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„Nothing for sissies…“: Zum Schulstart nach den Ferien

frustrated math school child

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Ja, wir haben den Start in die Schule gut gemeistert. Und so langsam kommen wir in eine gute Routine. Doch oft musste ich gerade in der ersten Woche nach den Ferien an Sherrie Eldridge’s Post zum ersten Schultag,  wie Adoptivkinder ihn erleben, denken und an die Punkte, die sie so treffend benannt hatte, wie es Adoptivkindern nach den Ferien in einem neuen Umfeld geht.

Vielleicht ist es auch das weinende Kind, das zum Glück nicht meines war, aber mich dennoch, da ich nun im Hort arbeite, tief getroffen und mitgenommen hat und mich noch einmal an einen so behutsamen Übergang in die Schulzeit erinnert, von dem ich hier geschrieben hatte. Das weinende Mädchen war eine Schülerin der ersten Klasse. Für sie war alles neu. Und dann passierte der Super-Gau: Sie hatte sich auf der Toilette eingesperrt und kam nicht mehr raus. Ihr Weinen ging durch Mark und Bein, so dass ich es durch zwei geschlossene Türen hörte und nach dem Kind schaute. Als klar war, dass sie sich eingeschlossen hatte, holte ich die Hausmeisterin, die das Mädchen befreite. Die Betreuerin für die 1. Klasse kümmerte sich dann um das Mädchen und ich glaube, sie wurde dann auch früher abgeholt. Ich wollte mir in meinem Kopf nicht ausmalen, was in meinen Kindern vorgegangen wäre, wäre ihnen das passiert wäre. Oder auch jetzt noch passieren würde.

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. So habe ich schon geschrieben. Ihr Herz wurde vielleicht gekittet. Aber der Bruch, die Narbe ist immer noch da. Manchmal setzt das Herz aus, oder es läuft nicht so wie es soll und dann passieren die Aussetzer….Bei Maxim ist das in den vergangenen Monaten zweimal passiert. Einmal dachte er, da er mich mit Nadeschda an der Schule nicht fand – wir hatten nur ihre Jacke geholt – und er in seiner Panik mein Auto auf dem Parkplatz nicht erkannte, dass ich tatsächlich mit Nadeschda schon nach Hause gefahren sei. Ein anderes Mal waren wir alle als Familie auf einer Feier. Er wollte noch spielen und hatte nicht auf Richards Aufforderungen zu gehen gehört. Als Richard das Auto anließ – und der Sound ist recht markant – kam unser Sohn mit Panik in den Augen angelaufen und schrie Richard verzweifelt an. Niemals wären wir ohne Maxim gefahren, aber dennoch, es gibt Trigger wie diese, die die alte Wunde wieder aufbrechen lassen.

Traumatisierte Kinder spüren, dass meist das Trauma über Erinnerungsfetzen immer wieder an die Oberfläche des Bewusstsein streben kann, um dort vielleicht aufgelöst zu werden. Dieses Gefühl ist so Angsteinflößend, dass diese Kinder alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen, um das traumatische Erlebnis zurück in das Unterbewusste zu verbannen. Es bleibt bei den Kindern ein Gefühl der permanenten Bedrohung zurück, und sie leben in einem permanenten Angstzustand. In jeder Situation könnten sie wieder diese schmerzliche und verletzende Erfahrung des Traumas machen. So sind sie dauerhaft in Alarmbereitschaft, da sie ständig damit rechnen, wieder verletzt zu werden. Sie sind ständig in Habacht-Stellung, um einer vermeintlich neuen Gefahr begegnen zu können und sich zu schützen. Sie haben permanent das Gefühl, all ihre Kräfte mobilisieren zu müssen, um die Gefahr für ihr Leben bannen zu müssen. Sie leben dauerhaft in dem Gefühl, um ihr Überleben kämpfen zu müssen.

Und das tun sie auch in der Schule. Gerade nach dem Neubeginn nach den Ferien. Maxim hat sich wirklich gut geschlagen. Er ist nun auch nach vier Jahren ein „alter Hase“, weiß, wie die Sachen laufen, wo was ist, auf welches Klo man am besten geht, kennt viele Lehrer und Betreuerinnen im Hort. Er hat die ersten Tage und nun auch Wochen gut gemeistert. Dennoch stelle ich auch bei ihm fest, dass für manche kognitiven Dinge im Moment keine Kapazitäten frei sind. Wir haben in den Ferien viel Rechnen geübt. Neben anderen Themen. Im Moment steht zwar Grammatik und Schreiben auf dem Plan. Aber ich merke, dass alles Rechnen bei ihm weg ist. Das kleine 1 x 1, das er so grandios konnte? Weg. Im Moment braucht mein Sohn gefühlt mehrere Minuten bis er mit der Lösung, die dann nicht immer richtig ist, um die Ecke kommt. Genauso wie andere Fähigkeiten wie etwa die Uhr zu lesen und die Dauer abzuschätzen, wie lange man für etwas braucht. Das ist einfach ausradiert, überlagert von allem neuen, was das vierte Schuljahr nun mit sich bringt.

Es ist gut, dass ich nun im Hort arbeite und beim Mittagessen schon in der Schule bin und somit bei meinen Kindern. Denn Nadeschda ist mir in den vergangenen zwei Wochen mindestens dreimal weinend in die Arme gelaufen, weil irgendjemand sie geärgert hat, sie irgendetwas als ungerecht empfand, oder ihr etwas weh tat. Mit der Theateraufführung in der ersten Woche war sie restlos überfordert, auch wenn sie sie dann grandios gemeistert hat. Aber die Zornesausbrüche zuhause waren durchaus erinnerungswürdig. Es war genauso wie Sherrie es beschrieb: Sie hätte sich am liebsten zurückgezogen, sie hatte Angst, sie glaubte, dass sie das alles nicht schafft, sie fühlte sich wertlos. Sie war die ganze Zeit unter Strom, fühlte das Geräusch in ihrem Kopf, konnte es nicht abstellen. Sie spürte ihr gebrochenes Herz, dass ihr sagte, sie dürfte nicht versagen. Welch ein Kampf für eine so kleine Seele!

Meine Kinder leben mit einem gebrochenen Herzen. Und immer noch und immer wieder gibt es eben diese Momente, in denen ich mich frage, ob es wirklich irgendetwas gibt, was meine Kinder diese Narbe vielleicht vergessen lässt, oder ihnen hilft, mit dieser Wunde zu leben. Wenn das Trauma durchbricht, saugen meine Kinder meine Fürsorge und Zuneigung auf wie ein trockener Schwamm. Ihr emotionales Loch, das die Traumatisierung gerissen hat, ist wie ein Faß ohne Boden, in das nie ausreichend Liebe und Zuneigung hinein fließen können.

Routine und Fürsorge helfen. Ein wenig. Ich bin froh, dass ich im Moment ein Teil der Schule bin und meine Kinder bzw. ihre Emotionen früher abfangen kann. Da kommt Nadeschda, weint ein paar Minuten auf meinem Schoß und dann geht sie auch wieder. Aber dennoch: Ich musste an einen Satz denken, den meine amerikanische Mutter mir zum Älterwerden im Kontext meiner biologischen Mutter schrieb. Und ich könnte ihn gerade so treffend umdichten: „Getting adoptive kids back to school is nothing for sissies.“

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Heilsam durch den ersten Schultag kommen….

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Am Montag ist es wieder soweit für uns: Nach wunderbaren sechs Wochen Ferien kehren wir zurück an die Schule. Ja, wir sind gut vorbereitet. Und wir haben alles so organisiert, dass wir langsam in den Schulalltag starten. Unsere nachmittäglichen Aktivitäten haben wir zumindest für die ersten zwei Wochen deutlich reduziert. Schon in der letzten Ferienwoche haben wir uns innerlich und in unserer Routine allmählich dem Schulalltag angenähert und haben viele Freunde aus der Schule gesehen, um „alte Kontakte“ wieder aufleben zu lassen. Damit – auch wenn es wohl gewohnt sein mag – nicht alles wieder neu und anders im Vergleich zu dem Ferienmodus in unserer Alltag einprasselt. Die nächste Woche wird zeigen, ob ich gut daran getan habe. Auch Sherrie Eldridge aktueller Beitrag „NAVIGATING FIRST-DAY-OF-SCHOOL EMOTIONS WITH ADOPTED AND FOSTER KIDS“ hat mich darin bestätigt:

Sie erinnert daran, dass Gefühle von Stress und Angst nie aufhören, und sie besonders in Situationen, in denen Neues und Ungewohntes auf ein Adoptivkind einprasselt, immer wieder hoch kommen können. So fühlen sich Adoptivkinder in diesen Momenten:

  • Sie sind alarmiert und in ihrem Kopf dröhnt es, als würde irgendwo ein Feueralarm losgehen. Ich weiß das nur zu gut von meinen Kindern.
  • Sie haben Angst, und am liebsten würden sie flüchten, ganz weit weg.
  • Sie sind traumatisiert, ihr Herz schlägt ihnen bis zum Hals.
  • Sie fühlen sich wertlos.
  • Sie würden sich am liebsten zurückziehen und dissoziieren vielleicht in ihr Innerstes, weil dies der vermeintlich sicherste Ort ist.
  • Sie spüren ihr gebrochenes Herz, denn sie fühlen, das andere wollen, dass sie erfolgreich sind und haben Angst es nicht sein zu können.

All das kommt immer wieder hoch, jedes Mal von neuem. Auch wenn es nicht der allererste Schultag ist. Dessen sollten wir uns als Adoptiveltern bewusst sein, um unseren Kindern den entsprechenden Raum für ihre Gefühle in den ersten Tagen nach den Ferien zu lassen. Ich hoffe, ich gebe meinen Kindern in den kommenden Wochen genau diesen Raum und das Verständnis, ihre Gefühle von Angst, Überforderung und Schmerz zuzulassen.

 

 

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1000 Fragen an mich selbst #12

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Photo by Milada Vigerova on unsplash.com

Die Ferien sind da. Ostern steht vor der Tür. Und dennoch Zeit, einen Moment innezuhalten und mich den nächsten Fragen zu „1000 Fragen an mich selbst“, der spannenden Blogparade von Johanna von Pinkepank zu widmen. Diesmal waren ein paar harte Brocken dabei: Glück, Ängste, in die Zukunft schauen, die letzten Minuten im Leben… Da musste ich an der ein oder anderen Stelle schlucken. Doch wie immer hat es Spass gemacht und neue Impulse an deren oder anderen Stelle gesetzt. Doch lest selbst…..

221. Gibt es Freundschaft auf den ersten Blick? Nicht wirklich denke ich, aber dennoch glaube ich, dass es irgendetwas gibt, so einen ersten Impuls, in dem man denkt: “Mmmhh, diese Person möchte ich näher kennenlernen.“ Und dann entwickelt sich etwas, oder eben auch nicht.

222. Gönnst du dir selbst regelmäßig eine Pause? Nein, viel zu wenig.

223. Bist du jemals verliebt gewesen, ohne es zu wollen? Ja, und es hätte mir vielleicht ungeahnte Möglichkeiten in meinem Leben eröffnet. Mein Leben wäre ein anderes geworden. Es war ein Mann, der am anderen Ende der Welt lebte. Doch ich habe gekniffen. Vielleicht war es gut so. Denn anstatt dieser flüchtigen Liebe hinterherzureisen, bin ich hier geblieben und habe meinen Mann kennengelernt.

224. Steckst du Menschen in Schubladen? Nein.

225. Welches Geräusch magst du? Das Vogelgezwitscher in den frühen Morgenstunden.

226. Wann warst du am glücklichsten? An dem Tag, an dem ich Mutter wurde.

227. Mit wem bist du gern zusammen? Mit meinen Kindern und meinem Mann.

228. Willst du immer alles erklären? Ja, vor allem bei meinen Kindern. Doch lerne ich, dass es in manchen oder auch vielen Situation gar nicht darum geht etwas zu verstehen, sondern einfach einmal die Emotionen rauszulassen, ohne irgendwelche Erklärungen.

229. Wann hast du zuletzt deine Angst überwunden? Als ich am Freitag Abend den Beginn der „Odyssee“ im griechischen Original vorlesen sollte.

230. Was war deine größte Jugendsünde? Auf einem Fährschiff nach England mit 15 zum ersten Mal heimlich zu rauchen.

231. Was willst du einfach nicht einsehen? Wie man sich so gehen lassen kann, wie meine Mutter es gerade im Moment tut. Leiden, um des Leidens willen und zu faul zu sein, das Leiden abzustellen. Das will ich einfach nicht nachvollziehen.

232. Welche Anekdote über dich hörst du noch häufig? Meine Ersatzmutter in den USA erzählt jedes Mal, wenn wir dort sind, immer gerne wieder, wie sehr ich als Jugendliche Gartenarbeit gehasst habe und mich immer wieder beschwert habe: „You make me do slave-work.“

233. Welchen Tag in deinem Leben würdest du gerne noch einmal erleben? Jeden Tag, der schön und erfüllt war. Davon gibt es im Moment nicht so viele. Ich hoffe, aber, dass sie nun bald mit dem Frühling wiederkehren.

234. Hättest du lieber mehr Zeit oder mehr Geld? Weder noch, wenn ich so darüber nachdenke. Denn weder mehr Geld noch mehr Zeit würden meine aktuellen Belastungen lösen. Ich glaube auch, dass die Zeit die ich habe im Grunde ausreichend ist, nur müsste ich lernen und mich durchsetzen, um sie in Teilen anders zu nutzen.

235. Würdest du gern in die Zukunft schauen können? Ja, mit Blick auf meine Kinder schon. Es würde mich beruhigen, zu wissen sehen, dass alles gut wird. Doch auf der anderen Seite stellt sich die Frage, was passiert, wenn die Zukunft mir kein gutes bIld zeigt? Ach, vielleicht ist es besser nicht zu wissen, was die Zukunft für einen parat hält.

236. Kannst du gut deine Grenzen definieren? Nein, dies ist meine wunde Stelle.

237. Bist du jemals in eine gefährliche Situation geraten? Nein, nicht wirklich.

238. Hast du einen Tick? Mein Mann würde sagen, ich hab einen Putzfimmel und muss bei jedem Staubkorn schon zum Staubsauger greifen. Ich halte es für mein ganz natürliches Bedürfnis, meine Umgebung um mich herum einfach schön zu haben.

239. Ist Glück ein Ziel oder eine Momentaufnahme? Weder noch. Für mich ist es eine Haltung.

240. Mit wem würdest du deine letzten Minuten verbringen wollen? Mit meinen Kindern und meinem Mann.

Mehr meiner Antworten auf “ 1.000 Fragen an mich selbst“ findet Ihr hier, hier und hier zum Beispiel….

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48 Stunden im Leben einer Adoptivmutter (reloaded) – Wenn Papa verreist ist… (Teil 2)

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Photo by Slava Bowman on unsplash.com

Richard ist in den letzten Wochen viel auf Reisen, sehr viel auf Reisen. Auch aktuell ist er immer noch unterwegs. Eine von drei Nächten ohne ihn haben wir geschafft. Nach dem Abholen in der Schule kommt bei beiden Kinder die Angst des Verlassenwerdens hoch, die sich hinter dem schmerzlichen Vermissen des Vaters verbirgt. Die Angst kommt unkontrolliert und in Situationen, die selten etwas mit dem konkreten Vermissen zu tun haben. Denn Richard hat vielleicht die Kinder in ihrer bisherigen Schullaufbahn keine zehnmal abgeholt. – So ging dann nun unser Nachmittag und die übrige Zeit ohne Richard weiter…

Mittwoch Abend

18:00h Nach drei hysterischen Wutanfällen, fliegenden Wachs-Blöckchen durch das Esszimmer, unzähligen zerknüllten Blättern Papier und einer irgendwann verzweifelt weinenden Tochter, weil sie ihren Vater so vermisst, hat sie nach eineinhalb Stunden ihre Hausaufgaben fertig. Ihr Bruder war währenddessen vom Esszimmertisch in sein Zimmer umgezogen, damit er da wenigsten in Ruhe rechnen und sich konzentrieren kann. Doch als Nadeschda fertig war, forderte er seinen Teil meiner Aufmerksamkeit. Beim Vorlesen nuschelt er so sehr, dass es für mich eine harte Geduldsprobe wird, durch die ich haushoch durchfalle. Auch beim Trompete-Üben fordert Maxim mich erneut heraus. Um nicht wieder zu platzen, verlasse ich für ein paar Minuten sein Zimmer. Als das Trompetenspiel gänzlich erstirbt, schaue ich nach und finde meinen Sohn stumm weinend auf seinem Bett. „Wann kommt der Papa wieder?“ fragt mich die zarte Stimme meines Sohnes.

20:00h Nach der vorangegangenen Nacht und dem tränenreichen Nachmittag liegen Nadeschda und Maxim eng an mich gekuschelt in meinem Bett, während ich ihnen vorlese. Heute Nacht bleiben beide Kinder bei mir. Bevor sie einschlafen, fragen beide, wie oft sie noch schlafen müssen, bevor der Papa wiederkommt. Ich antworte ihnen mit „Zweimal.“ Beide seufzen tief und traurig.

Donnerstag: 

02:00h Ich werde mitten in der Nacht wach. Maxim hat von hinten seinen Arm um mich gelegt, Nadeschda von vorne ihr Beinchen über meinen Oberschenkel geschlagen. Beide atmen und schlafen ruhig und friedlich. Mit einem kleinen Glücksgefühl kehre auch ich zurück in den Schlaf.

09:00h Dieser Morgen verlief weniger träge und nach den üblichen Morgenritualen waren wir wie immer pünktlich an der Schule. Am Parkplatz nahmen beide Kinder meine Hand, vor allem für Maxim einen ungewohnte Geste. Üblicherweise stürmt er mit einem seiner Freunde immer los zum Schulgebäude. Auch sollte ich ihn heute überraschend bis zum Klassenraum begleiten. Nun sitze ich wieder für ein paar Stunden in meinem Büro. Zwischendrin schweifen meine Gedanken zum kommenden Nachmittag und ich schwöre mir, diesmal gelassener zu sein. Ich weiß, dass meine Kinder es immer wieder mitnimmt, wenn die Routine durchbrochen wird, und Richard für ein paar Tage nicht da ist.

16:00h Mittlerweile sind wir alle wieder zuhause. Nadeschda und ich waren nach der Schule bei der Logopädin, wie jeden Donnerstag. Maxim war nach der Schule beim Training im Zirkus und ist mit der Fahrgemeinschaft nach Hause gekommen. Nun sitzen wir bei Kakao und Quarkbällchen gemütlich zusammen. Nach dem gestrigen Nachmittag habe ich beschlossen, für heute das Üben Üben sein zu lassen und stattdessen einfach zu spielen. Wir holen nach ewigen Zeiten die Legokisten hervor und bauen die Feuerwehrstation wieder auf. Der Nachmittag vergeht ohne einen einzigen Streit.

19:00h Eigentlich hätte ich heute Abend zu einer Elternbeiratssitzung gehen müssen. Doch diese hatte ich schon im Vorfeld abgesagt. Mehr als einen Abend in der Woche fremdbetreut geht nicht und schon gar nicht, wenn Richard unterwegs ist. Und es erweist sich wieder einmal als die richtige Entscheidung: Beim Zähneputzen passt Maxim auf einmal irgendetwas nicht. – Hin und wieder hat er immer noch solche Anflüge. Sie kommen aus dem Nichts. – Für Minuten geht gar nichts mehr. Er bewegt sich keinen Zentimeter, tut nichts, spricht nicht. Meine Aufforderung, weiter die Zähne zu putzen, hört er nicht. Geschweige denn antwortet er mir, was los ist. Die Minuten verstreichen. Auch Nadeschda wird langsam ungeduldig. Ich verlasse mit ihr das Bad, in der Hoffnung, dass sich dann etwas tut. Doch nichts passiert. Weitere fünf Minuten später steht Maxim noch genauso vor dem Waschbecken, wie wir ihn verlassen haben. Diesmal platzt Nadeschda der Kragen. Sie schubst Maxim vom Waschbecken weg – ich bin immer wieder überrascht wie viel Kraft sie entfaltet, wenn sie wütend ist – mit den Worten: „Dann mach Platz!“ Maxim bewegt sich natürlich nicht, sondern verharrt weiter starr an seiner Stelle. Während ich schon versuche, Nadeschda von ihm wegzuziehen, hat sie ihn so schnell noch in den Arm gekniffen, dass Maxim anfängt zu brüllen und nach ihr tritt. Ich muss eingreifen, versuche beide Kinder in ihre Schranken zu weisen. Doch Maxims Brüllen kippt in ein bitterliches und schmerzhaftes Weinen, denn Nadeschda hat ihm wirklich weh getan. Während ich für ihn ein Eispack aus der Küche hole, steht Nadeschda oben an der Treppe und ruft verzweifelt: „Mama!, Mama!! Du kannst mich doch nicht alleine lassen…“ und bricht ebenso in Tränen zusammen. Zum Glück habe ich zwei Beine und zwei Arme. Auf jedem Bein hockt nun ein Kind und wird von mir in meinem Arm getröstet. Doch diesmal lassen sich beide nicht beruhigen. Unter Tränen putzen wir weiter Zähne, unter Tränen waschen wir Hände und Gesicht und unter Tränen bürste ich Nadeschda’s Haar. Weinend gehen wir noch zum Vorlesen, wieder in mein Bett. Und auch noch beim Lesen, schluchzen beide immer noch. Erst als ich das Licht ausmache und anfange zu singen, kommen Maxim und Nadeschda zur Ruhe und schlafen langsam ein.

21:00h Nachdem beide Kinder friedlich schlafen und ich meine drei Hausangestellten zur Arbeit angehalten habe, lasse ich mich mit einem Glas Wein in den Sessel sinken und telefoniere mit Richard. Auf seine Frage: „Und wie war Euer Tag?“ antworte ich nur: „Alles gut, der ganz normale Wahnsinn. Aber es wird Zeit, dass Du nach Hause kommst. Die Kinder vermissen Dich sehr.“

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Der Blick hinter das Lächeln am 1. Schultag

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Nadeschda hat die Einschulungszeremonie in die 1. Klasse bravurös gemeistert. Ja, mit einem Lächeln, gar Strahlen im Gesicht. Tage vorher war sie unheimlich aufgeregt. Ich spürte, dass das Warten für sie kaum noch auszuhalten war. Doch es war nicht nur ein Warten in Vorfreude auf die Lehrerin, auf das Wiedersehen mit ihren Freundinnen, auf all das Neue, was sie erwarten würde. Nein, sie hatte auch Angst. Große Angst! Angst, die sich jetzt nach den ersten paar Schultagen wieder in Wut entlädt. Wut, wie sie sich auch im Sommer zeigte, wenn das Wutmonster zurückkehrte.

Es war gut, dass ich in den Tagen vor der Einschulung auf diesen Beitrag von Sherrie Eldridge – „Look beneath your adopted & foster child’s smile“ – gestoßen bin, der mir wieder einmal mehr als deutlich vor Augen geführt hat, was in meiner Tochter passiert. Ja, hinter ihrem strahlenden Lächeln stand die große Panik und Angst. Die Angst vor dem Ungewissen, die Angst vor der großen Veränderung, vor dem großen Neuen. Die Angst was die Lehrerin von ihr denkt, neben wem sie sitzt, wie die anderen Kinder in der Klasse sind. Die Angst, ihre Gefühle in der Schule im Griff zu haben.

Und so versuche ich nun, mit Nadeschda durch ihre Angst zu gehen. Tage vor der Einschulung waren wir in ihrer Klasse und haben mit ein paar anderen Müttern den Klassenraum geputzt. Alle anderen Kinder, die auch ihre Mütter zum Putzen begleiteten, spielten draußen auf dem Schulhof. Nadeschda blieb bei mir. Während wir so werkelten, setzte sie sich immer wieder in eine andere Ecke des Raums, wenn sie mir nicht gerade beim Putzen half. Sehr zur Begeisterung ihrer neuen Lehrerin. Abwartend beobachtete Nadeschda  diese, vermied aber jeden Kontakt mit ihr. Dennoch, so konnte Nadeschda schon einmal den Raum und seine Atmosphäre erspüren.

Genauso haben wir im Vorfeld über genau die sie quälenden Fragen gesprochen. Wann werde ich aufgerufen, neben wem werde ich sitzen, wer ist noch in meiner Klasse, was wird meine Lehrerin mit uns machen? Das schien ein wenig zu helfen und den Einschulungstag für sie erträglich zu machen.

Zuhause packen wir jeden Tag ihren Ranzen zusammen in aller Ruhe, besprechen, was sie wofür braucht, klären,was sie am nächsten Tag mit zum Frühstücken mitnehmen will. Wir üben nach wie vor täglich, haben schon Hefte und Stifte eingeführt, die sie dann auch in der Schule benutzt.  Wir sprechen darüber, was sie in der Schule erwarten wird, was sie im Unterricht in den ersten Wochen lernen wird. Wenn Nadeschda sagt, dass sie das nicht kann, dann zeige ich es ihr und dann üben wir es zusammen.

Dennoch, jetzt wo langsam der Zauber der Einschulung verfliegt und der Alltag einkehrt, spüre ich täglich Nadeschda’s Angst. Wenn sie morgens aufwacht und mich eben nicht freudig erwartend, sondern eher verhalten fragt: „Ist heute wieder Schule, Mama?“ Und ja, ich kann Nadeschda immer wieder nur bestätigen: Ich kann Deine Angst verstehen, und es ist okay. Ich weiß, dass Du das schaffen wirst. Wie so vieles schon in Deinem Leben. Du wirst Deinen Weg gehen. Und die Angst wird irgendwann weichen…

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Das „Wutmonster“ ist wieder da…

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Danke an Pixabay

Mein alt bekannter Freund, das „Wutmonster“ ist wieder da. Ja, ich hatte schon einmal geschrieben, dass ich es nicht so nennen soll. Doch inzwischen ist es mir ein alt bekannter – und manchmal liebgewonnener Freund. Und somit ist der Begriff fast liebevoll gemeint, auch wenn mich seine Auswirkungen doch zu weilen erschrecken, in ihrer Intensität und in ihren Ausbrüchen. Vor allem wenn es diesmal meine Tochter ist, die so von Zorn erfüllt ist. Nachdem wir im Winter Maxim’s Wut nach einiger Zeit ganz gut „in den Griff bekommen“ haben, er mittlerweile beinahe ausgeglichen ist, treiben nun Nadeschda immer häufigere Besuch des „Wutmonsters“ um. Ja, zum einen ist es der ständige Alarm im Kopf, über den ich ja in der vergangenen schrieb. Nun könnte es mit den begonnenen Ferien etwas ruhiger werden, doch weit gefehlt.

Gestern Abend hatten wir wieder so einen Ausbruch von neuer Qualität. Den ganzen Tag schon war Nadeschda motzig und grantig. Nichts passte ihr, nichts sollte ihr Spass machen. Nun waren wir auch noch zu allem Überfluss beim Zahnarzt, wo sie geröntgt und Abdrücke für eine mögliche Zahnstange gemacht wurden. Maxim amüsierte sich derweil in seinem Zirkuscamp. Erst am späten Nachmittag, als Maxim vom Zirkus zurück war und wir in unsere alt bekannten Rituale zurückkehrten – die Kinder spielten erst ein wenig, dann übten wir wie jeden Tag, um dann gemeinsam das Abendessen vorzubereiten – beruhigte sie sich ein wenig und ihre Laune schien sich zu bessern. Doch es war eher die Ruhe vor dem Sturm, der sich mit voller Wucht vor dem Zubettgehen entlud. Erst wollte sie sich nicht ausziehen, geschweige denn ihren Schlafanzug anziehen. Stattdessen flogen lieber zahllose Gegenstände in ihrem Zimmer umher. Sie räumte mit einem Streich ihren Schreibtisch ab, alles fiel auf den Boden, zornig griff sie zur Schere und wollte ihre neue selbst gestrickte Tasche zerschneiden. Da griff ich ein, versuchte Nadeschda zu halten und zu beruhigen, doch stattdessen wurde sie nur noch wütender. Nadeschda schlug um sich, trat nach mir und wenn ich sie hielt, versuchte sie in meinen Arm zu beißen, damit ich los ließ. Mein Mädchen kämpfte um ihr Überleben.

Nichts wollte gelingen, um sie aus diesem Teufelskreislaufs herauszuholen. Auch im Bad beim Zähneputzen setze sich das „Drama“ weiter fort. Erst beim Vorlesen kam Nadeschda etwas zur Ruhe, um dann am Ende, als ich beide Kinder zur Nacht legte, erneut aufzudrehen. Kissen flogen durch die Gegend, wieder trat sie um sich. Überraschenderweise ließ sie sich dann aber von mir am Rücken eincremen und massieren. Erst da beruhigte sich Nadeschda langsam. Hatte sie Richard vorher erzählt, dass sie Angst beim Zahnarzt gehabt hatte und sie deswegen so wütend sei, so schüttete sie mir jetzt das Herz aus, dass sie nicht weiter in die Schule gehen wolle. Sie wolle nicht in die erste Klasse gehen. Ihre Freundinnen seien blöd und die neue Lehrerin sowieso. Ich hörte ihr aufmerksam zu, beruhigte sie, erklärte ihr aber auch, warum es so wichtig sei, dass sie in die Schule geht. Denn nur so könnte sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Und das bräuchte sie ja, wenn sie später einmal Tierärztin werden wolle, um sich dann um Maxims Tiere auf seinem Bauernhof zu kümmern. Ein wenig lenkte sie dann ein und kam zur Ruhe. Doch hielt sie meine Hand ganz fest, bis sie eingeschlafen war.

Während ich so über den Schlaf meiner Tochter wachte, wurde mir klar, wie groß doch wieder die Phase der Veränderung für meine kleine Nadeschda ist. Maxim ist fein raus, er genießt die Ferien, ist im Zirkus mit seinen zwei Kumpels wie im letzten Jahr, er freut sich auf unsere Urlaube und weiß, dass er am Ende der Ferien in seine bekannte Klasse zu seinen bekannten Lehrern zurückkehrt. Doch für Nadeschda ist wieder alles anders. Sie ist mit den Ferien aus ihren gewohnten Rhythmus geworfen worden, ihr fehlt die starre Struktur, die wir sonst in unserem Alltag haben. Ihr fehlt ihr Bruder zum Spielen. Zudem muss sie für ein paar Stunden am Tag mit unserer Kinderfrau vorlieb nehmen, wenn ich arbeite. (Ein Ferienprogramm wollte sie nicht machen.) Vor allem aber ahnt sie, das Großes mit der Einschulung in die 1. Klasse auf sie zukommt. Der Abschied von ihrer alten Klassenlehrerin fiel ihr schwer. Sie weiß noch nicht, was sie von der neuen Lehrerin halten soll. Sie spürt, dass neue Anforderungen und Herausforderungen auf sie zukommen, die ihr schon jetzt Angst bereiten. Sie ist sicher, dass alles nach den Ferien anders sein wird, weiß aber noch nicht wie. Und das ist ihr unheimlich, erschreckend unheimlich. Ihre Wut ist damit Ausdruck ihrer eigenen Ohnmacht über ihre Situation. Und in der Ohnmacht schrillt ihr innerer Rauchmelder auf höchster Alarmstufe.

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Wenn bei meinem Kindern der Alarm im Kopf losgeht…

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Maxim sitzt am Tisch und macht Rechenhausaufgaben. Die ersten zwei Aufgaben gehen noch leicht von der Hand. Bei der dritten muss er etwas nachdenken. Er verstummt. Ich wiederhole die Aufgabe für ihn. Er erstarrt. Gefühlte Minuten passiert gar nichts. Dann wandert sein Bleistift in den Mund. Mit dem Radiergummi malt er auf seiner Tischunterlage. Dann guckt er mich wie durch einen Schleier an und sagt einfach irgendeine Zahl, die fernab von der eigentlichen Rechenaufgabe ist. Ich schaue ihn überrascht an und sage: „Mmmh, bist Du Dir sicher? Rechne nochmal nach.“ Maxim wiederholt die falsche Zahl. Ich wiederhole die Aufgabe und helfe ihm mit einem Bild. Doch Maxim hört mich schon nicht mehr. Er nimmt seinen Stift in die Faust und streicht die Aufgabe wutentbrannt durch. In der Folge wird er irgendwann den Stift und das Heft durchs Zimmer schleudern, ich werde nicht mehr ganz so verständnisvoll sein, und irgendwann wird er anfangen zu brüllen und zu toben, was irgendwann in ein verzweifeltes Weinen und Schluchzen übergeht. Ich werde ihn trösten, ihm gut zureden und nach einer halben Stunde oder auch Stunde wird er sich beruhigen und sagen: „Mama, ich habe solche Kopfschmerzen.“

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Nadeschda kommt wutschnaubend aus der Schule. Sie piesackt ihren Bruder und lässt nicht von ihm ab. Mich schnauzt sie nur an, wenn ich sie etwas frage. Mit geballten Fäusten stampft sie in ihr Zimmer. Sie flucht weiter, wirft ein paar Dinge durch die Gegend. Wenn ich sie frage, was los ist, stellt sie sich vor mir auf und brüllt: „Mama, ich bin wütend.“ Ja, das merke ich. Auf meine Frage, warum, kommt ein „Sag ich Dir nicht.“ Okay, ich lasse sie eine Weile in Ruhe, doch ihre Stimmung bessert sich nicht. Als unsere Übzeit beginnen soll, ist sie immer noch grantig und motzt. Erst beim Händewaschen entlädt sich die gesamte Wut und Traurigkeit. Erst schreit sie lauthals, dann weint sie bitterlich. Unter Tränen erzählt sie, dass ihre Freundin in der Schule sie im Gesicht gekniffen hat. „Ich gehe da nie mehr hin, Mama. Die Schule soll abgerissen werden.“ Schluchzend sitzt sie dann auf meinem Schoß.

Wir verbringen einen friedlichen Nachmittag im Garten. Die Kinder plantschen vergnügt in unserem Schwimmbecken, wir genießen die sommerliche Sonne, lachen viel, das Spiel ist entspannt. Plötzlich ziehen Gewitterwolken auf. Doch ein Donnern ist noch nicht zu hören. Die Kinder kommen aus dem Wasser, Maxim rutscht auf der Leiter ein wenig ab und verletzt sich leicht am kleinen Zeh. Ist er meist hart im Nehmen, steigert er sich schnell in ein hysterisches Weinen. Er zittert. Er hat Angst. Ich wickele ihn in ein Handtuch und tröste ihn. Doch plötzlich stimmt Nadeschda aus heiterem Himmel in das Weinen ihres Bruders mit ein. Sie zittert wie Espenlaub. Die Panik, die ihren Körper durchzieht, ist offensichtlich. Auch sie wickele ich in ein Handtuch und setze sie zu mir auf den Schoß. Jedes Kind auf ein Bein und halte sie ganz fest. Nach einer Weile haben sie sich so weit beruhigt, dass wir ins Haus gehen können. Doch auch dort halte, wärme und beruhige sie noch eine Stunde, bis ihre Angst verflogen ist. – Das Gewitter zog an unserem Ort vorbei, mehr als ein paar Regentropfen kam nicht herunter.

Seitdem ich Sherrie Eldridges Beitrag zu „The Game Changer…“ gelesen habe, gehen mir so viele Situationen nicht mehr aus dem Kopf, in denen bei meinen Kindern der „Alarm“ losgeht. Frust bei den Hausaufgaben, Wut und Trauer über eine Gemeinheit einer Freundin in der Schule, ein harmloses Gewitter. Die Palette der Auslöser ist vielfältig und unüberschaubar. Und erst jetzt, wenn ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, mit wie vielen unterschiedlichen Ausprägungen sich das zeigt. Denn nicht immer sind es Wutanfälle oder offensichtliche Angstmomente. Eine von Nadeschdas Lehrerinnen sagte neulich erst zu mir: „Ich spüre immer noch diese Anspannung in ihr.“ Und Maxim’s Klassenlehrerin schilderte uns in einem Elterngespräch: „ Er ist ja ein Junge, der alles immer besonders gut machen möchte.“ Ich war mir bewusst, dass die Schule anstrengend für Nadeschda ist. Stets bemüht, dort allen Anforderungen gerecht zu werden. Darauf führte ich auch die Anspannung zunächst zurück. Doch das ist nur ein Teil der „Wahrheit“. Wenn ich mir wieder das Bild des Rauchmelders vor Augen führe, wird mir klar, warum Nadeschdas Körper in der Schule immer in einem Zustand der Anspannung ist. Sie ist dort in ständiger Habacht-Stellung, als müsse sie aufpassen, wann das nächste Mal der Rauchalarm in ihrem Kopf losgeht. Genauso bei Maxim. Er versucht, in dem er sich so bemüht, alles gut und richtig zu machen, zu vermeiden, dass der Alarm ausgelöst wird. So versucht er Kontrolle über das Geschehen in der Schule zu bewahren. Dass das für ihn anstrengend ist, ist nachvollziehbar. Erst Zuhause bei den Hausaufgaben entlädt sich dann der Druck mit aller Macht. Und kaum verwunderlich, dass er am Ende eines jeden Ausbruchs über Kopfschmerzen klagt.

Ich weiß, dass unsere Kinder mit der Zeit einen anderen Umgang mit ihrem Rauchmelder im Kopf finden werden und auch schon gefunden haben. Immerhin gibt es viele Zeiten, in denen sie sich besser entspannen können, in denen sie gelöst und angstfrei durch ihr Leben gehen. Doch es braucht noch mehr als Zeit und Geduld, dass sie auch in der Schule ihre permanente Anspannung etwas ablegen können. Ich weiß allerdings noch nicht was. Ich für mich habe nur erkannt, dass vor allem Maxims Wutausbrüche bei den Hausaufgaben zu einem Teil Anzeichen einer Leistungsverweigerung und Reaktionen auf einen vermeintlichen Leistungsdruck sind. Häufig ist es aber zu einem anderen Teil der Alarm in seinem Kopf, der alle Sicherungen durchbrennen läßt. Möge mir dieses Bild beim nächsten Mal gegenwärtig sein….