Betreuung: Vom schmalen Grad zwischen den eigenen Werten und Wünschen

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Photo by Guille Pozzi on unsplash.com

Es gab Tage in den vergangenen Wochen, da konnte ich das Wort „Betreuung“ nicht mehr hören. Ich selbst arbeitete in der Nachmittagsbetreuung der Schule meiner Kinder. Ja, es war eine wertvolle Chance für mich in der Ausbildung, Erfahrung zu sammeln und ein wenig Geld habe ich auch verdient. Doch meine Kinder mussten dann ebenso in der „Betreuung“ bleiben, da ihre Mutter, also ich, genauso wie die Eltern der Kinder, die ich betreute, arbeiteten. Das tat Maxim und Nadeschda nur bedingt gut. Geholfen hat, dass ich sozusagen da und im selben Gebäude war, und sie zu mir kommen konnten, wenn sie mich brauchten. Beide genossen das Spielen mit ihren Freunden, sofern die auch in der „Betreuung“ waren. Aber auf der anderen Seite blieb vieles auf der Strecke. Als ich merkte, dass es vor allem Nadeschda zu viel wurde, so lange in der Schule zu bleiben, organisierte ich die Betreuung meiner Kinder mit unserer Kinderfrau so, dass sie die Kinder früher von der Schule abholte, damit die Kinder zumindest mehr Zeit Zuhause hatten und dann ausgeruht, ihren Freizeitaktivitäten nachgehen konnten. Also, wieder Betreuung für meine Kinder, da ich andere Kinder betreute. Irgendwie absurd…

Dann hatte meine Mutter einen Schlaganfall vor ein paar Wochen. Mittlerweile ist sie in der Reha hier in der Nähe. Aber obwohl mein Bruder und ich schon vor Wochen für sie „Betreuung“ Zuhause organisiert hatten, da es ihr schon vor dem Schlaganfall zunehmend schlechter ging – also jemanden, der fast täglich zu ihr kam, um mit ihr spazieren zu gehen und gemeinsam mit ihr – und eben nicht für sie – Besorgungen zu erledigen, ist das alles nicht passiert, sondern die Betreuerinnen haben das gemacht, worum meine Mutter sie bat, nämlich ohne sie einkaufen zu gehen, Sachen zu besorgen, Dinge im Haushalt zu erledigen. Dass sie einen Schlaganfall hatte und ins Krankenhaus gemusst hätte, hat nur eine von ihnen bemerkt und sie auch dahin gebracht. Meine Mutter hat sich wenige Stunden später selbst entlassen. Erst mein Bruder hat meine Mutter dann final eingewiesen. Und dann ist sie auch im Krankenhaus geblieben. Nun ist ihr Gesundheitszustand so, dass man nicht weiß, wie sie sich erholen wird. Viele ihrer Defizite sind nicht durch den Schlaganfall verursacht, sondern durch jahrelanges sich Selbstvernachlässigen. Die Frage ist nun, wie weit die Reha überhaupt helfen kann, die Schäden des Schlaganfalls zu „reparieren“ und wie weit meine Mutter lernen wird, zukünftig selbst für sich zu sorgen. Ich bin nach wie vor der Meinung, wenn sie wollte, könnte sie. Aber ich bezweifele, dass sie wirklich will. Also denken wir wieder über Betreuung nach. Und hier in unterschiedlichster Form. Aber welche ist die „Richtige“? Eigentlich muss sie nicht in ein Heim – will sie auch nicht -, und ich würde ihr das gerne ersparen. Aber….

Ich habe in den vergangenen Wochen all die offenen Rechnungen meiner Mutter bezahlt, mich mit Versicherungen, Polizei, Finanzamt und anderen Institutionen rumgeschlagen. Das ist zwar nicht die Betreuung, die ich meine, aber irgendwie habe ich auch immer wieder gedacht: Da liegt eine alte Frau in ihrer Wohnung, kann sich kaum bewegen, erzählt sicherlich irgendetwas vom Gipskrieg: „Ja, das habe ich schonmal gehabt, das ist das und das. Und ich brauch nur das soundso Medikament und dann geht es mir bald besser.“ Und die armen Betreuerinnen haben das geglaubt und sind losgezogen und haben das Medikament besorgt. Ende vom Lied war, dass der Notarzt meine Mutter eingepackt hat. Weil sie nämlich von dem Medikament soundso so einen hohen Blutdruck hatte, dass es wahrscheinlich den Schlaganfall ausgelöst hat. Also fange ich an, ambulante Pflege aus meinen Gedankenkonstrukten zu streichen. Auch wenn es eine wunderbare Lösung wäre. Denn mehr braucht meine Mutter, wenn denn überhaupt, eigentlich nicht. Sie muss gucken, dass sie ihre Medikamente regelmäßig und richtig nimmt, sie muss regelmäßig essen, sie muss jeden Tag spazieren gehen und raus an die frische Luft. Das könnte sie – nach erfolgreicher Reha – theoretisch alleine schaffen. Es ist aber fraglich, ob sie das macht. Hilfe bräuchte sie bei Arztbesuchen, Besorgungen, Wohnung in Schuss halten. Das kann man organisieren. Doch ich sehe die Gefahr, dass mein Bruder und ich wieder „Betreuung“ organisieren, da sie eben nicht ihre Medikamente nimmt, geschweige denn regelmäßig isst und so viel Wasser trinkt, wie sie soll. Ob meine Mutter aber die Hilfe annimmt, die sie braucht, ist fraglich. Die Gefahr besteht, dass am Ende wieder nur Rezepte abgeholt werden, von Ärzten, die diese eigentlich nicht hätten ausstellen dürfen. Also muss ich dann die „Betreuung“ meiner Mutter doch selbst in die Hand nehmen?

Die Versorgung von Eltern ist eine Betreuungsaufgabe, die viele von uns irgendwann trifft, wenn die Eltern so weit abgebaut haben, dass sie nicht mehr für sich selbst sorgen können oder auch nicht mehr wollen. Die kommt vielleicht meist überraschend. Denn sagen wird das einem keiner, dass irgendwann die Eltern wieder auf der Matte stehen, auch wenn an vielen Stellen das Thema „Pflege“ es selbst in den vergangenen Wochen wieder auf den Titel eines führenden Nachrichtenmagazins geschafft hat. Mich hat es kalt erwischt, auch wenn ich es hätte kommen sehen können. Vor einem Jahr schon stand ich vor der Senioreneinrichtung, in die meine Mutter, wenn sie Glück hat – und wenn sie bereit dazu ist – einziehen darf. Da ist es schön, wirklich schön, und eigentlich fast zu schön für jemanden, der das nicht wertschätzen kann.

Ich habe kein gutes Verhältnis zu meines Mutter. Warum auch. Über unser Verhältnis habe ich hier geschrieben. Es besteht im Grunde keinerlei Veranlassung, dass ich mich um meine Mutter kümmern müsste. Schuldig bin ich ihr nichts. Dennoch habe ich irgendwie Werte in meinem späteren Leben gelernt, und mir ist es wichtig, nach diesen zu leben. Sie lassen mich meine Mutter eben nicht einfach dem Schicksal und sich selbst überlassen. Insofern werde ich schauen, dass meine Mutter gut versorgt ist. Aber in manchen Momenten kann ich das Wort „Betreuung“ einfach nicht mehr hören. Ich will auch nicht noch mehr Betreuung für meine Kinder organisieren, damit ich mich um meine Mutter kümmern kann. Ich will Mutter sein und für meine Kinder so da sein, wie sie es brauchen. Das ist meine Aufgabe. Meine Kinder brauchen aufgrund ihrer Geschichte mich als ihren verlässlichen Anker. Für sie trage ich die Verantwortung. Ich will nicht eine Mutter betreuen, die nie eine Mutter für mich war. Und die nicht in der Lage ist, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Doch ich will und kann diese Verantwortung auch nicht übernehmen. Dennoch muss ich den schmalen Grad gehen, auf der einen Seite meinen Werten zu folgen und auf der anderen Seite meinem Wunsch eine gute Mutter zu sein, und dabei mich selbst nicht zu übernehmen und zu überfordern.

P.S. Claire von mamastreikt schreibt seit Monaten viel über Carearbeit. Schon ihrem Netzprotest #carearbeitmusssichtbarwerden bin ich aufmerksam gefolgt. Doch erst mit der bei mir einziehenden doppelten Care-Arbeit hat das Thema für mich eine neue Brisanz bekommen. Umso mehr möchte ich Euch Claire’s aktuelle Aktion „Care eine Stimme geben“ ans Herz legen.

10 Gedanken zu “Betreuung: Vom schmalen Grad zwischen den eigenen Werten und Wünschen

    • Ja, allein das ist schon eine Herausforderung. Die Schule ist ein riesiger Schritt… Aber genauso wundervoll!!! Dennoch nachschulische Betreuung ist genauso eine Herausforderung….
      Aber irgendwann stehen dann die Eltern vor der Türe… Was ja grundsätzlich kein Problem ist. Doch wenn das Verhältnis zu ihnen schwierig ist, und wenn sie vorher auch noch eine Menge Mist gebaut haben, den man aufräumen muss, dann ist es nicht mehr so lustig….
      Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass mein Leben mal so von „Betreuung“ dominiert ist….

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  1. Liebe Charlotte, ich weiß, dass eure Mutter-Tochter-Beziehung keine einfache ist und doch beweist du unglaublich viel Kraft. Du gibst damit deinen Kindern auch eine Anleitung, wie man als Tochter Nächstenliebe zeigen kann, obwohl man verletzt und vernachlässigt wurde. Ich glaube, darin liegt wahre Größe. Dennoch pass auf dich auf und übernimm dich bitte nicht.

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    • Beste Katja, hab lieben Dank für Deine Worte. 😉 Sie haben mich sehr berührt. Denn genau in dem Moment, als ich sie las, dachte ich, warum mache ich das eigentlich alles? Und ja, ich versuche auf mich aufzupassen. So gut es eben geht. Meine liebe Freundin mit dem Lieblingshaus in den Bergen kommt in der kommenden Woche und holt mich hier aus dem Wahnsinn für ein paar Stunden raus. Heute habe ich einfach mal einen Wellnesstag für uns zwei gebucht…;-) Ich hoffe, dass der dann auch so stattfinden kann. Dir alles Liebe aus der Ferne
      Charlotte

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  2. Liebe Charlotte,
    es berührt mich zu lesen, in was für einer schwierigen Situation Du steckst. Ich wünsche Dir ganz sehr, dass Du unter all den Anforderungen, genug Kraft für Dich selbst übrig hast. Das ist ja die Voraussetzung dafür, dass es Deinen Kindern gut geht. Die Situation für pflegende Angehörige ist nicht einfach. Es gibt auf Facebook die offene Gruppe „Pflegende Angehörige“ von Kornelia Schmid. Ich lese hier oft still mit. Die Gruppe wird von Kornelia sehr gut betreut, finde ich und das Schwarmwissen dort finde ich sehr hilfreich.
    Herzlichen Dank, dass Du auf #carearbeitmusssichtbarwerden (Netzprotest) und das Interviewprojekt „Care eine Stimme geben“ aufmerksam gemacht hast. Fürsorge geht uns alle an, dass muss noch viel breiter in das Bewusstsein der Gesellschaft.
    Herzliche Grüße, Claire

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    • Liebe Claire, hab Dank für Deine unterstützenden Worte! Und danke auch für den Hinweis auf die Facebook-Gruppe. Ja, Schwarmwissen dürfte hier sehr wertvoll werden. Es ist einfach ein furchtbarer Jungle, in den man sich begibt. Das merke ich immer mehr. Und ja, es ist im Grunde unglaublich, wie wenig über all das – „Betreuung“ und Fürsorge von alt und jung – in Deutschland geredet wird. Obwohl es ja eigentlich klar ist, dass die Eltern irgendwann auf der Matte stehen… Und Kinder so viel mehr brauchen – und bestimmt KEINE Betreuung bis 22:00h… Ich hätte nie gedacht, dass mich das mal beschäftigen wird. Warum auch? Es wird ja nicht ins Bewusstsein gerufen… Danke Dir an dieser Stelle erneut für all Deine Engagement.
      Liebe Grüße
      Charlotte

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  3. sachlich sehen, brauchen ihre (und meine) kinder mehr betreuung und begleitung, auch dort, wo andere schon selbständig und unbegleitet können. und werden wahrscheindlich noch länger brauchen und einer oder anderer form. einige alten menschen brauchen auch mehr betreuung und begleitung- obwohl die andere es alleine oder mit minimaler unterstützung schafffen. nimm es als tatsache. es ist nicht immer gut, nach warum zu fragen und sich damit zu plagen, dass es diese mehr selbständige menschen/kinder gibt. einfach tatsache annehmen. und wenn die mutter mehr begleitung braucht, obwohlk sie „eigentlich“ mehr können könnte- kann sie eben nicht. aus einer gewissen ebene egal warum und wieso. ist so. und zum glück lebst du in deutschland, wo auch gute altersheime gibt. such einen guten und plage dich nicht. es ist nicht „abschieben“. es ist „betreuung geben“. ein mensch kann nicht alles- eine gute gabe ist nicht nur selbermachen und durchhalten, eine gute gabe ist auch eigene möglichkeiten und wille kennen- und delegieren und abgegebn können dort, wo man selber nicht kann oder nicht will. wiederum auf einer ebene egal warum. anerkennen, dass es so ist. im guten altersheim werden andere menschen sich kümmern- es ist OK. du kannst deine mutter dann besuchen.

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