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Charlotte’s Sonntagslieblinge (73)

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Photo by Tim Gouw on unsplash.com

Eine Woche des Umbruchs liegt hinter uns. Dann ist er doch da, der Moment, in dem man sich um ein Elternteil irgendwie kümmern muss, weil es sich selbst nicht mehr versorgen kann. Egal, wie das Verhältnis vorher war und geworden ist. Mein Bruder hat unsere Mutter in die Reha-Klinik begleitet. Dort scheint sie nun erst einmal gut aufgehoben zu sein. Entscheidend wird sein, wie sie sich auf die Therapieangebote einlässt. Alles andere folgt dann. Ich habe mich derweil um die Organisation gekümmert: Kleidung besorgt und gewaschen, Rechnungen bezahlt, den Steuerberater informiert, Versicherungen geklärt, Wohnungsgesuche aufgegeben, und so vieles mehr. Meine Aufgabe in der Betreuung an der Schule lief weiter. Maxim und Nadeschda haben tapfer mitgemacht. Meine Ausbildung habe ich vernachlässigt und mich selbst auch. Eine Erkältung hat mich fest im Griff, aber sie wird auch wieder loslassen. Es ist alles viel, zu viel. Und manches Mal stand ich morgens heulend unter der Dusche. Und war so unendlich wütend. Dennoch und vielleicht in dieser Woche um so mehr bin ich dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Für meine wunderbaren Kinder bin ich so dankbar, die das alles irgendwie mitmachen und das so gut sie können. Auch wenn es hart ist. Auch wenn ihr Verhalten nicht immer normal ist und meine Reaktionen schon mal gar nicht. Ich bin so froh und dankbar, wenn Nadeschda wieder ein schwere Zubettgehzeit hatte mit viel Drama, sie dann aber, wenn sie in ihrem Bett liegt und langsam sich beruhigt hat, nach meiner Hand greift, diese in ihr eines Händchen nimmt und das andere gleich ganz fest darauf legt, als würde sie sagen wollen: Mama, bleib da! Und das bleibe ich!
  2. Für meinen Mann, der mir zwar im Alltag nicht viel helfen kann, aber der alles dennoch versucht, was in seiner Macht steht, um mir zu helfen.
  3. Für meine innere Fähigkeit, mich doch ein wenig um mich selbst zu kümmern. Gesundheitlich und emotional angeschlagen, habe ich mir einfach diese Woche viel Schlaf verordnet und gehabt. Und dann habe ich versucht, jeden Tag etwas Schönes für mich zu tun. Das ist mir auch (fast) geglückt. Und wenn es nur ein paar Seiten in einem Buch waren, die ich gelesen habe. Oder das Telefonat mit einer Freundin. Oder das Parfüm, das ich mir endlich bestellt habe. Oder der Besuch bei lieben Freunden am Wochenende. Oder die Puppendecke, die ich für Nadeschda endlich genäht habe.

Ihr Lieben, habt einen wunderbaren Sonntag und einen guten Start in eine neue Woche!

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Dankbarkeit am Morgen in den Bergen

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Photo by Ales Krivec on unsplash.com

Dienstag morgen: Wir sind immer noch in den Bergen. Ich vermisse meine Freunde, die Kühe. Ich hätte nicht gedacht, dass sie schon von den Almen herunter gekommen sind. Aber ja, auch hier wird es Herbst und die Nächte kalt. Ich genieße den Kaffee im noch stillen Haus und denke gerade an all das, was ich im vergangenen Jahr so geschafft habe. Gerade nach den letzten Wochen, wo ich immer wieder gezweifelt habe, wo ich mir mehr Ruhe und Zeit so nur für mich zum Nichtstun oder Lesen gewünscht hätte, wo ich vor allem mehr Schlaf herbeigesehnt habe. – Hier habe ich ihn nun, aber auch nur, weil ich in den ersten Tagen mit den Kindern hier alleine war und mir nun mit meiner wunderbaren Freundin, der Hausbesitzerin, zusammen, ein Schlafnachholprogramm auferlegt habe, an meinem Schlafdefizit gearbeitet. Und die Schlafbilanz nach die ersten Tagen sieht extrem gut aus. Also bin ich an diesem wunderbaren Dienstagmorgen einfach dankbar – über meine Sonntagslieblinge hinaus. Es hat mehr etwas von ein paar meditativen demütigen Gedanken an diesem noch frühen Dienstag morgen:

  1. Mein Sohn macht sich so wunderbar in der Schule, trotz aller Schwierigkeiten mit Leander. Ich bewundere seine Unermüdlichkeit und seinen Kampfgeist. Und auch Nadeschda entwickelt sich. Es ist schwer und es ist anstrengend, aber es ist ein Prozess, ein Weg. Und den geht sie. So schwere s ihr auch manchmal fällt.
  2. Ich bin so dankbar für all diesen wunderbaren Momente mit meinen Kindern, wenn Nadeschda abends den Arm um mich legt und sagt:“Jetzt bist Du meine Mama, ganz alleine.“ oder wenn Maxim im Halbschlaf lächelt, wenn ich nochmal nach ihm sehe, bevor ich schlafen gehe und ihm sage: „Jetzt ist alles gut. Mama ist da.“  Dann nimmt er meine Hand für einen kurzen Moment, lächelt für einen Moment und seufzt zufrieden.
  3. Trotz allem bin ich dann doch in der Rückschau immer wieder überrascht, was dann doch alles noch so gelingt: Mein Buch, mein Blog, meine Ausbildung, mein bisschen Job. Irgendwie geht es. Ich bin ein wenig stolz heute morgen auf mein Geschafftes. Bin mir aber auch des hohen Preises bewusst….

An so Morgen wie diesem bin ich so voller Zuversicht, dass alles gut wird. Auch wenn mich genauso die Zweifel noch quälen. Und es mir ein wenig davor graut, nach Hause zurückzukehren, wo der Alltag im Lehnsessel sitzen wird, wie ein altes Familienmitglied,  und wohlwollend wieder seine Arme um uns legen wird. Doch für heute nehme ich einfach einmal diese Dankbarkeit mit und genieße den Tag!

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Das Wachsen einer bedingungslosen Liebe – Gedanken einer Adoptivmutter

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Die Geburt meiner Kinder war eine andere. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen. Vielmehr ließ mich das Schicksal ihre Mutter werden und unsere Liebe anders wachsen.

Maxim und Nadeschda waren ungefähr ein Jahr bei uns, als Richard mich eines Abends fragte: „Liebst Du unsere Kinder?“ Nachdenklich antworte ich: „Ja, so langsam.“ Hinter uns lag zu diesem Zeitpunkt ein wunderschönes, aber genauso aufreibendes Jahr, in dem wir nach einer abenteuerlichen Adoption in Russland Eltern von zwei Kindern geworden waren. Es war ein Jahr, in dem ich immer wieder und wieder mit meiner Mutterrolle gehadert hatte , ständig das Gefühl hatte, nicht „gut genug zu sein“.

Folgen meiner eigenen Kindheit

Ich selbst habe in meiner eigeneren Kindheit keine bedingungslose Liebe erfahren. Nur wenn ich die von mir erwartete Leistung brachte, bekam ich die positive Aufmerksamkeit meiner Eltern. Doch oft war selbst diese Leistung nicht gut genug. Liebe und Empathie fanden in meinem eigenen Elternhaus nicht statt. Heute weiss ich, dass meine biologischen Eltern dazu nicht in der Lage waren, da sie selbst diese Liebe als Kinder nie erfahren hatten. Wie sollten sie dann ihre eigenen Kinder lieben? Alles war ausgerichtet an gesellschaftlichen Konventionen. Gefühle wurden wenn dann nur negative gezeigt. Erst als ich in die USA ging, erfuhr ich, was es heißt, geliebt zu werden für das was man ist und nicht für das was man tut. Doch da war ich bereits fast eine erwachsene Frau. Lange habe ich selbst an mir gezweifelt, ob ich in der Lage bin, Kinder nach meinen eigenen Maßstäben und Wertvorstellungen großzuziehen. Ich wollte dem Rollenmodell meiner Kindheit nicht folgen. Lange wollte ich keine Kinder haben. Als ich mir es doch zutraute, mich dieser Lebensaufgabe zu stellen, war es zu spät. Mein Körper wollte keine leiblichen Kinder mehr austragen.

Alles sollte so sein….

Heute denke ich, es hat alles so sollen sein. Denn ohne die Adoption hätte ich mich nie so intensiv mit der Aufgabe und Rolle einer Mutter auseinandergesetzt. Ohne die Annahme von Maxim und Nadeschda, die bis heute unsere ungeteilte Aufmerksamkeit brauchen, hätte ich nicht so mit meiner Rolle als Mutter gehadert und gerungen. Bin ich gut genug? Bin ich die Mutter, die meine Kinder verdient haben? Ist all das, was wir für Maxim und Nadeschda tun, ausreichend? Habe ich genügend Geduld, diese zwei Kinder durch das Leben zu begleiten. Reicht meine Liebe aus, sie zu halten und auszuhalten? Bis heute ist die Entwicklung meiner Kinder selten „normal“. Sie werden immer ein „Mehr“ brauchen. Mehr Halt, mehr Sicherheit, mehr Verlässlichkeit, mehr Fürsorge, mehr Zuneigung. Oft sind sie ein „Fass ohne Boden“, deren Bedürfnisse nach Nähe und Sicherheit nie gestillt zu werden scheinen. All das kann ich ihnen aber nur geben – und wenn ich dafür immer wieder über meine eigenen Grenzen und Kraftressourcen hinausgehen muss -, weil ich diese beiden, meine beiden Kinder bedingungslos liebe. Ich habe sie nicht neun Monate unter meinem Herzen getragen, wo vielleicht eine bedingungslose Mutterliebe automatisch entsteht. Als wir Maxim und Nadeschda im Kinderheim zum ersten Mal begegneten, stellte sich auch nicht die viel romantisierte „Liebe auf den ersten Blick“ ein. Meine Liebe für diese zwei Kinder wuchs erst im Laufe unseres gemeinsamen Lebens. Je mehr ich in meiner Rolle als Mutter ankam, um so mehr liebte ich meine Kinder. Je mehr ich mich überzeugte, dass ich gut genug bin als ihre Mutter, um so mehr gedieh die bedingungslose Liebe zwischen uns. Je mehr ich unser „anderes“ Leben als Adoptivfamilie akzeptierte, um so freier wurde die Liebe zu meinen Kindern.

Dankbarkeit

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke und innehalte, so breitet sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit aus, Dankbarkeit für meine Kinder und für all das, was ich bisher durch sie und mit ihnen habe lernen dürfen. Den Wahnsinn unseres Familienalltags zu ertragen und lieben zu lernen; die Verantwortung, zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen auf ihrem Weg groß zu werden zu führen und zu begleiten; meinen Kindern die Nähe und das Verständnis zugeben, die sie brauchen, manchmal bis zur eigenen emotionalen Selbstaufgabe; als Paar und als Familie zusammenzuhalten, wenn das Umfeld einen alleine lässt; zum Experten zu werden, wenn es um die richtige medizinische oder therapeutische Behandlung der eigenen Kinder geht; Vorurteile zu überwinden, um die bestmögliche Begleitung und Förderung für Maxim und Nadeschda zu finden; das Bewusstsein und das Selbstvertrauen zu haben, allein zu wissen, was meinen Kindern gut tut. Nach all den Jahren spüre ich, dass ich in meiner Rolle und Aufgabe als Mutter – als Adoptivmutter – angekommen bin. Ja, ich bin gut genug. Maxim und Nadeschda den Himmel zu geben, nach dem sie sich strecken, ist meine Lebensaufgabe. Ich habe diese Bestimmung angenommen. Heute habe ich das Gefühl, dass ich dieser Herausforderung gerecht werden kann. Demütig danke ich dem Schicksal, das mir diese zwei Kinder anvertraut hat. Denn sie geben meinem Leben einen wahren Sinn.

Meine Kinder nehmen mich als ihre Mutter an…

Doch nicht nur geben Maxim und Nadeschda meinem Leben einen Sinn, mehr noch haben sie mich die Fähigkeit bedingungslos zu lieben gelehrt. Für diese Kinder da zu sein, für sie zu sorgen, sie zu beschützen und zu behüten, egal wie viel Kraft es auch kosten mag. Sie so anzunehmen, wie sie sind. Einfach das Herz aufgehen zu lassen, wenn ich an sie denke, sie betrachte oder mit ihnen bin. Ja, es ist ein großes Geschenk, die Mutter dieser zwei Kinder zu sein. Maxim und Nadeschda haben mich als ihre Mutter genauso angenommen, bedingungslos. Und dass obwohl sie allen Grund gehabt hätten, mich auf den „Prüfstand“ zu stellen. Sie waren tief verletzt und enttäuscht worden. Und nun kam ich und behauptete, es besser machen zu können. Sie waren zu klein, um zu widersprechen. Sie mussten sich in ihr Schicksal fügen, ob sie wollten oder nicht. Auch wenn sie bis heute nicht direkt gesagt haben: “Mama, ich hab dich lieb.“, so zeigen sie ihre ungeschminkte Liebe auf so viele unterschiedliche Arten. Der Arm, der sich fest um mich legt, mich festhält und der Kindermund sagt: „Meine Mami ganz alleine.“, die stürmische Begrüßung auf dem Schulhof, die Bemerkung zu einem Freund „Meine Mama kann alles.“, die Tränen, wenn ich in die Akademie fahre, oder die Feststellung „Beim nächsten Bauernhofwochenende musst Du aber mitfahren. Ohne dich ist es doof.“ und das gepflückte Blümchen auf dem Nachhauseweg, genauso wie die Beruhigung nach einem mißglückten Kuchen „Ist doch nicht schlimm, Mama, er schmeckt doch immer bei Dir.“ Wie kein anderer werden sie nicht müde, mir jeden Tag wieder zu sagen: „Mama, du bist gut genug. Und noch viel mehr als das.“

P.S. Lieben Dank an Katja von homeiswheretheboysare für ihren Beitrag zu „Bedingungslos lieben“, der mich zu diesem Post inspiriert hat.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (35)

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Endlich liegt ein wenig Frühling in der Luft. Maxim stand vor ein paar Tagen vor mir und rief erfreut: “ Ahhhh, Mama, riechst Du das auch? Es riecht irgendwie endlich nach Frühling.“ An unseren freien Nachmittagen waren wir viel im Garten, haben Blumen gepflanzt und meinen Kräutergarten frisch angelegt. Ich hoffe nun, das er auch angeht, auch wenn meine Kinder gleich die Gelegenheit ergriffen haben und haben aus ein paar Kräutern erst Kräutertee produziert – wenig einfühlsame Menschen würden sagen, sie hätten ein paar Blätter abgerissen und in einem Matschwasserbad zerquetscht -, um dann die spannende Mischung zum Trocknen auszubreiten. Ungeachtet dieser spannenden Kräutererfahrungen sind dies meine Sonntagslieblinge aus dieser Woche:

  1. Maxim und ich hatten wieder einmal ein paar harte Hausaufgabenstunden. Doch ich werde nicht müde, ihm zu sagen und zu zeigen, dass er es kann, auch wenn er manchmal der Meinung ist, dass er es nicht kann. Und natürlich kann er es, das kleine 1×1. Wie schön war es dann, als er am Ende der Woche bei den Übungsaufgaben sagte: „Mama, das ist ja jetzt babyeinfach.“
  2. Meine Kinder kochen nicht nur, sie haben doch tatsächlich angefangen, regelmäßig die Spülmaschine auszuräumen, ohne dass ich etwas sagen muss. Ob wohl der dezente Hinweis anspornt, dass ich nur über ein Haustier nachdenke, wenn sie mir zeigen, dass sie kontinuierlich ein wenig im Haushalt mithelfen?
  3. Heute ist Muttertag, doch wir feiern ihn nicht. Genauso wenig wie den Vatertag. Dennoch ist es auch für mich ein Moment, um noch einmal innezuhalten, und mir bewusst zu werden, wie dankbar ich bin, Mutter sein zu dürfen. Für diese zwei wunderbaren Kinder!

Habt einen traumhaften Sonntag und einen wohlbehaltenen Start in die neue Woche!

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Die andere Seite der Herkunft – Über meine drei Mütter

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In Summe habe ich drei Mütter: Eine biologische Mutter, eine Stiefmutter und eine amerikanische „Ersatzmutter“. Alle drei haben in mir Spuren hinterlassen. Wie sehr sie mich geprägt und beeinflusst haben, das habe ich erst vollständig realisiert, seitdem ich selbst Mutter bin. Dass ich mit Leib und Seele Mutter bin, und dabei es manchmal auch übertreibe und „Helikoptermutter aus Überzeugung“ bin, mag nicht nur mit der Lebensgeschichte meiner Kinder und den Bedürfnissen, die sich daraus ergeben, zu tun haben, sondern auch in den Vorbildern, die ich in meiner Kindheit und Jugend bis ins Erwachsenenalter erleben durfte, begründet sein.

Katja von homeiswheretheboysare hat im vergangenen Jahr einen bewegenden Post zu „Regretting Motherhood“  geschrieben. Immer wieder waberte ein darauf bezogener Post durch meinen Kopf. Dann verwarf ich ihn wieder. Doch nachdem Sylvi von momsfavoritesandmore sich dem Thema in einer wunderbaren Weise angenommen hat (und dabei tatsächlich eine Frau, die ihre Mutterschaft bereut, für ein Interview gefunden hat), nehme ich diesen Ball noch einmal auf. Diesmal als Betroffene, als Kind, das von zwei Frauen ins Leben begleitet wurde, die meiner Meinung nach ihre Mutterschaften immer bereut haben, und das dann in der späten Jugend das Glück hatte, noch einmal eine Mutter zu erleben, die ihre Mutterrolle angenommen hat.

Meine Mutter ist ein schwieriger Charakter. Neben vielen Persönlichkeitsbezogenen Schwierigkeiten, bin ich davon überzeugt, dass auch sie zu den Müttern gehört, die ihre Mutterschaft bereuen. Nicht umsonst sprach mir Katjas Beitrag zu „Regretting Motherhood“, vor allem ihre Aspekte zur Traumarisierung der Kinder, so aus der Seele. Nicht nur wegen meiner eigenen Kinder. – Meine Kinder wurden von einer Frau geboren, die zumindest nicht Mutter sein konnte. Sonst hätte sie Maxim und Nadeschda nicht abgegeben. Meine Kinder haben diese Erfahrung gemacht, abgegeben zu werden, aus welchen Gründen auch immer. Noch immer fällt es mir schwer, der Geschichte zu glauben, dass sie ihre Kinder aus Liebe abgegeben hat. Ja, vielleicht auch. Doch vielmehr war es eine Notwendigkeit aus den Umständen heraus. Dennoch bleibt bei den Kindern das Gefühl zurück, nicht gewollt zu sein, egal wie. Noch immer hallt des Nicht-gewollt sein. – Nein, auch ich bin sicherlich nicht aus tiefstem Herzen gewollt gewesen. Ihr ganzes Leben lang hat meine Mutter meinen Vater und meinen Bruder und mich für ihr Unglück und ihr „verfuschtes“ Leben verantwortlich gemacht. Sie hat damals Kinder bekommen, weil man das eben so machte, weil es dazu gehörte, weil es von einer Frau erwartet wurde. Die Frage nach einem anderen Weg stellte sich gar nicht. Geschweige denn, dass meine Mutter den Mut dazu gehabt hätte. Verantwortung zu übernehmen gehört bis heute nicht zu ihren Stärken. Sicherlich bemühte sie sich mehr recht als schlecht, uns Kinder zu versorgen, aber maßgeblich war mein Elternhaus von emotionaler Kälte und Desinteresse dominiert. Wir Kinder hatten zu funktionieren, unsere Leistung zu bringen und uns einzufügen, in die Regeln und gesellschaftlichen Konventionen, die herrschten. Empathie, Wärme und Fürsorge aus einem mütterlichen Grundbedürfnis heraus gab es nicht. Auch heute sucht sie nur gelegentlich den Kontakt zu ihren Enkeln. Und auch das wiederum nur, weil man das so von ihr erwartet. Ein wirkliches Interesse und das Bemühen sich mit ihren Enkeln ernsthaft auseinanderzusetzen hat sie nicht. Es hat mich Jahre der Therapie gekostet, alte Glaubenssätze, die vor allem meine Mutter mir mit ins Lebensbuch geschrieben hat, abzulegen und mit neuen zu ersetzen. Und erst in der Konfrontation mit ihrem Verhalten gegenüber meinen eigenen Kindern habe ich gelernt, loszulassen. Lange habe ich noch geglaubt, es wäre auch wieder meine Verantwortung, dass meine Mutter ein gutes Verhältnis zu ihren Enkeln hat. Ist es aber nicht. Es ist allein ihre Verantwortung.

Wie wenig sie das Bild einer Mutter erfüllt, führte mir mein Sohn vor Augen. Da war Maxim fünf. Wieder einmal war meine Mutter zu Besuch bei uns gewesen, der mehr oder weniger angespannt verlief. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich mich auch mit ihr wieder gestritten habe und laut wurde. Abends blickte ich mit Maxim und Nadeschda auf den Tag zurück. Selbstkritisch muss ich so etwas gesagt haben wie: „Ja, es war nicht gut, dass ich die Omi angebrüllt habe, denn sie ist ja meine Mutter.“ Mein Sohn blickte mich irritiert an und antwortete: “Wie, die Omi ist Deine Mama?? Sie ist gar nicht so wie eine Mama.“

Die Geschichte zu meiner Stiefmutter ist schnell erzählt. Bösartig kann ich sagen, dass mein Vater in dem Moment sich von meiner Mutter trennte, als er jemanden neues, junges gefunden hatte, der ihm seine Hemden bügelte. Nach mehr als zwanzig Jahren Ehe verließ er seine erste Frau und begann eine neue Beziehung. Meine Stiefmutter griff zu dem Mittel, dass vielen Frauen seit Jahrhunderten benutzen, um einen Mann vermeintlich langfristig an sich zu binden: Sie wurde schnell schwanger. Das nicht nur einmal, sondern gleich dreimal. Ihre eigenen Kinder mussten genauso nur gesellschaftliche Konventionen erfüllen. Empathie und Fürsorge vermisste ich als beteiligter Betrachter. Mein Bruder und ich, als ihre Stiefkinder, waren nur lästiges Beiwerk. Oder gar Konkurrenz. Zum Glück war ich da schon so alt, dass ich nicht mehr Zuhause lebte. Doch Besuche bei meinem Vater waren eine Qual. Die Anwesenheit dieser Frau bereitete mir physische Schmerzen.

Ich hatte das große Glück, als Jugendliche in den USA für einige Zeit bei einer Familie zu leben, die mich annahm wie ihre eigene Tochter. Wäre ich damals nicht schon zu alt gewesen, hätten meine Gastmutter und mein Gastvater mich sicherlich adoptiert. Richard fasst es immer so schön zusammen: „Ich habe drei Schwiegermütter. Und die, die am weitesten weg lebt, ist mir eigentlich die liebste.“ In der Zeit bei ihnen begegnete mir auf einmal wirkliches Interesse an mir und meinem Leben, Empathie und Fürsorge. Die Sicherheit und Geborgenheit eines „Zuhauses“. Meine Gastmutter kümmerte sich mit mir um die Schule, sie fuhr mich zu Freunden, sie nähte mir ein Kleid für den Abschlussball, sie ergriff Partei für mich, als ich Schwierigkeiten mit der Austauschorganisation hatte, sie hatte immer ein offenes Ohr für meine Sorgen und genauso Freuden in meinem amerikanischen Alltag. Ich erinnere mich, wie ich einmal viel zu spät nachts nach Hause kam. Sie saß auf der Treppe und wartete auf mich. Natürlich war sie sauer. Aber nicht weil ich mich nicht an die Regeln gehalten hatte, sondern weil sie sich Sorgen gemacht hatte. Ich bekam eine Woche Stubenarrest. Doch als ich zu einem Date eingeladen wurde, lockerte sie den Stubenarrest für diesen einen Tag. – Seit meiner Zeit dort hielten wir den Kontakt aufrecht und immer wieder bin ich in regelmäßigen Abständen zu meiner amerikanischen Familie für mehrere Wochen oder Monate zurückgekehrt. Heute verbringen wir meist einen Familienurlaub im Jahr zusammen. Dort habe ich ein Stück „Zuhause“ gefunden. Weniger aus der Heimatverbundenheit zu diesem Ort, sondern vielmehr, weil ich dort gelernt habe, was es heißt: “Du wirst geliebt für das, was Du bist und nicht für das, was Du tust.“

Ich hoffe, dass ich meinen eigenen Kindern genau das mitgeben kann. Ich als ihre Mutter liebe sie für die Persönlichkeiten, für die Menschen, die sie sind – so wunderbar, tapfer, mutig und einzigartig. Eines werde ich in meinem Leben nicht bereuen: Die Mutter von Maxim und Nadeschda sein zu dürfen. Ich bin dankbar, dass das Schicksal mir diese zwei Kinder gebracht hat, ja geschenkt hat! Selbst wenn das Leben mit ihnen viele Herausforderungen bereit hält, die ich nicht erwartet hätte, und es durchaus auch Momente gab, in denen ich gedacht habe, dass es leichter wäre, so bin ich dankbar für all das, was mich meine Kinder gelehrt haben, und was sie mich sicherlich noch lehren werden. Letztlich haben sie mir auch geholfen, mein eigenes Trauma des Nicht-gewollt-seins, zu überwinden. Sie haben mir den Weg zu einem eigenen Muttersein gewiesen und die verletzende Vergangenheit da zu lassen, wo sie hingehört, in die Vergangenheit.

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Von Herkunft und Heimat

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Inspiriert durch eine Diskussion in meinem Seminar geistern seit ein paar Tagen Gedanken zu „Herkunft und Heimat“ in meinem Kopf herum. Wohlmöglich, da mich die Frage nach der Herkunft meiner Kinder und wie sie irgendwann einmal damit umgehen werden, immer wieder beschäftigt und damit das Thema bei mir auf fruchtbaren Boden fällt. Spannend für mich war die Erkenntnis, dass ich mir selbst diese Frage noch nie wirklich beantwortet habe: „Was und wo ist eigentlich meine Heimat? Ist sie verbunden mit meiner Herkunft?“

Angeblich entwickeln Kinder im Alter zwischen acht und zehn Jahren ein erstes Gefühl für Heimat. Bewusst nehmen sie ihr Zuhause und ihre Umgebung, in der sie leben, nun wahr. Später im Erwachsenenalter mag dieser Ort, an dem sie in diesem Lebensalter waren, sich als Heimat manifestieren. Freundschaften, die in dieser Zeit entstehen, mögen manchmal ein Leben lang halten. So schilderten es auch einige der Diskussionsteilnehmer und bestätigten diese Theorie. Und so ist es auch bei Richard. Er ist an einem Ort groß geworden und hat dort mehr oder weniger sein ganzes Leben verbracht. Wenn es ihn mal in die Ferne zog, so ist er doch nach einer kurzen Zeit immer wieder in seine „Heimat“ zurückgekehrt. Nur eine Kollegin aus meinem Seminar erzählte, dass sie zwar lange geglaubt hat, dass die Stadt, in der sie seit ihrem vierten Lebensjahr lebte, ihre Heimat ist. Doch als sie erst vor kurzem während eines Urlaubs in ihr Geburtsland zurückgekehrt ist, und dort auf einmal mit bestimmten Gerüchen und Geräuschen konfrontiert war, spürte sie zum ersten Mal in ihrem Leben ganz deutlich: „Nein, hier ist mein Ursprung und hier ist mein Zuhause.“ Selbst wenn sie dort nur ihre ersten drei Lebensjahre verbracht hatte.

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Nun, ich bin von Beginn an bis ins Jugendalter mit meinen Eltern in der Regel alle zwei Jahre umgezogen. Feste Freundschaften kannte ich nicht. Jedesmal wieder musste ich von neuem beginnen und spürte wohl auch, dass dies alles nur Episoden in meinem Leben waren. Erst mit etwa vierzehn blieben wir an einem Ort und ich an einer Schule. Doch dann ging ich wenig später ins Ausland. Also auch hier keine festen Bindungen und Freundschaften. Erst jetzt im Erwachsenenalter bin ich so etwas wie sesshaft geworden. Die Adresse unter der wir heute leben ist die, die ich am längsten besitze, bald fünfzehn Jahre. Dennoch würde ich unseren Wohnort nicht als meine Heimat bezeichnen. Und ich gelte hier im Dorf oder in der Kirchengemeinde auch immer noch als „Zugereiste“, selbst wenn ich in meinem sozialen Umfeld vor Ort mit am längsten lebe. Einen Ort also, mit dem ich so etwas wie Heimat im Sinne von Zugehörigkeit verbinde, habe ich nicht. Manchmal habe ich geglaubt, dass vielleicht der Ort, an dem meine amerikanische Gastfamilie lebt, so etwas wie meine Heimat wäre. Immer wenn wir dort sind, ist es so, wie es meine Bekannte aus dem Seminar beschrieben hat. Mit der Landschaft, den Häusern, den breiten Straßen, den Gerüchen, den Geräuschen, dem Essen, der Sprache macht sich so ein ruhiges und zufriedenes Gefühl in mir breit; alles kommt mir so vertraut vor; ich fühle mich dort wohl. Dort habe ich manchmal den Eindruck, mehr ich selbst zu sein als irgendwo sonst auf der Welt. Auch wenn es spannender Weise nie der Ort war, an dem ich in den USA wirklich gelebt und Alltag erfahren habe. Das war in einer anderen Stadt und meine Gastfamilie zog erst vor etlichen Jahren, nachdem ich schon wieder nach Deutschland zurückgekehrt war, an das Haus am See. Ja, die Bank unten am See ist für mich ein Ort der Zufriedenheit, der inneren Kraft und Ruhe. Doch ist das auch meine Heimat?

Während meine Gedanken zu unserer Diskussion im Seminar zurück schweifen, merke ich, dass „Heimat“ für mich gar kein Ort ist. Dennoch bin ich angekommen. In mir. In meinem Leben. In meiner Rolle und in meiner Aufgabe. Meine Heimat, wenn man so will, sind meine Kinder und meine kleine Familie, die in den vergangenen Jahren gewachsen ist wie eine wunderbare Blume. Ich bin von woanders hergekommen, meine biologische Herkunft hat mit der meiner heutigen kleinen Familie nichts zu tun. Doch nach einem rastlosen und lange suchenden Weg bin ich bei Richard, Maxim und Nadeschda angekommen. Meine Heimat ist mein Leben als Mutter dieser zwei unglaublichen Kindern, die das Schicksal zu mir gebracht hat. Sie sind meine Heimat. Zu ihnen gehöre ich.

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Muttersein reloaded – ein Rückblick auf mein Jahr als Adoptivmutter

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Erneut neigt sich ein weiteres Jahr dem Ende zu. Morgen steht das Christkind vor der Türe. Ich genieße diese Woche mit meinen Kindern zuhause, um die letzten Vorbereitungen für das Weihnachtsfest zu treffen. Seit gestern mittag ist alles eingekauft. Der Christbaum steht auf der Terrasse und wartet darauf, ins Warme geholt und geschmückt zu werden. Die letzten Plätzchen und der Stollen sind gebacken. Alle Geschenke gebastelt und verpackt. In stiller Erwartung sehnen wir den Heiligen Abend herbei und ich vor allem dann die ruhigen Tage zwischen den Jahren, um inne zu halten, Ruhe zu tanken und Kraft zu sammeln für all die Aufgaben, die das neue Jahr bereit halten wird.

Oft habe ich in den letzten Tagen zurückgedacht an die vergangenen zwölf Monate. Hinter uns liegt ein Jahr mit vielen Ereignissen, Veränderungen und manchmal auch sehr belastenden Herausforderungen. An vielen Stellen habe ich mir zu viel zugemutet und selten ist es mir gelungen, langsam zu machen, zu entschleunigen, zur Ruhe zu kommen. Das Hamsterrad drehte sich weiter. Auch nach meiner Erkenntnis zur Überforderung im Herbst. Es war nicht gut, was ich mir zugemutet habe. Und mein Kräftekonto ist leer. Mehr denn je, weiß ich, dass ich an meiner Haltung etwas ändern muss. Ich muss nicht für alle zur Verfügung stehen. Oft habe ich das Gefühl – und es ärgert mich maßlos -dass viele Menschen in meinem Umfeld einfach über meine Zeit frei verfügen und keinerlei Rücksicht darauf nehmen, wie voll mein eigenes Tagesprogramm ist. Das darf ich nicht mehr zulassen. Ich muss meine Prioritäten neu setzen.

In einem waren meinen Prioritäten in diesem vergangenen Jahr klar. Meine Kinder Maxim und Nadeschda standen und stehen an allererster Stelle. Sie sind meine oberste Priorität. Alles andere muss sich hinten anstellen und für sie zurücktreten. Selbst mein Mann. Maxim und Nadeschda muss ich allen Raum geben, den ich ihnen nur geben kann. Wenn wir zusammen sind, tritt alles andere in den Hintergrund. Da fällt es mir auch nicht schwer „Nein“ zu sagen, andere Dinge abzulehnen. Der Blick zurück sagt mir, dass dies so gut und richtig ist. Wir drei haben in diesem vergangenen Jahr so viele Hürden gemeinsam genommen, die mich rückblickend mit Freude und Dankbarkeit erfüllen.

Maxim und ich haben uns sprichwörtlich durch seine Versagensängste in der Schule gekämpft. Mit vielem, vielem konsequenten Üben kann er lesen und schreiben wie gemalt. Vor allem aber sitzt er nicht mehr vor einem Wort und sagt: „Das kann ich nicht.“ Dieser Satz scheint aus seinem Kopf verschwunden zu sein. Vielmehr sagt er jetzt: „ Guck mal Mama, das kann ich schon richtig gut!“ Das gleiche zeigt sich beim Trompete spielen. Und wenn ich daran denke, wie er im Sommer heulend vor Wut und Verzweiflung aus einem Ferienzirkusprojekt nach Hause kam, weil er das Jonglieren nicht gleich auf Anhieb hinbekommen hat, und jetzt in der Wehnachtsvorstellung des Schulzirkus wie ein Besessener das Diabolo geschwungen hat, so bin ich stumm und stolz vor Bewunderung für den Willen und den Ehrgeiz meines Sohnes.

Im Frühsommer hatte ich immer noch meine Zweifel, ob Nadeschda nicht völlig verloren in diesem großen Schulgebäude ist, wenn sie dort mit der Vorklasse beginnt. Schon nach wenigen Tagen marschierte sie mit einer Souveränität morgens durch den Eingang und mittags durch die Mensa, als hätte sie nie etwas anderes getan. Ich war mir nicht sicher, ob sie schnell Anschluss in ihrer Klasse findet. Schnell war sie aber im Mittelpunkt des Interesses von vielen anderen Mädchen in ihrer Klasse. Es erwärmt mein Herz, wenn ich sie mittags abhole und sie da Hand in Hand mit zwei bis drei anderen Mädchen steht und auf die Schaukel wartet. Im Ballett hat sie ihren ersten Auftritt gehabt, als Prinzessin in einem kleinen Märchen. Nun will sie auch Klavier spielen lernen. Jeder kleine Schritt in mehr Selbstständigkeit lässt mich immer wieder erstaunen.

Ich bin überzeugt davon, dass beide ihren Weg so weiter gehen konnten, weil sie hier Zuhause immer eine verlässliche Basis hatten. Eine Basis in mir und eine Basis in unserer so schrecklich gleichen Routine. Aber genau das hat sich bewährt. Keine Nachmittagsbetreuung, so wenig Unterstützung durch die Kinderfrau wie möglich, die Zeit nach der Schule gehört uns. Und sie verläuft inzwischen immer gleich: Ich hole beide von der Schule ab, Maxim und Nadeschda  haben Zuhause eine halbe Stunde Zeit sich auszuruhen, dann machen wir Hausaufgaben und üben. Manchmal bleibt danach noch Raum zum Spielen und Vorlesen, bevor wir zu einer der vielen nachmittäglichen Freizeitaktivitäten einer der Kinder aufbrechen. Wenn wir am frühen Abend zurückkehren, spielen wir oder lesen wir noch ein wenig oder sie schauen einen kurzen Film, bevor wir das Abendessen vorbereiten. So geht das jeden Tag. – In den letzten paar Monaten waren es zu viel Freizeitaktivitäten. Denn es kam immer etwas neues dazu, aber wir trauten uns nicht Anderes zu streichen. Das werden wir nun aber über die Weihnachtsferien tun. Denn wir alle haben gemerkt, dass die besten Nachmittage die sind, an denen wir nichts mehr vorhaben. Wir stattdessen den kurzen Moment des „Mir ist so langweilig.“ aushalten und warten, was daraus entsteht. Meist waren es kreative und tolle Dinge, die uns allen sehr viel Spaß gemacht haben. Aus Plätzchenteig wurden einfach kleine, große, dicke und dünne Engel geknetet, die Kinder veranstalteten Verkleidungsparties oder schminkten sich für Stunden im Bad. Maxim machte seine ersten architektonischen Zeichnungen von Bauernhöfen. Nadeschda nähte Wichtel oder Sandsäckchen.

Ja, wir hatten auch unsere Tiefen mit vielen Wutausbrüchen, vielen Verlassensängsten und immer wieder neuen Heimsuchungen der alten Kindheitstraumata. Das war anstrengend und kostete die Kinder und mich viel Kraft. Doch wenn ich zurückblicke, so wird mir klar, dass das Muttersein – ganz im Gegensatz zu unserem ersten Jahr – für mich an sich wenig ermüdend und kräftezehrend ist. Im Gegenteil: Für mich ist das Muttersein eine wohltuende Aufgabe, die mir innere Ruhe bringt, in de ich mich -meist- zufrieden fühle. Frustrierend ist es, wenn ich aufgrund meiner anderen Belastungen in meinem Umfeld meinen Kindern nicht mit der erforderlichen Ruhe und Gelassenheit begegnen kann, die sie verdienen. Dann kehrt das Gefühl der schlechten Mutter zurück. Doch wenn es mir gelingt, in der Zeit mit meinen Kindern all das auszublenden, ist es die Zeit mit Maxim und Nadeschda, die mich mit Freude und Energie füllt. Meine Kinder geben meinem Leben einen Sinn. Es ist mehr als ich je erwarten konnte oder zu hoffen gewagt habe. Wahrscheinlich war ich nie mehr Mutter mit Haut und Haaren als in diesem Jahr. Das ist es wert, darauf in Dankbarkeit zurückzublicken.

Möget Ihr ein erfülltes und gesegnetes Weihnachtsfest haben mit etwas Ruhe und Erholung zwischen den Jahren, in denen auch Ihr in Dankbarkeit auf viel Gutes, Schönes und Wunderbares zurückblicken könnt.