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Herkunft (3) – Wie erklären wir die Adoption unseren Kindern?

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Noch nähern wir uns der Herkunftsfrage sanft und in kleinen Dosen. Noch stellt Maxim nicht die Frage nach dem „Warum?“ Noch zeigt sich seine Wut und Trauer in anderen Kontexten und unbewusst in der Form, dass er auf alles wütend ist, was er jetzt hat und nicht auf das, was er nicht hatte. Doch irgendwann wird er die Frage stellen. Und ich bin noch nicht sicher, ob ich eine passende Antwort parat habe.

Sherrie Eldridge hat vor ein paar Tagen dazu einen spannenden Beitrag veröffentlicht: „How to explain Adoption to your Adopted Child“. Ihr kunstvoller Ansatz, dem Kind zu erklären, dass es in Gottes Herz und aus seiner Liebe entstanden ist, gefällt mir. Zumal er alle Schuldzuweisungen und Wertungen eliminiert. Er kann dem Kind vielleicht das Gefühl nehmen, nicht gewollt gewesen zu sein und weggegeben worden zu sein. Auf der anderen Seite ist für mich diese Vorstellung doch sehr abstrakt. Kann ein Neunjähriger das nachvollziehen und nachempfinden? Dennoch, Maxim beschäftigt sich, nachdem sie die Schöpfungsgeschichte gerade in der Schule behandelt haben, sehr intensiv mit Gott und geht nun auch am Wochenende zu einem Kinderbibeltag. Vielleicht mag die Idee, dass er in Gottes Herz und aus Gottes Liebe entstanden ist, dann es aber in seinem Leben einige schwierige Hürden und Hindernisse gab, bevor er zu uns kam, gerade jetzt genau die „richtige“ Erklärung sein….

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (52)

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Photo by Artem Kovalev on unsplash.com

52 Wochen Sonntagslieblinge! Kaum zu glauben. Und immer wieder werden sie von Euch gelesen… Das ist schön und das freut mich sehr! – Wieder liegt eine ereignisreiche Woche hinter uns. Es tut so gut, zu sehen, dass sich die zuweilen großen Mühen „auszahlen“, dass die Saat aufgeht, wächst, blüht und gedeiht. Und gerade Maxim und Nadeschda wachsen so unglaublich in den letzten Wochen. Deshalb sind dies heute meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Nadeschda kommt allmählich in der Schule an. Ganz langsam. Aber es geht voran und sie kämpft, kämpft jeden Tag und freut sich inzwischen genauso über die kleinen Fortschritte wie ich. Die Hausaufgaben zu erinnern, war am Anfang ein großes Problem. Nach ein paar Tagen habe ich einfach beim Abholen an die Tafel in ihrem Klassenraum geschaut, was da angemalt war. So wusste ich, was sie Zuhause machen musste. An diesem Freitag kamen wir in den Klassenraum und die Tafel war geputzt. Oh je, keine Hausaufgaben. Doch Nadeschda sagte: „Nein, warte Mama.“ Sie klappte die Tafel wieder auf, zog sie zu sich hinunter und ging mit ihren Fingern die Tafel entlang. „Genau, Mama, ich hab’s! Die lange Gerade quer malen. Denn sie schläft und dabei wird sie dann nach unten immer kleiner.“ Ich war sprachlos und beeindruckt. Es geht! Und es wird gehen. Jeden Tag ein Stückchen besser!
  2. Maxim verdaut allmählich immer besser die Auseinandersetzungen mit Leander. Beachtlich ist für mich, wie präsent er im Unterricht auf einmal ist. Wie oft hatte ich im vergangenen Schuljahr das Gefühl, dass er dort nur physisch anwesend ist, aber meist dissoziiert und nichts mitbekommt. Auf einmal sitzt er abends auf der Toilette und trällert englische Lieder einwandfrei und fehlerfrei vor sich hin. Dass er im Lesen, Schreiben und Rechnen große Fortschritte gemacht hatte, wusste ich ja. Doch hier konnte ich bisher nicht trennen zwischen dem, was er in der Schule gelernt oder wir zuhause uns erarbeitet hatten. Doch Englisch hatte ich bisher nicht auch noch in unser häusliches Üben integriert. Insofern war dies allein seiner Aufmerksamkeit in der Schule zuzurechnen. Wunderbar!
  3. Das ganze Herkunftsthema hatte im Grunde ein Buch von Kirsten Boie ins Rollen gebracht. „Seeräuber-Moses“ erzählt die Geschichte von einem kleinen Findelmädchen, das nach einem Sturm auf einen Seeräuberschiff von den Seeräubern „adoptiert“ wird. Am Ende aller gemeinsamen Abenteuer stellt sich heraus, dass das Mädchen eine kleine Prinzessin ist. Seit zwei Wochen lesen wir diese Buch abends vor. Maxim konnte es gestern Abend nicht mehr aushalten, wie das Buch ausgeht. Er nahm den fast dreihundert Seiten dicken Wälzer mit in sein Bett und las kurzer Hand den Schluss selbst. Da ist er wohl wie ich, die auch zuweilen das Tabu bricht, und schon einmal die letzte Seite liest. Er las aber die letzten zehn Seiten!

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen erfolgreichen Start in die neue Woche!

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„Leander ist schwach…“ – Von überraschenden Entwicklungen

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Photo by Michal Parzuchowski on unsplash.com

Maxim macht mich gerade sprachlos. Seine innere Entwicklung ist atemberaubend. Ich bin überrascht, sprachlos, und dann auch einfach begeistert, dankbar und unglaublich stolz. Stolz auf meinen so großen und weisen Sohn, der in den vergangenen Monaten eine Entwicklung hingelegt hat, die mich nur noch dankbar staunen lässt. Von der Selbsterkenntnis, die in seinen Worten mitschwingt, kann sich so mancher Erwachsener eine Scheibe abschneiden….

Wie immer komme ich vor ein paar Tagen mittags in die Schule, um Maxim und Nadeschda beim Essen abzuholen. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch Leander wie er zornig an einer Säule steht und mich beobachtet. Doch ich kann meinen Gedanken, die ich bei seinem Anblick habe, nicht weiter nachhängen, denn Nadeschda stürmt auf mich zu. Und Momente später Maxim zusammen mit Nikolai. Seitdem wir uns mit Maxims Herkunft zuhause befassen, ist er sehr eng mit Nikolai. Auch wenn ich noch nicht den Russischsprachunterricht mit seiner Mutter habe besprechen können. Maxim sprudelt gleich los: „Mama, es gab wieder Streit mit Leander! Ja, er hatte mir etwas zu essen mitgebracht. Und dann in der zweiten Pause meinte er, ich hätte es nicht gegessen. Obwohl ich es gegessen hatte.“ Ich komme gar nicht dazu zu fragen, was es denn war, denn Maxim brodelt einfach weiter: „ Aber ich habe es gegessen. Und er hat dann wieder nicht locker gelassen und mich nicht in Ruhe gelassen. Da bin ich dann einfach weggerannt. Der Musiklehrer hat das mitbekommen. Und wollte es klären. Aber Leander wollte nicht. Ich habe dann auch nichts gesagt. Aber auch beim Mittagessen hat er mich dann nicht in Ruhe gelassen. Da bin ich dann zur Frau K. gegangen. Und deshalb musste Leander dann an einem anderen Tisch essen. Er ist dann mit Louis (Maxims bestem Freund, um den es ja immer Streit mit Leander gibt.) auf die Toilette gegangen und hat Louis gesagt, er müsse sich entscheiden zwischen mir und ihm. Mama, das ist doch Erpressung. Der hat sie doch nicht mehr alle.“

Inzwischen wird die Traube um uns größer. Ich unterbreche Maxim, sage ihm, dass wir gleich im Auto in Ruhe sprechen können, und dass er seine Sachen holen soll. Das macht er dann auch. Doch schon auf dem Weg zum Auto sprudelt es einfach weiter aus ihm heraus, wie dann auch auf der Autofahrt. Es ist das erste Mal, dass mein Sohn seinem ganzen Ärger verbal Luft macht. So richtig! Selbst Nadeschda ist während der ganzen Zeit ganz still und lässt ihn reden. Es ist einfach unglaublich!

„Und Zuhause schreibe ich Leander einen Brief und den gebe ich ihm dann morgen. Und wenn er mich dann nicht in Ruhe lässt, dann sage ich es Frau Fellner. Und wenn er dann nicht aufhört, dann mache ich mit ihm einen Judogriff. Ich weiss auch schon welchen, Mama. Den, wo ich ihn hintenrum aufs Kreuz lege. Tja, da soll er dann mal sehen.“ Irgendwann verstummt Maxim im Auto. Doch nach ein paar stillen und nachdenklichen Momenten sagt er: „Louis sagt immer, dass es unfair ist, wenn ein Starker einen Schwachen angreift. Und ich bin ja stark und Leander ist schwach! Der ist zwar größer als ich. Und viel schwerer. Aber ich bin stärker und sowieso viel schneller. Eigentlich ist er arm dran.“

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Der Blick hinter das Lächeln am 1. Schultag

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Photo by JJ Thompson on unsplash.com

Nadeschda hat die Einschulungszeremonie in die 1. Klasse bravurös gemeistert. Ja, mit einem Lächeln, gar Strahlen im Gesicht. Tage vorher war sie unheimlich aufgeregt. Ich spürte, dass das Warten für sie kaum noch auszuhalten war. Doch es war nicht nur ein Warten in Vorfreude auf die Lehrerin, auf das Wiedersehen mit ihren Freundinnen, auf all das Neue, was sie erwarten würde. Nein, sie hatte auch Angst. Große Angst! Angst, die sich jetzt nach den ersten paar Schultagen wieder in Wut entlädt. Wut, wie sie sich auch im Sommer zeigte, wenn das Wutmonster zurückkehrte.

Es war gut, dass ich in den Tagen vor der Einschulung auf diesen Beitrag von Sherrie Eldridge – „Look beneath your adopted & foster child’s smile“ – gestoßen bin, der mir wieder einmal mehr als deutlich vor Augen geführt hat, was in meiner Tochter passiert. Ja, hinter ihrem strahlenden Lächeln stand die große Panik und Angst. Die Angst vor dem Ungewissen, die Angst vor der großen Veränderung, vor dem großen Neuen. Die Angst was die Lehrerin von ihr denkt, neben wem sie sitzt, wie die anderen Kinder in der Klasse sind. Die Angst, ihre Gefühle in der Schule im Griff zu haben.

Und so versuche ich nun, mit Nadeschda durch ihre Angst zu gehen. Tage vor der Einschulung waren wir in ihrer Klasse und haben mit ein paar anderen Müttern den Klassenraum geputzt. Alle anderen Kinder, die auch ihre Mütter zum Putzen begleiteten, spielten draußen auf dem Schulhof. Nadeschda blieb bei mir. Während wir so werkelten, setzte sie sich immer wieder in eine andere Ecke des Raums, wenn sie mir nicht gerade beim Putzen half. Sehr zur Begeisterung ihrer neuen Lehrerin. Abwartend beobachtete Nadeschda  diese, vermied aber jeden Kontakt mit ihr. Dennoch, so konnte Nadeschda schon einmal den Raum und seine Atmosphäre erspüren.

Genauso haben wir im Vorfeld über genau die sie quälenden Fragen gesprochen. Wann werde ich aufgerufen, neben wem werde ich sitzen, wer ist noch in meiner Klasse, was wird meine Lehrerin mit uns machen? Das schien ein wenig zu helfen und den Einschulungstag für sie erträglich zu machen.

Zuhause packen wir jeden Tag ihren Ranzen zusammen in aller Ruhe, besprechen, was sie wofür braucht, klären,was sie am nächsten Tag mit zum Frühstücken mitnehmen will. Wir üben nach wie vor täglich, haben schon Hefte und Stifte eingeführt, die sie dann auch in der Schule benutzt.  Wir sprechen darüber, was sie in der Schule erwarten wird, was sie im Unterricht in den ersten Wochen lernen wird. Wenn Nadeschda sagt, dass sie das nicht kann, dann zeige ich es ihr und dann üben wir es zusammen.

Dennoch, jetzt wo langsam der Zauber der Einschulung verfliegt und der Alltag einkehrt, spüre ich täglich Nadeschda’s Angst. Wenn sie morgens aufwacht und mich eben nicht freudig erwartend, sondern eher verhalten fragt: „Ist heute wieder Schule, Mama?“ Und ja, ich kann Nadeschda immer wieder nur bestätigen: Ich kann Deine Angst verstehen, und es ist okay. Ich weiß, dass Du das schaffen wirst. Wie so vieles schon in Deinem Leben. Du wirst Deinen Weg gehen. Und die Angst wird irgendwann weichen…

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#bestofElternblogs im August

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Danke an Pixabay

Anja von der Kellerbande ruft regelmäßig zum 1. des Monats zu den besten Beiträgen der Elternblogs auf. So auch gestern.  Natürlich mache ich wieder mit, nachdem nun meine Statistiken heute wieder funktionieren. Im Juli war es der Beitrag  „Das Wutmonster ist wieder da…“, der am meisten aufgerufen und gelesen wurde. Hier geht es um die wieder aufkeimende Wut bei meinen Kindern, vor allem bei Nadeschda, die mit den nun anstehenden Veränderungen mit Blick auf die Schule kämpft.

Habt Dank für’s Lesen, Kommentieren und mir Folgen! Das ist jeden Tag wieder eine große Freude…

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Das „Wutmonster“ ist wieder da…

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Danke an Pixabay

Mein alt bekannter Freund, das „Wutmonster“ ist wieder da. Ja, ich hatte schon einmal geschrieben, dass ich es nicht so nennen soll. Doch inzwischen ist es mir ein alt bekannter – und manchmal liebgewonnener Freund. Und somit ist der Begriff fast liebevoll gemeint, auch wenn mich seine Auswirkungen doch zu weilen erschrecken, in ihrer Intensität und in ihren Ausbrüchen. Vor allem wenn es diesmal meine Tochter ist, die so von Zorn erfüllt ist. Nachdem wir im Winter Maxim’s Wut nach einiger Zeit ganz gut „in den Griff bekommen“ haben, er mittlerweile beinahe ausgeglichen ist, treiben nun Nadeschda immer häufigere Besuch des „Wutmonsters“ um. Ja, zum einen ist es der ständige Alarm im Kopf, über den ich ja in der vergangenen schrieb. Nun könnte es mit den begonnenen Ferien etwas ruhiger werden, doch weit gefehlt.

Gestern Abend hatten wir wieder so einen Ausbruch von neuer Qualität. Den ganzen Tag schon war Nadeschda motzig und grantig. Nichts passte ihr, nichts sollte ihr Spass machen. Nun waren wir auch noch zu allem Überfluss beim Zahnarzt, wo sie geröntgt und Abdrücke für eine mögliche Zahnstange gemacht wurden. Maxim amüsierte sich derweil in seinem Zirkuscamp. Erst am späten Nachmittag, als Maxim vom Zirkus zurück war und wir in unsere alt bekannten Rituale zurückkehrten – die Kinder spielten erst ein wenig, dann übten wir wie jeden Tag, um dann gemeinsam das Abendessen vorzubereiten – beruhigte sie sich ein wenig und ihre Laune schien sich zu bessern. Doch es war eher die Ruhe vor dem Sturm, der sich mit voller Wucht vor dem Zubettgehen entlud. Erst wollte sie sich nicht ausziehen, geschweige denn ihren Schlafanzug anziehen. Stattdessen flogen lieber zahllose Gegenstände in ihrem Zimmer umher. Sie räumte mit einem Streich ihren Schreibtisch ab, alles fiel auf den Boden, zornig griff sie zur Schere und wollte ihre neue selbst gestrickte Tasche zerschneiden. Da griff ich ein, versuchte Nadeschda zu halten und zu beruhigen, doch stattdessen wurde sie nur noch wütender. Nadeschda schlug um sich, trat nach mir und wenn ich sie hielt, versuchte sie in meinen Arm zu beißen, damit ich los ließ. Mein Mädchen kämpfte um ihr Überleben.

Nichts wollte gelingen, um sie aus diesem Teufelskreislaufs herauszuholen. Auch im Bad beim Zähneputzen setze sich das „Drama“ weiter fort. Erst beim Vorlesen kam Nadeschda etwas zur Ruhe, um dann am Ende, als ich beide Kinder zur Nacht legte, erneut aufzudrehen. Kissen flogen durch die Gegend, wieder trat sie um sich. Überraschenderweise ließ sie sich dann aber von mir am Rücken eincremen und massieren. Erst da beruhigte sich Nadeschda langsam. Hatte sie Richard vorher erzählt, dass sie Angst beim Zahnarzt gehabt hatte und sie deswegen so wütend sei, so schüttete sie mir jetzt das Herz aus, dass sie nicht weiter in die Schule gehen wolle. Sie wolle nicht in die erste Klasse gehen. Ihre Freundinnen seien blöd und die neue Lehrerin sowieso. Ich hörte ihr aufmerksam zu, beruhigte sie, erklärte ihr aber auch, warum es so wichtig sei, dass sie in die Schule geht. Denn nur so könnte sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Und das bräuchte sie ja, wenn sie später einmal Tierärztin werden wolle, um sich dann um Maxims Tiere auf seinem Bauernhof zu kümmern. Ein wenig lenkte sie dann ein und kam zur Ruhe. Doch hielt sie meine Hand ganz fest, bis sie eingeschlafen war.

Während ich so über den Schlaf meiner Tochter wachte, wurde mir klar, wie groß doch wieder die Phase der Veränderung für meine kleine Nadeschda ist. Maxim ist fein raus, er genießt die Ferien, ist im Zirkus mit seinen zwei Kumpels wie im letzten Jahr, er freut sich auf unsere Urlaube und weiß, dass er am Ende der Ferien in seine bekannte Klasse zu seinen bekannten Lehrern zurückkehrt. Doch für Nadeschda ist wieder alles anders. Sie ist mit den Ferien aus ihren gewohnten Rhythmus geworfen worden, ihr fehlt die starre Struktur, die wir sonst in unserem Alltag haben. Ihr fehlt ihr Bruder zum Spielen. Zudem muss sie für ein paar Stunden am Tag mit unserer Kinderfrau vorlieb nehmen, wenn ich arbeite. (Ein Ferienprogramm wollte sie nicht machen.) Vor allem aber ahnt sie, das Großes mit der Einschulung in die 1. Klasse auf sie zukommt. Der Abschied von ihrer alten Klassenlehrerin fiel ihr schwer. Sie weiß noch nicht, was sie von der neuen Lehrerin halten soll. Sie spürt, dass neue Anforderungen und Herausforderungen auf sie zukommen, die ihr schon jetzt Angst bereiten. Sie ist sicher, dass alles nach den Ferien anders sein wird, weiß aber noch nicht wie. Und das ist ihr unheimlich, erschreckend unheimlich. Ihre Wut ist damit Ausdruck ihrer eigenen Ohnmacht über ihre Situation. Und in der Ohnmacht schrillt ihr innerer Rauchmelder auf höchster Alarmstufe.

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Rechenbeispiel: Wie lange die ersten Lebensjahre nachwirken…

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Danke an Fotolia

Neulich dachte ich: Maxim ist jetzt neun Jahre alt. Wahnsinn! Und fast unglaublich, wie lange er schon bei uns und unser Sohn ist. Mehr als zwei Drittel seines bisherigen Lebens! Das ist eine verdammt lange Zeit.

Doch dann rechnete ich weiter: Wenn Maxim ungefähr 28 Jahre alt ist, dann hat er 90 Prozent seines Lebens mit uns als Eltern verbracht. Bis der Anteil seiner ersten fast drei Lebensjahre an seinem Gesamtleben verschwindend gering wird, muss er verdammt alt werden….

In keiner Weise will ich seine ersten nahezu drei Lebensjahre in Russland negieren oder „wegrechnen“. Doch diese Rechenbeispiel zeigt so schön, wie viel Lebenszeit vergehen muss, bis vielleicht die ursprüngliche Herkunft numerisch gesehen nicht mehr so wichtig ist. Dieser letzte Punkt wird eigentlich nie erreicht. Und gerade deshalb ist vielleicht auch die Herkunft etwas, was man nie verneinen darf und kann. Sie ist und bleibt immer ein essentieller Bestandteil eines jeden Lebens. Vor allem, wenn diese erste Zeit geprägt war von einschneidenden, schmerzlichen gar traumatisierenden Erlebnissen. Das ihr Einfluss so immanent ist und manchmal bleibt, zeigt allein dieses einfache Rechenbeispiel.