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Auf der Suche nach den „Herzwurzeln“ – Biografiearbeit ist so individuell wie jedes Adoptivkind

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Photo by Annie Spratt on unsplash.com

Zweimal im Jahr organisiere ich Treffen für Adoptivfamilien. Ich finde das wichtig, diesen Familien eine Möglichkeit zu geben, sich in einem ungezwungenen Rahmen auszutauschen. Meist haben wir an diesen Treffen auch immer wieder einen kleinen Seminarteil zu Adoptionsrelevanten Themen für die Eltern. Sei es über die Zusammenarbeit mit der Schule oder die „Anstrengungsverweigerung“ und der Umgang mit dieser oder über den Umgang mit Wut und Frustration. Eine Adoptivmutter, die regelmäßig zu diesen Treffen kommt, stresst nun seit Jahren das Thema „Biografiearbeit“.  Das wäre so wichtig, und wir Eltern müssten unbedingt daran arbeiten, und die Kinder auch. So ein ganzes Wochenende mit ganz intensiver Biografiearbeit in der großen Runde, natürlich Eltern und Kinder aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich habe das immer wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber irgendwie traute ich mich nicht dadran. Irgendwie gab es für mich immer wieder einen Störfaktor. Und nun weiß ich auch warum….

Ohne Zweifel Biografiearbeit ist ungeheuerlich wichtig! Adoptivkinder wollen und sollen irgendwann ihren Wurzeln nachspüren, ihre Geschichte und ihre Herkunft kennen, verstehen und einen eigenen Umgang damit finden. Zu schmerzhaft sind die Wunden, die die Trennung von der leiblichen Mutter gerissen haben und zu omnipräsent die Folgen daraus. Ungeachtet der weiteren Lebensgeschichte, wie vielleicht ein Leben in einem Kinderheim oder die kulturelle Entwurzelung durch die Adoption. In der Euphorie der Adoption geht schnell verloren, was ein Kind auch mit seinem neuen Leben in einem anderen Land alles verliert. Ein Bild hat sich in mein Gedächtnis unlösbar eingebrannt: bei einem der Kinderheimbesuche in unserem Adoptionsprozess sahen wir Maxim, wie er mit seiner Gruppe zu einem Spaziergang aufbrach. Deutlich war zu sehen, wie wohl er sich da fühlte. Glücklich winkte er uns damals von der anderen Straßenseite zu. In diesem Augenblick wurde mir zum ersten Mal bewusst, was wir ihm auch alles mit der Adoption nahmen.

Dass Adoptiveltern sich auch intensiv damit auseinandersetzen müssen, wie Biografiearbeit heilsam eingebracht wird, ist genauso unbenommen. Entscheidend ist, das erforderliche Maß an Sensibilität zu haben, offen mit dem Thema umzugehen, sich selbst mit der Rolle der Adoptivmutter auseinandergesetzt und einen friedvollen und demütigen Umgang mit der leiblichen Mutter gefunden zu haben. Neben ein paar praktischen Werkzeugen, wie man gemeinsam mit seinem Adoptivkind, sich über seine Herkunft und seine Wurzeln und den damit verbundenen Gefühlen auseinandersetzen kann. Vor allem Irmela Wiemann hat hier im Deutschsprachigen Raum Großartiges geleistet. Ihre Ratgeber sind mehr als hilfreich und in meinen Augen Pflichtlektüre für alle Adoptiveltern. Lange habe ich ein passendes Kinderbuch zur Herkunfts- und Wurzelsuche vermisst. Auch das hat Irmela Wiemann gemeinsam mit Schirin Homeier mit „Herzwurzeln“ veröffentlicht.

Jannik ist Pflegekind und lebt erst seid ein paar Wochen bei seiner Pflegefamilie. In seiner Klasse lernt er Ayana kennen, die als Baby von ihren Eltern aus Äthiopien adoptiert wurde. Jannik versucht, in seiner Pflegefamilie anzukommen, aber immer wieder wird er von seiner „Blitzwut“, mit Trauer und Schmerz um die Tatsache, dass er nicht mehr mit seiner Mutter und seinen Geschwistern zusammenleben darf, eingeholt. Ayana ist auf der Suche nach ihren äthiopischen Wurzeln. Auch sie kämpft immer wieder mit Wut und Verzweiflung. Als die Bemühungen ihrer Eltern wieder einmal nicht fruchten, ergreift sie selbst die Initiative und schickt ihren Papagei mit einem Brief an ihre leibliche Mutter nach Äthiopien. In ihrem gemeinsamen Leid freunden sich Ayana und Jannik an und finden beide nach einem langen Weg ihre „Herzwurzeln“ in sich und in ihren Familien. Der Geschichte haben Schiri Homeier und Irmela Wiemann erstmals einen Ratgeberteil für Kinder angefügt, in dem nicht nur die Fachbegriffe aus dem Adoptions- und Pflegewesen kindgerecht erklärt werden, sondern genauso die Konzepte und unterschiedlichen Formen von Elternschaft und Familie. Mit wunderbaren Illustrationen gibt sie den Kindern Hilfestellungen für den Umgang mit diffusen Gefühlen wie etwa der „Blitzwut“ oder der Angst vor weiteren Verletzungen, die eingesperrt ist im „Herz mit den zwei Kammern“. Ergänzt wird das Buch um einen weiteren Ratgeberteil für Erwachsene, in dem Herkunftseltern, Adoptiveltern, aber auch Fachpersonal angesprochen werden.

In den Sommerferien habe ich es nun zum zweiten Mal gelesen. In der Hoffnung, dass vor allem auch Maxim vielleicht darauf anspringt. Tat er aber nicht. Obwohl wir, als er kleiner war, schon immer mal das ein oder andere Kinderbuch, in dem das Thema Adoption kindgerecht dargestellt wird, gelesen haben. Obwohl das Thema „Herkunft“ gerade wieder in den vergangenen Wochen wieder sehr präsent ist.

Maxim ist im „Russlandfieber“. Er will russisch lernen, er liest Geschichten über Moskau, er erkämpft sich selbst im Moment das russische Alphabet Buchstabe für Buchstabe. Und am liebsten will er schon morgen nach Moskau fliegen. Kaum kann er es erwarten, dass endlich sein russischer Pass neu ausgestellt ist. Nadeschda hingegen zeigt entweder gar kein Interesse oder vehemente Ablehnung: „Mama, ich will keinen russischen Pass. Der ist nur für die Babys, die daher kommen. Ich brauche das nicht. Und ich will das nicht. Und wenn ich Nein sage, dann heißt das auch Nein. Verstanden?“ Was beiden gemein ist, dass sie keinerlei Regung zeigen, nach ihrer russischen Mutter zu suchen. Maxim will seine russischen Wurzeln kennenlernen, versinnbildlicht mit dem Roten Platz in Moskau. Da will er hin. Aus den Büchern hier zuhause hat er inzwischen nahezu jedes Denkmal und Gebäude, das sich um den Roten Platz formiert, verinnerlicht. Doch weder seine Geburtsstadt, noch das Kinderheim, oder seine biologischen Wurzeln scheinen ihn zu interessieren. Doch bei näherer Betrachtung spürt er, dass er an diese Wunden nicht ran will. Das schafft er noch nicht. Mit seiner doppelten Elternschaft will er sich noch nicht auseinandersetzen. Auch Nadeschda hat das für sich wieder ganz weit unten in ihrem Inneren vergraben, nachdem es im vergangenen Herbst einmal für kurze Zeit aufflammte, aber von außen an sie herangetragen. Und ihre Reaktion damals war deutlich, dass sie sich damit nicht auseinandersetzen wollte.

Da wurde mir noch einmal bewusst, dass Biografiearbeit und das Auseinandersetzen mit der Herkunft ein sehr individueller Prozess ist. Es geht eben nicht nur darum, einen Ratgeber zu lesen, ein Seminar zu besuchen, um dann anschließend ein „Lebensbuch“ mit seinem Adoptivkind zu basteln, ein Bild der leiblichen Mutter zu malen und ihr einen Brief zu schreiben und dann irgendwann, wenn das Kind es wünscht, in sein Herkunftsland zu reisen und möglicherweise die leibliche Mutter zu suchen. Das ist alles wichtig! Und Adoptiveltern brauchen die professionelle Unterstützung und die Impulse, die eben vor allem Irmela Wiemann setzt. Doch danach ist es in meinen Augen ein sehr individueller Prozess, wie die Biografiearbeit zuhause in der Familie gestaltet wird. Sie muss meiner Meinung nach so individuell sein, wie die Lebensgeschichte eines jeden Adoptivkindes und auch so individuell und einzigartig, wie der Umgang des Kindes mit seiner Geschichte ist. Das sehe ich bei meinen eigenen Kindern. Sie haben dieselbe russische Mutter, sie teilen einen Großteil der Geschichte, auch bevor sie zu uns kamen. Aber beide haben einen ganz eigenen Umgang damit. Einen Umgang, der mich eben nicht die Ratschläge wie „Projekte“, wie die Fachliteratur sie vorschlägt, Checklistenartig bei meinen Kindern abarbeiten lässt.

Wie individuell jedes Adoptivkind mit seiner Geschichte umgeht, sehe ich auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis. Manche Adoptivkinder möchten unbedingt zurück in das Kinderheim fahren, aus dem sie kommen. Andere lehnen ihren russischen Namen ab mit der Begründung, sie haben an ihn keine schönen Erinnerungen. Entscheidend ist am Ende, dass wir als Eltern unseren Kindern die Offenheit deutlich zeigen, dass sie mit uns Adoptiveltern über ihre Herkunft und ihre Geschichte sprechen können, dass sie aber das Tempo und den Weg und auch den Inhalt bestimmen. Denn vor allem ist es ihre ganz persönliche Geschichte mit ihren ganz persönlichen traurigen Gefühlen. Einfühlsam und in meinen Augen auch nur ganz privat im Kreise der Familie sollte es den Raum geben, wo unsere Adoptivkinder sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzen dürfen, wann und wie sie wollen. Und so, wie es für sie heilsam und gut ist.

 

Informationen zu „Herzwurzeln“:

„Herzwurzeln“

Schirin Homeier und Irmela Wiemann

Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt a.M. 2016

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (100)

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Hey, die 100. Ausgabe der Sonntagslieblinge! Wer hätte das gedacht? Und dies nach einer doch einschneidenden Woche, in der wir so langsam in ein / mein neues Leben gestartet sind. Meine Ausbildung ist vorbei, ich habe meine Abende und Wochenenden wieder frei, dafür arbeite ich nun an der Schule, Projektweise, was mir für dieses neue Jahr nach dem Ende meiner Ausbildung sehr gelegen kommt. So schafft mir das etwas Raum und Luft, vielleicht auch doch noch meine anderen Themen weiterzuverfolgen: Diesen Blog weiterzuschreiben, mit ihm und damit auch für das Thema Adoption vielleicht noch einmal eine andere Präsenz zu bekommen, ein zweites Buch zu veröffentlichen, wer weiß? Auch wenn ich immer versucht bin, einen genauen Plan zu haben, so füge ich mich im Moment noch in die Situation, dass gerade jetzt und auch in den kommenden Wochen noch nicht alles in Stein gemeisselt ist, wie dieses frisch begonnenen Schuljahr sich entwicklen wird. Denn gerade jetzt steht vor allem erst einmal an, dass beide Kinder wieder gut in den Schulalltag hineinfinden. So bin ich nach der ersten Schulwoche vor allem für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Zum Glück hatten wir unsere Routine in den Ferien beibehalten, nicht zu spät ins Bett zu gehen und morgens nicht bis in die Puppen im Bett zu bleiben. Auch wenn Maxim manchmal gerne gewollte hätte. So fiel jetzt die Umstellung auf das frühe Aufstehen nicht ganz so schwer. Dennoch sind beide Kinder jeden Tag sehr müde. Schule ist eben anstrengend und bei diesen Temperaturen erst recht. Ich bewundere wirklich Maxim’s und Nadeschda’s Durchhaltevermögen.
  2. Nadeschda und ihre Klasse haben ein ganz zauberhaftes Märchenspiel für die neue erste Klasse an der Schule aufgeführt. Dornröschen. Und wieder einmal spielte meine Tochter die böse Fee… Am meisten fasziniert hat mich allerdings, wie gut sie inzwischen Texte auswendig lernen kann. Das hätte ich nicht gedacht. Wenn die Gedächtnisleistung eben nicht schon überlastet ist von so viel unnützem Wissen wie bei uns Erwachsenen, dann klappt das eben auch mit dem Auswendiglernen viel besser.
  3. Maxim war tatsächlich bereit, einer seiner Zirkusaktivitäten in diesem Schuljahr aufzugeben. Nun haben wir einen freien Nachmittag mehr in der Woche. Ich bin dankbar für seine Einsicht und freue mich auf das Mehr an Zeit, das uns Raum gibt, Neues zu entdecken.

Habt noch einen traumhaften Sonntag und kommt gut in die neue Woche!

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„Zweite Karriere“ in der Mitte des Lebens – der Weg ist das Ziel

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Diese Sommerferien stellten für uns so eine kleine Zäsur da. Zwei Jahre Ausbildung sind für mich zu Ende gegangen. Nach den Ferien fügt sich unser Alltag in einigen Teilen neu. Wie mein Weg nun weitergeht, wird sich zeigen. Um so mehr bin ich zur Zeit empfänglich für Impulse, die sich mit der Suche und dem Beschreiten neuer Wege beschäftigen. Erst im Urlaub stieß ich wieder einmal auf einen spannenden Artikel in einer einschlägigen Frauenzeitschrift, in der es um den neuen Dreh im Leben ging, um die neue Aufbruchstimmung in der Lebensmitte. Glückliche und stabile Ehe, gesunde, wohlgeratene Kinder und ein Job, der eine bis zum Rentenalter erfüllt, und dann in den Hafen der Sicherheit bis zum Ende des Lebens einfahren, das war gestern. „Die Lebensmitte ist eine Buckelpiste und kein Spaziergang.“, schreibt die Autorin Antje Gardyan. Wie wahr! Immer häufiger begegnen mir Artikel und Geschichten von Menschen, die in der Mitte ihres Lebens einen neuen Weg einschlagen, ihren alt hergebrachten Lebenspfade verlassen und sich aufmachen zu neuen Ufern. So auch ich. Vor zwei Jahren entschied ich mich, meinen Job in der Kommunikationsbranche endgültig aufzugeben und einen neuen Weg zu beschreiten.

Während ich hier schreibe, fällt mir wieder die Geschichte von den zwei Söhnen ein, die von ihrem Vater in die Welt geschickt wurden, mit dem Auftrag, Spuren in der Welt zu hinterlassen. Der eine war emsig dabei, entlang seines Weges Zeichen zu hinterlassen, Stöckchen, Bänder, Bilder. So sehr war er damit beschäftigt, seine Werke zu erstellen, dass er wenig vom Weg um ihn herum mitbekam. Der andere ging entlang des Weges und immer wenn er jemanden traf, suchte er das Gespräch mit dem Menschen, der ihm begegnete. Nach ihrer Rückkehr, ging der Vater mit ihnen erneut den Weg. Von den Stöckchen, Bändern, Bildern und Zeichen des ersten Sohnes waren nicht mehr viele da, vom Wind zerstört, vom Regen durchnässt, von der Sonne verblichen. Doch an jeden Ort entlang des Weges, in den sie kamen, erinnerten sich die Menschen an den zweiten Sohn, begrüßten ihn freudig, erkundigten sich, wie es ihm ergangen war. Gerne erinnerten sie sich an ihn und die fruchtbaren Gespräche, die sie mit ihm, diesem so freundlichen und frohen Jungen geführt hatten.

Im Grunde jedoch begann mein Weg einer „zweiten Karriere“ mit der Ankunft meiner Kinder vor etlichen Jahren. Auch wenn es mir erst im Laufe der Zeit bewusst geworden ist, so war die Ankunft unserer Kinder die einschneidendste Veränderung in meinem Leben. Nichts würde so bleiben, wie es mal war. In vielen Bereichen, über das bloße Muttersein hinaus, begann ich neue Wege zu gehen. Das hing zum einen mit unserer Geschichte zusammen, wie wir eine Familie wurden, zum anderen mit den besonderen Bedürfnissen meiner Kinder, die eine Rückkehr in mein altes Berufsleben unmöglich machten, ihm aber auch den letzten Sinn nahmen. Es ging eben nicht mehr darum „Stöckchen zu basteln“ und „gewichtige Zeichen zu entwickeln“, die an mich auf meinem Lebensweg erinnerten, sondern es ging alleine darum, diese zwei Kinder fürsorglich und heilend in ihr eigenes Leben zu begleiten, ihnen zur Seite zu stehen, sie zu stärken, sie sich entwicklen zu lassen, damit sie irgendwann in der Lage sind, ihren eigenen Weg zu gehen. Das war nun meine Lebensaufgabe und sie wird es auch noch eine ganze Weile bleiben.

Dennoch blieb eine Motivation in meinem Leben: Auch wenn ich beruflich zum Wohle meiner Kinder deutlich zurücksteckte, so wollte ich doch mit zunehmendem Alter der Kinder ein Stück meiner eigenen Autonomie wieder erlangen. Meine Kinder würden mich mit der Zeit immer weniger brauchen. Insofern war für mich immer klar, dass ich irgendwann wieder regelmäßig einem Beruf nachgehen wollen würde. Hatte ich mich wegen meiner Kinder bereits in den vergangenen Jahren viel mit erziehungsrelevanten Themen rund um die Entwicklung und pädagogische Begleitung von Kindern beschäftigt, lag eine berufliche Perspektive in der Arbeit und der Begleitung von Kindern nun nahe. Es schien ein Wink des Schicksals zu sein, dass in der Waldorfbewegung dringend Lehrer gesucht wurden und daher das Ausbildungsangebot deutlich erweitert wurde. „Ich höre Dich förmlich ins Telefon hineinlachen.“ sagte mein Bruder, als ich ihm von der Möglichkeit der Ausbildung zum Waldorfklassenlehrer erzählte. Ja, es fühlte sich richtig an. Doch nicht nur, um meinem Leben über das Mutter und Autorin Sein hinaus einen Sinn zu geben, sondern auch, um meine Kinder so gut ich konnte durch ihre Schulzeit zu begleiten und daran mit ihnen zu wachsen. Und so machte ich mich auf den Weg, Lehrerin zu werden.

In den zwei Jahren Studium habe ich viel gelernt. Nicht unbedingt, eine perfekte Lehrerin zu werden, auch wenn ich erfahren habe, dass mir bestimmten Gaben für die Arbeit mit Kindern gegeben sind. Vielleicht wird es auch so sein, dass ich in der Begegnung und der Begleitung von Kindern positive Spuren hinterlassen kann, wie der eine Sohn in der Geschichte, der mit seinen Gesprächen und Impulsen den Menschen in Erinnerung blieb. Ungeachtet dessen habe ich auf jeden Fall gelernt, meine Kinder sicher bis zum Abitur durch die Schule zu begleiten. Dafür fühle ich mehr als gut gerüstet. Ich habe die Waldorfpädagogik ein gutes Stück durchdrungen. So weiß ich nun auch, wo die Schwächen der Waldorfpädagogik liegen, gerade mit Blick auf die Bedürfnisse meiner Kinder. Am Ende der zwei Jahre, die oft eine organisatorische und emotionale Herausforderung waren, bleibt neben den Erfahrungen im Seminar der Anfang für ein neues Buch. Es wäre mein zweites, in meiner „Karriere“ als Mutter. Und wiederum eines, dass vielleicht in einer kleinen Nische etwas bewegen kann. Genauso wie mein erstes Buch. Vielleicht ist nach allem auch das die größte Lernerfahrung: Bewusst meinen Herzensangelegenheiten zu folgen.

Vor allem aber hat mich die Zeit gelehrt, das Leben nun etappenweise zu nehmen, klare Prioritäten zu setzen und immer wieder neu zu fokussieren. Am Ende zählt der Weg und nicht das Ziel. Das Leben ist, solange es dauert, ein fortlaufender Prozess, in dem Stillstand und Ankommen oft nur trügerische Phantasien sind.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (99)

Back to school background  with books

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

 

Maxim sagte vor zwei Wochen: „Wow, schon einen Monat Ferien, Mama. So lange…“ Nun inzwischen sind auch diese zwei Wochen vorbei, die Schulsachen sind auf Vordermann gebracht, altes abgelegt, die Ranzen sind gepackt und die Anziehsachen und Marschsachen für die Schule stehen bereit. Morgen geht es nun nach sechs langen Wochen Ferien zurück in unseren Schulalltag. Kaum zu glauben und ein wenig schade, denn eigentlich könnte es für mich nun so weitergehen, wie in den vergangenen sechs Wochen. Wir hatten wirklich einen guten Rhythmus gefunden, der uns allen sehr gut tat. So bin ich heute für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Maxim und Nadeschda haben die letzte Ferienwoche genutzt und sich viel mit ihren Freunden und Freundinnen getroffen. Bei Maxim hat das ein Überlegen ausgelöst, ob er sich nicht doch etwas mehr Zeit einfach zum Spielen unter der Woche lässt und auf die ein andere Aktivität verzichtet. Die Selbstreflexion meines Sohnes überrascht mich immer wieder.
  2. Ich habe meinen Unterricht für die erste Epoche, die aber erst für mich im September beginnt, gut angefangen vorzubereiten. Es tut gut, Themen mit etwas Zeit und Luft anzugehen und dann zu merken, wie über die Zeit mit immer mehr Ideen ein gutes Ganzes daraus werden kann.
  3. Maxim ist ganz verrückt danach, Russisch zu lernen und vor allem die kyrillischen Buchstaben sich anzueignen. Auf der Suche nach etwas Geeignetem bin ich auf die wunderbare Seite vom Sprachhelden gestossen, der sehr übersichtlich erläutert, wie man in 10 Schritten das russische Alphabet erlernen kann.

Habt noch einen wunderbaren Sonntag und kommt gut in die neue Woche, vor allem all diejenigen von Euch, für die Sommerferien nun zu Ende gehen.

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Heilsam durch den ersten Schultag kommen….

School accessories against blackboard

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Am Montag ist es wieder soweit für uns: Nach wunderbaren sechs Wochen Ferien kehren wir zurück an die Schule. Ja, wir sind gut vorbereitet. Und wir haben alles so organisiert, dass wir langsam in den Schulalltag starten. Unsere nachmittäglichen Aktivitäten haben wir zumindest für die ersten zwei Wochen deutlich reduziert. Schon in der letzten Ferienwoche haben wir uns innerlich und in unserer Routine allmählich dem Schulalltag angenähert und haben viele Freunde aus der Schule gesehen, um „alte Kontakte“ wieder aufleben zu lassen. Damit – auch wenn es wohl gewohnt sein mag – nicht alles wieder neu und anders im Vergleich zu dem Ferienmodus in unserer Alltag einprasselt. Die nächste Woche wird zeigen, ob ich gut daran getan habe. Auch Sherrie Eldridge aktueller Beitrag „NAVIGATING FIRST-DAY-OF-SCHOOL EMOTIONS WITH ADOPTED AND FOSTER KIDS“ hat mich darin bestätigt:

Sie erinnert daran, dass Gefühle von Stress und Angst nie aufhören, und sie besonders in Situationen, in denen Neues und Ungewohntes auf ein Adoptivkind einprasselt, immer wieder hoch kommen können. So fühlen sich Adoptivkinder in diesen Momenten:

  • Sie sind alarmiert und in ihrem Kopf dröhnt es, als würde irgendwo ein Feueralarm losgehen. Ich weiß das nur zu gut von meinen Kindern.
  • Sie haben Angst, und am liebsten würden sie flüchten, ganz weit weg.
  • Sie sind traumatisiert, ihr Herz schlägt ihnen bis zum Hals.
  • Sie fühlen sich wertlos.
  • Sie würden sich am liebsten zurückziehen und dissoziieren vielleicht in ihr Innerstes, weil dies der vermeintlich sicherste Ort ist.
  • Sie spüren ihr gebrochenes Herz, denn sie fühlen, das andere wollen, dass sie erfolgreich sind und haben Angst es nicht sein zu können.

All das kommt immer wieder hoch, jedes Mal von neuem. Auch wenn es nicht der allererste Schultag ist. Dessen sollten wir uns als Adoptiveltern bewusst sein, um unseren Kindern den entsprechenden Raum für ihre Gefühle in den ersten Tagen nach den Ferien zu lassen. Ich hoffe, ich gebe meinen Kindern in den kommenden Wochen genau diesen Raum und das Verständnis, ihre Gefühle von Angst, Überforderung und Schmerz zuzulassen.

 

 

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#bestofElternblogs im August

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Die liebe Anja von der Kellerbande  ruft jeden Monat dazu auf, den meist gelesenen Beitrag des vergangenen Monats zu benennen und zu teilen. Nachdem es bis zum Juni etwas ruhiger hier auf diesem Blog war, habe ich den Juli nutzen können, trotz Urlaub doch einmal wieder ein paar Beiträge mehr zu posten. Und so mache ich auch wieder gerne mit meinem meist gelesenen Post aus dem Juli bei Anja’s Blogparade mit. Diesmal ist es mein Beitrag zu „Das Gespenst ist zurück…“, in dem ich Euch erzähle, wie wir damit konfrontiert wurden, dass unter Umständen Maxim’s alte Diagnose sich unter Umständen doch noch bewahrheitet. Bisher sind wir allerdings alle gut durch den Sommer gekommen und verkraften die Hitze ohne weitere Ausfälle. Das lässt hoffen….

Habt wie immer lieben Dank für’s Lesen, Liken und Kommentieren!

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scoyo ELTERN! Blog Award 2018: „Homeschooling für traumatisierte Kinder?“

scoyo-blogward-2018-siegel-bewerberinIn diesem Jahr versuche ich es einmal, und bewerbe mich mit „Homeschooling für traumatisierte Kinder?“ für den scoyo ELTERN! Blog Award 2018. Das Thema des Awards „Nachhilfe und Förderung“ war einfach zu verführerisch, nicht daran teilzunehmen, streiften mich doch in der vergangenen Woche zum ersten Mal Gedanken über eine Abschaffung der Schulpflicht….zumindest für meine Kinder…

Homeschooling für traumatisierte Kinder?

Die 36 Schüler der sechsten Klasse einer Waldorfschule erheben sich zum Morgenspruch. Während alle Schüler ordentlich und mit angespannter Körperhaltung vor ihrem Tisch stehen, erhebt sich der 13-jährige Maxim nur mühsam von seinem Stuhl. Gerade ist er erst noch in den Klassenraum gehuscht, wieder einmal zu spät, wie so oft in den letzten Monaten. Sein T-Shirt zeigt Flecken des Mittagessens vom Vortag, seine Schnürsenkel an den Schuhen sind nicht gebunden. Ungelenk stellt Maxim sich hin. Doch seine Schultern hängen herunter, sein langes Haar hängt ihm im Gesicht und sein Mund ist halb geöffnet. Er wirkt müde und unmotiviert. „Ich schaue in die Welt, in der die Sonne leuchtet…“ Wenn die Blicke des Klassenlehrers ihn streifen, senkt er entweder den Kopf oder dreht sich zu seinem Tischnachbarn. Später wird der Klassenlehrer feststellen, dass Maxim wiederholt keine Hausaufgaben gemacht hat. Sein Heft ist leer. Ihm ist bereits aufgefallen, dass Maxim seit langem abwesend im Unterricht ist, ausweicht, oft fehlt. Viel beteiligt hat er sich am Unterricht in den vergangenen sechs Jahren noch nie. Doch Maxim’s Verweigerung hat jetzt eine neue Dimension. Spricht der Lehrer ihn auf seine nicht erbrachte Leistung an, reagiert Maxim aggressiv und gereizt. Er weicht nicht mehr aus, sondern er droht dem Lehrer mit der Faust. Einmal schon hat er seinen Schultisch umgeworfen. Danach musste er von seinen Eltern abgeholt werden.

Das war das „Horrorszenario“, dass sich in meinem Kopf über die zukünftige Schulkarriere meines Sohnes ausmalte, als Maxim vor ein paar Jahren in die Schule kam und ich merkte, dass trotz liebevoller Woldorfpädagogik und fehlendem Leistungsdruck ich eben nicht der Schule allein die Bildung und die Vermittlung von Kulturfähigkeiten überlassen konnte. Mein Sohn zog sich entweder geschickt aus der Affäre im Unterricht – und als kleiner sechs oder siebenjähriger ist das ja noch süß – oder er war vielleicht physisch in der Schule anwesend, aber der Unterrichtsstoff zog nur rauschend an ihm vorbei.

Wie diejenigen, die meinem Blog regelmäßig folgen, wissen, haben wir unsere Kinder vor etlichen Jahren aus Russland adoptiert. Sowohl Maxim als auch seine kleine Schwester Nadeschda sind aufgrund ihrer Lebensgeschichte, bevor sie zu uns kamen,  frühtraumatisiert. In der Folge zeigte Maxim deutliche Charakteristika eines Anstrengungsverweigerers und – hätten wir dies nicht rechtzeitig erkannt – würde er wohlmöglich das „Vollbild“ eines Anstrengungsverweigerer wie eingangs beschrieben mit Beginn der Pubertät erfüllen.

Das Phänomen der „Anstrengungsverweigerung“

Bei einer Anstrengungsverweigerung geht es um die stetige Verweigerung einer Anstrengung oder Leistung. Tätigkeiten, die das normale bürgerliche Leben erforderlich

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machen, werden vom anstrengungsverweigernden Kind oder Jugendlichen nicht ausgeführt. Typisch ist, dass das betroffene Kind bereit ist, „einen weit höheren Energieaufwand aufzubringen, um eine bestimmte Tätigkeit zu verweigern, als die eigentliche Aufgabe ihm abverlangt hätte.“, so Bettina Bonus, die dieses Phänomen erstmals im Kontext mit Pflege- und Adoptivkindern ausführlich beschrieben hat.

Am deutlichsten tritt die Anstrengungsverweigerung im Kontext der Schule zu Tage. Das beginnt beim morgendlichen Aufstehen und dem Weg zur Schule. Anstrengungsverweigernde Kinder können dadurch auffallen, dass sie stunden-, tage- oder sogar wochenweise den Schulunterricht schwänzen. Andere sind zwar physisch im Unterricht anwesend, bekommen aber vom Unterricht und seinen Inhalten nichts mit. Sie nehmen nicht am Unterrichtsgeschehen teil, entziehen sich unterschiedlichen Aufgaben und umgehen meist Aufgabenstellungen oder Aufträge des Lehrers. Dies zeigt sich nicht zuletzt in schlechten Beurteilungen, doch vor allem schon in leeren oder schlecht geführten Heften, einem unordentlichen Schulranzen und beschädigten oder unvollständigen Schulmaterialien.

Das Phänomen der Anstrengungsverweigerung oder auch Leistungsverweigerung in der Schule tritt allerdings nicht nur bei Adoptiv- und Pflegekindern auf. Folgt man den Medien, so finden sich immer mehr in deutschen Schulen verhaltensoriginelle Kinder aus schwierigen sozialen Gefügen und traurigen familiären Umständen, die immer öfter Zeichen von Leistungsverweigerung zeigen. Schaut man genauer hin, trifft man in vielen Fällen auf traumatische Erfahrungen im Leben dieser Kinder.

Unser Schulalltag mit einem anstrengungsverweigernden Kind

„Ich trage meine Kinder durch das Abitur.“ hatte ich von Beginn an, als die schulische Ausbildung unserer Kinder in unser Leben trat, gesagt. Mehr denn je stehe ich zu dieser Äußerung und bin überzeugt davon, dies als die wichtigste Aufgabe in meinem Mutterdasein zu sehen. Und dies nicht, weil ich davon träume, dass meine Kinder den Nobelpreis einmal bekommen, sondern allein um sie überlebensfähig zu machen und sie in die Lage zu versetzen, einmal ein eigenständiges Leben zu führen. Um so leichter fällt mir das natürlich, wenn ich eine pädagogische Ausbildung habe, noch dazu eine, in der meine Kinder auch in der Schule erzogen werden. Es ist mehr als förderlich, wenn ich die Unterrichtsinhalte kenne, und hier genauso tief einsteigen kann, um meinen Kindern Zuhause zu helfen, mit ihnen passend mehr zu üben. Denn aufgrund ihrer traumatischen Lebensgeschichte und der daraus resultierenden Anstrengungsverweigerung brauchen meine beiden Kinder mehr Hilfe und Unterstützung als andere. Das Wissen und das Können fliegen ihnen nicht einfach zu. Manchmal steigen sie aufgrund einer schnellen Überforderung im Unterricht aus. Sie dissoziieren, bekommen vom Unterrichtsgeschehen nicht mehr mit. Sie sind in einer anderen Welt, aus der sie erst wieder mit Verlassen des Schulgebäudes auftauchen. Das ist ihre Überlebensstrategie, wenn ihnen alles zu viel wird. Die Lücken, die diese Dissoziationen reißen, muss ich Zuhause füllen. Genauso können sie nicht mit Leistungsdruck umgehen, dann fühlen sie sich bedroht. Können sie sich diesem Druck nicht entziehen, greifen sie an. Nur wenn sie sich einer Sache sicher sind, spüren sie diesen Druck nicht, nur dann gehen sie durch den Schulalltag als ruhige zufriedene Kinder. Auch deshalb müssen wir Zuhause viel arbeiten, damit sich meine Kinder ihrer Sache sicher sind.

In den vergangenen vier Jahren sind wir durch viele Höhen und Tiefen gegangen. Denn das tägliche Üben, das zwischen einer und drei Stunden oder mehr dauern kann, ist jedem Tag von neuem eine Herausforderung. Auch wenn die Anstrengungsverweigerung uns manchmal schon wie eine alte Freundin vorkommt. Manchmal läuft alles gut, dann kommen wir gut durch unseren Stoff. Es wird fleißig gerechnet, inzwischen schöne Aufsätze geschrieben oder ordentlich gelesen. An anderen Tagen passiert irgendetwas – Maxim meint, dass er etwas nicht kann – und die Wut sucht uns heim. Manchmal hat sie uns dann für Stunden im Griff. Erst wird Papier zerknüllt, Stifte fliegen durchs Zimmer oder sie kritzeln mit voller Wucht über das Papier  Mein Sohn brüllt herum, schreit, schlägt um sich, manchmal wirft er seinen Stuhl um. Am Ende verfällt er meist einfach nur noch in ein verzweifeltes Weinen, aus dem er sich erst nach über einer Stunde wieder beruhigt. Erst dann können wir weiter arbeiten. Vielleicht….

Sklavische Routine und tägliches „Arbeiten“ zahlt sich aus

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Mit der Zeit sind diese Szenarien zum Glück deutlich weniger geworden. Die Intervalle zwischen den wütenden und verzweifelten Zusammenbrüchen werden immer größer. Nur gelegentlich, vor allem in Phasen, in denen ein neuer Unterrichtsstoff eingeführt wird, kann es zu überraschenden Leistungseinbrüchen und damit einem Wiederaufladen der Anstrengungsverweigerung Zuhause kommen. In diesen Ferien haben wir – auch wenn ich komisch angeschaut werde, dass wir auch in den Ferien jeden Tag arbeiten – große Fortschritte gemacht. Kein zerrissenes Papier, keine Gegenstände flogen durch das Zimmer, alle Möbel bleiben stehen, und die Lautstärke blieb auch auf einem normal erträglichen Niveau. Das Geheimnis ist nicht nur die sklavische Kontinuität des täglichen Üben und Arbeitens, sondern all dies ist eingebettet in einen feste Struktur und Routine, die meine beiden Kinder so sehr brauchen. Denn nur das gibt ihnen Sicherheit. Und wenn sie sich sicher fühlen, dann haben sie innerlich Kapazitäten frei, um Lesen zu lernen, Schreiben zu üben, schön zu formulieren, sich zu erinnern, was wir am Vortag gemacht haben, und dies in einem schönen Text zu Papier zu bringen; dann können sie sich konzentrieren, um im Kopf das 1 x 1 vielleicht auch durcheinander zu rechnen. All das hat auch dazu geführt, dass mein Sohn inzwischen den eigenen inneren Wissensdurst spürt, und sich nun zum ersten Mal selbstständig Dinge erarbeitet. So sitzt er manchmal stundenlang über seinen Büchern zu Kristallen und Mineralien, liest, schreibt auf und katalogisiert seine eigenen Kristalle. Für meine Tochter könnte ich ähnliche wunderbare Entwicklungsfortschritte anbringen.

Homeschooling für traumatisierte Kinder?

Das tägliche Arbeiten für die Schule ist anstrengend. Für meine Kinder und für mich. Vor allem in der Schulzeit, wo eh das Pensum der Hausaufgaben nicht immer gering ist, wo oft Zeitdruck entsteht, da es ja noch andere Hobbys und Freizeitaktivitäten gibt, ich einen Job habe und meine Kinder vielleicht auch noch ab und zu ihre Freunde treffen möchten. Schule ist ohnehin grundsätzlich belastend. Nicht nur der Unterricht, sondern auch das Ganze drum und dran in diesem riesigen sozialen Gefüge einer Klasse. Gerade für meine Kinder sind die Stunden in der Schule extrem anstrengend, aufreibend und Kräfte zehrend. Streit, Ungerechtigkeiten, ein lauter Ton der Lehrerin, Abweichungen von der täglichen Schulroutine, weil ein Lehrer krank ist, nehmen meine Kinder ganz anders auf. Das nimmt sie mehr mit, damit können sie schlecht umgehen, damit sind sie überfordert.

Wenn ich mir die Entwicklung meiner Kinder in den vergangenen Jahren ansehe – und vor allem jetzt noch einmal mit der frischen Entwicklung in den Ferien, wo wir uns sechs Wochen lang in einem stressfreien Raum bewegt haben -, dann begeistern mich die riesigen Fortschritte und der inzwischen (meistens) entspannte Umgang mit dem Arbeiten, Lernen und Üben. Das geht so viel leichter, wenn wir nicht täglich in die Schule gehen. – Und man darf bei unseren Kindern nicht vergessen, dass wir uns in der vermeintlich heimeligen Waldorfwelt ohne all den Notendruck und Leistungsdruck bewegen. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn wir an einer Regelschule wären. – Manchmal habe ich schon in den vergangenen Tagen gedacht, ob es nicht viel besser wäre, wenn ich meine Kinder Zuhause selbst unterrichten würde. Es mag vermessen klingen, aber dass sich die Kulturfähigkeiten wie Rechnen, Schreiben und Lesen bei meinen Kindern in den vergangenen Jahren verfestigt haben, ist maßgeblich auf unsere Arbeit Zuhause zurückzuführen.

Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass wir zum einen in der privilegierten Lage sind, dass ich die Zeit und auch mittlerweile die pädagogische Ausbildung habe, um dies zu tun. Ich weiß, dass dies in vielen Familien nicht gegeben ist. Deshalb denke ich auch nicht über eine grundsätzliche Abschaffung der Schulpflicht nach. Zu vielen Kindern wäre dann der Zugang zu Bildung grundsätzlich versagt. Und nicht alle Familien schaffen es, ihren Kindern Zuhause ein lernendes Umfeld zu bieten. Zum anderen bin ich mir bewusst, dass Kinder im schulischen Umfeld auch noch so viel anderes lernen, über das Schreiben, Lesen, Rechnen hinaus. Soziale Kompetenzen, gesellschaftliche Regeln, Zusammenarbeiten in der Gruppe, Rituale, etc. Das kann ich meinen Kindern hier Zuhause nur in einem gewissen Rahmen bieten. Insofern bin ich mir der Grenzen des „Homeschooling“ durchaus bewusst. Wenn ich mir allerdings vergegenwärtige, welche Belastung der schulische Kontext nach wie vor für meine Kinder ist, und ich auf der anderen Seite weiß, dass ein umhüllendes, fürsorgliches und friedliches Umfeld so wichtig für die Heilung und das Heranwachsen meiner traumatisierten Kinder ist, dann mag das Modell eines Unterrichts Zuhause in meiner Wunschvorstellung doch überwiegen. Zumindest für die ersten vier bis sechs Schuljahre.

Am Ende weiß ich, es wird ein Wunsch bleiben und wir werden weiter unseren Weg in der Realität der Schule finden. Aber wünschen kann man sich ja mal was….