfüllten. Meine dumpfen Erinnerungen an meine Ferien als Kind an der Nordsee waren keine guten. Meine Eltern hatten die meist verregneten Wochen an der See bald gegen Strandferien im heißen Süden eingetauscht. Diese hinterließen bei mir einen so nachhaltig langweiligen und manchmal quälenden Eindruck, dass für mich ein solches Urlaubskonzept bis heute in keiner Weise in Frage kommt. Mit der Nordsee verband ich aber eine stille Sehnsucht von heiler Familie, genährt von Sonne, Wind, Sandburgen, Muscheln sammeln, Drachensteigen, Pommes Frites und Fisch- oder Krabbenbrötchen im Strandkorb. Die Tage auf Juist erfüllen diese Sehnsucht und legen einen verklärten Schleier über unsere Zeit als Familie auf der Insel.

Denn tief in mir bin ich angespannt, ich kann zu wenig loslassen und die Zeit einfach laufen lassen. Wieder einmal bin ich gefangen in meiner Rolle des Cheforganisators und der Spielverderberin, was mir wenig gefällt. Richard widmet sich mit weit über hundert Prozent seinen Kindern, ist für Spaß und Blödsinn zuständig. Mit der Tatsache, dass ihn Maxim und Nadeschda damit voll für sich einnehmen und ihn nicht loslassen, ist er jedoch überfordert und reagiert er angespannt. Ich kann mich nicht von meinen eigenen Gefühlen frei machen, bei meinen Kindern nur zweite Wahl zu sein und im Zusammenspiel mit Richard das fünfte Rad am Wagen. Auch ich reagiere empfindlich und muss hart an mir arbeiten, nicht jede Bemerkung persönlich zu nehmen. Nach all dem, was wir in den vergangenen zwölf Monaten erlebt haben, befinden wir uns wieder in einer neuen Situation. Hier müssen wir uns erst einmal zusammenfinden, jeder seinen Platz einnehmen, der ihm gut tut. Es dauerte eine Weile, bis uns das gelingt. Mir wird klar, dass die Bilderbuchfamilie am Strand sich erst noch entwickeln muss. Das kann ich nicht innerhalb von fünf Tagen erzwingen. Das braucht Zeit. Zeit, die wir noch so reichlich haben, denn vor uns vieren liegt noch ein ganzes Leben als Familie.