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Charlotte’s Sonntagslieblinge (117)

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Photo by Joanna Kosinka on unsplash.com

Eine dichte Woche liegt hinter uns, aber auch ein geruhsames Wochenende hält uns gerade wohlwollend in seinem Schoß. Wieder einmal genieße ich die sonntägliche Stille morgens im Haus, während der Rest der Familie noch schläft, oder wie mein Sohn, in seinem Bett liegt und liest. Ich tue dies auch, wenn ich mit diesen Zeilen fertig bin. Doch erst sitze ich mit einer Tasse wunderbarem Kaffee auf der Couch und denke an die Momente der Dankbarkeit der vergangenen Woche. So sind dies heute meine drei Sonntagslieblinge:

  1. Maxim und ich hatten gestern einen wunderbaren „Jungsnachmittag“.  Mit zwei seiner Freunde waren wir zusammen in der jährlichen Zirkusvorstellung der Schule. Als Zuschauer. Maxim trat ja nicht auf, was den beginnenden Advent deutlich entspannt hat. Um so schöner war es, mit den drei Jungs einfach einen fantastischen Nachmittag zu verbringen.
  2. Nadeschda hat tapfer ihre Untersuchungen beim Kinderneurologen zur Testung einer mögliche Dyskalkulie überstanden. Das hat sie wirklich großartig gemacht. Samt aller Begleitumstände mit früh aufstehen, langer Autofahrt und dann auch noch fit sein und mitmachen. ja, sie ist mittlerweile 8 Jahre alt, aber dennoch. Ich war müde nachmittags, als wir zuhause waren. Und das obwohl ich keine Tests über mich ergehen lassen musste, sondern nur im Wartezimmer über die Aussagen der Ärztin nachdenken durfte.
  3. Die Lieblingstante war da, und wir haben mit den Kindern wieder wunderbare Knusperhäuschen gezaubert. Nach all den Jahren sind wir nun schon wirklich professionell unterwegs und nun wissen wir endlich auch, wie es zügig, aber dafür auch entspannt für uns Erwachsenen geht. Ich habe nach all den Jahren das ultimative Teilrezept gefunden und wir haben uns endlich auch die perfekte Mischung für den Eischneekleber gemerkt. Damit haben wir viele Unwägbarkeiten beim Lebkuchenhausbau beseitigt. Und nun freuen wir uns jeden Tag wieder an unseren wunderbaren Zuckerhäuschen.

Habt einen zauberhaften 2. Advent! Und kommt vor allem wohlbehalten in die neue Woche.

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„Wir haben drei Sternchen bekommen…“

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Photo by Alexander Andrews on unsplash.com

Nein, mein Sohn hat sie bekommen, die drei Sternchen! Für sein außergewöhnliches Projektheft und seine Präsentation zu seinem Thema „Kristalle“. Stolz kam er damit vorhin nach Hause, nach einem langen anstrengenden Tag. Maxim hatte mir im Auto von „nur“ zwei Sternen erzählt, die aber ohnehin in der Klasse schon als Bestnote gelten. Und er fügte auch all diejenigen hinzu, die keine Sterne oder nur einen bekommen haben. Schon da freute ich mich riesig, für ihn und auch zugegebener Maßen ein wenig für uns beide. Denn in mühsamer Arbeit hatten wir Zuhause an dem Heft gearbeitet und für die Präsentation geübt. Da bin ich dann doch einmal kurz wieder Helikoptermunter und schließe mich in das Lob der Lehrerin mit ein. Aber maßgeblich hat Maxim diese Sterne verdient. Denn er stand alleine vor der Klasse und hat sein Thema vorgestellt. Und weite Teile des Inhalts des Projektheftes hat er selbst ausgesucht und geschrieben. Allen voran eine sensationelle Geschichte über einen Kristallraub. Ich freue mich so für Maxim und bin stolz darauf, welch weiten Weg er gegangen ist.

Es ist Adventszeit und ab morgen wird auch unser Leben hoffentlich noch etwas ruhiger. Das Bild der Sternchen, die langsam aufziehen und in unser Leben treten, passen deshalb so gut. Und sie tun gut. – Am Rande: Nein, natürlich gibt es keine Benotungen in der Waldorfwelt und Leistungskontrolle schon mal gar nicht. Aber es gibt Sternchen, die auch die Kinder, die sie bekommen, unglaublich motivieren. So auch meinen Sohn. Und wenn das in der Vorweihnachtszeit passiert, um so mehr. – Da funkeln sie, die drei Sternchen und ich freue mich, auch wenn ich genauso die kleinen dunklen Wolken sehe, die der Wind ab und zu (oder auch mal öfter) vor die Sternchen treibt und damit ihren Glanz verblassen lässt.

Denn all das, auch dass nun in Maxim’s Heft drei Sternchen strahlen, wird leider immer wieder überschattet von all der Mühe und Anstrengung, die es für uns alle – und vor allem für meine Kinder – bedeutet, an diesen Punkt zu kommen: Diese drei Sternchen einmal zu sehen, und vielleicht irgendwann einmal mehr oder eher kontinuierlich Sternchen zu sehen, egal wie viele.

Mit Nadeschda haben wir uns wieder einmal in die Mühlen der standardisierten Testung begeben. Auf Dyskalkulie. Eine Freundin fragte mich gestern, während ich wartete und Nadeschda untersucht wurde: „Was versprichst Du Dir davon?“ Ich antwortete: „Die Hoffnung auf eine Diagnose, mit der wir arbeiten können, und eine offizielle Bestätigung, dass wir gegenüber der Schule mit Blick auf Förderbedarf agieren können.“ Aber eigentlich weiß ich, dass ich das wahrscheinlich nicht bekommen werde. Weder die Diagnose noch das Agieren der Schule, so wie es Nadeschda vielleicht braucht.

Über eine Frage der Ärztin gestern musste ich doch noch eine Weile nachdenken: „Ist das nicht alles sehr anstrengend? Und wie kann man das effizienter gestalten?“ Über die zweite Frage bin ich unmittelbar gestolpert. Denn Effizienz ist nun ein Begriff, der mir nun so gar nicht in den Sinn kommt, wenn ich an das Lernen mit meinen Kindern denke. Wir sind ja nun kein Wirtschaftsunternehmen, in dem es gilt, möglichst viel in kürzester Zeit zu schaffen. Ich war irritiert. Aber ja, natürlich ist es anstrengend. Und ich wünschte so oft, dass es das nicht ist. Allerdings habe ich auch beim Beantworten der Fragebögen gemerkt, dass es mit Nadeschda längst nicht mehr so schwierig ist, wie es mit Maxim war oder ist. Denn mit ihr habe ich aufgrund meiner Erfahrung ganz andere Rituale anlegen können. Und das auch frühzeitig, bevor schon das Kind quasi in den Brunnen gefallen war. Bei Maxim habe ich mich zu lange auf die Schule verlassen. Um so mehr freue ich mich, wenn uns unsere verspätete Lernroutine nun jetzt mit drei Sternchen belohnt.

Doch am Ende meiner Gedanken wurde mir einmal wieder klar: Ja, natürlich ist es anstrengend. Und das wird es auch bleiben. Aber es ist eben auch meine oder unsere Verantwortung als Eltern, die wir angenommen haben, diese, unsere zwei Kinder ins Leben zu führen. Egal wie anstrengend es ist oder sein wird. Das sind wir ihnen einfach schuldig.

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (116)

Grukarte - Laterne und Hirsch im Lichterglanz

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Nun ist er da, der 1. Advent! Noch 22 Tage, und dann ist Weihnachten. Nachdem es mich erst einmal kalt in diesem Jahr erwischt hatte – Ich stand neulich beim Friseur, während die Inhaberin schon die Weihnachtsdekoration auspackte. Auf meinen entsetzten Blick antwortete sie nur zu recht: „In sechs Wochen ist Weihnachten schon wieder vorbei.“ – bin ich nun mit meinen Vorbereitungen gut dabei. Mein Ziel ist es in diesem Jahr, wirklich eine entspannte Adventszeit zu haben und diesmal keine Hektik ausbrechen zu lassen. Das haben wir uns nach diesem Jahr nun alle wirklich verdient. So haben wir schon am vergangenen Wochenende das Haus adventlich geschmückt, unsere traditionellen Knusperhäuschen, die wir mit der Lieblingspatentante an diesem Wochenende verziert und zusammengebaut haben, schmücken nun noch die Fensterbank im Esszimmer. Überall macht sich vorweihnachtlicher Duft breit. Viele Weihnachtsgeschenke habe ich auch schon besorgt, unsere Weihnachtsmarmelade mit den Kindern gekocht und erste Ideen für unsere Weihnachtsbasteleien realisiert. So blicke ich an diesem ersten Adventsmorgen dankbar auf diese drei Sonntagslieblinge:

  1.  Im Moment lässt uns unsere alte Freundin der Anstrengungsverweigerung in Ruhe. Nadeschda sagt zuweilen sogar: „Ach Mama, ich will aber noch weiter rechnen. Das macht so einen Spaß!“
  2. Vor ein paar Tagen hatten wir ein kleines Lehrstück von einer innigen Vater-Sohn Beziehung. Wir waren bei Bekannten zu Besuch, um ihr Neugeborenes Willkommen zu heißen. Während die junge Mutter uns die Wohnung zeigte, fing das Baby an zu schreien. Auch vom Vater ließ es sich nicht beruhigen. Maxim griff dieses Erlebnis beim Abendbrot auf und sagte: „Wenn die Mutter weg ist, dann weint das Baby. Es weiß ja noch nicht, dass sich sein Vater genauso gut um es kümmern kann.“ Eine Erfahrung, die mein Sohn wohl inzwischen verinnerlicht hat.
  3. Mein Blick schweift zu unserem selbst gemachten Adventskranz, den die Kinder und ich am vergangenen Wochenende zusammen geschmückt haben. Ich freue mich darauf, nachher, wenn Nadeschda von ihrer Adventsfeier in der Schule zurück ist, gemeinsam mit ihnen und Richard die erste Kerze zu entzünden.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen wunderschönen 1. Advent und einen wohlbehaltenen Start in die neue Woche.

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Von der Wut einer Adoptivmutter – über Helikoptereltern und „Rabeneltern“…

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Photo by Gabriel Matula on unsplash.com

Manchmal bin ich wütend, einfach nur wütend. Immer noch sind wir auf der Suche nach den Ursachen von Maxim’s Kopfschmerzen. Auch ein neuerlicher Termin beim Neurologen hat keine neuen Erkenntnisse gebracht. Und immer mehr läuft es darauf hinaus, dass die Kopfschmerzen durch Stress und innere Anspannung verursacht werden, so wie ich es ja schon vor ein paar Wochen vermutet hatte.

Vor ein paar Tagen war ich in Maxim’s Klasse, um mit der Klassenlehrerin eine Theateraufführung mit den Kindern vorzubereiten. Ich war entsetzt über die Lautstärke, die da herrschte. Langsam wunderte es mich nicht mehr, dass mein Sohn sich kaum im Unterricht konzentrieren kann, neuer Stoff für ihn eine immer größer werdende Herausforderung ist. Wie anstrengend muss es sein, sich in diesem lauten Chaos auch nur irgendwie ein wenig zu konzentrieren? Auch beim Mittagessen und in der Hausaufgabenbetreuung entwickelt sich die Lautstärke mittlerweile zu einem offensichtlichen Thema. Mit strengem und konsequentem Durchgreifen gelingt es uns Betreuerin langsam mehr Ruhe zu schaffen. Aber Spaß macht es nicht. Die Klassenlehrerin weiß um das Problem, ist aber langsam auch mit ihren Lösungsideen am Ende. In der Klasse sind nahezu ein Drittel verhaltensorigineller Kinder, die vor allem durch Lautstärke und respektloses Verhalten auffallen. Diese Kinder bräuchten Hilfe. Hilfe im Elternhaus und vielleicht auch externe Unterstützung, denn ihr auffälliges Verhalten ist doch nur ein lauter Schrei nach Hilfe und Aufmerksamkeit. Doch die Eltern dieser Kinder machen nichts. Im Gegenteil, selbst wenn die Klassenlehrerin schon Therapeutentermine vereinbart, dann ist es mittlerweile nicht nur einmal passiert, dass die Eltern diese Termine mit ihren Kindern nicht wahrgenommen haben.

Da stehen mir die Haare zu Berge! Nicht nur, weil es mir um diese Kinder leid tut, sondern vor allem, weil mein eigener Sohn leidet. Physisch leidet und psychisch leidet. Denn die Kopfschmerzen sind das eine, seine Frustration, dass er im Unterricht nichts mitbekommt und dann auch noch Zuhause mehr lernen und üben muss, ist das andere. Gepaart mit dem Gefühl dumm zu sein und nicht zu können. Hinzukommen die Sorgen und das Rennen von einen Spezialisten zum anderen, von Therapeuten zu Therapeuten. Und am Ende sind es im Grunde die Eltern der anderen leidenden Kinder, die die Ursache allen Übels sind, weil sie sich einfach nicht kümmern, weil es in ihren Augen die Verantwortung der Schule ist, weil es okay ist, einem Kind keine Grenzen aufzuzeigen, weil es viel bequemer ist, alles einfach laufen zu lassen. Oh ja, Zuhause findet dann nur noch „Wohlfühlzeit“ statt, bloss keine Konflikte und Probleme angehen…

Und um meiner Wut nun endgültig Luft zu machen, über diese Eltern ist nichts in Presse und Literatur zu lesen. Stattdessen erobern Bücher über „Helikoptereltern“, wie gerade das aktuelle von Lena Greiner und Carola Padtberg „Ich muss mit auf Klassenfahrt – meine Tochter kann sonst nicht schlafen!“, die Bestsellerlisten, in denen überfürsorgliche Eltern, ja zugegeben durchaus unterhaltsam, auf die Schippe genommen und vorgeführt werden. Das mag ja sein, dass das Phänomen der Helikoptereltern durchaus problematisch ist und eine ganze Generation von hilflosen und überbehüteten Kindern herangezogen wird, die später im Leben vielleicht nur schwer alleine zurecht kommen. – Was ich persönlich allerdings nicht glaube. – Doch über die andere Seite der Medaille, nämlich über die Eltern, die sich zu wenig oder unzureichend um ihre Kinder kümmern, wird viel zu wenig in der Öffentlichkeit geschrieben und gesprochen. – Was ist eigentlich das Gegenteil von Helikoptereltern? Sind es die „Rabeneltern“? – Ist ja auch klar, das wäre längst nicht so unterhaltsam und belustigend zu lesen, wie ein WhatsApp-Chat einer Elterngruppe, wenn die Kinder auf Klassenfahrt sind. Nein, im Gegenteil, es wäre eher traurig und ernüchternd.

Ich stehe dazu: ich bin eine überfürsorgliche Mutter. Nach wie vor bin ich eine Helikoptermutter aus Überzeugung. Daran hat sich in all den Jahren nicht geändert. Und die Situation in Maxim’s Klasse bestätigt mich, dass dies im Falle meiner Kinder richtig ist. Denn nur so kann ich ihnen vielleicht helfen, mit den anderen herausfordernden Kindern umzugehen, sie stark zu machen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Wenn nicht alleine, dann eben mit mir an ihrer Seite.

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Interviewreihe „Anstrengungsverweigerung“ – eine Adoptivmutter erzählt… (3/3)

Unterstützung für Eltern im Umgang mit anstrengungsverweigernden Kindern

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Im dritten Teil meines Gesprächs mit Julia, schildert sie sehr anschaulich, was ihr und ihrem Sohn in Phasen der Anstrengungsverweigerung hilft und welche externe Unterstützung sie in unterschiedlicher Form hat. Wertvoll sind auch ihre Literaturtips. 

Wie verhältst Du Dich in Situationen, wenn die Überlebensstrategie bei Deinem Sohn zu Tage tritt?

Erst einmal versuche ich, abzuwarten und herauszufinden, was jetzt gerade genau sein Problem ist. Dazu versuche ich, Blickkontakt zu ihm zu halten, aber erst einmal nichts zu sagen. Dies hilft mir dabei, mich selbst kurz zurückzunehmen und innerlich durchzuatmen. Ich muss innerlich auf Distanz zu seinem Verhalten gehen, aber nicht zu ihm selbst. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren. Ihm zu zeigen, dass es ok ist, dass ich da bin und bleibe, komme, was wolle. Das ist ein Drahtseilakt und gelingt mal mehr, mal weniger.

Manchmal schaffen wir es, dass eine Situation gar nicht erst eskaliert. Mit Eskalieren meine ich Schreien, verzweifeltes Weinen, Zerstörungswut, also wirklich massive Emotionen, die er zu Hause auch nach Außen trägt. In der Öffentlichkeit passiert so etwas nicht. Da hat er sich sehr stark unter Kontrolle, und diese Kontrolle verlangt ihm natürlich sehr viel Kraft ab. Das führt dann eher dazu, dass er nicht mehr in der Lage ist, auf Aufforderungen zu reagieren, Antwort zu geben, wenn er etwas gefragt wird oder Entscheidungen zu treffen. Er ist dann wie erstarrt und schaut mich nur noch hilfesuchend an. Ich muss dann quasi für ihn zum Sprachrohr werden und für ihn sprechen. Manche legen ihm das als Schüchternheit aus, aber ich weiß, dass das nicht der einzige Grund ist, sondern tiefer liegt.

Wenn sich die Spirale bis zum Ende dreht, bleibt uns nicht viel anderes, als bei ihm zu bleiben, Körperkontakt anzubieten, aber ihm nicht aufzuzwingen und ihn in den Arm zu nehmen und wie ein Baby zu wiegen. Oft schläft er dann völlig erschöpft ein. Ich glaube, er klinkt sich dann einfach aus, weil er es nicht länger aushalten kann.

Manchmal gelingt es mir auch nicht, ruhig zu bleiben. Meistens dann, wenn ich selbst gestresst bin, weil ich noch etwas anderes erledigen muss, oder weil ich noch zur Arbeit muss oder ganz banal, weil ich nicht ausgeschlafen genug bin. Das sind alles Störfaktoren, die sein anstrengungsverweigerndes Verhalten sozusagen noch mehr triggern.

Gibt es etwas, was ihm besonders gut hilft, sich wieder zu beruhigen?

Wie gesagt, je ruhiger wir bleiben, desto eher kann auch er sich wieder beruhigen. Was ihm auch hilft, ist, wenn ich versuche, mit meinen Worten nach Gründen für sein Verhalten zu suchen und er einfach nur nicken oder den Kopf schütteln muss. Je eher wir dazu kommen, darüber zu reden, desto weniger verliert er sich in diesem Strudel der Verzweiflung.

Momentan sind es ja häufig die Hausaufgaben, die ihn sehr stark fordern. Dazu muss man wissen, dass er, wenn an 3 Tagen/Woche erst um 15:30 nach der Betreuung nach Hause kommt, er einfach schon sehr viel Input hatte und wir natürlich nicht gleich weitermachen können. Also bekommt er dann erstmal eine Ruhepause von ca. einer halben Stunde. Dann rufe ich ihn zu den Hausaufgaben und wir stellen uns einen Wecker für eine halbe Stunde. Da er gottseidank nicht jeden Tag neue Hausaufgaben bekommt, sondern in der Regel am Anfang der Woche eine Wochenaufgabe, können wir uns die Zeit so einteilen, dass er nicht länger als 30 Minuten arbeiten muss. Wird er in dieser Zeit fertig, wird an den anderen Tagen weiter geübt, auch ca. eine halbe Stunde, aber ich merke ganz deutlich, wenn erst einmal der Druck raus ist, dass er seine Aufgaben, die er abgeben muss, erledigt hat, dann schaffen wir unser Übepensum sehr gut. Alles, was er in der halben Stunde nicht schafft, machen wir an den folgenden Tagen.

Du Dich sehr intensiv mit dem Thema der Anstrengungsverweigerung auseinandergesetzt hast. Wie und womit hast Du das getan?  

Wie ich schon einmal gesagt hatte, habe ich noch während unserer Bewerbungsphase beim Jugendamt angefangen, alle erdenklichen Informationen rund um das Thema Adoption zu sammeln und habe jedes irgendwie interessant klingende Buch darüber gelesen.

Auch als unser Sohn schon bei uns war, haben wir über unser Jugendamt regelmäßig an Tages- und Wochenendseminaren teilgenommen, u.a. bei Irmela Wiemann, die mich bis heute sehr inspiriert und von der wir sehr viel lernen konnten. Und nicht zuletzt bin ich dann vor ungefähr zwei oder drei Jahren auch im Zuge eines Seminares auf das Buch von Bettina Bonus zur Anstrengungsverweigerung aufmerksam geworden.

Habt Ihr externe therapeutische Hilfe und Unterstützung? Wenn ja, welche?

Im Hinblick auf die Schule haben wir uns ca. 1 – 1 1/2 Jahre vor der Einschulung um therapeutische Unterstützung bemüht. Durch die Mithilfe seiner Erzieherin im Kindergarten haben wir auch sehr schnell, was außergewöhnlich ist, da die Wartezeiten erfahrungsgemäß sonst sehr lang sind, einen Therapieplatz bei einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin bekommen. Auch sie ist besonders geschult in der Hilfe für Pflege- und Adoptivkinder. Das ist umso erfreulicher, als dass es solche Angebote eher nicht wie Sand am Meer gibt. Mit ihrer Hilfe hat er spürbare Fortschritte im Hinblick auf sein sozial-emotionales Verhalten gemacht, auch im Hinblick auf sein Selbstvertrauen und seine Zutrauen in seine Kompetenzen.

Ich kann nur jedem in ähnlicher Situation raten, sich Hilfe von außen zu holen. Es ist eine große Erleichterung und Hilfe, wenn man nicht alles alleine mit sich und seinem Kind ausmachen muss. Wir erleben deutliche Fortschritte. Gut war, denke ich, dass wir schon recht frühzeitig mit einer Therapie begonnen haben, lange bevor es an die Einschulung ging. Wir werden die Therapie zunächst bis zum Halbjahr weiterführen und dann mit der Therapeutin zusammen entscheiden, ob es sinnvoll ist, erst einmal eine Pause einzulegen oder nicht.

Gibt es Literatur, die Du empfehlen kannst?

Wie gesagt, gelesen habe ich sehr viel, aber einige Bücher sind für mich absolut empfehlenswert nicht nur, aber gerade auch im Hinblick auf Traumatisierung und Leistungsverweigerung, wobei die Reihenfolge nichts mit einer Wertung zu tun hat:

„Survival-Tipps für Adoptiveltern“ von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon: Dieses Buch ist mir ein richtiger kleiner Schatz und Begleiter für schwierige Lebenslagen geworden. Die beiden Autoren sind nicht nur selbst Adoptiveltern, sondern auch erfahrene Psychotherapeuten. Der Titel des Buches mag im ersten Moment etwas plakativ erscheinen, wenn man jedoch die ersten Seiten gelesen hat, merkt man schnell, wie sehr das Leben mit Adoptivkindern manchmal tatsächlich einem Überlebenskampf gleichen kann. Besonders gefällt mir an dem Buch, dass man es durchaus in einem Stück lesen kann, aber auch immer wieder mal reinlesen kann, um sich wieder neu mit den Tipps, die keineswegs Patentrezepte sein wollen, auseinanderzusetzen. Die Autoren verbinden ihre wissenschaftlichen Aussagen auch immer wieder mit Szenen aus dem Alltag mit ihren Kindern oder Fallbeispielen aus ihrer Praxis. Wichtig finde ich auch immer wieder den Hinweis, dass man etwas tun kann, egal wie ausweglos oder krisenhaft die Situation auch scheinen mag.

„Mit den Augen eines Kindes sehen lernen“ von Bettina Bonus, hierbei besonders hervorzuheben, Band 1 und 2: Band 1 behandelt grundlegend die Entstehung einer Frühtraumatisierung bei Adoptiv- oder Pflegekindern, und Band 2 geht sehr explizit auf das Phänomen der Anstrengungsverweigerung ein. Sehr anschaulich beschreibt sie diese als eine der bedeutendsten Folgen einer Frühtraumatisierung. Auch dieses Buch würde ich jedem Interessierten ans Herz legen, allerdings muss man deutlich sagen, dass sich dieses Buch wie auch die „Survivaltipps“ oben besonders auf hochproblematisches Verhalten bei Pflege- und Adoptivkindern beziehen. Auch Bettina Bonus verbindet ihre fachlichen mit ihren persönlichen Erfahrungen als Ärztin und Pflegemutter.

„Adoptiv- und Pflegekindern ein Zuhause geben“ von Irmela Wiemann: ein Klassiker der Adoptionsliteratur würde ich sagen und sollte von jedem gelesen werden, der mit Adoptiv- oder Pflegekindern zu tun hat, sei es als Eltern oder professionell.

„Ratgeber Adoptivkinder: Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven“ von Irmela Wiemann: Dieses Buch sei ebenfalls erwähnt. Die Autorin hat es sich in ihrer jahrzehntelangen Arbeit mit Adoptiv- und Pflegekindern zur Aufgabe gemacht, allen am Adoptionsprozess Beteiligten Hilfestellungen an die Hand zu geben, damit möglichst gelingende Beziehungen entstehen können und das Kind trotz widriger Umstände eine gesunde Identität und die Fähigkeit zum selbstständigen bürgerlichen Leben entwickeln kann.

Was wünschst Du Joshua für die Zukunft?

Wie ich schon gesagt habe, Joshua hat ein waches Auge und ein offenes Herz für die zwischenmenschlichen Beziehungen um ihn herum. Eine Gabe die Mangelware in unserer Gesellschaft ist. Von solchen Menschen profitiert unsere Gesellschaft. Das ist meine Überzeugung.  Und so wünsche ich ihm vor allem, dass er sich diese Fähigkeit erhält. Dass er lernt, sie in positive Energie umzuwandeln und mit diesen Eigenschaften, seine Zukunft, sein Leben zu lieben und zu gestalten.

Für seine nahe Zukunft wünsche ich ihm und allen Kindern in ähnlichen Situationen oder Konstellationen, dass sie Menschen ums sich herum haben, die ihre Bedürfnisse achten, ihre Ängste ernst nehmen und ihnen in Guten wie in schlechten Zeiten zur Seite stehen. Denn das haben sie verdient!

Liebe Julia, hab an dieser Stelle noch einmal vielen lieben Dank für Deine wertvollen Impulse in den vergangenen Wochen!

Die anderen Beiträge von Julia könnt ihr hier und hier lesen. 

Und Julia’s Literaturtips findet Ihr auch in meiner Literaturliste

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Charlotte’s Sonntagslieblinge (115)

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Photo by Annie Spratt on unsplash.com

Wow, wie die Zeit verfliegt. Am kommenden Wochenende ist bereits der 1. Advent! Gestern haben wir an der Schule unseren Adventskranz gebunden und geschmückt. Es ist wieder einmal ein wunderbares Gemeinschaftswerk von meinen Kindern und mir entstanden. Heute backe ich die Lebkuchenplatten für unsere Lebkuchenhäuser, die wir Ende der neu anbrechenden Woche dann mit der Lieblingspatentante dekorieren. Die Wunschzettel haben wir bereits am vergangenen Wochenende geschrieben. Und die Kinder fiebern nun schon dem Adventskalender entgegen, der die Vorfreude auf noch mehr Geschenke am Heiligen Abend zumindest etwas befriedigen wird. Bevor ich nun also mich in meine Küche zurückziehe und die Schlacht mit dem Teig beginne (im vergangenen Jahr bin ich auf Fertigteig ausgewichen, was keine gute Idee war und somit nicht wiederholungswürdig), bin ich dankbar für diese drei Sonntagslieblinge:

  1. Maxi tritt diesmal nicht im Weihnachtsmärchen des Zirkus auf, was auf der einen Seite schade ist, auf der anderen Seite aber ungemein terminlich entspannt. Seinen großen Auftritt hatte er dafür gestern beim Tag der offenen Tür an der Schule. Vor einem vollen Festsaal führte seine Klasse noch einmal ihr Martinsspiel auf und mein Sohn begeisterte mit seinem Trompetensolo.
  2. Nadeschda hat eine neue Leidenschaft: Sie spielt Klavier. Heimlich schleicht sie sich immer ins Wohnzimmer und fängt an zu spielen. Viele Dinge, die sie schon aus der Musikschule kannte, aber manchmal probiert sie auch Neues aus. Nur zuschauen darf ich nicht. Mit einem lautstarken „Mama, ich probe etwas für Weihnachten!“ werde ich regelmäßig aus dem Zimmer geworfen.
  3. Mein Stapel der ungelesenen Bücher nimmt allmählich ab. Es tut gut, wieder Zeit zu finden zu lesen. Natürlich ist es viel Fachliteratur, aber ich habe auch wieder mein Russlandprojekt aufgegriffen und genieße gerade „Die leere Trommel“ von Leo Tolstoi mit Erzählungen und Märchen aus dem alten Russland.

Habt einen erholsamen Sonntag, bleibt gesund und startet wohlbehalten in die neue Woche!

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Interviewreihe „Anstrengungsverweigerung“ – eine Adoptivmutter erzählt… (2/3)

Anstrengungsverweigerung im Alltag und in der Schule

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Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Heute kommen wir zum zweiten Teil meiner Interviewreihe mit Julia. Die Adoptivmutter schildert hier ausführlich und bewegend, wie sich die Anstrengungsverweigerung bei ihrem Sohn in der Schule zeigt. Und auch bestätigt sie mich darin, dass die Anstrengungsverweigerung oft in Phasen der Veränderung auftritt, wie ich es auch so oft schon bei Nadeschda und auch Maxim erlebt habe. 

Liebe Julia, gibt es bestimmte Lebensphasen bei Deinem Sohn, in denen besonders intensiv sein anstrengungsvermeidendes Verhalten auftritt?

Grundsätzlich sind Phasen, die von Neubeginn geprägt sind, wie der Eintritt in den Kindergarten oder auch jetzt dem Übertritt in die Schule, in Verbindung mit persönlicher Entwicklung deutlich mehr von Ängsten geprägt und damit einhergehend von ausgeprägterem anstrengungsvermeidendem Verhalten. Es gibt ruhigere Phasen ohne große Probleme, wenn alles seinen gewohnten Gang geht. Im Allgemeinen ist ein immer gleicher Tagesablauf eher förderlich für unsere Beziehung, wohingegen plötzlich eintretende Veränderung in der Tagesstruktur, sei es durch unvorhergesehen nötige spontane Erledigungen o.ä. eher das Zeug dazu haben, verweigerndes Verhalten „heraufzubeschwören“.

Das ist Ausdruck seiner Angst vor Kontrollverlust und der Ohnmacht, einer nicht beherrschbaren Situation gegenüber zu stehen. Er baut auch gezielt solchen Situationen vor. Hier ein Beispiel: Indem er uns schon weit im Voraus vehement daran erinnert, dass wir neue Milch für sein Müsli kaufen müssen, obwohl noch 2 volle Flaschen im Kühlschrank stehen, schützt er sich quasi vor einer Situation, die er verabscheut, nämlich, in der er Frust erlebt und diesen nicht adäquat beeinflussen kann, wenn mal keine Milch da wäre, und er stattdessen etwas anderes frühstücken müsste. Dieses Beispiel zeigt exemplarisch zweierlei: Erstens, mit was für Dingen er sich, von unserem Standpunkt gesehen, unnötigerweise beschäftigt. Und das macht vielleicht in Ansätzen denjenigen, die ein solches Verhaltensmuster nicht kennen, verständlich, dass ihn das so vereinnahmt, immer in „Hab-Acht-Stellung“ zu sein, dass er sich dann mit den wirklich wichtigen Herausforderungen des Lebens oder seines Alltags, wie z.B. Hausaufgaben nicht mehr auseinandersetzen kann. Seine ganze Energie geht quasi für den Schutz vor der Ohnmacht drauf, da hat dann nicht mehr viel Anderes Platz. Zweitens zeigt es, dass er, um die Kontrolle zu behalten, nicht mehr kindlich darauf vertraut, dass wir Eltern schon für neue Milch sorgen werden, sondern er derjenige sein muss, der darauf hinweist und damit die Erwachsenenrolle übernimmt, die ihn aber natürlich massiv überfordert und überhaupt nicht angemessen ist.

Es gibt viele kleine Situationen sind, die eskalieren können, aber nicht immer müssen. Das ist mir auch noch einmal wichtig, zu sagen: Je öfter wir mit bestimmten Situationen umgehen, desto eher verlieren sie ihre Bedrohlichkeit für ihn. D.h. mit viel Geduld setzt ein Lernprozess bei ihm ein. Und das ist die gute Nachricht für alle, die damit zu kämpfen haben: Es ist möglich, den Teufelskreis aus Angst und Verweigerung zu durchbrechen! Aber eben nicht mit den allgemein gültigen Erziehungsmethoden, so es die überhaupt gibt, sondern mit enger, empathischer Begleitung und viel Geduld. Steter Tropfen höhlt den Stein, sagt man, und das stimmt!

Wie zeigt sich sein anstrengungsvermeidendes Verhalten in der Schule? Wie gehen seine Lehrer damit um? 

Da er im Sommer erst in die Schule gekommen ist, kann ich dazu noch nicht ganz so viel sagen. Wir sind in gutem Kontakt zur Klassenlehrerin, die wir nicht von Anfang an, aber doch recht bald nach den ersten Schulwochen über seine Geschichte aufgeklärt haben. Wir hatten im Kindergarten schon gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit mit den Erzieherinnen und in dem Zusammenhang der Aufklärung über seine Biographie gemacht, dass wir uns das für die Schule auch vorgenommen hatten. Allerdings wollten wir zunächst die erste Phase abwarten, um der Klassenlehrerin einen unvoreingenommen Blick zu ermöglichen. Sie hat uns aber recht bald ihrerseits eher beiläufig einige Beobachtungen geschildert, die uns dazu veranlasst haben, sie zu informieren. Auch über das facettenreiche Muster der Anstrengungsverweigerung haben wir ihr einen kleinen Einblick gegeben.

Wir sind bisher sehr positiv überrascht über die gute und einfühlsame Beobachtung, die sie nicht nur in Bezug auf unseren Sohn macht. Bei 23 Kindern in der Klasse nicht selbstverständlich. Bisherige Beobachtungen der Lehrerin gehen in Richtung seiner zurückhaltenden Art und, dass , dass er sich im Unterricht nicht immer traut, etwas zu sagen, obwohl erkennbar ist, dass er die richtige Antwort weiß. In unserem Gespräch mit ihr hat sie sehr aufgeschlossen reagiert und deutlich gemacht, dass sie mit diesem Wissen um seine Situation mit schwierigen Augenblicken besser wird umgehen können.

In der letzten Woche hatten wir noch einmal kurz Gelegenheit, ein kurzes Feedback von ihr zu erhalten, wo sie zwei Dinge besonders hervorgehoben wissen wollte, nämlich, seine Gewissenhaftigkeit bei der Erledigungen von anstehenden Aufgaben und seine Ordnungsliebe bei seinen Schulsachen und seiner Schrift. Das insbesondere sind Dinge, die ja oftmals große Probleme bereiten bei anstrengungsverweigernden Kindern, umso erleicherter bin ich, dass es ihm zumindest in der Schule bisher anscheinend gut gelingt. Ich weiß aber auch, dass das nicht von ungefähr kommt. Wir arbeiten zu Hause hart daran, dass es so ist. Hausaufgaben sind bei uns heikle Situationen und gleichen einem ewigen Minenfeld, wo jederzeit eine „Bombe“ hochgehen kann. Ich muss ihn sehr eng bei seinen Aufgaben begleiten, dabei sitzen und immer wieder esakliert die Situation trotz guter Vorsätze. Von daher bin ich sehr wachsam und dankbar, aber nicht übertrieben euphorisch.

Wie sieht das anstrengungsvermeidende Verhalten Deines Sohnes konkret mit dem Blick auf die Schule aus?

Zu den Hausaufgaben habe ich ja schon etwas gesagt.

Was die aktive Teilnahme am Unterricht angeht, haben wir bisher nur wenige Informationen. Es ist laut der Lehrerin nicht so, dass er sich gar nicht beteiligt, er meldet sich, beantwortet Fragen. Er hat aber schon Schwierigkeiten, frei vor der Klasse zu sprechen. Wenn er sich von sich aus meldet, dann geht es, wenn er aber von Seiten der Lehrerin aufgerufen wird, fällt es ihm schwer, das zu sagen, was er weiß.

Mit unordentlichen Schulsachen haben wir bislang keine Probleme, wobei man sagen muss, dass er immer schon ein Ordnungsfanatiker und Sauberkeitsliebhaber war. Damit meine ich nicht, dass es in seinem Zimmer nicht manchmal so aussieht, als sei eine Bombe eingeschlagen, aber er räumt auf Aufforderung zum Teil alleine, z.T. mit Hilfe sehr gewissenhaft auf. Auch vonseiten der Schule haben wir die Rückmeldung, dass er sich dadurch hervortut. Er nimmt seine Klassendienste sehr sorgfältig und selbstständig wahr und ist immer zur Stelle, wo sich andere gerne aus der Affaire ziehen, wenn es ums Aufräumen geht.

Was Joshua’s Lehrer allerdings auch schon beobachtet hat, ist, dass er sehr gerne versucht, viele Dinge auszudiskutieren oder versucht, zu verhandeln, ob er bestimmte Aufgaben tatsächlich jetzt gleich oder nicht vielleicht auch später erledigen könnte. Auch dies ist bei ihm Ausdruck der Anstrengungsverweigerung, aber entscheidend ist, dass die Lehrerin sich nicht auf solche „Deals“, die er immer anzubieten hat eingeht, sondern konsequent bleibt und er die Aufgaben dann auch anstandslos macht.

Machst du dir Sorgen um die Zukunft Deines Sohnes? Wenn ja, welche?

Ich mache mir Gedanken, sagen wir mal so. Ich mache mir Gedanken, wie er mit seiner Geschichte im Weiteren klarkommt, inwieweit seine Herkunftsgeschichte, von der er selbstverständlich weiß und mit der er aufgewachsen ist, für ihn auch in der aktiven Bearbeitung weiter an Bedeutung gewinnen wird. Sorgen mache ich mir an sich nicht, ich glaube, dass ein sorgenvoller Blick uns nicht hilft. Und ich habe in der Vergangenheit gemerkt, dass wir sehr stark sind, als Familie und in unserer Beziehung zueinander. Und auch und besonders unser Sohn ist sehr stark. Wenn es ihm heute auch noch oft schwer fällt, mit seine Empfindungen und Bedürfnisse einzuordnen und zu kanalisieren, für umso wichtiger halte ich es, dass er so sensibel und empathisch bleibt. Er hat damit eine „Gabe“ oder Eigenschaft inne, die gerade in unserer heutigen Gesellschafft oft Mangelware ist. Wo jeder nur an sich selber denkt, an sein persönliches Fortkommen, an seinen eigenen Vorteil, da erkenne ich in ihm genau das Gegenteil. Er hat ein waches Auge und ein offenes Herz für die zwischenmenschlichen Beziehungen um ihn herum. Von solchen Menschen profitiert unsere Gesellschaft. Das ist meine Überzeugung.

Mehr von Julia und ihrem Sohn Joshua erfahrt Ihr in der kommenden Woche!

Den ersten Teil des Interviews könnt Ihr hier lesen.