13. März – Oma ist zurück

nesting-doll-697651_1280Renate ist aus dem Krankenhaus nach Hause zurückgekehrt. Jetzt hat sie zwei Wochen Erholungszeit, bevor die Chemotherapie beginnt. Vor einer Woche bereits ist Tatjana bei ihr eingezogen. Sie wird Renate während der kommenden zwei Monate betreuen und versorgen. In den vergangenen Tagen hat sie alles für Renates Ankunft vorbereitet: Einkaufen, Putzen, Aufräumen, Umräumen, Wäsche waschen. Von dem ersten Moment an, als ich Tatjana bei ihrer Ankunft begegnete, wusste ich, dass sie gut mit Renate auskommen würde. Sie ist eine engagierte, rüstige Mitfünfzigerin aus Danzig. Rastlos fegt sie durch Renates Haus und sucht sich immer wieder neue Arbeit. Renate war im Krankenhaus zunächst etwas skeptisch. Allerdings weniger gegenüber Tatjana selbst, sondern, vielmehr kamen noch einmal ihre alten Zweifel hoch, ob sie denn überhaupt eine Betreuerin bräuchte. Noch immer blitzten bei ihr Momente auf, in denen sie ihre Situation nicht voll und ganz wahrhaben wollte. In der ersten Begegnung mit Tatjana war sie auf einmal mit der momentanen Endgültigkeit ihres Schicksals konfrontiert. Doch intuitiv brach Tatjana das Eis, in dem sie mit Renate ihren Speiseplan für die ersten Tage Zuhause besprach. Neugierig und kritisch hinterfragte Renate dabei immer wieder die Rezepte. Doch Tatjana gab sich unbeirrt. Sie hatte schon so viele Jahre ältere pflegebedürftige Menschen in Deutschland versorgt, die alle großen Wert auf die traditionelle deutsche Küche gelegt hatten, dass sie Fragen nach einem gefüllten Hähnchen oder gewelltem Fleisch in Sauerkraut nicht aus dem Konzept brachten. Nachdem sie Renate von ihren Kochfähigkeiten zumindest in der Theorie überzeugt hatte, lehnte sich Renate entspannt im Bett zurück, lächelte und sagte: „Nun, wir werden es schon zusammen aushalten können.“

Spannenderweise nahmen Maxim und Nadeschda Renates Rückkehr verhalten auf. Begeisterungsstürme über die langersehnte Heimkehr der Oma blieben aus. Maxim reagierte beinahe mit Gleichgültigkeit, fast so als traue er dem neuen Frieden nicht und als wolle er sich aus Angst vor einem erneuten Verlust nicht auf die wieder anwesende Großmutter einlassen. Nadeschda war ebenso zurückhaltend. So gerne sie vor Omas Krankheit auf ihrem Schoß gesessen und mit ihr gekuschelt hatte, so sehr wehrte sie sich nun gegen jede Art der Zuwendung. Zudem überforderten sie wie so häufig die vielen Menschen, die nun Omas Haus belagerten.

Erholsamer war da für beide Kinder ein Besuch bei Daniel am Nachmittag. Auf einem nahegelegenen Spielplatz genossen Daniel und ich die ersten frühlingshaften Sonnenstrahlen, während Maxim und Nadeschda im Sand buddelten, schaukelten und alle Klettergerüste ausprobierten. Es war ein friedlicher und entspannter Nachmittag, der an seinem Ende noch eine neue Lernerfahrung zur Bindung meiner Kinder für mich bereit hielt. Als wir vom Spielplatz zurückkehrten und ich mich mit Maxim und Nadeschda auf den Heimweg begeben wollte, war mein Auto so zugeparkt, dass es mir auch nach mehrmaligen Versuchen nicht gelang, auszuparken. Daniel musste übernehmen. Beide Kinder saßen da schon im Auto in ihren Sitzen. Als ich aus- und Daniel einstieg, guckten Maxim und Nadeschda skeptisch. Als Daniel ansetzte, auszuparken und ich ihnen dabei von draußen zuwinkte, sah man förmlich, wie binnen Sekunden Panik in ihnen aufstieg, sich ihre Gesichter in Verzweiflung verzerrten und beide anfingen zu weinen, gepaart mit einem Hilfesuchenden „Mama!“ aus Nadeschdas Mund. Ich stieg sofort auf den Beifahrersitz und beruhigte sie. Wohlmöglich hatten beide für einen Moment geglaubt, dass ich sie mit Daniel nun allein wegfahren ließe. Erst Zuhause wurde mir bewusst, dass es das erste Mal war, seitdem wir sie aus dem Kinderheim abgeholt hatten, dass sie mit jemanden anderen als Richard und mir alleine im Auto saßen. Mein Winken hatten sie als einen erneuten Abschied gedeutet. Kein Wunder, dass auf einmal alte Erinnerungen und damit verbundene Ängste in ihnen aufstiegen.

4 Gedanken zu “13. März – Oma ist zurück

    • Ja, und es zeigt, wie tief manche Erfahrungen und Wunden sitzen. Nach acht Monaten könnte man ja glauben, dass unsere Kinder über bestimmte Erfahrungen hinweggekommen sind. Aber im Gegenteil, es passiert eine „Nichtigkeit“ und reisst wieder alte Wunden auf…Uns Eltern bleibt nur, sehr sehr achtsam zu sein.

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  1. Liebe Charlotte,

    ich verfolge mit Begeisterung deinen Blog. Wir haben einen ähnlichen Hintergrund. Auch wir haben zwei Kinder aus dem Ausland adoptiert und können viele deiner Beobachtungen und Meinungen bestätigen.

    Doch auch für „Nicht-Adoptiveltern“ ist der Blog bereichernd. Zum einen erfährt man durch Lesen des Blogs, wie eine Adoption wirklich ist. Denn meine Erfahrung ist, dass in den Medien nicht die Realität wiedergegeben wird. Entweder werden die größten Horrrorszenarien skizziert oder aber alles durch die rosarote Sonnenbrille gezeigt. Die „normale“ Adoptivfamilie taucht hier – aus dem verständlichen Bedürfnis der Eltern nach dem Schutz der Kinder heraus – nicht auf. Wir lieben unsere Kinder abgöttisch und finden, es war die beste Entscheidung, sie zu adoptieren. Trotzdem erlebt man auch Situationen, die es mit leiblichen Kindern nicht geben würde und die uns Eltern vor besondere Herausforderungen stellen.

    Und nicht zuletzt bietet der Blog eine gute Basis für zukünftige Adoptiveltern, um sich mit Themen auseinanderzusetzen, die man so nicht spontan im Kopf hätte.

    Ein wunderbarer, lebensbejahender Blog, wie aus nicht verwandten Menschen eine richtige Familie werden kann.

    Viele Grüße,
    Susanne

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    • Liebe Susanne,
      hab lieben Dank für Deine bestärkenden Worte! – Es tut gut zu hören, dass ich mit meinem Blog „den Nerv“ getroffen habe. 😉
      Als wir vor unserer Adoption standen, hätte ich mir einen Bericht wie diesen gewünscht. Da es ihn nicht gab, oder ich ihn nicht gefunden habe, habe ich unsere Erfahrungen nun selbst aufgeschrieben. Es ist schön, nun die Bestätigung zu erhalten, dass andere Adoptivfamilien davon vielleicht profitieren. Danke!!
      Liebe Grüße
      Charlotte

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