„Zwei Mamas“ – Vom Umgang mit der leiblichen Mutter

Die leibliche Mutter. In vielen Adoptivfamilien, die aus einer geschlossenen Adoption entstanden sind, ein Phantom. Eine abstrakte Gestalt, zu der es vielleicht einen Namen gibt, manchmal ein Bild. In der Literatur und auch von Spezialisten wird geraten, die leibliche Mutter weder zu verschweigen, noch schlecht über sie zu reden. Das fällt im Anblick von tragischen Lebensgeschichten kleinster Kinder, die in der Konsequenz von ihrer leiblichen Mutter getrennt wurden, schwer.

Lange bin ich von einer Auseinandersetzung mit der russischen Mutter meiner Kinder verschont geblieben. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Adoptivkindern fragt Maxim wenig bis gar nicht nach seiner russischen Mutter. Er kennt seine Geschichte. Wir gehen Zuhause offen mit dem Thema seiner Adoption um. Er weiß, dass er zwei Mütter hat, seine russische Mutter, die ihn geboren hatte und mich, die immer für ihn da ist. Fragen kommen von ihm jedoch nicht.

Doch irgendwann kam der Zeitpunkt, vor dem es allen Adoptivmüttern graut. Eines Tages sagte ein Kind beim Spielen zu Maxim: „Die Charlotte ist ja gar nicht Deine richtige Mama.“ und um noch eines oben drauf zusetzen: „Deine richtige Mama ist gestorben.“ Unser Sohn reagierte nach dem ersten Schock großartig: „Nein, ich habe eben zwei Mamas.“ Dennoch spürten Richard und ich, dass Maxim der Angriff des anderen Kindes weiter beschäftigte. Doch mit uns sprechen wollte Maxim nicht. Unsere Versuche, ihm wieder seine Geschichte zu erzählen, tat er mit den Worten ab: „Das weiß ich doch!“

Im Rückblick bin ich mir nicht sicher, ob mich selbst dieser Ausspruch des Kindes „Die Charlotte ist ja gar nicht Deine richtige Mama.“ viel mehr traf als meinen Sohn. Denn mit der Wertung von richtig und falsch fühlte ich mich in meiner Mutterrolle angegriffen. War ich keine richtige Mutter, nur weil ich meine Kinder nicht selbst geboren hatte? Warum war die russische Mutter von Maxim und Nadeschda die richtige Mutter? Das fiel mir schwer zu akzeptieren, wenn ich mir die Lebensgeschichte meiner Kinder vor Augen führte. Ich spürte, dass ich ein Thema mit der leiblichen Mutter meiner Kinder hatte, mit dem ich mich auseinandersetzen musste.

Bewertungen und Rangfolgen der Mütter waren hier fehl am Platze. Das Schicksal hatte es so gewollt, dass meine Kinder zwei Mütter haben, und beide Mütter haben ihre Berechtigung. Um das zu akzeptieren, musste ich in eine andere Haltung gegenüber der russischen Mutter meiner Kinder kommen. Dabei half mir, die russischen Dokumente mir noch einmal vorzunehmen und sie aus der Perspektive zu lesen, dass sie so geschrieben waren, dass die russischen Behörden die Adoption legitimieren konnten. Ich schälte alles schlimme und schmerzliche ab, bis ich in eine neutrale und wertfreie Betrachtung kam. Die russische Mutter meiner Kinder hatte ihnen das Leben geschenkt, weil sie der Überzeugung war, dass sie sie hätte großziehen können. Sie war weise genug, an dem Punkt, als sie dazu nicht mehr in der Lage war, Hilfe zu suchen. Die Behörden hatten ihr geholfen, neue Eltern für ihre Kinder zu finden, die stark genug waren, ihnen ein neues Zuhause zu geben und sie fürsorglich großzuziehen. So könnte es bei Maxim und Nadeschda gewesen sein. Ihre russische Mutter hatte meinen Kindern das Leben geschenkt, ich führte meine Kinder als ihre Mutter in das Leben hinein und begleitete sie auf ihrem Weg in ihr eigenes Leben. In dieser Vorstellung fand ich meinen Frieden mit der Herkunftsmutter meiner Kinder. Ich fühlte mich selbst bestärkt in meiner eigenen Rolle als Mutter meiner Kinder, ohne Schmerz und Wehmut. Zumindest vorerst.

4 Gedanken zu “„Zwei Mamas“ – Vom Umgang mit der leiblichen Mutter

  1. Liebe Charlotte, eine Freundin von mir hat 2 Pflegekinder, eines seit Geburt, ein weiteres seit dem dritten Lebensjahr. Gerade bei dem, dass erst mit 2 zu ihnen gekommen ist, zeigt sich deutlich, dass das Kind in seiner Herkunftsfamilie keine Chance gehabt hätte, es leidet aufgrund seiner Erfahrungen an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Meine Freundin hat aber trotz allem ihren Frieden mir den „Bauchmamas“ geschlossen. Das Kind, das als Baby zu ihr kam, hat mir mal ein Foto seiner leiblichen Mutter gezeigt und erklärt: „Das ist meine Bauchmama. Aber das“ zeigte auf meine Freundin „ist meine Mama.“
    Leider gibt es immer Menschen, die das nicht verstehen und es so an ihre Kinder weitet geben. Vieles, was Du beschreibst, wie ihr Euch als Familie findet, erinnert mich an meine Erfahrungen mit meinen eigenen Kindern. Mit jeder Veränderung der Kinder schütteln wir uns neu und icj werde

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  2. Liebe Charlotte, da hat Maxim aber toll reagiert. Eine unserer Töchter hat auf eine Frage im Kindergarten ähnlich taff reagiert. So etwas erfüllt uns Adoptiveltern mit Stolz, denn es zeigt, dass wir einiges richtig machen. Mit zunehmendem Alter der Kinder werden die Fragen direkter und härter. Doch auch diesen kann man mit Ehrlichkeit und einem gesunden Maß an Wertschätzung und Respekt der leiblichen Mutter begegnen und den Kindern dadurch ein gesundes Selbstbewusstsein mitgeben.

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  3. Pingback: „Bauchmama“ und „Herzmama“ – Die Suche nach treffenden Begrifflichkeiten | Charlotte's Adoptionsblog ©

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