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Wie ein Baum ohne Wurzeln…

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Photo by Gregoire Sitter in Unsplash.com

Sherrie Eldridge, die Autorin von vielen wunderbaren Adoptionsbüchern, postet in den vergangene Tagen wieder sehr bewegende Beiträge, die mich an der ein oder anderen Stelle zum Nachdenken bringen. Vor allem „Adopted and Foster Kids Can Survive Winter“ geht mir zur Zeit nicht aus dem Kopf.

Ich glaube, dass zwar Maxim und Nadeschda noch nicht viele der Gedanken bewusst haben, die Sherrie schildert. Dafür sind sie noch zu jung und zu klein. Die winterliche Jahreszeit hat für sie immer noch einen magischen Zauber, jetzt wo die Vorweihnachtszeit absehbar ist und gefüllt sein wird mit schönen und aufregenden Momenten. Zudem liebt vor allem Maxim den Schnee. Schon jetzt zählt er die Tage, bis wir im Januar zum Skilaufen fahren.

Dennoch spüre ich, dass dennoch im Unterbewusstsein der Winter für meine Kinder eine Zeit des traurigen Schmerzes ist. Gerade Maxim macht wieder einmal ein paar schwere Tage durch. Und auch Nadeschda kämpft zuweilen mit der Wut. Wenn ich so an unsere nicht immer harmonischen Nachmittage denke, so kommt mir das Bild mit dem Baum in den Sinn, das Sherrie beschreibt. „We can say we are cold to the roots.“ Meinen Kindern ist kalt bis in die Wurzeln. Ihnen wurde ihre Herkunft und ihre Wurzeln genommen, und der Schmerz der Entwurzelung mag tief sitzen. Immer noch!

Ich denke an ein Seminar, das wir in Vorbereitung auf die Adoption hatten. Die Seminarleiterin zeigte uns einen Teddybären mit vielen abgeschnittenen Fäden an Armen und Beinen. Dazu sagte sie: „So etwa kommt ihr Kind zu ihnen. Mit unzähligen abgeschnittenen Bindungen und Beziehungen.“ Ja, in all den Jahren, seitdem Maxim und Nadeschda bei uns sind, haben sie sicherlich genauso viele neue Bindungen und Beziehungen geknüpft. Doch die abgeschnittenen Enden bleiben. Manchmal schmerzen sie, wie die Wurzeln des Baumes, die noch keinen vollständigen warmen sicheren Halt gefunden haben. – Wie sehr hoffe ich und wünsche ich, dass meine beiden Kinder einmal  so selbstbewusst mit ihrer Herkunft und Geschichte umgehen, und mit dem Schmerz der damit verbunden ist, dass sie ebenso sagen: „I am a tree, that suvived winter.“

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Adoptivkinder sind (oft) High-Need Kinder – und das ist gut so…

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Vor ein paar Wochen hat Berenice einen spannenden Beitrag zu High-Need Kindern auf ihrem Blog veröffentlicht, der mich einmal wieder über meine eigenen Kindern hat nachdenken lassen.

Vielleicht vorab: Ich habe die Säuglingszeit mit meinen Kindern nicht erlebt. Auch wenn ich mir das manchmal gewünscht habe. Nicht aus einer Sehnsucht nach einer eigenen Schwangerschaft, sondern weil ich es mir manchmal wünschte, dass ich meine Kinder in meinem Bauch und dann als Babys schon hätte beschützen und behüten können. Doch Maxim war fast drei Jahre und Nadeschda gerade mal ein Jahr alt, als sie zu uns kamen. So kann ich mir nur abstrakt vorstellen, wie es ist, einen Säugling zu haben, der an manchen Tagen nur getragen werden will, der einen nicht einmal in Ruhe auf die Toilette gehen lässt, der einem den nächtlichen Schlaf raubt. kein Baby hat mich an die Grenzen meiner Belastung gebracht.

Auch dachte ich beim ersten Lesen von Berenice Beitrag, genau wie sie, ob mit der Klassifizierung High-Need tatsächlich wieder eine neue Modeerscheinung Einzug in Erziehungsratgeber und Therapieempfehlungen hat. Wird Kinder hier wieder eine Diagnose zugeschrieben, nur weil sie leider nicht in die starren Anforderungen unserer Gesellschaft – „Am besten laufen Kinder einfach so mit und haben ja keine eigenen Bedürfnisse.“ – passen? Oder weil auf der anderen Seite keiner den Müttern zugestehen will, dass vor allem die ersten Monate mit einem Säugling extrem anstrengend sind.

Doch als ich die Liste der Kriterien für ein High-Need Kind erneut betrachtete, dachte ich an meine eigenen Kinder und wie sie noch heute in vielerlei Hinsicht eigentlich High-Need Kinder sind, wenn man ein paar der Beschreibungen auf ältere Kinder adaptiert. Nicht alle zwölf Kriterien treffen auf Maxim und Nadeschda zu, doch viele wesentliche Punkte finden sich auch bei ihnen:

  1. Wenn meine Kinder weinen, dann weinen sie sehr intensiv. Auch heute noch. Und in der Mehrzahl der Fälle bin tatsächlich nur ich, ihre Mutter, die einzige Person, die sie beruhigen kann.
  2. Wenn es Maxim nicht gut geht, dann ist er hyperaktiv. Man spürt förmlich seine angespannte Körperhaltung und oft ist auch irgendein Gliedmaß in permanenter Bewegung.
  3. Wenn es Nadeschda nicht gut geht, dann will auch sie noch heute permanent getragen und umsorgt werden. Nicht umsonst trage ich ich fast zu jeder Jahreszeit große, breite Schals. Unter diesen kann sie sich dann auf meinem Schoß einhüllen und vor der Außenwelt „verstecken“.
  4. Beide Kinder sind extrem fordernd. Wenn sie etwas brauchen, dann fordern sie es sofort und lautstark ein. Kann das Bedürfnis nicht erfüllt werden – vor allem ein Grundbedürfnis nach Hunger, Durst, Schlafen, etc. – , weinen und schreien sie, als ginge es um ihr Leben. Warten können beide nur schwer.
  5. Vor allem Nadeschda ist, als sie kleiner war, häufig nachts aufgewacht. Vor allem, wenn ich abends nicht da war und jemand anderes sie ins Bett gebracht hat. Einschlafen kann sie auch heute nur gut, wenn ich bei ihr bleibe. Ja, auch sie haben Unruhe und Sorge gequält, ich könnte irgendwann nicht mehr da sein.
  6. Auch Maxim und Nadeschda sind extrem sensibel. Auch sie haben feinste Antennen und nehmen Stimmungen und Geräusche sehr intensiv wahr. So leidet Maxim heute z.B. oft unter Kopfschmerzen, wenn es in der Schule zu laut ist. Nadeschda braucht zwingend ihre festen Rituale. Kleinste Veränderungen im Alltag können sie schnell in die Überforderung bringen.
  7. Nadeschda braucht unendlich viel Körperkontakt, ja so wie andere die Luft zum Atmen. Manchmal scheint es mir, als söge sie darüber bei mir Energie ab, Energie, die sie zum Bewältigen irgendeiner Herausforderung des Alltags braucht.
  8. Auch Maxim und Nadeschda können sich schwer und schlechter von mir als Mutter trennen als andere Kinder. Nadeschdas Eingewöhnung im Kindergarten dauerte sehr lange. Unsere Kinderfrau kam mehrere Monate, bevor sie überhaupt beide Kinder einmal ins Bett bringen konnte. Gibt es eine längere Trennungsphase am Tag, so stellt Maxim unmittelbar unsere Beziehung in Frage. Sofort muss er testen, ob ich ihn halte und auch weiterhin aushalte.

So betrachtet, sind Maxim und Nadeschda „High-Need“-Kinder. Und natürlich ist das Leben als ihre Mutter anstrengend, anstrengender als ich es je gewagt hatte mir vorzustellen. Denn es kostet einfach unendlich viel Kraft und Energie. Vor dem Hintergrund der Lebensgeschichte meiner Kinder sind ihr Verhalten und ihre Reaktionen mehr als nachvollziehbar. Sie haben den absoluten Mangel erlebt, sie haben als Baby möglicherweise geschrieen und haben nichts zu essen bekommen, sie haben geweint und niemand ist gekommen und hat sie getröstet. Haben sie also ein Bedürfnis, dass nicht unmittelbar erfüllt werden kann, geht es für sie noch heute schlicht und ergreifend um Leben und Tod. Deshalb sind ihre Reaktionen bis heute zuweilen heftig. Wenn sie unter Stress stehen, dann geht bei ihnen der Alarm im Kopf an, über den ich ja schon häufiger geschrieben habe. Oft bringen sie mich an die Grenzen meiner Kraft und meiner Geduld.

Doch auf der anderen Seite hat all dies auch sein Gutes. Denn es lehrt mich, meinen Kinder immer in Dankbarkeit und Demut zu begegnen, an mir selbst zu arbeiten, um möglichst ausgeglichen und ruhig zu sein, meine Kraft mir einzuteilen und immer wieder Prioritäten zu setzen. Denn mit jedem kleinsten Schritt, den die Kinder machen, merke ich, dass sie doch langsam heilen, heilen durch meine Anwesenheit, meine Fürsorge und meine Begleitung. Wenn Maxim doch den Durst im Auto auf den zehn Minuten Heimweg aushalten kann, wenn Nadeschda doch mehrere Nächte in Folge durchgeschlafen hat, wenn Maxim ruhig am Tisch sitzt und mir vorliest, ohne dass ein Bein zappelt, wenn er nicht unsere Beziehung in Frage stellt,nachdem ich ein Wochenende in der Akademie war, wenn Nadeschda mich wegschickt, wenn sie bei einer Freundin zu Besuch ist: „Geh jetzt Mama, ich kann das alleine.“

Allein, dass sie ihre Bedürfnisse, Ängste und Nöte bei mir so ungeschminkt zeigen, sie mit voller Wucht an manchen Tagen an die Oberfläche bringen, ist auch ein Ausdruck ihrer tiefen Bindung an mich als ihre Adoptivmutter. Hätten sie diese Bindung nicht, würden sie sich ruhig und angepasst verhalten, still und zurückhaltend. Denn sie wären sich meiner nicht sicher. Sie können aber bei mir ihre Gefühle ausleben, weil sie sich sicher fühlen, weil sie wissen, dass ich sie halte, aushalte und immer für sie da bin.

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Mehr Zeit, die Dinge einfach mal laufen zu lassen…

Manchmal wünschte ich, wir könnten einfach aus unserer alltäglichen Routine ausbrechen, unsere täglichen Verpflichtungen mal an den Nagel hängen.

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Unsere Tage sind streng durchstrukturiert. Und ich weiss, dass meine Kinder diese Struktur brauchen, sie einfordern. In der Küche haben wir einen Plan hängen, an dem wir die täglichen Aufgaben und Termine aufschreiben. Maxim macht es sich inzwischen zum montäglichen Ritual, diesen Plan für die frisch angebrochene Woche immer zu aktualisieren. „Ah, heute ist Montag. Da habe ich Schule, mache Hausaufgaben, übe – Mama, was üben wir heute? – und dann gehen wir zum Judo. Morgen ist Dienstag. Da habe ich Schule, gehe in den Zirkus, mache Hausaufgaben. Nadeschda hat auch Schule, muss Hausaufgaben machen und dann geht sie in die Musikschule. Mittwoch….“ und so weiter und so fort.

Hausaufgaben und Üben nehmen im Moment viel Raum ein. Je nach Gemütslage der Kinder, dauert das auch schon mal zwei Stunden. Vor allem Nadeschda tut sich nach wie vor mit den Hausaufgaben schwer. Sie erinnert sie gut, dennoch fühlt sie sich unter Druck gesetzt, glaubt, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Und dann schlägt sie wieder durch die Überlebensstrategie. Zunächst versucht sie mit allerlei Ablenkungen sich eben nicht auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. Sie erzählt von Gott und der Welt, von der Schule, von dem, wie andere Kinder malen. Erinnere ich sie unermüdlich, bei den Hausaufgaben zu bleiben, kann ich schon förmlich hören, wie der Alarm in ihrem Kopf losgeht. Über ihr Blatt gebeugt, das Wachsmalblöckchen in der Hand, hält sie beim Malen inne, malt einfach die Linie nicht weiter. Ihre Augen sind zornverdunkelt, wenn sie den Blick hebt. Sie geht auf Angriff. „Mama! Das geht so nicht! Das ist falsch! Das geht so…“ und mit aller Gewalt kratzt sie das Wachsmalblöckchen wütend über das Blatt, mit so viel Kraft, dass das Blatt zerreißt. Wenn ich versuche, sie zu beruhigen, dann kreischt sie irgendwann nur noch rum. „NNEEEEIIINNNNN!“ Dann wirft sie alles, was auf dem Tisch liegt, durch das Zimmer, um dann in Tränen zusammenzubrechen. Verzweifelt weint sie dann auf meinem Schoss. Später, wenn sich Nadeschda dann beruhigt hat, können wir ihre Hausaufgaben machen und üben.

Das wiederholt sich ungefähr jeden zweiten Tag. Nicht immer bleibe ich ruhig und gelassen. Manchmal entgleitet mir meine innere Ruhe. Dann werde auch ich laut, ermahne Nadeschda kein Theater zu machen, dass dieses uns keinen Meter weiter bringt. In der Theorie weiß ich, dass das so unnötig und so sinnlos ist, dass ich mir diesen Atem sparen könnte. Denn mein Brüllen befeuert nur Nadeschda’s Wut und Zorn, beschleunigt den Ausbruch des Alarms in ihrem Kopf. Doch es fällt mir schwer mich in Gelassenheit zu üben, die innere Treppe in diesen Momenten hinunter zu gehen und bis zehn zu zählen, dabei ruhig zu atmen und einfach nur zu hoffen, dass Nadeschda möglichst schnell aus ihrem Teufelskreislaufs der Anstrengungsverweigerung wieder herauskommt. Vielleicht kommt sie es auch nicht ohne meine Intervention. Denn ihr inneres Programm sagt ihr ja, alles zu tun, um die „Anstrengung“ der Hausaufgaben zu vermeiden. Doch dies ist keine Option.

Nun irgendwie bekommen wir es ja hin und die Hausaufgaben sind dann auch jedes Mal gemacht. Doch es kostet viel Zeit und Energie. Vor allem Zeit. Und damit bleibt viel zu selten Zeit, um etwas wirklich Schönes zu machen. Im Garten zu spielen, in den Wald zu gehen, Kastanien zu sammeln, Sonnenblumen pflücken zu gehen, zu malen, zu basteln, zu stricken, oder einfach zu spielen. In mir macht sich eine Sehnsucht nach mehr Spass und weniger Verpflichtungen breit. Einfach nur in den Tag oder zumindest in den Nachmittag hineinleben zu können, ohne an all das zu denken, was noch erledigt werden muss, ohne Stunde um Stunde damit zu verbringen für die Schule zu arbeiten, ohne im Anschluss zu irgendeinem Training oder Musikunterricht zu fahren. Manchmal denke ich, dass es vielleicht gut wäre, unsere zusätzlichen Verpflichtungen mit Sport, Zirkus, Musikschule und Musikinstrument und Therapie noch mehr zu reduzieren. Auch wenn Maxim sich dann beschweren wird, und wir eigentlich das alles so organisiert haben, dass immer noch genügend Luft und Zeit Zuhause ist. Vielleicht sind es nun auch eher die Wochenenden, an denen wir uns die Zeit zum „Nichtstun“ erlauben sollten. Wer weiß. An Tagen wie heute wünschte ich einfach, aus der festen Struktur ein wenig ausbrechen zu dürfen, auch wenn ich auf der anderen Seite weiß, dass meine Kinder diese Struktur auch brauchen. Sie gibt ihnen Sicherheit, Stabilität und strahlt so viel Verlässlichkeit aus. Dennoch sollte es vielleicht genauso Raum für „unstrukturierte Zeit“ geben. Mehr als wir es heute haben.

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Herkunft (3) – Wie erklären wir die Adoption unseren Kindern?

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Mit freundlicher Unterstützung von Pixabay

Noch nähern wir uns der Herkunftsfrage sanft und in kleinen Dosen. Noch stellt Maxim nicht die Frage nach dem „Warum?“ Noch zeigt sich seine Wut und Trauer in anderen Kontexten und unbewusst in der Form, dass er auf alles wütend ist, was er jetzt hat und nicht auf das, was er nicht hatte. Doch irgendwann wird er die Frage stellen. Und ich bin noch nicht sicher, ob ich eine passende Antwort parat habe.

Sherrie Eldridge hat vor ein paar Tagen dazu einen spannenden Beitrag veröffentlicht: „How to explain Adoption to your Adopted Child“. Ihr kunstvoller Ansatz, dem Kind zu erklären, dass es in Gottes Herz und aus seiner Liebe entstanden ist, gefällt mir. Zumal er alle Schuldzuweisungen und Wertungen eliminiert. Er kann dem Kind vielleicht das Gefühl nehmen, nicht gewollt gewesen zu sein und weggegeben worden zu sein. Auf der anderen Seite ist für mich diese Vorstellung doch sehr abstrakt. Kann ein Neunjähriger das nachvollziehen und nachempfinden? Dennoch, Maxim beschäftigt sich, nachdem sie die Schöpfungsgeschichte gerade in der Schule behandelt haben, sehr intensiv mit Gott und geht nun auch am Wochenende zu einem Kinderbibeltag. Vielleicht mag die Idee, dass er in Gottes Herz und aus Gottes Liebe entstanden ist, dann es aber in seinem Leben einige schwierige Hürden und Hindernisse gab, bevor er zu uns kam, gerade jetzt genau die „richtige“ Erklärung sein….

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (52)

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Photo by Artem Kovalev on unsplash.com

52 Wochen Sonntagslieblinge! Kaum zu glauben. Und immer wieder werden sie von Euch gelesen… Das ist schön und das freut mich sehr! – Wieder liegt eine ereignisreiche Woche hinter uns. Es tut so gut, zu sehen, dass sich die zuweilen großen Mühen „auszahlen“, dass die Saat aufgeht, wächst, blüht und gedeiht. Und gerade Maxim und Nadeschda wachsen so unglaublich in den letzten Wochen. Deshalb sind dies heute meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Nadeschda kommt allmählich in der Schule an. Ganz langsam. Aber es geht voran und sie kämpft, kämpft jeden Tag und freut sich inzwischen genauso über die kleinen Fortschritte wie ich. Die Hausaufgaben zu erinnern, war am Anfang ein großes Problem. Nach ein paar Tagen habe ich einfach beim Abholen an die Tafel in ihrem Klassenraum geschaut, was da angemalt war. So wusste ich, was sie Zuhause machen musste. An diesem Freitag kamen wir in den Klassenraum und die Tafel war geputzt. Oh je, keine Hausaufgaben. Doch Nadeschda sagte: „Nein, warte Mama.“ Sie klappte die Tafel wieder auf, zog sie zu sich hinunter und ging mit ihren Fingern die Tafel entlang. „Genau, Mama, ich hab’s! Die lange Gerade quer malen. Denn sie schläft und dabei wird sie dann nach unten immer kleiner.“ Ich war sprachlos und beeindruckt. Es geht! Und es wird gehen. Jeden Tag ein Stückchen besser!
  2. Maxim verdaut allmählich immer besser die Auseinandersetzungen mit Leander. Beachtlich ist für mich, wie präsent er im Unterricht auf einmal ist. Wie oft hatte ich im vergangenen Schuljahr das Gefühl, dass er dort nur physisch anwesend ist, aber meist dissoziiert und nichts mitbekommt. Auf einmal sitzt er abends auf der Toilette und trällert englische Lieder einwandfrei und fehlerfrei vor sich hin. Dass er im Lesen, Schreiben und Rechnen große Fortschritte gemacht hatte, wusste ich ja. Doch hier konnte ich bisher nicht trennen zwischen dem, was er in der Schule gelernt oder wir zuhause uns erarbeitet hatten. Doch Englisch hatte ich bisher nicht auch noch in unser häusliches Üben integriert. Insofern war dies allein seiner Aufmerksamkeit in der Schule zuzurechnen. Wunderbar!
  3. Das ganze Herkunftsthema hatte im Grunde ein Buch von Kirsten Boie ins Rollen gebracht. „Seeräuber-Moses“ erzählt die Geschichte von einem kleinen Findelmädchen, das nach einem Sturm auf einen Seeräuberschiff von den Seeräubern „adoptiert“ wird. Am Ende aller gemeinsamen Abenteuer stellt sich heraus, dass das Mädchen eine kleine Prinzessin ist. Seit zwei Wochen lesen wir diese Buch abends vor. Maxim konnte es gestern Abend nicht mehr aushalten, wie das Buch ausgeht. Er nahm den fast dreihundert Seiten dicken Wälzer mit in sein Bett und las kurzer Hand den Schluss selbst. Da ist er wohl wie ich, die auch zuweilen das Tabu bricht, und schon einmal die letzte Seite liest. Er las aber die letzten zehn Seiten!

Habt einen wunderbaren Sonntag und einen erfolgreichen Start in die neue Woche!

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„Leander ist schwach…“ – Von überraschenden Entwicklungen

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Photo by Michal Parzuchowski on unsplash.com

Maxim macht mich gerade sprachlos. Seine innere Entwicklung ist atemberaubend. Ich bin überrascht, sprachlos, und dann auch einfach begeistert, dankbar und unglaublich stolz. Stolz auf meinen so großen und weisen Sohn, der in den vergangenen Monaten eine Entwicklung hingelegt hat, die mich nur noch dankbar staunen lässt. Von der Selbsterkenntnis, die in seinen Worten mitschwingt, kann sich so mancher Erwachsener eine Scheibe abschneiden….

Wie immer komme ich vor ein paar Tagen mittags in die Schule, um Maxim und Nadeschda beim Essen abzuholen. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch Leander wie er zornig an einer Säule steht und mich beobachtet. Doch ich kann meinen Gedanken, die ich bei seinem Anblick habe, nicht weiter nachhängen, denn Nadeschda stürmt auf mich zu. Und Momente später Maxim zusammen mit Nikolai. Seitdem wir uns mit Maxims Herkunft zuhause befassen, ist er sehr eng mit Nikolai. Auch wenn ich noch nicht den Russischsprachunterricht mit seiner Mutter habe besprechen können. Maxim sprudelt gleich los: „Mama, es gab wieder Streit mit Leander! Ja, er hatte mir etwas zu essen mitgebracht. Und dann in der zweiten Pause meinte er, ich hätte es nicht gegessen. Obwohl ich es gegessen hatte.“ Ich komme gar nicht dazu zu fragen, was es denn war, denn Maxim brodelt einfach weiter: „ Aber ich habe es gegessen. Und er hat dann wieder nicht locker gelassen und mich nicht in Ruhe gelassen. Da bin ich dann einfach weggerannt. Der Musiklehrer hat das mitbekommen. Und wollte es klären. Aber Leander wollte nicht. Ich habe dann auch nichts gesagt. Aber auch beim Mittagessen hat er mich dann nicht in Ruhe gelassen. Da bin ich dann zur Frau K. gegangen. Und deshalb musste Leander dann an einem anderen Tisch essen. Er ist dann mit Louis (Maxims bestem Freund, um den es ja immer Streit mit Leander gibt.) auf die Toilette gegangen und hat Louis gesagt, er müsse sich entscheiden zwischen mir und ihm. Mama, das ist doch Erpressung. Der hat sie doch nicht mehr alle.“

Inzwischen wird die Traube um uns größer. Ich unterbreche Maxim, sage ihm, dass wir gleich im Auto in Ruhe sprechen können, und dass er seine Sachen holen soll. Das macht er dann auch. Doch schon auf dem Weg zum Auto sprudelt es einfach weiter aus ihm heraus, wie dann auch auf der Autofahrt. Es ist das erste Mal, dass mein Sohn seinem ganzen Ärger verbal Luft macht. So richtig! Selbst Nadeschda ist während der ganzen Zeit ganz still und lässt ihn reden. Es ist einfach unglaublich!

„Und Zuhause schreibe ich Leander einen Brief und den gebe ich ihm dann morgen. Und wenn er mich dann nicht in Ruhe lässt, dann sage ich es Frau Fellner. Und wenn er dann nicht aufhört, dann mache ich mit ihm einen Judogriff. Ich weiss auch schon welchen, Mama. Den, wo ich ihn hintenrum aufs Kreuz lege. Tja, da soll er dann mal sehen.“ Irgendwann verstummt Maxim im Auto. Doch nach ein paar stillen und nachdenklichen Momenten sagt er: „Louis sagt immer, dass es unfair ist, wenn ein Starker einen Schwachen angreift. Und ich bin ja stark und Leander ist schwach! Der ist zwar größer als ich. Und viel schwerer. Aber ich bin stärker und sowieso viel schneller. Eigentlich ist er arm dran.“

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Der Blick hinter das Lächeln am 1. Schultag

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Photo by JJ Thompson on unsplash.com

Nadeschda hat die Einschulungszeremonie in die 1. Klasse bravurös gemeistert. Ja, mit einem Lächeln, gar Strahlen im Gesicht. Tage vorher war sie unheimlich aufgeregt. Ich spürte, dass das Warten für sie kaum noch auszuhalten war. Doch es war nicht nur ein Warten in Vorfreude auf die Lehrerin, auf das Wiedersehen mit ihren Freundinnen, auf all das Neue, was sie erwarten würde. Nein, sie hatte auch Angst. Große Angst! Angst, die sich jetzt nach den ersten paar Schultagen wieder in Wut entlädt. Wut, wie sie sich auch im Sommer zeigte, wenn das Wutmonster zurückkehrte.

Es war gut, dass ich in den Tagen vor der Einschulung auf diesen Beitrag von Sherrie Eldridge – „Look beneath your adopted & foster child’s smile“ – gestoßen bin, der mir wieder einmal mehr als deutlich vor Augen geführt hat, was in meiner Tochter passiert. Ja, hinter ihrem strahlenden Lächeln stand die große Panik und Angst. Die Angst vor dem Ungewissen, die Angst vor der großen Veränderung, vor dem großen Neuen. Die Angst was die Lehrerin von ihr denkt, neben wem sie sitzt, wie die anderen Kinder in der Klasse sind. Die Angst, ihre Gefühle in der Schule im Griff zu haben.

Und so versuche ich nun, mit Nadeschda durch ihre Angst zu gehen. Tage vor der Einschulung waren wir in ihrer Klasse und haben mit ein paar anderen Müttern den Klassenraum geputzt. Alle anderen Kinder, die auch ihre Mütter zum Putzen begleiteten, spielten draußen auf dem Schulhof. Nadeschda blieb bei mir. Während wir so werkelten, setzte sie sich immer wieder in eine andere Ecke des Raums, wenn sie mir nicht gerade beim Putzen half. Sehr zur Begeisterung ihrer neuen Lehrerin. Abwartend beobachtete Nadeschda  diese, vermied aber jeden Kontakt mit ihr. Dennoch, so konnte Nadeschda schon einmal den Raum und seine Atmosphäre erspüren.

Genauso haben wir im Vorfeld über genau die sie quälenden Fragen gesprochen. Wann werde ich aufgerufen, neben wem werde ich sitzen, wer ist noch in meiner Klasse, was wird meine Lehrerin mit uns machen? Das schien ein wenig zu helfen und den Einschulungstag für sie erträglich zu machen.

Zuhause packen wir jeden Tag ihren Ranzen zusammen in aller Ruhe, besprechen, was sie wofür braucht, klären,was sie am nächsten Tag mit zum Frühstücken mitnehmen will. Wir üben nach wie vor täglich, haben schon Hefte und Stifte eingeführt, die sie dann auch in der Schule benutzt.  Wir sprechen darüber, was sie in der Schule erwarten wird, was sie im Unterricht in den ersten Wochen lernen wird. Wenn Nadeschda sagt, dass sie das nicht kann, dann zeige ich es ihr und dann üben wir es zusammen.

Dennoch, jetzt wo langsam der Zauber der Einschulung verfliegt und der Alltag einkehrt, spüre ich täglich Nadeschda’s Angst. Wenn sie morgens aufwacht und mich eben nicht freudig erwartend, sondern eher verhalten fragt: „Ist heute wieder Schule, Mama?“ Und ja, ich kann Nadeschda immer wieder nur bestätigen: Ich kann Deine Angst verstehen, und es ist okay. Ich weiß, dass Du das schaffen wirst. Wie so vieles schon in Deinem Leben. Du wirst Deinen Weg gehen. Und die Angst wird irgendwann weichen…