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Der Spuk der Angst ist endlich vorbei…

Little girl holding a hand of her mother. Family relations concept.

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Seit gestern haben wir nun den pathologischen Befund der operativ entfernten Lymphknoten bei Nadeschda. Es war beziehungsweise ist eine Infektion im Lymphsystem. Es könnten noch weitere Lymphknoten befallen sein, aber im Grunde schafft es Nadeschda’s Körper nun nach dem Entfernen der am stärksten befallenen Knoten von selbst zu heilen, ohne eine weitere Therapie.

Wir, vor allem Nadeschda, haben noch einmal riesiges Glück gehabt. Der Spuk der Angst ist nun vorbei. Wir sind unendlich erleichtert und dankbar!

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Der 7. Sinn – Mein Sohn hat ihn…

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Danke an Pixabay

Als ich in den vergangenen Tagen endlich einmal wieder Tagebuch für meine Kinder schrieb, fiel mir folgenden Begebenheit ein: Als Maxim klein war und die Sprache gefunden hatte, überraschte er mich hin und wieder mit weisen Aussagen, die nur ein Erwachsener hätte machen können. Oder mit Kommentaren, die kaum einem Dreijährigen zuzutrauen waren. Auch erzählte er mir Dinge über Nadeschda, an die er sich im Grunde unmöglich hätte erinnern können. Dass er höchst sensibel ist, wussten wir von Anfang an. Doch mit der Zeit glaubte ich auch immer mehr, dass er so etwas, wie einen 7. Sinn hat. Zu oft geht das im Alltag leider unter. Doch vor ein paar Wochen gab es eine Begebenheit, die mich wieder an die besondere Gabe meines Sohnes erinnerte.

An einem Nachmittag, als es noch so richtig warm war, hatte ich unsere Kinderfrau gebeten, Maxim von der Schule abzuholen. Ich hatte mit Nadeschda einen Termin. Um Maxim etwas Gutes zu tun, hatte ich vorgeschlagen, dass unsere Kinderfrau mit ihm in seine Lieblingseisdiele in einem Einkaufszentrum in der Nähe der Schule fährt und dort mit ihm noch ein Eis isst, bevor sie nach Hause fahren. Das taten sie dann auch. In der Regel parken wir immer auf einem Parkplatz außerhalb des Einkaufszentrums im Freien und fahren nicht in das Parkhaus des Einkaufszentrums. Wegen einer Baustelle kam unsere Kinderfrau aber nicht zu unserem gewohnten Parkplatz, sondern fuhr in die Tiefgarage des Einkaufszentrums. Was Maxim gar nicht recht war. Mit Händen und Füßen wehrte er sich gegen das Parken im Parkhaus. Und er bat unseren Kinderfrau inständig, das Parkhaus wieder zu verlassen. Auch sie kennt meine Kinder inzwischen gut und kann Machtkämpfe von echten Bedürfnissen unterscheiden. Sie verließ das Parkhaus wieder und suchte sich mühselig den Weg durch die Baustelle zu dem gewohnten Parkplatz im Freien. Zufrieden stieg mein Sohn aus dem Auto und marschierte in freudiger Erwartung seines Eises zur Eisdiele.

Doch als sie dort ankamen und bestellten, tat es auf einmal einen riesigen Schlag. Ein dumpfer, ohrenbetäubender Knall erfüllte das gesamte Einkaufszentrum. Es musste sich so wie eine Explosion angehört haben. Die Angestellten der Eisdiele schlossen sofort alle Glastüren. Andere Besucher des Einkaufszentrums verließen fluchtartig das Gebäude. Über die Außentür der Eisdiele wurden die Gäste aufgefordert, das Lokal zu verlassen. Auch Maxim und unsere Kinderfrau verließen die Eisdiele. Auf dem Weg zum Parkplatz sahen sie noch fünf Mannschaftswagen der Feuerwehr kommen. Eilig machten sich Maxim und unsere Kinderfrau auf den Weg nach Hause. Doch im Stimmengewirr in all dem Chaos hatte unsere Kinderfrau noch ausgemacht, dass der Fahrstuhl in der Tiefgarage brannte und es dort wohl mehrere kleine Explosionen gegeben hatte…

 

P.S. Leider ist Nadeschda’s Zustand für ihn zu überbordend und belastend, dass er sich nicht dazu äußert. Muss er auch nicht…. Hier werden uns andere „Zeichen“ weisen. Wir werden sehen….Dennoch: An dem Morgen, bevor Nadescda und ich ins Krankenhaus gingen, kam mein Sohn zu mir und zeigte mir ein Bild. „Mama, ich habe einen kleinen Comic gemalt. Schau! Da ist ein kleiner Junge. Und da ist ein Riesen Monster. Und guck mal es spricht: „Ich bin ein fürchterliches Monster, aber Du brauchst keine Angst vor mir zu haben…“

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Von der Angst (reloaded) – der Spuk geht noch ein wenig weiter…

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Photo by Evaldas Daugintis on unsplash.com

Am Dienstag Morgen wurde Nadeschda operiert. In 45 Minuten Operation wurden ihr zwei Cherry-Tomaten große Lymphknoten unter der Achsel entfernt. Aussagen zu irgendwelchen Tendenzen traf der operierende Kinderchirurg nicht. Darf er wahrscheinlich auch nicht. Nur machte er wiederholt sehr deutlich, dass die Operation und damit das entfernen der Lymphknoten keine Therapie sondern nur ein Auftrag sei, um eine weiterführende Diagnostik einleiten zu können. Eine Therapie müsse sich – wie auch immer geartet – der Operation anschließen.

Im Gegensatz zu vorangegangenen Operationen hat Nadeschda die Narkose gut überstanden. Sie war verhältnismäßig schnell wieder wach und überraschend klar. Zur Beobachtung blieben wir noch weiter in der Klinik. Doch zum Glück hat sie weder Schmerzen noch Beschwerden, so dass wir seit gestern wieder Zuhause sind.

Nun warten wir auf das Ergebnis der pathologischen und mikrobiologischen Untersuchungen. Erst im Laufe der kommenden Woche liegt dies vor. Dann erst haben wir (vielleicht) Gewissheit, was diese starken Schwellungen der Lymphknoten verursacht hat. Bis dahin müssen wir weiter mit der Ungewissheit leben und warten. Bis dahin hat die Angst um Nadeschda uns weiter fest im Griff.

Warten war noch nie eine meiner Stärken. Gepaart mit der Angst vor dem was kommt – es gibt sogar Momente, wo ich mich erwischt habe, mir zu wünschen, das Stadium der Ungewissheit nicht zu verlassen; denn vielleicht ist diese Ungewissheit besser und schmerzloser als die Gewissheit, die dann kommt…- ist dieser Zustand kaum auszuhalten. So lange wir im Krankenhaus waren, war ich in meinem Funktionsmodus, fokussiert auf den Gespräche mit den Ärzten und den Schwestern, konzentriert auf mein Kind. Nun zuhause kommt es mir, vor als würde die Angst wieder aus ihrer Ecke, in die sie sich vorübergehend zurückgezogen hatte, wieder hervorkriechen, sich genüsslich das Maul lecken und voll zynischer Freude sich erneut in unserer Mitte breit machen.

Auch Nadeschda hat Angst. Sie spricht nicht darüber. Doch ich sehe die Angst in ihren tief in gedankenversunkenen Blicken, wenn sie sich unbeobachtet fühlt. Ich spüre ihre Angst, wenn sie sich nachts an mich kuschelt, wenn sie abends beim Einschlafen meine Hand hält und tiefe Seufzer ausstößt. Und wir erleben ihre Angst in ihrer Wut, die sie erneut zeigt. Aus dem Nichts taucht die Wut wie ein kleines Monster auf und hält meine Tochter fest in ihrem Griff. Dann schreit sie, tobt, tritt um sich, bis sie verzweifelt weinend in sich zusammenbricht. Zu übermächtig ist die Bedrohung der Angst und der Ohnmacht….

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (108)

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Photo by Pedro Lopes on unsplash.com

Diese Woche war auf diesem Blog eine besondere für mich. Ich möchte Euch allen, die hier so zahlreich kommentiert haben, danken, für all Eure lieben Worte und Ermunterungen, egal ob als Kommentar oder Mail. Eure Anteilnahme gibt gerade jetzt so viel Zuversicht und Halt! Ein großer Dank geht von mir an Euch! Eure Anteilnahme ist für mich etwas ganz Besonderes!

Nun, der nächste Kontrolltermin für Nadeschda stand am Donnerstag an. Über meine Angst habe ich geschrieben. Im Ergebnis sagte die Ärztin: „Wir werden dem Spuk jetzt ein Ende bereiten.“ Am kommenden Dienstag wird Nadeschda operiert, das „Ding“ entfernt und anschließend histologisch untersucht. Wenn alles gut läuft, sind wir bereits am Mittwoch wieder Zuhause. Doch das Ergebnis der Gewebeuntersuchung bekommen wir dann erst in der Woche drauf. Insofern geht der Spuk doch noch eine Weile für uns weiter… Aber dennoch, ein wenig mehr Klarheit scheint in greifbarer Nähe. Und so bin ich an diesem Sonntag für diese drei Sonntagslieblinge dankbar:

  1. Nicht nur hier auf diesem Blog, sondern auch in unserem Freundeskreis und vor allem aus dem Freundeskreis unserer Kinder habe ich in den vergangenen Tagen so unglaublich viel Unterstützung erfahren. Das ist wunderbar und einfach großartig! Maxim ist aufgrund so unzähliger Hilfsangebote mehr oder weniger die komplette nächste Woche bei Freunden. Er kann sich also über langweiliges Ferienprogramm nicht beschweren…. Und mir tut es so gut, ihn gut aufgehoben zu wissen.
  2. Ich habe im Zuge dessen auch gelernt, Hilfe anzunehmen. Nicht immer alles irgendwie alleine zu stemmen und zu organisieren. Und auch zu sagen, was ich brauche. Am Montag bin ich mit Nadeschda schon zu den Vorgesprächen in der Klinik. Dienstag ist die OP. Maxim ist derweil bei unseren wunderbaren Freunden hier in einer näher gelegenen Stadt, deren Sohn in derselben Stadt in Russland geboren ist wie Maxim. Die beiden Jungen verbindet eine ganz tiefe Seelenverwandtschaft. Umso dankbarer war ich, als seine Mutter mir anbot, dass Maxim von Montag auf Dienstag bei ihnen bleiben kann. Ich kann mir keinen besseren Ort für Maxim vorstellen als dort. In einer Zeit, in der er selbst die überbordende „Bedrohung“ nicht verkraften kann. Auch wenn er nicht um unsere tiefsten Ängste Bescheid weiß, so spürt er sie doch. Denn er hat einfach sehr sensible Antennen, oder viel mehr einen 7. Sinn.
  3. Immer wieder bin ich erstaunt über Nadeschda’s Selbstfürsorge. Seitdem der Knoten da und für uns präsent ist, ist sie sehr, sehr anhänglich. Zunächst hatte ich gedacht, dass es sie mit der Schule zusammen alles überfordert. Aber das ist es nicht. Sie braucht einfach meine Nähe und vor allem die Sicherheit ihres Zuhauses. Sie will sich – im Gegensatz zu ihrem Bruder – nicht verabreden, sondern ist glücklich, wenn wir hier einfach Zuhause sind. Und sie braucht ganz viel Struktur und fordert diese ein. Am Freitag beim Abendessen wurde sie nicht müde zu fragen: „Und was ist der Plan für morgen? Was machen wir morgen?“ Als Richard zwar begann zu erzählen, was wir alles am Samstag machen könnten, aber nicht so konkret wurde, hielt sie inne und sagte: „Nein Papa, was ist der konkrete Plan für morgen? Ich brauche das. Ich muss das wissen.“ Ich schmunzelte und war begeistert von meiner Tochter, die trotz allem so klar artikulieren kann, was sie braucht und will.

Mit einem großen Dank wünsche ich Euch allen einen hoffentlich zauberhaften Herbstsonntag und einen gelungenen Start in die neue Woche!

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Angst um Nadeschda…

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Photo by Bekah Russom on unsplash.com

Seit vier Wochen ist die Angst um Nadeschda einmal wieder unser ständiger Begleiter. Seit vier Wochen hat Nadeschda einen Walnussgroßen Knoten unter der Achsel. Er schmerzt nicht. Was in diesem Fall nichts Gutes heißt…. Entgegen dem Gängigen, wenn man Dr. Google befragt, „Warten Sie erst einmal ab. In der Regel geht eine mögliche Schwellung der Lymphknoten nach zwei bis drei Wochen bei Kindern von alleine weg.“, sind wir nach einer Woche beim Kinderarzt gewesen. Der war mächtig entsetzt und verlor auch kurz die Fassung, als er „das Ding“ sah, sortierte sich aber schnell und leierte sofort alle möglichen Untersuchungen an. In den vielen Jahren, die wir bei ihm sind, habe ich ihn als unglaublich guten Diagnostiker kennen- und schätzen gelernt. Im Ultraschall konnte man sehen, dass es wohlmöglich ein vergrößerter Lymphknoten ist. Allerdings fanden sich in Nadeschdas Blut keine Hinweise und Indizien auf irgendetwas. Jede mögliche Virusinfektion, die eine derartige Schwellung hervorrufen kann, konnte ausgeschlossen werden. Auch die Entzündungswerte waren nicht erhöht. Und andere Organe wie Milz und Leber nicht vergrößert.

Etwas „Normales“ war dieser Knoten aber nicht. So viel stand nach zwei Tagen fest. Und da unser Kinderarzt sich unsicher war, ließ er Nadeschda in die Kinderklinik und die dazugehörige hämatologische-onkologische Abteilung einweisen. „Die kennen sich am besten mit raumfordernden Prozessen aus,“ sagte noch unser Kinderarzt, „und es heißt nicht, dass jetzt das Schlimmste zu befürchten ist.“ Dennoch fiel es mir schwer, Ruhe zu bewahren. Die Angst hatte mich bereits fest im Griff.

In diesen Momenten bin ich so unendlich dankbar für meinen Mann. Er hatte sofort gesagt, dass er mit Nadeschda ins Krankenhaus fährt. Nachdem ich Nadeschdas Koffer gepackt hatte, wollte ich ihm noch ein paar Sachen einpacken. Verdutzt guckte Richard mich an und sagte: „Nein, wieso? Wir sind doch heute Abend wieder zurück.“ So war es dann auch. Nach erneuter Blutkontrolle und Ultraschall, waren die Ärzte in der Klinik davon überzeugt, dass es sich um eine Infektion eines Lymphknoten handelt. In den folgenden Tagen sollte Nadeschda zwei Antibiotika nehmen, die die Infektion behandelten. Die Angst lockerte ein wenig ihren Griff…

Doch in der folgenden Woche lernten wir, was der Kinderarzt in der Klinik mit seinem Satz „Eine Antibiose ist in diesen Fällen in der Regel der erste Schritt. Wenn das die Nerven der Eltern mitmachen…“ gemeint hatte: Der Knoten wurde nicht kleiner, die Antibiotika wirkten nicht und die Wartezeit bis zum nächsten Kontrolltermin entwickelte sich zu einem nervlichen Drahtseilakt. Die Angst griff wieder fester zu und führte mich an die Grenzen meiner Belastung.

Auch beim folgenden Kontrolltermin hielten die Ärzte an ihrer Vermutung fest, dass es sich eher um eine Infektion als um ein Lymphom – irgendwann war dann das Wort, das wir alle in den Tagen zuvor gemieden hatten wie der Teufel das Weihwasser, doch auf dem Tisch – handelte. Nadeschda zeigte ja keine der gängigen Begleiterscheinungen, keinen Nachtschweiß, kein Fieber, kein schlechter Allgemeinzustand. Wir sollten noch einmal zehn Tage warten, und beobachten wie sich der Knoten entwickelt. Um so vielleicht einen operativen Eingriff zu vermeiden. „Lassen Sie sie doch lieber noch einmal spielen und rumtoben…“ hatte eine der Ärztinnen gesagt.

Nun die zehn Tage sind morgen vorbei. Richard wird morgen wieder mit Nadeschda in die onkologische Abteilung der Kinderklinik fahren, zu einer nächsten Kontrolle. Der Knoten ist da. Unverändert. Nach wie vor so groß und bedrohlich wie vor vier Wochen. Die Angst hat sich erneut in unserer Mitte niedergelassen, und drückt hämisch grinsend ihre Klauen immer fester zu.

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„Nothing for sissies…“: Zum Schulstart nach den Ferien

frustrated math school child

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Ja, wir haben den Start in die Schule gut gemeistert. Und so langsam kommen wir in eine gute Routine. Doch oft musste ich gerade in der ersten Woche nach den Ferien an Sherrie Eldridge’s Post zum ersten Schultag,  wie Adoptivkinder ihn erleben, denken und an die Punkte, die sie so treffend benannt hatte, wie es Adoptivkindern nach den Ferien in einem neuen Umfeld geht.

Vielleicht ist es auch das weinende Kind, das zum Glück nicht meines war, aber mich dennoch, da ich nun im Hort arbeite, tief getroffen und mitgenommen hat und mich noch einmal an einen so behutsamen Übergang in die Schulzeit erinnert, von dem ich hier geschrieben hatte. Das weinende Mädchen war eine Schülerin der ersten Klasse. Für sie war alles neu. Und dann passierte der Super-Gau: Sie hatte sich auf der Toilette eingesperrt und kam nicht mehr raus. Ihr Weinen ging durch Mark und Bein, so dass ich es durch zwei geschlossene Türen hörte und nach dem Kind schaute. Als klar war, dass sie sich eingeschlossen hatte, holte ich die Hausmeisterin, die das Mädchen befreite. Die Betreuerin für die 1. Klasse kümmerte sich dann um das Mädchen und ich glaube, sie wurde dann auch früher abgeholt. Ich wollte mir in meinem Kopf nicht ausmalen, was in meinen Kindern vorgegangen wäre, wäre ihnen das passiert wäre. Oder auch jetzt noch passieren würde.

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. So habe ich schon geschrieben. Ihr Herz wurde vielleicht gekittet. Aber der Bruch, die Narbe ist immer noch da. Manchmal setzt das Herz aus, oder es läuft nicht so wie es soll und dann passieren die Aussetzer….Bei Maxim ist das in den vergangenen Monaten zweimal passiert. Einmal dachte er, da er mich mit Nadeschda an der Schule nicht fand – wir hatten nur ihre Jacke geholt – und er in seiner Panik mein Auto auf dem Parkplatz nicht erkannte, dass ich tatsächlich mit Nadeschda schon nach Hause gefahren sei. Ein anderes Mal waren wir alle als Familie auf einer Feier. Er wollte noch spielen und hatte nicht auf Richards Aufforderungen zu gehen gehört. Als Richard das Auto anließ – und der Sound ist recht markant – kam unser Sohn mit Panik in den Augen angelaufen und schrie Richard verzweifelt an. Niemals wären wir ohne Maxim gefahren, aber dennoch, es gibt Trigger wie diese, die die alte Wunde wieder aufbrechen lassen.

Traumatisierte Kinder spüren, dass meist das Trauma über Erinnerungsfetzen immer wieder an die Oberfläche des Bewusstsein streben kann, um dort vielleicht aufgelöst zu werden. Dieses Gefühl ist so Angsteinflößend, dass diese Kinder alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das traumatische Erlebnis zurück in das Unterbewusste zu verbannen. Es bleibt bei den Kindern ein Gefühl der permanenten Bedrohung zurück, und sie leben in einem permanenten Angstzustand. In jeder Situation könnten sie wieder diese schmerzliche und verletzende Erfahrung des Traumas machen. So sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft, da sie ständig damit rechnen, wieder verletzt zu werden. Sie sind ständig in Habacht-Stellung, um einer vermeintlich neuen Gefahr begegnen zu können und sich zu schützen. Sie haben permanent das Gefühl, all ihre Kräfte mobilisieren zu müssen, um die Gefahr für ihr Leben bannen zu müssen. Sie leben dauerhaft in dem Gefühl, um ihr Überleben kämpfen zu müssen.

Und das tun sie auch in der Schule. Gerade nach dem Neubeginn nach den Ferien. Maxim hat sich wirklich gut geschlagen. Er ist nun auch nach vier Jahren ein „alter Hase“, weiß, wie die Sachen laufen, wo was ist, auf welches Klo man am besten geht, kennt viele Lehrer und Betreuerinnen im Hort. Er hat die ersten Tage und nun auch Wochen gut gemeistert. Dennoch stelle ich auch bei ihm fest, dass für manche kognitiven Dinge im Moment keine Kapazitäten frei sind. Wir haben in den Ferien viel Rechnen geübt. Neben anderen Themen. Im Moment steht zwar Grammatik und Schreiben auf dem Plan. Aber ich merke, dass alles Rechnen bei ihm weg ist. Das kleine 1 x 1, das er so grandios konnte? Weg. Im Moment braucht mein Sohn gefühlt mehrere Minuten bis er mit der Lösung, die dann nicht immer richtig ist, um die Ecke kommt. Genauso wie andere Fähigkeiten wie etwa die Uhr zu lesen und die Dauer abzuschätzen, wie lange man für etwas braucht. Das ist einfach ausradiert, überlagert von allem neuen, was das vierte Schuljahr nun mit sich bringt.

Es ist gut, dass ich nun im Hort arbeite und beim Mittagessen schon in der Schule bin und somit bei meinen Kindern. Denn Nadeschda ist mir in den vergangenen zwei Wochen mindestens dreimal weinend in die Arme gelaufen, weil irgendjemand sie geärgert hat, sie irgendetwas als ungerecht empfand, oder ihr etwas weh tat. Mit der Theateraufführung in der ersten Woche war sie restlos überfordert, auch wenn sie sie dann grandios gemeistert hat. Aber die Zornesausbrüche zuhause waren durchaus erinnerungswürdig. Es war genauso wie Sherrie es beschrieb: Sie hätte sich am liebsten zurückgezogen, sie hatte Angst, sie glaubte, dass sie das alles nicht schafft, sie fühlte sich wertlos. Sie war die ganze Zeit unter Strom, fühlte das Geräusch in ihrem Kopf, konnte es nicht abstellen. Sie spürte ihr gebrochenes Herz, dass ihr sagte, sie dürfte nicht versagen. Welch ein Kampf für eine so kleine Seele!

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. Und immer noch und immer wieder gibt es eben diese Momente, in denen ich mich frage, ob es wirklich irgendetwas gibt, was meine Kinder diese Narbe vielleicht vergessen lässt, oder ihnen hilft, mit dieser Wunde zu leben. Wenn das Trauma durchbricht, saugen meine Kinder meine Fürsorge und Zuneigung auf wie ein trockener Schwamm. Ihr emotionales Loch, das die Traumatisierung gerissen hat, ist wie ein Faß ohne Boden, in das nie ausreichend Liebe und Zuneigung hinein fließen können.

Routine und Fürsorge helfen. Ein wenig. Ich bin froh, dass ich im Moment ein Teil der Schule bin und meine Kinder bzw. ihre Emotionen früher abfangen kann. Da kommt Nadeschda, weint ein paar Minuten auf meinem Schoß und dann geht sie auch wieder. Aber dennoch: Ich musste an einen Satz denken, den meine amerikanische Mutter mir zum Älterwerden im Kontext meiner biologischen Mutter schrieb. Und ich könnte ihn gerade so treffend umdichten: „Getting adoptive kids back to school is nothing for sissies.“

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Heilsam durch den ersten Schultag kommen….

School accessories against blackboard

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Am Montag ist es wieder soweit für uns: Nach wunderbaren sechs Wochen Ferien kehren wir zurück an die Schule. Ja, wir sind gut vorbereitet. Und wir haben alles so organisiert, dass wir langsam in den Schulalltag starten. Unsere nachmittäglichen Aktivitäten haben wir zumindest für die ersten zwei Wochen deutlich reduziert. Schon in der letzten Ferienwoche haben wir uns innerlich und in unserer Routine allmählich dem Schulalltag angenähert und haben viele Freunde aus der Schule gesehen, um „alte Kontakte“ wieder aufleben zu lassen. Damit – auch wenn es wohl gewohnt sein mag – nicht alles wieder neu und anders im Vergleich zu dem Ferienmodus in unserer Alltag einprasselt. Die nächste Woche wird zeigen, ob ich gut daran getan habe. Auch Sherrie Eldridge aktueller Beitrag „NAVIGATING FIRST-DAY-OF-SCHOOL EMOTIONS WITH ADOPTED AND FOSTER KIDS“ hat mich darin bestätigt:

Sie erinnert daran, dass Gefühle von Stress und Angst nie aufhören, und sie besonders in Situationen, in denen Neues und Ungewohntes auf ein Adoptivkind einprasselt, immer wieder hoch kommen können. So fühlen sich Adoptivkinder in diesen Momenten:

  • Sie sind alarmiert und in ihrem Kopf dröhnt es, als würde irgendwo ein Feueralarm losgehen. Ich weiß das nur zu gut von meinen Kindern.
  • Sie haben Angst, und am liebsten würden sie flüchten, ganz weit weg.
  • Sie sind traumatisiert, ihr Herz schlägt ihnen bis zum Hals.
  • Sie fühlen sich wertlos.
  • Sie würden sich am liebsten zurückziehen und dissoziieren vielleicht in ihr Innerstes, weil dies der vermeintlich sicherste Ort ist.
  • Sie spüren ihr gebrochenes Herz, denn sie fühlen, das andere wollen, dass sie erfolgreich sind und haben Angst es nicht sein zu können.

All das kommt immer wieder hoch, jedes Mal von neuem. Auch wenn es nicht der allererste Schultag ist. Dessen sollten wir uns als Adoptiveltern bewusst sein, um unseren Kindern den entsprechenden Raum für ihre Gefühle in den ersten Tagen nach den Ferien zu lassen. Ich hoffe, ich gebe meinen Kindern in den kommenden Wochen genau diesen Raum und das Verständnis, ihre Gefühle von Angst, Überforderung und Schmerz zuzulassen.