Mehr Zeit, die Dinge einfach mal laufen zu lassen…

Manchmal wünschte ich, wir könnten einfach aus unserer alltäglichen Routine ausbrechen, unsere täglichen Verpflichtungen mal an den Nagel hängen.

child reading the book

Mit freundlicher Unterstützung von Fotolia

Unsere Tage sind streng durchstrukturiert. Und ich weiss, dass meine Kinder diese Struktur brauchen, sie einfordern. In der Küche haben wir einen Plan hängen, an dem wir die täglichen Aufgaben und Termine aufschreiben. Maxim macht es sich inzwischen zum montäglichen Ritual, diesen Plan für die frisch angebrochene Woche immer zu aktualisieren. „Ah, heute ist Montag. Da habe ich Schule, mache Hausaufgaben, übe – Mama, was üben wir heute? – und dann gehen wir zum Judo. Morgen ist Dienstag. Da habe ich Schule, gehe in den Zirkus, mache Hausaufgaben. Nadeschda hat auch Schule, muss Hausaufgaben machen und dann geht sie in die Musikschule. Mittwoch….“ und so weiter und so fort.

Hausaufgaben und Üben nehmen im Moment viel Raum ein. Je nach Gemütslage der Kinder, dauert das auch schon mal zwei Stunden. Vor allem Nadeschda tut sich nach wie vor mit den Hausaufgaben schwer. Sie erinnert sie gut, dennoch fühlt sie sich unter Druck gesetzt, glaubt, den Anforderungen nicht gerecht zu werden. Und dann schlägt sie wieder durch die Überlebensstrategie. Zunächst versucht sie mit allerlei Ablenkungen sich eben nicht auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren. Sie erzählt von Gott und der Welt, von der Schule, von dem, wie andere Kinder malen. Erinnere ich sie unermüdlich, bei den Hausaufgaben zu bleiben, kann ich schon förmlich hören, wie der Alarm in ihrem Kopf losgeht. Über ihr Blatt gebeugt, das Wachsmalblöckchen in der Hand, hält sie beim Malen inne, malt einfach die Linie nicht weiter. Ihre Augen sind zornverdunkelt, wenn sie den Blick hebt. Sie geht auf Angriff. „Mama! Das geht so nicht! Das ist falsch! Das geht so…“ und mit aller Gewalt kratzt sie das Wachsmalblöckchen wütend über das Blatt, mit so viel Kraft, dass das Blatt zerreißt. Wenn ich versuche, sie zu beruhigen, dann kreischt sie irgendwann nur noch rum. „NNEEEEIIINNNNN!“ Dann wirft sie alles, was auf dem Tisch liegt, durch das Zimmer, um dann in Tränen zusammenzubrechen. Verzweifelt weint sie dann auf meinem Schoss. Später, wenn sich Nadeschda dann beruhigt hat, können wir ihre Hausaufgaben machen und üben.

Das wiederholt sich ungefähr jeden zweiten Tag. Nicht immer bleibe ich ruhig und gelassen. Manchmal entgleitet mir meine innere Ruhe. Dann werde auch ich laut, ermahne Nadeschda kein Theater zu machen, dass dieses uns keinen Meter weiter bringt. In der Theorie weiß ich, dass das so unnötig und so sinnlos ist, dass ich mir diesen Atem sparen könnte. Denn mein Brüllen befeuert nur Nadeschda’s Wut und Zorn, beschleunigt den Ausbruch des Alarms in ihrem Kopf. Doch es fällt mir schwer mich in Gelassenheit zu üben, die innere Treppe in diesen Momenten hinunter zu gehen und bis zehn zu zählen, dabei ruhig zu atmen und einfach nur zu hoffen, dass Nadeschda möglichst schnell aus ihrem Teufelskreislaufs der Anstrengungsverweigerung wieder herauskommt. Vielleicht kommt sie es auch nicht ohne meine Intervention. Denn ihr inneres Programm sagt ihr ja, alles zu tun, um die „Anstrengung“ der Hausaufgaben zu vermeiden. Doch dies ist keine Option.

Nun irgendwie bekommen wir es ja hin und die Hausaufgaben sind dann auch jedes Mal gemacht. Doch es kostet viel Zeit und Energie. Vor allem Zeit. Und damit bleibt viel zu selten Zeit, um etwas wirklich Schönes zu machen. Im Garten zu spielen, in den Wald zu gehen, Kastanien zu sammeln, Sonnenblumen pflücken zu gehen, zu malen, zu basteln, zu stricken, oder einfach zu spielen. In mir macht sich eine Sehnsucht nach mehr Spass und weniger Verpflichtungen breit. Einfach nur in den Tag oder zumindest in den Nachmittag hineinleben zu können, ohne an all das zu denken, was noch erledigt werden muss, ohne Stunde um Stunde damit zu verbringen für die Schule zu arbeiten, ohne im Anschluss zu irgendeinem Training oder Musikunterricht zu fahren. Manchmal denke ich, dass es vielleicht gut wäre, unsere zusätzlichen Verpflichtungen mit Sport, Zirkus, Musikschule und Musikinstrument und Therapie noch mehr zu reduzieren. Auch wenn Maxim sich dann beschweren wird, und wir eigentlich das alles so organisiert haben, dass immer noch genügend Luft und Zeit Zuhause ist. Vielleicht sind es nun auch eher die Wochenenden, an denen wir uns die Zeit zum „Nichtstun“ erlauben sollten. Wer weiß. An Tagen wie heute wünschte ich einfach, aus der festen Struktur ein wenig ausbrechen zu dürfen, auch wenn ich auf der anderen Seite weiß, dass meine Kinder diese Struktur auch brauchen. Sie gibt ihnen Sicherheit, Stabilität und strahlt so viel Verlässlichkeit aus. Dennoch sollte es vielleicht genauso Raum für „unstrukturierte Zeit“ geben. Mehr als wir es heute haben.

4 Gedanken zu “Mehr Zeit, die Dinge einfach mal laufen zu lassen…

  1. Ich kann dich sehr gut verstehen. Jetzt, wo Lou auf dem Gymnasium ist, sind es noch mehr Hausaufgaben und noch weniger Zeit! Wir haben tatsächlich noch einmal die Hobbys reduziert. Das war sogar ihr Wunsch, weil sie meinte, dass sie es sonst nicht schafft.
    Doch auch ich freue mich auf die Ferien, um aus diesen Verpflichtungen mal wieder auszubrechen.

    Liebe Grüße
    Sylvi

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